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Full text of "Neue Jahrbücher für Philologie und Paedogogik"

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JAHBBÜOBEB 

fir 

Plillologie und Paedifig^oslk, 

oder 

MritUche MibHotheU 

for das 

Scliiil- und Unterriclitsweseii. 



In Verbindung mit einem Vereine von Gelebrten 

herausgegeben 



voo 




Achtunddreissigster Band. Erstes Heft. 



lielpzig^y 

Druck und Verlag von B. G. Teubner. 

1843. 



Kritische Benrtheilungen. 



l/eber die neueren Eracheinnngen im Gebiete itr 
Ciceronianischen Literatur. 

Erst«! Artikel. 

Xrola auncher Anffiindungeo Ton Aussen hat nch die alt-clas- 
Biache Literatur doch immer auch in der nen^sten Zeit »hlreich«r 
Verehrer mid Förderer au erfreuen gehabt; und den bessten Be- 
weis, dass ca mit derselben auch in änascrlichcr Hinsicht nicht 
Bo Bchlecht stehe, wie eine gevisae Purtei die Welt Rauben 
machen will, liefern die gediegenen .uiiU. «tinl -TlfeU 'fuftKi;- , 
reichen Werke, welche in den letzten Juhcea.aiuih in diesem 
Fache neu hervorgetreten sind. InabeaeitUere Jta} ^dsffaid'Kl^'''' 
tik und namentlich die früher xuniiNacfaiheüe üet.JtiMtnechaft . 
«o häufig vemachläasigte diplomatiache Kriiil^ uiiMi'-griksei^n 
Förderung so erfreuen gdiabt und . die Te\ie der -jirAiet^ ij tHä«»!- 
Bdien SchrifUteller haben in dep,letateo Doccuiilfn eine neue und 
festere Gestaltung gewonnen, so daas der Foxtapbiitt der Wisaeo- 
schaft hier keineawega auch nur ehien Avgenhlick «a Terkeunon 
iat Daaa onter atdchen Umatandai auch ä,ie Schriften eioea so 
bia^ gelesenen uad der wiederholten Leclüre ao würdige 
Schriltatellere , wie Cicero ist, nicht vertuchl^saigt worden 
sind , reratefat aich um ao mehr Ton aelbat , je mehr gerade seine ' 
. SchriAen in den Kreia der Schule gesogen sind und ao sfclft 
eelten für manchen Gelehrten auch eine äussere VeranlatsiBig vor- 
handen iit, sich mit der Kritik und Erklärung der «der jener 
CiGeronlachen.Schiift nüh^r m befassen. E« tHM demnadi, 
flo hoffen wir, ifir die Leser dieser Zeitschrift ntebt vointereesant 
«ein, wenn wir die Haupterscheioungen der Jetsten Jahre in die- 
sem Felde dner Benrtheilung nnler besMderer Berfickaichtlgung 
der in imierer Zelt beaondera wieder fn'a I<eben gerufenea diplo- 



4 Römische Liteiatnr. 

iMtischen Kritilc onterwerfen nod damit wenigstens eine Namhaft- 
nachung der bei unserem besonderen Zwecice minder ansfubrlich 
in bearthellenden Werke in Verbindung bringen. 

Wenden «Ir uns nun ziiTÖrderst der Abtbeilung von Ci- 
cero'» Werken lu, weiche die phiJosophiichen und palitischen ' 
Schriften su nrnfassen pflegt, so xiebt hier vor Allem der, ich 
weiss nicht soll ich sagen, glückliche oder unglückliche Umstand 
unser Augenmerk auf sich , dsss die Diaputationea Tmculanae 
in einem und demselben Jahre drei verschiedene Herausgeber 
gefunden haben, insofern die zweite AnRage der Snbner- 
schen Bearbeitung und die kritische und exegetische Ausgabe 
des Ref. in eisen) Jiiire erecliienen sind und die grössere Moser- 
ich e Bearbeitung in demselben Jilire wenigstens im Drucke be- 
gonnen wurde, so dass kein Herausgeber von dem anderen Etwas 
wusste oder benutzen konnte. Einen glücklichen Umstand 
kann man es allerdings nennen, wenn ^ine Schrift, namentlich 
eine, in kritischer wie in exegetischer Hinsicht sehr schwierig va 
behandelnde Schrift, wie Cicero's Tatculanae sind, zu gleicher 
Zeit TOn drei verschiedenen Seiten bearbeitet wird , allein un- 
glücklich war das ZusammentrefTen doch um desswillen, weil 
£ ein Herausgeber die Forschungen des andern benutzen konnteond 
namentlich auch in kritisch -diplomatischer Hinsicht den ersteren 
Ausgaben tuaefern noch gar Manches abging, als eial die Mo- 
ser'TClle Ausgabe einen grösseren kritischen Apparat bot, ond 
letderanch den thatsSdiÜcben Beweis lieferte, dass das kritisehie 
-^"in.Bte^al^.w^s die beiden erateren Herausgeber gesammelt vor- 
' .'lAl^tf;' ilf^.äJO^f jA: GeWlsseiAaftlgkeit überliefert wbrden wa»', 
i4(^.]ei|ä Aijfin^fi'esi sich bei-echtigt fDhlen mussten. So ist ea 
ge,kpni^«nj ^« den beMen ersten Ausgaben namentüA in kri- 
-, ti^ch'-d^WmatUcheP Hinsicht noch gar Manches abgeben muBSte, 
Vwrt ÄenlletBten J^lcrausgeher zn G(*ote stand ; dieseraber, dw 
* ^dr'melii-^eflkrbefiGliaffinig und' Anhäufung des Materials hSn- 
■ gegeben hatt^i "MnwIedHr die Urthellc und Ansichten der beidea 
anderen GelehHi^n -atif die Gestaltung seines Textes und die Ab- 
fassung sefirer Anmerkangen nicht einwirken lassen konnte, durch 
velcheri'Umsiand, nichdes'Itef. DafärhaHen, adchfhm Manches 
'entgangen' ist, was sum VortheHe seiner Ausgabe gew^stii «em 
wftrde. Um dieses nntter Urtheil mit Gründen unterattitzen ni 
können, wollen wir die sptfciell diese philosophiiphe Schrift Cl- 
ceio's betreffenden SchHften etwas iuiberin'r'Ange-fasien. Es 
Bind dM folgenden: , 

M. Tullii Ciearonia Tu*e«tanaru«i diaputationvm 

tibri quin^ae, otMeommemaHo b.BaMi, K-Brntledeme»- 
iuionibtu, M^mumü aiämadoermmiiiuM mlegrii, rtUgwnun Mt«><- 
pr^Um uUetIt. Ai todd. niM. r«««na eollatprUD «dWoiuirngMe wtS' 
. r«p>la*i -iimiia rvtgimU, «Manm mtdiüm mamqM imMMioium, 



Cioeranic IHspat. TweiiL ed* Momt. ft 

- exmtnua et iniu:e9ttäieeU Georgine MenrieuB Moa/^Tf M* Utr^ 
Bffmn. Ulm. Reetor tt BtBf. Tom. L XXVHI und 61S SS. Hau- 
noyerae, in' bibKopolio aolico Hahnumo» IföSL gr» 8» Tmb. IL 
478 SS« i^d. 1836. Tom. m. 4S7 S8. und eine 8. CorngBada. 
ibid^ 1836. 

M. Tullii Ciceronis Tuacutanarutn Disputationum 
lihri guinque. Ex Orellü reaensione eäidit et äluatravH Rä^ 
phael Kühner^ Pkilos. Dr., in L^ceo Hannoverano Conreclor, 
Societ. later» Teutonicae Francofurtensis 8odali8, Edkio altera m»- 
ctior et emendatior, . lenae^ typis et sumtibtLs Friderici Frommann. 
1835. XVin und 478 SS. 8.. . 

ZugUdiclL nambaf t will Ref. hier auch »^iae eifne Abgabe mi^cheii : 

jüfb Tulii Cieeronia. Diai^uiaiipn^s TuMCMiana0. 
fFriÜBcA Ikerioktügt' vmä erläutert mri R. K. Leipng,f bei BU B»- 
Soi^iekärt. 183&.. XX md 635 i^S. 8. 

und Terbindet ferner damit, da diese Uefne Schrift fast ganz der 
Kritik der Tusculanen Cfccro's jsich widmet^ zngiefch dfe An- 
zeige von 
^uaesiionum Tullianärum specimen acripsit Oawal- 

du 9 Theodarus KeiU Licgnitz, 1839. Druck der konigl. Hof- 
und Regjierungsbuchdruckerei von E, D'oench. XXII SS. 4. ^ 

Was n«n suvörderat die snerst genannte Moaer'acbo Bear*, 
beitütig dieser Schrift Cicero'a aniangl, aa theilt aie Mängel 
tind Vorzilge mit den übrigen Anagaben Gieeronianiacher 
Werke desselben Verfassers, sofern sie eincvseita «war mit 
grosser Sorgfalt und dankenswerthem Fleiase nicht Mur dierei^h« 
liehen Varianten der verschiedenen Handschrifteanu. diesen Bii« 
ehern aufauspeidieni und die Anmerkungen der früheren Heraus-, 
geber festzuhalten bemüht ist, andrerseits aber auch eben dieses 
an sich höchst lobenswerthe Streben es mit sich gebracht hat« 
dass. man die Masse des Dargebotenen nicht allemal gleich fpA. 
übersehen ktfnn, oder wenigstens genüthigt ist, sich das Gute 
und Brauchbare erst aus einer Masse Mittelgut uad für imsere 
Zeit wenigstens Triviellen herauszusuchen. - Doch wollen wir ^a- 
mit dem Hrn. Verf., dem wir auch so für seine Bemühungen zu 
aufrichtigem Danke uns verpflichtet fi&hlen, gar nicht zu nahe 
treten, zumal er selbst nach seinen Aeusserungen in der Vorrede 
alle diese Uebelstände wohl fohlte, aber nur nicht. recht/ wusst«» 
wie er sie bei seinem besonderen Plane , die besseren Anmerkun- 
gen der früheren Herausgeber wörtlich in seine Bearbeitung auf« 
zunehmen , hätte vermeiden sollen. Wollte er diesen« auch in 
seinen übrigen Ausgaben Giceronischer Werke verfolgten 
Plan bei den Tusculanen nicht aufgeben , so konnte er allerdlnga 
nicht wohl anders verfahren; allein möglich wäre es ihm ^deiin 
doch wohl gewesen ,~ mit gewissenhafter Bennteung des von sieir 



< 



Romiaehe Literatnr. 



neti V^gkagern Geldsteten , feine Bearbeitung dieaer Bueber so 
8o veranstalten, dass.dasVon den früheren Kritikern beigebrachte 
Materid festgehalten worden wire, ohne dass sich der Hr. Her- 
aosgeber selbst älliu sehr die Hände bei seinen jdgnen , an sich 
höchst dankenswerthen Beigaben gebunden hätte. Doch wollen 
yrit^ wie gesagt^ mit dem Hrn. Verf.. nicht darüber rechten, ^u- 
mal es auch io gewisser Hinsicht angenehm und vortheiibringend* 
ist, das von den Früheren Geleistete wörtlich Wiederholt und so 
Jn einer einzigen Ausgabe beisammen zu haben ; aber unerwähnt 
können wir es dennoch nicht lassen , dass es bisweilen sehr unan- 
genehm bleibt, den Wust fremder und eigner, alter und neuer 
Bemerkungen in Hrn. M.*s Ausgabe durchgemacht zu haben , und 
dainn noch in den besonders [Bd. 3. S. 269 — 352.] beigegebenen 
Ben iley^ sehen Anmerkungen; oder, wenn die Masse der An- 
merkungen und Varianten der ohnedies übermässig in Anspruch 
genommene Raum unter dem Texte nicht fasste, in einem der 
vierzehn [ebendaselbst S. 353-— 392.] beigegebenen Excurse sich 
erst noch Raths erholen zu müssen. Doch wir wollen init solchen, 
jetzt nichts mehr frommenden Bemerkungen unsere Leser nicht 
länger aufhalten und wenden uns lieber zu der weit angenehme- 
ren Darlegung dessen^ was durch des Hrn. Herausgebers An- 
strengung und Fleiss, namentlich fiir die Herstellung des Cicero- 
nischen Textes in diplomatischer Hinsicht, geleistet worden ist. 
Und hier bekennen wir offen, dass Hr. Moser sich im Ganzen 
unseren grossen Dank erworben hat. Denn da er nicht allein die 
Lesarten der früher verglichenen Handschriften mit girosser Ge- 
nauigkeit zusammengestellt , sondern anch selbst noch zahlreiche 
neue Gollatloaen mitgetheilt hat, unter denen namentlich die 
Vergleichiing dreier Wolfenbütteier Handschriften, des Gud. 1. 2. 
und Augustanus , sodann des Cod. Marburgensis und M9nac. 1. 2^ 
hervorgehoben zu werden verdienen, so hat er durch seine An- 
strengung die diplomatische Kritik ein ziemliches Stück weiter 
vorwärts gebracht, zumal er immer mit grosser Vorsicht sowohl 
die Wortstellungen als Textveränderungen erwogen hat. Dass 
auch ihiti noch Manches entgangen ist, darf um so weniger auf- 
fallen, da der, wer dem Sammeln sich hingiebt, selten so gut Vor- 
theil aus seinen Schätzen ziehen kann , als wer das Gesammelte 
überantwortet erhält. Und imdankbar, ja kannibalisch würde es 
dah^r seui, bei Auffindung euier besseren Lesart aus dem von 
d«m Hrn. Herausgeber gesammelten Materiale, statt demselben 
zu Bänke sich verpflichtet zu fohlen, ihm Vorwürfe machen zii 
wollen, dass er das, was wir fanden, nicht selbst gefunden hat. 
Gegen eine so undankbare Annahme wollen wir uns hier 
gleich im Voraus verwahren, wenn wir im Folgenden es versuchen 
werden, eine Naehlese dessen zu geben, was wir, dem grösseren 
Theile nach unter Benutzung von des Hrn. M.'s Ausgabe, nach 
ihm zu einer besseren FeststeUong des Textes in diesen Büchern 



Cieerow Dupat« TnseuL ed. Bfoser» 



7^ 



entdeckt m hftben glauben.; Dabei. werdcai wir aber aoeb siygleieli 
den Beweis liefern, das« Hm« Maaer'a Anfmerloianikeit s^lbal 
ia Bezug aaf die Aufbringung de» kriti^en Materialea nod^ 
Manches entgangen.iatf waa Uaweiien uns njithigti auf (Ue alteren 
Aoagaben xuiückattgehen, und was eben das Biiaaliche aolcber 
Gesammtaüffgaben in ein um so fataleres Licht stellt, je weniger 
man bei einer sardch ausgestatteten; Ausgabe gerade Derartigea 
unbeachtet gelassen glaubt, und Je misstrauischer, wenn n^n 
durch die That davon überaeugt ist, fian sodann die ganse Bear- 
beitung in dieser Hinsicht betrachtet. , Doch gehen wir au dem 
Einaeinen über. . 

lib. 1. cap. U §3. gibt Hr. Moser folgenden Text: 04^^ 
etrina Oraeeia noa et omni liUerarum gfiu^re ißperuhat: in 
quo etat faeüe vmcere non repugnanies. Nam quum apud 
Graeeos antiquistAnum e daetia genue eüpoetarumg aiquideim 
Homeruafuü et Hesiodus ante Rctnam condüam^ Ärehüo6lm$, 
regnante Romulo; aertua p'oeticam noa'^aceepimua, dnnia efiim, 
fare CCCCCX poät JRotnam eandiiam JUiv$uafa6ulam dedit , C. 
Claudio Caedfilio^ HL Tuditano^ eonauiUua anno antenatHm- 
Emtium: quifuit maior naiu^ quam PUnUua et Nagtriua. Sero 
igUur a nöairia poetae vel eogniti, vel recepü.- Wir sind mit 
Hrn. M. «im grossen Tbeile mit der Kritik und Erklärung dieser 
Stelle ■ einTorstanden , billigen es aui^h , dass er die Worte : qui, 
fuit maior natu^ quam Plautua et Naevhia^ welche sammtUdie 
Handschriften schütsen, gans unbesweifelt im Texte behalten 
und, wie auch wir thateui das Pronomen qui auf Liviua beaogen 
hat; nur köooen wir es jetst in diplomatischer Hinsicht nfebt 
mehr Terantworten., dass euim nach annia auch in der Moser^«' 
sehen Ausgabe noch festgehalten worden ist, da nach seiner 
eignen Angabe die meisten und. bessten Handschriften dasselbe 
, nicht haben» Denn, abgesehen von Cod. Reg. 1. , der es nach 
Bentley's Angabe nicht 'habep soll, > gegen dessen ansdriick- 
liches Zengniss das Stillschweigen Borger 's und Kays er 's, 
welchem letateren Hr. M. eine genaue Vergleichung.der acht 
ersten Capitel dieser Schrift verdankt, von keinem Gewichte au 
sein scheint, lassen auch Cod. Gud. 1; Rehd. Mon. 1. Aug. Ms. in 
roarg. Verbr, sodann sechs Oxforder Handschriften Codd. />, JS, 
£/, I, 0, x^ von denen nur. der letatere enim .von fremder Hand 
am Rande hinzugefögt hat [es ist demnach nicht ganz richtig, 
wenn Hr. M. blos sagt: Ox. 5.], fallen; und Bentley sah ia 
seiner Anmerkung bei Hrn. M. Bd» 3. S, 274. sei>r richtig ^in, 
dass, wenn man dem folgenden igitur die gehörige Beachtung 
sciienkt, es techt .füglich in Wegfall kommen könne... Wir ii^iir« 
den demnach die ganze Stelle jetzt nach den Anforderungen der 
diplomatischen Kritik also gestalten und interpungf ren : Doctrißa 
Qraeeia noa et omni liUerarum gener e auperahat :, in quo 0rat^ 
faeäe tmeere non repugnantiam narnquiom apud Graecßa ßnti- 



8 Romii«lie Literatar« 

fuinuimum e doeiis gmnt^ M poeiarum: Hfuidma Hwnefma 
fttit et Hesiodua ante JRomam e^mditamy ArchiloehuB r^gnante 
Momulo: serhte poeticam non aceepimus. atinia fere CCCiXJt 
past Romain cendüam LMu» faindam dedit C. Claudio Caeci 
fitio M. l\iditano eonauUhus^ anno ante natum Ennium: qui' 
fidt maiar natu quam Ptqtitue et Naeniue: [cap. II.] sero igüur 
a noHris poetae Del eognitivel reeeptu So steht, ine in han^ 
dert anderen Fallen, der ErkUrangssatSy ohne daas er durah 
eine Partikel untergeordnet wird , mehr parallel in dem Haupt- 
satxe; und es wird nur erat am Schlosse durch 'Hervorhebung 
des durch denselben ^wonnenen Resnliates seine Beziehung aum 
Ganzrä auf eine schickliche Weise angezeigt. Wenn also die 
Stimme des Lesenden die Zahlenangaben mit den Worten : annie 
fere CCCCCX po8t Bomam eonditam etc. eben als eine nähere^ 
Erläuterung des Vorhergehenden etwas mehr henrorhebt, so wird^ 
man, wie schon Bentley richtig ermaass, das flickende enim 
redit füglich missen können. 

Auch k&nnen wir Cap. 2« nicht mit Hm. M. uns einverstan- 
den eridSren, wenn er in den Worten : Quo minus igitur honarie 
erat poetia^ eo minor a atudia fuerunt. Nee tarnen^ ei qui 
magnia ingeniia in eo gener e esatiterunt^ non aatis Graecorum 
glotiae reaponderunt.^ noch immer die Vnlgata beibehalten hat,^ 
obschon die Lesart, welche auf Bentley 's Vorschlag IXav.ies^ 
tn den Text genommen hatte: nee tarnen ^to, gut magnia inge^ 
niia in eo genere esatiterunt^ non aatia Graecorum glotüi^ te:^- 
äponderunt^ ausser den von Davies genannten Handschiift«^ 
Cod. Reg. 1. Vatic. Palat. sec. auch Codd. Gud. 1. 2. Marb^ftegili; 
und Oxon. ^ 1. bestätigen. Schon Bentley bemerkte richtig: 
Nee tarnen aic: in eo ferum atatu; licet innuUohonore 
tum eaaent poetae^ et paene in probt o» Auch lasst sich nur so 
die in den bessten Handschriften befindliche Variante in diploma- 
tischer Hinsicht erklären , da es wohl Niemandem leicht ekifiel, 
ai qui in aic qui zu verändern, wohl aber sehr leicht der umge- 
kehrte Fall eintreten konnte , wenn man aic in der hier sehr pas- 
senden Beziehung nicht gehörig erfasste, oder bei zusammenhin- 
gender Schreibweise aicqui in ai qui aus Versehen umschrieb*. 
Einen Omnd aber, diese Lesart nicht aufzunehmen, darin zu fin-? 
den, dass im Ganzen nur wenige Handschriften aicy qui^,^^t 
meisten st qui läsen , wie Hr. M. that , scheint mir in Üi^sea 
Büchern um so unhaltbarer, da nachweislich die richtige Lesart 
«1 ^ anendlich vielen Stellen blos in den zwei oder drei besäten 
Handsehriften sich erhalten hat Sagt ja Hr. M. selbst zu Cap. 3. 
§ 6. ^tiod muUi iam eaae libri Latini dicuntur^ nachdem er die 
Lesart der meisten Handschriften Latini libri angefahrt hat: 
,^Mos cum Regio L päucioires sequimur,^* und so in ähnüchea 
Fällen mehr« 

Bbendas. § 5. wundem wir uns, bei Hm. M. zu den Worten : 



Cüceroni« Bifput. Tweul« ed. Moier. tf 

In aummo apud Hlos honme g^WMtriafipi: üaqm niUt nMk€* 
maticis ülmtriua. tolgeodeBaa^äomg la lesen : ,,Perfiiiit CMM. 
Reg. 4. et Marb. nikil üague, qiiod non displieet: «ed Tideliii; 
esse oonreetori8>^ Auf jepe Lefltrt kann die Kritik tue doppellem 
Griinde niciht eingdben, erstens weil itaque so dem Cioeroni- 
sehen Sprsdigebrincfae zuwider ist, sweitens weil jene beiden 

' Handschriften, wenn sie verefaselt stehen, in diplomatiseher Hin- 
sieht gar kein Gewicht haben, also mnsste jene Lesart auch an 
sich nur missfallen.. 

Mit Debergehung einiger minder wichtigen Functe wende 
ich mich au Cap« 6. § 11. Dort lesen wir in Hrn. M.'s Ausgabe: 
Atqui pleni sunt libri contra ista ipsa disseretUium [pAiVoa^* 
pharutn] und wir mussoi, wie die Sache jetst vorliegt,, ebenfalls 
wieder swei Verstösse gegen die diplomatische Kritik in diesen 
Worten ahnden.. Erstens hat Cod. Reg. 1. [nach Kajser's 
und Bouhier's ausdrücklicher Angabe] die Wortftellang fiteni 
libri sunt, ihm folgen Cod. Reg. 2« Bern, und sehr viele ältere 
Ausgaben, wie auch Da?ies [wegen der unvollkommenen An- 
gabe bei Moser sehe man dessen eigne Berichtigung Bd. 3. 
S.^438. in den Corrigendis], und wahrscheinlich audli noch meh- 
rere Handschriften, aus denen die Wortstellung nur seltner aur 
gegeben weisen ist« Mit Recht hat aber bereits Stürenbui;g 
in seiner neo^ 'Bearbeitung von Cicero 's Rede pro ^rchia 
poeta [Ldpxig , 1839. 8.] S. 128. neuerdings diese Wortstellung 

' in Schutx genommen« Doch möchte Jch nicht allein in Beaiig auf 
«len Wortfiill, wie Stnrenburg.will, sondern in Beaug auf den 
inneren Sinn selbst die Wortstellung der bessten tlandscbrift §ut^ 
genommen wissen« Atqui pleni jBunt libri contra isla ipsa di^' 

* Merentium pkiloeophorutn würde mit au scharfem Tone den Um- 
stand des Vo Ilse ins der Bücher hervorheben, während die 
andere Wortstellung: At pleni libri eunt etc. das Vorhand en-^ 
sein voller Bucher dagegen mehr hervortreten lässt, wa^ der 
gegenwärtigen Sachlage nach das Richtigere ist. Noch mehr ist 
es uns aber aufgefallen, dass Hr. M. das Substantiv philoeopho^ 
rrnn gegen alle nur irgend bekannten Handschriften getilgt wis-, 
sen will. _ Wir haben schon in unserer Ausgabe S. 17/ bemerket 
dass sowohl der Sprachgebrauch an sich, als auch der Sinn dieser 
Stelle den Zniata philosophorum erfordern. Und wenn ein paar 
höchst unbedeutende Handschriften .und einige alte Ausgaben das 
Wert phüosophorum umstellen , so sollte doch ein so besonnter 
Kritiker, wie Hr. M., auf diese blosse Anzeige hin eip Wort 
nicht sogleich verdächtigen, welches die meisten und bessien Haod- 
schriften insgesammt und swar .an einer und deptelben Stella 
schütsen. Denn was könnte man da nicht verdächtigen, wenn man 
so viel auf eine einfache Umstellung geben wolltet Dass aber 
gerade die Wortstellung der meisten und bessten Handschriften 
an unserer Stelle die passendste sei , darüber hat bereits ICriiz in 



10 R&inische Ltieratar. 

der Recemion der Kühner* sehen Ausgabe [AUgem. Sdiolseit. 
18S0. Nr. 111. S. 903.] sehr richüg geurtheOt. Mit gai4 Ihn- 
licher Ironiev wie hier Cicer^> spricht Arüitoteles in der 
Politik lib. 1. eap. 2. § 16. ed. Stahr. Kai tolffuevcvtm ioxsi^ 
.totg d' i^Blvwg^ xal tiSv 6oq)iov. und w&e die Sache nicht 
^u geringfügig;^ so konnte man glauben, Cicero habe jene Steile 
Tor Angen gehabt. So war es alsb hier Pflicht des Kritikers , das 
diplomatisch treu Ueberiieferte , was ohne Grund nie lu ändern 
ist, beizubehalten und zu lesen: Atqui pleni libri sunt contra 
ista ipaa düserentiuni philosopharum ^ und statt dasselb^e ohne 
Noth anzufeinden, lieber die richtigen Besiehungen des Einzelnen 
anzuzeigen. 

Ein Verstoss gegen die diplomatische Kritik iift es allerdings 
auch, wenn Hr. M. cap. 6. § 12. drucken Hess : nam iatud ipaum^ 
non esse, quum fueria^ miserfimum puto.^ während er doch 
selbst aus fast allen Handschriften, Godd. Reg. 1. 2. 3. 4. Mon.2. 
■Vind. 1. 2. Gud« L 2. [wozu ich noch zwei Oxford er Cod. £. 
und I föge , die ialuc ohne ipaum haben sollen , während ans den 
übrigen wohl nur um deswillen iatuc ipaum nicht besonders ange- 
merkt worden ist, weil man es für eine blos orthographische Ab- 
weichung hielt] iatuc ipaum notirt hat. Nicht blos euphonische 
Grunde können zwischen iatuc und iatud entscheiden , sondern 
auch tiefer liegende, ts^t^c hat mehr Demonstration , tds iatud ^ 
und diese ist hier ganz an ihrem Orte. Es war also hier den 
meisten tmd bessten Hiindschriften unbedingt Folge zu leisten. 

Ein anderes VerhältnisB scheint es schon zu sein, wenn § 13. 
in den Worten: ßa, qui nandum nati aunt^ miaeri iam aunt^ 
quia non aunt: et noa^ aipoat mortem miaeri futuri aumua^ mt- 
aerifuimua^ antequam naii.^ Hr. M., allerdings mit den bessten 
Handschriften, das gewöhnlich nach noa beigegebene ^st tilgte« 
Denn wenn schon Codd. Reg. 1. 2. Gud. 1. 2. Duisb. Marb. Mon.l. 
[ich ilige noch hinzu Codd. Oxon. E^ g, x^ ^ 1. , deren Zeuguiss 
Hr. M. hier ganz unbeachtet gelassen hat], ipai nicht haben und 
es auch in Bezug auf den Sinn recht füglich gemisst werden kann, 
so ist doch das Vorhandensein des Pronomens in den übrigen 
Handschriften immer ein Umstand , der einige Beachtung zu Ter- 
dienen scheint, da jenes Pronomen, an sich nicht nöthig, wohl 
kaum von einete Abschreiber oder Glossator hinzugefügt worden 
sein würde, wenn sich gar keine Spur desselben in der iilteren 
Ueberlieferung vorgefunden hätte. Da nun aber das Pronomen 
ipae nachweislich in diesen Büchern früher durch Abbreviatur 
geschrieben gewesen zu sein scheint, worüberivir zu Buch 2. 
Cap. 11. § 26. unten noch Einiges bemerken werden, so könnte 
man allerdings Trerführt werden , , hier und unten Cap« 30. § 03», 
wo ein gleiches Verhiltniss StaH zu haben scheint ,j anzunehmen, 
dass das abbrevirte Pronomen ipae aus Versehen in den bessten 
Handschriften ausgefallen, in den geringeren dagegen beibehalten 



Ciceronu Disput TomqI« e4. Moser. 11 

werden eei t und ao würde in diesem Falle das Zengniat der bet- 
8eren Handsdiriflen in diplomatischer Hinsicht nicht das Gewicht 
haben f wie in anderen Fällen, wa jener Umstand kein Bedenkea 
ein.fldsst. Denn auch unt^n Cap* 39. g 93. haben die geringeren 
fliandschriften einmüthig: Jt id quidem ipmrn in ceterU rebus me« 
lHi8 puiaiur etc. ., während Cod. Reg. 1. Gud. 1, 2.' Giypli. Aug» 
Duisb. Rehd. Bern. Vind. 1. und drei Oxford. Handsthriften ipsum 
weglassen, denen Hr» M. auch dort gefolgt ist, dies t&brigens aner- 
kennend, dass ausser dem Zeugnisse der besseren Handscliriften 
nichts gegen ^sum spreche. Da nun aber gegen das diplomati« 
sehe Zeugniss dasselbe Bedenken, wie in der gegenwärtigen Stelle, 
so auch dort geltend gemacht werden kann, der Sprachgebrauch 
aber, wie wenigstens Hr. M. meint, eher für Hinauf ngung ab 
Weghssung jenes Pronomens spricht, worüber er Kühner und 
Goerena ad Acad« 11. 14. p* 84. und unten Cap. 37. § 90. ^t 
id ipsum o^iosum est sine sensu esse. Tergleichen lässt, so 
könnte man allerdings auch hier gegen ein unbedingtes Verwer- 
fen des Fronomens Zweifel erheben, wenn nicht wenigstens an 
dieser Stelle ein anderer Umstand geltend gemacht werden könnte, 
den Hr. M. ganz ausser Acht gelassen hat. Es will nämlich dea 
Rec. bedünken, als sei das Pronomen ^se in dieser Wendung in 
der Regel dann weggelassen worden^ wenn die Partikel .^titd&ni 
das erste Pronomen bereits henrorhob. Und so ist es allerdings 
richtig, wenn unten Cap. 37. § 90« gesagt wird: ui^/ id ipsum 
odiosum est sine sensu esse.^ wie in Cicero^s Ep. ad Brut* 
IIb. 1. ep. 4. At hoc ipsum y inquit^ inique facis etc.^ aber mit 
Hinzufognng der Partikel quidem würde es hier richtiger i^ur 
heissen: Af id quidem in ceieris rebus meliui ptUaiur etc. Vgl* 
noch Ci c. de senecL Cap. 11. § 35. At id quidem non proprium 
seneetutis Vitium est^ sed commune valeiudinis^ welche Stelle^ 
wie ich sehe, Hr. M. selbst beibringt. Aehnlich pro Milone 
Cap. 22. § 58. Etsi id quidem non tanti est etc. Geht man 
hiervon a^is, so möchte allerdings ipsum an der zweiten Stelle zu 
streichen sein, da es der Sprachgebrauch eben so gut wie die 
diplomatische Kritik verwirft, und es sich auch allenfalls erl^ären 
lässt, warum die Abschreiber, Wendungen, wie at id ipsum und 
dergl. im Gedächtnisse habend, ipsum hinzufügen konnten; in 
der ersten Stelle bleibt es aber trotz der bessten Handschriften 
,um so bedenklicher , dasselbe unbedingt zta entfernen , da das fol- 
gende si die letzte Silbe von ipsi absorbiren und so, kam ngch 
eine Kürzung . bei der . ersten Silbe hinzu , das ganze Wörtehen 
leicht ausfallen konnte. 

Nnr im Vorübergehen wollen wir erwähnen ^ dasT es uns auf-- 
gefallen ist, wenn Hr. M. mit Kühner und anderen Herausge- 
bern Cap« 8. § 15. den Vers : 

Emori nolo : sed me esse mortunßi nihil aestumo,. 



12 Römische Litjbratür. 

so «cftnJHren slii müsseo glaubte, dtes me KWftr TiSrkunt, niciit 
aber eiidfrt ^ärde; Jene Gelehrten mügsen deninach emori ndo 
Mofl fSr zwei Versfässe gehalten und , wie ihre metrischeii Zi- 
ehen ancb. Ung^ben, dmoti | i»(^d scandirt haben. Allein emori 
ist. doefa ein Greticus und nölo ein Spoüdaeus , und se kann der 
Vers nur so scandirt werden : 

£mori nolö: sed me esse mörtuum nihU a^tumo,. 

Wodurch jene Annahme der Nicht -Elision, die hier auch durch 
den Binn der Rede nicht gerechtfertigt wird, Ton selbst In Nichls 
zerf&ilt. 

In demselben Cap. § 17. heisst es in den meisten und bessten 
Handschriften: Quid? siterogaeero oHquid^ nonne r^sponde-^ 
bis f Dagegen meinte Hr^ M. aus Codd. Duisb. Gnd, Viud. 1. 6ud. 2. 
schreiben zu müssen: nori respondeöis. und fertigt die Lesart 
alier glaubwürdigen Handschriften mit folgenden Worten ab: 
,,Eqaidem cur, fion praestet, docere noio/cum nostris quidem 
temporibus süperracanenm esse ^ideatur. Adi tarnen sis Kritz. 
ad Sali. lug. 31. p. 185.'' Freilich , wenn Hr. M. in seinen Icriti* 
sehen Anmerliuilgen nur das als Norm befolgen wollte>, was die 
gemeine Meinung ist, so koimie er sich damit beruirigen. Doch, 
meinen wir, es hätte ihm auffallen müssen, daisi üier und ander- 
wärts die diplomatische Ki^lk mit der gewöhhliehen Annahme in 
Gonflict gerathe und "dasä es> daher wohlgethlin sei, über das yon 
den bessten und mei^tefn Handschriften Gebotene etwas genauere 
Untersuchungen anzusteileu. Da würde es' sicli wohl auch für 
ihn herausgestellt haben, dass diese Stellen nicht sofort zu än- 
dern ,> sondern Tielmehr die Ansichtien der neueren Grammatiker 
fn BetreflP ihrer zu berichtigen scaen. Eee. hat bereits in diesen 
NJbb. Bd. 22; Hft. 2. S. 134. atif die Art und Weise hingewiesen, 
wie diese Stellen, wo norme da steht, wo man non nach der ge- 
wöhnlichen Ansicht erwartet hatte, aufzufassen seien , und kann 
also hier füglich darauf zurückverweisen. Er giebt fiur noch einige 
durch eine diplomatisch genaue Kritik hinlänglich gesicherte Stel- 
len an, um darauf aufmerksam zu machen, wie gewaltsam die 
Kritik zu Werke gehen mösste, wollte sie die alten Texte nach 
den, Ansichten der neueren Grammatik ummodeln, nicht vielmelir 
die Lehre der Grammatik nach den Indicien der alten Handschrif- 
ten selbst umgestalten und beschränken. Denn nicht nur in Gi-, 
cero's AceusaU üb. IV. cap. 9. §19. wird man wohl: Quid? 
isti iaudatores tut nonne testes mei sunt ? gegen das Zeugniss 
des Cod. Reg. Leid. Guelf, die non wahrscheinlich aus Corrector 
haben» beibehalten müssen, da dort der Palimps. Yatic. die Vul- • 
gata nonne sicherstellt; sondern auch an vielen andern Stellen ^ 
zeigt sich nonne durch die diplomatische Kritik hinlänglich ge- 
schützt, wie Ui Cic. de finih. üb. 11. cap. 3. § 10. Quid pauUo 
Unte^ inquü^ diserim^ nonne meministi^ quem omnis dolor 



Cieer^nii Qi^piit* Tmcnl. ed. Moser* X9 

4etraeiuß eiset^ Vßrißtij non augeri volupiaißmt Qpd lib.y. 
«;iip. 2S. § 86. JSlhnne igüur tibi videntur ^ infuit , fnßla f •• 
welchen Stellen auc^ Madvig zu der Schrift de finib. IlyA ^0* 
p. 153. Bedenken trug^ ^r gewöhnlichen Aanahme m folg«. 
Efnen Uebergang bilden «schon Stellen^ wie imten Ca^ 15. § 84. 
.Quid? poetiw twone past mortem nobilitari volfint? nnd ebenj* 
Quid? noatri philoßophi nonne in his ipsis libtia^ guoa Mcribunt 
ä^f .Qonietnftefida ghria^ aua namina inscribuni? Doch Hr. Bf. 
und der geneigte Leser werden,* wenn, einmal derauf aafmerkaain 
gemacht, Jeicht die vensicfaiedenen Schattiriuigen in^en eiaaelnep 
Stellen wahrnehmen nnd mit uns auch hier der diplomatlaeh^ 
Kritik den gehinrif^n Raum geben. 

Noch gröbere Verstösse gegen die Handhabung einer richti- 
gen^ diploipatischen Kritik müssen wir Hrn. M. Cap. 9« § 19. zei- 
hen, w^nn wir in seiiier Ausgabe also lesen: Animum auiam alii 
animam^ ut fere nostri: [DecUirat nomen:, nam-et agere 
animam et efflare dicimu8<^ et animosoa^ et beneani- 
matuf^a^ et es animi aententia] ipae enim animua ab ani" 
ma iMdua eat. . Der erste Irrthum ist hier der, dass Hr« Bf. 
naeh Davies' Vermnthung ganz gegen das Zeugniss der Hand- 
schriften herausgab : ut fere nostri. Declarat nomep. Denn ap 
konnte Cicero nnmögli^^h schreiben, noch hat er nach allen In- 
dicien so geschrieben, noch ist je einmal diese Lesart in einfx 
alten, w^nn auch interpolirten Handschrift, wie JHr. M. annefamep 
wlU,- gewesen. Deutlich iässt sich namltch hier aachw^e^, dass 
«iKe Abkürzung die Varianten, welche sich in deq einzelneu Hand- 
«fchriften- Familien finden, hervorgerufen hat, wi dass, wf^n.wlr 
das, was die AbMrzung ursprünglich hat besagen, wollen, Qoeh 
aus den Spiiren der Handschriften abnehmen könnSßn, anderw^ei^ 
tige Scbwii^rigkeiteii; keineiüwegs mehr torjiaM^ja sind^ t\a J|esen 
«ämlichdie meisten und besiit^ii .Han^^chtift^ni i^iepindi Qod. 
Reg.l« Qem« [iQ^|1(würdfgj^. Weife schweigt bto ]Btr. M^a^r 
überGud. 1«2. aii.einem..Qrt$f woes sehr wQiisch^ips^iverth .^e- 
weaen iiräire v il^e .Lesart^en feennexi zu lernen, wiewohl ß\e m^h 
G0Ai.V,^p m whlm^m r /wohl ^o^nen hab^o.] uad andere .m^r/: 
ut fere^ .noaißi ,deQlara^^ ilpnie^i andere, miI« Cod. Kabijis>s, wA 
MiÄboen die liltereu.Aiisgabea: nr/^n? nQat9^i4e^UifafH\nmir 
mari. Da di^e beider allein T^yn^den Handachrifieif.b^attbig- 
Ion Xiesartßqa^g^Rchelnlich.unlatajnisch sind, so mufis^woU eidtf) 
Oonruptel älaltgefnoden Jbabien, und dieselbe i$t naiA einer folri- 
gen d^kmatischea, Kritik doch zunächst in dem, Wdrt^ an m- 
chen^ wDtnber schon die alte Ueberliefbytmg achwanfcti nanilidi 
in nomßn oi^x nüminmi. Was dafür herzust(ellea sei, iM aucjb 
gar ideht «chwi^rig zu finden, ja es hatte es schon ein Abschret- 
her am Rande, d^ Vindob. L. und idele Heuere Herausgeber ht^ 
meirkt. Ss kann di^s nämUch uichis And^rea i^eiH, aia nomlnai 
Und onaece Au%4be wäre ea hier inur uoeh, um der Zweifer 



14 



Römische Literatar. 



willen, tiacIuEairelgeii , wie aus dieser Lesart die beiden uns üb^ 
lüeferten Lesarten nomen und nominati hervorgegangen zu seih 
scheinen, was eine sehr lefchte Aufgabe für die diplomatische 
Kritik ist. Es stand nämlich in der Drhandschrift flOle* Dies 
rerwechselten Einige mit dem Compendium von nomen : nom» 
welche Buchstaben, nach Orelli^s ausdrücklicher Angabe, God« 
sec. und Duisb. noch ganz so haben, und so entstand die Lesart 
der bessten Handschriften nomen,; allein Andere fanden jn jenem 
Gompenflium ftomf 9 und so entstand nominari» Nimmt man 
nun aber die leichte und gefallige, durch die Spuren in den 
Handschriften genugsam unterstützte Gonjectur nomine auf 4ind 
schreibt: utfere nostri declarant nomine^ so haben wir ja sofort 
Alles gewonnen, was nur hier, auch in Bezug auf den Sinn der 
Stcille, frommen kann. Denn wenn Davies und*Bentley lieber 
declarat nomen lesen wollten, wie Cicero unten IIb. IIL cap. 5. 
Totum igitur^id^ quod quaerimus^ quid et quäle ait verbi via 
ipda declarat, und de divin» üb. 1. cap. 42. Quorum ostentorum 
vim^ ut tu soleS' dicere, verha ipsa prudenter a maioribus po- 
atta declarant. gesagt habe, so ist dies eine Kurzsichtigkeit, die 
ich wohl Davies, nicht aber Bentley verzeihe. Denn was 
dort passend war, ist hier wegen der Nähe des Snbstantivbfe- 
Riffes nostri unpassend , und kann nur entweder durch eine küh- 
nere Aenderung, wie die Einsetzung des Pronomens ipaum^ oder 
durch ein unertragliches Asyndeton C i c e r o ' s übriger Rede ein- 
Terleibt werden. Aber ist denn die Wendung: utfere noatri de-- 
clarant nomine^ etwa unlateinisch? Man vergleiche nurPlin« 
hiat, nat. XXXni, 6. cuiua licentiae origo nomine ipao in 
Samothrace id inatitutum declarat. Doch genug zur Sicher- 
stellung' dieser Lesart. Wir hoffen, es werden weder Hr. M. 
noch der einsichtsvolle Leser nach dieser unserer Darlegung an 
der Richtigkeit der schon seit Wolf von den meisten Herausge- 
bern aufgenommenen Lesart ferherWeit zweifeln; Wenn nun aber 
Hr. M. ferner an den folgenden Etymologieeb: nam et agere 
anihtam et efflare dicimua ei änimoaoa et bene ani^ 
matoa et ex animi aententia^ bei denen es Cicero offen- 
bar nur um den allgemeinen Sinn zu ihun war, Anstoss^nahm, 
nnd deshalb, zwar das Einzelne als Cieeronianisch anerkennend, 
dennodt dk eben angeführten Worte mit Ben tle^ als von frem* 
der Hand hinzugrfugt betrachtet wissen wollte, so können wir 
Uim lüch hier kemeswegs beipflichten.' Denn fand es der Hr. 
Herausgeber tadelnswerth, däss Cicero iibeiliaupt diese Etymo- 
logieen hier so reichlich anbringt, so verkannte er offenbar die 

Ste Absicht des Verfassers, der nicht, uin mit Worten 9u si|ie- 
1, dieselben hersetzte, sondern auf dieäe Weise seine philoso- 
phischen Ideen als Im lateinischen Sprachgebrauche wurzelnd und 
demnach ans den lateinischen Volksideen hervorgegangen erschd- 
nen lassen wollte. Fand er abdr, wie auch Anderen dies anstSssig 



Ciceronis Dispat. Tusiral. ed. MMer. 15 

ersGbieneii ist, die etymolo^schen Betiehongen von animonuvmi 
hene anhnatus und ex animi sententia hier in Besag auf anima 
nicht ganz geeignet, so wollte er dem Verfasser eine gramoM.- 
tisch - etymologische Cfenaaigkelt xnmnthen, die nicht dmiial 
seine, diesen Studien von I^fesslon ergebenen Zeitgenosven, 
wie Varro und Andere, besassen,' und deren Yemachlissigung 
dem Verfasser hier um so weniger a^m Vorwurfe su machen ist» 
da er ja durch den Zusatx : ipse gutem animus ab anima didUB 
est , auch die obigen Beziehungen zu animus wieder auf antma s 
zurückzuführen weiss. Man whrd als^o wohl diese , von aimmtli- 
chen Handschriften cinmiithig geschützten Satzchen als tob Ci- 
eero's Hand geschrieben anzuerkennen haben. Doch wir müs- 
sen noch den dritten Verstoss gegen eine genaue Kritik erwih- 
nen v den sich Hr. M. in diesen Worten nach unserer Ansicht hat 
zu Schulden kommen lassen. Es ist dies die Aenderung der Par- 
tikel ttutem in enim in den Schhissworten : ipse autem animus 
ab gnhna dictus esi^., welche Hr. M. Ton Davies angenommen 
hat , ohne es nur mit 6iner Silbe besonders zu erwIAnen , dasa 
sammtliche Handschriften, und gewiss auch seine neuTergUche- 
nen, hier nicht enim , sondern autem lesen. Auch dieses autem^ 
was , wie gesagt, handschriftlich sicher 6teht , schützt die vorher 
stehenden Etymologieen und bedarf, wenn man diese nicht vei^- 
dächtigt , gar keiner weiteren Rechtfertigung. 

€ap. 10. ^20. heisst es bei Hrn. M.: Bius doetor Haio 
triplicem fmxit lärdmum: cums principaium^ id est rattonem^ 
incapite, sicut tri arce^ posuit: ei duas partes parere, voluü^ 
iräm et cupiditatem , quas loeis disetusit etc. ; Diese Lesart itts 
in doppelter Hinsieht nicht zu empfehlen, einestheils in Bezug 
auf den Sinn der Stelle selbst > andemtheils in diplomatischer 
Hinsicht. Was den Sinn anlangt, so würde äau vorgesetzte ei 
weniger auf den ptineipatum afiimi^ id est rationem, zu beziehen 
sein, alsüelmehr^auf die ganze Seele, die Plato dreifiich aioh 
vorgestellt habe, n^as aber nicht passt; sodann steht auch et^ was 
alle Handschriften Ibieten, indem es das folgende Satzglied enger 
an das Vorhergehende anschließt, hier ganz richtigv und es war 
also gar kein Grund vorbanden ;, an dieser Partikel zu rüttehi. 
Dagegen g^ben wir Hm. M. vollkommen Recht, wenn er ein Pro- 
nomen wie et hier vermisste, allein dann musste er berudksicht^ 
gen, dass diesem et, nach den Spuren der Handschriften selbst, ein 
andres f IStzehen tingewiesen werden müsse. Da nämlich niit Aus- 
nahme des Cod. Vätic. , der parteis parere liest , und vieOeidit 
des Cod. Reg. 1. [wiewohl von dem letzteren es zweifelhaft ist, 
daCod. Gud. 1. ihm nicht beistimmt] sammtliche Handschriften 
statt parere bieten separate oder seperare (siel) , so kann ich 
jetzt nur die von Davies gewählte Lesart: et duas partes et 
parere poltsit , auch in Rücksicht auf die diplomatische Kritik an- 
erkennen. Denn aus einer etwas undeutlichen cöntinna scriptio 



16 RBmische Literatur» ' 

partue%pmrere konnte m»n leicht benuslesen: parti» ae- 
parareM purere im Cod. Yatic« gcheint dann blos Nachbesserung 
gewesen lu sein, die aber die SQbe ae als ganz aus der Luft 
gegriffen lirscheinen lässt, und folglidi nicht das rechte kritische 
Verfahren sein kann« Sclireibt man dagegen: cuius principatum^ 
id. est ratienem^ in capite sicut in arce posuit et duas^partis 
ei parere voluit eto.^ so geschieht dem Sinne der Stelle, sowie 
den Anforderungen der diplomatischen Kritik auf gleiche Weise 
Gnuge« 

Cap. 11. § 22. hat Hr. M« geschrieben: Democritum enim^ 
magmtm illum quidemvirum^ aed levibus et rotundia carpuscu^ 
Hs effioientem animum concursu guodam foriuiio, omittamua» 
und, obschon er nur geringere Handschriften, wie Codd. Marb. 
.Vihd. 2. Gud. Mon. 1. , dafuc anführen kann , missbilligen wir 
wegen des stehenden Sprachgebrauchs sein Verfahren nicht, 
nur Termissen wir bei d^n Hrn. Herausgeber hier einige Genauig- 
keit in den Angaben der Handschriften* Denn da Davies sonst 
nicht leidit ohne Handschriften «die Wortstellung änderte, hier 
aber schon magHKm t//um ^ttM^m liest, so scheint es, als habe 
' er diese Lesart aus Cod. Reg« 1. aufgenommen, und es wäre also 
zu' wünschen gewesen, dass Hr« M. über Cod. Reg. 1. oder wenig- 
stens Gud. 1. ausdrücklich eine Angabe gemacht hätte. Dass Cod. 
Reg. 1. auch .wirklich jene Wortst^ung habe, glaube ich aus 
MikdT ig? &^ Bemerkung in den ^ddend. su Cic. definib. p. 877. 
abnehmeh su dürfen, da er dort, nachdem er in der Ausgabe 
selbst p. 553« sich< im GsusEcn für die sonst übliche Wortstellung 
In golchen Sätzen .erklart hatte und nur angegeben, dass bei Cic. 
ad :ätt:X\^ 13, 5«; und in dea bess^en. Sandschriften bei Cic. 
aVisc. 1, § S^. siteh die andre Wortstellung flnde^ in den Addend. 
1. 2. sagt: „In Tusculanis I, 2% oodijr^s (Gud* et Erar. testi- 
bus) re<ite.^^ Ich zweifle dempach nüieht, dass auch Cod. Reg. 1« 
tnd mitrihm ^iellelchfe. mehrere H^dschrifNi höh^r^ Werthes 
die bessiire Wortstellung; magnum itium quideniy hier bieten... 
^ Cap. 14. § 31. nahm Hr. lt|. «war »U Recjbit adoptatianee 
jS/forif]», den besäten HandiKshriften folgend.,, auf, doch meint er 
mit^ Unreclitv das, Wort sei ein £««1 If^V^vpi/ bei Cicero. 
Es zeigt sich auch anderwärts in verbesftertea Texten bei Cic., 
#. B: pro Li BMe Cap. 25. § 57^ Et adoptaiio Theophani agi- 
Jtfdaeat. S. diese NJbb. Bd. 32. S. 251. 

Cap. 17. § 40. müssen, wir Hrn. M . tadeln, dass er mit einer 
nehr gingen handschriftlichen Auotorität, gegenüber den besstea 
üandsd^ten, geschrieben hat: ut — reUquae duae partes^ una 
ignea^ altera animaUa^ ut iUae supßrißreß in medium tocum 
inmuU jgjwvüate ferantur et pondere^ sie hae eure um reetis 
lineis in oaeleatem locum aubvoletU etc. , da die frühere Viilgate : 
aichae turinm ete.\ der, wie gesagt, 4ie bessten Handschriften 
beistunmei», hier dodl s^r passend ist, faidem sie den Gegensatz, 



Ciceronis Dupnt. TnsciiL ed. Moser. , 17 

der la der Vergleichung liegt, mehr hervorhebt, gerade wie das 
auch bei den Griechen gebräuchliche ovtmg av u. drgl. mehr. 
Ich habe in meiner Ausgabe bereits auf Cic. de orat» I, 24, 110. 
verwiesen, wo es heisst: Tum Antonius vehementer se aisentiri 
Cra^ao dixity quod negue ita amplectereiur artem , ut ü aole- 
rentj qui omnem mm dicendi in arte ponerent^ neque rursum 
[ruraus Ellen dt] eamtoiam^ aicut plerique philßsophi facerent^ 
repudiaret. Ja es ist dieses Verfahren des Hrn. Herausgebers 
um^ so auffallender, da er, auf Cap. 20. § 45. sich berufend, 
S. 136. recht wohl anerkennt, wie rursum gesChützl werden 
könne* Dort heisst es nämlich: tum et habitabiles regionee et 
rursum omni culiu propter vim fiigoria aut ealorie vacantes. 
Auch Küh'ner hatte in der erstem Stelle rursum mit Recht in 
Schutz genommen. ' 

Auch Cap. 19. § 45. kann ich das von Hrn. M. eingeschla- 
gene kritische Verfahren nicht billigen, wenn er in den Worten: 
Haec enim pulchritudo etiam in ierris putritam illam et avitam^ 
ut ait Theophrastus^ philosophiam ^ cognitionis cupiditaie in^ 
censam^ eorci^attY. , noch imiiier sich nicht entschliesseo konnte, 
die von uns und mehreren anderen Kritikern aus Non. p« 161, 8* 
empfohlene Lesart patritam stait pätriam aufzunehmen. Denn 
so geneigt wir sind, die Lesarten der alten Handschriften , wo 
dies mit Recht geschehen kann, in Schutz zu nehmen, so glauben 
wir doch, dass es hier im höchsten Grade unrathsam sei, allzuviel 
auf ihre Auctorität zu geben, zumal in einem solchen Falle, wo 
ein Irrthum sehr leicht, ja der Sachlage nach kaum vermeidlich 
vrar« Wenn nuh aber Hr. M. behauptet^ die Form patritus 
widerspräche einer genauen Analogie, so ist dies ganz unverzeih- 
lich, da das Wort, wollte man es auch hier nicht anerkennen, 
doch sonst nicht aus der lateinischen Sprache verwiesen 
werden kann. Nonius wenigstens, der dergleichen doch nicht 
aus der Luft greifen kann, sagt geradezu 1. I.: Patritnm^ ut 
avitum. Varro Manio: Funer e familiari commotOy 
avito ae patrito more precabamur. Idem reipvbli^. 
cae lib. XX,: S ecundum leges habitasset patritas* 
Cic. Tuscul. lib.h: Patritam illam et avitam^ ut ait 
Theophrastusy philosophiam. Wie konnte dies Alles 
Nonius fingiren? und kommt denn nicht das Adjectiv pa/r»/ti» 
auch noch sonst vor? Das Einfachste Jst, dass hier patritam^ 
was, wie schon Fr. A. Wolf sah, ganz an das griechische sra- 
XQfßog xal nannipog erinnert, von den Abschreibern durch einen 
verzeihlichen Irrthum in patriam, verwandelt^ von Nonius aber; 
wie oft anderwärts, die bessere Lesart aufbewahrt ward. Ob 
Vind. 1., der patritam ausdrückh'ch hat, die alte, Handschrift, 
wie in einigen andern Fällen , treuer copirt hat oder aus Nonius 
corrigirt worden ist, kann lins ziemlich gleichgiiltig sein, wo die 
Sache selbst spricht. Wenn man sich auf C i.e. ad, L in C, Ver- 

iV. Jahrb. f, Phinu. Paed, od, SrU, BibU Bd^ XXXVUI.\fi/)t. I. 2 



18 



Remiflche Literatur. 



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fem cap. 5. § 13. berufen hat, um die Zusammenstellung Jon pß- 
triua und avüua zu schützen, so muss ich bemerken, dass icn 
auch dort kein Bedenken getragen herzustellen: milla re$ tarn 
patrita cuiusquam atque avüafuit, quae non ab eo^tmpeno 
98iiu8^ abiudicaretur , was nicht blos die verschiedenen Lesarten 
patria und paterna (Cod. Leid.) sowie die Nähe von oti/wä ziem- 
lich wahrscheinlich machen , sondern auch „libri quidam Vabncii 
ad Tuscul. 1. i.) ausdrücklich haben. Die Stelle pro M. Caelto 
.4,34. ist anderer Art. Dort heisst es: Cur te fraterna vttta 
potius quam bona paterna et avita et usque a nobis quom tn 
viris tum infeminis repetüa moverunt? • 

Cap. 24. § 59. heiSst es in den meisten und besäten Hand- 
schriften, auch nach Hrn. Mos er' s Zeugnisse, einmüthlg: quiä 
est enim illud^ quo meminimus? aut quam habet vim aut unae 
naturam? Diese Lesart erkennt Hr. M. immer noch nicht an, 
sondern hat die in wenigen Handschriften aus der Kürzung 
ntUfn^ i. e. naturam^ entstandene Lesart natam^ lytvt ^^' 
klammert, im Texte behalten. Ich habe bereits in meiner Auf- 
gabe darauf aufmerksam gemacht, wie die Worte der Handschn ' 
ten zu schützen seien : ^* tlva Ixu dvva(iiv ij yto^sv (H^O "^^^ 
qyvöiv^ würde der Grieche auf gleiche Weise sagen. Unten 
Cap. 29. § 70. heisst es in demselben Sinne: Quae est ei nahtra? 
Da Hr. M. in den Addendis vol. III. p. 393. unsere Erklärungs- 
weise anzuerkennen scheint, bedarf es hier keiner ausführliche- 
ren Darlegung mehr. 

Nicht genug auf die handschriftliche Ueberlieferung gab der 
Hr. Herausgeber auch Cap. 26. § 64. , woselbst er immer noch 
Bedenken trug, die Lesart fast aller, auch der nur einigermaassen 
glaubwürdigen Handschriften: Philesophia vero^ omnitim mater 
artium^ quid est aliud, nisi^ ut Plato^ donum^ ut ego^ ^nventum 
deorum? anzuerkennen und deshalb das in nur sehr wenigen 
Handschriften befindliche ait nach P/ato, was von den neuver- 
glichenen blos Cod. Yind. 2: hat, ganz zu beseitigen. Dass ait 
aus einem Glosseme hervorgegangen sei, beweist auch die in Cod. * 
Rehd. und Ox. 6. befindliche Lesart: ut Flato aapienter dicit 
sapientiam , und die andere im Cod. Oxon. D. ut Piato sapienter 
dicit. Um so auffallender ist es mir aber, dass Hr. M. hier so 
wenig den Vorschriften der diplomatischen Kritik folgte , da er 
doch selbst nicht in Abrede stellen konnte, dass Cicero an an- 
deren Stellen ähnliche Wendungen gebraucht habe , wie de nat. 
deor. lib. L cap. 35. § 97. Quid? canis nonne similis lupo? at- 
que\ ut Ennius^ 

Simia quam similis turpissuma hestia nohis,, 
WO Heindorf aus der interpolirten Glogauer Handschrift eben« 
falls: ut ait Ennius^ fälschlich in den Text brachte, und ebend. 
lib. II. cap. 2. § 4. illum vero et lovem et dominatorem rerum 
et omniu tmtu regentem et , ut idem Ennius^ 



Ciceronis IHsput. Tnacol. ed. Moser. 



19 



pairem divomque hominumque 

et praeseniem ae praepotentem deum?^ wo Heindorf wieder 
sacli derselben interpolirten Handschrift: ut idem Ennius ait^ 
mit Unrecht aufnahm. Ja hätte sich Hr. M. den Grand vergcgen- 
wirtigt; wpdnrch Cicero in jenen Stellen sowohl als in der uns 
hier vorliegenden, jene allerdings den Lateinern weniger als 
den Griechen eigenthymliche Kürze des Ausdrucks einzufüh- 
ren sich bewogen fand, so wiirde er noch weit weniger an der 
>Vahrheit der Lesart der meisten und bessten Handschriften ge- 
zweifeft haben. Er that es ojQFenbar aus dem Grunde , weil in 
diesen Frag- und Ausrufungssätzen eine Ausfüllung des mit der 
Vergleichungspartikel genugsam angedeuteten Verhältnisses die 
Rede zu schleppend gemacht haben würde. Die Griechen 
scheint ein ähnliches Gefühl geleitet zu haben , wiewohl sie sich 
diese Freiheit im Ganzen öfters nahmen. Ueber den Sprachge- 
branch der Griechen vergleiche man Plato de legg. IV/ 
p. 715 exfr. ed. H. Steph. P. III. vol. II. p. 354. ed. Bekk. 6 nlv 
dij ^Bog^t wöitBQ xal 6 itakatog Xoyog^ ^QX^'^ ^^ ^^^ rtXBvtijv xal . 
Iii0a Twv ovTcaiv aTtdvtfDV ^%<ov, hneittn*» Gallua sive somn» 
§5.'!^Tt yuQ Ov ävanBiindt^y zov ovbiqov^ rlg noxB 6 cpcivBls 
öovnv^ Ticcl riva IvSalnaza ndtoiia ÖLa^vldzxBig^ xbv^v nal^ 
(og o noirjTixog ^oyog^ diiBuriv^v tiva Bvdatfioviav tj/ juv^ßy 
fLBtadidHOv; woselbst nur der interpolirte Cod. Reg. I4z8. cSg 
6 TtoiririTiog X6yog tpri^lv hat. S. die in meiner Ausgabe der 
L II dänischen Schrift (Llps. 1831.) p. 24 sq. beigebrachten 
Stellen ans Lucianos Halcyon. § 7. adv^ indoct. § 11. 

Auch im folgenden § 65. hat Hr. M. zu wenig auf das , was 
die bessten Handschriften tins überliefern , gegeben; wenn wir 
bei Ihm noch immer geschrieben finden: Quid est enim memoria 
rerum et verhorum ? quid porro inventio ? Profecto id ,' quo nee 
in deo qtiicquam maius inielligi poteat. Denn, um' davon zu 
schweigen, dass diese Wendung dem Ciceronischen Sprach- 
gebrauche nach unzulässig ist, so fuhren schon die Spuren der 
bessten Handschriften auf eine andere Lesart, sofern Cod. Reg. 1. 
und eine andere sehr alte Handschrift hei Bentley, sodann 
Gud. 1. 2. Marb. lesen: quo ne in deo quidquam etc.^ worauf 
aiich, was ipi Cod. Oxon. ^1. idque ne VLtdeo ete. sich findet, 
hinaus kommt und was dergleichen mehr Ist. Wenn man schon 
hieraus schliessen könnte, dass nee nicht von Cicero's Hand 
sei^ und dass wohl tor quidquam [quidqm] das mit einem Com- 
pendium (vielleicht quid oder quid e) geschriebene quidem aus« 
gefallen sei , so war diese Lesart hier wohl um so eher anzuer- 
kennen, da Codd. Colon. Vihd. 1. und Duisb. , Handschriften, die 
bei allen Interpolationen doch häufig die richtige Lesart mit ge- 
rettet habien^ ausdrücklich: quo ne in deo quidem quidquam 
geschrieben haben. Rec. hatte bereits In seiner Ausgabe im J. 
1835 diese Lesart als die einzig ricbt^ anerkannt , und kann si^ 

2* 



20 Romische Literatur« 

jetit um 80 weniger fallen lassen, da ja auch die neuTergUchenen 
Handschriften des HriK Heraus^, auf dieselbe fuhren. Audi hat 
die Richtigiceit und Nothwendigkeit dieser Emendation Madyi|^ 
in dem gelehrten Excurs. IIL ad Cic. de fin. p. 818. später aner- 
Cannt, den man überhaupt nachlesen mag. Bentley hat bei 
seiner Yermuthung: qua ne in deo quidem maius intelUgi polest^ 
obschon er auf dem richtigen Wege waT, ausser Acht gelassen, 
dass quidquam erstens durch alle Handschriften diplomatisch 
sicher steht, zweitens aber auch in Bezug auf den Sinn seibat 
nicht wohl gemisst werden kann, folglich einen doppelten kri- 
tischen Fehler begangen. 

Was die streitige Stelle desselben § anlangt, wo die Hand-* 
Schriften lesen: Ergo animua^ qui^ ut ego dico^ divinuSj ut 
Euripides dicere attdet^ deus est : et quidem,^ si deus aut anima 
aut ignis est^ idem est animus hominis,^ so wollen wir zwar den 
Hrn. Herausg. nicht tadeln, dass er die Streitfrage verschob, 
indem er das von den meisten neueren Herausgebern beseitigte 
qui in Klammern beibehielt, allein in diplomatischer Hinsicht 
müssen wir Hrn. M. noch Einiges zu bedenken geben. JBr be- 
hauptet, Cod. Reg. 1. habe qui nicht ^ was alle neuverglichenen, 
also auch Cod. Gud. 1. haben. An dieser Angabe muss'man zwei- 
feln, da 'auch Davies dasselbe wohl würde entfernt haben, wenn 
Cod. Reg. 1. es nicht gehabt hätte; das Zeugniss ferner der drei 
Oxforder Handschriften ist blos aus dem Stillschweigen der Ver- 
gleicher entnommen und^ also auch im höchsten Grade ungewiss. 
Und so möchte wohl für die Kritik jenes qui noch ein Object der 
Untersuchung sein. W^der quidem noch cuiusque -[queiueque]^ 
was man aus dem Wörtchen machen könnte, gefällt mir, aber 
eben so wenig die Ansicht derer, welche ein Anakoluthon anm- 
nehmen geneigt waren. 

Auch Cap. 28. § 67. kann ich mich mit Hrn. M.'s kritischem 
Verfahren nicht ganz einverstanden erklären^ wenn er schrieb: 
Non valet tantum animus^ ut ve ipsvm ipse videat etc. Zwar 
haben die bessten Handschriften diese Lesart, wie Cod. Reg* 1. 
(n. Bentl. vol. HL p. 288.) Gud. 1. 2. M arb. Mon. 2. Aug. Duisb. 
Gud. Bern. Vind. 2., allein sie scheint uns aus einer Dittographie 
hervorgegangen zu sein und Bentley das Richtige gesehen zu 
haben, wenn er schrieb: ut se ipse videat. 

Eine recht auffallende Dittographie lässt sich in demselben 
Cap. § 69. fast handgreiflich aus den Spuren der bessten Hand- 
schriften nachweisen , wenn auch 'di^ Heransgeber bisher an der 
Vulgata, mit Ausnahme des einzigen Bentley, wenig Anstosa 
gehommen haben. Daselbst heisst es: Cumvidemus^ — tumtnul- 
titudinem pecudum^ partim ad vescendum, partim. ad eultua 
agrorum, partim ad vehendum^ partim ad corpora vestienda: 
hominemque ipsum quasi contemplatorem eaeli ac deorum, 
ipsorumque cultorem, atque hominis utilitati agros omnes et 



Ciceronis Dispat. TiucoL ed. Moser. 11 

maria parentia etc. So die gewohnliche Lesart ^ fn Mrelcher Hr. 
Moser in neuerer Zeit weiter nichts loderte, als dasa er statt 
ipsorumque nach acht Oxforder Handschriften, Gnd 2. Dnisb« 
Mon. 1. Marb. Qxii.eorumque schrieb.. Gegen die Aendemng 
würde sich an sich nichts einwenden lassen, wenn nicht eben so- 
wohl der Sinn dei* Stelle selbst als die Lesart der anerkannt bess- 
ten und ältesten Handschriften eine andere Lesart forderten. 
'Denn was zuvörderst den Sinn anlangt, so scheint uns keineswegs 
verbunden werden zu können: contemplator caeli ac deorum^ da 
ja die Anschauung des Himmels im eigentlichen Sinne ge- 
nommen werden muss, wie auch ctmtemplatio caeli bei Cic. de 
divin. I, 42, 03. und caelum suspicere caelestiaque contemplati 
bei dems. de nat, deor. II, 2, 4. und dergleichen mehr torkommt, 
nicht aber so die Anschauung der Götter, die nur im un eigent- 
lichen Sinne genommen werden kann, und es folglich ganz un- 
statthaft ist zu «agen: homo quasi contemplator caeli ac deorum^ 
wie schon Bentlej. mit Recht bemerkte, wenn er sagte: Quid 
enim ? an^ ut komines conte mp lantur caelum et caeiestia^ 
nimifum oculis^ ita et deoa possunt? Doch diesem Uebelstande, 
der allerdings augenscheinlich ist, scheint eine andere Lesart, ton 
drei interpolirten Handschriften, Cod. Rehd. Mon. 2. Oxon. <y., 
geboten, abzuhelfen: hominemque ipsum quasi contemplatorem 
caeli ac deorum cultorem , atque hominis utilitati eic* Denn 
hier steht dann der contemplator caeli für sich und ebenso der 
eultor deorum^ den schon das Horazische (Corm. I, 34, L) 
Parcus deorum cultor et infrequens genugsam sicher zu stellen 
scheint. So w^re zwar nichts Sprachwidriges mehr in der Stelle, 
allein In Bezug auf den Sinn haben wir nichts gewonnen. Denn 
Cicero will ja erst durch Hinweisung auf alles das , was in die 
Augen fallt, das Dasein Gottes, als des Vorstehers und Verwal- 
ters des Weltalls, erhärten^ und es enthält also die Lesart eben 
auch wieder etwas, was Cicero wohl unmöglich geschrieben 
haben kann, zumal auch die Jiächstdem folgenden Worte: atque 
hominis utilitati agros omnes» et maria parerftia^ gar nicht mit ^ 
jener Andeutung, wäre sie auch an sich hier möglich, in Verbin- 
dung gebracht werden könnten, wie dies ßentl-ey ebenfalls 
schon richtig erkannte. Fragen wir nun begierig nach der Lesart 
der bessten und ältesten Handschriften, um vielleicht mit deren 
HiilfediesenUebelstanden allen abzuhelfen, so bieten dieselben 
etwas, was an sich unbrauchbar, uns doch auf den richtigen Weg 
bringen kann; sie lesen nämlich: contemplatorem caeli ae deo- 
rum eoTum cultorem , so wenigstens Cod. Reg. 1* Gud. L und 
Vind. 2« Diese Lesart nun zeigt wenigstens, wie die Vulgata ent- 
standen zu sein scheint. Es befand sich , so scheint es, eorum 
in der Urhandschrift, aus einer Dittogräphie hervorgegangen, und 
vm diesem Worte, was einmal in den Text genommen worden 
war, eine Beziehung zu der übrigen Rede zu geben, schrieben 



s 



22 sRomische Literatur. 

Einige ^ wie oft anderwärts , die Verbindimgspartikel oittsetjEeiid: 
eorumquet wie die meisten Handscliriften lesen, Andere liessea 
das unverbundene ^orum ganz fallen und schrieben blos: ac deo- 
rum cuUorem , wie Rehd. Mon. 2. Oxon. 6. Die ältesten Hand- 
schriften pflanzten auf Treue und Glauben das Ueberlieferte fort« 
Untersuchen wir nun, wie die Dittograpliie eorum entstanden sel^ 
so liegt es auf der Hand, dass das Substantiv, welches ursprünglicli 
hier stand, minder deutlich, wahrscheinlich abgekürzt, an unse- 
rer Stelle gestanden und dass es eine doppelte Deutung deorum 
und earuyt^ wahrscheinlich auch ipaorum^ zuliess, da mehrere 
Handschriften ipsorumque lesen. So hätten wir denn dies fast 
handgreiflich aufgefunden, dass der zu cuUor gehörende Substan- 
tivbegriff in der Urhandschrift, woraus alle unsere Handschriften 
geflossen' sind , undeutlich, wahrscheinlich mit Abbreviatur ge- 
schrieben gewesen sei, dass aber keine Lesart, die die Hand- 
schriften an jener Stelle habep, deorum^ eorum ^ ipsorum hier 
haltbar sei. Hier^iit sehen wir uns in 4ie Nothwendigkeit ver- ' 
setzt , vermuthungsweise der ursprünglichen Lesart nachzugehen^ 
und ich habe nun ebenfalls keine passendere Lesart ausfindig 
machen können, als die^ welche bereits Ben tley fand: contem-- 
platorem caeli ac terrarum cultorem^ atque hominis utilitiUi 
agroa omnis et maria parentie. Denn anzunehmen, Cicero 
habe ursprünglich geschrieben gehabt: agrorumque cuUorem^ 
dies sei in ac rorumq. und dies in ac deorumque und ae eorum-' 
que' verändert worden , was Alles nicht geradezu unmöglich war, 
dies scheint mir deshalb nicht rathsam , weil einestheils agri noch 
specieller hier erwähnt werden , sodann auch diese Bezeichnung^ 
für das allgemeine Walten des Menschen auf Erden zu speciell 
sein würde. Es ist aber die Veränderung von deorum in terra^ 
rum , zumal wenn man auf die Mittelglieder eorum und ipsorum 
Rücksicht nimmt, nicht so gar auffallend, da die Gompendien 
dSl^ und ttOßk [<t^ und fr^], mit welchen deorum und 
terrarum in der Erfurter Handschrift des Cicero bezeichnet wer- 
den, nicht unschwer verwechselt werden konnten. Für diese 
Lesart spricht nun namentlich auch der Umstand, dass Cicero 
in einer der unsern ziemlich ähnlichen Stelle de nat* deor. II, 39, 
99« sagt: Quid iam de hominum gener e dicam? qui quasi cul- 
tores terrae constituti non patiuntur eäm nee immanitate 
heluarum ecferari nee stirpium asperitate vastari: quorumque 
operibus agri^ insulae littoraque collucent distincta tectis et 
urbibus. Und so wird man sich nun wohl so lange mit dieser 
Bentley'schen Conjectür begnügen müssen , bis etwas Besse- 
res gefunden sein wird. Sie giebt uns wenigstens eine Lesart, 
die dem Sinne der Stelle vollkomtnen entspricht. 

C|ip. 29. § 71. bemerkt Hr. M. zu den Worten: Quöd quam 
ita sit , certe nee secerni nee dividi nee discerpi nee distrahi 
potest; nee interire igitur.^ dass ausser Schott's Membr. 



Ciceronu DUput. Tnscoi. ed. Moserr 



SS 



antiq. Cod^ Reg. 1. und ^Giid. 1. ne inierire igüur leaen, dem 
sich Gad. ancchliesse , der ni habe. Er wird also wohl jetzt mit 
uns Madvig^s Emendation (a* dessen Excurs. III. ad Cic. Ubb« 
de fin« p. 818.): ne interire fuidem igitur^ billigen, sumal qui- 
dem aehr leicht, wenn es mit Abbreviatur geschrieben war, aus- 
fallen konnte und sehr häufig ausgefallen ist. S. oben unsere 
Bemerkung a;tt Cap. 2S. § 65, S« 19 fg. 

In demselben § hat Hr. M« ebenfalls die Lesarten der besstea 
Handschriften nicht genugsam beachtet , .wenn wir bei ihm noch 
immer lesen: Socrates — supretno vitae, die de hoc ipso mulia 
disseruii; et päucis ante diebua^ quum facile poaset educi e 
custodia^ noluit; et quum paene in manu moriiferum iUud 
teneret poculum^ locutus üa est etc,^ obschon die bessten Hand- 
schriften auf eine ganz andere Lesart fuhren. Cod. Reg. 1., 
.eine andere sehr alte Handschrift bei Beut ley (tom. IIL p. 289.) 
und Gud* 1. lesen: et tum paene — tenenSy und auf dieselbe 
Lesart fuhren auch Äugt Gud. 2. Duisb. Oxon. ^2. , die h^ben et 
cum — • tenens^ wo nur tum in cum^ wie oft anderwärts, Terindert 
worden ist, sodann Codd. Gud. Marb. Oxon« i(^l., die das zwei- 
felhafte tum oder cum^ welches den Abschreibern nicht zu tenene 
zu passen schien, nicht haben, sodann die letztere Lesart {ienens) 
festhalten; wenige Handschriften, die schon nach den Grundsätzen 
einer genauen diplomatischen Kritik falsche Lesart: et cum paene 
— teneret. Rec. hat bereits in seiner Ausgabe unter Verglei- 
chung der ebenfalls von ihm zuerst nach den bessten Handschrif- 
ten gesicherten Stelle aus Cic. de amic. Cap. 15. § 33. quod 
Tarquimum dixisse ferunt^ tum essulaniem se intellesisse^ 
quo8 fidos amicos habuisset^ quos infidoe^ qüom iam neutris 
gratiam referre possei. und unter Verweisung anf den gleichen 
scheinbar pleonastischen Sprachgebrauch bei den Griechen, 
wie in Isokrates' Panegyr. § 113« ed. Bekk. p. 64, HSteph. 
Uta ov» al0xvvovtcn tag iilv iavtäv no^svg ovrag dvofuog 
dia^ivteg, tijg 6' '^(iBzigag ddlxcog xaztjyoQovvtig; oder in 
Aristoph« Fiat, v. 78 sq. ^Sl (AiccQcitaxB dvSgäv axdvtmv^ 
hlx iölyag xXovtog äv; die Lesart der bessten Handschriften in 
Schutz genommen und, da Hr. M. selbst in dem Jäditam. vol. IIL 
p. 394*. dieser Auffassung nicht abgeneigt scheint, unterlässt er 
es, iiber diese unzweifelhaft richtige Lesart noch Weiteres bei- 
zubringen, den Leser auf seine Bemerkung zum Laelius 1. 1. 
p. 172. verweisend. Ja würde nicht die von Hrn. M. Cap. 19. 
§ 43. empfohlene Lesart : Tum enim sui similem et levitatem et 
calorem adeptus , tamquam paribus examinaia ponderibus^ nul^ 
Iam in partem movetur^ auf ähnliche Weise aufzufassen sein? 

Cap^SO. § 73. schrieb auch Hr. Moser nach den meisten 
und bessten Handschriften: Nee vero de hoc quisquam dubitare 
posset , filst idem nobis accjderet diligenter de animo CQgitanti- 
bus^ quod iis saepe usu venit^ qui quum acriter oculis deficien^ 



« / 



24 Romische Literatur. 

fem (iolem iniuerentur ^ ut adspectum omnino amilterent etc. 
und nimmt mit .den übrigen Herausgebern eine Anakoluthie an, 
ohngeföhr so, dass man sich vor dem Satie: ut adspectum omni- 
no amitlerent^ aus dem Torhergehenden : quod iia saepe usu 
venit , eine Gedankenergänzung zu schaffen habe. Ich bin jetzt 
anderer Ansicht und möchte lieber annehmen, dass der Urhand- 
schrift, aus weicher wir Gicero's T^xt haben, wie oft ander* 
wärts, so auch hier ein« Verderbniss widerfahren sei. Es konnte 
entweder in der Handschrift gestanden haben : quiquomq* acriier 
oculis deficientem aolem intuerentur etc* oder auch Etwas wegen 
ahnlicher Endungen ausgefallen sein, und ohngefahr gebeissen 
haben: qui^ quom acriier oculia deficientem soletn intuerentur^ 
ita ohtunderentur^ ut adspectum omnino amilterent. Doch 
etwas Gewisses lässt sich hier nicht behaupten. 

Cap. 31. § 77. hat sich Hr. M; noch immer nicht überzeugen 
können, dass die von allen. guten Handschriften einm&thig ge- 
schlitzte Lesart: Catervae veniunt contra dicentium nee solum 
Epicureorum^ quos equidem non despicio^ sed nescio quo modo 
doclissumus quisque contemnit : dcerrume aulem deUciae meae 
Dicaearchus contra kanc immortalitatem disseruit, , sowie sie 
die Handschriften geben, beizubehalten sei, indem er noch immer 
contemnit^ was er geklammert hat, für untergeschoben hält. Ich 
habe bereits in meiner Ausgabe erklärt, dass Cicero mit einer 
sehr feinen Wendung durch eine Impertinenz seinem Grolle 
gegen die Epicureer Seiner Zeit Luft macht, indem er sagt ; 
Es kommen Schaaren Andersmeinender undnichtal- 
lein Epicureer, die ich für meinen Theil zwar nicht 
Terachte, aber doch ein Jeder, ich weiss nicht 
warum, um so mehr geringschätzt, je gelehrter er 
ist; am heftigsten aber hat sich mein Liebling Di- 
caearchus gegen diese Unsterblichkeit ausge- 
sprochen. Hier sieht man leicht, dass die Worte: nee solum 
Epicureorum , wenn man sie , wie wir gethan , mehr an das Vor- 
hergehende anschliesst, nicht gerade Im Folgenden ein sed etiam 
etc. erfordern, indem ja in diesen Worten es schon inTolvirt liegt, 
dass, wenn es nicht allein Epicureer, es auch andere Philoso- 
phen sein müssen; weshalb auch dann der Satz: acerrume autem 
deliciae meae Dicaearchus contra kanc immortalitatem disse-- 
ruit^ gar nicht eigentlich anakoluthisch eintritt Was nun aber 
den Mittelsatz: quos equidem non despido^ sed nescio quo 
modp doclissumus quisque contemnit,^ anlangt, so geht Cicero 
sehr klug zu Werke, dass er die Geringschätzung jener philoso- 
phischen Partei nicht gerade Ton sich will Torzugsweise ausgehen^ 
lassen , sondern sie auf die unterrichtetsten Manner zurückführt, 
wodurch das Urtheil um so unparteilicher^ aber auch um so ge- 
ringschätzender erscheint. Einen ähnlichen Weg schlägt der in 
dergleichen Schmähungen gewandte Redner unten ein, Buch IL 



Ciceronii Disput. Toscol. ed. Moser. 25 

cap, 3. § 17.,^ wenn er sagt: quos nan contemnQ epiidem^ quippe 
quosnunquanilegerim,^ was, wenn auch anders auf^eftaat, dennodi 
seine Missachtung 4er Epicureer aiemlich splts aussprieht. 
Da der Hr. Herausg. Bd. 8. S. 394. sich nicht gegen diese meine 
Erklärung ausspricht, sondern nur — und dies ist in der Thut 
kaum Terantwortlich — an einzelnen Warten meines Ausdrackea 
mäkelt, ohne auf den Sinn der Stelle selbst dur obenhin einsn- 
gehen, so will ich auch über diese Stelle nicht ausAhrlicher 
sprechen. 

Auch will ich mich hier weniger bei der Erklärung aufhalten, 
in welcher Hinsicht ebenfalls Manches gegen Hrn. M. einzuwen- 
den sein möchte, sondern wende mich lieber einer Stelle zu, wo 
unter gehöriger Benutzung des diplomatisch Ueberlieferten nach 
meiner Ueberzeugiing der Text der Urschrift wieder gewonnen 
werden kann, Hr. M. jedoch etwas Unlateinisches in Schutz ge- 
nommen hat. €ap. 32. § 78« lesen wir bei ihm : Istos vero [näm- 
lich mktamu8\\ qui^ quod tota in hac causa diffictUimuni esi^ 
suscipiant^ posse animutn mauere corpore vacantem: illud 
Gutem , quod non modo facile ad credendum est , sed , eo con- 
cesso quod volunt\ consequens idcirco^ non dant^ uty quum 
diu permanserity ne intereat Zwar lesen die Handschriften 
id Circo ^ idcirco^ vielleicht, wiewohl gewiss wenige, iccirco^ 
aber wir müssen uns gleichwohl wundern , dass Hr. M. diese ver- 
kehrte Lesart, welche Bentley einst In Vorschlag gebracht, 
Orelli aber mit grossem Rechte als unlat^isch zurückgewiesen 
hat, wieder vorsuchte und in den Text brachte. Auch ich billige 
id cerie^ was eine alte Correctur zu sein scheint, die sich jedoch 
meines Wissens bisher noch in keiner Handschrift fand, nicht 
mehr; aber mit idcirco kann ich mich, wie man auch interpnn-' 
giren möge, nicht befreunden. Jedoch lässt sich aus id circö 
leicht die wahre Lesart herausfinden. Cicero hat nach meiner 
Ueberzeugung geschrieben: Istos vero: qui quod tota in hac 
caussa difficillumum est,suscipiant^ posse animum manere cor" 
pore vacantem^ illud autem^ quod non modo facile ad creden- 
dum est^ sed eg concesso quod volunt consequens^ id vero 
non dant^ ut quom diu permanserit ^ ne intereat. Diese Les- 
art statt der unzweifelhaft corrupten: idcirco non dani^ für die 
wahre zu halten^ bestimmt mich ein doppelter Grund, ein inne- 
rer und ein äusserer. Erstens konnte aus id vero , zumal 

o 

wenn diese Worte .mit der gewöhnlichen Abbreviatur §d U ge- 



schrieben waren, sehr leicht id circo^ was nachweislich td CC 

oder tiiceo in den älteren Handschriften Cicero's geschrie- 
ben und deshalb auch so oft' mit ideo verwechselt worden ist, 
welche Verwechselung man öfters mit Unrecht aus einem Glos- 
seme hat ableiten wollen^ hervorgehen, zumal da In den Hand- 



26 Römiflche Literatur. 

scbrifien id circo meist getrennt geschrlebeD ist, b. Bliendt zu. 
Cic. de orat. I, 26, 118. vol. 1. p. 82. I, 50, 216. vol. I. p. 147. 
Zweitens ist auch das anakoluthische id vero nach dem vorans- 
gegangenen illud autem um deswillen hier fast nothwendig, weil 
niir dadurch , dass schon durch die äussere Redeform ein Abge- 
hen von der begonnenen Consttuction und eine freiere Auffassung 
dieses zweiten Satzgliedes angedeutet wird , der folgende Indi- 
cativ non dant^ den sämmtlicbe Handschriften schützen, nach 
dem vorhergehenden Conjunctiv suscipiant seine gehörige Be- 
gründang gewinnt) weil, da die Wendung id vero etc. die Sache 
mit Nachdruck wieder aufnimmt, der letzte Theil der Rede eine 
grössere Selbstständigkeit der Auffassung erhält und so der Indi- 
cativ ganz an seinem Platze ist. Ueber die Anakoluthie des wie- 
der aufnehmenden i(f, die leicht, ja ich möchte sagen, geßllig 
ist, vergleiche man übrigens noch Üb. II. cap. 6.§ 16. Ergo id^ 
quod natura ipsa — respuit — , in eo magiatra vitae philoso- 
phia etc, mit unserer Bemerkung S. 194. b. 

Im. Vorbeigehen bemerke ich, dass Hr. M. Cap. 36. § 88. 
mit Unrecht , wenn auch nach guten Handschriften: nee carere 
quidem igitur in mortuo est; geschrieben hat. nee entstand 
offenbar aus dem folgenden c in carere^ und ist überhaupt oft in 
dergleichen Stellen von den Abschreibern eingeschwärzt worden. 
Man vergleiche jefzt Madvig zu Cic. de finib, Excurs. III. 
p. 822 sq. 

Auch billige ich Cap. 38. § 91. es nicht, dass Hr. M. noch 
immer ut vor posteritatem statt et ans den meisten und bessten 
Randschriften aufzunehmen sich nicht entschliessen konnte , und 
ebendaselbst nicht schrieb: Quare licet etiärh mortalem esse 
^animam iudicantem aeterna moliri etc. animam^ nicht eint- 
mum^ lesen die. bessten Handschriften, wie Cod. Reg. Gud. 1. 
Oxon. J>. E* V. 1/^2. Gud. 2. Aug. Duisb. Mon. 1. 2. anima 
drückt den edleren Theil des Menschen etwas materieller aus als 
animus , und ist um deswillen gerade hier ganz passend. Auch 
konnte leichter animam in animüm verwandelt werden , als um* 
gekehrt animum in anifiianu In demselben § schreibt Hr. M. 
noch immer: alteri nullt sunt: älteres non attingit, ^ obgleich 
fast alle nut einigermaassen glaubwürdige Handschriften : älteres 
non attinget , bieten , wie Cod. Reg. 1. Gud. 1. 2. Duisb. Gud. 
Oxon. D. U.^, %. i\)l. Da es Cicero vernünftiger Weise frei- 
stand , sich so oder so auszudrücken, da der Sinn der beiden Les- 
arten doch am Ende auf dasselbe hinausläuft,. so niuss hier die 
diplomatische Kritik entscheiden und diese i^t für das von uns 
ischon früher in Schlitz genommene attinget. 

Auch § 92. können wir uns nicht mit des Hrn. Herausgebers, 
kritischem Verfahren einverstanden erklären, wenn er in den 
Worten: Habes »omnum imaginent mortis eamque quotidie 
induis: et dubitaSj quin sensus in motte nullus sity cum in 



Ciceronifl DUpHt. TaseoL ed. Bfoser. 27 

eüis simulaero vid^as' ea9e nuUum seneum? iiocb immer das m 
säratntlicheii Handsehriftea an der Endspitze des Stties wieder- 
holte aenaum getilgt wisaeo will« Ich habe schon in meiner Ani^ 
gäbe darauf aufmerksam gemadit, daas Cicero nicht ohne guten 
Grund dasselbe Wort wiederholt zu |iaben scheine, weil er einea 
Naehdrack darauf legti Die Wiederholung desselben Wortea 
kann also eben so wenig auffallen) als Cap. 19. §43;, wo es 
heisst : nulla eat celeriiaa^ quae p^aaü cum antmi eeleri-^ 
tute contendere^ oder an anderen unzShlichen Stellen, wo um. 
des Nachdruckes oder der Deutlichkeit willen eine Wiederholung 
desselben Wortes stattfindet. 

Ich tuende mich mit Uebergehung einiges minder Wichtigen 
zu Cap. 40. § 97. y wo Hr. M. zwar mit Recht nach den bessten 
Handschriften zuvörderst liest : Q^uis kanc masimi animi aequi- 
tatenß in ipsa morte taudaret^ ai mortem malum iudicaretf^ 
statt dass man früher animi masimi las, im Folgenden aber nach 
vadit mit Unrecht immer noch enim^ was auch die meisten seiner 
Handschriften lesen, nicht in den Text zu nehmen wagte. Da 
enim Cod. Reg. 1. Med. Eliens. pr. tert. BaHiol. Cantabr, und 
Bak. bei Davies, ferner Gud« 1. 2. Au£. Rehd. Gud. Duisb, 
Vind. 1. Math. Öxon. D. 2. 6. i/; 1. einmüthig schützen, so würde 
ich es jetzt unbedenklich aufnehmen, da das Wörtchen sehr leicht, 
wenn es mit Abbreviatur geschrieben war, ausfallen konnte. Es 
soll durch dasselbe der folgende Satz als ein Beleg zu der in der 
Frage enthaltenen Behauptung aufgeführt werden; und wenn 
schon das folgende igitur auch ohne jenes enim die Beziehung 
anzugehen scheint, worüber wir bereits zu Cap..l. § 3. uns aus- 
gesprochen haben, so dient doch die Partikel hier, wo der Sinn 
leicht missTerstanden werden könnte, als sichernde Führerin. 

Cap. 41. § 98. hat Hr. M. imraer noch die von mir bereite 
aufgeocmmeae Lesart: Tene^ cum üb iia^ qui ae iudipum nu- 
merö haberi völtmt , e^maeria , ad eaa venire , q^ vere iudiees 
appelieniur^ Minoem^ Rhadanvanthum ^ Aeaoum^ Triptaiemum^ 
amvenireque eoa, qui iuate et eumfide viserint? haec peregri^ 
natio mediacria vohia eideri poteat?^ welche Bentley schon 
früher mit Recht empfohlen hatte, verschmäht, mit grossem Un- 
recht, so glaub' ich* Denn ausserdem, dass s&mmtlldhe Hand- 
schriften Bentley's, unter diesen Cod. Reg. L, sodann Gud. 1. 
Oxon. if 1. und eine Leidener Haqdschrlft, diese Lesart ausdrück- 
lich, bieten, fuhren auch die Spuren vieler anderen Handschriften 
auf dieselbe Lesaft, wie Codd. Aug. Rehd., die tenere lesen, 
Oxon. f. , der pene schreibt und was dergleichen mehr ist. Man^ 
sieht, dass die äusseren Zeugnisse mehr för iene als das einfache' 
te sind. Wenn nun aber Hr. M. dagegen einwendet, dass durch 
diese Frage Immer etwas Unangenehmes , wenigstens etwas Uner- 
wartetes, ausgedruckt werde und dass schon um deswillen diese 



23 • Romisehe Literatur/^ 

I 

Wendung hier vnsulässig sei, so ist wohl dieser Einwarf kanm 
einer besonderen Beseitigung werth , da ja die Frage nur die An- 
deutung einer Verwunderiuig enthält, die aber eben so gut ober 
ein glückliches Ereigniss, wenn dies- unerwartet kam, entstehen 
kann, als über ein unglückliches., und der ganze Zusammenhang 
erst an die Hand geben muss, wie man die picht ausdrücklich 
ausgesprochene Empfindung zu denken habe. Dass hier eine hei- 
tere und fröhliche Ueberraschung angedeutet werden soll, zeigt^ 
der Zusammenhang und, wenn an vielen Stellen das Gegentheil 
stattfindet, wie zum grossen Theile in den yon Heindorf'za 
Horat. SaL 1^9^73, gesammelten Beispielen ^ so wird dadurch 
noch nicht erwiesen, dass nicht auch das erstere Verhältniss auf 
gleiche Weise ausgedrückt werden könne, zumal wenn der ganze ^ 
Zusammenhang so sprechend ist, wie hier. Ein innerer Grund, 
die durch die äusseren Zeugnisse geschützte Lesart zu verwerfen, 
ist also von daher nicht abzuleiten. Was nun die von Hrn. M . in 
den Text gebrachte Lesart: Te quum ab iis — evaaeris^ ad eos 
venire — convenireque eos^ gut iuste et cum fide vixerint: 
haec peregrinatio mediocris vohis vidfri polest? anlangt, so hat 
eine so enge Verbindung dieser beiden Sätze etwas sehr Auffal- 
lendes; und es tritt bei der ersteren Construction, wenn man 
durch die Lesart tene etc, dem ersten Satze eine gewisse Seibst- 
fitändigkeit verleiht, das Verhältniss der beiden Sätze weit schö- 
ner hervor. Doch das kommt auf eines Jeden Geffihl an und ich 
fuge kein Wort weiter zur Vertheidigung der von mir empfoble- 
nien Lesart hinzu. 

Gap. 42. § 101. heisst es in allen neueren Ausgaben und so 
auch bei Hrn. M.: Quid ille dus Leonidaa dicit? Pergite 
animo fertig Lacedaemonii: hodie apud inferos 
fortaase eoenahimus. Ich möchte jetzt diese Lesart nicht 
längerim Texte dulden. Bekanntlich erzählen diese in den grie- 
chischen Philosophenscbukn wohl sehr oft erwähnte Anekdote 
sehr viele griechische und lateinische Sdbiriftsteller, jedoch 
86, dass auch der erste Satz specieller gehalten ist, wie Di od. 
Sicul. lib. XI. p. 8. TovtoiQ nagi^yysikB taxicag dgiötOTCot* 
BLö^ai^ cjg Iv "^Jidov dsinvfiiSo(iivovg. Plutarch. 
jipophth. Lacon, p. 225. Tolg da ötgaticitaig nagifyyeikBV api- 
6Tonoi8L6&ai>f fig Iv ^AiSov 8einvoicoifi4So(iivov£. 
Stobaeus Serm, VII. p. 91. £vco;|(ot;fftii'0£g alns toTg övfifii' 
XOtg' Ovtag dgtOxäts^ cd tgLaxo^ioi^ mg kv "Ai.9'ov dsi^ 
%viq6ovzsg; Aehnlich Suidas s.v. A-Bmvldfjß' Origen. 
contra Cels, lib. II. p. 71. Ganz so auch die Lateiner, wie 
Valer. Maxim. 111,2,3. extern. Sic prandete^ commüitO' 
nes , iamquam apud inferos coenaturi., ebenso auch S e n e c a 
Epist, LXXXII. und Orosius II, 11., auch Isidorus Origim 
XX, 2, IL Unde est illud ducis alloquium: Prand^eamus^ 
iamquam apud inferos coenaturi. Wenn es nun an sich schon 



dceronis Dispiit« ToscaL ed. Moser. 29 



«nffallend sein Werde , wenn Cicero die bekannte Anekdote^ bei 
welcher eine besondere Variation nicht einmal mög iich war, an- 
ders erzählt hätte , als es yon allen seinen Vorgängern und Nach« 
folgern geschehen zu sein scheint, so wäre dies hier um so auf- 
fallender, weil, wenn man den ersten Satz nach der gewölin- 
liehen Lesart: Pergiie animo forti ^ Lacedaemonii ^ allgemeiner 
fasst, die~ ganze Pointe und der Trager des folgenden: hodie 
apud irrferos forjasse coenabimus^ schwindet. Ana diesem 
Grunde bin ich jetzt überzeugt, dass, wahrscheinlich ?ermittelst 
einer Abbreviatur, prandeie^ was Cicero geschrieben hatte, in 
der Urhandschrift, aus welcher alle unsere Handschriften ge* 
flössen sind , und die nachweislich durch falsch gelesene Kurzun- 
gen auch an anderen Stellen corrumpii^t gewesen ist, ia pergüe 
verändert worden sei; und dass mit Recht in der alteren Zeit 
schon Erasmus Roterodamus, 6ul. Cant er us (s. dessen 
Nov. Lect. lib. VI. cap, 12.), D. Lambinus diese Conjectur 
empfahlen: Denn wenn man dieselbe wegetf des Zusatzea animo 
forti geradezu für abgeschmackt erklärt hatte, so hat mit Recht 
bereits Hr. M. das Unstatthafte dieser Behauptung entkräftet, 
wenn er, obschon selber pergite schützend, sie also erklärte: 
Cibum sumite neque animum despondete ^ quamvis fortasBe hoc 
ultimum prandium futurum sit^ ita ut hodie apud inferoa for^ 
tasse coenaturi simus. Nimmt man noch in der grösseren Ab- 
weichung der Schriftzüge Anstoss, so lasst sich die Verwechse« 
lung nicht so schwer erklären, wenn man annimmt, dass wohl in 
der Urhandschrift geschrieben stand pradete oder pfdete» 
woraus^ dann mit geringer Veränderung /igi/e und pergite gemacht 
werden konnte. Auf jenes Compendlum scheint auch noch Vin- 
dob. !• hiniiuzeigen , Aerprudenter liest, was, wie' schon Hr. M. 
selbst sah , prudef, geschrieben , leicht aus pradete hervorgegan- 
gen sein kann. Doch wie Aem auch sei, innere Gründe sprechen 
zu sehr für pfändete^ und die äusseren sind so wenig bindend, 
dass man wohl /irojirfff^e unbedenklich inCicero's Text nehmen 
darf. Denn wenn einst Bentiey und in neuerer Zeit C. D. 
Beck (s. dessen Comment, de'gloss, in veit. libr. I. [Lips. 1831. 
4.] p. 8.) dadurch' der Schwierigkeit abzuhelfen suchten , dass sie 
diese ganze Stelle von den Worten: Quid tue dux Leonidas 
disitl bis su den Worten: dum Lycurgi leges vigebantj für 
untergeschoben erklärten , so lässt sich für diese Behauptung gar 
kein gehöriger Grund auffinden« Und wenn man hauptsfichr 
lieh hervorhob, dass schon die Wendung e guibua einen fremdeil 
Ursprung dieser Sätze beweise, so hat Hr.M. mit Recht die Be« 
Ziehung derselben auf den vorausgehenden Collectivbegriff gena 
unter Anführung von geeigneten Beispielen festgestellt, wie 
Acad. II, 32, 103. Academia — * a guibua nunquam dictum est, 
de offlc. 1, 34, 122. haec aetaa a lubidinibua arcenda eat — ut 
ewum (seil, adulescentium) — vigeai hiduatria. In sachlicher 



30 , Romisclie Literatur. 

Huigkht enthalten aber die Worte durchaus nichts, was Cicero 
nicht hatte schreiben können« 

Cap. 43. § 103. iesen wir bei Hrn. M. : Crüoni enim nostro 
non persuast^ me hinc avolaturum neque mei me quidquam re- 
lictu^um. Zur Aufnahme dieser Lesart glaubte er sich dadurch 
berechtigt, dass die Handschriften Bentlcj's, unter diesen Cod. 
Reg. 1., sodann Gud. 2. Mon. 1. 2. Vind. 1. Aug. Oxon. D. U, 2. 
ö, ;^. i/; 1. ^ 2. statt der Yulgata quidquam mei lesen me quid- 
quam^ dagegen Cod. Marb. mei quidquam^ Gud. meme quidquam,- 
Ich glaube in diesen Varianten blos das schon von Bentiey em- 
pfohlene neque mei quidquam relicturum zu finden und möchte 
das Pronomen me^ was zum Sinne nicht nöthig ist, da es schon 
in den Torhergehendeu Worten steht, nicht gerade hier wieder- 
holen. 

Cap. 44. § 107. hat Hr. M. nach meinem Dafürhalten eben- 
falls die Gesetze der diplomatischen Kritik verletzt, wenn er 
noch immer herausgab: Tenendum est igitur^ nihil curandum 
esse post mortem, quum multi inimicos etiam mortuos poeni- 
antur. Denn ausserdem, dass poeniuntur Cod. Reg. 1. Gud. 1. 2. 
und andere Handschriften ausdrücklich schützen , so hat auch 
Konius p. 472, 27. und p. 479, 29. ed. Merc. dieselbe Indicativ- 
form poeniuntur^ die schon Orelli mit Recht in Schutz nahm. 
Es will Cicero nicht sagen: obgleich Viele sich auch 
im Tode an ihren Feinden zu rächen suchen, sondern 
er sagt: Was den Umstand betrifft, daas Viele auch im Tode an 
ihren Feinden Genugtliuung zu nehmen streben^ so ist in Betreff 
dessen geltend zu machen , dass man sich im Tode nichts darum 
zu küoHnern brauche. Es ist also cum immer conditional zu 
fassen und folglich war der durch die äusseren Zeugnisse ge- 
/schützte Indicativ beizubehalten, puniantur haben nur die ge* 
fingeren Handschriften« 

Cap. 45. § 108^ hat Hr. M. zwar mit~ Recht die von allen 
Handschriften einmiithig geschützte Lesart: Multa mihi ipsi ad 
mortem iempestiva fuerunt : quae utinam pottdssem obire ! im 
Texte behalten und so, wie ich in meiner Ausgabe, erklärt; 
allein, was uns kaum erklärlich ist, in den Additam. vol. III; 
p. 395. ist er geneigt, dem Rec. in der Hall, Allg. LitL Zeit* 
▼om J« 1836. Num. 137. S. 475., der sich gegen meine Erklärung 
der Stelle ausgesprodien, beizutreten und quam utinam potuissem 
9bire! wiederherzustellen« Mit gresstem Unrechte. Denn wag 
ist in der Rede pro Milane 10, 27«, wo es heisst: nisi obire fa^ 
einoris locumiempusque voluisset^ locus et iempus Anderes als 
iempestiva adfacimts^ und wenn Cicero an jener Stelle sagen 
konnte: locum iempusque facinoris obire\ so konnte er auch 
hier schreiben: quae utinam potmssem obire; und dass er so 
geachneben, müssen wir so lange glauben, so lange wir nieht 



Ciceronis Disput. Tuscul. ed. Moser. Sl 

'darch anssere diplomatische Zen^iase Ton dem Gegellthelle 
überzeugt werden. 

Cap. 47. § 113:^ schreibt Hr. M. noch: Ita saeerdos adveeta 
infanum^ qnum currus esset ductus afilns^ precaia a dea di^ 
citur^ ut Ulis praemium dar et pro pietate^ quod masimum 
homini daret a deo», und macht für die Lesart praemium die 
Auctorität des Cod. Gud. 1. Ang. Mod. 1. 2. Bern. Marb. Vhid. 
1.2. Gud. und der Oxforder, über die wir jedoch kein directes 
Zeugniss haben, geltend. Ich glaubte mit Cod. Reg. 1., simmt- 
liehen Handschriften Bentiej's, Pittoe» Palat. quint Rehd. 
Duisb. Gud. 2. schreiben zu müssen ut Ulis praemii daret ete,^ 
da dieser Genitiv auch anderwärts bei Cicero so vorkommt, wie 
in der Accus. Verr. III, 61, 140. Cogit Scandüium Apronio oh 
Singular em improbitatem atque audaciam praedicationemque 

nefariae societatis HSV mercedis ac praemi dare. ib. 49, 
116. multi HS singulos semis accessionia cogebaniur dare. 
und Cap. 48. § 114* Si ostendam minus tribus medimnis in iu" 
gerum neminem dedisse decumae.^ wozu man Zumpt Bd. 1« 
S. 531 fg. vergleichen kann , und billige auch jetzt noch diese 
Lesart, soferne man sich nicht leicht erklären kann, wie praemii 
aus praemium entstehen, wohl aber wie praemii in praernium 
verändert werden konnte. Hätten jedoch sämmtliche Handschrif«' 
ten Bentley's, wie es nach der Angabe jenes Gelehrten bei 
Hrn. Moser Bd. 3. S. 306. scheinen könnte, ut illud praemii 
daret etc.^ so wäre ich sehr geneigt vorzuschlagen: ut Ulis id 
praemii daret ^"^ sofern tlltstd leicht in Ulis oder auch in illud 
iibefgehen, und sodann die anderen Veränderungen nach sich 
ziehen konnte. 

Cap. 49. § 117. liest Hr. M. noch immer: At vero sapiens 
ille.^ obschon Codd. Reg. 1. Gud. 1. 2. Aug. Mon. 1. 2. Marb.. 
Gud. Duisb.: At vero ille sapiens^ lesen, was ich bereits in mei- 
ner Ausgabe in den Text nahm; dahin föhrt auch Cod. Yind. 1., 
woselbst geschrieben steht: at vir ille sapiens^ so dass man sich 
billig wundern kann, warum Hr. M. diesen Handschriften, den 
ältesten und bessten, nicht Folge leistete, zumal da die Wort- 
stellung aus den Oxforder und anderen Handschriften in der Re- 
gel nicht besonders notirt ist, so dass man annehmen kann, dass 
auch sie jene Wortstellung haben. 

Noch einmal finden wir Hrn. M. zum Schlüsse dieses ersten 
Baches Cap. 49. § 119. nicht auf dem richtigen Wege , wo- er den 
besseren Handschriften etwas zu viel einräumte. Dort heisst es : 
Cras autem et quot dies erimus in Tusculano^ agamus haec etc^y 
wo unser Hr. Herausg. neuerdings aus Cod. Reg. %. (jedoch nur 
nach Bouhier's Zeugnisse, seine CoIIation schweigt), Gud. 1. 2. 
Rehd. und einer Leidener Handschrift quos' dies statt quot dies 
aufnahm. Wir können ihm hierin nicht beipflichten. Denn er- 
stens scheinen sämmtliche übrige Handschriften quot dies zu 



32 Romische Literatur. 



f 



tchutsen und der Sinn di^r Stdle selbst diese Lesart besser sn 
empfehlen^ zweitens sind auch ^fio/, aliquot und die übrig^en 
hierher gehörigen Wendungen sehr oft, selbst in den bessten 
Handschtiften ^ durch Verwechselung mit den Pronominalformen 
verderbt worden', wozu auch hier Fr. Fabr. das richtige Mittel-» 
giied gibt, der quod liest. War nämlich einmal quot in quod^ 
was sehr leicht geschehen konnte , verschrieben, so corrigirten 
dann die Abschreiber nicht mehr quot , sondern quo». Ein ähn- 
liches Verhältniss fand statt in Cicero' s ActU8. üb. IV. cap. 16. 
§ 36. Me enim tabulaa tuaa habere et proferre oportebat, Ve^ 
rum negas te horum annorum aliquot confecisse^ wo nämlich 
ebenfalls die gewöhnliche Lesart aliquot durch die Lesart des Ca 
Stephanus und der Wolfenbntteler Handschriften aliquid ver- 
drängt worden war, mit Recht jedoch Madvig (s. dessen 
Opusc, Acad, p. 359.) die alte Lesart zurückrief, welchem ich 
und Orelli folgten. Das richtige Mittelglied gibt aach dort Cod. 
Reg. mit seinem aliquit (sie!), welche Verschreibung das fehler- 
hafte und dort kaum erträgliche aliquid in*s Dasein gerufen zu 
haben scheint. Auch inHorazens Briefen Buch L Er. 6. V. 42« 
tarnen quaeram et quot kabebo Mittam. zeigt sich gleicher Weise 
die Variante quod^ und an unzähligen anderen Stellen sind, wie 
gesagt, jene Formen verderbt worden. Kehren wir zu unserer 
Stelle zurück, so habe ich hinsichtlich des Sinnes bereits bemerkt, 
dass demselben quot dies besser entspricht, sofern es die Zahl 
bestimmter und sicherer hervorhebt, während quos dies nicht 
dasselbe thut. Vergl. oben Cap. 4. § 8, Itaque dierum quinque 
scholaSy ut Graeci appellant^ in totidem lib'ros contuti. Es 
ist also hier quot dies erimus in Tusculano so viel als: et quo- 
iidie , quam diu erimus in Tusculano. Wenn sich Hr. M. auf 
Nepos Milt» Cap. 8. beruft, woselbst es heisst: Chersonesi 
omnes — quos habitarat annos^ perpetuam obtinuerat domi- 
nationemy so ändert dort das hinzugefügte omnes ^ sowie das fol-; 
gende perpetuam die Sache ganz ab , abgesehen davon, dass eine 
solche Stelle an sich wenig Beweiskraft für seinen Zweck hat. 

Wenn wir schon an diesen sämmtlich aus dem ersten Buche 
entnommenen Beispielen gezeigt zu haben glauben, dass auch 
nach Hrn. M.'s Bearbeitung noch gar Manches für die Tusculanen 
des Cicero zu thun übrig sei, so wollen wir nun noch einige 
wenige Stellen aus dem zweiten Buche hervorheben, um unsere 
Behauptung zu erhärten, zugleich aber den geneigten Lesern zu 
zeigen, dass wir selbst auch fort und fort bedacht gewesen sind, 
das kritische Material zu diesen Büchern zu prüfen und aus den 
angehäuften Schlacken auch Manches aufzunehmen , was der Be- 
rücksichtigung nicht unwerth sein möchte, 

Cap. 3. § 7. hat auch Hr. M. mit den übrigen Herausgebern 
die handschriftliche Lesart: Quid enim dicant^ et quid seniiant 
tt, qui sunt ab ea disciplina^ nemo mediocriier quidem doctus 



Ciceronis Dispnt« TosoiL ed. Moser. 88 

ignorat.^ beibehalten , indem er aioh toch a«f Cic« od Herenn. 
IV, 4, 7. id faciie faoiat quivis mediocriier liÜeratuB, und de 
finib, in, 1, 3. Quod quidemnemo mediocriier doetue mirabiiur. 
berief. Dass jedoch diese Stellen insofern ?ersehieden seien» 
weil bei der einen quidem gar nicht da ist, in der sweilen eine 
ganz andere Beziehung hat, bat bereits Hand sn Wopkena 
S. 80. mit Recht bemerket* Mir ist immer L a m b i n 'a Conjectnr : 
nemo ne mediocriier quidem doctus ignoraty welche den Schrift- 
zügen nach so leicht isit, an dieser Stelle höchst annehmbar und 
fast nothwendig erschienen. Auf ähnliche Weise heisst es in der 
Schrift ^de oratore I, 20, 91« Nam primum quaii dedita opera 
neminem ecriptorem artis ne mediocriier quidem diserlum fiu 
isse dicebat. Auch MadTigzuCic. de fin, 1. 1. p. 348. scheint 
L a m b i n ' s Conjectur als nothwendig anzuerkennen. 

Cap. 6. § 16. schreibt und interpungirt Hr. M« also: Ergo^ 
id quod natura ipsa et quaedam generosa virlus stalim rßspuit^ 
ne dolorem summ'um malum dicereß oppositoque dedecore aen^ 
tentia depellerere ; in eo magistra viiae phitoaophia tot aaecula 
permanet? indem er hierbei HandzuWopkens S. 81. folgte, 
dem auch Orelli in Wolfs Vorlesungen S. 375« beigetreten 
war. Wir halten aus mehreren Gründen diese Ansicht für ganz 
unhaltbar. Denn erstens giebt sie gar keinen richtigen Sinn, 
zweitens macht sie auch die Rede weit unbeholfen^, als wenn 
man so , wie wir gethan , eine leichte Anakoluthie annimmt und 
schreibt : Ergo id , quod natura ipsa — respuit — , in eo etc. 
Es ist dann, wie oft anderwärts (s. oben zu Buch I. Cap. 32. 
§ 78.) , das Toraasgeschickte Pronomen id ohne weitere Berück* 
sichtigung geblieben und sodann f;i eo-anakoluthisch eingesetzt 
worden , wodurch die Rede nicht nur einen angemesseneren Sinn 
erhält, sodann auch weit leichler und gefälliger wird, als auf 
jene Weise. Dieselbe Ansicht theilt jetzt auch Madvig zu Gic. 
deflnib. 11, 33, 107. p. 325., der noch anführt Glc. ad Attic. 
lib. XV. ep. 3. § 1. Nam illa^ quae recordaria Lentulo et 
Marceilo eonaulibua acta in aede ApoUinia^ nee cawaa eo- 
dem est nee aimile tempua etc. 

Ich übergehe einiges minder Wichtige und wende mich den 
Ton Cicero aus Sophocles' Trachinierinnen iibersetzten Ver- 
sen zn , zu welchen ich zwei Emendationen nachzutragen habe, 
die einestheils für den Sinn jener Verse selbst nicht unbedeutend 
zu sein scheinen , anderntheils aber auch in sprachlicher Hinsicht 
einige Beachtung Terdienen möchten. Dort spricht zuvörderst 
Hercules Cap. 8. §20. also: 

Ues fiftn hoatüis dexlra^ non terra edita 
moliBS Giganium y non b^ormaio impetu 
Centaurw f ictus €wrp0iipßisßit meo : 
non Grata vis, non barbara uüa immanitasy 
N. Jahrb, f. PhU. «. Päd,'oiL KrU. Bibi, Bd. KK^Yhl. Hfl. 1. 3 



84 Romlseke Literatur. 

r 

«Ion «000a ierrk gena relegata tdtimU^ 

qtu» peragransj undique omnem hie ferilatem expuU: 

»edfeminea mV, feminea interimor manu, 

SoHr. M. ; doch abgesehen davon, dasg wohl s(litt non^ terra 
ediia zu sehreiben war: non Terra edita^ dass wohl auch m Be- 
zug auf die Lesarten inflixit und inflxU^ worüber die Hand- 
schriften schwanken, sich aber doch der Zahl und dem Rangö 
nach mehr für inflxit entscheiden , noch eine anderweitige Unter- 
sucliung nothig gewesen wäre, so macht die Hauptschwierigkeit 
der Vers : 

quas peragrans , undique omnem hic feritatem expulL 

Denn wenn auch die meisten Handschriften hier hic^ wofür man 
frülier gewöhnlich hinc las, schützen, wie Cod. Reg. 1« Gud. 1. 
(ic) Gud. 2. Bern. Duisb. und sämmtliche Handschriften bei Da- 
vies, wohl auch die meisten Oxforder, so gibt dies Wort doch 
im Cfrunde gar keinen Sinn. Denn will man es örtlich verstehen, 
so passt es nicht zu undique^ nimmt man es SBixuHcag von der 
ersten Person, so war an dieser Stelle wenigstens gar kein Grund 
vorhanden, warum gerade hier jene Hervorhebung , die an sieh 
unpassend ist, eintreten sollte. Kurz hie passt gar wenig zum 
Sinne und, wie störend dies schon den alten Abschreibern er- 
schienen, sieht man daraus, dass viele, wie im Cod. Reg. 1« 
Gud. 1. 2. Aug. Duisb. Marb. Oxon. 6. ;^. '^2., in Folge dessen 
espulity was noch weniger passt , statt exjDtf/t schrieben. Eben 
so wenig ist aber auch die Vulgata kinc^ welche .wenig hand- 
schriftliche Auetoritat für sich hat , dem Sinne entsprechend, da 
das Wort undique das Vcrhältniss schon an sich genug bezeichnet. 
Ich habe deshalb bereits in diesen NJbb. Bd. 33. (Hft. 2.) S. 209 fg. 
heme^t, dass Cicero hier gewiss geschrieben habe: 

quas fcragrans undique omnem ecferitatem expuli,, 

worauf auch Cod. Gud. 1., der tc liest» Cod. Marb., der s«c hat, 
ziemlich deutlich fahren. Ich konnte mich auch am angeführten 
Orte schon darauf berufen , um das Wart ecfaritaa oder efferiias^ 
was in seinen Sippen ecferus oder efferus bei Virgii, sodann in 
ecferart bei Cicero selbst nocli erscheint, nicht nur als latei- 
nisch, sondern auch als ciceronianisch sicher zu stellen, 
dass dasselbe Wort auch in der Rede pro P. Sesiio Cap. 42. § 94. 
in der Stelle: eosqtie es feritate illa ad iustitiam atque man- 
suetudinem iranaduserunt. nach dem Zeugnisse der bessten hand- 
schriftlichen Auctorität, Cod. Reg., der ausdrücklich: eosque ex 
ecferitate illa etc. hat, und Codd. Bern., die ex efferilate lesen^ 
herzustellen sei, worüber ich auf das in diesen NJbb. Bd. 22. 
8. 167. ausfuhrlicher Dargelegte schon dort verwies. Sowie ich 
nun noch heute diese Bmendation als unumgänglich nothwendig 
für jenen Vers anspreche , so muss ich auch für den Vers Cap. 9. 
§ 21. , der gewöhnlich also lautet: 



dcerom Diipttt. Tuscol* ed. Moser. 35 

Sie feminata viriUB a^ftkta ocdäU 

eine fibnliche Verbesseniiig in Ampruch nehmen. Denn anch 
hier bestimmt mictt Zweierlei, an der Wahrheit der gewöhnlichen 
Lesart su zweifeln. Er« tent sieht man nieht recht ab, was die 
PartÜLel stc hier weile; und an derselben nahmen nach sdion frO* 
here Herausgeber Anstoss ond, da im Griechischen der Vera 
also lautet: 

vvv d* Ix toiovtov 9ijXvg BCgt/nai täXaß. 

80 wollte Davies und Wakefield lesen: 

Sed feminata virtuM a^^flkta ocddU. 

Jedoch ist diese Abweiching, an eich «war nicht so gar auffal- 
lend, doch schwer zu erlEÜren, und da man aus der ganzen 
Steile sieht, wie wenig sich Cicero bei seiner Uebertragnng an 
das Getriebe der griechischen Partikeln gehalten hat, so 
ist eine solche Aenderung mit Recht far sehr wenig nützlich und 
nothwendig von den Herausgebern geachtet worden. Doch ausser 
dem störenden sie fllit in der Vtilgata zweitens das Wort 
feminata mir nicht wenig auf, nicht als ein axag l^fLWOv bei 
Cicero und in der übrigen Latinitit, sondern, weil es in der 
Bedeutung, die es hier haben «oll, aller Analogie ermangelt, 
und wohl kaum tou Cicero oder sonst einem Lateiner wurde 
gebildet worden sein, da /emtnore nnd/^minit/fo, Wörter, welche 
zwar erst später in der Schrifb^rache erseheinen , gewiss aber 
«chon früher im Hunde des Volkes und der Aerzte vorhanden 
waren, auf einen ganz anderen Gebrandi dieser Wortform wiirden 
hingdeitet haben« Nimmt man dazu noch, dass die Bildung ei- 
nes Verbums /emtiiore von femina ohne vermittelnde Präposition, 
an sich .schon minder wahrscheinlich ist , so wird man wohl 
unsem Zweifel an der Richtigkeit der überlieferten Lesart nicht 
unbegriuidet finden nnd gendgt sein, mit uns aodi hier zu lesen : 

Heuj mrgvnalem me ore ploratum edere^ 
quem vidit nemo ulli ingemisceniem malo: 
ecfeminata vtrtua adJUcta occidit» 

effeminata lesen Oxon« £, i,. 91 arb. Aug. Vind. 1. Rebd.» ohne 
jedoch, wie es scheint, sie wegzulassen, und wohl auch noch viele 
andere Handschriften, .da schon Comm* Anon, ap. Leod* a Queren 
«agt: rJn aliis Codd, effeminata^^y wodurch unsere Annahme 
mn so wahrscheinlicher wird, ecfeminata ging in ie und kic femi^ 
nata eben so leicht überi als oben eeferitatem in tc und hieferi- 
totem und, da ic oder hie b;eineQ Slnu gab, schrieb man4afur «tc, wie 
}a auchoben Cod. JUarb* siejeritatem dsjcbot. Das», aber in der 
ältesten Handschrift, ans der alle unsere E(andscbriften hervor- 
gingea, ecfeminatus in diesen Büchern anderwärts gesdirieben 
war , gebt daraus hervor, dass Davies und üb. Ul. Cap. 17. % 
36. wabcscbeiiili^h au« Cod. Reg. 1« eefeminata liest und nneb 

3* 



86 Römische Literaton 

* . - • • _ » 

Hr. M. daselbst (Bd. 2. S. 118.) tnmebkt, dass Cod. Giid. 1. a. pr. 
m* also lesen« Dieses «c, war es einmal von seinem. Compositum 
ab^ertsaeO) ward dann ganz beliebig, je nachdem es der Sinn er- 
forderte^ in eine ähilliehe, bisweilen auch den ersten Schriftiü^^en 
anscheinlich minder entsprechende Form gebracht, wie unten 
Cap. 17. § 39. in den Worten non potest ecfari eic, statt eefari 
gerade die bessten Handschriften Codd. Reg. 1. Gud. 1.2.'Mon. 2« 
Bern. Rehd. drei Oxforder, haecfäri^ Codd. Mon. 1. drei Oxfor- 
ierhqcfari^ Cod. Aug. hoc effari und Oxon. if 1., haec effari bieten 
(eine Lesart, die gerade so wie oben in einigen Handschriften sie 
effeminatUf dadurch entstand, dass man die ursprüngliche Lesart 
mit der Corruptel verband), während nur sehr wenige, wie Duisb. 
Vind..2. «[^art haben und eo/art, worauf alle Spuren In den Hand- 
schriften deutlich führen, wohl gar keine Handschrift ausdrück- 
lich fichützt. Aehnliche Varianten finden sich ferner Cap. 14« 
§ 82. und an vielen andern Stellen dieser Bücher, so dass unsere 
Vermuthung, dass auch hier ecfeminata herausellen sei, wohl 
kaum noch von irgend Jemandem angeaweifelt werden wird. 

Wenden wir uns zurück zi^ unserm Texte, so bietet uns Cap« 
11. der § 26. mehrfache Veranlassung. zu diplomatisch genauerer 
Sicherstellung des von Hrn. M. gegebenen Textes. Dort lesen 
wir bei Hrn. M. zuvörderst: Probe dids, Sed is quasi dictata^ 
tmlio dileclu^ nulia elegantia: Philo noater et proprium nume- 
rutn et lecta poemata^ et loco adiungebat. Diese Worte enthal- 
ten, wenn wir Mos auf den Sinn der Stelle sehen^ tfichta Falsches, 
allein prüfe nwir die Lesarten der ältesten und bessten Handachrif« 
ten^ so müssen wir an ihrer Richtigkeit zweifeln. Nämlich simmt- 
licfae Handschriften Bentley'a sowie die meisten belDavie«, 
unter ihnen auch Cod. Reg. L, sodann Oxon. 6. Palat tert. lesen 
ausdrücklich: Philo, et preprium noster et lecta etc.^ ähnlkh 
Marb. Philo pr^rium noater , und darauf führen auch Cod. Gud. 
1. Philo et proprium nft et lecta ^ Gud. 2. Philo etpropriua nr» 
et lecta, Aug. Philo et propriua nostram et electa etc. Man 
sieht, dass diese Handschriften alle auf eine und dieselbe Lesart: 
Philo et proprium noater et lecta poemata etc. hinführen. Gleich- 
wohl bin ich aber gar nicht mehr geneigt, diese Lesart an 
sich in Schutz zu nehmen , aondem glaube nur , sie zu folgen- 
der Annahme benutzen zu können. In der Urhandsehrift, aus 
welcher alle unsere Handschriften flössen, stand geschrieben: 
Philo et proprium §tuü et lecta poemata etc. Dieses oder ein 
ahnliches Compendium statt es numerum^ wie sie sollten, zu lesen^ 
verwechsdten die Abschreiber mit dem Compendium nr und schrie- 
ben noster, oder mit dem Compendium nrü "und schrieben, wie im 
Cod. Aug., naatram. Da dieses noater ^ was die meisten und il-* 
testen Handschriften bieten , an jener Steile ganz unpassend er- 
schien, nahmen es die Abschreiber hinanf au Philo ^ wo es aller-' 
dings mehr an seinem Platze war, und schrieben , indem sie auch 



CiceroDis Dupvt TucuL ^. Moser. S7 

profriiim.in pr^fjuiami^fetMt^tBn^ bqo mio nosier ei prapria 
et leeta poemata^ wie Codd. Oxon. 2. Rdid Gud. aasdrncUich 
lesen, andere hingefen nalmien swar nosier sa Philo ^ lieaaen 
aller dann das ihnei» lästige et proprwm weg, und schrieben blos: 
Phüo noater et leeta poemata etc» Aus allen diesen Varianten 
ergiebt sich also mit ziemlicher Bestimmtheit die Lesart: PMlo ei. 
proprium numerum et lecfa poemata et loeo adiungebaty welche 
ich jetzt ganz nach der Schutzischen Erklärung, die ich fnl- 
her nüt Unrecht verwarf, aufgefiisst wissen möchte, wie aucli 
Hr. M . that. 

Doch es bleibt noch eine andre Aufgabe für die diplomatisch 
genaue Kritik in diesem § sa lösen «brig. Es heisst nSmlich bei 
Hrn. M. ferner: Itaque poatquam a^amavi hanc quasi senilem 
declamationem^ studiose equidem utor nostris poeUsi sedysicubi 
tili defecerufit^ verti muUa de Graeeis^ ne quo ornamento iu 
hoc genere disputationis careret Latina oratio^ Gegen diese 
Lesart würde dch wenig einwenden lassen, wenn nicht das Zeug- 
niss der Sltesten und bessten Handschriften dagegen wäre. Denn 
nach verti setzen Codd. Reg. 1., zwei Codd. Gud. 1. 2. Aug. Rehd. 
Gud. Vind. 2. Bern, vier Oxforder, sodann Palat. tert. quart, quint« 
noch enim ein, wofür eine geringere Anzahl Handschriften,, wie 
Oxon. D, E. £/. £. Palat. pr. sec. Mon. L 2. eine Leidener Hand- 
schrift bei B o u h i e r eerte lesen, während Hr. M. für seine Lesart 
nur Duisb. Vind. 1. Ms. in marg. Aso. 2. anführen kann. Aus den, 
Lesarten der ältesten und meisten Handschriften sieht man, dass 
in der Urhandschrift, aus welcher wir unseren Text haben, wenig" 
stens noch etwas gestanden haben müsse ; denn, woher wären 
denn sonst jene Varianten enti» und eerte entstanden* Diese bei- 
den Lesarten nun so zu vereinigeu, dass, indem man ihren ge* 
meinschaftlicben Ursprung aus einer Quelle ableitet, zugleich 
eine Lesart aufgefunden wird, die dem Sinne der Stelle ent- 
spricht, muss hier Aufgabe des Kritikers sein.^ Diesen Verei« 
nigungspunct jener beiden Lesarten in etiam zu finden, wie 
mir und Andern früher in den Sinn kam, halte ich jetzt fnr 
unsuiässig. Denn etiam konnte wohl , wie anderwärts ge- 
schehen, in enim übergehen, nicht so leicht aber in eerte; auch 
ist diese Partikel in Bezog auf den Sinn höchstens zulässig, keines« 
wegs aber besonders annehmlich. Somit glaube ich, dass das 
Wahre ipse sei , was sieh meines Wissens zuerst in der Ausgabe 
von C. Stephan US (Paris, 1543) findet und wahrscheinlich nicht 
aus blosser Conjectur, sondern aus einem gut gelesenen Compen- 
dium, auf dessen früheres Vorhandensein- auch die Variante eerte 
fuhrt, hervorgegangen ist. Diese Lesart, welche enim und eerte 
vereinigt, giebt aber einen ganz angemessenen Sinn , indem d»« 
durch ein richtiger Gegensütz zu den Worten: sieuhi Uli defe'^ 
eerunt^ gewonnen wird, wenn man schreibt: Itaque^ postquam 
adamavi hone quasi sehHem declamationem ^ studiose equidem 



SS Römische LilAVstur« 

« 

üior nosMs poBtü^ sei 9ümbi tUi d&fgeermnt ^ wrli tp$e wmlia 
de Oraeeis , ne quo omamento in hoc genere dUputationi» ca-- 
reret Latinn oratio. Auch hier hetfe tch die Streitfrage anf ein 
Aicberefl Endresultat gefShrt su haben und bemerke nurnoch, daaa 
auch Bentiey die von mir in Schuts gcfnommene Lesart em- 
pfohlen hatte. 

§ 27. achreibt auch Hr. M. wie die Qbrigen Heransgeber s 
Beete igitur a Matone edueuntur (nSmlich poetae) es ea eioitaie^ 
quatnfinsUMle ete.^ obschon das in seiner Ausgabe gesammdte 
kritische Material: ihn auf einen andern Weg bringen konnte, der 
Sinn auch selbst eine andere Lesart empfieliit. Deshalb nehme 
ich jetat nach M advig s (su Gio. de flnib. V, 19, 5L p. 709.) 
Vorgang die Lesart: eiieiuntur aus den Codd. Eliens. sec. u. Bak« 
bei Dar i es «riilig an, da auf dieselbe Lesart auch die Spuren 
der meisten, ältesten und bessten Handschriften fast einmüthig 
fuhren. Denn abgesehen davon, dass die meisten Handschriften, 
wie Ck>d. Reg. 1. drei Leidener bei Bouhier, drei Oxforder und 
andere mehr, nicht edueuntur^ sondern blos ducuntur lesen, in 
welcher Lesart man ettCiuntUV^ wenn nur das erste t etwas 
hoher gesogen war , leicht erkennt , so haben auch andere Hand'* 
fichriften, wie Cod. find. 1 Marb« dieuntur^ was fast noch ent* 
schiedener auf ektCitfflftl^f* hinceigt, andere ferner, wie Cod. 
Aug. und Rehd. deiciuntur^ was noch ausdrücklicher auf eOciun-^ 
für hinfuhrt. Dass aber auch dem Sinne eiieiuntur weit besser 
totspreche, als edueuntur sah bereits M advig a. a. O. Dend 
wetin gleich Plato selbst einen etwas schwächeren Ausdruck 
änonsfAnsiv braucht, was im Lateinischen wenigstens entfl- 
tere heissen mtisste, so brauchen doch auch, wie bereits Da vi es 
'nicht in Abrede stellte, die flbrigen Schriftstellen stärkere Aus- 
drucke, wie Athen. l{b.V.p. 187» üb. XI. p. 505. Origenes adv. 
Cele. üb. IV. p. 186. ixßaXlBLV^ Augustinus de civ. dei 11, 14« 
pellere^ Mi nu eins Fjelix Octav, cap. 22. gerade unser eiicere. 

Cap. 13. § 30. liest jetzt auch Hr. M.: ut omnia praeterea^ 
guae bona corporis et fortunae putantur^ peresigua etpernänuta 
videantur. Hier bestimmt mich jetzt hauptsächlich die hand-^ 
achriftliche Anctorität, von der von mir früher ebenfalls gebilligtea 
Lesart abzugehen. Denn nur sehr wenige Handschriften , *wie 
Mon. 1. 2. zwei Oxforder und Palat. pr. geben perminuta^ was 
recht fuglich durch eine AssimiUrnng an das vorhergehende per^ 
exigua sowohl in jenen geringeren Handschriften als in den alte* 
ren Ausgaben, welche diese Lesart schützen , entstehen konnte. 
Die bessten und meisten Handschriften , wie Cod. Reg. 1., nicht 
blos nach Bergers, sondern auch nach Krampfs Verglei- 
chung bei M advig zu Gl c. de flnib. III, 11, 36. p. 410., Gud. 
1. 2. Bern, a pr. m. und wohl fast alle neuvergiichenen bei Hrn» 
Moser, die Oxforder Handschriften zum grossen Theile, geben 
deresigua et mhuta. Nicht nur die bereits von Orelli früher 



CiceronU Di^nt« TaacuL ed. Momt, 89 

angeßiirte äleUe aus CIc. ad AUie. lib. XIV. ep. 16. S^« ^•- 

bkeum htc perhanorißee eiMtniceVclüviuw^woperaniieein mätg. 
Criit. wohl blosse Conjectur J^l, sondern auch andere SteUen 
schütaen die Lesart der bessten Handschriften. Denn auch bei 
€ie. de ßn. III, 11, 36« hat neuerdings Mad vig die Lesart: Sed 
haec fuidem est perfaciÜs et espedüq defetisio, nach Codd. Spfr. 
Gnd. I. Oxon. £^ |. mit Recht beibehalten, indem er sicli anCCic. 
ad Quint,fr»iih, I. ep. 1. cap. & S 18. beruft, woselbst es heisst: 
Deleetue in famüiaritatibue et provincialium homiftum et Grae^ 
corum pereautue et düigene^ ohne dass irgend eine Variantcf an^ 
gegeben würde. Zu den Steilen , an welchen die Handschriften 
die Wiederholung der Partikel per schntsen, fuge ich hiniu Cle* 
pro HL Caeiw 20, 50. num tibi perturpe aut perflagitioeum eeee 
vüteatur. 

Aadi über Cap. 16. § 37« müssen wir in Besug auf die von 
uns vorzugsweise hier au vertretenden Grundsätze einer genaneni 
dtplomatisehen Kritik noch einige Bemerkungen machen. Zuvor« 
derst heisst es hier bei Hrn. M.: Militiam vero — (nostram dUo^ 
noH Spartiatarum^ quorum procedit tnora ad tibiam^ nee ndhi- 
betur uUa eine anapaestie pedibus hortatio) — nostri esercUue 
primUm unde nomen habeant^ tndes. In diesen Worten haben 
alierdiaga sämmtliche Handschriften mäitiam vero^ allein wie man 
auch diesen Accutativ hat zu rechtfertigen gesucht i so bleibt er 
doch höchst auffallend ; und nimmt man dazu noch die Leichtigkeit) 
mit welcher wegen der folgenden Worte: noatram dieo^wm Spar-» 
<ta<ar»m, vielleicht ein unverstandiger Abschreiber die Worte: mi- 
liiiam vero noairam dico zusammenlas, so scheint es mir eine 
höchat geringe Aenderung zu sein^ wenn man liest: MUitia 
vero — noBtram dico , non Sparttatarum — .hortatio — 
nostri esercitus primum unde nomen habeanty vides. Diese 
Aenderung ist alier in Bezug auf den Sinn nicht nur sehr 
zwedcmässig, sondern auch fast nothwendig. Wir erhalten durch 
dieselbe eine leichte und auch sonst in Gicero's Schriften öf« 
ters vorkommende Anakoluthle, durch weiche ein in derselben oder 
in terschiedener Form schon einmal genannter Begriff nach einem 
lingeren Zwischensatze wieder aufgenommen wird , wie oben üb« 
I. cap. 32. § 78. illud autem, quod non modo facite ad ereden- 
dum^ sed eo concesso quod votunt consequensy id vero non 
dant eie. lib. 11. cap. 6. § 16. Ergo id^ quod natura ipsa 
et quaedam generosa virtus statim respuit^ ne dolorem — de* 
peller ere^ in eo magistra vitae philosopbia tot saecula permanet. 
So wurde also auch hier das vorausgegangene Militia recht pas- 
send mit nostri esercitus wieder aufgeuommen werden und eine 
die 'Rede wieder aufnehmende Partikel , wie ergo oder igitur um 
so weniger hier uothweDdig sein , weil das vorausgesetzte nostri, 
wenn mit Nachdruck hervorgehoben, doch schon ungefähr die Be- 
ziehung angäbe, in welcher die Worte: nostri esercitus^ zu den 



40 RSmische Lit^Tator. 

vorhergehenden m denken seien. So seheinen mir nnn eunachst 
die Worte : Militia vero — nostri exwcitus primum unde nor- 
men habeant vides, Tollkoniinen siGher zn stehen,^ denn auch die 
Stelle üb. I. cap. 29. § 56. Minimum ipsum^ si nihil esset in eo^ 
nisi id^ ut per cum viveremus^ tarn natura putarem hominis 
vitam sustentari^ quam vitis^ quam arboris^ wiewohl sie das ab-- 
gerissen stehende militiam schützen könnte , ist doch etwas an- 
derer Natur. Doch wir wenden uns zu den Worten, wo die 
diplomatische Kritik mehr vertreten zu werden verdient, als es 
bisher geschehen ist, zu den Worten: quorum proeedü mora 
ad tibiam nee adhibetur ulla sine anapaestis pedibus hortatie. 
Hier ist mora fast in sSmmtiichen Ausgaben der Neueren als Con-< 
jectur aufgcfnommen worden, obschon die Züge der Handschriften 
einerseits, der Sinn der Stelle andererseits diese Yermuthun^ 
wenig unterstützen, und wohl auch ein Grund aus Gicero^s 
Sprachdarstellung entlehnt werden könnte, der gegen sie spräche. 
Denn was zuvörderst den Sinn anlangt, so ist keineswegs an>- 
zunehmen, dass blos der einzelne Theil des spartanischen 
Heeres, welcher unter der Benennung noga begriffen ward, unter 
Begleitung der Flöte marschirt sei; es wird also hier vielmehr 
eine allgemeinere Bezeichnung des spartanischen HeereS| 
nicht eine specielle erwartet; ja es würde wohl auch Cicero^ 
seiner sonstigen Gewohnheit nach, in diesen populären Vortragen 
über Philosophie, wie er sonst thut, noch etwas zur Erkfiirung 
des griechischen Wortes /tp^a hinzugefügt, oder wenigst^is 
gesiDhrieben haben : pars esercitus^ quae dieitur mora^ da jener Aus* 
druck, wenn ihn auch Nepos Iphicr, 11, 3. ebenfalls ohne Er- 
klärung braucht, doch im Lateinischen nicht allgeüiein ge^ 
braaohlich gewesen zu sein scheint. Allein abgesehen von alle 
dem, so lasst sich zweitens auch aus den Spuren der Handschriften 
das Wort mora nicht wohl nachweisen. Die Handschriften haben 
einmuthig : quorum procedit admodum ad tibiam etc.^ nur einige ~ 
lesen ad modum getrennt, wie Codd. Rehd. Duisb. Marb., und 
wenn Cod. Gantabr. dafür blos modus hat , so erkennt man die 
emendirende Hand hier eben so leicht, wie wenn im God. Vind. 1. 
esercitus st. admodum geschrieben steht. Nach alle dem hege 
ich keinen Zwdfel, dass Cicero geschrieben habe: quorum pro* 
cedit agmen ad tibiam etc. Denn so lässt sich der Weg leicht 
zeigen, wie admodum in die Handschriften gekommen ist. agmen 
ward agm^ vielleicht sodann auch acm geschrieben (so wenig- 
stens ist agminis in einer Oxforder Handschrift in den folgenden 
Worten in ac nimis verwandelt worden), dieses agm oder acm^ 



konnte aber sehr leicht mit acm oder qdm verwechselt werden, 
woraus dann das hier ganz unpassende admodum hervorging. 
Denn ac und ad sind an unzähligen Stellen unter einander ver- 
wechselt worden. Kaum bedarf es der Bemerkung, dass ogme/i 



Cicteronis Disput. Tnacul. ed. Moser. 41 

liier ftnch hinsichtHch des Sf nnea selbst das allein passende ist, da 
agmen precedtt^ agmen sequilur^ agmen praeeeaserai in der la- 
teinischen Militärspraclie oft Torkommende Redensarten sind, 
80 dass auch in dieser Hinsicht unserer Emendation nicht das C(e- 
ringste hn Wege steht Ich bemerke noch, dass ich spiter, als 
ich diese Yermnthnng gemacht und diplomatisch begründet hatte, 
bei Hrn. M. angemerkt fand , dass am Rande der Yen. Aitinrl 
dem Worte admodum beigeschrieben gewesen: aiiter agtnef9^ 
dass femer La m bin geschrieben habe: quorum proeedii agmeu 
ad modum^ ad tibiam ete-^ wo La m bin wohl ad modum getUgi 
wissen wollte ; was Alles nur die Lächtigkeit unserer Emendation 
zu bestätigen geeignet sdieint. Doch ehe ich mich tou diesem § 
entferne , muss ich noch eine Ungenauigkeit des Hm. Heransge- 
bers in diplomatischer Hinsicht bemerken. Es liest nimlich Hr. 
M. im Folgenden noch immer: deinde^ qtä labor ^ et quarUuB 
agminisj obgleich nach seiner eignen Angabe wohl nur Cod. Eliens« 
bei DsTies und höchstens awei bis drei Oxforder die Verbindung»- 
Partikel et bieten. Betont ma» qui und quaniue^ so wird man die 
Copula keineswegs Terraissen/ sogar das Asyndeton an seinem 
Platze finden und wir können deshalb Hrn. M.'s kritisches Ver- 
fahren hier nur tadein. ^ * 

In demselben Capitel hat Hr. M. aifch § 38^ die diplomatische 
Kritik nieht sicher genug geöbt, wenn er den Versen: 

O Potroclcff , — ad vos adveniens auxüium et vestrtu manua 
peto, priusquam oppeto malam pestem mandatam hoitüi manu, 

noch immer die Conjectnr datam st. mandatam , welche Lesart 
alle Handschrifken einmütbig schützen, im Texte beibehalten hat, Ja 
nicht einmal von Kühner und O r c 1 1 i daran erinnert, dass mandare 
pestem in der älteren Sprache für immitiere pestem gesagt wor- 
den, sich bestimmen Hess, die alte Lesart mandatam wiederher- 
zustellen. Das Verhältniss jener Redensart ist dieses. In der la- 
teinischen Umgangssprache ward mandare aticui aliquid von 
etwas Bösem wohl oft genug im tagtägiichen Verkehre gebraucht, 
seltner jedoch in der dassischen Schriftsprache ; zum Beweise 
indess, dass diese Redensart nicht ganz isoiirt dastehe, habeii 
schon die Lexikographen beigebracht mandare suspendium alicui 
aus Appul. Metam. 9. und Juvenal's bekannte Stelle aus 
Sai. 10. V. 51 fgg. 

Ridehat curaa nee non et gaudia volgi^ 

interdum et lacrumaa, quom Fortunae ipse minaci 

mandaret laqueum mediumque ostenderet unguem, 

und so wird nun wohl Hr. M. mit uns der handschriftUcben Lesart 
auch hier die ihr gebührende Anerkennung nicht versagen. . 

Cap. 17. § 40. heisst es : Consuetudinis magna vis est : perno^ 
ctant venatores in nivei in montibus uri se patiuntur, inde pugk 
tes cesiibus eontusi ne ingemiscunt quidem* Und diese Lesarten 



42 



:Roniisohe Literatur. 



schützen fast samnitiicbe Handgcbriften ; *denii urena eiuige 
O&forder statt inde geben unde^ so ist das eiae geringe und 
kaum zu beachtende Variante. Dagegen erhoben die Kritiker 
zwiefachen Zweifel an der Richtigkeit der uberiieferten Lesart. 
Erstens missfiei das Wort uri ohne Angabe der nihern Bezie- 
hung, ob es Ton Kälte oder von Hitze zu verstehen sei, und aller- 
dittgsist dies ein Uebelstand, der Gicero*s Darstellungswetse 
sonst nicht leicht trifl^'t; sodann wusste man auch nicht, wie, 
wenn gleich der erste Satz an und für sich richtig wäre, man daa 
Wort inde und in welcher Beziehung aufzufassen habe. Und auch 
dieses Bedenken scheint mir gar nicht ungegründet; denn wenn es 
auch Wolf dadurch beseitigt glaubte, dass er inde mit den Wor* 
ten es hac consuetudine dolmetschte, so wäre eine solche Angabe 
mindestens höchst überflüssig. In Erwägung dieser an sich nicht 
ungegründeten Bedenken und in Betracht dessen, dass in der ür- 
bandschrift, aus welcher wir diese Bücher zunächst erhaltea 
haben. Manches durch Abbreviatur und ziemlich undeutlich ge- 
schrieben gewesen sein muss, glaube ich nun nicht allzu kühn zu 
sein, wenn ich annehme,, in den uns durch die Handschriften über-* 
lieferten Schriftzügen inde sei der Ablativus eines <zu dem Vorr 
hergehenden «gehörenden Substantivs verborgen. Dem Sinne , ja 
selbst den äussern Schriftzügen nach würde calore^ vielleicht 
caie geschrieben, am bessten passen: Conaueiudims magna ifi$ 
est : pernoctant venatorea in nive : in montibuß uri se patiuntur 
calorei pugiles eeslibus contuai ne ingemiacunt quidem. So 
wäre der richtige Gegensatz gewonnen, gerade wie oben Buch 1. 
Cap. 28« § 69. ceteras partis incuUas , quod aut f rigor e rigeant 
out urantur calore» Zwar könnte man es vielleicht leichter fin- 
den, in diesem Sinne zu schreiben in sole^ sole oder a aole^ oder 
ardore (arde)^ doch ist nach meinem Sprachgefühle calore dort 
das Passendste. Aber hier etwas Bestimmtes aufstellen zu wollen, 
ist allezeit bedenklich; und so gebe ich auch meine Conjectur der 
Prüfung der Gelehrten anheim. 

Gap. 19. § 44. ging Hr. M. nicht diplomatisch genug zu 
Werke, wenn er schrieb: Si aummus dolor eaty inquit^ neceaae 
est brevem eaae. Denn die bessten Handschriften lesen dafür: 
brevem necesae eat eaae^ z. B. Codd. Gud. 1. 2. Aug. Vind. 1. 
Gud. Marb., wie Hr. M. selbst angiebt, und gewiss auch nicht an- 
ders Cod. Reg. 1., da Da vi es in der zweiten Ausgabe, ohne et- 
was zu bemerken, sie aufgenommen. Da neceaaeat gewisser- 
maassen ein Wort war, so wird durch diese Zwischensteilung der 
Begriff brevem eaae nxLch gar nicht so sehr zerrissen. Man i^er- 
gleiche im folgenden § 45. non conlinuo eaae dico brevem^ 
welche von uns schon früher aufgenommene Wortstellung auch 
Codd. Gud. jl. Marb. Gud. bei Hrn. M. bestätigen, und oben 
Cap. 12, § 29. nam cum id, quod mihi horribile videiur^ 
tu omnino malwn negaa eaae^ capior etc^ wie Hr. M. selbst 



Ciceronls Ditpnt. TumsdI. ed. Moser. 4S 

* 

meb der liesAen buidschriflliclieti ABctoiMt dort mit lUdit her* 

gestellt hat. 

Auch § 45. deeselbcn Cäf itels kann Ich kelDetweg« mit dem 
kritteehen Verfahren deaHmtHeraoa^ebers fiberelnatimmeiid midi 
erklflren^/wenn er liest: Sed homo eautus mtmfuam itrmihai 
MC magnUudimB n0c äkttumitaiis modum: ut mdam^ ^uid 
9ummum dieat tu dolore^ quid breüe in t0mpore. Zwar biete» 
hier die Iltesteo tind bessten Handadirlften aimmtlich nnd die 
meisten tweiten Ränget eautus et. catus^ änd man ntmrat wohl 
nicht mit Unrecht an, dam die wenigen- Handschriften , welche 
caiMts wirklich im Texte haben, wie Godd. Mon.«2. Aug., sowi^ 
swei Handschriften bei Goerenz sn Cic. de legg. 1, 16, 4&* 
(dessen Anmerkung, allerdings etwas verworren lübgefasst, von 
den meisten Kritikern falsch verstanden worden Ist: er will sagen, 
er nähme an unserer Stelle ealua ans Nonius und swel seiner 
Handschriften nicht anf, wodurch er angiebt, dass Nonins nnd s^ei 
seiner Handschriften catus lesen) diese LesartMös aus N o n. p. 92. 
26. ed. Merc« entlehnt haben, woselbst es heisst: Catus pro 
sapiente, Cic. Tuscul. Hb, IL: Sed hämo catue nunqumn ter- 
minat nee magnüudinis nee dtuturmtatie modum ^ und somit 
eatue ganz ausdrücklich in dieser Stelle^ anerkannt wird. JDenn 
ich bin fest überzeugt, dass Nonius' Lesart rorzuaiehen sei, so* 
fern sie auch dem Sinne weit besser entspricht, als das hand- 
schriftlich beglaubigtere cauius. Die Gründe, welche man gegen 
dieselbe geltend cn machen gesucht hat, sind leicht zu beseitigen. 
Was die nandschriftliche Auetoritat anlangt, so Ulsst sich sn vielen 
Stellen dieser Bucher nachweisen, dass gerade die ältesten und 
bessten Handschriften eine falsche Lesart, die etwas anscheinlich 
Leichteres giebt, fortgepflanzt haben, wie Cap. 14 § 32. wo sie mut- 
tum statt deti unzweifelhaft richtigem mutum geben , und an der- 
gleichen Stellen mehr. Bs darf also auch hier nicht auffallen,, wenn 
sie dae ungewöhnlichere catus in tautus verwandelt geben. Was 
nun aber den Umstand anlangt, den Goerenz meines Wissens 
zuerst geltend gemacht hat, nu den Academ. II, 30,. 97.. dass 
Cicero sich des Wortes dUdus nicht anders als mit einer gewis- 
sen Entschuldigung des altefthüralichen Gebrauchs bediene , so 
Ist es allerdings wahr , dass er dies in der Schrift de legg* I, 16, 
45. thut, wo er sagt: Quis igitur prudentem et^ ut ita dicam^ 
catutn^ nan es ipsius habitu^ sed es aliquü re esterna iudicet? 
ja auch noch de rep. I, 18. durch den ganzen Zusammenhang zn 
ericennen giebt , dass er eines fremden Ausdrucks sich bediene, 
wenn er sagt : qui egregie cordatus et catus fitit et ab Ennio 
dietue est etc. Doch lässt sich ans diesen Stellen nicht erschlles- 
sen, dass Cicero an unserer Stelle nicht habe catus einfach sa- 
gen können. Denn erstens konnte C i c e r o in den früher abge- 
fassten Büchern de republica und de legibus jenen Ausdruck ent« 
schnldigend einfuhren zu müssen glauli^n , später aber, nachdem 



44 Rdmiiftche Litaratnr« 



er ihn bereits oflem angewendet hatte, daaaelbe f&r minder n&- 
thig halten , wie dlea auch bei andern Wendungen , die er zoerat 
wieder aufbrachte oder neu einfnhrte, nachweialich der Fall ge- 
wesen. Sodann scheint uns aber auch jene Entschuldigung 
nicht sowohl dem Worte an sich zu gelten, 'als vielmehr seinem 
Gebrauche im guten Sinne, und Cicero entschuldigt doch ei- 
gentlich nur di^ Zusammenstellung prudens et adus. Was nun 
aber den Sinn anbetrifft, so hat bereits B en tley das Yerhaltniss 
sehr richtig beurtheilt , wenn er behauptete, eautuA passe nicht 
in unsere Stelle. Denn nicht Vorsicht, sondern blos Schlau- 
h e i t werde h{er anEpicurus erkannt. Und so glaube ich denn, 
dass catu8 hier unbedenklich aufgenommen werden könne , und 
bin fest übe'raeugt, dass dasselbe Wort auch in Cicero^s ^cac/em. 
n, 30, 97. mit Lambin und Bentley herzustellen sei, in den 
Worten : Ftde quam sit catus is^ quem iati tardum putant^ weil 
dojt nicht cott^ci«, was die Handschriften haben, sondern catus 
einen richtigen Gregensatz au tardus bildet. 

Cap. 2L § 47. lesen wir bei Hrn. M. : Estin animts omnium 
fere natura molle quiddam, demissum^ humüe^ enervatum 
quodammodo et languidum, Sed si aliud non esset ^ nihil esset 
hümine deformius. Es wurde auch nicht viel gegen diese Lesart 
eingewendet werden können , vielleicht das minder gefallig zwei- 
mal wiederholte sed. abgerechnet, wenn nicht diplomatische 
Grunde dagegen sprächen. Denn die Spuren in den ältesten und 
bessten Handschriften führen sämmtiich dahin, dass die in der Ur- 
bandschrift, aus welcher alle übrigen geflossen, befindliche Les- 
art, die folgende gewesen sei: languidum: senile sed aliud nihil 
esset hemme deformius^ wie Cod. Gryph«, nach Bouhier auch 
Cod. Reg« 1«, sodann Codd. Gud. 1. (nur dass dieser senile weg* 
lusen soll, was mir unwahrscheinlich ist und, falls es wirklich an 
dem ist, nur deshalb geschehen zu sein scheint, weil der Ab- 
schreiber das vorgefundene senile für einen Schreibfehler hielt, 
ein Grund , weshalb auch in zwei Oxforder Handschriften und im 
Cod. Duisb. senile getilgt zu sein scheint) Gud. 2. Marb. Bern. 
Oxon. D, U. 6. %, Dahin zielen auch die übrigen Handschriften, 
deren Lestoten man bei Hrn. M . einsehen kann. Die uns durch 
die ältesten Handschriften überlieferte Lesart hat nun schon Bru* 
tus richtig beurtheilt^ wenn er behauptete, dass sie im Grunde 
nichts Anderes als die frühere Vulgata sei : Si nil eSet aliud^ 
d. h. st nil (oder nihil) esset aliud ^ und dass nur um deswillen 
sinile in das Adjectiv senile verwandelt worden sei, weil man nach 
dem vorausgegangenen: enervatum quodam modo et languidum^- 
jenes Adjecfiv für passend erachtet habe. Derselben Ansicht war 
Da vi es, wenn er drucken liess: Si nil esset aliud ^ nihil esset 
hominedeformius. Auch der Schreiber des Cpd. Vind. 1., der über- 
haupt die alten Abbreviaturen, die er vorfand, etwas freier, wenn . 
aueb. nicht allemal besser als die übrigen, gelesen zu haben 



Ciceronis Dupnt« Tascnl« ed. Kahner. 46 

scheint, Chat hiier einenr glücklicheii Griff; weoii er sdirieb: ei si 
nihil e^set aliud ^ nihil esset homine deformme^ wo }nar et oliM 
Gnind ein^esetst ist. Fdnde sich aber wirkHeb, wie Berger ■»- 
gegeben, in Ced. Reg. 1. folgende Lesart : sefiitfe. Sed ei aliud 
non esaet^ nihil esset homine deformius^ woran wir jedoch noch 
zweifeln, so kann diese Lesart nnr ans einer Conjector und xwar 
aus einer minder glücklichen Conjectur, des Abschreibers hervor- 
gegangen sein, der non esset noch einsetzte, obsehon dieser Sinn 
in den Worten : se nile sed {si ml esset) Torhanden war, und sie 
ist weiter nicht zn beaditen; senile passt auch kaom dem Sinne, 
nach jBu den Torausgegangenen Adjectiven. Aus dem Gesagten 
wird nun, glaub' ich, nnumstösslich hervorgehen, dass many^wenn 
man die. diplomatische Kritik nicht allzu sehr hintansetsen will, 
nur schreiben könne: Est in animis omniumfere natura moUe 
quiddam^ demissum^ humüe^ enervalum guodam modo et langm- 
durm si nihil esset aliud ^ nihil esset homine deformius: sed 
praesto est domina omnium etregina^ ratio ete, und dass also 
die Ton Hrn. M. gewählte Lesart eben so verwerffich sei, wie die 
von uns früher aufgenommene: senile. Sed si aliud non esset^ 
nihil esset homine deformius» 

Wir glauben durch das bisher Gesagte genugsam bewiesen zu 
haben, dass auch nach dieser, in kritischer Hinsicht umfassend- 
sten Ausgabe von Cicero's Tusculanen noch Manches zn tbon 
übrig sei, und dass namentlich der Text selbst noch mancher Um- 
gestaltung bedürfe, «he wir annehmen können, ^ en Text gewonnen 
zn haben, den uns die überlieferten Hüifsmittel dem ganzen 
Stände der Dinge nach vergönnen. Doch wollen wir damit gar 
nicht die Vorzüge dieser Ausgabe and die Verdienste des Hrn. 
Herausgebers in Abrede gestellt haben, zumal da, wie wir bereits 
bemerkten, er selbst es ist, dem wir diese Hüifsmittel zum grossen 
Theile zuerst verdanken , und auch Hr. M. bereits einen grossen 
Theil von Stellen nach seinen diplomatischen Hülfsmitteln genanOT 
constitnirt hat, als es vor ihm geschehen war. Dazu müssen wir 
es ferner dankbar anerkennen, dass er in literar- historischer 
Hinsicht fast nichts unbeachtet' oder wenigstens onerwihnt ge- 
lassen hat , was der Kritik und Exegese dieser Bücher forderUeh 
sein kann. 

Wenden wir uns von ihm ab zu Hrn. Kühner , so hst nathr- 
lieh dessen Ausgabe, die uns schon in ihrer zweiten Bearbeitnnjg 
vorliegt, wegen des von unooben bezeichneten besondem Zweckea 
bei diesen beurtheilungcn weniger Interesse für nns» Deim abge^ 
sehen davon, dass es Hrn.' Kühner hanplsäclriich darum zu thun 
war, die Erklärung, nicht sowohl die Textesgestaitung, bei seiner 
Bearbeitung iifs Auge an lassen, hatte er sich auch noch dadurch 
in kritischer Hinsicht die Hände gebunden^ dass er, wiefrüber die 
Wölfische, so jetet die r eil i' sehe Textesreecflsiott gan« 
unverilndert bei seiner Anogabe au -Grunde a» legen für gut er« 



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46 RSmiscii« Liteicatar« 

ftcktete. See. kann dieftes Yerfdimi dorohnus ntchl gatfielMen. 
Demi einestheilg halte Orelli bereite selbst in den Anmerkungen 
sn Wolf e Vorlesnngen und in andern nachtraglichen Bemerkun- 
gen an manchen Stellen eine andre Lesart empfolilen, anderntheila 
aber wurde er in der Zeit, wo Hr. IL diese Schrift das zweite 
Mal herausgab , gewiss auch an manchen andern Stellen andrer 
Ansicht gewesen sein, und von seinenn früheren Texte sich Abwei- 
chungen ' erlaubt haben. Warum soll nun aber ein Andrer das 
nicht thun, was der ursprfingliche Kritiker selbst nicht unterlas- 
sen würde? Meinte Hr. K.^ dass der Orelli 'sehe Text schon su 
sehr auf Schulen verbreitet sei , als dass er mit Fug und Recht 
davoil abweichen könnte, so ist dies nicht wahr. Denn der 
OreUi'scbe Text war damals nur erst in iwei grossem Ausge- 
hen bekannt, die schon ihrer gansen Form nach nicht in £so 
Händen der Schüler sein konnten. Fühlte er sich zu schwach, 
eine «igne Textesrecension zu schaffen f Auch dies müssen wir 
ans inniger Ueberzeugnng verneinen. Denn der Hr. Herausgel^r 
bat da, wo er selbststandiger aufgetreten ist und zumeist in den kriti- 
schen Anmerkungen die verschiedenen Lesarten beurtheilte, nicht 
nur Einsicht und Kenntnisse, sondern auch einen sehr richtigen 
Tact bewahrt; also nach des Rec Ueberseuguog hier sein Licht 
offenbar unter den Scheffel gestellt, wenn er sich die Bande 
|üas band. 

AüeiB nicht blos sich hat der Hr. Verf. dadurch geschadet« 
sondern auch seiner Ausgabe selbst. Denn was frommt es, das im 
Textet zu haben, was der Herausgeber, ja der ursprfingliche Tex- 
lesgestalter selbst nicht mehr gutheisst? Wollte sich also der 
Hr. K. engar, als andre Herausgeber, an die Orelli 'sehe 
Textesreeensisn anschliessen, so oausste er nach des Ref. Ansicht 
wenigstens die Stellen Indem, wo Orelli später selbst mit Recht 
geändert wissen wollte, und konnte auch wohl noch ein gut Theii 
Stellen ausserdem ändern, wo Orelli nach Beseitigung der frü- 
heren Bedenklichkelten später gewissauoh selbst andrer Meinung 
war. Zu der ersten Classe gehöre Stellen , wie üb. 1. cap. 37. 
§ 90U| wo wir bei Hrn. K. lesen,: non uno belio proi patria caden'^ 
t9ßy Se^riones Hispania vidiaset^ PauUum et Getmaurn Cannae^ 
. Venuaia Marceltum , Latini Albinum , Lucani Gracchum , ob« 
sdMMi Orelli selbst zu Wolf 's Vortesiiogen S. 362. die rich- 
tigere Lesart: Litima Albinum^ Lueania Gracchum, ganz nn- 
zweifelhaft anerkannt hat , so femer üb. L cap. 5. § 10., wo Hr. 
K. Im Texte hat: num iUud^ quod 

Si$jfphn8 veraat, 
Saturn Budana nitendo neque profieit hilum? 
wie auch Orelli In seiner Ausgabe drodcen liess, der später je« 
doch ndt Recht.nach den bessten Handschriften und dem doppelt 
teaZe^igdisse des.Noniuz p. 121, 5. p. 353, 8. ed. Merc wieder» 
hetgeatelit wissen wellte: tum ülud etc.,, welche Lesart ich und 



. Clceroinis Dlnpot. Tiisciü. ed. Kahner. v 47 

Moser iinabhSii|»fg ton einander aufgenoflimett haben, wiewohl 
hier Hr. K. die Lesart tum anch an sich als matt zu ▼erwerfen 
geneigt scheint, worin er eich aehr irrt. Denn elnesthelJa wirde 
das wiederholte num eben so ^t matt genannt werden können, 
als /tiift, anderntheils erfordert auch das steigernde: ftnia$9e 
ethm inesorabile» hidices^ Minos et Rhadamanthus,^ fast noth- 
wendig auch schon Air das Vorhergehende eine andere Wendung. 
Und wird denn im Griechisehen nicht auf gleiche Weise tlxa 
.^ebrauchtl Hieiher gehört auch üb. I. cap. 17. § 40., wo Hr. 
K. im Texte behielt: stc hae sursum etc.^ obgleich er rursntn 
mit Recht billigte, und Cap. 20. § 70., wo Hr. K. nach Orelli 
im Texte hat: In quo igitur loco est (namüch animus)? Credo 
eqmdem in capke; et^ cur credam^ afferre possrim. 8ed alias: 
nunc uMubi sit animus^ terte quidem in te es^,.eine Lesart, 
welche nicht nur dem Sinne und der Grammatik zuwider ist, 
sondern auch aller handschriftlichen Begründung ermangelt; wes- 
halb auch Hr. K. mit Orelli In Wolf 's Anmerkungen S. 354 fgr., 
dessen Ansiebt auch ich mit Moser gethellt habe, in seiner kri- 
tischen Annotatio die Lesart der ältesten und bessten , überhaupt 
der meisten Handschriften: Sed alias nbi sit animus: certe qui" 
dem in te est. , billigt. Warum aber nahm er denn das , was er 
selbst und auch sein Gewihrsmann nachtraglich für richtig aner- 
kannt hatte, nicht in ^en Text auf 7 Helsst das nicht mit sefnen 
jungen Lesern ohne Noth Versteckens spielen? Unter dieselbe 
Kategorie gehört es , weim Hr. K. IIb. I. cap« 19. § 44. insatia^ 
Inlie quaedam cupiditas veri tisendi im Texte behielt , ob ihm 
g^leicb Orelli selbst beigetreten war, als er behauptete, peri 
videndi sei hier wiederherzustellen und verum visere sei über* 
hanpt unlateinisch. Denn waram wird denn nun visendi im Texte 
behalten? Doch genug davon. Hr. K. wird wohl selbst fühlen, 
daSB es ehi MissgHff war^ wenn er sich nicht wenigstens so viel 
freie Hand Hess, um 'das, Von dessen Unrichtigkeit ersieh wo\U 
kommen über^ugt hatte, gleich selbst beseitigen zu können. 
Wir wollen vielmehr hier 4\if das hinweisen, was Hr. K. auch 
unter diesen Umstanden für die Kritik dieser Bücher gethan hat. 
Hier müssen wir es nun tuvörderst lobend anerkennen, dass 
Hr. K. mit einem sehr richtigen Sprachgefühle Manches fester 
bestimmt hat, worüber vor ihm die Herausgeber mehr schwankten, ' 
wie z. B. bei der Beurthething der Wmnen iis und* /f ,- wofür die 
Handschriflen , auch' die bessten und ältesten, fkst immer kis und 
hi geben, wie lib. L cap. S, § 5. cap. 13. § 29« cap. 15. '§ 34# 
cap. 18. § 42. cap. 22. § 60. eap. 38. § 76. cap. 30. § 72. und an 
anderen Steffen mehr. Denselben richtigen Tact hat er auch in 
Benrtheilungen mehrerer einzelnen Lesarten bewiesen, wie z. B, 
wenn er lib. I. cap. 3. § ö. Ernesti's Conjeetnr, obschou sie 
von einigen geringeren Handschriften bestätigt ward, in den 
Worten; ut — prosimus etiamy sipossimus^ atiosi.^ unter An« 



48 E^miiche Literator»- 

tSbmng Ton JUb. IL €a|i. 2. § 6« seü eos^ si pouumua^ eseüem^s. 
mruckwies, wenn er (üap. 6. § 11. Ubi 8unt ergo tt elc. wenig« 
stens in der Anmerkung billigte, und § 12« der Lesart: quid tan- 
dem? vor Örelli^a qui tandem^jden Vorzug gab und ebenda«, 
die handschriftliGhe Lesart: ita ne müeri quidem sutU.^ inScbutz 
nahm, wenn er Cap« 17. § 67. die Lesart: ut ee ipse videat^ ge- 
genüber Orelii's:«^ sese ipse mdeat^ gutbiess, wenn er in der 
erklärenden Anmerkung Cap. 30. § 72. humams vitiis gegen die 
Coujecturen immanibue viliis und humanis corporibus sieher- 
stellte und was dergleichen mehr ist. Doch alle diese kleinen 
Berichtigungen berechtigen uns noch nicht, dieser Auggabe eia 
besonderes Verdienst um eine bessere .Textesgestaltnng suau- 
schreiben^ . zumal sie in vielen Fällen, wo eine andere Lesart 
unbedingt wohl wSre in den Text lu nehmen gewesen , nipht ein- 
mal eine Variante, woraus man sich selbst das Bessere hätte wäh-* 
len können, angemerkt hat, z. B. lib. I. cap. 11. § 3., wo die 
bereits von Orelli der Aufmerksamkeit der Kritiker empfohlene 
Lesart der bessten Handschriften: Nee tarnen sie, qui etc. nicht 
einmal eine Erwähnung gefundep hat, Gap. 7. § 13., wo er die 
Lesart der bessten Handschriften: et non eoa misero$^ qui mor- 
tui sunt ^ ebenfalls gänzlich verschwieg, sowie er auch Cap. 13, 
§ 30. die handschriftlich beglanbigtere Lesart efflcit ganz ausser 
Acht gelassen hat; Cap. 19. § 71., wo zu den Worten: et quum 
paefie in manu iam mortiferum iilud tenere^poculum^ der Va- 
rianten tum et tenens gar nicht Erwähnung geschehen ist, ob- 
achon nach des Ref. Ueberzengung gerade diese Lesart den Vor- 
zug verdient; Cap. 47^ § 113. , wo die Variante praemi statt 
praemium nicht angemerkt ist, obschon sie entweder das Richtige 
Ist oder doch den -Fingerzeig zur richtigen Lesart geben mochte. 
Doch wir wollen die Leser nicht mit dergleichen Anfuhrungen 
ermüden, da ein Jeder bei Durchmusterung des von Hrn.^K. mit- 
getheiiten kritischen Apparates selbst finden wird, dass gar Man- 
ches, was dem Leser dieser Bucher in Betzug auf die Textesge^ 
ataltui^ zu erfahren wünschenswertfa gewesen wäre, in dieser 
Ausgabe unerwähnt geblieben ist, und sich Hr. K. im Ganzen zu 
sehr an den Orelli*schen Text gebunden hat, als dasa diese 
Aufgabe, auf die Texteskritik dieser Bücher einen bed^eutenderen 
Einfluss hätte üben können. 

In dieaer Hinsicht könnte man eher der Ausgabe des Ref. 
den Vorwurf machen, dass sie in manchen Stellen allzusehr von 
seinen Vorgängern abgewichen sei, da ihr Verfasser es sich 
durchweg angelegen sein Hess, den Text auf sichere Grundlagen 
zurikk^i^iihren , und. bei diesem Streben biswejleB wohl auch 
allzuweit gegangen ist. Doch hier ist nicht der Ort, Nachträge 
und iSeric^tigungen dazu mitzutheilen, welche nächstdem in 
einem Anhange zu der angeführten Ausgabe dem grösseren Pu« 
blicum zur Beurtheilung unterlegt werden sollen« 



Keil : Quaestionum Tallianarain Specimen. 49 

Ehe kh mich jedoch von diesen Tasculankchen Büchern Ci- 
cero 's trenne 9 muss ich noch Einiges über das Quaestionum 
Tullianarum Specimen des Hrn. Prof. Keil lu lAegnit^^ dts 
ich bereits oben genannt, hinzufügen, da diese kleine Schrift, 
wie bereits angegeben, idich fast lediglich mit der Kritik der 
Tuscalanen beschäftigt. 

Sie entstand, als der Hr. Verf. , dem eigentlich der mathe- 
matische Unterricht an der konigl. preuss. Ritten- Akademie zu 
Liegnitz anvertraut ist, an der Stelle des sei. Becher die Erklä* 
rnng von Cicero 's Schriften übernommeo hatte und so mit sei- 
nen Schülern die Dispuiaiiones Tuscutanae las. Da sich der 
Hr. Verf. bei dieser Veranlassung vorzugsweise der Ausgabe des 
Ref. bediente und das mitzütheilen sich vornahm, was ihm in der- 
selben entweder nicht richtig oder mit Unrecht ausser Acht ge- 
lassen schien, so sind seine Bemerkungen auch hauptsächlich 
gegen den Ref. gerichtet, ohne dass der Hr. Verf. , wie es wohl 
bisweilen der Fall ist» eine an sich feindselige Stimmung gegen 
denselben angenommen hätte , wogegen sich die freundliche Ein- 
Jeituog verwahrt. 

Ich führe mich also in doppelter Hinsicht demselben verbun- 
den , indem ich bei freundlicher Anerkennung meiner Bestrebun- 
gen im Aligemeinen auch mannichfache Belehrung in seinem in- 
haltsreichen Programme gefunden habe. Der Hr. Verf., an stren- 
ges mathematisch sicheres Denken gewöhnt, hat nicht wenige 
Stellen mit Glück verbessert, andere mit Uinisicht besprochen 
und da wenigstens der Sache eine, neue Seite abgewonnen , wenn 
man auch nicht alleikial mit seinen Endresultaten in vöUkomme- 
nehi Einverständnisse sein kann. 

•Zu den glücklich emendirten Stellen gehört vorzugsweise 
IIb. I. Cap. 24. § 58. Quumque nihil esset ^ ut omnibus locis a 
Piatone diäseritur — nihü enimputat esse^ quod orialur et in- 
tereat^ idque solum esse^ quod setnper tale sit; quäle löiav 
appellat iUe^ nos speciem — .* non potuit animus haee in cor- 
pore inclusus agnoscere; cognita adtulit: es quo tarn multa- 
rum rerum cognilionis admiratio tollitur. Denn nachdem hier 
Hr. K. unter Hinweisung auf Plato's Phaedo Cap: 19 fgg. die 
Worte: Quumque nihil esset ^ ut omnibus locis a Piatone disse- 
ritur^ also erklärt, dass er esse hier dem Ausdrucke Plato's 
ovtag slvui entsprechend fand, den P lato von den Gegenstän- 
den und Verhältnissen braucht, die im Leben nicht wirklich vor- 
handen^ sondern nur in unserer Idee beständen , und diese Worte 
also wiedergegeben hatte: Und da nichts^ was die Seele vor- 
fand^ wahrhaft war: — so konnte sie das^ was sie w^ss, 
nicht während ihrer Hingeschlossenheit im Körper erkennen^ 
sah er mit Recht, dass auch die Worte': idque solum esse^ quod 
semper tale sit; quäle löiav appellat ille ^ nos speciem. ^ keinen 
gehörigen Sinn geben, und bekräftigte seine an sich sehr leichte 

iV. Jahrb, f.PhiU u. Patd, od. Krit. Bibl. Bd, XXXVIU. Hfl, 1. 4 



,50 .Romische Literatar. 

und gefailiga Emendation : idque solum esae^ quod semper 
tale sit^ quäle sit^ quam lHäv appellat ille^ nos 
speciem. , mit der aus den Headern, lib. I. cap. 8. § SO. entlehn- 
ten Paralielstelle: Meniem volebant rerum es$€iudieem: »olam 
censebänt idaneam^ cui crederetur^ quia sola cerner et 
idy quod aemper esset simplex et unius modi et 
tale^ quäle esset. Haue Uli ISkav appellant^ tarn 
a Piatone ita nominatam: nos rede speciem possu- 
mus dicere» Höchst wahrscheinlich ist auch die Conjectnr, wei« 
^che Hr. K. tu Hb. I. cap. 28« § 02. Quasi vero quisquam ita no- 
naginta annos velit vivere^ ut\ quum sesaginta confecerit^ re- 
liquos dormiat. Ne sues quidem id velint^ non modo ipse. vor- 
bringt, wo er die Schwierigkeit, welche Sinn und Ausdruck hier 
macht, dadurch beseitigt wissen will, dass er zu schreiben vor- 
schlägt :.ne sui quidem id velint^ non modo ipse. Auch Hb.' I. 
cap. 22. § 52. , wo Hr. K. nach , den Spuren der Handschriften 
achreiben will : Hunc igitur nosse nisi divinum esset , non esset 
hoc acrioris cuiusdam animi praeceptum tnbutum deo; scilicet 
hoc est se ipsum posse agnoscere.^ ist die Bemerkung, dass tri- 
butum deo mit dem Vorhergehenden tn verbindeii sei , nach des 
Ref. Ueberzengung sehr richtig , nur stimmt ihm derselbe nicht 
bei hinsichtlich des Schlusses : scilicet hoc est se ipsum posse 
agnoscere^ denn diese Worte wurde dann Ref. eher ala aus ei- 
nem Glosseme entstanden betrachtet wissen wollen. 

Nicht beipflichten können wir dagegen Hrn. K,, wenn )er 
z. B. lib. I. cap. 2. § 4. in den Worten: Themistoclesque aliquot 
ante annis^ quum in epulis recusaret lyram^ est h'aiitus in- 
doctior.^ das Imperfectum recusaret^ was auch er der anderen 
Lesart recusasset vorzieht, dadurch zu sichern sucht, dass er ea 
von der wiederholten Handlung aufgefasst wissen will. Dass 
diese Auffassnngsweise nicht die richtige sei, sah bereits Wolf 
in den Vorlesungen S. 320. bei Orelii, und es hatte Hr. K. sich 
wohl mit der Erklärung, welche Orelii, Kühner, Moser 
und der Ref. unabhängig von einander aufgestellt haben , begnü- 
gen sollen, nach welcher die Handlung des Zurückweisens der 
Leier von Seiten des Themistocles kaum erst vollendet 
war oder, strenger genommen, vielmehr noch fortdauerte, als 
jenes Urtheil von Seiten seiner Umgebung über ihn gefallt ward, 
lieber den Gebrauch des'^lmperfects vergleiche man Gic. Accus. 
lib. IV. eap. 30. § 85. Quod quom illis^ qui aderant^ indignum^ 
qui audiebant, incredibile videretur^ non est ab isto jprimo 
illo adventu perseveratum. Discedens mandat proagoro Sopä- 
troy cuhtsverba audistis^ ut demoliatur. Quom recusaret^ 
vehementer minatur^ et statim ex illo oppidoproßciscitur.^ wo- 
selbst, wie sich dies von selbst versteht, im letzten Satze das 
Praesens historicum ein Praeteritum vertritt , die Imperfecta aber 
in gleichem Verhältnisse, wie In unserer Stelle, erscheinen. 



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Keil : Qaaestionani Tnllianariim Specimen. 51 

Keineswegs steht ^ber aucli das fanpeifectani blos TÖn der wieder- 
bolten Handlüof , wie dies ja auch auf die letztere Stelle nicht, 
anzuwenden ist, sondern es entwickelte sieh vielmehr erst ans 
der urspriingllchen, TOn uns oben schon angegebenen Bedeutung 
der noch nicht vollendeten Handlung die in diesem Tem- 
pus öfters enthaltene Bedeutung der wiederholten Handlung» 
Es hätte also hier Hr. K. Ton den neueren Herausgebern nicht 
abweichen sollen. Auch Cap. 13. § 29. kann ich Hrn. K, in Be- 
zug auf die Worte: Sed qui nondum ea^ quae muliis post onitts 
iraciari coepissenif physica didicissetU^ tantum sibi pw9uase* 
ranty quantum natura admonente cognoverant e/c, nicht bei- 
stimmen, wenn er in denselben: quae multis post, annh tractari 
coepta sunt», schreiben wollte. Ich halte noch immer an der In 
meiner Ausgabe gebilligten Lesart : quae muUis post annia tra* 
ctare coep^sent^ fest. Auch in Bezug aaf Cap. 21. § 48. kön- 
nen wir Hm. K. keineswegs beipflichten, wenn er zu den Worten: 
E quo intelligi potest^ quam acuti natura sint^ qui haeo st/i« 
doctrina credituri fuerint,^ bemerkt: „Klötzins et Moserus Da- 
visium secuti, reposuerunt: quoniam -^ fuerunt^ qnod in anti- 
quissimis quibusdam libris legitur. Qui si, utrum ex altero natum 
esse videretur, quaerere voluissent, vereor, ne id, quod fece- 
runt, non putassent esse faciendum. Equidem profecto neminem 
fore »rbitror , qui si quoniam legerit , eam coniunctionem prono- 
mine relative illustrandam piitet; at contra pronomen illud, ubi 
causae significationem habet, coniunctionibus causaUbus expJicari 
videniua quotidie.^^ {Ir* K. zeigt sich liier offenbar mit dem di* 
plomatischen Theile der Kritik niinder vertraut. Nicht aus eipem 
Qlosueaj^ glaubten wir, dass qui statt quoniam entstanden sei, 
sondern, wie oft anderw/ärts, fus einem falsch gelesenen Gom- 
pendium. Da nämlich quoniam abgekürzt gm oder quJi ge- 
schrieben ward, so konnte für quoniam^ wenn es also geschrie- 
ben stand, leicht qut gelesen werden, und es ist an unzähligen 
Stellen so quoniam verdrängt worden, s. Ed. Wunder Var. 
lectiones librorum aliquot Ciceronia es cod. Erfurt, enoiatae 
p. LXXYI. p. XCVI sqq. Und dass auch hier quoniam mit einem 
Compendium geschrieben gewesen sei^ dafür zeugt die Lesart des 
Mon. 2. ^110 modoy welche daher entstand, weil aus QUO leicht 

Otf O HS entstehen, also quoniam in quo modo übergehen konnte. 
So aJso entstand qui^ nicht aus einem Glosseme. Wer aber qui 
aufnahm, musste dann nothwendiger Weise füerint schreiben. 
Dagegen schützen quoniam die ältesten und bessten, fuerunt so- 
gar auch die meisten Handschriften , und was den Sinn betrifft, 
so ist, wie bereits in unserer Ausgabe bemerkt ward , diese zu- 
versichtlichere. Wendung auch in Betreff dessen weit angemes- 
sener. Doch breche ich hier ab, weil uns das Verfolgen der 
einzelnen Stellen, welche Hr. K. in dieser ausgezeichneten Schul- 

4* 



52 * Romiseiie Literatar. 

«chrift behandelt h«t, zu weit föhren ^urde; die meisten aind 
ohnedies in unserem bereits oben erwähnten Anhängte za den 
Tnscnlanen ausführlicher besprochen worden , worauf wir den 
geneigten Leser, sowie Hrn. K. selbst verweisen. 

Doch nicht die Tu scu lauen allein verdanken der neueren 
Zeit bessere kritische Bearbeitungen, sondern auch die meisten 
fkbrigeu 'Schriften C i oe r o' s ; und Ref. wird , da ihn die Bespre- 
chung der neueren Kritik dieser Büqher etwas länger aufgeCalten 
hat , im folgenden Artikel nun zuvörderst über die übrigen philo- 
sophischen und politischen Schriften Cicero 's, welche in neue- 
rer Zeit neue kritisch wichtige Bearbeitungen gefunden, zu 
sprechen haben. 

Leipzig Reinhold Klotz. 



De Cornelia Cel^o soripsit H. PMamm. Tm Programme des 
des Greifswalder Gymnasiums von 1842. 14 'S. 4. 

Das hier genannte Programm handelt nicht von dem lehr- 
reichen und wohlgeschriebenen Werke des Cornelius Celsus 
über die Heilkunde, sondern spricht über einige diesen Schrift- 
steller betreffende Mebenfragen, worüber schon Andre, nament- 
lich Bianconi in einem weitläufigen Sendschreiben und kürzer der 
Unterzeichnete in der Vorrede zu seiner Ausgabe der Medidna 
des Celsus, ihre Ansicht vorgetragen hatten. Da der Verf. des 
Programms seine Darstellung mit der Versicherung begihnt, dass 
er bedeutende Irrthümer zu b^chtigen habe, später aber seine 
Aussage nicht mit Beweisen , sondern nur mit neuen Behauptun- 
gen zu stützen weiss, so scheint es mir zweckmässig, alle von 
ihm besprochenen Punkte prüfend durchzijigehen , um einerseits 
zu ermitteln, worin Hr. Paldamus von seinen Vorgängern mit 
Recht oder Unrecht abweicht, andrerseits einigen Missverfetänd- 
nissen, welche auf dem Gebiete der lateinischen Literaturge- 
schichte Verwirrung anrichten könnten, nach Kräften zu be- 
gegnen« Die Punkte, welche Hr. P. in den Kreis seiner Unter- 
suchung gezogen hat, betreffen 1^ die Namen und das Vaterland 
des Celsus, 2) dessen Zeitalter, o) die Namen der von ihm ver- 
fassten Schriften, 4) die Bruchstucke seiner verloren gegangenen 
Werke. 

1. Was die Namen des Celsus betrifft, so steht hi einigen 
Handschriften seiner Heilkunde A. Corneüi Celsi Medidna^ in 
andern Aurelii statt d.^ in einigen/ fehlt beides, z. B. in der 
ältesten Florentiner im Anfange des ersten Buches, obgleich sje 
vor dem zweiten, dritten und siebenten das A. nicht auslässt. 
Das Zeichen A, kann hier nur als Abkürzung des Vornamens Au- 
his gedeutet werden, und dahin führen auch alle Handschriften, 
welche Aurelii darbieten: denn dieses ist entweder aus einer 



•Paldamus: De Coroeiio Ceiso.- 58 

▼erkehrten Deutung der Sigle A. entstanden, oder dadurch i daaa 
ein Abschreiber bei Auli durch das folgende Cornelii irre ge* 
leitet wurde und beiden Namen dieselbe Endung gab* Andere 
erklart sich über diesen Punkt der Verfasser des obigen Pro* 
gramms (S. 3 — 4.): ^^Comelius Celsus appellandus est scriptor 
noster omisso praenoraine, sive Aurelium fuisse tibi finxeris (ein 
Pranomen Aurelius hat es nie gegeben), sive Aulutn^ quod sane 
probabitius (!) altero et creditum a Bianconio, Morgagnio, Rii- 
tero, aliis^^ Der erste Irrthum, der in diesen Worten liegt, 
besteht darin, dass Aurelius für einen Vornamen angesehen 
wird: da es in der That aber ein Geniil-Name ist, so kann es 
neben Cornelius auf keine Weise bestehen und muss als Schreib- 
fehler statt des richtigen Aulus betrachtet werden. Femer ist 
ein Unterschied zu machen, ob Celans nur schlechtweg erwähnt 
wird, oder ob er auf dem Titel eines eignen Werkes genannt 
werden soll. Im ersten Falle können wir uns mit seinem Gen'til- 
und Familien - Namen oder auch, mit dem letitern allein begnü- 
gen, Bumal da es im ersten und sweiten Jahrhundert nach Chri- 
stus stt den seltnen Ausnahmen gehört, wenn bei den Römern 
eine Person mit ihren drei sammtlichen Namen aufgeführt wird. 
Dagegen wird der Verfasser eines Schriftwerkes auf dem Titel 
desselben sich so deutlich als möglich beieichnen, und darum ist 
es für uns rathsam, den Vomsmen des Celsus, der durch die 
Mehrsahl der Handsctiriften in der oben angegebenen Weise ge- 
nugsam beglaubigt ist ^) , auf dem Titel seiner Heilkunde oder 
im Anfange einer Abhandlung über denselben mitaufzunehmen. 
Dasa dieser Gmodsati der richtige sei, können wir am besten aus 
Tacitna lernen. Er nennt nach der Sitte seiner Zeit in der Regel 
xwei Namen, bei sehr bekannten Personen und bei solchen, die 
schon früher erwähnt sind, meistens nur einen. Dagegen be- 
ginnt er die Lebensbeschreibung des Agricola'(c. 4.) mit Gnaeua 
luUus Agricola etc., weil er diesem Manne ein ganies Ruch wid- 
men und durch diese Ausnahme auf den Helden der Darstellung 
Ton vorn herein die Aufmerksamkeit des Lesers richten will. 
Daher sprechen wir in der Regel von einem Cornelius TactVfM, 
werdeta aber auf dem Titel seiner Schriften richtiger eines 'CrotiM 
Cornelius Tadius gedenken, da der Vorname, wenn er auch in 



*^ In meiner Vorrede lum CeUos S. XVn. wird behauptet, ^ in 
iekr alten Handschriften des Celsns finde sich die Aufschrift: Artium Am 
ComeU» Celsi Über VL Me^^xinae oero prtmiis, da.Bianconi diesen Titel 
fmil in allen Handschriften gefandim haben wollte. I>ass der Heraus- 
geber des Celsns Leonh. Targa einige Codices snm Anfange der Med!« 
cina nenne, worin kein Vorname stehe, war mir wohl bekannt., und 
danim gab ich meinen Worten jene Teranderte Fassung. Doch schreibt 
dariiber Hr. P. 8. 4. : Temm non est, quod Ritteius narrat, A» praefigi 
noadai in opCtmtt (!) codiabai« 



-/ 



54 Rumische Literatur. 

- \ 

der besten Handschrift fehlt, doch sonst hinreichend beglaubigt 
ist. Für den Celsus jedoch wurde die vorher behauptete hand- 
schriftliche Beglaubigung seines Vornamens wegfallen^ wenn eine 
Yermuthung, welche Hr. P. S. 4« aufstellt, richtig wäre. Diese 
lautet: Natnm videtor praenomen A. ex Artium inscriptione, 
quae libris de medicina praefixa est in codd., Telut in optimo 
Mediceo L: Corneli Celai Artium Über VL Item Medicinae 
primus. Allein diese Entstehnngsweise Ton A. ist ganz unmög- 
lich, da Artium in -diesem Casus nienmls in A. abgekürzt wird, 
und da obendrein dieses A. an die unrechte Stelle sich veri^ufen 
haben müsste. 

lieber die Vaterstadt des Celsus schreibt Hr. P. S. 4. : Pa- 
triam fuisse Romam dubitari nequit: praeter alia probat insignis 
linguae cüstimonia mirablliter in praefatione elucens , n. s. w. 
Auch diese Frage kann so einfach nicht gestellt und beantwortet 
werden. Wird nSmlich unter Vaterland der gewöhnliche Auf- 
enthaltsort des Celsus verstanden, so wird die Behauptung, das« 
die Hauptstadt des römischen Reichs dies gewesen sei, wohl ihre 
Richtigkeit haben: wird hingegen nach dem Geburtsort^ des Cel- 
sus gefragt, so müssen wir uns bescheiden, darauf keine Aütwort 
crtheilen zu können. 

2. Die Frage nach dem Zeitalter des Celsns war von Bian- 
coni dahin beantwortet Worden , dass er vor dem Jahre 731 nach 
Roms Erbauung seine acht Bücher über die Heilkunde geschrie- 
ben habe ; von dem Unterzeichneten war die Unrichtigkeit die-^ 
ser Annahme bewiesen und behauptet, dass die schriftstellerische 
Thätigkeit des Celsus unter die Regierung des Tiberius fallet 
Hr. P. will dafür die Jahre 735—765 annehmen. Da ich den 
Celsus um das Jahr 767 mit Abfassung seiner Werke den Anfang 
machen lasse, so ergiebt sich, dass der Verfasser des Programms 
in gewisser Hinsieht bis auf eine unbedeutende Distanz sich mir 
genähert hat: nur darin stehen unsre Ansichten sich noch ent- 
gegen, dass Hr. Pi die Wirksamkeit des Celsus auf das Zeitalter 
des Augustus beschränken will. Aber auch diese Disharmonie 
würde nicht stattlfinden, wenn ich in der Darlegung meiner Gründe 
auf eine für die Entscheidung dieser Frage nicht geeignete Stelle 
des Quintilianus, wovon nachher die Rede sein soll, kein Gewicht 
gelegt und mich auf solche Stellen, die allein einen sichern Auf- 
schluss gewähren, beschrankt hätte. Da Hr. P. ebenfalls von 
Quintilianus ausgeht und dadurch, wie sich bald zeigen wird, zu 
einem falschen Ergebniss gel^^ngt, so wird der Unterzeichnete 
»diese Fragp hier noch einmal erörtern und hofft dadurch den 
Hrn. P. ganz auf seine Seite zu ziehen. 

Bei lunius Columella werden Cornelius Celsus und hilius 
Atticus noatrorum temporum viri (de rcTust. I, 1.), aetatis no- 
strae celeberrimi auctores (III, 17.) genannt , und IV, 8. heisst 
es von ihnen : quoa in re rustica masime noatra aetaa probaoü. 



Paldamas: De Gornelio Celto. 55 

Au£ diese Erwahnuiigen habe Seh ia meiner Vorrede (S. XIV.) 
mich gestutst und danodt die Behauptnng verbanden, das« Colu- 
rneUa unter Claudius und Nero gelebt, aber erat wibrend der 
Regierung des letztem sein Werk über den Landbau herausge- 
geben habe, wahrend bisher angenommen wurde, diese Schrift 
sei unter Claudius erschienen. Dasa die gewöhnliche Meinung 
auf einer morschen 8tutze ruhe , muss Hr. P. selbst eingestehen 
(S. 8.), dagegen will er meine Behauptung auch nicht gelten 
lassen. Warum nicht? fFeü ein Schein dagegen spreche. Da- 
mit verhäit es sich so: ich hatte herrorgehoben , dass Columella 
von Seneca als seinem Zeitgenossen rede und der ungewöhnlichen 
Wein-Crescenz gedenke, welche auf dessen Nat^entanischen 
Landgütern mehrfach wahrgenommen sei. Colpmella's Worte 
lauten (QI, 3.): Sed Nomentana regio nunc celeberriraa fama est 
illustris, et praecipue quam possidet Seneca, vir excellentis in- 
genii ac doctrinac , cuius in praediis vinearum lugera singula cul- 
leos octonos reddidisse plerumque compertum est. Obgleich das 
vom Vater ererbte Vermögen des Seneca nicht unbedeutend 
war *), so ist es doch bekannt genug, dass er seine zahlrcidien 
und prächtigen Landgüter erst in den letzten Jahren des Claudlna 
und vorzüglich während Nero's Regierung zum. Geschenk empfan- 
gen hat.' Was liegt nun näher als die Voraussetzung, dass die 
höchst eintriglichen Nomentanischen Landgiiter, die unter An- 
derm mehrere Jugera der besten Weinlagen enthielten , zu den 
kaiserlichen Geschenken gehörten? Allein Hr. P. erinnert da- 
gegen: ,^eneca iam paterna hereditate magnas opes adeptus erat 
(wohl wahr, aber auch Landgüter bei Nomentum?). Lips. Vit. 
Sen. €. 2. (soll heissen c. 6.) et Tacit. A. 14, 53. quo ex loco ap- 
parere videtur propius Romam fuisse praedla a Nerone donata,^^ 
Die Stelle dea Tacitus, woraus der Schein^ gegen mich hervorge- 
hen soll, heisst: talia hortas exstruit^ et per haec suhurbana 
incedit^ et tantia agrarum epatüa^ tarn lato fenore exuberät. 
Aber Hr. P. sollte doch wissen, dass Nomen tum gar nicht weit 
von Rom liegt, dass dortige Landgüter mit dem besten Fug noch 
suhurbana genannt werden können. Auch sollte er wissen, dass 
dl^ von Nero erhaltenen Villen des Seneca in verschiedenen 
Strecken Italiens nah und weit von Rom lagen , und dass in den 
Worten bei Tacitus nur die schätzbarsten erwähnt werden. Der 
Schein spricht also nicht wider sondern für meine Behauptung. 
Dazu bemerke man weiter, dass Columella von einer Beobachtung 
redet, die schon seit einer Reihe von Jahren an den Nomentaoi- 
schen Weinbergen des Seneca gemacht sei Das dritte Buch des 
Columella kann also nicht vor Nero's Regierung geschrieben sein. 



*) Da88 dieses väterliche Vermögen (ygl. Seneca ad Helv. c. 14.) 
Aber ans Landgütern in der NdAe Rom$ bestanden habcy iat ganz un- 
tfahrsdieiniicb. 



\ 



56 Römische Literatur. 

und gerftde in diesem Bachre heissen Celsas und AUicus aeiatis 
noatrae^eeleberrimi auctores^ Was daraus für das Zeitalter des 
Celsus fol^e^ soll bald nachher idar^elegt werden. Vorher aber 
will ich die Behanptunf , jdass. Columella unter Nero geschrieben 
habe, durch einen neuen Beweis stutzen. Im eilften Jahre der 
Regierung des Claudius, drei Jahre vor seinem Tode, litt Rom 
an einer grossen durch Misswachs erzeugten Hunrgersnoth. S. 
Tacit. Ann. XII, 43. : Frugum quoque egestas et orta ex eo.fames 
in prodigium accipiebatur. Euseb. bei Hieronym. magna fames 
Romae. Dieser Misswachs dauerte mehrere Jahre fort. S. Sue« 
ton. Claud. c. 19. Mit offenbarer Bezugnahme auf diese Um^- 
stände beginnt Columella das erste Buch seines Landbaues: Saepe* 
numero civitatis nostrae principes audio calpantes niodo agrornm 
infecuiiditatem, modo caeli per muita iam t empor a nosiamfru- 
gibtis intemperiem^ qnosdam etiam praedictas querimonias ratione 
certa mitigantes , quod existiment ubertatd nimia prioris aevi de- 
fatigatum et effetum solum nequire pristina benignitate praebere 
mortalibus alimenta. Diese Stelle zeigt uns eben so entschieden 
als die vorige Columelia's schriftsteUerische Thätigkeit unter der 
Regierung des Nero. 

Wenn nun ein Mann, der unter Nero über den Landbau 
schreibt, den Celsus einen berühmten Autor seiner Zeit nennt, 
was folgt daraus für den letztern? So Tiel zum wenigsten, dass 
dieser nicht unter Augustus geschrieben haben kann. Wer da- 
gegen auch nur noch den geringsten Zweifel hegt, der vergleiche, 
Jim denselben ganz zu zerstreuen, wie der nämliche Columella 
des Terentius Varro (I. praefat.) gedenkt: sicut M. Yarro tarn 
temportbus avorum conquestus est. Also lebte Varro dem Colu- 
mella zu Zeiten der Groasväter^ und doch hat dieser die Regie- 
rung des Augustus noch erlebt und sein Werk über den Landbau 
nicht lange vorher (702 ab u. c.) geschrieben. Wenn das Leben 
des Celsus unter Augustus fiele und seine vielfache schriftsteUe- 
rische Wirksamkeit vor dem Ende der Regierung jenes Kaisers 
ihr Ziel gefunden hätte , so wäre Celsus nur ein jüngerer Zeitge- 
nosse des Varro: wie würde Columella dann den Celsus als einen 
Mann seiner Zeit, den Varro aber als einen, der zur Zelt seiner 
Grossväter gelebt habe, bezeichnen können? 

Wenn nun aus der Art und Weise, wie Columella unter 
Nero des Celsus gedenkt, mit genügender Sicherheit erhellt, 
dass dieser unter Augustus nicht geschrieben haben kann , so ist 
auch wieder ausgemacht , dass dessen Werke vor der Regieruiig 
des Caligula erschienen sind. Denn lulius Graecinus, der von 
Callgiila hingerichtet wurde, hatte in seinem Werke über den 
Weinbau die Schriften des Celsus und Atticus über den Landbau 
benutzt. S. Plin. N. H. XIV, 4 (2), § 5. Columella I, 1. 

. Demnach bleibt die von dem Unterzeichneten früher ange- 
gebene Bestimmung, dass Celsus nach Augustus und vor Cali- 



Paldanuis : D« Comelio Celfo. , 57 

# 

gala'S' Regierung geine Werke verfaasi hebe, unenehUteri be- 
stehen, und wenn etwas bu berichtigen ist, so wurde dieses darin 
bestehen, dass ich damals auf die entscheidenden Stellen mich 
nicht aliein besclirankt, sondern auch andre herbeigesogen habet 
auf welche kein sicherer Schluss au bauen war. Dahin gehört 
unter Anderm eine Aeosserung des Quintilianus (Inst or. III, 
1, 21.) folgenden Inhalts: Scripsit de eadem materia (Hber Rhe» 
torik) non paucs Cornificius, aliqna Stertlnlus, nonnttiü pater 
Gallio: accurätius vero priores Gallione Celsus et Laenas et aeta- 
Ha nostrae Virginius, Plinius, Tutilius. QMio det Vater ^ wie 
er im Gegensatze au dem von ihm adoptirten Bruder des Philo« 
sophen Seneca (NoTatus) hiess, lebte unter Angustus, Tiberius 
und Galigula. Wenn nun Celsus und Laenas vor dßr Zeit dee 
Gallio (priores Gallione) gelebt haben solleii '*'), so müssten sie 
ungefähr Zeitgenossen des Vsrro und Cicero gewesen sein. Diese 
Angabe steht aber mit Allem , was uns über Celsus überliefert 
wird,' im offenbarsten Widerspruche. Wofern also. Quintilianus 
nicht ein auffallendes Versehen gemscht hat^ was gar mcht wahr* 
scheinlich ist, so miissen seine Worte entweder anders ausgelegt, 
oder es muss ihnen durch die Kritik nachgeholfen werden. Die 
esegeiische Aushülfe schien mir früher die richtige, und daheir 
sollten Quintilian's Worte in der oben genannten Vorrede so inter* 
pungirt werden: Scripsit de eadem materia • . • • pater Gallio 
{accurätius vero priores Gallione)^ Celsus et Laenas etc. Dann 
würde Gallione Ton accurätius ab^sngen, und priores wSren die 
vorher genannten Comificius und Stertinius. Jetzt sehe ich, dsss 
Andre (vgL Spalding z. a. St. und Schüling Vit. Celsi S. 33.) den 
nämlichen Gedanken durch ein Komma nach Gallione zu gewin- 
nen Buchten. Hr. F. nennt (S. 5.) diesen Versuch , wobei keine 
Sjlbe geändert wird, eine verwegene Kritik (von Kritik darf hier 
gar nicht die Rede sein) und eine schlechte Vei^wandlung. Ital- 
ien wir etwa bei dieser Auslegung der Stelle, trotz des Mscht- 
Spruches von Hrn. P., uns beruhigen? Keineswegs: denn sieht 
man die Worte genauer an, so ist eine Wechselbeziehung zwi- 
schen jürtores und aetatis nosirae (Zeitgenossen und solche^ die 
vor uns lebten) nicht zu verkennen, und darffus ergiebt sich Gal^ 
Hone als ein verkehrtes Glossem. Die Stelle ist demnach so zu 
ordaen: Scripsit de eadem materia • r . . pater Gallio: accurätius ' 
vero priores Celsus et Laenas et aetatis nostrae Virginius, Pli- 
nius^ Tutilius^ d. h. aber mit mehr Sorgfalt (als die drei vorher 

*^ Priores Gallione kann in dem Zusammenhange der obigen Stelle 
nicht heissen, dass Celsus nnd Länas ihre rhetorischen Schriften vor 
Gallio (ante Gallionem) abgefasst hätten, sondern diese Worte können' 
nur bedeuten , dass ihr Leben und Wirken in die Zeit vor Gallio falle. 
Was ich in meioer Vorrede xara Celsas ober diese Stelle S. VI. bemerkt 
habe, ist hiernach za berichtigen. 



58 Romiftcbe Literatnr. 

\ 

geqannten) haben nbier Ähetorik geBchrieben vor untrer Zeit 
Cehus und Laenas und unsre Zeitgenotsen FirgimuSj Plinius^ 
7^atiliu8. Von den rhetorischen &lhriflen der drei ersten ein- 
heimischen Rhetoriker weiss Qaintilianus nichts Rütunliches su 
sagen; daher begnügt er sich damit, eine Bemerkung über den 
Umfang ihrer Werke an machen , non pauca , aliqua , nannihiL 
An den übrigen fünf wird grossere Sorgfalt gerühmt« und voa 
ihnen fallen zwei in die Zeit vor Qutntiüanus, drei alier waren 
ältere und bereits gestorbene Zeitgenossen von ihm. Jetzt 
herrscht in dem ganzen Abschnitte über die einheimischen Rbe- 
toren (§ 19 — 22.) eine genaue chronologische Folge^ gerade wie 
in der vorausgehenden Auseinandersetzung (§8 — 18.) über die 
griechischen Rhetoren , und das Zengniss des Quintilianus steht 
mit demjenigen y was wir über das Zeitalter des Celsus aus siche- 
ren Andeutungen erfahren, im besten Einklänge. Jetzt wird 
sich auch beurtheHen lassen , was Ton der Behäuptuiig des Hm. 
P. zu halten sei , welche wir bei ihm S. 5. nach Anfährung der 
eben behandelten Worte des Quintilianus lesen: Gelsnm aetate 
antecessisse Gallionem unusquisque, opinor, inde cum Bianconio 
coiliget. Vielmehr kann Niemand, der in den richtigen Zusam- 
knenhang der Frage nach dem Zeitalter des Celsus eingedrungen 
ist, so schliessen, sondern wir mnssten, wenn sich nicht ein 
leichtes Mittel für Quintilian's Worte darböte^ lieber an ein Ver- 
sehen bei ihm denken^ als etwas annehmen, was andern und ganz 
bestimmten Zeugnissen widerspricht. 

Zu welchen Irrthiiinern aber der Verfasser des Programms 
durch die irrige Vorauasetzung, Celsus sei vor Augustus ge- 
storben , ^ich weiter hat verleiten lassen , soll jetzt gezeigt 
werden. In seinem Briefe an den lulius Florus, den Begleiter 
des Tiberius auf dem Feldznge nach Fannonien und dem Orient, 
nennt Horatius einen Celsus und bezeichnet ihn als einen Dichter, 
der sich mit fremden Federn schmückte, auf diese höchst ergötz- 
liche Weise (Epist. U 3^ 15): 

Quid mihi Celsus agit, monitos multumqne monendos, 

Priratas at qaaerat opes et tangere vitet 

Scripta, Palatinus quaecunqtie recepit Apollo, 

Ne , si forte suas repetitom venerit oiim 

Grex avium plnmas, moveat cornicula risnm 

Fnrtivis nudata coioribns. 
Deki hier erwähnten Celsus hielt Bianconi für identisch mitun- 
serm Cornelius Celsus, und der Verf. des Programms stimmt ihm 
(S, 11.) bei: quod equidem persuasum habeo, Convenit enim 
tempua et ingenü indolea. Jener Brief des Horatius ist im Jahre 
734 oder kurz nachher geschrieben, und daher kann nach unsrer 
obigen Erörterung über das Zeltalter des Cornelius Celsus dieser 
nicht gemeint sein. Aber auch davon abgesehen, kann in jener 
Annahme doch nur ein fast unbegreifficher Irrthnm erkannt 



Paidamas: De Comelio Celso. ;S0 

werden. Denn der Hofadsche CettiM wtr eio IMehler, wie die 
labrigen, die mit ihm dort (V« 6 — 14.) andeutet oder geneiiBt 
werden , ein Dichter , der fremde Verse di aeine dgaen aafoo- 
tischen liebte. Wenn aber unter 'Cornelias Celsos efaiselne DIsci- 
plinen behandelte und darin Tonragsweise griecldsehe Gewahra- 
männer benutzte und diese , wie es in seinen Bucfaem fiber Sie» 
dicin immer gescliieht, gewissenhaft anführte, so kann darin, 
zumal naeh römischer Yorstellnng, unmöglich ein Entwenden 
fremden Gutes gesehen werden. Allein eines Beweises ans sel- 
chen Innern Gründen bedarf es hier gar nicht: denn wir finden 
den Cebus dea Horaa noch einmal bei ihm wieder (Epiat. I, 8.), 
und swar durch seinen Beinamen deutlidi genug von Comellna 

VdoUo UBMSnidlRSWSll ■ 

Cebo gandere et bene rem gerejre uiflMnooofio, 

MnsB rogata, refer, comiti scribaeqae NeroDis« 
Also CeUus JUnnavanu8 hiess der Didhter oder Dichterling, . 
dessen Horaz gedenkt, und ist eine von Cornelius CeUus gann 
Tersehiedene Person. Oder w&rde wohl Jemand zu behaupten 
wagen, der Verfasser der Hedidna habe voUstindig A. Cameimt 
CeUus Albmovanus geheissenl 

Auch Ovidius erwihnt (Epist. ex Ponte 1, 9.) einen Ceisns. 
Darüber meint Hr. P. 8. 12.: „Quemadmodum vero Horatianna 
Gelsus plane cum nostro (d. h. mit Cornelius Celans) conveniti 
ita Ovidlanas quoque , cuins mors a poeta (soll heissen wm Ovi^ 
dius) deploratur anno fere 766.^^ Dass dieser eine Person mit 
Celsus Albinooanus sei, ist kaam zu bezweifeln und ziemlich 
allgemein angenommen : dass er aber auch von Cornelius Celsus 
nicht Terschieden gewesen, wie Paldamns voranssetzt, ist rein 
unmöglich, weil der Tim Ovid erwähnte vor Augustus gestorben 
ist, weil femer bei Ovü nicht die geringste Hindentung auf eins 
Ton den Werken des Celsus sich findet, weil endlich der Celsus, 
dessen Tod Odd beklagt, von diesem als ein Msnn ohne Ver- 
mögen und ohne vornehme Herkunft (V. 37-^40«) beschrieben 
wird: 

Crede ndhi, rnukos babeas cnn dignas andoos, 
Non foit e mnitia qaolibet iiie minor, 

Si modo nee cenmu neo elarum nomen avarum^ 
Sed probitas magnos ingeniomqne facit. 

Dem Cornelius Celsus fehlte es durchaus nicht an einem elarum 
nomen avorum; auch ein erhebliches Vermögen muss er gehabt 
haben: denn ohne ein solches hatte er die zahlreichen und ge- 
Idtrten Werke nicht verfasse» können , die von ihm erwihnt wer* 
den ; ohne bedeutende Geldmittel hfitte er aus reiner Liebhaberei 
mit der Medicin und ihrer Literatur sich nicht in dem Maasse 
vertraut machen können , wie es ihm nach dem Zeugnisse seines 
gehaltreichen Werkes in der That gelungen ist Wenn dagegen 
Ovidius aH seinem verstorbenen Freunde Bravheit (probitatem) 






/ 



• 



60 Römische Literatur. 

lind Talent (ingeniurn) rnhml, so fohrt nns das auf den Celsuii 
Albinoranus des Horatitis. Denn dieser muss, ntigeachteft seiner 
nicht geringen Unart, fremdes Gut als eignes in sdnen poetischen 
Versuchen darzubieten, im Uebrigen 'eine brave Seele und auch 
nicht ohne f^nl^^m zum Dichten gewesen sein, weil sich sonst 
Horaz gar nii^t mit ihm befasst haben wurde *)> Dem Hrn. P* 
rauss das Bedenlcliche seiner Behauptung seihst! einigermasssen 
fühlbar geworden sein: denn obgleich er zuerst >on einer Ueber^ 
Zeugung spricht (persuasum habeo), so wird doch am Ende hin- 
zugesetzt: Sed longius immorari nolui in re numqnam ultra pro- 
babilitatem demonstranda. Konnten wir doch Alles so sicher be- 
weisen, als dass CeUus Albinovatms^ dessen Horaz und Ovid 
gedenicen, und Cornelius Celsus zwd verschiedene Personen ge- 
wesen sind! 

3. Cornelius Celsus hat nicht blos die uns von ihm allein 
zugekommenen acht Bücher über Heilkunde, sondern auch Werke 
Ober Rhetorik, Philosophie, Militär- Wissenschaft undLandbau 
geschrieben. Was uns von alten Gewährsmännern ilber die unter- 
gegangenen Schriften des Celsus überliefert wird, hat BianconI 
und kürzer der Unterzeichnete zusammengestellt. Hr. P. weicht 
(S. 12. 13.) von Beiden in folgenden Punkten ab. Zuerst termu- 
thet er, dass Celsus sein Werk de re militari ausgearbeitet oder 
wenigstens begonnen habe, als er den Tiberius auf dessen Feld- 
zuge begleitete. Diese Vermuthung beruht auf der unglücklichen 
Verwechslung des Cornelius Celsus mit Celsus AUnnovanus^ 
und muss demnach als leine yerkehrte unbedenklich aufgegeben 
werden. -7- Ferner behauptet Hr. P., die Anzahl der Bücher 
des Celsus über Rhetorik sei nicht bekannt, während seine Vor- 
ginger nach dem Scholiasten zu Juvenars Sat. VI^ 245. sieben 
Bücher angenommen haben. Juvenal nämlich spricht von unver- 
schämten^ Weibern, die sich zu Anklagen vor Gericht erkühnen: 
Componunt ipsae peif se fonnantque Ubellos, 
IVtnctptum atque loeos Cdso dictare parataey 
und dazu bemerkt sein Scholiast: Celso^ oratori illius temnpris, 
qui Septem libros Institntlonum scriptos reliquit. Wenn der 
Scholiast mit diesen Worten das rhetorische Werk des Cornelius 
Celsus meint, so ist sein Ausdruck illius temporis und ebenso , 
orator statt rhetor ungenau , was jedoch bei ihm nicht auffallen 
kann. Wenn wir ebenso annehmen, Juvenal habe an Cornelius 



*) Uebrigens ist an ein vertraaliches Verhältniss des Horaz an 
diesem Celsos kaam zu denken, obgleich ^r, ansser jener .Stelle, worin 
er sich ofiEenbar über ihn lastig macht, ein eignes Sendschr^ben, das 
achte im ersten Buche", an ihii gerichtet hat. Denn dieser Brief enthalt 
ausser einem Conventionellen Grosse (V. 1 — 2.) und einer Warnung vor 
Uebermuth (V. 15—17.) nichtis mehr für Celsus, und ist weniger ffir 
diesen als für Tiberius bestimmt. 



Paldämatt» De Conielio Celio. 



61 



CelsQB ^edadii, so stimmen seine Worte damit sehr wohl iiber* 
ein: aie^ die Weiber, sind gefmsty einem CeUtfe Unterricht 
über den Eingang einer Rede und Ober BeweiequeUen (locoo 
ar^mentorum) %u ertheilen. Beides, die Daratelinng der Theile 
einer Hede (Aofäo^, JMItte, Schluss) und die AoseioandersetiVDg 
der loci argumentorum^ f eliört in die Rhetorilr^ und Celsus wird 
hier als der erste he%ie Lehrer der Rhetorik erwähnt. Nun gidlit 
es aber auch awei Rechtsgelelirte mit Namen luveatias Celeue 
sEur Zeit des Damitiauus und Trajanns (siehe de Orig» iur. liegen 
Ende Big. 1 2. und L. 19. § 3. n. 6. de aüro, arg. Dig. XXXIV,?. 
Dio'Cass. LXVII, 13.). Cramer zu den Schollen des Juvenal denkt, 
jedoch mit bescheidenem Zweifel, beim Celsus des Juvenal und 
seines Erklärers an luventius Celeua den Sohn, Heinrich im Com* 
mentar zum Juvenal an den Vater Celsus , weil dieser noch unter 
Domitianus, dessen Zeitalter von Juvenal vorzugsweise gezeichnet 
wird, am Leben war, der Sohn hingegen erst unter Trajanus sich 
bekannt machte.' Wer wird nun Recht haben? Gewiss keiner 
von beiden : denn die ioct oder aedes argumqntorum gehen deo 
Rechtsgelehrten als solche nichts an , sondern Sire Behandlung 
gehört in die Rhetorik , ebenso die Erörtenmg der Theile einer 
vor Gericht zu haltenden Rede, welche Juvenal durch Erwähnung 
des Eingänge (principium) augedeutet hat. Es wird also dabei 
bleiben müssen, dass Juvenal und sein Scholiast den Cornelius 
Celsus gemeint haben , und dass dessen Rhetorik aus sieben Bü- 
chern bestand. Sehr naiv lautet, was Hr. P. mit einer beinahe 
beneidenswerthen Unbefangenheit gegen vorstehendes Ergebniss 
(S. 13. Annu 63.) äussert: Septem libros fuisse prave tradit Rit- 
terus p. XVIL, testimonio Scholiastäe ad luvenal. S. 6. 245. ful- 
tus^ ubi meliora edocent Cramer '*') et Heiorichlus. Wer dieses 
liest, mus» glauben , dass beide dort genannte Männer dasselbe 
sagen, dass sie ebenso eine Belehrung geben, wogegen kein 
Zweifel mehr aufkommen kann: von beiden findet das Gegen- 
theä statt. 

4. Vergebliche Bruchstücice aus der Rhetorik des Corne- 
lius Celsus, Der Unterzeichnete muss gestehen, dass er mit 
nicht geringem Interesse zum Schlüsse der Abhandlung des Hrn. 



*) Was Cramer a. a. O. für seine Vermuthang beibringt, ist schwach 
and leicht zu widerlegen , z. B# es gehöre doch eher für den Rechtsge- 
lehrten als für den Rhetoriker, Klagschriften (libelltfs accnsatorios) auf- 
zusetzen: allein von diesen ist im Vers^, worin Celsns vorkommt, nic]|t' 
mehr die Rede, sondern von Gegenstanden. der Rhetorik. Er mnss zu- 
geben , dass InxtHuüoneB von luventius Celsus nirgends erwähnt werden, 
Jedoch werde in den Digesten (L. 19. S 6. XXXIY, %) getade das tkbenU 
Buch Comiiienlortbrufii angeführt: dieses würde nur dann einige Bedeu- 
tung haben , wenn i^ wossten , dass jenes siebente Bach auch das letzte 
gewesen sei* 



"62 Romische Literatur« 

P. (S. 13 — 14.) uber^g. Dena to wenig ndch der bisherige 
Inhalt derselben erbaut oder befriedigt hatte, so ¥mrde wenige 
stens hier etwas ganz Neues geboten, nämlich Bruchstucke aus 
der Rhetorik des Gelsus, und zwar ac^/ Stuck. Meine Erwar- 
tung wurde indessen schon etwas getäuscht, als ich sah, dass 
zwei dieser Bruchstücke (die unter Nr. 7. und 8. aufgeführten) 
mit Unrecht so genannt wurden und weiter nichts waren , als be- 
kannte Beziehungen andrer Schriftsteller auf Aussprüche des 
Celisus.- Immer jedoch blieben noch sechs übrig. Aliein meine 
Neugierde ging in Erstaunen über, als ich bemerkte, dass Hr. P., 
wie früher den €!el8U8 ^Albinovanua ^ so hier den Arruntius Cel^ 
8U8^ den Commentator der Gedichte des Virgil über Landbau und 
des, Tereäzischen Phormio , diesen Gramnmtiker aus dem viertea 
Jahrhundert nach Christus, mit CarneUua Celsua verwechselte '*')• 
Um diese Behauptung gleich zu begrfinden und jedem Leser ein 
eignes Urtheil möglich zu machen, sollen hier die sechs Bruch- 
stucke aus dem Commentar des Arruntius Celsus zUm Landbau 
des Virgil mitgetheilt werden. Das erste lesen wir bei Serviuß 
SU VirgU. Georg. I, 277«: 

Quiniamfuge: ptüHdua Orcuf 
, Eumenidesque satae, . 

Celsus ut iurisiurandi deum pallidum dictum, quia iurflntes trepi- 
datione pallesciint: nam apud Orcum defunctae animae iurare dl- 
cuntur , ne quid suos quos in Tita reliquerunt contra lata adiurent. 
Wir erhalten hier eine Erklärung des Beiwortes paüidus^ dessep 
Bedeutung der Grammatiker Celsus als eine active fasste, der 
erblassen macht. Dabei dachte er an die Blässe der abgeschie- 
denen Seelen, während diese einen furchtbaren Eid schwören. 
Die Erklärung selbst ist falsch und gesucht , gan^ im Geiste eines 
späteren Commentators, unmöglich anzunehmen bei eineih jün- 
geren Zeitgenossen des Virgilius, was Cornelius Celsus nach der 
Voraussetzung des Hrn. P« sein würde. Der Orcus heisst blase, 
weil alle Gottheiten der Unterwelt blass oder schwarz (ygVfurva 
Proserpina bei Horaz) aussehen, well die Vorstellung von der 
Gestalt der Unterwelt und ihrer Bewohner auf die unterirdischen 
Götter übergetragen wird. Hr. P. hat sich über den Sinn und 
Werth der Worte seines Celsus gar nicht erklärt Die übrigen 



*) Scheint es doch fast, als ob eine harte Nemesis den Uebermoth 
des Hm. P. gezfichtigt habe. Er wolite arge Irrthumer Andrer Terbea- 
Sern, nnd' giebt nur die seinigoi lam Besten; er wollte fSr Sachkenner 
schreiben (S. 3.: „Nos dum vitam Celsi, remm magis quam verbonun 
cnriosi, rei fi^erariae panio peritioribas scribimas'O» ^^i strauchelt 
schlimmer als ein Anfanger; er wollte sich melff um die Sache ahi um 
den Atisdruck bekümmern , und begeht in ersterer nodi ärgere Fehler, 
als in seinem allerdings sehr unvollkommnen Stile. 



Paldamus: De Coraelio Cebo. ' 63 

Aof Cilate aas Celaa§ hat Pkäargffriua aofbewahrly cimlich tu 
Virgil. Georg. II, 332.: 

Inque novo» töla audent se germina iuio 
\ Credere* 

Gramina: Celsua ait germina reliquisse Vir^liam: loqnitor enim 
de omnium arbonim fein. Unde male quidam gramina legnnf. 
Das ist eine begründete Zarückweisang einer yerkehrten Lesart, 
yn\e aie sich erwarten lässt Ton einem spatern Commentator, 
nicht von einem , der gleich nach Yirgil's Tode schrieb. Hr. P. 
bemerkt: cum Celso faciunt etiam recentissimi intcrpretes, Hey- 
hius et Wagncrus. — Zu Virgii. Georg. II, 479 sqq.: 

qua vi maria tdta tumescant 
' ObUcibua rupiü rurßitsque in se ip$a ruidant 

lesen wir bei Philargyrins: maria alta: Celans Oceaniim signifi* 
cari alt, qui aeatu suo diffidit terram inter M auretaniam et Hiapa- 
niam, nt hoc sit obiicibus rupiia. Die Deutung ist eine gelehrte, 
aber spitzfindige und unzulässige. Denn ein Anschwellen der 
hohen See, wobei alle Riegel und Hemmnisse brechen, ohne 
Beieichnnng einer bestimmten -Localitat, ist gemeint. Die Kritik 
des Hrn. F. an seinem Celans (er schreibt nämlich ; Male. Est 
eol ui hieme) würde ganz unyeratändlich aein, wenn man nicht 
sähe, dass er das Scholion des Philargyriua irriger Weiae auf den 
nächsten Vers des Virgii (qnid tantum Oceano properent se tin* 
guere soles Hiberni) bezogen hat. Dann würde freilich Celsua 
reinen. Unsinn geschrieben haben : aber was muaa sich der un- 
schuldige Cornelius Celsns nicht ?on Hrn. P. ge&llen lassen 1 -^ 
Die nächste Erklärung bezieht sich auf Virg. Georg. III, 188.: 

in^e vieem det moUibu8 ora eapktria 
InväliduB etc. 

Es ist hier die Rede Ton einem Fohlen , daa inm Schlachtross 
erzogen und dem mitunter (in vicem) die Halfter (capistrum)' 
angelegt wird. .Darüber schreibt Philargyriua: Celsua inque vi- 
cem sie intelligit, ut sit nonnunquam sine capistria, Tel ut sit in 
utraque parte ductus facilis. Die erste Erklärung des Celsus ist 
richtig, die zweite falsch. Der Verfasser des Programma fuhrt 
nnr die erste an und setzt hinzu: Mectesequitur Wagnerua» — 
Zu Virg. Georg. III, 296. : 

dum mox firondosa redueitur aeatas 

bemerkt Philargyriua: Celsua dum mos pro donec interpretatur, 
sed, ut puto, mos abundat. Dum mox bei Virgii heisst bis näch^ 
stene^ so dass beide Commentatoren Falsches behaupten. Hr. P« 
nrtheilt anders: Reete Celans, — Zuletzt gedenkt Philargyriua 
einer Bemerkung dea Celsua zu Georg. III, 313. : 

Gwjlfilm iwidehi Mrci »a^a$que cojiunitet 

. * 

Ü8um in eastrorum» 



64 



Romische Lit/Bratar.' 



Vsum in eastrarum: quod inde tormenta fiant itemque ciiicia, 
quae Celsna. ait retulisse Varronem (§. de re rast. 11, 1.1 extr.) 
ideo 8ic appellari , quod usus eorum in Ciiicia ortus ait. 

Nachdem wir diese yorgeblichen Bruchsticke aus der Rhe- 
torik *) des Cornelius Celsus überschaut und in allea^ die Weise 
eines Commentators aus später Zeit gefunden haben,* müssen 
wir uns erinnern, dass Yirgilius im J. 735 nach Roms Erbauung 
gestorben , und dass die Zeit der schriftstellerischen Thätigkeit 
des Celsus von Hrn. P. zwischen 735 und 765 gesetzt ist, dass 
endlich diese Erklärungen Vlrgiiischer Stellen als die ersten Ver- 
suche des Celsus bezeichiiet werden« Demnach müsste) i^obaid 
Virgil seine Augen geschlossen hatte ^ unter den Römern einer 
aufgestanden seiiji, der ihnen die gewöhnlichsten Ausdrücke zu 
erklären yersuchte! Allein solcher innem Beweise gegen diese 
Annahme ' bedarf es nicht einmal, sondern Hr. P. konnte den 
wahren Verfasser, dieser Erklärungen, den Arruntius Celans^ 
aus vielen Citaten lateinischer Grammatiker kennen lernen , z. B. 
aus Charis. Institut. IL p. 196.: Tuto Maro undecimo (v. 381.): 
quae tuto tibi magna volant^ ubi Arruntius Celsus ,,Non est, 
inquit, ut falao et raroJ^ Celsus machte die richtige Bemer- 
kung, dass in jener Stelle der Aeneis tuto als Nomen adiectivum, 
nicht als Adverbium zu verstehen sei. Wirersehen danms, dass 
sein Commentar sich nicht auf das Werk des Virgil vom Landbaa 
beschränkte. Den Commentar zum eilften Buche der Aencas er-s 
wähnt Charisius auch IL p. 180. , wo er jedoch den Gentilnaraen 
anslässt: Ilicet Maro in undecimo (v. 4d8.), ubi Celsus „nunc 
pro t/ico, id est statim: antiqui pro eus UcetJ*^ Der nämliche 
Grammatiker citirt den Commentar des Arruntius Celsus zum 
Fhormio des Terenz in folgenden Stellen. IL p. 185; Nimium 
quantum Terentius in Phormione (IV, 3, 38«) , ubi Celsus „pro 
nimium^ uti immane quantum y inq^edibile quantum; licet qui- 
dam sic.legant, inquit, ut nimium servus dicat, quantum verq 
senex.'^ — Pag. 189. Plurimum: Terentius in Phormione (I, 4, 
17.) ibi plurimum est^ ubi Celsus „nunc adverblnm est pro t^t 



*) Es ist vielleicht nicht aberflossig zu erwähnen, dass Hr. F. 
jene Bruchstücke zuerst (S. 13.) aus der Rhetorik des Celsus , nachher 
(S. 14.) aus einem gewissen Vorwerke delrselben entnommen glaubt. 
Die erste Stelle heisst: „Ceterorum librorum (ausser der Medicin) fra- 
gmenta perquam exigua , nulla rei rusticae (wie Hr.- P. das Wort fra- 
gmenta versteht, ist ^eses falsch) militarisqae et philosophiae , sola 
tantum artis rhetoricae , quae quantum a nobis fieri potuit integra sab- 
iiciemus.'* Nachdem das geschehen ist, erfahren wir weiter: „Yides 
autem omnia Celsi opera interiore quodam connexu contineri : scriptor 
enim liberali institutione , qua imbutus est , utitur primum ad Georgica^ 
opus technica eruditione refertissimnm , interpretanda , deinde progre> 
ditnr ad artes ipsas exponendas." 



Paldamos: P« CoraeHo Celso. S5 

«ae/ie, ibi frequenter est. — Pag. 100. Perdtte pro valde. 
TerentioB in Phormione (I, 2, 32.}: eam amare eoepii perdiie. 
Nam iia Arruntius CeUus ; et addit ,,aatiqai enim dicebaat ar» 
dere froamare.^^ — Pag. 197. ui pro ulinam: ut ie quidem 
omnea di deaeque (Phorm. IV, 4, 6.), ubi Arrutdm^ CeUua ^pro 
utinam Tereoihis in Phormioiie^S — Ebenda«. Fieiniaec hie 
vieiniae in Hecjra (vielmehr im Pliormio I, 2, 45.) , ubi CeUua 
,,adv^TbiaJiter, ioquit, ut domi militlaeqoe.^^ Priacian oenot 
denselben Grammatiker iweimal Arruniiua (pag. 607. 708.) und 
Tiermai Celsua (p. 644.687. 774. 9620; bei Diomedea (p. 307.) 
ist ArrufUius QaudiuB in ArrufUiua CelauB lu verbeaaem, nach 
Liademann's richtiger Bemerkung ad Charia. S. 127. 

Hoffentlich wird daa Vorstehende genügen, um den dreilei» 
bigen Geryon, zu dem Cornelius Celsas gestempelt werden aoUte, 
als einen einfachen und Ternünftigen Menschen wieder au er* 
kennen. Allein noch ist Einiges au aagen über drei *) beiläufige 
Erwähnungen des Cornelius Celsus^ woraua wir swar keine Bruck" 
Stücke gewinnen , aber doch Ansichten von Cekus kennen lernen. 
Diese kommen ?or erstens bei Phllargyriua su Virg. Georg«. IV, 1.: 

Frotinu» «rem mdlia eaeleHia dona, 

Sive quod luppiter melle nutritus sit in insula Creta^ aive qnod 
(mel) in aere concipiatur: nam, ut alt Cornelius Celsns^ apes ex 
flöribus ceras faciunt, ex rore matutino mel. Hier ist doch end- 
lich einmal von Cornelius Celsus die Rede, was der Commentator, 
der den Grammatiker schlechtweg Celsus nennt, auch bemerklich 
gemacht hat. Allein das Citat bezieht sich nicht auf die Rhetorik 
des Celsus oder auf einen Torgeblichen Commentar uim Virgili- 
sehen Landbau, den es nie gegeben hat, sondern auf daa Werk 
des CeUus über Landwirthschaft. Dort nfimlich hatte Celsus, 
ohne Zweifel in dem Abschnitte über Bienenzucht, behauptet, 
die Bienen holten das Wachs aus den Blumen, den Honig aus dem 
Morgenthau. Diese Behauptung will Phllargyrius zur Erklärung 
der caelestia dona meiiis aerii benutzen. Es folge hier gleich 
noch eine zweite Behauptung des Celsus aus dem Werke de re 
rustica, welche Hr. P. ganz übersehen hat. Sie steht bei Plin. 
N. H. X, 74. (53.) extr. : quaedam gallinae omnia gemina ova pa- 
riunt et geminos {pulloh) interdum excludunt, ut Cornelius Celsus 
au^tor est, alterum maiorepi. Celsus wollte bemerkt haben, dasa 
solche Hubner, welche aus einem Ei zwei Küchen ausbrüten, das 
eine, nnd zwar das grössere von beiden, nicht anerkennen'. — 
Eid drittes Citat bei Qointilianus VllI, 3, 47. , das seinem Inhalte 
gemäss auf die Rhetorik des Celsus bezogen werden muss, lautet: 
Siquidem Celsus xaxintpatov apud Virgilium (G. I, 357.) putat 



*) Bei Hrn. P. finden sich nur zweif and davon wird eine mit Vn- 
recht auf die Rhetorik verwiesen. 

N. Jakrb, f. Pkü. »• Päd. od. ErU. Bibi. Dd. XXXYHI. Hfi. 1. ,5^ 



* 



t • 



66 Roniigche Literatiir/ 

I • — 

^^indpium a^itaia tumescere^^ ; quod si recipias, nihil loqai 
ttttiim est. Die Erklärer des Qiiintilianns waren an dieser Stelle, 
wie an einem bösen Feinde ^ vorüber ge^an^en, und Bianconi 
hatte, das %a7Lkfiq>atov mit deiti 3iax6q)&vov v'erwechselnd, einen 
Debelklan^ in Virgirs Worten zu vernehmen geglaubt, als der 
Unterzeichnete in der Vorrede zum Celsus (S. XVlii.) den ersten 
Versuch machte, das Verständniss der dunklen Worte aufsu- 
achliessen. Weil nämlich unter naxifiqiatov «eine solche Wort- 
verbindung verstanden wird', die in dem Leser leiciit eine obscöne 
Neben Vorstellung erwecken kann *), so hatte Cclsus nach meiner 
Deutung behauptet, durch den DoppelbegriflP agitare {rütteln) 
und tumescer^e (anschwellen) könne bei« dem Leser leicht die 
Vorstellung einer obscönen Manipiilution und deren Wirkung 
erregt werden. Weil sich darüber besser lateinisch sprechen 
lä'sst, so schreibe ich jene Erklärung hierher: Celsus, qui pro 
^ aua arte medica sciebat agitari et tumeseere praecipue dici de 
tole^ ponti freta agitaia tumeseere nimium religiosis auribut 
exceperat. Was meint Hr. P. da^ut Hören wir ihn selbst: 
Cuius loci, de quo silent Quintiiiani interpretes , mir^ est Uitteri 
jnterpretatio , putans '*''^), agitari et tumeseere praecipue dici de 
cole eamque ob causam offendisse Gelsum. Constat agitari de 
concubitu^ praecipue in composito subagitandi dici, tumeseere 
autem de graviditate« Wie verhält. es sich mit der Wahrheit 
dieser Behauptung? Wird agüari jemals vom Beischlaf ge- 
braucht? Miemals! SucJhe der Verfasser nur nach Belegen, 
und führe uns eine sichere Stelle für diese Bedeutung an. Allein 
wie er um die Worte nacli eignem Geständniss wenig bekümmert ' 
ist, so schiebt er schnell das Zeitwort subagüari unter, in der 
«IMeinüpg, dass auf drei Buchstaben nicht viel ankommen werde. 
Wer ebenso denkt, mag die neue Auslegung immerhin vorziehen: 
ich muss dieselbe fi'ir sprachwidrig und ganz unzulässig erklären. 
Der Verf. beschliesst sein Programm mit dem Versprechen, 
nächstens über den Text der Medicina des Cclsus zu sprechen: 
„de ipsis libris, ^qui supersunt de re medica eorumque textu, pa- 
rum adhuc castigato, propediem dicemus.^^ Möge es ihm gelin- 
gen, auf diesem Felde bessere und reifere Früchte zu erzfeien; 
möge er aber auch die Ueberzeugung hegen, dass gute und gründ- 
liche Leistungen weder durch übermassige Selbstschätzung noch 
durch unverdiente Herabsetzung Anderer empfohlen zu werdeo 
brauchen. 
^ Fr. Ritter. 

*) Z. B, bellum ductare, Krieg fuhren oder in die hänge ziekenf 
und einen Schonen misahrauchen* 

**) Die Latinität muss man Hm. F. zu Gute halten j weil er mehr 
um Sachen als um Worte (vgl. S« 3.) sich bemühen will. 



Ohm : Lehrbuch fgi* den mathem. Klementarmiterricht. 67 

Lehrbuch für den gesammten mathemaiiachen 
Elementarunterrich-t an Gymnasien , höheren Bürger- 
und Militär -Schulen, bearbeitet von Dr, Marün Oibi, Ritter des 

t 

rothen Adlerordens 4. Classe, Prof. an der Friedrich -Wilhelma- 

Universität u. s. ly. zu Berlin. Dritte , durchgesehene und theil- 

Mreise umgearbeifete Auflage, mit 1 Fignrentafel. Leipzig, bei 

Friedr. Volckmar. 1842. gr. 8. Vm und 232 S. (1 FL 39 Kr.) 

Durch den Geist, die Methode nnd Ansichten, welche den 
niatlieniatlschen Lehrbüchern des Verf. snm Grande liegen , hat 
er in dem Bearbeiten des mathematischen Stoffes fnr die Schule 
and für wissenschaftliches Fortschreiten eine eigne Bahn gebro- 
chen und viele durch mechanische, gesetslose und unlogische 
Behandlnn^sweisen der arithmetlsdien und geometrischen DMci-« 
plinen in den Lehrbuchern für Schulen und Selbstunterricht höchst 
▼erderbliche Missgriffe beseitigt. Er hat hierdurch dem grund- 
licheren und lefchteren Studium der Mathematik einen bedeuten- 
den Vorschub geleistet, letsteres sehr v^breitet und nicht allein 
durch seine Vofftrige, sondern auch dnndi seine Lehrbuchs dem 
betheiligten Publicum Gelegenheit rerschafft, irnt dem wahren 
Geiste der Arithmetik nnd Geometrie naher vertraut au werden* 

Sein Lehrbuch der gesammten Elementar -Mathematik In 
3 Theilen (Berlin b^. RIemann. 1825«), sein Lehrbuch der ge- 
sammten -höheren Mathematik in 2 Bänden (Leipcig b. Volckmar. 
1839.) und sein kurzes Elementar- Lehrbuch der mechanischen 
Wissenschaften (Berlin b. Enslin. 1840.) als Ausaug aus seinem 
Lehrbuche der Mechanik in 3 Banden (in demselben Verlage) 
hangen Insofern sosaromen, als vorliegendes Lehrbuch ein, aber 
selbstständiger, Auszug ans obigen -drei Theflen ist, an dieses daa 
zweite Lehrbuch in 2 Binden und das Elementar - Lehrbuch der 
mechan. Wissenschaften sich anschliessen und das System der 
Mathematik (Berlin 1826 — 33.), wovon nach des Rec. Wissen 
bereits 7 Thelle erschienen sind und noch 5 Theile erscheinen 
sollen, die Grundlage bildet. 

I>er Gebrauch des Lehrbuches der Elementar -Mathematik 
war fUr Schulen zu kostspielig hinsichtlich der Zeit, Kraft und 
des Geldes der Schüler; daher entstand vorliegender Leilfsden 
als selbstständiger und zusammenhängend bearbeiteter Auszugs 
der eignes Leben hat und geeignet ist, den Schiller geistig anzu- 
regen und zum ^idnsm aasfulfflicherer Werke zu' veranlassen, jri 
der 1. Aufl. 1836, In der 2. JÜS37, und hier in der 3., woraus eine 
besondere Anerkennung seiner Vorzüge und Brauchbarkeit her- 
vorgeht. Schon in der 2. Aufl. (Rec. besitzt die erste und^ver- 
glich sie mit jener beiihrem Erscheinen) war der Verf. bemüht, 
das Buch zu vereiniacheii, abzurnnden und »averbessern. Noch 
mehr ist, dieses in «Ueser 3. Aufl. geschehen, da der Verf. während 
des 5 bis 6jllhrigen Gebrauches mancherlei Erfahvungseh mächtä^ 

5* 



68 Mathematik. 



r^ 



theiis die Citate^ theils die Andeutungen sur weiteren Ausfnh' 
rnng von Rechnungen oder Beweisen vermefirte und die Trigpno* 
metrie bedeutend iTmarbeitete i, wobei die dofipelte Definition der 
Sinus und Cosinus der stampfen Winlcei vermieden^ und dadurch 
Wahrheit und Gründlichlteit mit noch grösserer Einfachheit ver- 
einigt wurden« 

Den Nutzen dieses Leitfadens bezeichnet der Verf. kurz mit 
folgenden Worten: ^^Dass der Lehrer die Überall kostbare Zeit 
spare, welche er sonst zum Dictiren der einfachsten und wich- 
tigsten Satze Terwenden müsse, um den Schälierii wenigstens 
einige Haltpunkte in die Hände zu geben , und dass ihm fortwäh- 
rend Gelegenheit gegeben sei, die Schüler ausser der Schul- 
stunde zweckmässig zu beschäftigen, insofern er die Andeutungen 
zu den Entwicklungen oder zu den Beweisen schriftlich zur Aus- 
führung .bringen iässt, oder auch Ton dem SchülerHblos verlangt, 
daas er sich zu Hause dergestalt vorbereite , um diese Andeutun- 
gen in der nächaten Schulstunde zur Ausfuhrung bringen zu 
können.^^ Dieser pädagogische Gesichtspunkt verschafft dem 
Leitfaden für den Gebrauch in Schulen einen wesentlichen Vor- 
zug vor den meisten ähnlichen Schriften, in welchen derselbe fast 
durchgehends übersehen ist* Er ist es eigentlich, welcher dem 
Verf. durch seine Bearbeitungen der elementaren Disciplinen der 
Mathematik einen besondern Ruhm erwarb und seiner Methode 
allgemeine Anerkennung verschaffte. 

Der Verf. legt viele Sätze neben- und nicht hintereinander, 
wodurch er dem Lehrer eine leichte Umänderung der Ordnung 
im Lehrbuche insoweit möglich macht, als individuelle Ansicht 
oder eigenthümUches Bedürfniss der Schule es wiinschenswerth 
machen, ohne der berührten Vortbeile^ oder auch nur eines 
Theiles derselben. verlustig zu gehen. Ein wesentlicher Vorzug 
der Darstellungsweise und somit auch ^dieses Leitfadens des Verf« 
besteht noch darin , dass er aus einfachen , jedpch umfassenden 
Erklärungen einer Dlsciplin eine Anzahl allgemeiner, leicht ver-* 
ständlicher und allenthalben anwendbarer Sätze, Grundsätze, ab- 
leitet , sie der zu behandelnden Dlsciplin voranstellt und mittelst 
derselben den Lernenden bestimmte A^haltepunkte für Beweis- 
führungen aller Artgiebt, welche sie in den Stand setzen, selbat- 
ständig mit Liebe und Freude zur Wissenschaft fortzuschreiten. 

Rec. beobachtete schon vor bereits 18 Jahren ein ähnlichea 
Verfahren bei seinem Unterrichte und freute sich sehr, dasselbe 
in den Schriften des Verf. wissenschaftlich behandelt und durch- 
geführt zu sehen« Das Studium derselben verschaffte ihm neben 
grosser Freude noch mancherlei Gesichtspunkte, welche er bei 
dem Unterrichte zu berücksichtigen für hothwendig und vortheii- 
haft hielt und deren Bethätigung in den Schülern eine gewisse 
Selbstthfitigkeit, sich zu zeigen, zu üben und zu etkräftigen, und 
dleUebeeneugt, welche die Schüler für die Wiaaeoschaft gleich 



Ohm: Lehrbuch fSr den rnathem. BlementAninterricbt. 09 

vom Anfange erhalten müaaen, wefia auf afehern Erfolg des Unter- 
richts gerechnet und das Gewonnene fest begrindet werden soll. 

So hoch übrigens. Rec. ' die Behandlung de« mathemaliscIieB 
Stoffes und die Methode des Verf. schfitct und so ?iel er dem 
Studium der Schriften desselben verdankt, so kann er doch nicht 
unbedingt mit der Anordnung des arithmetischen und geometri- 
schen Stoffes, einrerstanden sein, indem sie in manchen Fftllea 
der Grundidee der beiden Zweige, d. h. dem wissenschaftlichen 
und praktischen Gesichtspunkte, unter welchem sie bearbeitet 
werden müssen , wenn sie dem oben ber&hrten pädagogischen Ge- 
sichtspunkte zur Grundlage dienen und die susuieiner Ber&cksich- 
tigung sich ergebenden Vortheile gewähren sollen, nicht gani 
entsprechen. Auch in Bezug auf die Bearbeitung hegt er hier 
und da abweichende Ansichten, deren wichtigere in den nach- 
folgenden Bemerkungen um so mehr herTorgt^hoben werden, je 
sorgfaltiger ^der Verf. jeden auf die Verbesserung seiner Schriften 
gerichteten Wink zu prüfen und, wenn seine Grundüberzeugung 
es ihm nicht unmöglich mache , zu benutzen bereit ist. 

Er zerlegt den elementar- mathematischen Stoff* in drei 
Theile, in die Arithmetik und AlgebnT (S. 3 — 118.), In die ebene 
Geometrie (S; 119 — 190.) und in die körperliche Geometrie 
(S. 191—223.). Ein Anhang bietet noch Einiges über Reihen, 
Permutationen und Combinationen nebst dem Beweise des bino- 
mischen Lehrsatzes. Halt nun Rec. die Grondansicht fest, dass 
die Gegenstände der Mathematik die Zahlen ^^ und ausgedehnten 
Grossen sind, so kann diese Wissenschaft liur in zwei Haupttheile 
serfallen, deren Modificationen sich alsdann in besondern Ab- 
schnitten von selbst ergeben. Der erste Haupttheil , die Zahlen- 
iebre, zerfallt nach den drei möglichen Gesichtspunkten, unter 
welchen sich die Zahlen betrachten lassen, in das Verändern, 
Vergleichen und Beziehen der Zahlen, wovon das erste in der 
dreifachen Vermehmngsart, Addition, 'Multiplication und Po- 
tenziatlon und in der gleichvielfachen Verminderungsart, Sub- 
tüBction, Division und Radication, also in sechs Operationen, das 
zweite in den synthetischen bestimmten und unbestimmten nie- 
dem und hohem Gleichungen, also in der eigentlichen Glei- 
chungslehre , und endlich das dritte in der einfachen und zusam- 
mengesetzten Beziehung, in den Verhältnissen, Proportionen, 
Loganthmen und Progressionen besteht. 

Jene sechs Operationen müssen, von allen gebrochenen Zah- 
len rein gehalten , zuerst ununterbrochen an ganzen Zahlen zum 
klaren Bewusstseiii der Lernenden gebracht, alsdann bei den 
Bruchzahlen, bei den Potenz-, Wurzel- imd imaginären Zahlen 
angewendet und sonach unter verschiedenen Capiteln entwickelt 
werden, wodurch eine lebendige Uebersicht des Verändems alldr . 
Zahlenarten gewonnen und die Arithmetik wissenschaftlich be- 
gründet wird. Auf diesen Disciplinen ruhen die Gesetze für die 






70 Mathematik. 

• » 

tynthetiflclien Gieidiuogen, welclie rara gans yweck- luid bedeu* 
tuDgslos iiDt€r dem Begriffe ^Aigebra^^ Terstaiideii wissen will. 
Reo. «agt dartuii bedeutungslos, weil der Begriff weder eine be- 
stimmt wörtliche noch sachliche Bedeutung hat^ sondern iiacb 
den Ansichten der Mathematiker eben so viele Bedeutungen er- 
hält, so dass man niemals bestimmt sagen kann , was man unter 
ihm zu verstehen habe , und sonach die Lernenden in steter Un- 
sicherheit sind. 

Die (analytische und synthetische) Vergieichung der Zahlen 
bildet die Grundlage für das einlache and zusammengesetzte Ver- 
halten der Zahlen zu einander, mithin einen sichern Uebergaug 
SU diesem 3. Gesichtspunkte der Zahlenbetrachtung. Diftersucht 
man auch das einfache Verhaiten mittelst der Subtraction oder 
Division, also mittelst zweier Verminderungsarten , so ist es doch 
keine Veränderungsart der Zahlen, hat mit dem Verändern gar 
nichts gemein und bildet eine eigne Betrachtungsweise der Zah- 
len, weiche ihre Grundlage. in der Vergieichung hat, mithio 
selbstständig und durchaus nicht als Anhang, wie vom Verf. ge- 
schieht, zu betrachten ist. Die Idee dieses Zahlenverhaltens 
findet sich in den sogenannten Verhältnissen und Proportionen, 
in den Logarithmen' und Progressionen. Die Verbindung der 
«Logarithmen mit den Potenzen, aber nicht mit den Wurzeln, 
findet wohl in dem Umstände eine Rechtfertigung , dass die Ek* 
ponenten der Potenzen als Logarithmen der wirklichen Potenzen 
erscheinen; aber alsdann müssen die Grundgesetze der Progrei^- 
sionen vorausgehen ,. erhält der Begriff „Logaritbme^^ d. h. Ver- 
hältnisszähler der von der NuUpotenz bis zu einer bestimmten 
Potenz einer gewissen Grundzahl liegenden Verhältnisse seine 
eigenthiimliche Bedeutung nicht und kann ans den logarithmi- 
schen Gesetzen dwchaus keine Operation abgeleitet werden,' weil 
hier nicht verändert wird und durchaus kein Gegensatz stattfindet, 
wie bei den Vermehrungs- upd Verminderungsarten. 

Der Verf. theilt den arithmetischen Stoff in 9 Capitel: 1) 
Vom Addtren nnd Snbtrahiren, von der Null und dem additiven 
, und subtractiven Ausdrucke; 2) vom Moltipliciren und Dividiren, 
von den Brüchen , positiven und negativeif Zahlen ; Anlang: von 
den Verhältnissen und Proportionen; 3) von Potenzen, Wurzeln 
und Logarithmen im Allgemeinen ; 4) von den bestimmten Zah- 
len , gemeines Zifferrechnen , von Decimalbr liehen ; 5) einige Ei« 
- genschaften der bestinuttten Zahlen, .Primzahlen , Theiler, Viel- 
iif^eii Kettcnbruehe^ fi) praktische Buchstaben- und Ziffer- 
rechniiflg; 7) der .binomische Lehrsatz: von den absoluten Po- 
tenzen, Wurzeln luid Logarithmen; 8) Auflösung der einfachen 
ttlgebralichen Glelohmigen mit einer und mehr Unbekannten; 9) 
voa den qtaadratisebcn oHd hohem Glelehungen ; voa den allge- 
meinen luul hnagiiiären Quadratwurzeln. Lehre der benannten 
Zahkn. 



Ohm: Lehrbuch für den nathem. Elementaronterricbi. 71 



der Verf. und (fachkundige Leser diese Anordnnnf au 
derjeidgen Tergleichen, weiche sich, nach obigen Bemerkungen 
des Rec. ergiebt, und jeder nach seiner individuellen Ansichl 
letztere beurtheiien« Dass die Ztisammensteliung der Disciplinen 
nach den genannten neun Capitein den Grundchtraktereu der 
Arithmetik nicht ganz entspricht und nicht überall systematisch 
ist| dürfte Jedem Jeloht einieqchten, wenn er auf den consequen^ 
ten und wissenschaftlichen Charakter der Zablenlehre sieht und 
tlurch den bedeutungslosen Begriff ^, Algebra'^ derselben den In^ 
halt und Umfang nicht schmälert. Mach diesen allgemeinen Be* 
merkungen geht Rec. zur Beurtheilnng der Materie selbst über 
und erlaubt sich auch hier vesschledene Abweichungen ?on den 
Ansichten des Verf. 

In der Einleitung Termisst man Tiele ganz allgemeine und 
umfassende Begrifftühestimmungen und findet gleich Anfangs eine 
Ansicht ausgesprochen , weiche keine Haltbarkeit hat. Die Zahl 
hält nämlich der Verf. für keine Grösse, sondern für ein Kenn* 
zeichen derselben: da aber jede Einheit eine Grösse ist, und wir 
in der Zahl Einheiten erblicken , so miiss diese auch eine Grösse . 
sein. Daher beschäftigt sich die Mathematik mit den gezählten 
und ausgedehnten^ mit den Zahieur und Raumgrössen. i Unter 
unbenannten Zahlen versteht der Verf. die allgemeinen Zahlzei* 
chen y und doch soll die Lehre der benannten Zählen die ,,al]ge* 
meine Grösseulchre^^ ausmachen, was darum nicht haltbar ist, 
weil die Zahl als Inbegriff einer besoudern oder allgemeinen 
Menge von Einheiten eine besondere und allgemeine, und erstere 
wieder unbenaont oder benannt ist. Da der Verf. die Lehre der 
benannten Zahlen die allgemeine Grössehlehre nennt, so ist ihm 
die Zahl eine Grösse und er geräth mit seiner obigen Ansicht in 
Widerspruch. 

Alle Operationen sind entweder formelle oder reelle, und 
bilden durch -das Verwsndeln jener in diese analytische Gleichim- 
gen; daher ist a + b eine formelle Addition oder Summe; a — b > 
kein blosses Zeichen, sondern eine formelle Subtraction oder 
solche Differenz u. s. w» Da Subtrabiren an und für sich eui 
blosses Aufheben bedeutet,, und jede Zahl Entweder additiv, po- 
sitiv , oder subtractiv , negativ , sein kann , so ergiebt sich hieraus 
einfach das Gesetz für. das Umkehren der Zeichen des Subtra- 
henden* Hinsichtlich der Proportionen sagt der Verf. in der 
Note: „Obgleich jetzt eine Lehre der Proportionen sIs Tersitel 
angesehen werden kann, so mögen hier doch die wichtigsten 
Resultate derselben Platz finden/^ Hieraus folgert Rec., dass 
es dem Verf. nicht Ernst zu sein scheint, die Proportionslehr^ 
alz veraltet anzusehen, und dass sie es auch nicht sein kann, wenn 
rann des Rec. Ansicht berticksichtigt, wornach sie eine eigne Be- ^ 
tnn^tungsweise, nämlich die des doppelten Beziehens ausmacht 
ittil für die Progressionslehre die Grundlage bildet. Zogleicb ist 



72 Mathemaiik. 

die Stellun; des Anhanges Terfehlt, weil bei den Proportions- 
gliedern anch Gesetze für Poten^iren und Radkiren Torkommen, 
und di^se defr Verf. erst nach diesem Anhange entwickelt. 

Das Zelclien ^c nennt der Verf. Wursel ; nun ist aber Wur- 
sei diejenige Grösse, welche aus einer andern gefunden wird und 
die EHgenscbaft hat , so oft als Factor gesetzt , wie der Wurzel- 
exponent anzeigt, den Radicanden wieder zu geben, d. h. in dem 
Ausdrucke Q^x^ = a ist die Grösse x dle\l^urzel, mithin kann '^/^c 
nicht auch Wurzel, sondern miiss Wnrzelgrösse heissen. Den 
Begriff „Coefficient^^ erklart der Verf. nicht sachlich , indem er 
blos sagt, in einem Producte, wie 7a, nenne man den Ziffer- 
factor 7 hüafig den Coefficienten , weil er anzeigt., wie oft die 
Grösse a als Summand zu setzen ist und eben so gut eine allge- 
meine als eine besondere Zahl stein kann. 

Da man zu den Potenz - und Wurzelgrössen erst durch das 
wirkliche Potenziren und Radiciren gelangt, so ist die Stellung 
des 3. und 7. Capitels verfehlt; in jenem sollten die Gesetze dea 
Potenztrens io ganzen Zahlen nebst dem Blnomialsatze entwickelt 
und auf das Wurzelausziehen aus ganzen , reinen Potenzzahlen 
angewendet sein; die unreinen Zahlen erscheinen alsdann in 
Form Ton Wurzelgrössen , welche mit den eigentlichen Potena^ 
grossen eine selbstständige Behandlung erfordern und mit wei- 
chen dieselben sechs Operationen vorzunehmen sind, vde mit den 
ganzen und gebrochenen Zahlen. Da ferner alle Grössen positive 
und negative sein können und aus letztem bald positive, bald 
negative Potenzzahlen entstehen , so fuhrt das Wurzelausziehen 
aus negativen Grössen zugleich auf imaginäre Grössen , mit wei-. 
eben ebenfalls obige Operationen vorgenommen werden müssen. 
Das zufällige Einschieben bei quadratischen Gleichungen wider- 
apricht dem wissenschaftlichen Charakter der berührten Grössen 
und entzieht ihnen die Selbstständigkeit ihrer Gesetze. Auch 
lernt der Anfanger das Operiren mit ihnen nicht kennen , was als 
eine Lücke arithmetischer Kenntnisse anzusehen ist. 

Mit den Ansichten über Erklärung, Eintheilung und Cha- 
rakter der Gleichungen ist Rec nicht unbedingt einverstanden, 
weil Vieles dunkel bleibt uiid manche Angaben dem Wesen der- 
selben nicht entsprechen. Rec. nennt Gleichung die Gleichstei- 
lung zweier Ausdrücke, von denen der zweite entweder unmittel- 
bar aus dem ersten abgeleitet ist , analytische , oder in welchen 
die Gleichheit von einer (oder mehr) noch zu bestimmenden Un- 
bekannten abhängt, synthetische Gleichung; jene nennt der Verf. 
identische, diese Bestimmungsgleichung; da aber letztere inso- 
fern, als der eine Gieichungstheii eine dem andern ganz gleiche 
Crrösse enthalten muss , ebenfalls identisch ist , so ist der Unter- 
schied nicht charakteristisch. Auch hat der Ausdruck „alge- 
braische Gleidinng^^ darum keine Haltbarkeit, weil der Begriff 
„algebraisch^^ weder wörtliche noch aachliche Bedeutung hat. 



Ohm: Lehrbuch lor dea DMihem. BlenenUnintenidit. 7S 

dalMT Ton venchtedeoen Matheiiiatikciii*f«8t eben m TenebMeii 
erklärt wird und nach den Ansichten Vieler eine Oleicbnnf keine 
Ziffergrössen enthalten darf. Qaadratisch nennt der Verf. eine 
. Gleichung, welche nebst der Unbekannten nach deren Quadrat 
enthalte, s. B. 4x^ — 7x = — 11, mithin ist nadi seiner Ansicht 
die Gleichung x*4:a= + b keine quadratische , waa wohl 
nicht behauptet werden kann, da er selbst die Gleichung ax't^b 
eine rein quadratische nennt, aber ihren Charakter nicht erklirt. 
Die Behandlongsweise der Auflösung der unrein quadratischen 
Gleichungen entwickelt der Verf. wedeif einfach noch deutlich; 
die Eigenschaften des Quadrats eines Binomiums fuhren gani ein- 
fach und knrs zum Ziele, weil das 3. Glied jenes stets das Qiuh 
drat Tom halben Coefficienten des 2. Gliedes Ist u. s. w. Das 
Einfuhren einer reinen Unbekannten befördert wed« Klarheit 
und Kürze , noch Bestimmtheit und Einfachheit. 

Die Ueberschrift „allgemeine Grössenlehre oder Lehre der 
benannten Zahlen^^ enthalt insofern einen Wideniprnch , als die 
benannten Zahlen in Ziffergrössen bestehen , welche keine allge- 
meine Grössenlehre abgeben können ; die Gesetse letzterer wer- 
den auf jene übertragen, besonders in der Proportions-, Pro- 
gressions- xund zusammengesetzten Zinsrechnung und in der 
praktischen Gleichnngslehre, welche nach des Rec. Ansicht um- 
fassender behandelt werden mnsste, -wenn das Buch für Bfirger- 
und Militftrscholen bestimmt sein soll. 

Die Geometrie, wofür man passender Raomgrössenlehre 
sagen dütite, theilt der Verf. in die ebene und körperliche, zu 
jener die ebene und zu dieser die sphärische Trigonometrie rech- 
nend, womit Rec. nicjit.ganz einrerstanden ist, weil ihm die 
Lehre von den ausgedehnten Grössen in die allgemeine und be- 
sondere, erstere in die Lebte tou Linien, .Winkeln, Parallelei^ 
und allen Linien r und Winkelgesetzen der Figuren, in die von 
den Flächen und endlich von den Körpern, und letztere in die 
Goniometrie und deren Anwendung auf Dreiecke und Vielecke 
zerfällt und die ebene und sphärische Trigonometrie, ihre Grund- 
lage. In der Goniometrie habend , mit dieser ein Ganzes ausma- 
chen und nicht gut getrennt werden. 

Von dem Ideengange des Verf. weicht Rec. nur in einigen 
Punkten ab, weiter tou der Grundansicht ausgeht, das« die 6e« 
setze der Winkel, Parallelen und der linien und Winkel an den 
Figuren im Zusammenhange vorgetragen und- tou der Einmi-^ 
schimg aller Plächengesetze rein gehalten werden müssen, und 
die Linien- und Winkelgesetze des Kreises unmittelbar nach den 
Gesetzen der Figuren , Vielecke überiiaupt, zu betrachten sind; 
und dtfiBs diesen Erörterungen die arithmetische Inhaltsbestim- 
mung, die geometrische Vergleicbung, Verwandlung und Thei- 
lung der Flächen ztf folgen hat und von .den Linien- und WJn- 
kelgefietzen genau zn trennen ist, damit der Lernende das Wesen 



74 Mathematik. 

der iogenannten Longimetrie nod Plaoimeiria genau uoterscbei* 

den könne. , . 

Die ebene Geometrie zerlegt der Verf. In 10 Capital: 1) ▼on 

geraden Linien, Winkeln, Parallelen und achneideiiden Liaien; 

2) Vergleichung deir Seiten und Winkel im Dreiecke; Congrueuz 
der. Dreiecke,- Folgerungen; 3) ton der Aehnlkhkeit der Dreiecke 
und ebenen Figuren überhaupt; 4) von der Vergleichung der 
Flüchen bei Dreiecken, Parallelogrammen und geradliuigen Figu- 
ren überhaupt; 5) vom Kreise und von regulären Vielecken; Q) 
eine Auswahl von Sätzen zur Uebuug; 7) geometrisch • algebrai« 
sehe Aufgaben; 8) Aufgaben der geometrischen Zeichenkunst; 
9^ ebene Trigonometrie; 10) analytische Trigonometrie. Die 
körperliche Geometrie zerfällt in 4 Capitel: 1) von der Lage der 
Linien und Ebenen gegen einander; 2) von körperlichen Drei* 
ecken, Pyranuden,' Prismen, Gy lindern, Kegeln und der Kugel; 

3) sphärische Trigonometrie ; 4) von den Projcctionen und Coor- 
dinaten im Räume. 

Für jede gerade Linie unterscheidet man nebst der Grösse 
besonders die Richtung, welche horizontal, vertical oder schief 
ist, die Grundlage fiir die Bildung der Winkelarten ausmacht und 
z. B. den rechten Winkel entstehen lässt, wenn am Anfange oder 
Ende einer horizontalen eine verticalc Linie gezogen wird, wofür 
der Verf. die Gleichheit der Nebenwinkel zu Hülfe nimmt; allein 
es geht aus seiner, Erklärung vom rechten Winkel weder dessen 
Entstehung noch Grundcharakter hervor. In § 117. fehlt ein 
Hauptlehrsatz, nämlich däss die Summe zweier schiefen NebeQ^ 
Winkel = 2R ist , . woraus der 1. Hauptlehrsatz des Verf. als Foir 
gerung sich ergiebt. 

Die Parallelität der Linien fuhrt der Verf» auf das niemalige 
Schneiden zuriick, so lange der äussere dem Innern Gegenwinkel 
gleich ist. Rec. billigt diese Darstellungsweise nicht; er erklärt 
parallele Linien als solche, welche stets gleich entfernte Rich- 
tungen haben , und beweist hieraus jene Gleichheit der Winkel, 
auf die Grundwahrheit hinweisend, dass die Richtmig der Scheu« 
kel die Grösse der Winkel bestimmt, also -zwei. Winkel gleich 
sind, wenn ihre Schenkel gleiehe Richtungen haben. Das Schnei- 
den der Linien ergiebt sich alsdann von selbst. Die Congruena 
der' Dreiecke setzt eine genaue Kenntuiss von den Bedingungen^ 
unter w'elchen das Wesen eines Dreieckes völlig bestimmt ist, 
also von den Besttmmungsstüeken und BestimmiingäfäUen voraus 
und wird alsdann "völlig klar erkannt. Diese Nachwelsupg über- 
geht äer Verf , weswegen Rec. die Darstellungsweise nicht grl&nd^ 
lieh und bestimmt nennen kann, so sehr er es billigt^ die Con« 
grtrenzfälie neben einander gestellt zu finden. Für Trapeze^ Pa- 
ralleltrapeze und Parallelogramme vermisst Rec. ähnliche Nach*- 
Weisungen über die Bestimmung ^rselben , wie für das Dreieckf 
Zu den Eigenschaften des ParaUelogrammes. gehöffi die Eotste- 



Ohm : Lehrbach far deo matheiiu SUneirtamntenricfct. 75 

hon^ von zwei mittelst einer und zwei Patreo coograenter I>rd> 
ecke mittelst zwei Diagonalen, die Haibirung beider Diagoaalca 
und die Gleichtieit der zwei an jeder Seite Jiegenden Wini^el ndt 
2R. Die Grundeigenschaft des Paraiieiogramma ist die Paralle- 
lität der zwei Paar Gegenseiten, ond lässt sicli niclit beweisen ; 
alle andern Eigenschaften miissen als wahr dargestellt werden, 
was leicht und einfach geschieht* 

Die Aehnlichl^eit der Dreiecke wurde Rec* von der Gongm- 
enz um so weniger trennen, als jene in dieser mitbegriffen ist 
und daher mit ihr Manches, die Gleichheit der Winl^el, gemein 
hat und das Unterscheidende hinsichtlich der Seiten klarer hervor* 
tritt. Für die Vergleichnng der Flächen sollte die arithmetlache 
Inhaltsbestimmung vorangehen, damit der Lernende anschaulich 
wahrnehme, inwiefern der Werth der Flache vom Maasse der 
Grandlinie und Höhe abhängt. Der Verf. kehrt die Darstellungs* 
weise um, was der Gründlichkeit und Klarheit nicht ganz ent- 
' spricht. Die verschiedenen Uebungen im 6* und 7. Capitel ver- 
dienen unbedingtes Lob« 

Eine wesentliche Verbesserung hat die Trigonometrie erfah** 
ren, indem der Verf. sogleich mii der EIntwickelung der Formeln 
beginnt ond dieselben auf die Berechnung der fehlenden Stücke 
ebener Dreiecke anwendet, ohne jedoch die nopasaende Schreib- 
art sin.a^, cos.a^ fnr 8in;^a, co8.% u. dgl. zu vermeiden. Reo« 
hält diese Schreibart dämm, für unpassend , weil die Zeichen sin., 
COS. ü. s. w. in analytischem Sinne diejenigen Zahlengrpssen be- 
zeichnen, welche den Winkel bestimmen, also nicht der Winkel, 
sondern jene Zahlengrösse potenzirt werden kann. Auf die prakti- 
sche Seite sollte mehr Gewicht gelegt sein, damit die Berechnung 
der Formeln den Lernenden geläufiger würde. 

Die Stereometrie und sphärische Trigonometrie bieten die 
wichtigeren Gesetze dar und entsprechen jeder billigen Anforde- 
rung. Nur dürfte es zweckmässig erscheinen, die Berechnung 
der einzelnen Körper und Thelle derselben weitläufiger und ge- 
nauer behandelt zu haben, weil gerade diese Materie für ScbiÜei* 
der höhern Bürgerschulen von besonderer Wichtigkeit ist und 
daher nicht aufmerksam genug beachtet werden kann. Weniger 
ausführlich konnten die körperlichen Dreiecke . nebst der spliari^ 
sehen Trigonometrie behandelt werden. Der Verf. glebt von 
letzterer fast mehr, als in einem so kurzen .Leitfaden im Ver- 
gleiche mit den übrigen abgehandelten geometrisdien Materien 
gegeben werden kann. Für gelehrte Schu^n erfordern manche 
geometrische Disciplinen eine umfassendere Behandlung, stren^ 
gere Consequenz und B^rüodung, wenn ihren Schülern derje- 
nige Nutzen des mathematischen Studiums zufliessen soll , wozu 
die Methode des Verf. berechtigt. Die Schreihart ist höchst (ilari 
Papier und Druck sind gut. 

Reuler. 



76 Rebräische Literfttar. 

Anleitung »um Üeheraetzen aus dem Deutschen 
in das Hebräische für Gymnasien von FrtcdricÄ üfdemanrif 
Doctor der Theologie etc. % Cutsuä: Die Guttural- und anregeL 
massigen Verba nebst zusammenhängenden üebungsstücken. Berlin 
1Ä41. VIII und 208 S. 8. 18 gGr. 

Dieser aweite Cursus (über den ersten vergl. Jfahrbb. 1840. 
Heft 6.) besteht aus 2 Hanpttheilen , deren erster Beispiele zu 
den Vcrbi» mit Gnttnralen und zu den «nreg^clmässigen Verbi«, 
der zweite zusammenhängende Üebungsstüclce enthalt. Dem er- 
sten Haupttheil geht voran S. 1 — 4. Vorerinnerung über den 
Gebrauch def beiden Haupttemptira mit aoristischem oder relati- 
vem .1 voi* dem Futuro und i vor dem Praeterito. Das* erste Ca- 
pltel "des ersten Haupttheüs,' S. 4— 46., enthält die Verba mit 
Gutturalen^ Voran gehen die Regeln über die Bildung der Gut- 
turalverba, S. 5 — 8., d^inn folgen Beispiele ober die Verba 
prim. gutt. , und zwar 1) über die Conjugation Kai mit regel- 
mässiger Vocalsetzung 64 Beispiele, mit der den Gutturalen ei- 
genthömlichen Vocalsetzung 68 Beispiele ; 2) über die erste Re- 
gel in den Conjugationcn NIphal, Hiphil und Hophai; und über 
die zweite im Fut, Imperf. und Inf. des NIphal 55 Beispiele; 
3) über die regelmässig sich bildenden Conjugationcn Fiel , Pjal 
und Hithpaei 30 Beispiele. § 3. enthält Beispiele zu den Verbis 
med. gutt. S. 27—35., § 4. zu den Verbis tert. gutt. S. 35—46. 
Zur Eimibung der Verba prim. gutt finden sich 217, med. gutt. 
08, tert. gutt. 114, also im Ganzen 429 Beispiele. Das 2. Ca- 
pitel von den nnregeliliässigen Verben, mit einer Vorerinnerung 
beginnend , zerfällt in 3 Abtheilungen , deren erste die Zeitwör- 
ter mit unregelmässiger Bildung der ersten Staiümsilbe («»a, -»a, 
,43) S. 47— 86., deren 2. die contrahirten Zeitwörter (ii>, «»x^, 
vv) S. 86— 143., und deren 3. die Zeitwörter mit unregelmässi- 
gcm dritten Stammbuchstaben (nS, lA) S. 143—183. umfasst. 
Den Beispielen jeder Classe von Verben gehen die Regeln voraus. 
Der zweite Haupttheil, zusammenhängende Uebnngsstncke, ent- 
hält zuerst S. 183 — 193. Uebungsstücke gemischten Inhalt«, 
dann S. 193 — 208. Parabeln. Von S. 48. an sind den einzelnen 
Beispielen auch diejenigen syntaktischen Regeln vorangestellt, 
die in denselben ihre Anwendung finden; so die Verbindniig von 
Abstractis, z. B. yü^H etc. mit allgemeinen Personennamen, der 
Gebranch des Femin. des Adjectivs für das deutsche Ncutrunx 
S. 48., Apposition, Wiederholung des Substantivs zur Bezeich- 
nung einer Menge etc., Genitiv des Besitzes, Adjective im statu» 
cönstructus S. 52. , Bezeichnung des Superlativs S. 57. , Zahl- 
wörter, Majestfitspinrale S. 63., Collectiva mit dem Plur. des 
Verbi S. 67., Geschlecht des Verbi zu Anfang des Satzes S. 69., 
Verhältniss des Verbi zum Subject S. 71., Stellung des Verbi 
S. 73., pleonastischer Personaldativ S. 78., Gebrauch des Relativs, 



Uhlemaniv: Anleit z, Ueben, a* d. Deotfchen in d. Hebr. 77 

des Fragepronrnnens /»» , Ausdruck der andern Pronomina 8. 88., 
Gebrauch des Imperativs S. 93., des Futurs S. 96«, des Participo 
S. 101., Optativ, das unbestimmte ,,man^^ S« 102., Adverbia dur<A 
Verba ausgedruckt S. 111., Adverbia statt der Adjectiva & lld.^ 
^l und pM S. 123.; Fragesätze und Partikeln S- 128., Gebrauch 
von 2 und andern Partikeln, Interjectionen S« 132. Hinter Jeder 
Regel sind jedesmal die Sätze bezeichnet, in denen sie ihre An- 
wendung findet. Unter dem Texte stehen su jedem Satze die * 
nöthigen Wörter; bei den Zeitwörtern ist, wo es nötliig war, 
«tets die fiection derselben bemerkt. 

Gegen die Anordnung des Stoffes im Allgemeinen scheint 
nichts zu erinnern zu sein. Was den Abdruck der Regeln be- 
trifft, so wurde Referent, da es doch des Verfassers Absicht 
nicht ist, die Grammatik entbehrlich zu machen, lieber auf die 
betreffenden §§ der Grammatik verwiesen haben, die, ehe der 
Schiäler zu Übersetzren anfangt, auswendig gelernt werden mlissen« 
Der Veif. hat die Regeln über die Bildung der Verba mittheilen 
zu naüs^en geglaubt , um das beim mündlichen Debersetzen müh- 
same Nachschlagen der Grammatik zu ersparen. Erspart würde 
dies aber wohl am besten, wenn der Schüler vorher die betreffen- 
den Regeln der Gr. recht gründlich gelernt und die Paradigmata 
seinem Gedächtnisse tüchtig eingeprägt hatte. Ebenso würde 
p.ef. in Bezug auf die syntaktischen) ohne bestimmte Reihenfolge 
mitgethellten Regeln lieber auf die betreffenden §§ der Gr. ver- 
wiesen haben, um den Schüler zu veranlassen, sich die Regeln 
der Gr. sorgfältiger einzuprägen. Was die Beispiele betrifft, so 
ist die Sammlung so reichhaltig, dass sie für einen mehrjährigen 
Gehrauch ausreicht; auch ist, wie sieh das von dem Verf. erwar- 
ten Hess, der Fortschritt vom Leichteren zum Schwereren in den- 
selben gehörig berücksichtigt. Die Sätze sind wie im ersten Cur* . 
BUS nicht aus dem A« Testamente genommen , sondern der altte- 
stamentUchen Ausdrucksweise nachgebildet. Dass dies gesche- 
hen, daran möchte wohl mancher Lehrer Anstoss nehmen; auch 
Ref. sprach sich bei Anzeige des ersten Cursus gegen diese 
' Nachbildung alttestamentlicher Sätze aus, findet die Gründe des 
Verf.^ aber doch der Beachtung werth.^ Die Wahl der Parabeln 
(theilweise von Krommacher) findet Ref. ganz zweckmässig* Bei 
den Anmerkungen möchte Ref. wünschen , 'i)ass durch Zahlen 
oder Buchstaben die mögliche Täuschung der Schüler beim häus- 
lichen Uebersetzen vermieden wäre. Auf S. l2. z. B. Satz 47« 
oder 50. ist kein Irrthum möglich, weil alle Wörter unten ver- 
zeichnet stehen, aber Satz 51. kadh der Schüler, es sei denn, 
dass er das Wort im Wörterbuche nachschlägt, zweifelhaft sein, 
zu welchem der 4 Substantiva das untenstehende Wort ^ts gehört. 
Ungemein erschwert hat sich der Verf. seine Arbeit dadurch, 
dass er die alphabetische Aufeinanderfolge der zu einer Regel ge« 
börenden Verba durch das jgia^ze Werk beibehalten hat; dadurch 



78 Hebräische Literat'ttr. 

ist es möglich geworden^ keine we^entliclM Bedeutung eines 
Wortes oder einer sonst irgend vorkommenden Redensart^ wie 
der Verf. versichert, zu übersehen. Ob ebenso auch alle syn- 
taktische Wendungen oder sonstige Eigenthümiichkeiten der 
Sprache die ihnen zukommende Stelle erhalten, möchte Ref. in 
Etwas bezweifeln. Mit welchem Rechte der Verf. sagt: ^^Dem 
gründlichen Kenner der hebräischen Sprache nnd des A. Testä* 
ments wird es daher wohl kaam entgehen, dass In beiden Cursen 
keine lexicallsche urfd grammatische Erscheinung übergangen 
worden ist, sodass sich also dem Lernenden hiermit eine toII-^ 
standige, kurz und fasslich dargestellte Grammatik, imd der Ge- 
sammtinhait des hebräischen Lexikons nnd der alttestamentUcheii 
Sprache darbletet^^ überlasse ich der Entscheidung derer, die 
eine gründlichere Kenntniss der hebr. Sprache und des A. T. sich 
erworben haben. Der Drnck ist deutlich nnd, soweit dies Ref. 
Terglichen hat, correct. Der Preis des Baches ist zwar mit Rück- 
sicht anf das Vohimen nicht zu hoch, möchte aber doch der 
grossem Verbreitung und Einführung in Schulen im Wege stehen. 

W. Buddeberg. 



Grammatik der hefrräi6chen Sprache. Von Dr. J. 

Gläaerf ehemaligem Professor der Theologie am königl. Lyceiim in 
Passaa. Mit einer neuen Syntax vermehrt von A. Schmitter , Prof. 
der Theologie am konigi. Lyceum in Preising. 3. Aufl. Mit Uebör- 
aetzungsübungen und dazu gehörigem Wörterverzeichnisse« R^ens- 
borg 1843. 222 S. 20 gGr. 

Diese dritte Auflage der hebräischen Grammatik von Gliser 
unterscheidet sich von der zweiten, in den Jahrbb. 1839. Heft 5. 
S. 12. angezeigten , hauptsächlich 'in der Bearbeitung der Syntax. 
Ueber die von dem neuen Heraasgeber, Prof. Schmitter, sonst 
vorgenommenen Veränderungen wird man durch kein Vorwort be- 
lehrt; da dem Ref. die zweite Auflage nicht zur Hand Ist, so ist 
er auch nicht im Stande, die im ersten nnd zweiten Theilelder 
Grammatik stattgefundenen Aenderungen und Verbesserungen 
einzeln anzugeben. In der zweiten Auflage umfasste der erste 
und zweite Theil der Grammatik, die Elementar- und Formen- 
lehre enthaltend, 91, in der neuen Auflage 95 Seiten. , Ble frü- 
here Anordnung, nach der der Artikel und die Pronomina dem 
Verbum folgten, Ist beibehalten worden, ebenso die daraus In 
Bezug auf das Verbum hervorgehenden Uebelstän^e. Ganz um- 
gearbeitet erscheint aber jln der neuen Auflage die Syntax; diese 
war in der zweiten Auflage auf 13 Selten abgehandelt, nimmt 
aber jetzt von Seite 96 — 193., also 97 Seiten ein, so dass die 
Syntax 2 Seiten mehr als die Elementar- und Formenlehre hat. 
In der 10« Auflage der hebr. Gramnatik vod Gesenius , die dem 



Glaaer : Grammatik der hebrüischen Sprache. * 79 

Itef. für dea Augenblidc sur Qand kt, umrafest der erste Theil, 
4ie Paradigmata der Verba und Nomina nicht niitf erechoet , 204, 
die Syntax 84 Seiten. — Die Syntaxe (so schreibt der Verf.) 
zerfällt in 8 Gapitei, deren erste« toid Artikel in 4 §§ S. 96—98., 
deren zweites in 12 §§ 8. 99—112. vom Nomen, deren drittes In 
8 §§ S. 112— 121. ?on den AdjectiTen, deren viertes In 16 §§ 
S. 121 — 135. von den Pronominibos , deren fünftes In 14 §§ 
S.. 135 — 157. Ton dem Zeitwort *), deren sechstes In 2 §§ 
S. 158 — 163. von den Zahlwörtern, deren siebentes in 4 §§ 
' S. 163 — 184. von den Partikeln, deren achtes In 4 §§ 8. 184 — 
192. vo» den in der heiligen Schrift vorkommenden Figuren 
(Ellipse — Pleonasmus — EDaliage -^ Zeugma — Hendladys — 
Paronomasie — .Wortspiel)' handelt. Ein Anhang auf einer Seite 
enthalt Bemerkungen zum leichten Auffinden des Stammes von 
unvollkommnen Zeitwörtern. Die angehängten Debersetzungs- 
übungen (4 Seiten) nebst dazu gehörigem Wortverzeichnisse fan- 
gen auffallender Weise mit S. 105. an, sind also offenbar aus der 
zweiten Auflage, In der sie mit S. 105. anfingen, genommen. Es 
gilt über diese. Zugabe das zur 2. Auflage in diesen Jahrbüchern 
Bemerkte. Dagegen ist das 6 Seiten enthaltende Verzeichniss 
der Druckfehler und des Inhaltes neu hinzugekonunen. 

Dass von dem^ was In eine Bearbeitung der Syntax für An- 
fänger gehört, nicht leicht etwas fehlt, kann man schon aus einer 
Allgabe des Inhalts der einzelnen §§ ersehen. Ueber die Anord- 
nung des Stoffes im Allgemeinen, sowie der Regeln im Einzelnen, 
tiber das in der einen oder andern Hinsicht zu viel oder zu wenig 
Aufgenommene könnte man mit dem Herausgeber theilwelse ver- 
schiedener Ansicht sein; so gehören z. B. § 58. N. 3. u. 4. S. 99. 
zu § 56: ; indess thut das der Verdienstlichkeit der Arbeit des 
Hrn. Schmitter im Ganzen keinen Eintrag. Dass, wie aus dem 
Angeführten deutlich hervorgeht, die von dem Herausgeber be- 
sorgte neue Bearbeitung der Sjntax In keinem richtigen Verhält- 
nisse zu der Formenlehre steht, wird er selbst zu gut einsehen, 
als dass dies noch besonders hervorgehoben zu werden brauchte; '^ 
bei einer etwa nöthig werdenden neuen Auflage wird er der For- 
menlehre, gewiss auch denselben Fleiss widmen; den er auf die 
Bearbeitung der Santax verwendet hat. 

W. Buddeberg» 

*) Ref. kann nicht unterlassen , bej dieser Gelegenheit auf eine ihm 
so eben za Gesicht gekommene, in Frankfurt bei Bronner erschienene 
Schrift aufmerksam zu machen , die den Titel hat : Die Lehre vom Tem- 
pU8 and Modus in der hebräischen Sprache. Ein Beitrag zum richtigeren 
Verständniss der hebr. Syntax und der heil. Schriften , sowie zur Ver- 
meidung der oft gerügten Willkur bei der Uebertragung der letzteren in 
die lebenden Sprachen. Von Dr. Simon B. Scheyer. 1842. 134 S. 16gGr, 



8Ö 



Gottfried Hermani^'s Gross an die Pforte, 
bei ihrer dritteo Secularfeier am 21. Mai i843. ^) 

Palaestra seyeroram studioriimy 

canora Porta, 
accipe, quae pro te Tota facit * 
Ilgeiiii tui discipaldram tempore primus. 
Memor originifl, 
memor trium seculorum gioriae, 
inviolatam tHeare palladium taum, 

Graecas Latinasque Musag, 
quae lingoam flngunt, mentem acuunt, 
ingeBium excitant', animum roborant, 
'vitam omnem decorant. 
Regnet intra moenia taa rebus in omnibus, 
quam sui scintiliam deus mentibus indidit, 

ratio, 
m^ter simpIicitatiB, Teritatis, sanctitatis. 
Arceaa a penetralibus tuis, 
quofi secuiuiu obtradit 
,dnos morbos, 
fiotitiam reram plnrimarnm sine ullius rei «cientia : 
non habet domum, qui ubique hospes est: 

et 
impiam pietatem tenebrionnm, 
horoinem malain esse^ nee nisi credendo impetrare gratiam divinani 

dictantium: 

ignaris .nnlla ab deo gratia est, fortibas nitro adest, 

nee siipplicationes , sed virtus et labor formarunt Herculem. 

Heraclidae siiit, 
o antiqua Porta, 
qui tuifl ex armamentariis 
scutati hastatiqne prodeant. 



'^) Jedenfalls wird in diesen Jahrbüchern über die am 20. nnd folg. 
Tagen des Mai's 1843 in Pforte bei Naumburg begangene dreihundert- 
jahrige Jubelfeier des Bestehens der dortigen Schule, insofern diese Feier 
eine literarische Seite hat, des Mehreren berichtet werdep. DerBin- 
sender dieses nberlässt dies Andern; allein er kann es nicht unterlassen, 
den hier stehenden Gruss Hermann^s , den derselbe bei dem Festmahle 
in Schnlpforte am 21. Mai der Versammlang öffentlich , aber nur münd- 
lich, mittheilen ilesBy hier in einem weitern Kreise mitzntheilen. Der 
Gruss kann nicht nur der Pforte, wenn er recht beherzigt wird, — er 
kann in unsrer, Alles verflachenden, die dassischen Stadien ungebührlich 
Terdrängenden nnd die Rechte der Vernunft nicht immer nach Würdig« 
keit achtenden Zeit aach anderswo nur zum Segen gereichen ! 

JS?tfi dZter Portenser. 



gdisl- ■• üa i ygw itat ciiiT., B«fwd«r. «. KhmkaeignMi. 81 



Schul- und UniTeratatenadirichtoi, Befdrdenmg» 

und EhreubezeigaiiigeiL . 



BAYSBif. Die katfioL Stndieiiaiistalt in Ambero siUto im OsUb« 
1842 in allen drei AbtbeiluBgen 382 Zöglinge. Im Lyceon BinBch ■!■• 
dirten Iß theoU nnd 38 philos. Candtdaten, welche tob den Rector der 
i^Codiemuifltalt und Professor Biax. fWfminr nnd den Lyoenlf fofeetorea 
Saat. Sommer^ Jak. BapL MRoi»^ Dr. Amt* RieUer [der Tor Knne« naek 
REasNSBURa befordert worden ist] , Dr. Jokm Georg E M w u m n ^ ML 
Harns nnd Emat ^ßaum nnterrichtet worden. Im Gjnmsivai warea 
fir die 107 Schnler als Classenlehrer die Professoren At^, Karl Mnitj 
JoA. JViep. Ü$dMdy Mk. Bmpt. Meger nnd Fnt* Xmo* Hemmbtrgtr^ al« 
Retigionsidirer der Seminardirector nnd Prof. ML Adam Stktndt nnd 
8 Hoifslelirer thatig nnd statt des Prof« der Bfathenutik nnd Geographie, 
Priesteni Zacham Herrmannj weleher wegen Anfnahme in den Redempto- 
rlstenorden im October 1841 sein Lehramt niedergelegt hatte, war der 
frnhere Lehrer der Mathematik an der Kreii-Landwirthsdialt- nnd Ge~ 
werbschnle in Regensbnrg FmH Huiker als Verweser angestellt. Dia 
4 Classen der lateinischen Scbnlo waren von 230 Schfilem besucht. ]>er 
Stndienlehrer der «weiten Classe M. Rauch war an Anfange des Jahrts 
18^ nach Manchen yersetzt worden' nnd daliir der Lehramtscandidat 
Frzm Xao* Enzentpergtr als Verweser eingetreten. Mit dem Schlnss des 
Scboijabres aber wurde das Lehrerpersonale so geordnet, dass nach den 
Stodienlehrem MaikioB TVteft (zugleich Rector der Landwirtbschaft- nnd 
Grewerbschule) und ^nlon KolUer der seit Jnni 1841 angestellte Stndien- 
lehrer der 1« Classe, Priester Leoiift. BSfer, in die Lehrstelle der 2. Classe 
anfrickte und die Lehrstelle der 1. Cl. dem bisherigen Schulbenefidaten 
sn Weiden , Priester Quirin ZioUitaeh übertragen wurde. Dem Jahres-- 
AerieAte der Btndienanstalt ist eine kurve, aber recht TerdienstHche Ab- 
handinng über DtMes^ Geeeizg^er der Ssräkusier^ von dem Prof. J. G. 
HicAmimn ^Amberg gedr. b. Klober. 1842. 26 (8) S. gr. 4.} beigegeben, 
worin derselbe nach kurzer Angabe der Hauptdata ans der Geschichte 
Tan Syraktts auf die Schilderung der beiden VolksfSbrer Hermokrates 
tmd Diokles übergeht, beider Wirken and Schicksale genau nach den 
Quellen beschreibt und dabei die Augabe des Diodor. XIII, 35. von dem' 
freiwilligen Tode dea Diokles wid^Iegt, ▼ornehmlich aber die von Dlo- 
klea henrorgerafene neue Gesetzgebung in Syrakus (im J. 412 t. Chr.) 
und die Benutzung der Gesetze des Zalenkos, Charon^s nnd P'ytbsgoras 
für das neue Cresetzbucb , die zu gleicher Zeit von ihm bewirkte Um- 
wandlung der gemässigten Demokratie in eine absolute (wo das «Xi^- 
^ovcQ'ai statt des xstQOxopBüf dntrat) , den Gegenkampf und Untergang 
des Hermokrates und die dadurch herbeigeführte Tyrands des Diofiysios 
(im J. 406.) sorgfllltig schildert. — Das protestantische Gyronasiuni in 
Ansbach war im Herbst 1841 nach dem damals ausgegebenen Fereekh- 
iV. Jahrb. f. PkiL u.\Pütd. od. Krü. Bibl. Bd. XXXVUI» Uft, I. 6 



82 Schul- und UnirerftUätsnachriehten, 

nM88 der sammtliehen Schüler [18 S. gr. 4.] von 80 und die Uteinische 
Schale von 111 Schuieru besucht. Im Gymnasium unterrichteten ausser 
dem konigi. Schalrath Prof. Bomhard und dessen Assistenten Hoffmann 
und dem Studienrector Prof. Dr. Eiaperger die Classenprofessoren Dr. 
Jordan und Fucka und der Prof. der Mathematik Dr. Friederich , some 
für die katholischen Schuler der* Stadtpfarrer i^aunt als Religionslehrer; 
in der latein. Schäle der Prof. Maurer und die Studienlehrer Dr. Hoff- 
mannf Gettfr. Herold und J. L. F. Krauts. — Am kathol. Gymnasium in 

' AscHAFfENBURQ hat der R^ctor und Prof. Joseph MiUermatfer im Pro- 
gramm <ieä Jahres 1841 einen Beitrag sur Erklärung einiger SteUen in 
der ersten pkUippiachen Rede d^ Cicero [24 S. gr. 4.] herausgegeben und 
darin zunächst gegen Manutiuii mit trefifenden Gründen bewiesen, dass 
es nicht die Uanptabsicht dieser Rede sei, den Antonius anzuklagen, 
sondern vielmehr über den gegenwärtigen traurigen Zustand des Staates 
zu klagßn und die Befreiung desselben von diesen Uebeln sowohl den 
beiden Consuln als auch dem Staate dringend an*0 Herz zu legen , als- 
dann aber, gestutzt auf Orelli-s Text; 53 einzehie Stellen so besprochen, 
dass er grossere und kleinere Irrthümer der Erklärer durch richtigere 
Deutui^. beseitigt, oder far schwierigere und kritisch unsichere Stellen 
eine entsprechendere Begründung zu gewinnen sucht, und in allen diesen 

^ Brorterungen klaren Blick, scharfe Einsicht und praktischen Sinn beweist. 
Davon sei hier Folgendes ausgehoben. - § 2. ist deferehat gegen Ernesti^s 
referdtat durch die Berufung auf den Gegensatz: ad deUberationes eas^ 
guas ludt^at domi de repuIfUca, prineipea cioitatia adhibebaty treffend 
gerechtfertigt, und auch $ 4. der Tropus Lux quaedam gut vertheidigt 
und oblata gegen das gebräuchlichere adlata durch die Bemerkung 
geschützt, dass Cicero in Folge des gebrauchten videbatur nicht von 
einem wirklichen Herbeibringen, sondern nur von einem Vorhalten der. 
Rettung spreche. In $ 5. weiss der Verf. mit vielem Geschick die schau* 
bare Noth wendigkeit zu begründen, dass maii aus Conjectur in impioa 
et nefarioe liberoe lesen müsse, gesteht aber doch endlich der Vulgate 
tmpuros wegen Phil. Xlf • § 25. ab homine impuro ntfarioque ihr Recht 

. zu. $ 6. ist in haberem ius legationia Uberum das angefochtene Uberum 
durch die einfache Bemerkung geschützt, dass es mcht als unmittelbares 
Prädicat zu iue zu beziehen , sondern vielmehr mit haberem zu Verbinden 
sei, so dass nun Cicero sagt, er habe das ins iegationis zur freien Diepo- 
gkiim gehabt. f!ine eben so ansprechende Deutung erhalten § 7. die 
Worte: quae phu admirationia habet ==: welche mehr Bifremden erregt, 
wid S 8. ist das von Madvig angezweifelte CaUndis SextUüus mit gewich- 
tigen Gründen und umsichtiger Deutung der ganzen Stelle gerechtfertigt, 
S 13. Ist in Bezug auf die Worte. cuiits sepulorum nuequam exstet elc. 
sehr treffend auseinander gesetzt, dass man die von Cicero als ungehörig 
verworfene Vereinigung der ParentaUa und der SuppUeaHo nicht so zu 
deuten hat, als habe Cicero behauptet, man wolle dem Caesar durch die 
ihm zuerkannte fiupplicatio gottliche Ehre erweisen , — vielmehr ist die 
Supplicatio eine an die dÜ superi gerichtete ^eier und die Parentalia 
gehen die dii inferi an^ und darum sei die Vereinigung beider eine res 



Befor4ei;!BD€en and Bhrenbeseigangtn. 83 



inexpiablis ^- ; allem e§ ctebt zu beswuCdn, ob der Weehiel der« Tea« 
pora eQnkmgerem wid tuppUcetur und die Lesart muquam atatt utqutum 
geoag gerechtfertigt aiiid, wenn der Verf. bemerkt: »yLieat maa uiguam^ 
CO bringt der zweite mit iU beginnende Sats keinen nenea GedankeOy 
sondern ist nur eine Erlänterang und genauere Bestimmung des yorher- 
gehenden, und eben so allgemein gehalten, wie dieser. Der Begriff, 
welcher durch den Sats: cifitis 9epulerum utqitam €X8t€if h5c parwi€turf 
Hegt schon in dem vorausgegangenen mürtuum* Liest man aber mupunUf 
so enthält- dieser Satz eine Umschreibung des Caesar. Dann bildet der 
zweite mit ui beginnende Satz einen Gegensatz zu dem ersten mit iii 
quemque beginnenden Satze, indem der Redner von dem Allgemeinen zum 
Besonderen, von dem in seiner Allgemeinheit blos Gedachten zu dem 
bereits ' im wirklichen Leben Vorhandenen übergeht. Und dies mochte 
auch der Grund sein, warum der Redner vom Lnperfect des ersten Satzes 
zum Praesens des zweiten Satzes übergeht. Cicero sagt nämlich : . Den- 
noch konnte ich nicht dahin gebracht werden , dass ich überhaupt einea 
Menschen, der gestorben ist, mit der Verehrung der Unsterblichen in 
Verbindung brachte, dass insbesondere einem solchen Menschen,^ der 
nirgends ein Grab zu einer Todtenfeier hat, eine offenÜiche Supplicatio 
gehalten werde (wie dies nun bei Caesar der Fall ist). Zugleich liegt 
in -dem Verhaltniss beider Sätze eine gradatio: wenn ich schon im AUge* 
mdnen nicht zugeben könnte , dass irgend ein verstorbener Mensch mit 
der Ve^hmng der Götter (durch die Supplicatio) in Verbindung gebracht 
wurde; so kann ich um so weniger zugeben, dass ein Mensch, der nach 
seinem Tode bei seinem Leichenbegängnisse so nusshandelt und herab« 
gewürdigt worden ist, dass ihm ..kein Grab zu einer Todtenfeier übrig 
blieb, zu einer solchen den Götterdienst verletzenden Auszeichnung 
erhoben -werde.^^ In dieser Erklärung nämlich ist zuverlässig der Grund 
des Wechsels der Tempora contttn^erem und tuppUeetur richtig aufge* 
fnnden, wenn die beiden ausgesprochenen Urtheile als ein allgemeines 
und -als ein besonderes und factisches geschieden werden: aber die Schei« 
düng der beiden Urtheile durfte vielmehr folgende sein: Einen mortuns, 
der als solcher den diis inferis angehört, darf jpian überhaupt nicht cum 
imraortalium, d. i. deorum superorum, honore in Verbindung bringen« 
noch weniger aber einem solchen eine supplicatio zugeßtehen, an dessen 
Grabe jnan zugleich parentalia halten will. Ist dies aber der richtige Ge- 
danke des Satzes, so mnss tretz des Widerstreites des Cod. Vat. usquom 
beibehalten werden. Um so mehr, als man von Caesar doch wohl nicht 
sagen konnte, ciiius sepukrum muquam extioL In $21. bat Hr. M. 
wiederum die Vulgate cuni« intertk titom Ugem manere gegen die Aende- 
mhgen .oentrc und vaiere mit Recht vertheidigt, aber es iat wohl sprach- 
lich nicht gaUz richtig, wenn er wf am legem durch rot^ Toiovtov voftop 
erklärt und dann übersetzt: Wem liegt heutzutage noch daran, dass em 
Oetets der Art fortbestehe ? Cicero sagt vielmehr Folgendes aus s Man 
weiss nicht, ob man das Gesetz des AntotUus ein Gesetz, oder eine Auf* 
hebnng aller Gesetze (nämlich aller Gesetze de vi et de maiestate) nenpen 
solL Denn wem liegt denn gegenwärtig noch daran, dass daa e^enge^ 

6* 



84 



fSchnl- und ÜniTeriltStflnachrichteiiy 



. namde €fes€tz fortbestehe? In $ 29. aber wird der Verf. aeine Con- 
Jeetar Ferä aulem^gloria etf Imu etc. gewiss selbst xurficknehmen, sobald 
er sich nur die Bedeutnng der echt Ciceroniscfaen Formel Ea etf ofifeai 
, gloria laus etc. d. h. das aber igt cAen JRuAm, nanUkh da» höh ete. 
recht klar machen will. Vortrefflich dagegen ist die Rechtfertigung des 
Wortes-Veteram in $ 31. gegen Madvig's and Orelli^s Zweifel ^ nnd anch 
in den folgenden Worten MHu9 auguria a ie ipso augure paptdi jRdmimt 
nanUäta hat der Verf. nach dem Vorgange des Cod. Vatic gewiss richtig 
beirgesteilt: obUtu» auguriorum a ie ipso augure pronuntiatorum , sowie 
er § 33. die im Cod. Vatic. fehlenden Worte quam dUigi nudis^ wahr- 
scheinlich mit Recht als Glossem gestrichen hat. ' Ueberhanpt halt ar 
mit grosser Entschiedenheit den Grundsatz fest, sich in der Textes- 
gestaltnng überall möglichst an den Cod. Vatic. anioschliessen. Damm 
möchte er $ 34. nach dessen Lesart ex me aquo saepissime schreiben t sas 
me eaque saepissime , § 35. stne quo nee heatus nee elarus nee unquam 
iuius [oder nee diuiurnus] quisquäm esse , omni pote st pote^ 
rtate^ §36. quid iis tribunis plebis, und qui suis ludisiia earuU^ tct 
in ülo apparatu Studium summum populus Romanus iribuerit ei absentS^ 
desiderium • • . . leniret, wobei auch das iribuerit und lentret grammatisGik 
gat gerechtfertigt ist, und § 38; Quippe mihi saiis est, — Am protestao^ 
tischen (^mnasium und der lateinischen Schule bei St. Anna in Ao€»- 
BÜRG erschien anm Schluss des Studienjahrs 1842 als Programm eine 
Dissertatio de dea Hertha Tom Gymnasialprofessor Job. MieK RabuM 
[12 S. gr. 4.], worin der Verf. mit neuen, wenn aac{i nicht eben gewich- 
tigen Gründen die neuerdings angexweifelte Hertha als eine Hauptgott- 
heit der Deutschen nachzuweisen und zu rechtleriigen sucht. Das Gjnii* 
nasium hatte am Schluss des Schuljahrs (im Sept. 1842) in seinen 4 
Classen 39 und die lateinische Schule 85 Schuler, und es unterrichteten 
im Gymnasium ausser dem Studienrector Prof. Georg Casp. Mezger als 
Classenlehrer die Professoren Job, Heinr, Schmidt, Job, Mich. Rabtu und 
tCarl Frdr, DorstmOUer und als Lehrer der Mathematik der Prof. Kuri 
Frdr. Ludw, Otto Wucberer [seit Februar 1842 von der Gewerbschule* 
In Bayreuth an die Stelle des am 4. Nov. 1841 verstorbenen Professor» 
Dr. Jeh, Thom* Abrens berufen] , wo^u noch der kathoL Religionslehrar 
Gymnasialprofessor und Domvicar Anton Steiebele nnd zwei Hül&lehrer 
kamen. An der lateinischen Schule hatte der Oberlehrer Dr. Chr. Airfc-» 
hatd im März 1842 behufs einer wissenschaftlichen Reise sein Lehramt 
niedergelegt und bei seiner Entlassung den Titel öines Gymnasialfnro- 
fessors erhalten. In Folge davon rückte der Stsdienlehrer Karl Forisek 
mm Oberlehrer auf und die Lehrstelle d^r 3. Ciasse «rhielt der bisherige 
erste Inspector am CoUegium bei St. Anna Eduard Oppenrieder, For 
die beiden folgenden Classen sind als Studieulehrer Benedict Ore^vmd 
Aug. Baur geblieben. Mit dem Gymnasium und der latein. Schule ist 
anter dem Namen CoUegium bei St. Anna ein besonderes Alument fax 
45 Schüler verbunden, über dessen Entstehung (im Jahr 1581) » Binrieh** 
tung und gegenwärtigen Zustand der Studienrector Mezger im Jahres» 
berieht von 1842 anstahrlicha MittheUungan gageben hat, — Von der 



Beforderangen and fikr^abeself tafea. BÜ 

kathoL StndienansUU in Baxbbe« ist im Jahr 18IS dar Ljctalpiafwatr 
dar Thaalogie Dr. J, GengUr lam Canoniau am erxbisckölL Capital 
ernannt nnd der . Gymnasialprofesior «IM. SporUm, som Beichtvater der 
Eiaherzogin von Oestreich nnd Erbprinaessin von Modena banifea 
worden* -«— Die protest. Stadieoanstalt in Bateeuth war im 8cbn\|ahr 
1839 — 18M in den 4 Gymnasialdawen von 93 and in den 4 QaMen oder 
5 Abth^angen der latein. Schale ron 176 Schalem, im Jahr 1840 — 41 
xon 91 Gymnasiasten nnd 189 lateinischen Schalem besacht , welche von 
dam Stadienroctor Prof. J. d EM and dessen Assistenten H.^ Roab^ den 
Ciassenprofessoren Klötery Lotsftedb and Dr. Kirckmerf dem ProC der 
Mathematik' Dr. Jndr* Neuhig^ den Stadienlehrem HolU^ Lienkmrdt, 
Sekmidtf Dr. Hedt^Mner und Dr. Di€Uek nnd einigen Hiilfslehrem aater- 
richtet worden. Der Lehrplan hat seit 1839 darin eine Varanderang 
erhalten y dass der griechische Sprachnnterricht in Folge einer konigL 
Verordnang nicht mehr in der dritten , sondern erst in der Tierten Classa 
der lateinischen Schale beginnt. Das Programm Tom Jahre 1840 enthalt • 
eine lebendig ond beredt geschriebene Abhandlung üher dat InUrtne o» 
«i rt ef M cifccn Cregtaußiamdtn oder un Kunstwerken Ton dem Prof. Dr. ^iidr, 
Neubig [16 S. gr. 4. ond 18 S. Jahresbericht] , worin derselbe die ver- 
schiedenartige Erregung der, Thätigkeit nnsrer Seelenkräfte bespricht, 
dorch welche das Interesse an schonen Gegenstanden herTorgemfen 
wird. Im Programm des Jahres 1841 steht: XVoIe^omenan ad FltUardd 
vkmm TimoleonlÜ» eaput tertmm Ton dem Rector Dr. /. C. Held [20 S. 
gr. 4. nnd 16 S. Jahresbericht], eine schone Fortsetzung dieser gediage- • 
nen Prolegomena, in deren erstem Capital der Verf. aber Zweck, Anlage 
und DarsteUangsknnst der Plntarchischen Biographie des Timoleon Ter- . 
handelt und im zweiten die Platarchische Erzählung Ton TimoIeon*s 
Leben and 'Tfaaten mit den Nachrichten andrer Historiker, namentlich 
des Dibdoras Sicolos Terglichen hat. Vgl. NJbb. 13, 114. nnd 23, 107. 
Das gegenwartige dritte Capitel verhandelt nun über die Ton Plutarch 
for diese Biographie benatzten Quellen and giebt eine Charakteristik der 
rier Historiker Ephoro«, Theopompos, Atbanis and Timaos, welche 
Pktarch selbst als seine Gewährsmänner angefahrt hat. Dabei wird 
gdegentlich die Stolle in Plut. Symp. V. T. VIII. p. 690. Reisk. so Ter-, 
bessert: ^littoQsl dh %al T^iog 6 avyyifcupsvs ^ oxi Ko^iv^ioig^ 6n7jv^nu 
^X94(HP0i nifog K€eQxri9oviovs ißäS^iov vnBQ z^s £ixiX{as ivißuXov 
^ftiovoi [nach Piat. Timol« 26.] cihva nofkitovtBg, oinviöufiivcDv dh 
xm9 voHäv x6 eviißoloPy mg ov %qr^%6v^ on 6oiui %6 ailivov aveni- 
zriisiov tlvttt ical tovg imctpalmg vocovvtccg Ütrad'M tov ciUvov tpa{Up^ 
o TiyMÜüafv idtiffvwsv avtovg nal avBfjUp^vT^enB tmv 'ic^^uiZ etXivtav ^ otg 
ivactdipovei Kogh^toi tovg viKmvr^ig, Ueber Theopompos und Epho- 
ros ist in Folge der Forschungen Ton Koch, Pflugk und Meier Marx nur 
knrz Teihandelt, aber bei Bphorös daraufhingewiesen, dass. seine Mit- 
theilnngen nber Timoleon nnd dessen Zeit in den letzten Theil seines 
Geschichtswerkes (in das 30. Bach) geboren, und dass Scholl in d. Gesch. 
der griech, Liter, dieses 30. Bach' mit Unrecht Ton Demophilos, dem 
Sohne des Ephoros, geschrieben sein lässt^. da Diodor. Sic. XVI, 14. 



86 Scknl- und UniTeriititsnachricli^eiiy 

> * ^ 

(▼gl. mit Athen. VI. p. 232. P.) deutlich erklart, dau DemophiloB nur 

idie Geschichte Tonl heiligen Kriege in diesem dO. Buche ergänzt habe. 

Üeber Athanis oder Athanas ans Sjrakns lasst sich , wie S. 5 — 7. tias- 

einander gesetzt ist, nichts weiter wissen, als dass er sein jGrescbichts- 

werk ZinsXi*« mit dem Leben und Tbaten öm Dion begonnen [Diodor. 

Sic. XV, 94. Athen. XV, 54.] , einleitnngsweise aber auch die sieben 

letzten Regierungsjabre des jungem Dionysios [362-^356 ▼• Chr.] kurz 

beschrieben hatte, um so die Fortsetzung zur Geschichte des Philistoa 

zu bilden, in welcher die fünf ersten Regierungajahre des jungem Dio- 

nysios (367 — 362) noch enthalten waren. Doch darf man nicht mit 

Scholl annehmen , dass die SinBliwi des Athanis eben nnr die Geschichte 

der Jahre 362 — 354 nmfasst hatten; einigen Spuren zufolge ist auch 

noch von Ereignissen nach dem Tode des Dion darin die Rede gewesen. 

Am ausführlichsten yerbreitet sich die Erörterung über Timaeos (S. 8 

— 19.), der, um 357 v. Chr. geboren und um 262 gestorben, den grossten 

Theil seines Lebens in Athen yerlebte [311 — 289 ▼. Chr. s. Polyb. 

fragm. XII, 13.] und dort seine ZinBlirtd und die Geschichte des Pyrrhos 

schrieb. Es galt nSmlich die historische Glaubwürdigkeit desselben fest- 

snstellen , über welche Cicero de erat. IT, 14. sehr gunstig, aber Polybios 

mehrfach tadelnd sich ausgesprochen hat, und Hr. H. hat in der That 

diese widersprechenden Urtheile sehr geschickt zn Tereinigen und damach 

die Benutzung seines Werkes beiPiutarch zu bestimmen gewusst. Ab eine 

besondere Gelegenheitsschrift ist hier noch zu erwähnen die Redty am 

15. Nov. 1841 , als dem Tage n€uih der feierL Enthüllung de$ von Sr» 

Maj, Konig Ludwig L von Bauern dem Dichter Jean Paul Friedr* Riehter 

au Bayreuth errichteten Standhildes ^ im Gymnasium gehalten von Dr. J. 

C Held [gedruckt zum Besten der Jean -Paul -Stiftung für yerwahrloste 

Kinder. Bayreuth in Commiss. der Grau'schen Bnchhandl. 1841. 16 S. 

gr. 4.] , worin das Leben und Streben Jean Paufs in sehr ansprechender 

Weise charakterisirt ist. — Die kathol. Stndienanstalt in Dilingeh 

zählte in dem Ljccum am Schlnss des Studienjahres I84I 85 theol. und- 26 

philosopb,, am Schlnss des Studienjahres 1842 98 theologische und 28 

philosophische Candidaten (unter den theol. Candidaten im ersten Jahre 

8, im zweiten 2 Benedictiner- Kleriker), im Gymnasium zu den beiden 

Zeitabschnitten 97 |ind 127, in der latein. Schule 103' und -110 Schulen 

Am Lyceum lehrten die theol. Lycealprofessoren Dr. Hagel, Dr. Mblly 

Stempfle, Dr. Gratz und die philos. Professoren Sehrott (Stndienreotor), 

Dr. Aymold, Dr. Bedcets, Dr. PoUtäc, und zur Vertretung der Vorlesungen 

ober Landwirthschaft im ersten Jahre der Subregens Mich, Ritaf, im 

zweiten der Subregens Anton Eber, Doch ist der Prof. Dr. Maurua 

Hagfl am 2. Januar 1842 gestorben und dafür der bisherige Präfect des 

'bischöflichen Klerikal -Seminars Joh, Evang, ff agner zum Professor der 

Dogmaitik ernannt worden. Hagel hat seine Bibliothek der Stndiea- 

bibliothek in Diillngen Tcrmacht, wie dies auch der am 8. Apr9 1840 

verstorbene vormalige Stndienrector in Kempten, Decan und Scblossbene- 

ficiat Jos, Kirchhqfer zu Wertingen mit einem grossen Theile setner 

Bibliothek gethan hatte. Am Gymnasium lehren die Gymnasialprofes- 



Befordernngen und Bkrenbeteif anf eo. 87 

soren JRJra, J. M. Bet^elroefc, Augj AhH und Dr. KarlB^mmMt^ der 
Prof. der Mathematik und Geo^aphie Dr. Fr. Mimhiger, der Reßgion«- 
lehrer Prof. jinion MCräh .und 4 Halfsiebrer; an der lateinischen Schal« 
der Prof. Mich. Heckner y die Stndienlehrer Jok. Mkk. Brfuenerj Joh» 
Nepi KtUer und Nie, Egger nnd 3 Hälfslehrer. Dem Jahresberichte Ton 
1841 hat der Professor Dr. Laur, Clem. Qratss ein Programm ITeder dUt- 
räkter und Deutung der prüpheHschen Sckrift de$ neuen Bundes [40 S. 
gr. 4.] beigegeben, und neben dem Jahresbericht Ton J§42 erschien als 
Programm: Probe einer neuen üebersetzung der Oden dee Horaa, xugUkk* 
ein Versuch y dieselben nach innerem Zusammenhange m ordnen, tob 
dem Prof, Dr. Karl Hoffmann [Sl S. gr. 4.], worin eine wohlgelnngene 
Verdeotschnng der Oden J, 1. III, 4. u. 1. IJ, 18. 2. n. 16. lY, 3. u. 3. 
I, 12. IIJ, 3. 2. n. 5. IV, 4. a. 5. enthalten ist, weiche sich durch treues 
Wiedergeben des Inhalts , darch genaue NachbÜdnng der Form mit sorg- 
fölüger Beachtung der Wortqnanütät im Deutschen und durch gutes und 
reines Deutsch auszeichnet. Dass übrigens diese Oden doch weit pathe- 
tischer klingen als im Lateinischen, hat aucli Hr. H. nicht yermeidea 
können , zumal da er sich selbst die Nachbildung dadurch erschwert hat, 
dass er in den Metris der einzelnen Oden die von Horaz eingeführten 
Langen (statt der im griechischen Metrum vorhandenen Kürzen) fiberall 
treu wiederzugeben bemuht war , während ihn doch das Beispiel des ' 
Horaz selbst darauf hinweisen konnte , dass es sich mit der Wortquan^ 
titat unsrer Sprache besser vertragen wurde, die in diesen Fallen von 
den Griechen beibehaltenen Kurzen wieder zurückzuführen. Indes» hat 
er dqcb sein Princip meist mit so glücklichem Erfolg durchgeführt, dasa 
uian den Versuch dankbar anerkennen muss. In einem besondern Vor« 
wort hat er die Grundsatze, nach welchen er übersetzte, kurz angege- 
ben, und zugleich einen Inhalts- und Ideen - Zqsammenhang d^lr fiber- 
setzten Oden nachgewiesen, welcher aber, obgleich er im Allgemeinen 
richtig ist, doch nur eine subjective Auffassung bietet. -^ An der. 
kathol. Studienanstalt zu EicHstXDT ist in Folge der seit 1839 eingelei- 
teten Erweiterung derselben mit dem Beginn des Studienjahres 1842 (am 
18. Oct. 1841) die dritte Gymnasialclasse eröffnet worden, und am Schiusa 
des Schuljahres 1841 Zahlte dieselbe in den beiden Gymnasialclassen 38 
nnd in den 4 Classen der latein. Schule 200 Schüler. Das LehrercoHe- 
gium bildeten der Studienrector nnd Lehrer der 2. Gymnasialclasse J, 
Ev, Schuster y die Gymna^alprofessoren Karl Kugler [Classenlehrer der 
ersten Gymnasialclasse], Vitus Schauer [Classenlehrer in latein. Seh. IV.] 
ond F, Xav, Richter [Classenl. in II. A, der latein. Seh.], der Oberlehrer 
IVf. Hafner [Classenl. in III. der latein. Seh.], die Studienlehrer Georg 
Fischer [ClassenU in I. der lat. Seh. , von Homburg in der Pfalz hierher 
berufen], der Classenverweser in IL B, der lat. Seh. Ignaz Oäugengigly 
der, Protestant. Religionslehrer Pfarramtscandidat Joh, Nddhardt nnd ein 
Zeichen-,, Schreib -^ Musik- und Schwimmlehrer. — Die protestant. 
Stndienanstalt in Erlattgen hatte im Studienjahr 1840 in den 4 Gymna^ 
sialclassen 41 und in den 4 Classen der ^latein. Schule 73 Schüler , 1841 
43 und 71 Seh. nnd 1842 39 und 78 Schüler. Lehrer sind der Studien- 



^ Schul- und. yniversitatsnachrichten» 

vector und UniTerritaUprefessor pr, /i^. Ludw, ChpJu WU, Do^fjUmf 
die Gjjrmnasialprofessoren Dr. Joh, Albr* Karl Sehqfer and Dan» Zimmef* 
loonn^ der Professor der Mathematik Dr. C%m. Flamin Heinr, uiug* 
Qla9er, die Studienlehrer Professor Dr. Frdr. JFäh* Rücker ^ Dr. Heinr » 
Schmidt y Dr« Karl Bayer and Dr. Chm. WUh, Cron^ der Geschichta- 
lehrer and Assistent im Gymnasiam Dr. Cftnt. Anl, Lud» SchiUerj der 
hebr. Sprachlehrer Repetent Dr. H^mr* Schmidy der franz. Sprachlehrer 

' Chph. Wüh^ Hwffeldj der engl. Spracblehrer Cantor Georg Eggen»- 
hergery der katliol. Reli^onslehrer Decan und Professor Mich. Rehhan 
mid ein Zeichen-, Schreib- und Gesanglehrer. Im Jahresbericht Toq 

, 1810 steht eine Abhandlung über PenrionaanstaUen von dem Professoi^ 
Dr. G/mter [31 (26) 3« gr* ^«l» ^* ^* Wahrscheinlichkeitsberechnangeo 
über die menschliche Lebensdauer and daraas abgeleitete Bedingungen 
^ber die Einri/chtong von Pensionsanstalten für Männer und die davoa 
absutrennenden und anders einzurichtenden Pensionsanstalten für Witt- 
if¥en und Waisen; im Jahresbericht Ton 1841 eine sehr sorgfaltige und' 
gelehrte Dareteilung der pyrrhonischen Philosophie von dem Prof. Dan* 
Zimmermann [54 (22) S. gr. 4.] mit einleitenden Erörterungen über den 
Skeptieismus der Philosophen des Alterthums überhaupt; in dem Jahres- 
bericht für 1842 eine Jristologie für den Vortrag der Poetik und Rhetorik 
YOQ dem Studienrector Dr. Ludw, Doderlein [36 (24) S. gr. 4.] , \?oria 
der Verf* B, 3 — 8. sein Yerfehren £ei dem auf drei Jahrescurse berech- 
neten Unterrichte in der Poetik, Rhetorik und Stilistik beschreibt, die 
Anlehnung, dieser Uaterrichtsgegenstande an den classischen Sprachunter-' 
licht und die theilweise Hineinziehung, der deutschen Sprache, der clasr 
sischen Literargeschichte und der ersten Elemente der Logik angiebt, 
über Umfang, Auswahl und methodische Einrichtung überaus durchdachte 
und wahrhaft praktische, wenn auch bisweUeu zieptilich subjective Andeu- 
Uingen giebt, und dann S. 9 — 24. eine für seine Schülei' bestimmte 
Sammlung griechischer und lateinischer Beispiele zur Metrik ,^ Literatar- 
geschichte und Stilistik folgen lässt, welche von ihnen als Mu^erstücke 
für die daran zu knüpfenden. Erläuterungen auswendig gelernt werden 
sollen» Der erste Theil , der Abhandlung ist so belehrend und erregend 
für den aufmerksamen Gymnasiallehrer, dass man wünschen rauss, der 
Hn Verf. mochte denselben etwa in einer pädagogischen Zeitschrift zur 
allgemeinen Kunde bringen. — Die kathol. Studienanstalt in Kemptbbt 
hatte im Jahr 1842 d6 Schuler des Gymnasiums und 122 Schüler der 
latein. Schule, welche Yon dem Studienrector und Professor der 4. Gym- 

. nasialclasse Dr. heonh» Böhm , dem Professor der Mathematik Dr. Jqh» 
Bundschuef den Classenprofessoren Aloys JVtfcl, Frx. Wifiing .und Karl 
BeiackU, d«n Prof. der kathol. ReUg^onslehre Joh, Köpfy dem protest. 
Pfarrer JBentd. Jd. Geyer als protest. Religionslehrer, dem quiesc Prof.^ 
Remig Geist als Lehrer des Hebräischen, dem Subrectorder Landwirth- 
schaft- und Gewerbschule Otto Phil. Mündler als Lehrer des Franzosi- 

^ sehen, den Studienlehrem Frdr> JU^dw. Hopf^ Sim. Mayer ^ Isid, Steg- 
mitter und Jos. Soilinger and einem Zeichen-, Schreib- und Gesanglehrer 
UBterrichtet worden. In dem Jahresbericht ist über einige neuere , das 






Beförderungen nrnd Ehrenbeseigungen. 89 

beyerijBclie fiftndienwesen betreffende Verordnungen nnd beetebende ScM- 
einrichtongen Folgendeii mitgetheilt: „Hinncbüich des Religionsmiteiw 
richte ist darch höchste kÖnigl» Minlstexialentschfiessongen Terordnet, 
dass dem hochwichtigen Gegenstande, der Religion, der ihm gebnhrend» 
grosse Antheil bei der Beurtheilang der Schüler YoUst&ndig gewährt, 
dabei nicht blos das Maass der Religionskenntnisse, sondern forsngs« 
weise die innere Cresinnong nnd der Erfolg (die Fruchte) des Unterricbti 
l^eachtet , und sn dem Ende auch die bisher übliche Zifferredinung idcht 
ferner angewendet werde. Deswegen ist weder fnr den Fortgang in der 
Religiottskentttniss , als eii^em ober aUe Zifferrechnnng erhabenen Gegen« 
Stande, in dem Jahreskataloge eine eigne Rubrik «nfsunehmen, noch darf 
eine Einrechnung desselben in den allgemeiden Fortgang stattfinden | 
jedoch ist zur Ermuntenuig der Schaler in jeder Cfaisse des Gymnasinm» 
nnd der latein. Schule aus dem Religionsunterrichte ein Preis an jenen 
Schaler zu Terleihen., welcher in Hinsicht auf Umiang nnd Gründlichkeit 
der Religionskenntflisse nnd durch ausgezeichnetes religids-sittUches Ver- 
balten vor allcia seinen Mitschülern den entscfaiedensten Vorzug behauptet* 
Zor Bezeichnung der über die religiösen Verhältnisse (über Religion»« 
kenntnisse und religiös »sittliches Betragen) der Schaler zu fallenden 
Urtheile sind drei Classen und in jeder Classe 2 Abstufungen Torge- 
schrieben: I. Classe: 1. ausgezeichnet, 2« Torzuglich (Sehr gut); II. CLt 
1« Tollkommen gut, 2. hinlänglich gut; III« CLt 1. gering, 2. schlecht*)« 
Zam Vorrucken in eine höhere Classe ist nicht nur die Befähigung in 
allen Gegenstanden, sondern auch femer nothwendig, dass ein Schüler 
in Absicht auf Frömmigkeit und religiöse Gesinnung, sowie auf sittliches 
Verhalten , mindestens die Note U. 1. , in Religionskenntnissen aber min- 
destens die Note II. 2. sich erworben habe. Auch kann , wer nidit min* 
destens diese Noten hat, weder aus dem aligemeinen Fortgange, noch 
aus einem einzelnen Gegenstande einen Preis erhalten. Femer bleibt 
hinsichtlich der Preise die frühere Besthnmnng, dass ein Sch&ler nur 
dann einen Preis aus dem allgemeinen Fortgange erhalten soll , wenn er 
in den Nebenfachern zusammengenommen im ersten Dritttheile steht, und 
ans den Nebenfächern nur dann , wenn er aus dem allgemeinen Fortgange 
im ersten Dritttheile ist oder wenigstens keins der den allgemeinen Fort- 
gang bedingenden Fächer eigentlich vernUchlässigt hat. Zur grossem 
Auffflunterang, und damit der Anhäufung der Preise bei ^nem und ^dem» 
selben Schuler Torzu^ich in jenen Ffiilen begebet werde, in welchen 
zwischen diesem und dem ihm zunächst stehenden nur geringe Unter- 
schiede des Fortganges nnd der Befähigung sich wahrnehmen lassen, ist 



♦) Was, überhaupt in Bayern zar Verbesserung nnd VenroHkomm» 
nnng des Religionsunterrichts in den hohem Schulen geschehen Jst, das 
findet man zusammengestellt tou dem evangelischen Oberconäistorialrath 
Dr. Karl Fuchs in Manchen in dem Aufsatz: Der Religionsunterricht tn 
den Gymnasien y lateinischen Schulen, und andern Bildungsanstalten in 
der Pfalz am Rhein, in dessen ^nnolen d^ protestantischen Kirehe im 
Kä»igr€ieh Bayern , neue Folge, 3, ^eft. (Monehen 1842.) 



90 Schal- nnd UnlT^trsStatsnachrichieiif ^ 

fettgesetsi, das« derjenige Schuler,. der nach dem gewissenhaften UrCheile 
det Rector« nnd der Lehrer neben dem Prebe aas dem allgemeinen Fort- 
gange noch einen oder mehrere Preise aus den einzelnen Gegenständen 
erhalten würde, in dem 'Kataloge als preiswärdig aus dem einzelnen 
Lehrfache bezeichnet, der Preis -selbst aber dem von ihm nur wenig 
unterschiedenen , wenn sonst nichts entgegensteht , gegeben werden sidU. 
Uebrigena sei auch kein Hinderniss, dass nicht derselbe Schäler mehrere 
Preise erhalte« Die Preiswnrdigkeit eines übergangenen Schülers zeigt 
in dem Kataloge die höhere Platznommer an. Der allgemeine Fortgangs« 
platz jedes Schülers ist so ermittelt, dass bei der Zusamm^nzahlung der 
Platze ans den einzelnen Gegenstanden die aus dem Lateinischen t;term6l, 
dem Griechischen dreimal, dem Deutschen, der Mathematik, nnd in den 
obern 2 Classen des Gymnasiums auch aus der allgemeinen Geschichte 
und .der Geschichte der deqtschen Sprache (welche zwei Gegenstande 
zusammengerechnet werden) zweimai , in den untern 2 Classen des Gym- 

' nasiums aber aus der allgemeinen Geschichte allein , und so auch iu den 
^ obern Classen der latein. Schule einmal , endlich auch die Platze ans 
der Geographie in allen 8 Classen einmal, die aus der Kalligraphie aber 
gemäss der Vorschrift nicht gezahlt werden« Da die vorher beseicbneten 
Noten nur für das religiös - sittliche Verhalten nnd die Religionskenntnisse 
vorgeschrieben worden , ohne dass in den , nur über diese Gegenstande 
wgangenen, höchsten EntSchUessungen eine weitere Ausdehnung auch 
in andern Beziehungen gemacht wäre, so werden in den Classenzeog- 
liissen wiederum dieselben Pradicate wie bisher gebraucht, nämUch: 
vorzügliche, sehr viele, viele, hinlängliche, schwache Fähigkeiten; 
vorzüglicher, sehr grosser, grosser, genügender, wenig Fleiss; fbr* 

^ zngücher, sehr guter, guter, mittelmassiger, geringer Fortgang. Im 
Uebrigen ist wohl zu bemerken, dass, wer immer aus einer lateinischen 
Schale oder dem Privatunterrichte in das Gymnasium übertreten will, 
behufs dieses Uebertrittes am Anfange des Studienjahrs in einer von den 
sammtlichen Gymnasialprofessoren unter dem Vorsitze des Reotors abza- 
haltenden strengen Prüfung seine Befähigung beweisen muss. Wer sich 
den Stadien in der Absicht widmet, einst ein Amt im Öffentlichen Dienste 
zu erlangen, der muss, wenn er auch den Gymnasialunterricht durch 
Privatstudien ersetzt zu haben glaubt, vor der Zulassung zur Absoluto- 
rialprufung wenigstens die vierte (oberste) Classe des öffentlichen Unter- 
richts besuchen. Unter denselben Voraussetzungen und Beschrünknngen 
ist der Besuch auswärtiger Gymnasialanstalten , jedoch nur unter Geneh- 
migung des kon. Ministeriums des Innern , gestattet,^' Das dem Jahres- 
berichte beigelegte Programm der Studienanstalt ist überschrieben : Ad 
solemnia exeuntis anni scbol. 1842 celebranda levttatem etfaUaeiam argu- 
mentat. in M. T. Ciceronis oratione pro lege Man, adhibitüe ostendit Aloifs» 
Nikly gymn. Campodun. prof. [15 S. 4.] Der Verf. geht von dem durch 
Cicero selbst [erat, pro Cluent c 50. öl. de orat. II, 54. epist. ad famil. 
V, 12.] ausgesprochenen und gatgeheissenen Satze aus, dass in den öffent- 
lichen Reden der Redner oft von der Wahrheit abweiche und seine Beweis- 
führung nur für den besondern Zweck und die Ueberredang seiner Zu- 



Beförderungen nnd BKrenbeieignnfea. 



n 



h6rer ber^cbne , so dasi man ans denselben nidbi etwa die winbre Blei* 
nnng des Redners über die behandelte Sacbe dürfe ermitteln woUeä» 
Zar Bestätigung dieses Satzes ist der Brörtemngsgang nnd die B^wd** 
ffibrong in der Rede pro lege ManiÜa nach den einseinen Hanpttheilen 
derselben dargelegt nnd dor^bgegangen, nnd daran geseigt, wie sehr der 
Redner die Thatsachen übertreibt und wie wenig die Grunde für das, 
was er beweisen will, der Wahrheit gemäss sind, aber allerdings ^ 
Rede aberall darauf berechnet ist , das Interesse nnd die Neigungen dea 
Volkes for sich zu. gewinnen. — Das (kathol.) alte Gymnasium in 
MmiCBEN war nach dem am Schhisse des Schuljahrs It^O — 1841 bekannt 
gemachten Jahresberichte in sdnen 4 Classen, von denen jede in 2 geson- 
derte Abtheilungen zerfallt, (im August 1841) von 337 Schillern besucht, 
und den Unterricht besorgten fils Classeiilehrer der Rector J, v, O. Fr&t* 
Ikh und die Professoren Canonicus Joh. BapU Sehwam^ Dr« Leonh, Spoi» 
^el [ist seitdem nach Heidelberg berufen worden] , Joh* BapU HutUff 
Priester Georg WorUtsckeky Ign* Müi^auer^ Dr. Georg BeiUbodb, 
Priester Joe, Wük. Tkam nnd Dr. Joe, von Ihfner^ als Religionslehrer 
fiir die kathol. Schaler der Prof. Priester An^ Fieeker^ für die protest. 
Schüler der Prof. und PfarrWcar Ludw* SehoberUm [im 3. Semester Tcr^ 
treten von dem Predigtaratscandidaten WÜh. von Btarowakg] , als protest. 
Geschichtslehrer der Lehrer der Geschichte am k. Cadettencorps Georg 
Ra» [iat seitdem nach Speyer befördert worden] , als Lehrer der Mathe- 
matik und Geographie der Prof. Dr. Georg* Mmfer und der Funcdonar 
Dr. j4nt, fitscftqf , und ausserdem noch besondere Lehrer der hebräischen^ 
franzomschen , italienischen und englischen Sprache , des Zeichnens und 
der Instrumental- und Vocalmnsik. In Folge allerhöchster Verordnung 
mnss seit 1841 der Unterricht nicht nur in der Religionslehre, sondern 
auch in der Geschichte von Lehrern geistlichen Standes ertheilt werden» 
— In Regeüsburo ist das Rectorat des Lyceums und Gymnasiums dem 
iheolog. Lyceaiprofessor Dr. Herd in widerruflicher Eigenschaft über- 
tragen nnd am Lyceum der Priester Dr. theol. jint. Sporer Ton München 
als Prof. des Kirchenrechts und der Kirchengeschichte, der Pr9fessor 
Priester Ant, Rietter rem Lyceum -in Amberg als Prof. der theol* Moral, 
nnd der bisherige Wallfahrtsdirector in Fuohsmuhl) Printer Frs, Joe* 
Schhnlj als Professor der Bxegese und bibl. Hermeneutik, der orientalw 
Sprachen und der Einleitung in das A. und N. Testament angestellt 
worden. — Das protest. Gymnasium in Schweinpurt war am Scbluss 
des Studienjahres 1842 von 37 und. die latein. Schule Ton. 66 Schülern 
besucht, und es lehrten an denselben der Rector und Prof. OeUchlüger 
und die Professoren Dr. von Jan, Dr. fFUtmann und Dr. Enderlein als 
Classenlehrer, der Prof. Hennig als Lehrer der Mathematik, der Ober- 
lehrer Plrich nnd die Studienlehrer Pfirech^ Zmk^ Wemand in der latein. 
Schule, der Pfarrrerweser j7%r^'als kathol. Religionsleh^er, em Zeichen* 
lehrer und ein Schreib - und Gesanglehrer. Das dem Jahresbericht bei-, 
gegebene Programm enthält: Commeniat, de Bambergenn eodke tnstt- 
tuiionum.QuinlxHani manu scripto, eectio prima , von dem Prof. Dr. Frdr: 
Leonh, Enderlein [16 S. gr. 8.], nnd bringt eine sorgfältige Beschreibung 



92 ScIiqI- and UniTersititaDaehriehteDi 

und CharakteriBtik dieser von ZcuDpt za gering geaditeten Bamberger 
Handschrift, eine Probe ihrer Lesarten za iib. iX. c. 4. mit einigen kri- 
tischen Rechtfertigungen, und eine kurze Nachricht aber den Codex 
PoUingianas in München* -^ Die protest. Stadienanstalt in Spetbe war 
am Schluss des Stadieigahrs 1842 im Lyceam von 28 Candidaten, im 
Gymnasium ron 120, in der lat^in. Schafe yon 129 Schalem besacht. 
Der Prof. der Philosophie am Lyceom Dr. H, Puekta wurde im Nor* 1841 
wegen andaaemder Krankheit seiner Lehrstelle enthoben und späterhin 
als Pfarrer in Bib bei Ansbach angestellt. Das Rectorat der Stadienanstalt 
. fShrt der Hofrath und Kreisscholarch Georg Jäger ^ und es lehren am 
Lyceam die Professoren Frdr. M* Sckwerd Mathematik, Physik and 
Chemie , Domcapitalar und bisch, geisü. Rath Bruno Würeehmitt Natnr- 
gescbichte , Dr. Caep, Zeuse Geschichte, Karl FeU» Halm Philologie und 
Archäologie , Dr. Georg Rhu [an Puchta^s Stelle Ton München berufen] 
Philosophie and zugleich Geschichte für die Candidaten protestant. Con- 
lession , und der F^of. des Clericalseminars Dr. Frz* JT. Diringer Reli> 
gions- und Moralphilosophie und biblisches Sprachstudium für die kath« 
Candidaten ; am Gymnasinm der Prof. der Mathematik Fr. M, Schwerdy 
die Ctassenprofessoren Aug. Muster , K, FeL Hidm , Rupert Jäger und 
Jos* Fischer j der IfathoL Rcligionslehrer Domcapitular und bisch, geiztl. 
Rath Peter Busch , der protest. > Religionslehrer Pfarnricar Got^r* Rosen- 
bauery der Lehrer der hebr. Sprache Ferd, Osihelder und ein Zeichen - 
und Mnsiklehrer; an der latein. Schule der Subrector Prof. F^dr. Fähr^ 
die Classenlehreir Georg HoUerieth , Frdr. Bettmger und Ferd* OstheldeTf 
zwei Reli gions- und zwei Schreiblehter. Das mit dem Jahresbericht 
zugleich ansgegebene Programm enthalt ; Leetiones StohenseSy proposait 
Car^ Fei. Halm» Partaeula posterior. [Heidelb. gedr. b. Reichard. 1842. 
S. 33r^62. gr. 4.] und bildet den Beschluss zu der als Programm des 
Jahres 1841 ebendaselbst erschienenen Partkula prior. [32 9. gr. 4.] In 
beiden Programmen hat der Hr. Prof. Holm eine lange Reihe Ton Stellen 
der Ton Stobaas excerpirten Sciiriftsteller in der Weise behandelt, das« 
er die Stellen der einzelnen Schriftsteller zusammengeordnet, für ihre 
Verbesserang den Torhandenen Afiparat der Handschriften, Tomehmlichx 
des Cod. Paris, ji. , and die kritischen Bemerkungen neuerer Gelehrten 
sorgfaltig benutzt, die Schwierigkeiten der Stellen mit tiefer Sprach- 
einsieht bald ausfohrlicher bald kürzer erörtert und theüs aus den Hand- 
schriften theils aus Conjectnr die bessere Lesart hergestellt hat. Die 
Conjectnren sind meistens sehr gelangen, Tiele unzweifelhaft and eTident. 
Verhandelt ist iii der Partie, prior S. 1 — 10. de Musonii fragmentis, 
8. ll-^lb. de Teletis philosophi fragmentis, S. 16 — 21. de nonnullis 
Plutarchl, Antipatri et Hieroclis fragmentis, S. 22— -32. de Tariorum 
scriptorum pedestdnnt fragmentis attice scriptis (AristoteU de Tirtute, 
Pläton, Bpiktet, Diogenes, Hierax, Hermes, Aelian, Periander, Dema^ 
ratos, Zaleukos, (^harondas, Chrysippos, PhaTorinos, Dio Oekonom.» 
Nikostratos, Aristoxenos, lamblichos, Zeno , ^ Anaximenes , Antyllo^, 
Sotion, Jancus und Nicolaos de nationibus); in der Partie, posterior 
S, 33—38. de fragmentis lonicis (ex Perictyone Pythagor., «x Easebio, 



Beforderangen und Bhreabtiaifaaf en. tS 

« Democnto), 8.39 — 49. de fragmetttb DorMs (f«i Perio^oB, Bfetopw, 
KiiniaB, Theages, ArchyUs, Kriton, Hippodamoi, Diotogeoefl, Cbarott- 
das, StiieDidas^ EkpbantoA, Kallikratida« , Phin^c, Brisoo» BorypIiuMi 
and Hipparchos), S. 50 — 57* de aliqaot poeUuniin fragmenlia (wU Sophe» 
klea, Selon, Nikolaos Komikoa, Apellodorosy Enripidee, Phileaeo, Anti- 
pbwies, Mimnermoey Aaazandrides , Aatydanas, Diphiloi, AatipbwMfy 
Menander, Moschion, Hypsäo« und Timokiee), woran sick S. 58«->6l* 
ein Epimetarom emendationiun ad Escerpta FiorentSna ex ParallelU sacria 
loannia Damasceni anreibt. . Die Erorternngen und ihre Reaaltate geet^i- 
t^en keinen Auszug and müssen in den Schriften selbst nachgelesen werden« 
' — - Am 13. und 14» Ni>t. 1842 wurde das Jubelfest der fun^gjibrigen 
Amtstbätigkelt des Hofraiksond Kreisscbolardien Dr. Oc^rg Jäg9r an 
dem Gymnasium in Speyer Yon den Lehrern und Schalem der Stadien- 
anstalt feierlich begangen, and es nahmen daran nicht. nur der Aatk, die 
Bürgerschaft und die Schulen der Stadt, sondern anch der kon* Regie» 
rungspräsident Forst Wrede mit dem gesammten RegierungacoUegittniy 
sowie der Bischof mit dem Domcapitel den alljgemeinsten und lebhaftesten 
Antbeil, sowohl wegen der grossen und viel&chen Verdienste des Jabi- 
lars , als iLuch weil das 25jährige Bestehen der Stndienanstalt mit denn 
selben in engster Verbindung steht. Als nämlich durch kon. Decret Tom 
J8. Oct. 1817 die aus der franzosischen Zeit hier bestehende Secondair^ 
schule in ein Gymnasium mit einer Lycealclasse umgewandelt wurde, da 
ward auch zugleich Jäger als Rector desselben angestellt und hat seitdem 
dasselbe und die damit Terbundene lateinbche Schule nicht nar fortwäh- 
rend geleitet, sondern aadi die Erweiterung desselben mit berbeigeföhrt, 
dass 1839 die frühere eine Lyccalclasae zu einem ToUstandigen Lyceum 
mit zweijährigem philosophischen Corsas umgestaltet wurde. Die übrigen 
Stndienanstalten der Pfalz hatten zu dem Feste gluckwünscbende Depu- 
tationen geschickt, und die UniTeraitat -Heidelberg übersandte dem. Jubilar 
das Ehrendiplom eines 'Doctors der Philosophie. Vgl. die weitere Fest- 
beschreibung in der Neuen Speyerer Zeitung 1842 Nr. 231 f. Die I^ehrer 
der Studienanstalt, von denen drei, die Professoren Sehwerd^ ÜfibCer 
undFakr^ ebenfalls seit dem Bestehen des Gymnasiums an derselbeQ 
dienen, überreichten einen ülbernen Pokal und folgende Festscbrtfts. 
Gwrgw,IaegerOj Connliario regio ^ Rectori Ljfcei et GymtuuH Spiretuiif ■ 
UlhAro rehue sehaltui. Ptdathna admimgtran^f tpänque lustrie m regi- 
mme gymnam Spirenne ante ho» ipsoe XXV annoa wb atupum Baoariek 
uuiaMratifeLicker peraetie Coüegmm Prqfesaorum omni qua paar est pjeiato 
o<9iie oftservonfta gratulatur interprete Carolo Haimio, Additnm est »pe- 
amen eommenforn de M. TuUi Ciceroni» pro P, Seetio oratiane, [Speyer 
gedr. b. Kranzbfihler. 1842. VIII u. 20 S. gr.4.] Hr. Pro^ Halm begrnsit 
darin den Jubilar mit einer freudigen und herzlichen Zuschrift und kun- 
digt sugleich .einen lateinischen Commentar zu den Ciceronischen Reden 
an, wovon auch der Commentar zu den 9 ersten Capiteln der Rede 
pro Sestio S. 1-^20. als Probe mitgetheilt hat. Derselbe soll für den 
Grebranch der Gymnasien and namentlich der Gymnasiallehrer bestiipmt 
sein and so eingerichtet werden , daas er ans den ESrorterungen der bis« 



I 



94 Sekttl- «nd UBiTer«ititiiiacliriclii6it> 

herigen Commentatoren, Toraelmilicli ans den Commentaren Ton ÜfonaÜoi, 
FerraUua und Garatoni , ans den alten Schollen nnd ana den Comnken- 
taren nnd Gelegenheitsschriften zu den eihzebien Reden und Stellen in 
sweckmaasiger Auswahl und bequemer Uebersioht dasjenige darbiete^ was 
daraus Inr die sprachliche und saehliche Erklärung der Cioeronischea 
Steilen nothig und brauchbar ist, 9nd dass der Herausgeber zu diesen 
Auszügen in eignen Brorterungen hinzufugen will » was zur Berichtigung 
und Ergänzung derselben und zur Erklärung des Cicero für deaGymnasial- 
' zweck nothig zu sein scheint. Der dargelegte Plan und die mitgeiheilte 
Probe geben den Beweis y dass der Verf. der wohldurchdachten and gut- 
berechneten Arbeit in besonderem Grade gewachsen ist und dgisa man in 
diesem Commentar etwas recht Vorzugliche;/! und Branchbares erwarten 
darf. Zu der Rede pro Sestio sind 30 verschiedene Commentatoren 
benutzt, und aus ihren Brorterungen ist in umsichtiger Auswahi das- 
jenige mitgetheilt, 'was für Sinn, Sprache und nothwendige Sacherklärung 
forderlich ist« Diese Auswahl ist durch noch zahlreichere eigne Erörte- 
rungen Tenrollständigt und durch, sie die sachliche und sprachliche Er- 
klärung in angemessener Weise und nach den gegenwärtigen Forderun- 
gen der Sprachwissenschaft erweitert und gefordert. Dabei ist überall 
nur das Nothwendige beachtet und der Standpunkt so genommen, dass 
der Verf. nicht etwa dem Sdiuler seine eigne Arbeit beim Lesen bequem 
machen, sondern ihm nnd noch mehr dem Lehrer an die Hand geben 
will, was beide zum Verständniss der schwierigeren Gegenstände und 
zur BereicheruAg ihrer Kenntnisse, der letztere aber zur weiteren nnd 
besonderen Erörterung brauchen kann. In den Stellen, wo die For- 
schung noch nicht abgeschlossen ist , wird auf den Widerstreit der Mei- 
nungen in angemessener Kurze und mit Angabe der Urheber , doch ohne 
Tautologie und Wiederholung der gleichen Resultate mehrerer hinge- 
wiesen. Aus der Kritik ist dasjenige aufgenommen, was für die Eridä- 
rung Ton Nutzen ist, und in den Stellen, wo die Lesart noch nicht sicher 
steht, werden auch die Meinungen und Lesarten der neuesten Kritiker 
mit Angabe des handschriftlichen Fundaments aufgeführt und discutirt. 
In allen diesen Dingen bewährt der Verf. überall ein reifes und selbst- 
ständiges Urtheil, eine tüchtige und allseitige Sprachkenntniss und reiche 
Belesenheit und Gelehrsamkeit, so dass man sein Unternehmen durchaus 
willkommen heissen und ihn mit vollem Rechte zur rüstigen Fortsetzung 
nnd Vollendung auffordern darf und. muss. Da übrigens diese Probe nur 
erst zur Darlegung des allgemeinen Planes dienen soll und die Vollendung 
des Ganzen dem Vernehmen nach noch nicht so bald bevorsteht, so lasst 
sich erwarten, dass auch noch einige nothig scheinende Erweiterungen 
nnd Abänderungen werden vorgenommen werden. Dahin rechnet Ref., 
dass der Verf. noch allgemeine Einleitungen zu den einzelnen Reden hin- 
zufügt, in welchen er den Gang und die Disposition derselben in alige- 
meinen Hauptzngen nachweist, die historischen, staatsrechtlichen, gericht- 
liehen und sonstigen Verhältnisse und Umstände , unter denen die Rede 
gehalten worden ist, darlegt, den allgemeinen Charakter^ und Werth der 
Rede bestimmt und wohl liach diejenigen Handsduriften, welche die 



Befordernngan Qnd Bkrenbeielgtag^tt. 05 

Hauptgrtuidlage der gangbaren und besten Texte büden, mwb Sine« 
kritiBchen Werthe nnd Gebnache kurz charakterisirt. Bei den hritiaclwn 
Erörterungen der noch unaichern Teztesstellen wird es iweckdiealicli 
sein , dasa der Verf. jedesmal ans dem Zusanunenhange und den Torhaa- 
denen Worten den Sinn and das, was der Redner waiuracbeinlich gesagt 
haben muss , möglichst klar und bestimmt feststelle und daran anraÜM, 
vras die besten Handschriften und die KHtiker für die Verbesserung den 
aufgedeckten FeÜers und for die Herstellung des muthmaasslieh Rechten 
bieten : wodurch auch oft die uototandiiche Aniftthmng ihrer Meinungen 
und Conjecturea unnöthig werden wird. 3ei den sadiliohen Erörterungen 
ist Tieileicht ein tieferes Eingehen auf dasjenige der 6taatseinricfaton|jiBO, 
Gesetze, GericbtsTerfassnng und dgl* recht heilsam, was die obwaltenden 
Verhaltnisse klarer machen und namentlich das richtige Verstandniss der 
in den CSceronischen Reden so häufigen staatsrechtlichen Titulaturen nnd 
der officiellen, gerichtlichen nnd juristischen Kunstausdriidce und For- 
meln eröfihen kann. Auch ist eavielleicht nicht unangemessen, hin und 
wieder^ auf die trügerische und der strengen VITahrheit nicht entspre- 
chende, sondern nur fSr den obwaltenden Zwedc berechnete Beweisfiib- 
rung aufinerksam zu machen. Hinsichtlich der sprachlichen ErÖrterangen 
lasst die vorzügliche Geschicklichkeit, mit welcher Hr. H. den allgemei- 
nen Sprachgebrauch erörtert bat, wohl erwarten, dass er neben dem 
Lexicaliscfaen auch die Erörterung schwierigerer grammatischer Punkte 
noch mehr beachten , Tomehmlich aber nodi mehr auf die Erörterung des 
speciellen Sprachgebrauchs Cicero*s als Indiyiduums nnd als Redners und 
auf die Besprechung des oratorischen Knnststils eingehen werde. Dia 
Vorzagiichkeit des Geleisteten erlaubt diese Forderungen an den Hm« 
Verf. zu stellen , und sie sind von dem Ref. nicht darum gemacht worden^ 
um das V^dienstiiche des bereits Gegebenen zu schnuLlem, sondern nur 
um anf das hinzuweisen, was noch zur hohem VenroUkommnnng der 
tüchtigen und trefflichen Arbeit dienlich zu sein scheint. -— Das katho- 
lische Gymnasium nnd die lateinische Schule in-WvRXBDRO waren am 
Schluas des Schuljahres 1841 Ton 158 Gymnasial- und 379 lateinischea 
Schülern besucht , und es lehrten am Gymnasium der Stndienrector und 
l^rofessor Dr. Frz. Xao. Eisenhcfer, die Classenprofessoren Dr. Mü 
Georg Weidmann y DV. VtiL Mausr und Dr. Fü, Adam Eariy der Prof. 
der Mathematik und Geographie Dr. Fr. X^ Attemperger , der Religions» 
lehrer Prof« und Priester Dr. Georg Joh. Safenreuier^ die Assistenten 
und Repetitoren Lehramtscand. Dr. Jos. Wüh» Sehamhergery Lehramts- 
cand. Dr. Joh. Barth. Gfostmimn, Leluramtscand. Georg fliannmodkery 
Lehramtscand. und InstitntsTorstand FkÜ. Hannwaeker; an der latein. 
Schule der Professor </os. IPtekemnogfer , die Sfcudienlehrer Dr. Georg 
Joe, Kdler^ PkU* Ja»,- HiUor^ Joe. Hegmann y Dr. Lor, Gerhard und 
Pul. Jos. flott, die Assistenten und Repetitoren Lehramtscand* Frtsdr« 
Ems< SehtfoTj Lehramtscand. nnd Lutitutsrorstand Jtfteil. JTimftel, die 
Repetitoren Rechtscandidat Herrn, Treppner und Rechtsprakticant Fnh 
Maeky und an beiden Anstalten noch ö Hnllilehrer. Das dem Jahres- 
b^cht beigegebene Programm enthält: Die ei^la Sdoukufeier mf der 



SiO Schal- and UalTersitStsiiachricliteii^ 

SMbuTg hd Nmatadt an d^r SaaU am 12. JyM 1841 Tom Proftsser 
Otwrg Jö8* Stgknrevter [d2 8. gr. 4»], eine Beschreibung des eilfhondert- 
Jahfigen JnbÜaams der Einfohrimg des Chiistenthoms mit kuner geschicht- 
licher EinleitoBg nnd Miitheilang der dahd gehaltenen Reden , Gebete 
and überreichten Gedichte. — Das protest« Gymnastnm und die latein. 
Schale in ZwBlB&fJCKBii hatten am Schlnss des Schuljahrs 1842 66 Gym- 
nasial - nnd 112 latein. Schaler nnd za Lehrern den Äector and Professor 
Ftter TtXUr^ den Lycealprofessor für Mathematik PeUr Zack^ die Glas- 
senprofessoren J. M. JPttcAer, Dr. £d. Vogel and Friedr, Bictfers, den 
Protestant. Reiigionsldirer Prof. and Pfarrer Pet. Krieger and den katii. 
Religioasldirer Prof» and Pfarrer Frz. Tafel ^ den Sabrector Frdr, Hdf" 
reüAy die Stadienlehrer MSeh* Qorringer^ Joe, Sauier and PhiL Kragt 
und 3 HüifiBlehrer« Der Jahresberidit enthalt zugleich als Abhandlang 
ekle GeeckkkiHoke ÜMermM/ckang vher die Lage des Ortet Satueia von 
dem Lehrer Mkhael Qorringer [36 (12) S. gr. 4.] , worin der Verf. , aaf 
Horgfiltiges Qaellenstndiam gestützt, in überzeagender Weise dargethan 
haiy dass das Sgiusia, wo die Sohne Pipin^s Karl aod Karlmann im Jahr 
770 auf Yeranlassang ihrer Matter zur freühdschaftllchen Ausgleichans 
ihrer Streitigkeiten zosammen kamen and von wo -dann die Mattet durch 
Bayerii nach Itaüen reiste, weder zu Soufosse in Lothringen, noch zu 
Sakizzo Im Königreich Sardinien, aber auch nicht, wie man gewöhnlich 
annimmt, zu Seht iia Elsass. zu suchen sei,- weil die beiden erstem Orte 
schon ihrer Lage wegen sich nicht eignen, der letzte aber nirgends in 
den alten Qaeilen Saluna genannt wird, sondern immer Saletio , Saliso 
und Sel$ heisst. . Dagegen weiss er aus dem Chronicon Laureshametase 
in M. Freheri origg. Palat. p. 28 sqq. den Namen Salueia als Benennung 
des idmnen SU^ache» nachzuwmsen, der einige Stunden Ton Worms 
beim Dorfe Hagenheim fliesst, und sucht deshalb den Ort Sahuia in dem 
dort gelegenen Dorfe Svdzen^ was w«nig8tens insofern sehr bequem für 
jene Unterredung passt, da König Karl eben damals in Worms einen 
Reidistag hielt und Salusia jed^i^alls in der Nahe von Worms gesucht 
Werden muss. [J.] 

Chemnitz. Die dasige Gewerb- nnd Baugewerkenschule unter 
der Direction des Professors Dr. Bülsse hat zu den Osterprufuhgen 1843 
darch ein Programm eingeladen, das eine Abhandlung Ober Farben im 
ÄUgemehifn und G^tfarben insbesondere yon dem Prof. Dr. StSekkardt 
enthält. Die seit 7 Jahren bestehende Gew«rbsehule war im Schuljahr 
1842 — 1843 in ihren 3 Classen von. 112 Schulern besucht, welche Ton 
9 Lehrern (den Herren finlsse, StÖekhardij von Bünau^ Teme^ Conradiy 
Bahr 9 Ludwige Benoitj Blumenau) in der 3* Classe in Arithmetik., Geo- 
metrie, Projectionslehre , freiem Händzeichnen, deatscher und französi- 
scher Sprache, in der 2. Classe in Geometrie nnd Arithmetik^ Ezperi* 
QMntalchemie mit Waaren- und Productenkunde, mechanischer Techno* 
iogie, praktisoher Geometrie, BAaschinenzeichnen, freiem Handzeichnen, 
deutscher und französischer Sprache , in der L Classe in Maschinenlehre, 
Mäschinenieichnen, mechanisdier Technologie, praktischer Geometrie, 
Bau Wissenschaft, tedudscher Chemie, rerbnad^ JDit praktiiich-cheiu- 



Beförderungen nnd Bhrenbeieignngen. 97 

sehen Arbeiten , freiem Handzeicbiien , dentscher and £ran«oi* Spradia^ 
«oiwie für einzelne, besondere Bildangsrichtnngen im kkufmanniBchen Reeb- 
nen nnd Bochhalten , dem Siegenschen Kunsti/viesenban , Geographie, Ge- 
schichte nnd HolzmodelUren nnterricbtet wofden. Sechs yon diesen Leh- 
rern nntefrichten zugleich in der Bange werkschule ', welche im vergangen 
nen Schuljahr 48 Scbnier in 2 Classen zahlte« Dazn kommt endlich 'noch 
eine Fabrikzeichenschale nut 22 Schülem« Die hohe Stellung, welche 
dieser gut organisirten nnd rasch sich entwickelnden Lehranstalt zuer« 
kannt wird, offenbart sich schon daraus, dass das Ministerium des Cultus 
den beiden obersten Lehrern das Ehrenprädicat Professor beigelegt hat, 
eine Auszeichnung, die in den Gymnasien bis jetzt nur den Lehrern, der 
beiden Ffirstenschulen zugestanden ist, wenn man nicht etwa in Anschlag 
bringen will, dass die Rectoren der beiden Gymnasien in Leipzig zugleich 
ausserordentliche Professoren bei der UniTersitat sind, und dass der 
Rector FroUcker am Gymnasium in Freiberg das Pradicat Professor 
behalten hat , weil, er frSher ausserordentlicher Professor bä der Uni» 
rersitat gewesen ist. 

Hamburg« Die dasige Gelehrtenschule (das Johanneum) war in 
ihren 6 Classen nach Ostern 1841 von 115 und nach Michaelis yon 124 
Schulern besucht^ welche in 218 wöchentlichen Lehrstnnden yon dem 
Director Dr. theol. Krtft, den Professoren Dr. theol. Müller, Lic. theoL 
Calwbergy Dr. Ullrich , Dr. Hmricha und Mathematicus Bubendey, den 
Collaboratoren Dr. Meyer, Dr. Laurent nnd Dr. Fischer und 7 Hulfs- 
lebrern unterrichtet wurden. Vgl. NJbb. 31, 331. Für den* Uebergang 
zur Universität bestanden in dem genannten Schuljahr 13 Schuler die 
Abitnnentenprufung. Das zum Schlüsse des Schuljahrs, Ostern 1842, 
erschienene Programm enthält Epistolae Vir. Hutteni, Erasmi Roterod», 
Eod. Hessi, Caselü, Hug. Grotii, annotaUone instructae- [Hamburg gedr. 
b. Meissner. 68 (54) S. gr. 4.], 15 bisher entweder ungedrnckte oder 
schwer zugängliche Briefe der genannten Gelehrten, welche der Hr^ Dir. 
Kraft S. 25 — 54. mit reichen und gelehrten historischen und sprach- 
lichen Erläuterungen ausgestattet und ihnen S. 1 — 4« eine kurze Einlei- 
tung yorausgeschickt hat. 

Marburo. Die dasige Universität war im Winter 1841— «42 von 
514 Studenten mit 58 Ausländern , im Sommer 1842 yon 312 Studenten 
[82 Theologen, lllJuriste|i, 69 Medicinern und Chirurgen, und 29 mit 
philosophischen Wissenschaften Beschäftigten] , im Winter 1842 — 43 von 
271 Studenten besucht, von welchen 47 Ausländer waren nnd 78 der 
Theologie, 87 der Jnrisprndenz , 5 den Staatsv^issenschaften , 39 der 
Mödiein, 19 der Chirurgie , 4 der Pharmacie, 9 der Philologie und 20 
den philosophischen Wissenschaften sich widmeten. Dazu kamen noch 
10 nicht immatricnlirte Zuhdrer. Akademische Lehrer sind in der theol. 
Facaltat die ordentL Professoren Oberconsistorialrath und Superintendent 
Dr. Karl Wüh. Justi [welcher am 1. Aug. 1840 sein 50|ähriges Arats- 
jnbiJaum als Prediger und am 24. Januar 1843 dasselbe als akademischer 
Lehr^' feierte, nnd bei ktzterer Feier das Commandenrkrenz des Hessi- 
a. Jahrb. f. Pkü. u. Päd. od» Krit. Bikl. Bd. XXXYIU. ffft, I. 7 



m 



Schul- nnd Univercitätsnachrichteii, 



^ sehen Haäaordens vom goldnen Löwen erhielt], Dr. Herrn. Hupfeld 
[zugleich ordentl. Prof. der oriental. Sprachen in der phiios. Pacultät], 
Dr. Frdr, Wüh. Rettherg [s. NJbb. 25, 253.], Dr. E\m»i Imäw. Theod, 
Henke [s. NJbb. 27, 440.] und Gonsistorialrath fFüh, Schqjfer [seit dem 
Somme^ 1842 zum ordentl. Professor ernannt] , und der seit Kurzem als 
aosserord« Prof. der Theologie von Erlangen berufene Dr. H, JF. J. 
Thiersch» Der bisherige dritte ordentl. Prpf^ der Theol. Dr. Chr, Frdr, 
KUngx&i nach Bonn berufen worden. Vgl. NJbb. 35, 217. In der juri* 
«tischen Facnltät lehren die ordentl. Professoren Geh. Hofrath Dr. Ed, 
piatner, Dr. Ed. Siegm. Lobeil [seit kurzem zum Vicecanzler der Univ. 
ernannt], Dr. Herrn. Ernet Endemann, Dr. Karl Frdr* Faßgraff, Dr. 
Emü Ludw, Richter [seit vor. Jahre zugleich zweiter Bibliothekar der 
Universitätsbibliothek] und Dr. Konr. Buckel [seit kurzem zum ordentl. 
Professor ernannt], und die Privatdocenten Dr. Karl Sternberg [s. NJbb. 
25, 233.], Dr. Frz. Vict. Ziegler [seit 1840], Dr. Georg Wilh. WeUsei 
[erwarb sich 1840 durch hex XU tabvlarum rerum furtivarum ueucapio- 
nem prohibet^ 82 S, gr. 8. ,^ die Doctorwiirde und die Docentehrechte] 
und Dr. Leop, Steinfeld [y?urde 1841 durch Diss. de defensione rei ex 
fundamento^ eontr actus non adimpleti oriundi, 48 S. gr. 8., Doctor und 
Docent]. Der Prof. Sam. Jordan ist noch immer ausser Function , und 
der seit vor« Jahre zum ausser ord. Prof. ernannte Dr. Ludw. Duncker ist 
Vor kurzem nach Gottingbn berufen worden. In der medicin. Facultät 
lehren die ordentl. Professoren Geh. Obermedicinalräth Dr.' Fcrd. Wurzer, 
GMR. Dr. .Georg Wüh. Frz. Wenderoth, GMR. Dr. Chph. UUmann, Dr. 
Joh, Mor. Dav. Herold, Dr. Karl Frdr. Heusinger, Dr. Karl Chph. Hüter 
und Dr. Frz. Ludw. Fick [seit kurzem statt des am 7. Dec. 1842 verstor- 
benen GMR. und Prof. Dr. Chr. Heinr. Bünger zum ordentl. Prof. der 
Anatomie ernannt], die äusserord. Professoren Dr. Herrn. Nasse, Dr. Jak. 
Frdr. Sonnenmayer und Dr. Gtlieb. Kürschner [die beiden letztern seit 
1841 dazu ernannt], und die Privatdocenten Dr. Ferd. Robert [babilitirt 
durch Comment, anatom, pathol. de statu morbosi omenti. 1840. 44 S. 
gr. 8.] und Dr. Const. Zwenger [habiiitirt durch Nonnulla de ciUechino. 
1840. 17 S. gr. 4.] . Der Privatdocent Dr. Georg Adelmann ist 1841 als 
Professor der Chirurgie nach Dorpat gegangen. Seit 1841 ist für die 
Anatomie ein neues schönes Gebäude mit einem Kostenaufwand von fast 
40,000 Thlrn. erbaut. Lehr^ der philosoph. Facultät sind die ordentl. 
Professoren Consistorialrath Dr. theo!. Chr* Andr, Leonh. Creuzer, Geh. 
Hofr. Karl Frz. Chr. Wagner, Chr, Ludw. Gerling, Oberbibliothekar 
Frdr. Rehm, Dr. med. Joh.,Frdr, Chr. Hessel,, Dr. med. F. A. Huber^ 
Chr. Koch, J tue Stengler, Rob, Wüh. Bunsen [seit 1841 zum ordentl. 
Prof. der Chemie ernannt, s. NJbb. 27,440.], Bruffo Hüdebrand' [seit 
1841 als ordentl. Prof. der Cameralwissenschaften von Breslau berufen] 
und Theod. Bergk [seit Ende 1842 statt des nach Göttingen gegangenen 
Prof. K. F. Hermann als ordjsntl. Prof. der classischen Philologie vom 
Gymnasium in Cassel berufen] , die äusserord. Professoren Karl Reinh* 
Müüer, Karl Theod. Bayrhoffer [s. NJbb. 25, 253.], Karl JuUus Cäsar 
[seit vor« Jahre zum äusserord. Prof. ernannt] upd Fr. Vorländer [vor 



Beförderungen and Ehrenbezeigungen. 99 

kurzem als ansserörd. Prof. von der Univ. in Berlin hierher berufen], 
ferner der Prof. Jos. Rubino und die Privatdocenten E. PA. Ainelung^ 
Jos. Hoffa [Coilaborator am Gymnasiuraj , Frz, Dietrich und Frdr. Ludw, 
Stegmann» Von den seit 1840 erschienenen akademischen Programmen, 
soweit sie ■ dem Ref. bekannt geworden sind , bedürfen hier nur kurzer 
Erwähnung die zu Justins Jubelfeier herausgegebene Gluck wünschungs- 
Schrift der theol. Facultat: CompiercH Ikerarü Calixtini ex autographis 
editi fasoß. tertius von dem Prof. Dr. E, Ludw. Theod. Henke [Marburg 
bi. Elwert. 1840. X u. 57 S. gr. 8.] und die zu demselben Festfi von der 
philosoph. Facultat überreichte und von dem Prof. Dr. K, Fr, Hermann 
gedichtete lateinische Jubelode , sowie das zum Prorectoratswechsel am 
18, Oct. 1840 erschienene Programm : Quaedam de Scabinis at^pie eorum 
demonstrationibus yon dem Prof. Dr. Herrn, Ernst Endemann [51 S. gr, 4.]« 
In den Indices lectionum per semestre aestivum o« 1840. habendarum hat 
der Prof. K. Fr, Hermann auf IX S. gr. 4. seine in den Quaestionn. 
Oedipodeis [Marburg 1837.] vorgetragenen Ansichten über die Abfas- 
snngs- und Auffuhr ungszeit der beiden Sophokleischen Tragödien Oedlp us 
gegen die Einwendungen vertheidigt, welche Gottfr« Hermaun in der 
Zeitschr. f. d. Alterthumswiss. 1837 Nr« 98 ff. dagegen erhoben hatten 
und in den Indices lectt, per sem, aestivum a, 1841. rechtfertigt derselbe 
Gelehrte seine im Index lectt. hibern. a. 18|^. vorgetragene Verniuthungy 
dass Platon's Symposion früher als, das Xenophönteische geschrieben und 
das letztere jenem nachgebildet und theilweise entgegengesetzt sei, gegen 
,die von Henrichsen im Flensburger Programm de consilio et arte convioü 
Xenophontei [Altena 1840.] gemachten Einwendungen mit neuen und um 
do entschiedneren Gründen, da sich inzwischen in den Rhetorr. Graec. 
T. IN. p. 511. Walz, ein^ directes Zeugniss gefunden Latte, dass das 
Platonische Gastmahl das erste sei. Die beiden Einladungsprogramme 
zur Feier der Geburtstage des Kurfürsten und des Kurprinzen > Mitregen- 
ten im' J. 1840 enthalten JST. F. HermanrCs Disputatio de statu Lacedae- 
moniorum ante Lycurgum [48 S. 4.] ;und Disputatio de novis Lacedaemo- 
niorum post Lycurgum insiitutis [42 S. 4.] , und beide Abhandlungen sind 
dann zugleich mit der 1832 geschriebenen Disputatio de condicione atque 
origine eorum , qui homoei äpud Lacedaemonios appellati sunt unter dem 
Titel: Cur, Fr. Hermanni antiquitates Laconicae [Marburg b. Elwert. 
1841. VllI u. 216 iS!$. gr. 4.] in einem neuen Abdruck erschienen und in 
den Buchhandel gekommen. Gegen die ebenfalls im J, 1840 erschienene 
und an Gottfr. Hermann gesandte Gratulationsschrift desselben Gelehrten: 
Disputatio de distributione personarum inter kistriones in^tragoedüs graecia 
[Marburg, Elwert. 1840. 68 S. gr. 8. 10 Ngr.] hat Lachmann in unsern 
NJbb. 31, 456 ff. Einspruch erhoben , und Gottfr. Hermann selbst hat in 
der Vorrede zu seiner Ausgabe von Euripides Orestes [Leipz. 1841.] für 
dieses Euripideische Stuck eine andre Vertheilung der Rollen an die drei 
Schauspieler vorgeschlagen. Der Gegenstand hat neuerdings eine aus- 
führlichere, Erörterung gefqaden in der Schrift: Die Vertheilung der 
Rollen unier die Schauspieler der griechischen Tragödie von Dr« Jul, 
Rkhter [Berlin , Schröder. 1842.' XVI u. 112 S. 8.], deren Verf. auch 

7* 



-/ 



100 v Schul- und Uniyersitatsnachrichten, 

gegen Lachmann in sehr heftiger und unziemlicher Weise aufgetreten ist 
und K. Fr. Hermann*s Ansichten gegen dessen Einwendungen in Schutz 
genommen hat. 'Was er übrigens selbst über die Vertheilung der Schau- 
spielerrollen und über die Oekonomie des alten Drama^s Torgetrageu hat, 
das ist in mehreren Hauptpunkten von K. Fr. Hermann in den Berl. Jhbb. 
für wissenschaftl. Kritik 1843, 1. Nr. 49 — 55. sehr enischieden bestritten 
worden. Das Einladungsprogramm zur Geburtagsfeier des Kurfürsten 
im Jahr 1841 enthalt: Car. Frid. Hermanni disputatio de aatirae Romanae 
auctore ex sententia Horatii Serm, I, 10, 66. [Marburg, El wert. 51 S. 
4. 10 Gr.], eine etwas umständlich und schwerfällig, aber scharfsinnig 
und überzeugend durchgeführte Untersuchung über die Frage, ob Lucilins 
oder Ennius'.Ton dem Horaz als auctor der römischen Satire bezeichnet 
werde. Der Verf. folgt in Vs. 66. der schon von Heindorf u. A. treffend 
gerechtfertigten Erklärung : LutM%U8 mag gefeilter gewesen sein, als man 
von dem Urheber einer rohen und von den Griechen nicht behandelten 
Gedichtgattung erwarte sollte, und verwirft die andre Deutting: Luciliut 
mag gefeÜter gewesen sein, als der Urht^er der rohen Gedichtsgattungy 
und gewinnt dadurch natürlich das Resultat, dass nun auctor ebensa, 
\?ie Vs. 48. inventor, vom Lucilius verstanden wird, und dass nun auch 
die Worte st foret hoc nostrum delatus in aevum auf Lucilfus und nicht 
auf Ennius sich beziehen. Z^ur Begründung dieser Ansicht wird das 
eigehthümliche Wesen und der Unterschied der Satiren des Ennios und 
Lucilins in sehr gelehrter Weise erörtert und das Resultat getwonnen^ 
Ennii satiras , quantum quidem veterum testimoniis constat , a 'metrörum 
tantum varietate nomen accepisse, carmen autem ipsios argumenti varie- 
täte miscellum perque omnem vitae humanae farraginem licenter vagum 
primum, Lücilibm condidisse , zugleich auch durch Beispiele und Verglei- 
chung der griechischen Literatur dargethan, dass die Satiren des Ennios 
nicht hätten carmen Graecis intactnm genannt werden können , dass aber 
allerdings in den Satiren des Lucilius keine Nachafimung der Griechen, 
sondern eine wesentliche Verschiedenheit 'von denselben und ein echt 
römisches Gepräge sich kundgebe. Im Programm zur ^Feier des Geburts- 
tages des Kronprinzen -Mitregenten im J. 1841 hat Hr. Prof. Hermann 
unter dem Titel « . AnaXecta catalogi codicum bibliothecae academicae Lati- 
norum [40 S. 4.] Nachträge zu dem von ihm herausgegebenen CatalogU9' 
eodicum mahuscriptorum, qui in bibliotheca academ, Marburgensi asser- 
vanturf Latinorum [Marburg, Genthe. 1838. XII u. 104 S. 4.] geliefert. 
In dem Catalogus nämlich hat er die auf der Marburger Universitäts- 
bibliothek vorhandenen lateinischen Handschriften unter folgende 4 Classen 
rubricirt: 1) Scriptores antiqui [nur 3 Handschriften] , 2) Libri medici, 
physici, alchimici [25 Nummern, worunter Mehreres von Galen und Hip- 
pokrates] , 3) Libri de iure , inprimis canonico [5 Handschrr.] , 4) Libri 
theologici [36 Handschrr., worunter ein paar Evangeliencodd.] , und so 
beschrie][>en , dass er von Jeder Stoff, Alter , Pormat und Blätterzahl 
anhebt, bei den Miscellanhandschriften die einzelnen Stücke mit Angabe 
der Anfangs- und Schlussworte aufzählt, und auch die frühem Besitzer 
der Handschriften imd die Gelehrten, welche sie benutzt haben, nan^hait 



Beforderan^en und Bhrenbezeigangen« 101 

macbt*)« Die JnäUcta bringen nan erl^ternde Zusätze nnd weitere 
Mitthoilangen über 26 der dort beschriebenen Handschriften nnd die Be- 
schreibung von 6 neuaufgefundenen und der Bibliothek angehorigen Hand- 
schriften. Zunächst sind bei den Scriptoribtis aniiquü über den Codex 
Von Lucans Pharsetlia einige weitere Literarnotizen mitgetheilt und ist 
bemerkt, dass Hr. H. denselben mit Weheres Ausgabe neu Terglichen.und 
die Resultate dieser Vergleichung in Indice^, lectionum per sem. hibemum 
a. 1841 — 42. [16 (8) S. gr. 4.] bekannt geipacht hat« In diesen Indices 
nämlich theilt er diejenigen Varianten der Handschrift mit, welche in der 
von Körte gemachten und in Webe^Js Ausgabe mitgetheiiten CoUatJOu 
fehlen, und weist die Steilen nach, wo Körte falsch gelesen oder sonstige 
Irrthümer begangen hat. Aus dem Codex lustini hat bereits Etfsell in 
dem Rintelner Gymnasialprogramm Ton 1840 die Varianten mitgetheilt, 
und in den Analectis ist das latein. Glossarium abgedruckt, welches dem- 
selben angehängt ist. Ueber den Miscellancodex Nr. 3« sind die Bemer- 
kungen nachgetragen, welche Frieäländer in der Recension des Catalogus 
in den Jahrbb. f. wiss. Kritik 1839, L S, 342 ff. niedergelegt hat, und 
ans derselben Recension sind auch für mehrere Handschriften 4^t fol- 
genden drei Abtheilungen mehrfache Nachträge entlehnt. Für die Libri 
medici , physici , alchimici hat Choulant reiche literarhistorische nnd zur 
Literaturgeschichte des Mittelalters bedeutungsTolle Notizen beigesteuert, 
die S. 14 — 20. bekannt gemacht werden. Bei den Libris de iure hat nur 
die Beschreibung des Cod. 3. eine Ergänzung erhalten. Dagegen ist zu 



*) Die Notizen, welche, über die Entstehung und Bereicherung der 
Handschriftensammlang und über den Zustand einzelner Handschriften in 
Marburg mitgetheilt sind, lassen sich theilweise aus dem Yom Professor 
Adrian herausgegebenen Caialogu» eodicum nu», hUtUothteae academiat 
Criesseiisis. [Accedunt tabtflae lithogr. VIII. Frankfurt, Sauerländer. 1840. 
IX nnd 400 S. 4.] ergänzen. Als nämlich 1650 die Universität Giessen 
von der Universität Marburg losgetrennt wurde, da fand auch eine 
Theilung der Bibliothek statt, und namentlich wurden die Handschriften 
so gewissenhaft getheilt, dass einzelne, z.B. ein Deicretnra Gratiani, 
sogar auseinandergerissen und jeder Bibliothek zur Hälfte gegebea 
wurden. Die Marburger Bibliothek hat sich später wieder aus dem 
Kloster Corvey bereichert, aber von dort freilich nur neuere und theo- 
logische Handschriften erhalten , weil die alten classischen Handschriften 
längst verschleppt waren. Aus der Giessener Bibliothek hat Adrian 
12^ Handschriften unter -30 Rubriken aufgezählt und beschrieben , unter 
4enen namentlich viel Handschriften für scholastische Theologie, deutsche 
Geschichte und deutsches Recht vorkommen. Bemerkenswerth sind dar- 
unter die Sammlungen Schilters zur deutschen Sprache, der Iwein Hart- 
manns von der Aue, der Wilhelm von Orleans Rudolphs von Ems, eine 
Handschrift des Otto von Freysingen und ein BVagmentnm carminis 
epici ex cyclo fabularum Carolingensium ; aus der classischen^ Literatur 
Ovidii Metamorphoseon fragmentum aus dem 12. Jahrb., Ovidii Heroides 
aus dem 14. Jahrb. (mit beigefügter Probe von Varianten) , Ovidii 'Ars 
amatoria, Cicerohis Cato maior und Laelius (mit Variantenproben), Ju- 
stinus aus dem 15. Jahrhundert und die ersten 9 Bacher des Justinian 
mit der Glosse. Aus den besten Handschriften sind auf den 3 Tafeln 
Facsimile*8 mitgetheilt. 



102 Schul- niid UniYersitatflhracliricbteny 

den Libris theologicis ans Cod. 2. das lateinisch • deutsche Glossarinm 
abgedruckt, das in den lateinischen Notizen ein Auszug ans Isidor ist 
und in den deutschen Glossen mit den von GraiF n. A. bekannt gemachten 
Glossarien verglichen werden. kann, und auch über das darin befindliche 
lateinische elegische Gedicht, dessen Anfang schon Beangendre in Opera 
Hildeberti Cenonianensis [Paris 1708.] bekannt gemacht hat, folgen meh- 
rere Bemerkungen. Besonders wichtig aber ist die Beschreibung des 

' Cod. ^0. oder der Inhaltsbericht aus Theodoaius de vita Jltxandrji, einem 
Seitenstucke zu den Alexandersagen des Pseudokallisthenes und Julius 
Valerius. Neu beschrieben sind zwei theologische Misceilanhandschriften 
und eine Miscellanhandschrift medicinischen Inhalts, sowie drei Hand- 
scbriften^ragmente , der^a erstes Donatus de barbarismo et soloecismo, 
de metaplasmo und de scheroatibus, sowie einige ^ grammatische Tractate 
des Mittelalters, das zweite Bruchstücke der Fabeln des anonymps Ne- 
veictianus, das dritte ein Stückchen aus Priscian enthält. Die für Do- 
natus, Neveletianus und,Priscianus sich ergebenden Varianten hat Hr. H. 
I angeführt. Die zu den beiden Geburtstagsfeiern gehaltenen Festreden, 

■^ nämüch die kaiserlichen Privilegien der . Universität Marburg, verliehen 
den 16. Juli 1541, von dem Prof. Dr. Rettherg, und, über die Charakter" 
^losigkeit unsrer Zeit von dem Geh, Hofrath Dr. Platner, sind ebenfalls 
{Marburg b. Elwert. 1841. 8.] gedruckt erschienen. In den Indices lectt* 
per semestre aestivum o. 1842. hat Hr. Prof. Hermann Rechtfertigungen 
zu den frühern Abhandlungen über Aristophanes gegen erhobene Einwen- 
dungen von Fritzsche und Bergk , und eine neue Erörterung der Stelle 
in Equites 11 — 20. mitgetheilt, indem er in dieser letztern Stelle seine 
frühere Ansicht gegen die von Gottfr. Hermann in der Zeitschr. f. d. 

^Alterthumswiss. 1837 Nr. 62 ff. aufgestellte vertauscht, aber doch auch 
an dieser Einiges anders gestaltet hat. Zu den beiden Geburtstagsfesten 
des Kurfürsten und Kurprinzen im Jahr 1842 gab derselbe Gelehrte eine 
Disputatio prima et altera de usu et auctoritcUe scholiorum in Persii Satiris 
emendandis [33 und 66 S. 4.] heraus , und hat darin über Entstehung,' 
Zusammensetzung und Werth dieser Schollen und über die Ausbeute, 
welche sie für die kritische Behandlung mehrerer Stellen des Persias 
darbieten , sehr sorgiiiltige und genaue Untersuchungen angestellt. Das 
Resultat hat. er selbst in der gleich zu nennenden Schrift in folgenden 
Worten" angegeben: Edidimus nuper obscurissimi poetae locos difficilli- 
roos aliquot ita illustratos , ut genuinae orationis constituendae fundamen- 
tum in Veteris scholiastae auctoritate poneremus , quem,qnod aut incor- 
rupta verba ante oculos habuisse , aut si vel maxime corrupta legerit, 
a»tiquissimam tarnen lectlonis varietatcm fuisse statuimus , düabus dispu- 
tationibus satis probatnm esse arbitramur. Daran reihte sich in Indices 
lectionum hibernarum a, 1842—^43. die Mittheiluns der Farietas lectionis 
Persianae [34 S. 4.], d.i. eine Zusammenstellung der Lesarten aus 13 neu- 

, verglichenen Handsjchriften , deren Collation der Verf. besitzt, durch- 
zogen mit einzelnen (kritischen Rechtfertigungen und" sprachlichen Erör- 
terungen. Alle 3 Schriften sind unter dem Titel Cor. Frid, Hermanni 
Lectiones Perstanae [Marburg und Leipz. b. Elwert. 1842. 4.] auch in 



Beförderajigeii and EhrtabeseigDogen. 



103 



den Bacbbandel gekommen, nnd eine wmtere Pruiiing derselben vvipd in 
unsem Jahrbb, noch besonders erscheinen. Znr Erlangung der I>octor- 
iwurde bei der philosoph. Facultat in Marburg sind während der letzten 
Jahre folgende Abhandlungen herausgegeben worden: Der Temutenbau 
der Erdoberfläche j Ton Joh, Georg Ed» Bernstein, i^ehrer an der Stadt- 
schule in Schlüchtern [Marb. 1839. 83 S. gr. 8.}; Dissertatio de jipollinie 
numine aolari, von Chr, Fresenius .[1840. 28 S. gr. 8.], eine neue Ver- 
theidignng der von Muller, Schwende und Grottschick verworfenen Ansicht, 
dass die Verehrung des Apollo als Sonnengottes die älteste Vorstellung 
von demselben bei den Griechen gewesen sei; Dissert» mglhologica de 
Hippolyto Thesei flUo, von Ed. Most [1840. IV u. 33 8. gr. 8.], eine 
recht sorgfältige Erörterung der Fabel von Hippolytos, nnd eine Zusam- 
menstellung der alten Nachrichten über ihn, als Vorläufer sn einer künfti- 
gen Erörterung, dass unter Hippolytos eine Sonnengottheit der Griechen 
versteckt sei ; Dissert. de nova quadam methodo quadrandi areas figu- 
ramm in sphaera descriptarumy von deta Dr. med. Frdr. Ludw, Steg- 
mann, Lehrer an der Realschule in Marburg [1840. 16 S. gr. 4.], durch 
welche Schrift er sich zugleich die Rechte eines Privatdocenten bei der 
Universität erwarb ; Dissert. d<^ maris nocturna lueis emissione, von Conr, 
Grimm [Hannover, Edler. 1840. 19 S. gr. 4.]; Dissert. de pendulo, in- 
primis de pendulo centr^go , von Conr. Fliedner , Lehrer an der Real- 
schule in Hersfeld [Hersfeld. 1841. 21 S.gr. 4.]; Diss. de aädorum pm- 
guium constitutione et metamorphosibus , von Joh. Conr. Bromeis [Marb. 
1841. 20 S. 4.] ; Diss. de condkionibus ad arborum nostrarum saltuensium 
vitam neeessarüs, von Joh. Frdr. Aug. Grebe, Lehrer an der Akademie 
in Eldena [1841. 31 S. gr. 8.}-; Quaestiones ietragonometrieae , von Jul. 
Hartmann [1841. 38 S. gr. 8.]; Diss. defiguris oraiionis, quae a compa- 
ratione rerum petuntur, von ffüh, Kroger, IMakon in Witzenhausen 
[1841. VIII u. 56 S. gr. 8.]; Der Religionsbegriff bei Kant und Schleier- 
macher, von Sal. Leviseur, Lehrer an der israel. Schulbiidungsanstalt in 
Cassel [Cassel, Hotop. 1841. VIH u. 53 S. gr. 8.]; ffsstory and anii- 
quities of the ioum and borough ef Reading , von Joh. Doran ans London 
[1841.]; Diss. de Myronida et.Tolnnda, Atheniensium ducibus, von Chr. 
Roth [IMl. 33 S. gr. 8.]; Diss. de rebus Platäeensium, von Friedr. 
Münscher, Lehrer am '^Gymnasium in Hanau [Adiecta est tabula agri Pla- 
taeensis. Hanau. 1841. VI u. 102 S. gr. 4.]. Die letztgenannte Abhand- 
lung, welche auch als Programm des Gymnasiums in Htanaa ausgegeben 
worden ist, enthält eine auf sehr fleissige und umfassende Sammlungen 
begründete und besonders an K. O. Muller's Arbeiten angelehnte Dar- 
stellung der Geographie und Geschichte Platää's. Sie zerfällt in 6 Ab- 
schnitte: 1) Deseriptio agri Plataeensis,' worin di^ Topographie und Geo- 
graphie desselben durchaus treu nach den Nachrichten der Alton beschrie- 
ben nnd von den Neuem nur Dodwell und K. O. Müller im Art. Böotien 
in der Ersch-Gruberschen Bncyclopädie benutzt worden sind, weshalb 
sich auch grade dieser Abschnitt noch mehrfach beireichern iässt. 2) Hi- 
storia Platäeensium ante migrationem Boeotorum a Thucifdide narratmn, 
worin die mythische und ältere Geschichte weit ausführlicher erzählt ist, 



).04 Schal- und Ualverflitätsnachrichten', 

als bei G. 0. Friedneh in Rerum Ftataiearwn gpeeimen [Berlin 1841. 8,], 
aber aach die allzn bereitwillige Annahm^ der Ansichten Miiiler^s an meh- 
reren Stellen auffallend hervortritt, z.B. da, wo Hr. M. die Kadmeer 
zu Pelasgern macht und des Herodot Zeugniss far die phonizische Ab- 
kunft mit sehr unbedeutenden Gründen bestreitet. 3) Plataeerues foederi 
Boeotico adaeriptif die Darstellufig der Staatsform der Plataenser ,und 
ihres Goltus. 4) Piataeenses et pro sua et pro communi Graecorum Itber- 
tote pugnant€8j awe hiatoria rerum ab anno a. Chr, 519. uaque ad 479. 
a Plataeensibua gesiarum, 5) De varia Plataeengium fortuna, guac civi- 
totem gratia apud Graecos florenteni in odium ac petniciem dedit^ swe 
hütotia rerum ab a. 479. ueque ad 427. a Plataeengihus gettarum^ , 6) 
Piataeensee bU eoeulantes aive bistoria usque ad o. 324. , wo zugleich der 
Beweis geführt ist, dass die von Alexander angeordnete Wiederherstel- 
lung der Maoern wahrscheinlich auf das Jahr 324 fallt. [J.] 

Schlesien. Die 20 Gymnasien der Provinz und das Progymna- 
sinm in Sagan waren im Sommer 1842 von 4582, im Winter vorher von 
4569 Schülern besucht. Für die an der polnischen Grenze liegenden 
Gymnasien ist angeordnet worden, dass für die daselbst befindlichen deu^ 
sehen Schüler Unterri<;ht in der polnischen, für die Polen aber Unter- 
richt in der deutschen Sprache ertheilt werden soll. In Breslau hatte 
das Elisabeth - Gymnasium zu Ostern 1841 236 Schüler und das damala 
erschienene Programm [1841. 58 S. gr. 4.] enthält S. 3 — 15. die Rede 
des ProreetorS' Prof. Weicbert zur Amtsjubelfeier des Rectors Dr. Reiche 
[vgl. NJbb. 33, 324.] , S. 16 — 29. den gewöhnlichen Jahresbericht und 
S. 31 — 58. Ergänzungen und Zusaiae jsu dem geordneten Verzeichnisse 
der von 1825 — 1840 erschienenen Programme etc. [s. NJbb. 33, 325.]« — 
. Das Friedrichs -Gymnasium hatte zu Ostern 1841 137 Schüler,/ und in 
dem damals erschienenen Programm steht unter dem Titel: De Nicolai 
Henelii Breslographia scripsit lo, Theoph. Kunisch [24 (12) S. gr. 4.] 
eine Abhandlung über den yormaligen Breslauer Syndicas Henel [geboren 
zu Nebstadt in Schlesien 1582, gestorben am 23. Juli 1656], der von 
Kaiser Ferdinand III. 1642 als Henel von Hennenfeld in den Adelstand 
erhoben wurde und 1613 eine Breslographia and Silesiographia heraus- 
gab. Aus der erstem ist der Abschnitt de bortis Vratislaviensibas als 
Probe mitgetheilt. — Am katholischen Gymnasium ist dem Collaborator 
Dr. Gloger im Jahr 1842 inr Herausgabe eines neuen Systems der Thier- 
weit eine Unterstützung von 600 Thlrn. bewilligt worden. — Das 
Maria -Magdalena -Gymnasium hatte im Schuljahr von Ostern 1841 bis 
dahin 1842 zu Anfang 474, am Schluss 488 Schüler nnd entliess 13 Abitu- 
rienten zur Universität. Dem Lehrer Schilling ist nach 46jäbriger Dienst- 
zeit die Erleichterung gewährt worden, dass ihm 8 Lehrstunden wöchent- 
lich abgenommen sind , welche auf Kosten des Stadtmagistrats von einemr 
Schulamtscandidaten vertreten werden. Das Jahresprogramm enthält vor 
den Schulnachricfaten : Panyasidis HaOcamassei Heradeadis fragmenta 
praemisns de Panyasidis vita et carminibus commeniationibus edidit Dr. 
Joh. Pistoth. Tzsehimer. [1842. 87 (71) S. gr. 4.] Der Hr. Verf. hatte 
einen Theil dieser sehr fleissrgen und sorgfältigen Untersuchung schon 



Beförderungen und EMirenbeieigangen. X05 

1836 alfl Inaagurftlschrift zar Erlangung der philosophischen Doctorworda 
herausgegeben, und hat- sie jetzt, nachdem J. P. Funcke de Panyasidis 
Halle. Tita ac poesi (Bonn. 1837*) und F, A, EcfctCetn in der Ersch-Gm- 
berschen Encyclopädie 3. Abth. I. S« 8 ff. denselben Gegenstand mit 
mehrfachen Abweichungen behandelt hatten, in neuer Ueberarbeitung 
und Erweiterung bekannt gemacht und auch mit einigen Anhängen unter 
dem Titel : Panyasidis Halte, Heracleadis fragmenta, PraetnUsU de Pa- 
nycuidia vita et carminibüs commentationibus ex programmate gymniun 
Magdidenaei Vratid* seonum edidit et fragmenta PanyaMU- phäosoph»^ 
poematia pentametra, indibee adiecit Dr. Pietoth, Tzsehimer, [Breslau, 
Schulz und Comp« 1842« 84 S« gr. 4.] im Buchhandel erscheinen lassen. 
Das historische Material, welches sich über die beiden Panjasis und 
deren Schriften aus den Alten gewinnen lässt, ist mit grosser Vollstän- 
digkeit zusammengebracht und mit Besonnenheit und Umsicht erörtert. 
Die ganze Untersuchung zeifällt, mit Ausschluss der yon S. 72. an fol- 
genden Epimetra, in 6 Capitel. Im 1. Cap. De nomine poetae (S. 3 — 6.) 
wird aus den vielen Verderbnissen ^ unter welchen der Name des Dich- 
ters in den Handschriften erscheint, ermittelt, dass derselbe* IJccvvccais 
(nicht Ilccvvatfatg oder Hatvvaaig) zu schreiben ist, vielljeicht aber etwas 
za schnell' angenommen, dass das « der Penuitima lang sei, und das 
wjderstreitende Zengmss in Rufi Avien. Arat. 176. zu leicht abgefertigt. 
Ueber schwierigere Dinge ist im zweiten Capitel, De patria et gente 
Panyasidis (S. 7 — 15.) yerhandelt, ind^m das Hauptzeugniss bei Suidas 
mehrfache Bedenken macht. Suidas sagt nämlich: Tlavvaai^^ JIoXväQ- 
X^v f . AliwxQvccaaBvg f TSQ<xTo<ni6nog xai noiriT'qg inmv ^ oi aßso&flcccv 
xriv novqzmiiv Inavrjyttyt, ' ^ovqis Ss JitmUovg r« naida oiviyQccilfS xal 
Jm^iiov ojioimg dh xal 'Hgodotog GovQiov. tatotfTjzai 61 üavvaaig 
*HQO&dtov vov tatOQiiMv i^ddsX(pog, Offenbar verwirft Suidas darin daß 
Zeugniss des Dnris und lasst den Panyasis aus Halikarnass stammen, was 
Pausen. X, 8, 5. und Clem. Alex, ström. VI, 2,' 52. bestätigen. Unklar 
aber sind die Worte oiioimg Sl xixl ^Hffodozog Govqtov, die man gewöhn- 
lich verbessert o\toC<og 8\ xal *Hq66oxov QovQiov [richtiger wäre wohl 
zov Hgddotov OovQiovy und den Suidas sagen lässt, Duris habe ebenso 
den Panyasis zu einem Samier, wie den Herodot zu einem Thurier 
gemacht. Weil aber auch so noch das Wort rsQutoayionog Schwierig- 
keiten macht und weil Suidas gleich nachher von dem Philosophen 
Panyasis drei Bucher nsql ovsiQtov erwähnt; so nimmt Hr. Tzsch. an, 
Suidas habe sich eine Vermengung der beiden Männer zu Schulden kom- 
men lassen , bezieht das vsQccxoCTionog auf den Philosophen , corrigirt in 
den Worten des Suidas ofioimg Sl }ucl Nvii(p6$oi>Qog , Qovqiov di, und 
combinirt ein Verwandtschaftsverhältniss , nach welchem Polyarch, der 
Vater des Dichters, den Lyxas zum Bruder hat, Lyxas mit der Dryo, 
der Tochter des Polyarch und Schwester des Panyasis , den Historiker 
Herodot erzeugt, and der Philosoph Panyasis, als Sohn des Diokies, 
wiederum zum Enkel des Dichters Panyasis wird. Freilich ermangelt 
aber diese Combination jeder historischen Grundlage. Mehr gesichert 
sind die Corabinationen des 3. Cap. De aetate Panyasidis (S. 15—20.), 



t 



106 Scbul- nnd Universita tsnachrichten, 

wo der Verf. aus den Worten des Saidas yiyors Hcttd ri}v o»} oXvfjmidScc 
herausfindet, dass Panyasis um die 77. Olympiade nicht geboren ist^ son- 
dern gelebt hat, und dann aus den Verhältnissen des Tyrannen Lygdamis 
in Haiikarnass ermittelt , dass der Dichter yon diesem zwischen Olymp. 
82, 3. und 84, 1. getodtet worden ist. Von diesem Anhaltepunkt aus 
setzt er dann des Dichters Blüthezeit nach einer Angabe des Synceilus 
um Olymp. 72, 4. und dessen Geburt auf Ol. 66, 3. , und weiss auch des 
Sluidas (s. Y. 'AvTificcxos) Angabe , dass Antimachus des Panyasis Schüler 
gewesen sei, zu vertnitteln, indem er denselben um Ol. 79, 1. geboren 
werden lässt, so dass er bei des Panyasis Tode 14— 17 Jahre gewesen 
wäre. Minder kann sich Ref. mit den Resultaten des 4. Cap. De Panya- 
side poeta (S. 21 — 31.) befreunden. Es lässt sich wahrscheinlich über 
den Dichterwerth des Panyasis aus den beschränkten Nachrichten der 
, Alten nichts weiter ermitteln, als dass er für den Wiedererwecker der 
epische'n Poesie angesehen und von den Alexandrinern unter die fünf 
kanonischen Epiker aufgenommen , ja sogar zunächst nach Homer gestellt 
wurde. Allein weil dessen Leben -in die Zeit der politischen Kämpfe 
Kleinasiens und des ersten Aufschwunges der Wissenschaften in Griechen- 
land ^ällt; so setzt Hr. Tzsch. voraus, derselbe hätte den Stoff seiner 
Poesien vielmehr aus den Zeitinteressen entnehmen sollen, und da er dies 
nicht gethan, so folge daraus, dass er als Dichter bei seinen Zeitgenossen 
feinen besondern Eingang gefunden, sondern erst in der Alexandriner - 
Zeit zu Ehren gekommen i^ei. Somit gelangt er denn zu dem Resultat, 
„Panyasin iis poetis annumerandnm e^se , qui maiore eura quam iiigenio 
carmina condant« Nam Ingenium poeticum si in eo verissimi et princi- 
palis generis fuisset, vix enm illö tempore, quo vixit, ad epicam poesin 
duxisset'^ Das Uebereilte dieser Folgerung hat schon Bahr in den Hei- 
delb. Jahrbb. 1842 Nr, 57. S. 897 f. gerügt, und sicherer wäre bei der 
obwaltenden Mangelhaftigkeit der Nachrichten jedenfalls der Grundsatz 
gewes'bn: Est etiam quaedam nesciendi ars. Denselben .möchten wir dem 
Verf. auch für das 5. Cap. empfehlen , worin er über die 'icavittd des 
Dichters verhandelt. Suidas, den Eudocia ausgeschrieben hat, sagt 
uns von dessen Gedichten: EyQoctps de xat 'HQcmKsLccda iv ßtßXioig iS' eis 
"inri 9i 'Itovmd iv TtsvrcciiirQa} • l<yri d« tu ns^l KoSqov itai NtjXfcc 
[oder nsQL Kodgov k«1 NriXicog] , xal zag 'liovindg dnoitiiag slg l-O^jy f^. 
Offenbar ist in diesen Worten des Suidas ein Fehler , weil das xal ohne 
alle Beziehung steht, und es muss vor den Worten ^Qwtps dl xorl ent- 
weder eine Bezeichnung der lonica oder der Name eines andern Gedichts 
ausgefallen sein. Hr. Tzsch. berührt die Schwierigkeit nur leicht, und 
folgert einfach , dass in den Worten kau 61 xd nsql Ko^qov kocI NrjXsa 
x«l rag 'icoviyidg dnoiMiotg sig Inri f^ die Bezeichnung des Inhalts und Üm- 
fangs der lonica enthalten sei , und dass Panyasis also in' dem Gedicht 
die Gründang der ionischen Städte besungen habe. Dieser Inhalt führe 
uns auf ein episches Gedicht, wie man es überhaupt vom Panyasis als 
noirjt^g inSv vorauszusetzen geneigt sei. Aber was heissen nun die 
Worte h nsvta/isTQO}? Dass -das Gedicht aus 7000 Pentametern bestan- 
den habe, verwirft der Verf. selbst, weil es erst der spätem Zeit öin- 



Befordern&gen nnd Ehrenbezeigangen. '107 

t 

m 

gefsllen ist , Gedichte aas lauter Pentametern za machen : wovon in dem 
Epimetrum II. (S. 74 — 77.) sechs Beispiele aufgeführt werden. Statt 
nun aber sich damit zu bescheiden , dass man bei dem Mangel jedes, auch 
des kleinsten Fragments der lonica mit der lückenhaften Notiz des Suidaa 
Nichts anfangen kann, nimmt er vielmehr z6 «svrdfUTfiov für gleichbe-^ 
deutend mit to iXsytiov und lasst das Gedicht ans 3500 Distichen bestehen. 
Dadurch bringt er aber das Gedicht ans der Reihe der epischen Gedichte 
heraus, und da nun Panyasis eben als Epiker berühmt war und seinen 
Ruhm also wlahrscheinlich durch seine Heraklehis erlangt hatte, diese aber 
wohl ein Werk seiner spätem Jahre sein mag, so wird weiter gefolgert, 
dass er die lonica früher geschrieben habe, und dass man nach der 
Notiz des Ensebius zu Ol. 72,4. TlavvafSiq noirjXTjg iyvmqiitro deren Ab- 
fassungszeit vielleicht um das Jahr 469 v. Chr. setzen dürfe. Es wäre 
besser gewesen , Hr. Tzsch. hätte bei der Erörterung dieser Dinge die- 
selbe negative Kritik geübt, mit welcher er S. 35 fif. einige vermeintliche 
elegische Gedichte historischen Inhalts aus der griechischen Literatar- 
geschichte entfernt hat. Sowie er nämlich S. 31. den Irrthum J. Ch. 
Wolfs aufdeckt , der in Fabricii Biblioth. Gr. aas den Schol. ad Apollon. 
Rhod. IV, II49. dem Panyasis ein Gedieht Lydia andichtete; so verwirft 
er S. 35. die von Ulrici in der Geschichte der hellen. Dichtk. II. S. 432. 
aus Athenäus XIII. p. 610. C« gemachte elegische lliupersis des Sakadas, 
und will in den Worten des Athenäus Jyuxtov 'Jifysiov 'iXiov nigotg lieber 
mit K. Fr. Hermann lesen: 'jyta tov 'A^ysiov, so dass von dem Epos 
eines kyklischen Dichters die Rede ist Noch schlagender beseitigt er 
die von Weicker und Bode gemachten Naxiaka des Philetas aus Kos und 
verwandelt sie nach dem Etymol. M. p. 795. 12. in eine von Philteas 
geschriebene Geschichte von Naxos. Desgleichen bestreitet er die 'Aq- 
%aioXoyia tcov 21a(jki<ov des Simonides Amorginus, die elegische KoXo<p(6' 
vog Tivtifis des Xenophanes und die von Bode gemachten elegischen Ori- 
gines Milesiae des Hekatäos. Die gelungenste Partie seines Werkes ist 
das 6. Capitel (S. 38 — 71.), worin er über die Herakleias des Panyasis 
verhandelt, die aufgefundenen 37 Fragmente derselben gelehrt erläutert 
nnd zuletzt noch 6 Bruchstücke erwähnt, die man fälschlich dem Panyasis 
beigelegt hat. Das erste Epimetrum S. 71 — 72. verhandelt über den 
Philosophen Panyasis und drei Fragmente desselben, und setzt mit 
grosser Willkürlichkeit fest, daiss derselbe Ol. 79, 1. zu Halikarnass 
geboren, and mit Herodot Ol. 82, 3. nach Samos und Ol. 84, 1. nach 
Thurii gezogen sei und sich dann in Süditalien niedergelassen habe. 
Der Inhalt des zweiten Epimetrum S. 73 — 77. ist schon oben erwähnt, 
and von S. 76. an folgen 3 Indices. — Für das Elementar- Schullehrer - 
Seminar in Breslau sind im vorigen Jahre 900 Thlr. als jährl. Zuschnss 
aus Staatsfonds bewilligt worden, und der Geh. Commerzienrath LoscA 
in Breslau hat dem dasigen Kindererziehungsinstitut , der Ehrenpforte, 
12,000 Thlr. geschenkt. — Am Schullehrerseminar in Bi/nzlaü wurde 
1842 der Inspector und Oberlehrer Dr. Krüger mit einer Pension Von 
500 Thlm. in den Ruhestand versetzt and ihm zugleich der rothe Adler»' 
orden 3. Classe mit der Schleife verliehen. — Dem Gymnasiuni in 



108 .' Schal- ujid Cniver0ität0nachrichteny 

Glaz hat der yerstorbene Gymiiasialdirector Anton Endev in Glogau 
2000 Thir. zur Stiftung einer Fundationsstelle in dem Convict desselben 
yermacht, desgleichen der yierstorbene Professor Joh* Scholz 150 Tblr. 
zur Stiftung zweier Reden. — Das Gymnasium in Gleiwitz war im 
December 1841 von 326 , im Juni 1842 von 305 und am Schluss des 
Schuljahrs (im August 1842) von 299 Schülern besucht und hatte zu 
Anfange desselben 23 Grossprimaner zur Universität entlassen. Im Leh- 
rercoilegium sind keine Veränderungen vorgekommen [s. NJbb. 33, 338.] ; . 
aber der Prof. Heimbrod, welcher zu Anfange des Schuljahres 1841 — 42 
sein funfundzwanzigj ähriges Amtsjubiiäum in der Stille feierte , hat unter . 
dem ^7. Juni 1842 von der Stadt in Betracht seiner Verdienste um das 
V^ohi der Stadt und der Schuljugend das Ehrenburgerrecht erhalten. 
Von dem Ministerium ist für die beabsichtigte Errichtung von Realclassen 
die' Anstellung eines neunten ordentlichen Lehrers verheissen, und bereits 
seit Ostern 1842 ist vorläußg fär diejenigen Schuler der Quarta, welche 
am griechischen Unterrichte keinen Theil nahmen, eine besondere ReaU 
classo in, der Weise gebildet worden, dass dieselben wöchentlich in 5 
besondern Stunden von zwei Gymnasiallehrern in geometrischer Anschau- 
ungslehre und Naturlehre, in deutscher Sprache und allgemeiner Ge- 
schichte besonders unterrichtet wurden. Im neuen Schuljahr svllte auch 
die zweite Realclasse eröffnet werden. Durch Verordnung vom 25. Sept. 
1841 ist bestimmt, dass künftig in der Regel zwei Lehrer abwechselnd 
das Ordinariat in Sexta und Quinta , ebenso zwei Lehrer in Quarta und 
Tertia führen, in Secunda und Prima aber das Ordinariat für jede Olasse 
möglichst lange in einer und derselben Hand bleiben soll. Das am Schluss 
des Schuljahres 1842 erschienene Programm enthält vor den von dem 
Director Prof. Dr. Jos. Kahaih ilfiitgetbeilten Schulnachrichten: Andeu- 
tungen über den Entwicklungsgang der deutschen Geschichtichreibung 
von dem Oberlehrer Theod, Liediki [Gleiwitz gedr. b. Neumann. 56(34) S. 
gr. 4^], eine gedrängte, aber klare und übersichtliche literatnr-historische 
Darlegung des Ganges, welchen die Geschichtschreibüng unter den Deut- 
schen seit Jemandes und Paul Warnefried bis auf jfohannes von Müller 
herab genommen hat, worin die Hauptepochen der Entwicklung sammt 
ihren charakteristischen Hauptmerkmalen angegeben und die wichtigsten 
Historiker aufgezählt sind, am Schlüsse auch die in der neuern Zeit ein- 
geführte Philosophie der Geschichte besprochen ist. — In GloGAU ist ' 
am katholischen Gymnasium im Februar 1842 der Oberlehrer M. Schubert 
gestorben. Der am 30. Dcpember 1840 verstorbene Geh. Medicinalrath 
Pr. Gottlob Dietrich hat dem kathol. Gymnasium 400 Thlr. vermacht, 
von deren Zinsen nützliche Bücher für arme katholische Schüler ange- 
kauft und jährlich am Schluss der öffentlichen Prüfung vertheilt werden 
sollen 9 desgleichen dem evangel. ' Gymnasium seine Naturaliensammlung; 
und 450 Thlr. , deren Zinsen dem zum Pfleger der Sammlung bestellten 
Lehrer der Physik in den ersten Classen, dem Lehrer der Naturge- 
schichte und demjenigen Lehrer zufallen sollen, der am Sterbetage des 
Stifters die Gedächtnissrede auf ihn hält. Nach dem Tode der Wittwe 



Beförderungen und Bhrenbetelgangtn. 109 

des Stifters soll das evangel: Gymnasiam noch 2000 Thir. tur CrfindoBf 
von 4 Stipendien fnr Schüler ans den drei obersten Classen erhalten* ^ 
Das Gyinnasium in GoRLrrz hatte im Schaljahr von Ostern 1840 Us 
dahin 1841 73 Schaler , ond das Progromm zur Osterprnfang 1841 ent- 
halt den 22. Beitrag zu den Materialien zu einer GeteAJeMe de$ GMiimer 
Gymnasiums im 19. Jahrh. Tom Rector Prof. Dr. K. G. ^iifon [30 8. 4.] 
nebst einer lateinischen Ode zur Begrussong des Königs Friedrich WH- 
heims IV. Von demselben Verf. erschien |ils Programm zur Gregoriu«» 
feierlichkelt am 11. Jan. 1841: Die Gelübde des Volks bei der Huldigung 
seines Königs,' Rede asur Feier des Geburts- und Huldigungsfesies Friedtm 
WühelmslV* am 15. Oct» 1840 im Gymnasium g^qlten [21 S. gr« 4.], ond 
zum Sylversteinschen Redeactus am 21. Jnni 1841: Cbmparatur mos 
recens kieme eocpulsa aestaiem eantu salutandi eum simÜibus veierum 
moribusj part. Uf. [18 S. 4.], worin der 15. Hymnus dea Homer behan- 
delt und mit den früher besprochenen deutschen Volksliedern Yerglichen 
ist.^ Der Oberlehrer Bertel gab zum von Gersdorf sehen ond Gehler^schen 
Gedächtnissactus am 18. Nov. 18^ heraas: Die Hohe von Görlitz und 
einiger in der Umgegend liegenden Punkte über der Nordsee [15 8. 4.]. 
Der an der hohem Bürgerschule von dem Director Prof. Kaumann 1841 
herausgegebene 3. Jahresbericht enthält ein Fragment de gomomürie 
üementaire von dem Oberlehrer Dr. TUlich, eine franzosisch geschrie- 
bene Abhandlung zur Methodik des mathematischen Unterrichts. — Das 
Gymnasium in Hirschbero war in seinen 5 Classen' zu Michaelis 1841 
von 114 und zu Ostern 1842 von 127 Schülern besucht und entliess 8 
Primaner zur Universität. Dem Prorector Ender ^VLwd dem Oberlehrer 
Balsam ist nach dem Tode des Prorectors Besser [s. NJbb. 33, 343.] 
jedem eine Gehaltsergänzung von 50 Thlrn. gewahrt, dem -Oberlehrer 
Dr. Schtibarth, der die an der Universität Breslau ihm übertragene 
ausserordentliche Professur abgelehnt hatte, der Professortitel gelassen 
und eine Gehaltszulage von 150 Thlrn. bevvilligt worden. Das konigk 
Ministerium hat in einer Verordnniyg vom 21. April 1842 bestimmt, dass 
Anträge gewesener Secandaner zar Maturitätsprüfung in keinerlei Weise 
begünstigt werden sollen , wenn dergleichen junge Leute nicht die Classe 
vollständig, d. h. in einem zweijährigen Cursus bestanden und laut ihres 
Abgangszeugnisses ausdrücklich für reif für die Prima erklärt worden 
sind , und wenn nicht seit ihrem Eintritt in die Secnnda bis zur Zulas- 
sung zur Abiturientenprüfung eine Zeit von 4 Jahren verflossen ist. 
Durch Cabinefsordre vom 6. Juni 1842 ist bestimmt worden, dass, weil 
die grossem Ansprüche an die geistige Ausbildung der Jugend nach dem 
Entwicklungsgange der Gegenwart auch eine besondere Sorgfalt für die 
Erhaltung und Kräftigung der körperlichen Gesundheit derselben nothig 
gemacht haben , die Leibesübungen als ein nothwendiger und unentbehv^ 
lieber Bestandtheil der männlichen Erziehung förmlich anerkannt und^ in 
den Kreis der Volks -Erziehungsmittel aufgenommen, demnach die Gym» 
nastik dem Ganzen des Erziehungswesens angereiht und mit allen Gym« 
nasien^ hohem Stadtschulen qnd Schnllehrerseminarien Anstalten för 



n 



110 



Schul- utid Universitatsiiachrichten, 



gymnastische Uebnngen Terbiinden werden sollen. Das zum Herbst- 
examen des Hirschberger Gymnasiums 1842 von dem Director Dr. Karl 
länge herausgegebene Programm enthält recht schätzbare Bemerkungen 
ijtjber die Qlaitbvmrdigkeit der Commentaricn Ca/esar'i .vom gaüischen 
Kriege von dem zweiten CoUegen Karl Krügermann [32 (16) S. 4.], 
worin sehr treffende Nach Weisungen von Entstellungen historischer That- 
sachen, die sich Caesar erlaubt hat, in recht geschickter Weise gegeben 
sind. — In dem zu Ostern 1841 herausgegebenen Programme des Gym- 
nasiums in Laübün, welches damals von 159 Schülern besucht war, steht 
eine Abhandlung De Jpoltinia origine et oultua vi, quam ad Hellenes 
habuerity spec. I., von dem Collaborätor Hatfm [31 (17> S. gr. 4.], worin 
vorläufig geographische und ethnographische Untersuchungen über die 
Pelasger und Hellenen mitgethcilt sind. — Am konigl. und städtischen 
Gymnasium in Li£GT«rrz gab der Director und Hauptmann a. D. M. Joh* 
Karl Köhler im Osterprogramm 1841 Geschichtliche Mittheüungen über 
das Gymnanum [38 (23) S. gr. 4.] , d. h. 2 Urkunden aus den Jahren 
1597— 1612 und 1617, heraus und im Osterprogramm 1842 der Pro- 
rector Dr. Ed, MüUer eine durch grundliche Forschung und scharfsichtige 
Beobachtung ausgezeichnete Abhandlung tf6er dte Sophokleische Natur- 
WMchammg [50 (34) S. gr. 4.], worin besonders das tiefe Naturgefuhl 
des Sophokles und die Innigkeit der Ausprägung desselben eben so 
geistreich als überzeugend dargethati ist. Das Gymnasium war im ersten 
Schuljahr von 194 , im zweiten von 220 Schülern besucht und entlless zu 
Ostern 1841 6 Schüler zur Universität. An der konigl. Ritterakademie 
erschien zu Ost^u 1842 die Fortsetzung der Geschichte der Ritteraka- 
demie bis zum Jahr 1809 von dem Inspector Karl Frdr. Blau. Vgl. NJbb. 
33, 347. Ans dem LehrercoUegium war zu Anfange des Schuljahrs der 
Professor Dr. Richter ausgeschieden, und es ist demzufolge der Inspector 
Blau in dessen Lehrstelle aufgerückt und der Schulamtscandidat Dr. 
Hürtel als 3. Inspector angestellt, und der Candidat Dr. Sondhaus als 
Hulfslehrer angenommen worden. — Am Gymnasium zu Oels erschieif 
zu Ostern 1841 ein Versuch einer Geschichte des herzogU Gymnasiums, 
1. Abthl. , von dem Collegen Leissnig , worin die Geschichte der Schule 
bis zum Jahr 1792 aus Quellen dargestellt ist. Schüler waren 175, und 
der Candidat Rehm war als Hulfslehrer angestellt worden. — IiT Oppbln 
ist im December 1841 der pensionirte Professor Eisner gestorben, und 
Director des Gymnasiums ist der Oberlehrer Dr. Stinner vom kathol. 
Gymnasium in Breslau, kathol. Religionslehrer der Oberlehrer Peschke 
vom Gymnasium in Ratibor geworden. — Am^Gymnasium in Ratibor 
ruckte nach Peschke^s Weggang der Hulfslehrer Fülle zum ordentlichen 
Lehrer der Mathematik und Physik auf und der Schulamtscandidat Rei- 
chardt wurde als Hulfslehrer angestellt. Das LehrercoUegium besteht 
demnach gegenwärtig aus dem Director Ed. Manisch , dem Prorector Dr. 
Ufehlhorn^ dem Conrector jBrener,'^dem kathol. Religionslehrer Strauss, 
den Oberlehrern Konig uqd Kelch , dem Lehrer Fülle , den Hülfslehrern 
Sehnalke und Reichardt^ dem Zeichenlehrer Schäffer und dem Pastor 



B'efordernngtif und BkrcnbeifBigangen. 111 

Bedlich, der io den mittlem Classen den evangel. Religioiisanterrieht 
ertheilt. Die 6 Classen der Schule waren yor Ostern 1842 ¥on 386 und 
im December desselben Jahres Ton 293 Schulern besucht, und Ostern 
1843 wurden - 14 Schüler zur Universität entlassen. Das su dem letzt- 
genannten Termin erschienene Programm gu der offenü, Fnifung aller 
Classen' enthält ein wichtiges nnd inb altreiches Sendschraben an Herrn 
Prcf. Ahrens über die Verlängerung durch die Liquida bei den Epikern 
yoiA Prorector Dr. Friedr. Mehlhorn. [1843. 29 (16) S. gr. 4.] Gegen 
die Ton Ahrens im Rhein. Museum für Philol. 18^2. II, 2. S. 167—176. 
angestellte Behauptung, dass die epische Verlängerung vor Halbvocalen 
im Anlaute nicht so allgemein gültig sei, als man gewöhnlich glaube, 
sondern dass immer ein anlautender Consonant aus der Ursprache noch 
seine Wirkung dabei gehabt habe (vgl. Dawes Miscell. p. 128. ed. Lips.), 
hat der Verf^ durch eine vollständige und genau geordnete Sammlung 
aller bei Homer und Hesiod vorkommenden epischen Verlängerungen 
dargethan , dass jene Annahme von einem besondem anlautenden Conso- 
nanten für die wenigsten Beispiele anwendbar und zu weit her gesucht, 
ist, nnd dass vielmehr in allen den Fällen, wo bei Homer und Hesiod 
Vocale, die von Natur kurz sind, scheinbar ohne alle Position lang 
gebraucht werden , ausser mehreren besondern Ursachen (wie Digamma, 
Caesuren, Vocativ - Pausen , vielsylbige Wörter mit kurzen Selben) als 
vorzüglichst^ Moment der Verlängerung eine der Aussprache überlassene 
Schwellung des folgenden Consonanten , die einer Doppelung gleichkam, 
anzunehmen sei. Die Annahme dieser Schwellung soll dadurch gerecht» 
fertigt sein , 1) weil sie eben hauptsächlich in der Arsis vorkommt , die 
eine solche Schwellung vorzüglich begünstigt,^ und weil die wenigen 
Beispiele der Thesisverlängerungen kein Gegenmoment geben; 2) weil 
sie hauptsächlich vor Halbvocalen und Spiranten stattfindet, die ihrer 
Natur nach am^eichtesten forttönen können; 3) weil eine Vocalverlänge- 
rung der Natur der Endsilben meistens zuwider sein würde, indem diese, 
als durch Flexion gebotene oder durch den Usus sanctionirte Ausgänge, 
einen zu bestimmt organisirten Körper haben; 4) weil in der Mitte der 
Worter uns nicht selten eine wirkliche Doppelung der Halbvocale und 
Spiranten auch durch die Schrift überliefert worden ist, welche im An- 
fang die Natur der Sache , zu Ende der Usus nicht gestattete. Aus der 
Beispielsammlung der bei Römer und Hesiod vorkommenden Verlängerung 
gen ergiebt sich dann, dass in der Arsis die Verlängerungen in den End- 
sylben sehr häufig sind, wenn nach dem kurzen Vocale der Endsilbe das 
nächfite Wort mit den Halbvocalen X, fx, v, q oder den Spiranten a und F 
anfangt , oder wenn die kurze Endsylbe vor einem mit Vocai anfangenden 
Worte selbst auf r, q und die Spirante q sich endigt; dass aber 
auch ziemlich viel Beispiele dasind ,' wo die auf einen kurzen Vocal aus- 
gehende Endsylbe vor den Mutis |9, y, d, qp, x^ 9; n, x, x verlängert ist, 
und dass die Verlängerung des kurzen Vocals der Endsylbe in einzelnen 
Fällen selbst da vorkommt, wo das nächste Wort mit Vocal anlautet, 
aber entweder ein Digamma gehabt zu haben scheint; eder die Verlange- 



112 Schul- u« Uidrenitatsnachrr., Beforderr. u. Bhcenbezeigungen. 

rong durch die Hauptcaesur entschuldigt uU In der Mitte der Worter 
sind die kurzen Vocale vor Halbvocalen und Spiranten, vor Mntis und 
Vocalen verlängert, und die Anzahl ^er Beispiele jeder Art steht sich 
so ziemlich gleich. 'Die Verlängerungen kurzer Vocale in der Thesis 
sind Terhältnissmassig selten, aber doch noch zahlreich genug, dass man 
sie weder alle durch Conjecturen beseitigen, noch durch die Annahme 
der Verlängerung durch den Accent rechtfertigen kann. Daher lässt 
Hr. M. mit Recht nur die Ansicht gelten , dass der alte Dichter um des 
Verses willen , weil er isoiche Worte sonst gar nicht brauchen konnte, 
die korzen Sylben in ^esen Fällen verlängert hat, und er begründet dies 
noch besonders durch die S. 14 — 16. angehängte Zusammenstellung und 
Erörterung derjenigen Stellen, wo die bei den alten Epikern sonst überall 
gültige Position verletzt ist, wenn das Wort ohne Vernachlässigung jener 
Position nicht in den Vers passt, — welche Vernachlässigung bei Homer 
sogar mit einer gewissen Gesetzmässigkeit stattfindet, sobald die beiden 
ersten Sylben des mit zwei Consonanten anlautenden Wortes einen Jambus 
bilden , wie z. B. XsiiitSvi Z%a\iavBqC€o IL ß, 465. , vkri^cca Zutivv^os 
Od. I, 24. Hr. M. hat alle diese einzelnen Fälle der Verlängerung 
kurzer Sylben oder der Verkürzung bei vorhandener Position durch voll- 
ständige Aufzählung der vorhandenen Beispiele, übersichtliche Anordnung 
und treffende Erörterung der im Einzelnen vorhandenen Schwierigkeiten 
erläutert und begründet und dadurch die ganze Untersuchung zu einem 
Abschluss gebracht, aus der man sich selbst ein bestimmtes Resultat 
ziehen kann, wenn man auch der von ihm aufgestellten und in der That 
recht einfachen und ansprechenden Ansicht nicht beitreten will. — Das 
Progymnasium in Saqan hat seit dem J. 1842 einen jährl. Mehrzuschuss 
von 950 Thlrn. aus dem schlesisch - kathol. Hanptgymnasialfonds erhalten. 
— Am Gymnasium in Schweidnitz hat zu Ostern 1841 der Rector Dr. 
Jul» Held in dem Jahresprogramm eine Commentatio de vita srripiisque 
A. Cremuiü Cordt [27 (13) S. 4.] herausgegeben. Schüler waren in dem 
genannten Schuljahr- 173, und der Caplan Jos» EicJUer trat als katho- 
lischer Religionslehrer [statt des zu einem Pfarramt beförderten Caplans 
Beisig] , der Schulamtscandldat Dr. Heinr, Gottlieb Hartmann als Hülfs- 
lehrer ein. [J.] 

WiLiiA. Die bisher hier bestandene geistliche Akademie des 
romisch - katholischen Cultus'wird nach Petersburg verlegt, und gleich 
allen religiösen Instituten der fremden, in Russland geduldeten Religionen 
dem Minister des Innern untergeordnet. 



Bemerkungen über eine Recenston von „A Schel- 
lingii de Solonis legibus apud Oratoree Atti- 
e08 Dissertatio ab ampl. ord. philo«. Moivac« praem. orn." im elften 
Hefte des neunten Jahrganges (1842) der Zimmermann^Bcheo „Zeh" 
:echryt für die Alterthumshinde^^, 

Es Ist wähl noch nie Torgcfkommen , dasg eine akademische 
Preisschrift, iiachdem de von ihrem Verfasser veröflFenilicht 
wurde, von einem ^ der sich nm denselben Preis mitbeworben 
hatte, recensirt worden ist; ein Solcher wurde sich selbst sagten, 
dass man ihn nicht für unparteilich halten werde, und sogar den 
gegründeten Tadel, zu dem ihm die Preisschrifi des Andern etwa 
Veranlassung gäbe , zu veröffentlichen Scheu tragen; am aller- 
wenigsten wird ein Solcher, wenn er anders sich selbst achtet, 
mit Verschweigung jenes Umstandea der Mitbewerbung eine 
tadelnde Beurtheilung veröffentlichen, weil er dadurch Jeden, 
dem dieser Umstand dennoch bekannt wäre, berechtigen würde, 
seine Taktik als eine unaufrichtige und unehrliche zu bezeichnen. 
Dennoch Hegt ein solcher Fall hier vor. Der Verf. der genannten 
Recension, ein Hr. Dr. Prantl^ der sich durch diese zuerst einem 
grösaern Publicum bekannt gemacht hat, hat bei der von der 
Münchner Facnltat- gestellten Preisfrage mit mir concurrfrt, allein 
dieses Umstandes mit keiner Silbe erwähnt. Es scheint aber dem 
Hrn. P. sehon überhaupt unangenehm gewesen zu sein , einen 
Concurrenten gehabt zu haben: denn er hat durch mich Nichts 
verloren; auch ihm ward der Preis zu Theil, und es war ver- 
niathlich nur zufilllg, dass unter den zwei Preisträgern ich zuerst 
genannt wurde; nun sucht er vor Allem den Sinn festzustellen, 
in vrelchem die Faculiat mir den-Preis ertheilt habe, gleich als 
wäre er Mitglied der Facultät und nicht ebenfalls ein Bewerber 
gewesen. Um das Publicum in den Stand zu setzen , die Art zu 
heurtheilen, kl welchem Hr. Prantl das für mich günstige Urtheil 
der Facultät auf seinen wahren Werth zurückzuführen die Muhe 
sich giebt, erlaube ich mir das publicirte Urtheil der Facultät 
über meine Schrift in^ einer Anmerkung *) mitzutheSen. Es war 



*) yß}ie Abhandlnng in lateinischer Sprache mit dem Titel : de Solonis 
legibus apud Oratorefl Atticos,. enthält ia wohlgeordneter and lichtroller 
Darstelhing die zur Sache noth wendigen Ckgenst^nde nicht ohne mehr- 
fache Beweise von gründlichen Kenntnissen , richtigem Urtheil und Ge- 
wandtheit in Behandlung wissenschaftlicher Gegenstände. Die einzelnen 
Poidcte sind groMtentheiis erschöpfend und durchgängig mit Genauigkeit 
dargesteUt ; die historischen Schwierigkeiten sind gehörig hervorgehoben 
nnd nicht selten gluckÜch gelost, und die verdorbenen Textstellen mit 
selbatgtändigem Urtheil nnd kritischem Sinn ver1>e9^sert , weshalb die 
BVuaikat dem Verfi&sser derselben, dem Candidaten deir Philosophie , Her- 
mann Sdieiling, den Preis zuerkannt hat.^ 



t 

11 , Bemerkangen über eine Reeension'" 

sonst wohl nicht ungewöhnlich, das Facultats-Urtheil gleich der 
Preisschrift beizodrucken ; nnr die ungehenchelte Bescheidenheit, 
mit der ich diesen Erstlingsversuch im Druck nun auch dem Ur- 
theil eines grossem Kreises TOn Gelehrten unterwarf, hielt mich 
davon zurück. Dagegen hätte man erwarten dürfen, däss Hr. P., 
dem die glückliche Mitbewerbung eines freilich Jüngeren so 
unleidlich war, um auch seinerseits die gelehrte Welt zu einem 
Urtheii über dasUrtheii der Facultät zu befähigen, sein eignes 
Werk dem Publicum .vorgelegt hätte. Dies zu thun hat er aber 
nicht für gut befunden, von einigen Proben abgesehen, die er 

. als Doctor- Dissertation 1841 drucken liess, und auf die ich bei 
der Beleuchtung jener Recension , zu der ich nun fortschreite, 
gelegentlich hinweisen werde. 

Man hätte doch vor Allem erwarten könqen, dass Hr. P. die 
im Prooemiiim von mir gegebenen ausführlichen Erklärungen 
über die Grundsätze, die mich bei jener Arbeit geleitet, und die 
nothwendigen Grenzen, die ich meinen Erörterungen gesetzt 
habe , angeführt , berücJcsichtigt und von diesen ausgehend meine 
Schrift beurtheilt hätte. Denn da durch jene Preisaufgabe, die 
ausdrücklich nur Theile oder Bruchstucke der Solomachen Ge- 
setzgebung bei den attischen Rednern zu sammeln und zu erkla- 
ren befahl, nicht eine Sammlung aller auf das attische Recht 
überhaupt sich beziehenden Stellen (die schon durch Meursius 
und Petitos ziemlich vollständig geschehen ist), noch eine sprach- 
liche und sachliche Erklärung aller dieser Stellen d. h. eine 
durchgebildete Darstellung der ganzen attischen Gesetzgebung 
(zu der ja ein Menschenleben kaum genügte) gefordert sein 
konnte; so habe Ich mir blos ZusammensteUung und Erklärung 
der entschieden Solonischen Gesetze zum Zwecke gesetzt , daher 
ich in der Einleitung die möglichen Kennzeichen eines Solonischen 
Gesetzes untersucht und mir vorgenommen habe, nur diejenigcfti 

, Gesetze aufzunejitnen, Hie vermöge unwldersprechlicher Kenn- 
zeichen als Solonisch erwiesen werden könnten. Hr. P., der 
vielleicht selbst eine solche vorgängige Festsetzung von Grund- 
sätzen , die von blos taigiöhnermässigem Compiliren zurückhalten, 
sich erspart hatte, verschweigt ge^wissenloser Weise alle diese 
meine Erklärungen und indem er sich fortwährend vorstellt , der 
Schwindel; der ihn bei der Bearbeitung der Preisaufgabe- ergriffen 
zu haben scheint, müsse auch mich über alle Schranken fortge- 
rissen, die Unklarheit, die ihm über juristische Begriffe vor- 
schwebt, müsse auch ich getheilt haben, macht er mir die grund- 
losesten Vorwürfe, dass ich nicht jede „Andeutung einer geseti* 
liehen oder ungesetzlichen Handlung^^ bei den attischen Rednern 
für ein „Fragment der Solonischen Gesetzgebung^^ gehalten,' dasn 
ich nicht die Lehre von den attischen Magistraten nnd die gani^ 
Solonische Staatsverfalsung In das Gebiet meiner Erörterungen 
gezogen habe. Solche Ansiehten, dasi der ganze Soloaische. 



Toii Schellingii de Solonia legibaa dissertatio. 



III 



8Uat 80 im Vorbeigehen snr ^iSacbeikHruog einiger Slellen^^ 
abgetfaan, werden Icönnte, zeigen recht, anff welcher ÜDdlichea 
Stofe die wisaenschafllichen Begriffe unsera Recensenten atehen. 
Durch jene betrikgliehe Verschweigqng meiner Erklärungen ge- 
winnt aber Hr. P. besonders den Tortheil, daaa er jetit ohne 
Weiteres in , jedem Gapitei^^ die UnTollständiglceit meiner Samoi- 
lung ^^nachweisen^^ kann, indem er som Beweise seiner Behaup- 
tung möglichst gedankenlos zusammengeraffte Stellen mir vor- 
führt, die in der Regel gar Icein Gesets^ nie aber, wie ich im 
Einzelnen nachweisen werde, ein als Solomaeh erweisöaree Ge- 
setz enthalten; ja Hr« P. führt gradezu Stellen aus ganz spfiten 
Fsephismen als Solonisch an, und wie er es schon in seiner 
Doctor -r Dissertatioii gethan, so stellt er auch in dieser Recenslon 
als Solonisch Gesetze auf, deren Solonischer Ursprung rein un- 
möglich ist , wobei es denn nicht fehlen kann , dass er'zugleich 
traurige Beweise seiner mangelhaften attischen Rechtskenntnisa 
giebt (was ich -Alles im Einzelnen zeigen werde). 

Wenn Hr. F. vorwurfsweise bemerkt, ich hatte auch Stellen 
aus andern Schriftstellern , „z. B. Plutarch^^ beibringen sollen, 
so ropss ich diesen unwahren Tadel insofern zurückweisen, als 
ich mich immer bestrebt habe ,• bei jedem aus den Rednern ent- 
nommenen Sblonischen Gesetz die Parallelstellen aus andern 
Schriftstellern wenigstens zu citlren, wie denn auch mein Buch 
selbst am besten bezeugen kann, dass in demselben nicht nur 
Stellen ans Plutarch (von dessen „Selon et Poplicola^^ zu wissen 
Hr. P. sich, als besonderes Verdienst zuzuschreiben scheint), son- 
dern' aus mehr als zwanzig andern Schriftstellern angezogen habe. 
Von der Kenntniss, die Hr. P. selbst von diesen Erwähnungen 
Solonischer Gesetze bei diesen andern Schriftstellern hat, legt 
seine hinzugefügte Behauptung, „ein günstiger Zufall habe ea 
gewollt, dass nicht ein einziges solches Gesetz, von dem wir 
anderswoher wissen, ohne Andeutung bei den attischen Rednern 
geblieben sei^S ein höchst ungünstiges Zeugniss ab. Nahe an 
zwanzig Solonische Gesetze lassen sich aufzählen, die bei andern 
Schriftstellern erwähnt, bei den Rednern aber nirgends ange- 
deutet sind; beispielsweise nenne ich nur das Gesetz, dass man 
Oiel- und Feigenbäume nicht näher der Grenze des fremden 
Grundstücks als höchstens 9 Fuss pflanzen dürfe (bei Gai. in L 13. 
P. flu. reg. und Plut. Sol. c. 23.) , die Solonischen Gesetze über 
Brunnen-Anlegung und -Benutzung (bei Plut. und Gal. ibid.) , das 
Solen. Gesetz über die Hetärien (bei Gal. in 1. 4. D. de colleg.), 
das Selon. Gesetz , wodurch das Wehgeheul der Weiber bei Lei- 
chenzügen beschränkt wurde (bei Cic de legg. II, 46. und Plut). 
Die Unrichtigkeit jener mit unverantwortlichem Leichtsinn Ton 
Hrn. P. aufgestellten Behauptung ergiebt sich hieraus Top selbst. 

Betrachten wir nun zuerst meine Ein(heilung des Stoffs und 
die Anlage des Ganzen , d|e Hr. P. tadelnswürdig findet. Da ea. 

A* 



- V 

IV '~ BemeFkängeti ober eine Recennon 

mir nar am AuMhlmig und Erläntening der als Solonigch «a 
erweisenden Gesetze bei den attischen Rednern sn thun war, so 
kann meine Arbeit natürlich fnr keine in allen Theilen abgerun- 
dete Darstellung^ des attischen Rechts gelten; doch war es mein 
Bestreben, bei Anordnung des Stoffes so Tiel wie möglich syste- 
matisch KU verfahren , so dass , wenn auch picht jeder einaelne 
Theil des Rechtssjstems durch einschlägige Gesetse repräsentirt 
war, wenigstens die Aneinanderreihung der einzelnen Gesetze 
einen Innern Zusammenhang erkennen Hess. Hr. P. aber erlaubt 
sich, die Crrundsätze meiner Eintheilung, die ich in der Einlei- 
tung (meiner Schrift) auseinandergesetzt habe, völlig mit StiO- 
schweigen zu übergehen, indem er vielmehr versichert, ich vrare 
zwar im Aligemeinen von der Eintheilung in Privat- und öffent- 
liches Aecht ausgegangen , die einzelnen Gesetze seien aber gabt 
unlogisch und „willkürlich^^ aneinandergereiht , „so dass wir (!) 
uns dabei stets an S. Petitus' fluchtige (!) Arbeit erinnerten , in 
welcher in ähnlicher Weise Alles durcheinander geworfelt ist^^ 
(woraus hervorgeht, dass Hr. P. von Petitus nie gehörige tCennt» 
niss genommen hat, da dieser bekanntlich der Ordnung der Dige- 
sten und des Codex von Justinian in seiner Eintheilung gefolgt 
ist). Zur Würdigung jener Behauptung entwerfe ich eine Ceber- 
sicht meiner Eintheilung. 

Indem ich das öffentliche Recht in eigentliches Staats- 
Recht und in Criminal- Recht theilte (Völkerrecht und das ins 
sacrum «ind durch keine bei den Rednern vorkommende Gesetze 
repräsentirt), nahm ich ini Staatsrecht meinen Ausgansspunkt von 
den zwei obersten Gewalten , die dem oligarchischen Element in 
der Solonischen Staatsverfassuog angehören (C. 1. de Sen. Areop. 
C. 2. de Sen« Quadring.), ging dann zu der obersten Gewalt des 
demokratischen Elements fort (€; 3. de concione populi) und 
gelangte hieraufMEu den einzelnen Repräsentanten der administra- 
tiven und richterlichen Gewalt, sowie zu den den Beamten gewis- 
sermaassen gleichgestellten Rednern (G. 4 — 6.), — die Redner bei 
der Volksversammlung abzuhandeln, wäre unpassend gewesen, 
da sie ja auch in den Gerichten sprachen — , und endlich zu den 
Ausflüssen der gesetzgebenden Gewalt (G. 7«), die zwischen dem 
Senat der Vierhundert und der Volksversammlung getheilt war. 
An die Gesetze von den Staatsgewalten, ihren Repräsentanten 
und Ausflüssen schlössen sich die Gesetze über das Verhäitnisa 
der Burger zum Staatsganzen an; hier behandelte ich zuerst die 
Gesetze über den Mangel der bürgerlichen Rechtsfähigkeit, 
'sowohl den totalen als den partiellen (G. 8. de servis et pere^<- 
nis| man muss sich ikber die Kurzsichtigkeit des Hrn. P. wundern, 
wenn er es für „widersinnig*^ hSIt , beide in eineiih Capitel zusam- 
menzufassen) ; hieran schliesst sich systematisch die Leh^e von 
einem Ausfluss der Rei^tsfihfgkeit, der bürgerlichen Ehre an 
(C. 9. de ignominiosis); die Behauptung des Hrn. P.^ »^es ae 



von SchfBUiogli de Solonis legibas dissertatio. w 

nicht eimoseheD) wie die ignominia ohne Torgioglge Botwiddaiig 
des Strafrechts könne «bgehandeit werden^^ (wahrscheinlich, weil 
sie gewöhnlich- als Strafe entstand), bezeugt , das« er gar keinen 
Begriff Ton einem conseqnenten Rechtssystem hat: denn danun, 
dass ein rechtlicher Zastand, der im Staatsrecht abgehandelt 
wird , zufölUg einen Entstehungsgrund hat , der in das Criminal- 
recht fallt, kann es doch keinem vernünftigen Menschen einfallen, 
alle systematische Ordnung su verkehren und das Strafrecht (wel- 
ches auf der Staatsgewalt beruht) vor dem Staatsrecl^t abzuhandeln. 
Den Schluss des Staatsrechte bilden die Gesetze über die 
dem Staate schuldigen Leistungen der Bürger (G. 16. de militia 
et iitnrgiis). Im Criminalrechi machen den Anfang die Ver- 
iKrechen gegen das Leben (C. 11.), dann folgen die gegen daa 
Eigenthom, insofern sie criminell bestraft wurden (G. 12.), gegen 
die Ehre (G. 13.), dann gegen die öffentliche Sittlichkeit (G. 14.)- 
Im Privairecht befolgte ich die Bintheilung in Famüien» 
Recht, Saehen^Retiit^ zu dem ich* auch das Erbrecht rechnete) 

* und in Oöligaiians-tieeht In das erstere fallen die Gapitei 15 
(de liberis legitimis, nothis, adoptivis) und 16 (de sponsalibua, 
dotibus et connubiis). Allen Grundes entbehrt die Behauptung 
des Hrn. P., „die liberi adoptivi gehörten nach attisch^tn Begriffe 
in das Erbrecbt^^ Vom Undeutschen und Ungenauen des Aus* 
drucks abzusehen, ist es schon überhaupt dem Begriffe des 
Erbrechts widersprechend, dass irgend eine Gesetzgebung die 
Adoptation in das Erbrecht aufnehmen sollte; im attischen Rechte* 

' iasbesondere ist gar kein Grund zu einer so abnormen Meinung 
vorhanden. Hr. P» ist wohl durch das öftere Vorkommen testa- 
mentarischer Adoption zu jenem Irrthnm verleitet worden. In 
das Mligationa-ReAt fallen nur wenige Solonische Gesetze; ich 
behandelte zuerst die Obligation der Verwandten zur Bestattung 
(€. 18.), hierauf die Obligationen aus Privat -Delicteo, nämlich 
aus Schmähungen (G. 19.), ans Diebstahl, insoweit er privatrecht- 
lieh verfolgt werden kann (G. 20.) , aus Wucher (G. 21.) und aus 
Schadenszufügung (G. 22.). Aus dieser Darlegung wird mein 
Bestreben, den Stoff so viel wie möglich systematisch zu bewlil> 
tigen, hinlänglich hervorgehen; in der That, glaube ich, muss 
sich jeder unparteiHche Beurtheiler über die kecke Zuversicht- 
lichkeit wundern , mit der Hr. P. ,^ meine in der Einleitung gege- 
benen Erklärungen vernachlässigend , meiner Anlage gradezu die 
Pridicate .der Verworrenheit, der Planlosigkeit und der Unord- 
nung zuzuschreiben und aus meiner Eintheilungsart meine man- 
gelhafte juristische Bildung zu folgern sich nicht entblödet; jene 
Verwunderung muss aber bis zur gerechten Entrüstung über die 
unbegreifliche Anmaassung des Hrn. P. steigen , wenn man dessen 
wissenschaftliche Befähigung und Berechtigung, ein solches Ur* 
theil zu fiiUen , näher betrachtet. Wer wie Hr. P. in seiner 
Recension, nicht nur eine mangelhafte Kenntnisr des attischen 



VI 



Bemerkangen aber eine Reocnsion 



Recht« bezeugt, sondern auch der ällergewohnlichsten reehtlichen 
Begriffe in. so hohem Grade entbehrt, dass er von der Recht- 
losigkeit der Sklaven — einer Thatsache, die einem Jeden der 
erste Blick in das Alterthum lehrt — keine Kenntniss hat, viel- 
mehr (p. 1089J von ,,Rechten^^ der attischen Sklaven spricht; 
wer, wie Hr. F. , Andeutungen über gesetzliche oder ungesetz- 
liche Handlungen für ,,Fragmente von Gesetzen^^ ansieht, wer 
eine so ungereimte und allen juristischen Begriffen widerspre- 
chende Behauptung, „dass die erbenden Töchter (al IfftxAi^pqt) 
Im attischen Rechte Theile der Erbschaft seien^S aufzustellen 
und ■ als einen „Hauptgrundsatz des attischen Rechts^S „der sich 
auf jeder Seite der Reden über Erbklagen findet^^, auszuposaunen 
wagt, sollte sich doch wahrlich nicht das Recht zuschreiben, mit 
einem Urthdl über den Innern Zusammenhang einer Schrift aus 
dem Gebiete des attischen Rechts und über die juristische Befl- 
Bigung des Verfassers öffentlich aufzutreten. Aber auch die Ur- 
theilsHihigkeit des Hm« P. in rein philologischen Sachen musa 
bezweifelt werden, so lange derselbe grammatikalischer Begriffe 
so sehr entbehrt, dass er von einem y^Adverhium av^^ (p. 1100.) 
zu sprechen' fähig ist. 

Wenden wir uns nun zu den einzelnen Bemerkungen des 
Hrn. P. Aodocides erwähnt (de myster. § 95 sq.) ein Solonisches 
Gesetz, welches denjenigen zu tödten erlaubte, der nach Auf- 
lösung der Demokratie ein öffentliches Amt bekleiden würde, 
und befiehlt dem ygaupkax^vq^ dies Gesetz vorzulesen« Nun folgt 
aber ein offenbares Psephisma, jedoch mit dem Titel NOMOU. 
Meiner Vermuthung (p. 8.), dass nach NOMOI} eine Lücke anzu- 
nehmen und etwa die Worte ^^dvdyva^i drj xoA ro ijfijqtiöfia*^ 
und der Titel ^^VPHOIUMA.'' einzuschalten seien, stellt Hr. P. 
die Ansiciht entgegen, dass dies Psephisma nichts Anderes als eben 
jenes, nur nach Y.erjagung der 30 Tyrannen erneuerte Solonische 
Gesetz sei und daher vom Redner wohl ,^NOMO£'^ genannt 
werden könne. Dass Hr. P. von der in seiner Doctor - Dissertation 
(p. 10.) ansgesprooh^nen richtigen Behauptung, die ursprüng- 
lichen Solonischen Gesetze hätten auch nach der Ealdidischen 
^^euerung selbstständig und abgesondert fortexistirt , jetzt in 
seiner Recension, um mir zu widersprechen, willkürlich abweicht, 
macht seinen Eifer für die blosse Wahrheit etwas verdächtig. 
Ich leugne nun nicht, dass^ dies Psephisma in Erinnerung des 
alten Soionischen Gesetzes erlassen wurde; aber dass jenes dies 
Solonische Gesetz selbst war, nur „in erneuter Form und Aue- 
dehnung^^ (wie sich Hr. P. höchst ungeschickt ausdrückt), kann 
durchaus nicht angenommen werden , da das Psephisma nicht Mos 
d^r Form, sondern dem JitÄa/^^ nach ein vom NOMO£ ver- 
schiedenes ist ; dieser hatte im genannten Fall nur Straflosigkeit 
des Thäters bestimmt, jenes legte durch einen gebotenen Eid- 
achwor jedem Burger die lyiichi auf, mit eigner Hand den zu 



f.. 



yon ScheUiogii de SolonLi legibus disaertatio. tu 

ermordeo , ^, og äv Tcatakvöy tifv ihi^oxQatlav ti^ *A^py6iy 
Ttai lav tiq aqlxi ^?7^ ^Q%^^ naxuXhXvyLkiniq t^g d^ßoxgmlag 
X. t. V"^ Dieses verschiedenen Inhalts wsr iich entschiedeo «ach 
der Redner bewnsst, da er im Vorhergehenden in indirecter Rede 
die Solonische Restimninng wahrscheinlich mit ihren eignen Wor- 
ten anfuhrt; eine Verwechslung wäre um so nngUrauicher/da 
wir anderswo (Dem. in Eiib. § <S1.) ein nrspriinglicäes Solonisches 
Gesetx von der erneuerten Fassung, die es durch Aristophoa 
^erhielt, obwohl diese im Inhalte nichts änderte, dennoch woU 
unterschieden sehen: ^^xal ßoi kaßav dvayvG)9i xgcSxov tov 
JSoXcarvog v6(t,Qv. NOMOE* Jtaßs d^ xal xov ^AQi^xofpmv- 
zog •- ovxw yäg xovxav Idö^Bv kxBlvog xaXag nal »aw Stifum- 
xmg vopLÖ^Bx^6ai ^ &6x* i^tiq>l0a6&B ndkiv xov avxov dva- 
VB&öaö^au Hr. P. stutzt sich auf eine Stelle des Lysias (adv, 
Leoer. § 125 sq.), in welcher jenes Psephlsma erwähnt und ge- 
sagt wird, es sei auf eine tfvi^A^ geschrieben und diese in das 
ßoißlsvxiiQiov gestellt worden ; da nun Andocides Jenes Gesets 
des Selon auch xov iv r$ ötjjXji vofiQv^*' nannte, so hält Hr. P. 
die Identität dieses Gesetses und jenes Psephisma^s für erwiesen. 
Stringent wäre dieser Beweis ^uf keinen Fall, da wohl alle bedeu- 
tenderen Psephismen^ auf 6x^kag geschrieben wurden; eine mehr 
als oberflächliche Betrachtung jener Stellen bitte aber im Gegen- 
theil Hrn. P. zeigen müssen, dass seine Ansicht eben durch diese 
Stelle des Lysias völlig widerlegt wird. Denn hier heisst es, die 
6tij)iriy auf der das Pscphisma stand , sei „ stg x6 ßovlsvxiJQi(yu^^ 
gesetzt worden, während die öxijltjj auf der Solon's Gesetz ver- 
zeichnet war, wie Andocides ausdrücklich sagt, „IffsrpoiJ&si^ 
rov ßovXBVXfjglov^^ sich befand. Die Verschiedenheit beider ist 
damit dargethan: wenn Andocides ein auf einer öxi^ltj vor dem 
ßovXsvxiiQiov verzeichnetes Gesetz vorzulesen befahl, konnte 
nicht ein Paephüma^ was im Innern des Buleuterion stsnd*, ver- 
lesen werden; daher meine Vermnthung gegen den leichtsinnigen ^ 
Einwurf des Hrn. P. gerechtfertigt ist. 

Die Behauptung des Hm. P. , jenes Solonische Gesetz selbst 
sei nirgends in meiner Dissertation zu finden , nrass ich gradezu 
als eine Unwahrheit bezeichnen, da es p. 77. behandelt worden ist. 

Die verworrenen Vorstellungen des Hrn. P. über den Begriff 
eines Gesetzes, die er die ganze Abhandlung hindurch mit der 
zihesten Hartnäckigkeit festhält, bewähren sich gleich in seiner 
Beurtheilnng meines ersten Capitels. Während er meine Andeu- 
tungen über die älteste Greschichte des Areopags und sein Ver- 
lutttniss zu den Ephoren unbesprochen lässt, wirft er mir vor, 
dass ich fUschlich als einziges Gesetz über den Areopag das bei 
Dem. in Aristocr. (§ 22.) über die Gerichtsbarkeit bei dolosen 
Todtungen und Verwundungen angefahrt hätte. Zur Begründung 
seineiei Vorwurfs Yührt er drei allbekannte und in jedem Lehrbuch 
der griechischen Antiquitäten (z. B. bei Hermann § 109. Not. 2. 



Till Bemerkungen über ^e Kecen^on , . 

5. 11.) ausgesebHjBbeoe Stellen an (bocr. Areop. § 37 sq. Dem« 
in Neaer. § 80. Ar^um. ad Dem« in Androt.) , die zwar Tom Areo- 
pag im Allgemeinen reden , aber obne dabei auf ein bestimmtes 
Gesets, geschwelge ein Solonlscbes^ Bezug zu nehmen. Völlig 
▼erkehrt ist die Anführung einer Stelle des Andocides (de myster. ^ 
§ 84., auch bei Hermann § 109. n. 8.), die aus einem offenbaren 
Paephisma des Tisamenps genommen ist; hier wird verordnet, 
nach geschehener Gesetzrevision solle der Areopag darüber 
wachen, dass die Gesetze von den Magistraten gehörig beobachtet 
wurden; dennoch meint Hr. F. auch von dieser (nach Vertreibung, 
der 30) erlassenen Verordnung , sie lasse sich ,,aus Piutarch^^ und 
,^us innem Gründen^^ als Solonisch nachweisen. Der Bezug, in 
den er diese Stelle und die im Argum. ad Dem. in Androt. mit 
Plutarch (wahrscheinlich SoL c. 2. ^^xfiv xb avm fiovXr^v %. x, V'^) 
bringen will, bezeugt, dass Hrn. P. die Veränderung, die Ephialtes 
mit dem Areopag vorgenommen hat^ völlig unbekannt ist. Nichts* 
destoweniger ist Hr. P. anmaassend genug, zu verstehen zu geben, 
ich hatte blos die Stellen gesammelt, über welchen der Titel 
NO MOL Stande — ein hämischer Vorwurf, der sich gleich in 
diesem 1. Capitel durch die fünf Stellen widerlegen muss, die 
Ich als Vergleichungsstellen zu dem Gesetze bei Dem. in Arist 
p. 22« angezogen hsbe (p. 20.) — • Da das Gesetz des Selon, 
welches verbot, ohne vorgängigen Beschlnss des Senats einen 
Antrag an die Volksversammlung zu bringen, in der Rede des De- 
mosthenies gegen Androtion selbst nicht verlesen wird, von Ulpiaa 
aber wahrscheinlich mit den eignen Worten des Gesetzes ange- 
führt wird, so war es keineswegs „ganz ungenau^^ von mir, zu 
sagen: „verba legis aptissime intelligi possunt ex loco Ulpiani.^^ 
Die Bezeichnung, die Hr. P. jenem Gesetze giebt: „das Gesets 
über die ipfiq>l6iia%a axQO^ovk%vxa^^^ ist eben so widersinnig, 
als wenn man ein Gesetz, das die Ehe mit der Schwester ver- 
bietet, „das Gesetz Ikber die Schwesterehe^ nennen wollte. 
Wenn Hr. P. mir ferner vorwirft, dass ich nicht die Solonische 
Bestimmung bei Plutardi über das Stimmrecht der d^rs^ in Ver- 
bindung mit einer Stelle des Demosthenes gebracht hätte, wo es 
heisst, dass die Athener jeden gunstig angenommen hätten , der 
„seine Meinung Vorbringens so bemerke ich, dass meine Begriffe ' 
nicht verworren genug sind, um eine Stelle, die von einem 
erzwiogbaren Rechte, mit einer Stelle, die von einer Gunst 
redet, zusammenwerfen zu können. — Den Inhalt der Stellen, 
in denen Hr. P. Solonische Bestimmimgen über den Verlust des 
Sümmrechts findet, hat er ganz verkannt; sechs der von ihm 
citirten Stdlen (Aesch. in Tim. § 'iT— 32. ibid. § 46. ibid. § 154. 
Dem. in Andr. p. 30. ibid. p. 24. Dem. in Aristog. I. p. 30.) han- 
deln nicht vom Verlust des Stimmrechts, sondern von dem Solo-* 
nisehen Gesetze über das Recht, öffentlich als Redner aufzu- 
treten, das p. 39 sq. in meinem Buche behaiAdelt ist; die Stelle 



von ScheUingii de Solonis legibus dUsertatio. a 

bei Dfoarch« in Aristogit. § 16 sq. gehört nicht hierher, Ist aber 
gehörigen Orts (p. 25 sq.) wörtlich von mir citirt wprden. — Der 
fiilschen Ansicht gemfiss, die Hr. P. von den Ford^rungfen der 
Preisaufgabe und dem Inhalte meines Buchs gefasst hat, hört er 
nicht auf, mir die Behandlung von Gegenstanden susumuthen, 
die mir ganz fern liegen musslen, z. B. Auseinandersetzungen 
über die Gegenstände der Volksberathungen , über die TTQOtÖQO^, 
die unstreitig Solonischen Ursprungs waren und In vielen Soloni- 
8<dien Gesetzen vorübergehend erwlhnt werden, aber gewiss nie 
durch ein eigentliches, sie speciell betrefCiendes Gesets Solon's 
eingesetzt wurden , Avie denu auch keine der von Hrn. P. ciUrten 
Stellen ein solches Gesetz auch nur andeutet. — Die Stelle des 
Aeschioes (54, 9. Reisk.), die Hr. P. bei meiner Auseinander- 
setzung der Gesetze über die Abstimmung vermisst, habe ich 
.allerdings S. 26. Anm. 8. .citirt, ebenso wie den Scholiasten zu 
dieser Steile. — In dem. Capitef de archontihns et ceteris magi- 
stratibus ausser der Erklärung der erweislich Solonischen Bestim- 
ronngen eincf dogmatische Darstellung der Beamteorechte u. s. w. 
zu geben , musste ganz ausserhalb des Plans meiner Abhandjung 
liegen; und zu verwundern ist^ wie Hr. P. meinen konnte, es 
Hessen sich in einer Monographie im Vorbeigehen die von Selon 
eingerichteten Magistraturen mit Umfassung abhandeln , während 
diese schon längst mit grosser Ausführlichkeit In Werken von 
anerkanntem Werthe, ja beinahe jede einzelne Magistratur in 
einer eignen Schrift dargestellt worden sind. Ueber dl6 Archon- 
ten, deren Pflichten in unzähligen Stellen bei den Rednern 
erwähnt werden, weiss Hr. P. nur deren 3 anzufahren, die aber 
kein bestimmtes Solonisches Gesetz über die Archonten erwähnen* 
Ebep so wenig enthalten die fättf Stellen „über die Elfmanner^^ 
(über deren Pflichten und Rechte im Allgemeinen wohl tisst 
20 Stellen bei den Rednern zu finden sind) eine Solonische Be- 
stimmung. Mit der- ersten Stelle (Dem. in TImocr. § 63.) , die 
gradezu aus dem Gesetzentwurf des Timokrates 'genommen ist, 
hat sich Hr. P. eine gleiche unverzeihliche Nachlässigkeit zu 
Schulden kommen lassen, wie bei jenem angeblichen Gesetz über 
den Areopag. Die Stelle ibid. § 115. steht bei mir gehörigen 
Orts (p. 59 sq.). Wenn Hr. P. ferner die Strategen In dem „So- 
Ionischen Gesetze über Trier archie und Fermögensumtausch*^ 
bei Dem. in Lacrit. § 49. und in Phaen. § 5. erwähnt finden will, 
-so bemerke ich, dass in der ersten Steile, wie überhaupt in der 
ganzen Rede gegen Lacritus gar kein Gesetz über Trierarchie und 
Vermögensuratansch vorkommt, dass ich übrigens die Gesetze 
über dvtlSoöig p. 60 sqq. behandelt habe. Durch die Annahme 
eines Solonischen Gesetzes über Trierarchie (i!) giebt Hr. P. 
zugleich einen schlagenden Beweis seiner Unkenntniss des atti- 
schen Rechts. Denn dass die Trierarchie in Athen eine ziemlich 
späte Einrichtung war , indem wahrscheinlich schon vor Selon 



1 Bemerkungen aber eine Recension 

niid entschieden noch eine lan^e Zeit nach diesem die Schiffs- 
rüstungen durch die 48 (50) Naolcrarien bestritten wurden, ist 
eine allbekannte Thatsache. — In der Steile bei Dem. in Androt. ' 
§ 27. werden keineswegs die Diäieten ,,mit klaren Worten^^ dem 
Solon zugeschrieben; wenn später §30. der Redner sagt ,,r6v 
%ivta rov vo^ov Sölova!'''^ so ist dies offenbar nur auf den 
N0M02 über die etaiQi]ii6tBg zu beziehen. Höchst wahrschein- 
lich worden die Diiteten von Solon eingerichtet; aber wie folgt 
daraus, dass jedes Gesetz über die Diateten Solonisch sei? Das 
Gesetz bei Dem« in Mid. § 94. verbietet die Appellation gegen ein 
Urtheil der Privat - Schiedsrichter , während das bei Dem. pro 
Pliorm. § 25. (s. meine Abhandlung p. 37 sq ) erwähnte G^eti 
die Klage aus einer durch Vergleich oder Erlass beendigten 
Obligation für unzulässig erklärt. Wie konnte also Hr. P. beide 
Gesetze in Verbindung mit einander setzen und aus dem Soloni- 
schen Ursprung des letztern den des erstem folgern (weiches 
vermutlilich erst nach den 30 Tyrannen erlassen worden ist)? 
Wenn ferner Hr. F. Stellen vorbringt, die entweder ganz unbe- 
stimmt von gesetzlichen Vorschriften über die Diäteten sprechen, 
oder welche blos im Allgemeinen der Diäteten oder eines einzel- 
nen Mannes, der grade zum Diäteten gewählt worden war, er- 
wihnen (wie Dem. in Aphob. § 58 in Mid, § 87. in Timotli. § 19. 
in Phorm. p.'21.), so konnte Hr. P. auf diese Weise mir eine 
noch viel grossere Anzahl „Solonischer Gesetze^^ über die Dii- 
teten entgegenhalten. 

Dass das Gesetz über die domiMaöta bei Aesdiines (in Cte- 
siph. § 16 sqq.), welches Hr. P« in seiner Doctor- Dissertation 
aufs Gerathewohl dem Solon zuschrieb , eines spätem Ursprungs 
sei; habe ich p. 30. n. 4. gezeigt. Dies konnte mir Hr. P. nicht 
verzeihen. Obwohl er nun gegen meine äussern und Innern 
Gründe Nichts einzuwenden weiss ,^ sucht er sich doch dadurch 
zu helfen, dass er sagt, jenes Gesetz sei doch ursprünglich Solo- 
nisch, nur mit spätem Zusätzen. Aber die ganze jFVisstmg jenes 
Gesetzes beruht auf der Unterscheidung zwischen den aQxal {£i- 
QOTovijxal und }ckrjQ(oral; da nun die Looswahl der letztern erst 
durch oder nach Kleisthenes eingeführt wurde, so müssen wir 
auch behaupten, dass das ganze Gesetz erst nach Kleisthenes 
entstanden ist; damit steht die Vermuthung nicht im Widerspruch,, 
dass schon Solon die Dokimasie der damaligen Magistrate durch 
ein andres Gesetz eingeführt habe, was dem Geiste seiner 
Rechtsverfassung vollkommen gemäss ist. Die andern von Hm. F. 
angeführten Stellen über die Dokimasie, von denen die meisten 
auf jenem durch oder nach Kleisthenes gegebenen Gesetze beru- 
hen, enthalten durchaus keine Solonische Bestimmung. Dasselbe 
ist von den Stellen zu sagen, die Hr. P. über die sv^&vvri anführt; 
der ans der Nichtaufnahme derselben mir gemachte Vorwurf 
beruht wieder auf Begriffsverwirrung^ wornach Hr. P. jede Stelle, 



\ 



▼on ticheilingii de Solonis legibus dutertatio« u 

in der ein Rechtsinatitut genannt wird, flkr ein Gesell hilt. Wenn 
ich eine GesetseMtelie bei Aesch. in Tim. (§12.) dne ,4^ de 
clioragis^^ nannte (nicht ,,iiber die Choregie^S wie Hr. F. mir 
anschreibt), ao hatte ich volllconimen Recht, da die ^^xcQiiyo^ 
t(DV xogmv xäv iynvHkliov ^ nicht blos ,,Reigenf&hrer der Kna- 
ben^^, sondern xoQtyyo^ im technischen Sinne waren , wovon sich 
Hr. P. aus mehreren Stellen der Redner (z. B. Antiph. de cho- 
reut. § 11. Dem. in Mid. § 64.) hätte überseugen können. In 
dem Heiiasten -Eid (p*. 34. meiner Abhandlung) hatte ich die Lea* 
art: ,,ot;d£ öcSqu di^oßav t^s i^kiaöBag Svbhu^ cv% avtoq iym^ 
ovx Stkkoq ißol^ ovt akk Ol Bldovog ißov ovis xi^yv ^^^ V^V' 
Xavy ovösfiia x. t. kJ'^ angenommen.' Deshalb greift mich nun 
Hr. P. an , indem er sagt, da die besten Handschriften ovt' Skkfi& 
bitten, so sei oftenbar „oi?t' äkki]*'^ su lesen; dagegen bemerke 
ich , dass die Lesart „oCt äkkoi^^ Ton „ovt' akkriv'^ (was keines- 
falls einen Sinn giebt) nicht mehr abweicht, als die Ton Hm. P. 
angenommene, dass daher aus Innern Gründen hier entschieden 
werden milss. Die Erklärung, die Hr. P. von seiner Lesart giebl, 
„loh werde keine Bestechung annehmen, weder ich selbst, noch 
mittelbar durch einen Andern, noch durch eine Andre^% ist TÖllig 
unüberlegt; denn wenn ovr' akkog iiiol „nicht mittelbar durch* 
einen Andern'^ erklirt wird , so können die dem Ausdrucke nach 
gasiz, Terschiedeneil Worte „otfT' akktj tldotog Ifiot)^^ nicht auf 
dieselbe Weise („nicht mittelbar durch eine Andre^O übersetat 
werden. Daraus, dass hier nicht ißol^ sondern ildotog i^ov 
steht, geht Tielmehr hervor, dass hier von einer Bestechung die 
Rede ist, die dem Schwörenden durchaus keinen,, weder directen 
noch Indirecten Vermögensvortheil brachte, dag heisst von der 
Bestechung eines CoUegen, eines Mitrichters des Schwörenden, 
von der dieser Kenntniss erlangen konnte. Dadurch ist also die 
Lesart „ovt ßkkoi eldotog Ifiov^^ vollkommen gerechtfertigt. 
Der Schwörende soll veranlasst werden , auch keine Unrechtlich- 
keiten eines andern Richters zu dulden; wie es auch in demselben 
Eid kurz vorher heisst: ovt avtdg iyd^ ovt* akkov ovtiva . 
iäöa. Meine Lesart im Folgenden „xal inofivvfti^' wird nicht 
nur, wie Hr. P. sagt, durch den Codex 2 (bei Bekker), sondern 
auch durch F und v unterstutzt; meine Annahme, dass die übri- 
g^en Worte „xal inagMtai (ao lese ich) i^ciknav iavttp^' vom' 
Redner ex suamenta gesagt werden, .wird durch viele ähnliche 
Beispiele bei den attischen Rednern unterstötzt. ^^Eno^vvvai'^ 
ist eine reine Conjectur, die von Bekker blos durch die Worte: 
„fnit fortasse InoiivvvaC'^ angedeutet wurde, aber keinem unge- 
acbickteren Begründer als Hm. P. anheim fallen konnte. Dasa. 
luoiivvvai X. t. k* nicht Worte eines Gesetzes sein können, in 
dem der Eid „enthalten^^ war, musste Hr.* P. schon ans dem Titel 
"O^xog ^Hkia6tmv erkennen ; der Eid war naturlich selbststandig 
für sich angezeichnet; und wie wäre es denkbar, dass der grösate 



XII s Bemerkmigen über eine b.ecension 

Theil der SchwarformeL in einem Gesetze in directer ^ dann noch 
ein ^nz kleines Stück In indirecter Rede aufgezeichnet gewer 
gen Diräre? 

• Den Beweggrund zu meiner Annahme einer doppelten Form 
der Gebuog und Abschaffung der Gesetze bei den Attikern steilt 
Hr. P. nicht richtig dar und verwechselt offenbar die erste ixxkrj' 
öla im. Monat Hekatombäon mit der dritten Ekklesie desselben 
Monats. So bemerkt er z. B. : ,^Die Stelle (Dem. in Timocr. § 23.) 
sagt nichts Anderes ^ ah dass eben vor jener YolksTersamralung, 
wo die ijcixBiQotovla sollte. vorgenommen werden, je'der Athener 
die Gesetze, gegen die er Etwas zu erinnern hatte, auf eine 
Tafel schreibe.^^ Hier ist-Hr. P. völlig im Irrthum« Nicht oor 
der ersteil Volksversammlung, in der die Gesetzrevision vorge- 
nommen wurde , sondern nach dieser bis zur driiten Versamm- 
lung wurden die neu zu gebenden Gesetze vor .den Eponymen 
ausgestellt; und wenn Hr. P. ferner sagt, „während der ganzen 
Dauer der InixuQOxovla waren die Gesetze ausgestellt geblieben, 
so ist hieraus ersichtlich, dass er glaubt, die ganze Zeit zwischen 
der ersten und dritten Ekklesiß sei von der Epicheirotonie einge- 
nommen worden, während blos ein einzelner Act in der ersten 
Versammlung Epkheirotonie genannt wird , was Hrn. P» der erste 
Blick invdie Gesetze oder die einschlägige Literatur hätte lehren 
müssen* Dass bei der Aufhebung eines .Gesetzes allein die Ab- 
stimmung der Nomotheten entschied , ist von den Schriftstellern 
über diese Materie allgemein anerkannt und geht auf das Ent- 
acbiedensle aas Dem. in Timocr. § 33. und in Leptin. § 89. her- 
vor, welche Stellen Hr. P. als Beweise meiner Behauptung anzu- 
fujbr^i unterlassen hat. Da in diesen Sitzungen der Nomotheten 
die srposdpoA (erst später kam der ganze Senat dazu) nur den 
Vorsitz führten, ohne mitzustimmen, *die Theimotheten ab^ (die 
nur in der ersten Ekklesie die vorbereitende Gesetzrevision lei- 
teten) gar nicht anwesend waren, so ist die Meinung des Hrn. P., 
dass nicht die Nomotheten allein, sondern auch die Thesmo- 
theten und überhaupt die ganze Commission (also ist wohl auch 
der ganze athenische Sviiioq ein Theil der Commission 1) über die 
Gesetz -Aufhebung entschieden hätten, völlig unstatthaft und 
grundlos» daher schon deshalb Hrn. P.'s Erklärung der Stelle bei 
Aesch. in Ctes» § 38. verwerflich; überdies ist es rein unmöglich,^ 
die Worte „x(^l rovg ^uv dvcageiv vmv v6(i,€Jv^^ auf „arpogri- 
taxtai toig vofio^itaiQ^^ zu beziehen; denn der zutraulichen 
Versicherung des Hrn. P. , dass die „vielen Zwischensätze : zovs 
ds nQvtavBiig noulv iKxkfi^lav^^ — „rdi; Ö' Bniövdtijv äidovaL*"' 
jene Beziehung nicht hinderten , wird Niemand Beweiskraft zu- 
sehreiben. Dass in der von mir vorgeschlagenen Conjectiir ,,xal 
tovTovg zovs l^hv dvaiQBlv t(ov vopLc^v^' „rovrot;^^* sich eher 
anf kici^tavfjv oder d^fios^ als auf voßo^itccg beziehen würde, 
wird auch wohl Niemand ausser Hrn. P. behaupten. Das% die 



von Soheliingii'de Solooii legibna diisertatio. nn 

fraglichen Worte jedenfalls von den Nomotheten sn ventdieB 
sind, hat schon Schömann erklärt (de connt. p. 360. not 28.). — 
Die Stellen bei Dem. ad Pantaen. § 51. und hi Theoer. § 2. afaid 
anf keine "Weise als Solonische Gesetxe zn erw^isenw In der 
erstem erwühnt der Q.edner gar kein I>e8tinimte8 Gesets, sondern 
bemft sich blos im Allgemeinen anf die rechtlichen Ansichten. — 
Meine ErkläriiiTg der Stelle bef Dem. in Timocr. § 105. hat Hr. P. 
Temdreht. Wundern muss man sich, wie er die von neuem 
Schriftstellern schon langst verworfene, Mos von einem Codem 
unterstfitzte Lesart Reiske's (ohne t} vor nqoBiQijiUvcfv) anneh- 
men konnte, durdi die der Sinn des Gesetxea, das offenbar von 
allen ätl(ioig spricht und die arl(ikovg wegen yoviav xttxmöBmg 
und dCTQatsläg nur beispielsweise anfiihrt, gani ohne Grund be- 
schrankt wird. Da auf ngonnslv ebenso wie auf voiiog ietlv der 
Acc. c. inf. folgt, so kann man auch sagen: ^^ngosiQTugivmv avttö 
riDi/ vofAcav tlgyio^ai^'' (dies ist die Lesart der besten Hand- 
schriften; Hr. P. sehlagt eine unnothige und gewaltsame Con- 
jectar 9r9o»9f;|ii€vov avrd, dv voßog sfgyeö^ai^*^ vor, wahrend 
er kurz vorher vofiog tJgyBö^ai für ungriechisch erklart hat; im 
seiner LJebersetzung des »gosuulv nimmt er das entsprechende 
Sustantiv zu Hülfe, „da ihm durch dlexgo^^ffiig angekündigt ist% . 
indem er zugleich eine von den vielen Stellen über die ngo^^öig 
anführt. S. meine Schrift p. 70. not. 11.). — Gegen die Einwürfe, 
die Hr. P. bei Gelegenheit meines Gapitels de oratoribus gegen 
meine Erörterungen iber das höchst corrupte Gesetz bei Aesch. 
in Tim. § 85. vorbringt, bemerke ich^ dass die Lesart der Hand- 
Bcbriften: iäv xig Xiyy — srspl tov ^Ig^Bgoiiivov fii} xt^glg ij 
nsgl iudötov^^^ durchaus keinen Sinn giebt.» wie auch Hr. P. 
keinen hineinzulegen versucht (Bekker klammert die drei letzten 
Worte ein); da überdies ^' vor itsgCin 3 Handschriften fehlt, so 
wnrf ,ich das ^ %Bgl aus, so dass die Worte ,,«£^1 tov Bl0q>Bgo^ 
fiivov fi'^ X^Q^S Budötov^^ den passenden Sinn bekommen {den 
Hr. P. absichtlich nicht verstanden hat): nicht abgesondert über 
jeden einzelnen Gegenstand. Dass Sri (für das ich Bt tig vor- 
schlug) im Folgenden nicht stehen kann, erkennt auch Hr. P« an; 
ixi ab», was er vorschligt (welche Conjectur übrigens schon 
von Taylor gemacht wurde), kommt nie als Verbindongspartikel 
zwischen den einzelnen Bestimmungen eines Gesetzes vor und 
wire ein reines Flickwort; auch müsste jedenfalls iat; t&$ nach 
dem iti wiederholt werden. Dass die Indlcative AoidopsiTac, 
ayogBVBi u» s. w. in sehr vielen und guten Handschriften stehen, 
geht aus Dobson's Variantensammlung hervor, der die Indlcative 
auch in den Tett aufnahm. Im Folgenden hat Big nur ein einziger 
Codex hei Bekker; hingegen a. b. g. h. 1. haben «2 xatd' (was am 
ehesten auf Blff deutet) und d. hat bW. — ^^Avtini^rmg Uyuv^^ 
wire allerdings ein a«af| kBf6iJLBV0v; dass avfixi&tiQg fSr sich 
diea sei (wie Hr. P. mb fälschlieh xusMebt) , habe idi niidit 



1 



XXV ' Bemerkangen aber eine Reoension 

ges^gU Die Stellen, i\e er als Vergleichuagsstelleii so Aescli. 
in Tim. § 27^- 31. nicht angeführt zu haben mir vorwirft, aiod 
grade dieselben Stellen , die er kurz vorher zur Begriiiidung eine« 
(gar nicht existirenden) Soionischen Gesetzes über den Verlust 
des Stimmrechts anfuhrt, (Dinarch. in Arist. § 16. und Dem. in 
Androt. § 30. sind bei mir gehörigen Orts p. ^5. und p. 92. citirt*) 
Bei der Beurtheilnng meines Capitels de militia et liturgiis über- 
steigt die Gedankenlosigkeit des Hrn. F. alle Grenzen, indem er 
mir znmuthet , ich hfitte von Bestimmungen , die nicht in einem 
Gesetz begründet, oder nur bei Plutarch erwfihnt, oder bekannter 
Maassen nachsolonisch sind, untersuchen, sollen, ob sie nicht 
vielleicht Solonisch wären ; indem er ferner ganz falsche Citate 
vorbringt, in denen der angebliche Inhalt sich gar nicht vorfindet 
(wie Dem. in Phaen. § 24. Lys. in Alcib. II. § 14. ; diese Rede 
hat nur 12 (13) §§) ; indem er endlich eine offenbare Unwahrheit 
sich zu Schulden kommen lässt, behauptend, als einzige St^hd^ 
die das Gesetz über Eihrlosigkeit der öbIXoi u. s. w. erwähne, 
hätte' ich Aesch. in Ctesiph. § 175. angeführt (während ich p. 60. 
Heben Stellen über jenes Gesetz- citirt habe). — 

Cap. 15. Zu der Stelle in dem Gesetz bei Dem. in Aristocr. 
§ 28.: %ovq i\ivdQoq>6vov$ i^slvai anoKZBlvBiv — elgq>6QBi,v 
06 tovg "AQxovxag — x& ßovkofiivtp* ri}v d' 'HXialav dta- 
yivd^uBvv^^, die ich durch Einschiebung der Präposition elg vor 
tovg &Q%ovxag zu emepdiren suchte, bemerke iöh, dass s^gqp^- 
Quv ttvl in der von Hni. P. behaupteten Bedeutung „//ir einen 
eine Klage anhängig machen^^ bei den Rednern durchaus nirgends 
vorkommt; eben die Dngewöhnlichkeit dieser Formel (deren 
„öft^es^^ Vorkommen Hr, P. ohne alle Beweise mit der scheolo- 
sesten Zuversicht behauptet) bewog mich zu meiner Gonjectar. 
Hingegen wird Blgq^sgsiv keineswegs blos vom Gerichtsvorstande 
'gesagt; sondern eben so gut wie Blgdyuv von einer Privatperson, 
Ai^ eine Klage anbringt, gesagt wird (Dem. in Tira'ocr. § 10. von 
der Klage gegen das Gesetz des Timokrates: „e^ ygailfdpBVO^ 
rov vofLOv »al BlöayayovTBg Big viiäg Xvöai dvval(tB^a^'i 
vgl. de coron. p. 12.), ebenso wird auch slgipigBiv vom Privat- 
mann- gebraucht, der eine Sache zur Entscheidung bringt (z. B. 
Dem« in Timocr» § 19.: ^^TifioKgdti^g xal nagd ndvta rat;/ 
BigBVtjVOXB^ xovvofiov; in Aristocr. §. 218. in Timocr. §25. 
a. s. w.). Andre Gründe hat Hr. Dr. Thomas (in den „Münchner 
Gelehrten i^nzeigen^^ 1843 Nr. 28.) gegen meine Conjectur /geltend 
gemacht; offenbar stehe das öi^yi^vdOiCBiv dem Blg(pigBiv^ r^v 
HXialav aber dem tovg Sgxovtag gegenüber, und es erscheine 
somit die Reiske'sche Deutung dieser Stelle als die richtige. Eine 
solche elegante Gegenfiberstellung wäre zwar nun wohl bei einem 
Redner oder Dichter anzunehmen ; bei einem alten Gesetzgeber 
aber finden wir eine solche Redeweise .nicht leicht mit Absicht 
beobachtet; vielmehr sind beide Satze, der mit Btgq>BgBtv und der 



von Schellingii de Solonis legibu diMertatio. IT 

mit tijv aDfangeode offenliar nur gani lote , jeder darch die Par- 
tikel öi mit dem Vorausgeheaden verknüpft. Die „Rdtke^aehe 
J)eutung^^ (der zu tta ßovXofiivfp hinzudenkt: ti^v iavtov dlnupß 
tpovi%iqv ÜQ zj]v ^Hkialav slgq)iQB09ai) hätte Hr. Dr. Thomaa 
nicht ohne Weiteres aufne)imen sollen, da Ihm bekannt sein 
musste, dass eine dUij q)oviHij niemals in der Heliäa entschieden 
wurde; natürlich kann In diesen Worten (waa Heiake nicht sah) 
nur Ton der Klage auf das 8titkovv wegen des kviialvhe%a% 
u. 8. w. die Rede sein. Wenn llr. Dr. Thmnaa ferner jener Deu- 
tung zufolge die Worte ^^üqfpiQHv — ßovXofiivq^*^ von der ^^Bin- 
leitung des Processes, der durch die Archonten an die Helluten 
übergeben worden^^ versteht, so wSre dies im attischen Proceas* 
verfahren eine reine Unmöglichkeit , da die Einleitung des Pro* 
cesses immer bei der Behörde geschah und dieser erst nach völli- 
ger Instruction von der Behörde an die Heliasten übergeben wurde. 
Versteht man nun das slgg>iQ€iv von dieaer Debergabe (wie es 
wohl Hr. Dr. Thomas im Grunde gewollt hat), so bliebe nicht. nur 
der in diesen Formeln ungewöhnliche Dativ tdi ßovXofUvcp eine 
sprachliche Schwierigkeit (die durch die Versicherung, „er be- 
dürfe keiner Rechtfertigung^^ nicht beseitigt wird), sondern es 
wären anch die folgenden Worte: „xj/t^ d^'HXialav diayivaöxEiv^^ 
fast überflüssig, da schon im Vorhergehenden die Debergabe an 
die Heliäa ausgedrückt wäre; auch wäre es unpassend ; wenn 4u 
Gesetz beföhle , dass die Klage von dem competenten Archen an 
die Heliäa gebracht werden solle, da ja eine incompetente Be- 
hörde von vorn herein die Klage nicht annehmen durfte; wenn^ 
die Klage aber einmal angenommen war, sie im Rechtsgange von 
selbst an die Heliäa kommen musste ; dagegen ist es vollkommen 
angemessen und durch das Beispiel andrer Gesetze bestätigt, dasa 
ein Gesetz dem Privatmann (jedem der es will) bei der compe- 
tenten Behörde die Klage anzubringen gestattete ; und dieser Sinn 
wird durch meine Conjectur in diese Worte gelegt. So anerkenn 
nenswerth die philologische Geschicklichkeit des Hrn. Dr. Thoma» 
iat, wie sie sich namentlich in seinen Recensionen in den Münch- 
ner gelehrten Anzeigen darstellt, und so schrieb die Sagacität- 
hewundern muss, mit welcher derselbe die lateinische Sprache 
durch das Wort antiqniscius bereichert hat, so möge Hr. Dr* 
Thomas doch aus meinen Bemerkungen ersehen, dass er durch 
seine sprachliche Fertigkeit sich nicht hätte auf das Gebiet des 
attischen Rechts verleiten lassen sollen^ das ihm, so viel ich 
weiss, bisher fremd war. Meine Conjectur „ixtög avc^io- 
tijTog*^ (bei Dem. in Macart § 57.) so widersinnig zu- erklircü, 
wie Hr. Pa. vorgiebt: „innerhalb, exclasive^', Ist mir nirgends In 
den Sinn gekommen; wie durch ^^ivtog dvaiftotiitog*^ die Ver- 
wandten mit Einachluae der avv^iol und avc^ioiSor bezeichnet 
werden, so heissen Intog avBifiOtfjtog die Verwandten mit JIM" 
seUues jener. Die Gr&nde memer Conjectur hat Hr. P. weder 



XTi Bemerkungen über eine Reoen^ön 

hervorgehoben, noch widerlegt, wie er uberhaapt die Schwierig- 
keiten dieser Stelle gar nicht bu erlcennen fähig war, wie schon 
au^ der von ihm'angeNommeneu Lesart (^agoBinelv ivtog dvstlfiö' 
tfixog xal avs'^iov' Cvvdicixsiv da xal dveil^iovg Kai ävs^it^ia- 
dovg Koi yaptßgovg «•r. A.) erhellt; hier wird ^^dvstlftmv n^tdag^^ 
hinansgeworfen, die Namen der Verwandten, wie sie in den Hand- 
schriften «tehen, werden willknrlich umgestellt, und doch ist die 
Hauptschwierigkeit nicht beseitigt; denn da die dvBtlfiaöol^ der 
Bedeatung von ivtog sufolge, schon unter den Verwandten ivvog 
dviflfiotritog , denen das XQosifcilv selbst obliegt, begriffen sind 
(vgl. Schoemann. Antiquit. iur. ptibL Graec. p. 288. n. 4.), so 
können sie nicht wiederum unter den öwÖimKomsg genannt 
werden. Der Lesart des Hrn. Dr. Thomas (a* a. O. n. 27.) steht 
derselbe Umstand entgegen^ den er freilich mit Stillschweigen 
übergeht. 

Die Stelle über das Oesets gegen Nothzucht (bei Lys. de 
caed. Eratosth. § 32.) habe ich (p. 89 sq.) durch eine Conjectur 
so herzustellen versucht: ^^dvxig av%Qfonov ikh-v^Bgoy ^ natöa 
al6xvvy ßla^ öml^v tr^v ßkafiifv 6q)BlkiLv^ idv Ös yvvaiKug^ 
iq> alönsQ (seil. ßUf ato;|rt;vd*E/0«6$) ovk dnoKtBivuv S^bötiv^ 
iv tolg avtoig ivixB^^ai^^^ d. h. wenn Biner eine freie oder eine 
wierwachsene Person nothsüchtigt, soll er mit ^mX^ ß^^ßv b®~ 
straft werden ; wenn eine (Terheirathete) Frau , bei welcher den^ 
der €kwalt braucht, su tödten (durch das Gesetz) nicht erlaubt 
ist, so soll er dieselbe Strafe (wie der Nothsuchtiger im ersten 
Falle) erleiden. Wenn nun mein Beurtheiler einwendet, die Par- 
tikel di müsse hier noth wendig einen Gegensatz ausdrücken, so 
beweist dies , dass ihm der gewöhnliche Gebrauch des ds in Ge- 
setsen zur blossen Verknüpfung, gar nicht bekannt ist. Wenn er 
ferner behauptet, es sei nicht wahr« dass man den. Nothzüchtig^r 
einer Ehefraa nicht habe tödten dürfen, und in Folge dieser 
seiner Meinung, dass die Tödtuog eines Solchen erlaubt gewesen 
sei, die Stelle durch eine Conjectur: „xal iq>' alönsg dttoiKTBl- 
vBtv^ Yerbessern zu können glaubt , so ist er im unverzeihlich- 
sten Irrthniii befangen, den er aus der Betrachtung der Folge- 
rungen, die Lysias ans jenem Gesetze zieht, selbst hätte erken- 
nen müssen: „ovro Tovg ßia^ofisvovg iXdttovog ^f^iilag 
c^lovg iqyijöato ^Ivai '^ xovg xsl^ovtag' xäv filv yäg ^a- 
t^ttvov uaxsyvm^ xolg dh d^nkijv ixalifis xriv ßlißriv x. r. ^.^^ 
Trotz dieser ausdrücklfchen Erklärung des Lysias, dass der 
Nothxächtiger einer Frau nicht getödtet werden durfte, leugnet 
Hr. P. in unverantwordichem Leichtsinn diese Thatsache, und leg^ 
mit Hülfe seiner Conjectur in die letzten Worte des Gesetzen den 
Sinn : „es sei ganz gleich (so kann Iv xolg caholg IvixBödixi nie 
übersetzt werden), ob einer eine Ehefrau mit Gewalt 'schände 
oder eine andre Ton den Personen, 1^' alöitsQ AnouxBbifBiv 
Ui6ta^ (Hr. P. meint, man könne sie \m beiden Fällen tödten). 



Ton Schellingii de Soloois legibn« dissertatio. zm 

Dass als Strafe der Nothsncht an einem freien Weibe Selon eine 
Geldstrafe feittgesetat habe, Tenichert nberdiea Plotarch (So!. 
C.23.). Daa ^^dml^v ßlaßrjv^ erklart Hr. P.: „es sei, da die 
Todesstrafe nicht habe beantrag (1) werden Itönnen , eine Klage 
ßkcißf^g geführt worden/^ Solon, der wegen jeder vßgig eine 
öiSrentliche Klage salleas, soll aus der Nothzacht nur eine Privat- 
klage (denn dies Ist die dlxti ßkaßrjg) gestattet haben — und 
zwar auf das Doppelte des geschätzten ^^Schadetuf'^ der Noth- 
Zucht ! ! Weiche lächerliche Ungereimtheit ! 

In seinen Bemerkungen zu meinem 16. Capitel erklart Hr. P; 
die Worte: ^^lav iaIv IxlxktjQog rig ^^S die er noch in seiner 
Doctor- Dissertation (wie iclrp. 98. gezeigt) v^^si dives filia est^^ 
übersetzt hat, ganz richtig; also scheint für Hrn. P. wenigstens 
meine Abhandlung doch ,,etwa8 Neues^^ enthalten zu haben und 
nicht so ganz ,,ohne Nutzen^' gewesen zu sein. 

Ueber die Ansicht des Hrn. P. , dass die ixlxXrjQOi Theile 
der Erbschaft gewesen seien, brauche ich nicht viel Worte zu 
Terlieren; denn dass die Töchter wirkliche Erben und nicht 
Sachen waren , ergiebt sich aus der Betrachtung der Grundsätze 
des attischen Elrbrechts (z. B. der Regel : xgarelv ds zovg S^Qsvag 
X« r. iU) so Ton selbst und ist von den Schriftstellern über diese 
Materie, Yon Jones bis t. Boor, so entschieden anerkannt, dass ich 
jenen Irrthum des Hrn. P« nicht anders erklären kann, als durch 
eine Verwechslung der virgo hereditaria des attischen Rechts mit 
dem servos hereditarios der Römer, von dem Hr. P. wohl einmal 
gehört hat, dass er ein Theil der Erbschaft war. Die uneigent- 
liche R^denatttt^^KX^Qov6(iovxki]Qovo(ieTv^^ (bei Dem. ad EubnI. 
§ 41.) kann natürlich Nichts beweisen. .Merkwürdig ist es, dass 
Hr. P. zur Zeit , als er seine Doctor - Dissertation verf asste , jenes 
angebliche Princip des attischen Erbrechts , ,,da8 sich in jeder 
Erbklage findet^% noch nicht entdeckt hatte; denn in dieser lesen 
wir (p. 34.): patris mortui hontt pariter inter filios et filiaa divh- 
debantur (was übrigens ganz unrichtig Ist, da e^ dem Grundsatze 
^jTiQazBlv rovg S^QBvag^^ völlig widerspricht); hier sollen also 
die Töchter mit den Söhnen erben, näher bestimmt Hr. P. seine 
Ansicht so, dass die Töchter bis zu ihrer Verheirathung ihren 
firbschaftstheil ^^dvvtifiei tantummodo po68ederint^^ Hr. P. sollte 
gich erst ein besseres Verständniss der Aristotelischen Kategorien 
▼erschaffen, ehe er sie mit so viel Weisheitsdünkel anzuwenden 
versucht. Denn da der Besitz dem juristischen Begriff nach 
immer actus ist, so ist, von einem potentiellen Besitz zu reden, 
widersinnig. Die Bedeutung der Worte: ^^xgaTBiv öi tovg ä^§s- 
vctg Hai rovg Itc roSv d^givcjv^ idv Ix x&v avtäv oöi xal idv 
ytvEi.ci«mtiQCi>^^ im Erbrechtsgesetz bei Dem. adjtlaeart. § 87. 
sind so dunkel und die einzelnen Anwendungen derselben bei den 
attischen Rednern so zweifelhaft und theilweise widersprechend, 
das» sie wiederholt der Gegenstand ausführlicher und eifriger 

B 



XTiii Bemerkungen aber eine Recension 

Erörterungen geworden sind (von Jones ^ Bunsen, Platner, Schü- 
mann, V. Boor) und wohl über keine andre attisdie Gesetaea- 
stelle auch nur halb so viel geschrieben ist, wie über jene Worte. 
Ich habe versucht, die Formel im Geseta bei Demosthenes nach 
der Lesart hei Isaeus (de Apoll, hered. § 20.), wo ^ie Formel ao 
erwähnt wird, dass die letzten Worte: „iat^ m tovriov (oder 
Ix tovr&v avt&v) ca0t xul iäv yivsi ditouQOff'' lauten (eine 
Lesart, die bei Isaeoa koineswegj» „die scblechten^S sondern alle 
Manuscripte ausser zweien haben), zu emendiren und also „Ik 
%ovTC9u^^ zu lesen, um auf diese Weise die obwaltenden Wider-^ 
Sprüche aufzulösen. ^Eh zovrs^v bezog ich auf die vorher ge- 
nannten Verwandten, welche Erklärung keineswegs „wider die 
"Bprache^^ ist, da einige Zeilen später aivt^ tavvm^^'' in der- 
selben Beziehung vorkommt. Dass nun Hr. F., ohne auf die 
höchst wichtigen Innern Gründe im Geringsten einzugehen, uoi- 
gekehrt wegen falsch angegebener äusserer Grunde die Stelle 
hei Isaens aus der bei Demosthenies emendirt, wodurdi nicht nur 
die Innern Widersprüche nicht gehoben, sondern die Stelle hei 
Isaeus auch völljg unverständlich wif^, ist seinem Geiste ganz 
gemäss. — Wenn Hr. P. zu der Emendation, die ich In Cap. 22. 
in der Stelle des Lys. in Theomn. § 17, vorschlug: „icai Qln^ag 
ßXdßf^^ xiiv dtstl^v dvtti. og^fUs^v'S bemerkt, ich schiene 
schon vergessen zu haben , dass ich p. 89. im Gesetz bei JLys, de 
eaed. Eratosth. § 32. das xi^v dmktjv auf ein diesem vorausgehen^ 
des Gesetz bezogen hätten in welchem die simplex multa bestimmt 
worden sei, so verwechädt Hr. P. hier gradezu die öffentliche 
Strafe der Nothzucht mit der Frivatstrafe aus Schadenazufiignng. 
Die Strafen waren natürlich in beiden Fällen wesentlich verschie- 
den, daher auch die W^orte f^v dmX^v (die an sich keine be- 
stimmte tei^hnische Bedeutung haben) im Gesetz über die Noth- 
zucht anders erklärt werden «nussten , als in dem Fragment über 
Schadenersatz ; in jenem wird die Nothzucht an einer freien Per- 
son mit dem doppelten Betrag der öffentlichen Geldstrafe, die 
den Nothzüchtiger einer' Sklavin traf, bedroht; in diesem (so 
nehme ich an) wird festgesetzt, dass, wie im attischen Rechte 
regeimäsjiig bei jeder absichtlichen Bescliädigung das doppelte 
Interesse ersetzt werden musste (Dem. in Mid. § 43.)^ auch um 
eines einem Sklaven zugefugten Sichadens halber der Herr des 
Sklaven (mit der gewöhnlichen Poenalklage) das Doppelte des 
Schadens fordern konnte. Diese Unkenntniss eines so bekannten 
und .wichtigen Untersduedes« wie des zwischen eiaer öffentlieheii 
und Privatstrafe, führt wieder einen Beweis der juristiscbea Be- 
griffslosigkeit des Hrn. P. 

Noch habe ich zu bem^ken, dass die Behauptung des Hrii. 
P. , ich habe* meine Arbeit in das Lateinische übersetzt , nidMs 
weiter ab eine Unwahrheit ist, wekbe nicht einmal auf einer 
irgendwie beg^rüadeten V^rmuthung beruht, da Hr. F. das Gegea- 



' Ton Schellingii de Solonis legtboi disflertatio. 



XU 



theil aui den publicirten Ürtbeil der Münchoer FaculUierfthreii 
konnte , welche meine Arbeit ausdrücklicli aU eine iateinigcbe 
bezdchnete. In der Absiebt, nur Yerstögae gegen die lateinische 
Sprache und Grammatik nachzuweisen, fuhrt er einen Druckfehler 
an, den gleich ^eder als solchen erkennen muss: Petitus et Gan- 
sius cenaet (statt censent); ferner macht er mir ^Vorwurfe über 
Aedeweisen und Autdrucke, deren Tadel umgekehrt die Unkennt- 
iiiss des Hrn. P. beweist, da dieselben entweder grade so classisch 
8i9d,^wie: non defuerunt, qui a linguae graecae et iuris attici 
scientia pariter initructi (diese Ciceronianiscbe Redeweise ist' also 
Hrn. P. nie Torgekommen), oder wenigstens gans richtig sind, 
wie sequitnr mit Acc. cum Inf.: „mirabitur forte quis^^; „senaum 
fwrte satis expresseris^^ ; „caedis eaiua exul^^; „de legum abrogao- 
darum ratione quam tilgst/ SoIon*>S „Nomine veniebat^^ ist p. 28. 
?on mir wie usu venire gebraucht; nomine venihiA wurde an dieser 
Stelle ^r keinen Sinn geben, mid Ausdrücke, wie „principium 
de maribos ante feminas ad hereditatem vocandis^^ p. 122. oder 
„locus, in quo clausula ilia exliibebatur^S *iod bei Erörterung 
juristischer Fragen, wo es um einen präcisen Ausdruck au thun 
ist, unvermeidlich. Auch will Hr. P. in folgenden Stellen Germar 
nismen gefunden haben: „quuih Meierus praesuropsisset^^(p.83.; 
dies'heisst nicht, wie Hr. P. übersetzt: „da Meier präsumirte'S 
sondern; „da Meier von der vorgefassten Meinung ausging^^). 
„In arehivis descriptas Draconis leges*^ (p. 02.); von diesen Werk- 
ten meint Hr. P., sie hätten im Deutschen gelautet: „Die in den 
Archiven abgeschriebenen Draconischen Gesetze^S was ganz sinn- 
los wäre; denn die Gesetze wurden zwar /är die- Archive, aber 
nicht in den Archiven abgeschrieben, da man doch die 6xriKa<^ 
Behufs der Abschrift nicht in die Archive tragen konnte. Zudem 
habe ich diesen Ausdruck wörtlich aus Salmasius (de modo usur. 
P; 768.) entlehnt, dessen Behauptung ich daselbst in indirecter 
Rede anführe. Offenbar hat also Hr. P. den von mir citirten 
Salmasius nie auch nur nachgeschlagen, oder glaubt er, Salmasius 
habe ursprünglich auch in deutscher Sprache geschrieben ? Zum 
Schlüsse will ich noch fragen , welche Berechtigung meinen latei- 
nischen Styl durch missgünstige Vorwurfe herabzusetzen Hr. P. 
haben kann, der in seiner Doctor- Dissertation so unglückliche 
Proben seiner lateinischen Sprachfertigkeit gegeben hat, dass 
man wohl ohne Uebertreibung behaupten kann : seitdem Disser^ 
tationen auf Universitäten geschrieben werden, ist nie von ein^m 
Philologen eine Dissertation in so schülerhaftem und von Gram- 
matikalfehlern durchwehtem Latein geschrieben worden, als das- 
jenige ist, was Hr. P. in jener Dissertation zar Schau trägt., 
Proben gebe ich in der Note '*'). Indem ich nun die von Hrn. P. 



"^^ Die Abhandiang „de Solonis legibus Specimina'^ hat 31 filfiten 
in kl. 8. , wovon mindestens 14 auf griechische Texte zu rechnen sind. 



XX B^merkk. üb. eine Recens. v« Schellingii d^ Sol. legg. dissert. 

meiner Abhandlung gemachten Vorwurfe beleuchtet habe, wird 
die entschiedene Sprache, die ich gegjen diesen zu fuhren mich 
veranlasst sah , bei den Männern der Wissenschaft nicht als ein 
Zeichen der Selbstüberschätzung angesehen werden; dehn ich 
habe in der Vorrede meiner Schrift wiederholt erklärt, dass ich 
nur im Vertrauen auf die Sitte und Gewohnheit, durch welche 
Publlcationen Ton Preisschriften gerechtfertigt werden, meine 
Schrift der Oeffentlichkeit übergeben habe; ich hoffte, dass, 
wenn die Männer der Wissenschaft mir auch nicht immer bei- 
stimmen könnten, doch einzelne Erörterungen und die Anlage 
des Ganzen mit beifälliger Gewogenheit aufgenommen würde; — 
eine Aufnahme, wie sie auch meiner Schrift Ton Seiten Schö- 
mann^s (im Ind. Lect. Gryphiswald. a. 18|f •) geworden ist. Je 
höher ich nun immer da» Uriheil der im attischen Rechte ausge- 
zeichneten Männer ehren werde , desto mehr glaubte ich , gegen 
einen Prantl^ der sich zuerst durch eine unedle Herabwürdigung 
eines seiner frühern -Studiengenossen bekannt zu machen bestrebt 
hat, und sein Ziel weder durch Verdrehungen und Unwahrheiten, 
noch durch unberufene Eindrangung in rein juristische Fragen zu 
erreichen verschmähte, indem er zugleich die Blosse seiner atti- 
schen Rechtskenntniss und die Schwäche seiner Jurist. Distlnctions- 
kraft unter dem Deckmantel wohlfeiler Compilationen vergeblich zu 
verstecken sucht, — um so mehr glaubte ich gegen einen Solchen 
eine entschiedene Sprache führen und die Grundlagen, auf denen 
aeine Vorwürfe beruhen , ohne Schonung beleuchten zu müssen. 

Hermann Schelling. 

Ich hebe nar die fehlerhaftesten Stellen aas: „Aliam difficultatem et eam 
inextricabiliorem praebet discernere velle, num sccundum ins atticain 
patre mortuo res.pariter inter filios et Alias divisa sit an non; duo enim 
Isaei oratoris loci exstant, quorum alter alierum affirmat (dies soll 
heissen: ,Jede Stelle sagt etwas Anderes aus'M), quam discrepantiam ac 
potius eontradictionem nemo adhuc animadvertit^' (was übrigens nicht wahr 
ist) p. 22 sq. In der Vorrede : „magis perfecta in lucem prodere vale- 
mu8^^; „e prisciore aevo" (p. 7.); ythuc accedit, oratores constare^^ (p-^O» 
„1(2 igitur inde proficiemus , ut persuasum nobis esse possit , qaarnmcua- 
que legum autor Solon ab oratoribus nominatur^' u. s. w.; ,,Fabricam 
gladiariam^^ (ip, 11.); „quis igitüv dtxodtv iiia&otpoqst; is, qui daabas 
ex personis vel causis mercedem accipit, i. e. qui ab aliquo mercedem 
accipit, ut aliquid faciat, aut quia aliquid iam fecit, simul yero ab altero 
quodam mercedem accipit, ne illam ipsam rem faciat, aut quia prorsas, 
non vel saltem male fecit" (welche Unbeholfenheit 1 — p. 12.) ; „Diogenes 
nil aliud ac perscrutatus esse videtur, quas yetustas leges reperirct, mi- 
nime carans , unde pettertt et in quem populum igitur ferendae sint" (dies 
soll heissen : „welchem Volk sie zuzuschreiben sind") ; ^,Oratorem eam 
(seil, legem) non ita inteliexisse totus loci contextua monstrat ; tarnen vero 
fortaase (aber doch vielleicht — !!) consulto in tabulis lex ita ambigae 
expressa erat" (p. 26.)- 



RTene 

JAHBBÜOEnSR 

für 

PhUolog^e und Paedag^og^lk, 

oder 

Miritische BiMiotheh 

ffir das 

filclml- und UnterrichtsweseiL 



In Verbindung mit einem Vereine von Gelehrten 

heraasgegeben 
von 

RI. JToJkmn ifhriHian Jfahn 

and 

Prof. Meinhoid^ MOotm. 




Achtonddreissigster Band. Zweites -Heft. 



r ^ 



Druck und Verlag' von B. G. Teubner. 

1843. 



Kritische Beurtheilungen^ 



Geschichte des römischen Staats mit vonaglicher Be- 
rücksichtigung der Chorographie und Antiquitäten. Naeh den Quellen 
und neuesten Forschungen für die obern Classen der- Gymnasien und 
Realschulen bearbeitet von Dr. Heinrich Eduard j^pel^ Lehrer am 
Gymnasium zu Alteaburg. Leipzig, Verlag von Mayer und Wtgand, 
1843. XVI und 276 S. kl. 8. 

Jlerr Dr. Apel, dem seit längerer Zeit der Geflchichtsunter- 
richt an dem lierzogl. sächs« Gymnasinm zu Altenburg anvcrtraiit 
ist, fühlte den Mangel eines geeigneten Lehrbuches der romi- 
schen Gesehichte für die obern Glassen höherer Lehranstalteo^ 
indem die Bearbeitung der römischen Geschichte Ton Püts nur ^ 
einen integrirenden Theil seines Grundrisses der Geographie und 
Geschichte etc. bilde, ein Umstand, der auch den ähnlichea 
Werken über römische Geschichte von Grysar, Schmidt nnd 
Andern im Wege steh^, Fiedler 's ,,Geschichte des römischen 
Staats und Yolkes^^ aber in ihrer jetzigen Umarheitung (3. Aufl. 
1839. 528 S.) nicht bios als Compendium für die obern Classen 
in Gelehrtenschulen bestimmt- sein, sondern auch als Handbuch 
für Lehrer und classisch gebildete Männer jedes Standes dienen 
solle. Er entschloss sich deshalb, nachdem er die Gesclyichte 
Griechenlands für Jugend und Volk 'in dem 9. Bändchen der 
,,Ge8chicht8hibliothek für's Volk'' (Leipzig bei 6. Wigand. 1841.) 
in etwas andrer Weise, lioch mit Fleiss und Sorgfalt dargestellt, 
jetzt ein Lehrbuch der römischen Geschichte für die 
obern Classen der Gymnaaien und Realschulen auszuarbeiten^ 

Dabei ging er nach des Ref. Ansicht mit vollem Rechte von 
der Ueberzeugung ans , dass ein blosser Leitfaden , eine blosse 
Aufzählung von Zahlen und Thatsachen für die reiferen Schüler 
ungenügend und weder zum Festhalten, noch zum Wiederholen 
des Vortrags brauchbar sei. Er nahm sich vor, ein erzählen- 
des Lehrbuch auszuarbeiten, so^ wiö es ein Circular-Rescript 
des hohen königl. preuss. Ministeriums der geistlichen, Unter- 
es* 



116 Geschichte,' 

rlchU- und Medicinalangelegenheiten ao die PrOTincialscliolcöl«- 
legten verlange, ^ein Handbuch, welches in lebendiger Darstel- 
lung^ ziiaammenhangend erzähle,^^ zunächst für den Schüler^ theils 
^zur Vorbereitung für die Geschichtsstunden, theils und vorzüg- 
lich zur WiederboUing oder auch schriftlichen Ausarbeitung des 
vom Lehrer Vorgetragenen, Welches dann der Schüler frei wieder 
zu erzählen habe. 

Dabei hat nun der Hr. Verf. die Quellen, welche er fleissig 
benutzt hat , ganz absichtlich theils im Text (iu Uebersetzung), 
theils in den Anmerkungen (in der Grundsprache) selbst reden 
lassen, und obschon er die neuesten zahlreichen und gediegenen 
Forschungen im Fache der römischen Geschichte gewissenhaft 
gebrauchte, so hat er sich doch in Bezug auf die älteste römische 
Geschichte der. Hyperkritik enthalten, ^^Iche seit Niebuhr auf 
diesen Theil der röm. Geschidite' auflösend eingewirkt hat, und 
die wenigstens in einem derartigen Lehrbuche nicht die' Ober- 
hand gewinnen darf. Ref. glaubt, dasa hierbei den Hrn. Verf. 
richtige Grundsätze geleitet haben; man mag dem Schiller die 
älteste romische Geschichte, wie sie uns in den alten Quellen 
überliefert ist, nicht als reine lautere Wahrheit auftischen, allein 
mit den Sagen , wie sie zum grössten Theiie in dem röiüischeo 
Volke irelbst Glauben fanden, muss er d^ch bekannt werden ; und 
so ist es gewiss am besten, ihn bei den. ersten Vorträgen über 
römische Gesobichte zunächst iu jenen Sagenkreis einaufoliren, 
damit er später bei gereifterem Urtheile das Ueberlieferte prüfen 
und das Wahre von dem Falschen ausscheiden könne; 

In der Aaswahl der liistoriBchen Facta ist der Hr. Verf. Ton 
dem Grandsatze ausgegangen, nur das in seine Darstellung auf* 
zonehmen,. was zum Auffassen der Haupterelgiiisse und des Za- 
aammeuhanges derselben wesentlich beiträgt; das allzu Einzelne, 
das wehiger in den Gang des Ganzen Eingreifende ist wegge- 
lassen oder nur ganz kurz angedeutet worden. Sowohl hiermit, 
wie mit dem Streben des Hrn. Verf., die innern Verhältnisse und 
ZnatSnde oder die Entwicklung und die Veränderungen der Staats- 
verfassung, welche besonders^ aus dem innern Kampfe zwischen 
den Patriciern und Plebejern hervorgingen, vorzugsweise darzu- 
legen, sowie die Ursachen der Parteiun^en, die Tendenzen der 
Parteihaupter kurz zu entwickeln und die Persönlidikeit und den 
Charakter der letzteren zu schildern, erklären wir uns vollkom- 
men einverstanden. Dass Ref. dagegen an mehr als einer Stelle 
mil der Aofifassung des Einzelnen mit dem Hrn. Verf. nicht einer 
und derselben Ansicht sein kann, whrd weder ihn selbst, der die 
Schwierigkeit seiner Aufgabe wohl kannte, noch irgendJFemanden 
befremden, der die verschiedenen Anaie&ten im G^iete der römi- 
schen Geschichtsforschuttg kennt und zu würdigen versteht. Auch 
ist es gar nicht des Kef. Absicht , sich auf eigentlich geschicht- 
liche Erörterungen einzulassen, da diese Controversen im Grunde 



' , 



. Apel: Gescfaichte dea römischen Staat.«. 117 

mit dieseiB Lehrbuche we«!^ su selurffen hab^n, desnen haopt- 
saehlichste Aufgabe es war^, die römiocbe Geschichte aach den 
besten Hnlfsmitteln knrs und fvsfilich rorzn tragen; eine Anfgabe, 
die iem Hrn. Verf^ nach des Ref. Ueberzeognng sehr wohl gelun- 
gen ist, insofern nicht nur der Ton des Vortrags, die Wahl des 
Stoffes und die Darstellung des Einseinen im Ganzen aller Aner- 
kennung werthv sondern auch der Stil selbst fast rfnrchgängig cor- 
rect und gefällig zu nennen ist und nur an einzelnen Stellen noch 
der Feile bei ein^r neuen Bearbeitung bedürfen wird. 

Feh gebe eine Uebersicht dos Ganzen, damit man die Ver- 
theilung dcB Stoffes, die Hrn. A. nicht minder gelungen zu sein 
scheint, beurtheilen könne; und werde dabei auch einige gele- 
gentliche Bemerkungen über das, worin ich mit dem geehrten 
Hrn. Verf. nichi übereinstimme , hinzufügen. 

Das Lehrbuch begmnt S. 1 — 32. mit: I. Choroeraphie d9$ 
romiacken Reichs, 1. Geographie Italiens (S. 3 — 27.). 2. Geo- 
graphische Uebersicht der rbmischeA Pr6vin%en ausserhalb ha-- 
Kens (S. 27 — 32.). Wenn nnp schon diese geographischen Um«- 
risse Ihrer ganzen Anlage und Natur nach etwas dürftig erschei- 
nen , so werden sie doch genügen , unter Benutzung der nöthigen 
Karten über die alte Welt ein richtiges Bild von der geographi- 
schen Lage, der Ausdehnung und dem Umfange des römischen ' 
Reichs zu gewähren, und sie mögen also immerbin, ehe zur Ge- 
schichte selbst geschritten wird , von dem Schüler gelesen und 
benutzt werden. Nur Weniges haben wir hier zu bemerken. In 
Bezug auf die Lage des alten Roms und die Verändeniogen , wel- 
che nach und nach dasselbe erfahren , Worüber sich Hr. A. 8. 13. 
auf Ruperti^s röm. Alterth. I. 113. beruft , ist jetzt noch die vor- 
treffliche Schrift von W. A. Becker: De Romae veierismuria 
atqueportis (Lipsiae, 1842. 132 S« 8.) nachzutragen, die, hätte 
sie der Hr. Verf. zu rechter Zeit noch benutzen können , dem- . 
selben gewiss grössere Dienste als die Riiperti'sche würde ge- 
leistet haben. S. 15« nennt der Hr. Verf. die Via sacra mit 
Recht eine der prächtigsten Strassen der Stadt, allein er hatte wohl 
die. gewähltere und der classischen Latinität vorzugsweise eigen- 
thümliche Wortstellung Sacra via wählen sollen, worüber zu ver- 
gleiclien C. Göttling: De sacra via Romana ^ im Archiv für 
Philol. u. Paedag. Bd. 3. S. 631. W. A. Becker a. a. O. S 23 fg. 
Anm« 18. Denn wenn schon die Wortstellung via sacra in der 
Sprache Aei Volkei^, welches allemal am längsten an der elgent^ 
liehen Bedeutung eines Begriffes festhält und die eigentliche ap^ 
pellative Geltung schwer fallen lässt, nicht ungebräuchlich ge- 
wesen zu sein scheint, da Plin. h, n. XIX, 1, 6. Sueton. Fitell. 17. 
Ascottius ad Cic. pro Milon, 14. p. 48, 14. ed. Bait. dieselbe sogar 
in die Schriftsprache aufzunehmen sich nicht scheuten, so be-' 
trachtete die vornehmere Welt doch sehr bald Sätra via als 
einen Begriff und Hess das Appellative fallen, indem es die 



1 



118 . Geschiishte. 

Wortstellung sacra via^ wodurch der Begriff saera meb hervor- 
gehoben wird, alg stehend und zwar als Nomen proprium betrach- 
tete; womach em ähnlicher Unterschied zwischen beiden Wort- 
stellungen blieb, wie bei uns zwischen den Benennungen die hei- 
lige Strasse und die Heiligenstrasse, der fieue Markt 
und der Neumarkt. Auch hat Hr. A» nicht woh) gethan, & 16. 
unter den berühmten Thoren der Stadt die Porta triumpkalis 
mit aufzuführen. Denn ausserdem dass dieses Thor wohl nur in 
der besondern Beziehung zu nennen war, so hat ja auch neuer- 
dings W. A. B e c k e r in der angeführten Schrift S. 81 — 93. die 
Porta triumpkalis als eigentliches Stadtthor ganz in Zweifel zu 
ziehen gesudit, und in einem so kurzen Abrisse i^ar alles Strei- 
tige und Zweifelhafte ganz zu Termeiden« — S. 18. führt der 
Hr. Verf. zum Belege davon, dass Campanien der blühendste und 
fruchtbarste Theil Italiens gewesen sei, an: Plin. h. n. 18, 11, Flor. 
1, 16. Mit Unrecht überging er die beredte Schilderung Cice- 
ro^s de lege agrar. I, 7, 21. colL II, 29, 80 fg. und die Yarro's 
in- den Fragm. p. 207. ed. Bipont. Auch S« 30. müssen wir noch 
eine philologische Bemerkung an Hm« A.*s Angabe: „Byz&ntium 
(Constantinopolis; Istarobul aus Iq xdv noUvy^ anknüpfen. Denn 
diese Erklärung des corrumpirten Istambul ist etwa so , wie die 
Cicero 's, wenn er occare von oceaecare ableitet,- oder wie 
wenn man lueus a non lucendo bena^nt wissen will. Denn er- 
stens sprach man nicht dorisch -griechisch in jener Gegend, 
sodann, wie ward das ganze Sätzchen Ig %otv nokiv Benennung 
der Stadt 1 Die Sache verhält sich also: Die Türken konnten, 
wie es uns bisweilen mit russischen und andern slawischen Namen 
geht, sich vermöge ihrer verschiedenen Sprachgewöhnnng in den 
langen Namen KcJvöxavtivonoXtg nicht recht schicken ; sie kürz- 
ten und corrumpirten ihn also , indem sie die mittlere Silbe des 
Wortes Kav^ftavT^vo — als etwas Charakteristisches festhielten, 
das IT^brige aber fallen Hessen, und machten daraas Stambul^ 
etwa so, wie sie aus Königs mark in neuerer Zeit Swonsmark 
und Aehnliches gemacht haben; das t ward vorgesetzt, weil 
die Araber den Anfang mit zwei Consonanten scheuen und sodann 
einen leichten I- Laut vorzuschlagen pflegen, wie wenn sie statt 

Piaton sagen: Iplatuni C^^^^ J? ""^ Aehnltches mehr. So 
imd nicht anders entstand der Name Istambul oder Stambul^ und 
Hr. A. hätte also einfach sagen sollen: „Constantinopolis, von 
den Türken in Istambul oder Stambul corrumpirt.^^ Doch 
diese und ähnliche Ausstellungen, die bei dem Gebrauche des 
Werkchens auf Schulen nicht so unbedeutend sind, als sie er- 
scheinen könnten, wird der Hr. Verf. bei einer zweiten Auflage 
mit leichter Mühe beseitigen können. Sie mögen ihm von unsrer 
Seite beweisen, mit wie scharfem Auge wir auch dieser einleiten- 
den chprographischen Darstellung gefolgt sind. 



Apeh Geschichte de« römischen Staats. HO 

Wenden wir «mr m dem sweften Äbichnitte oder dem ekent- 
lichen Kerne des Werkes, so finden wir S. 33—244. II, Ge- 
schichte der Römer. Hier zahlt Hr. A. einleftnn^weise lurBr- 
derst die alten Völker Italiens aaf, die er in ilteste YS!- 
kerstfimme, welche in Italien fruhseitigr sesshafi geworden 
waren , und in spater eingewanderte Völker zerfallen lisst. Er- 
stere Pelasger, Umbrer, Ligurer, Sabiner, Osker, letztere 
Etrasker, griechische Niederlassungen in Grossgriechenland, 
Gallier. Daran knüpft er 8. 40 — 42. die Sage Ton der Grün - 
düng Roms und lässt S. 42—61, den ersten Zeitraum 
folgen: Born unter KöfÜgen (758 — 510 v. Chr.). Zweiter Zeit- 
raum. Rom als Republik (509—30 v. Chr.), S. 61 — 177. 
Erster Abschnitt. Bis zu der politischen Gleichstellung der 
Patricier und Plebejer und der Unterwerfung ^on {Mittel- und 
Unter-) Italien (266), S. 61 — 99. Zweiter Abschnitt. Von 
der Unterwerfung Italiens bis auf den Anfang der Graeehi^ 
sehen Unruhen (133 t. Chr.), S. 99—133. Dritter Abschnitt. 
Von den Gracchischen Unruhen bis auf den Untergang der 
Bepublik (133 - 30 v. Chr.) , S. 133 — 177. Dritter Zeitraum: 
Born nnter Kauern (80 v. Chr. bis 476 n. Chr.), 8. 1T7— 244. 
Aus den bereits oben bezeichneten Gründen wollen wir uns hier 
nicht auf weitläufigere Erörterungen einlassen, im Ganzen sind 
wir mit des Hrn. Verf. Wahl, Auffassung und Darstellung der 
geschichtlichen Verhältnisse ToUkommen einverstanden. Eigent« 
liehe Unrichtigkeiten sind uns fast nirgends aufgestossen, oder 
höchstens da, wo bis auf die neueste Zeit die Gelehrten selbst 
schwankten, wie z. B. in Bezug auf den Ursprung der FescennU 
nen^ die auch Hr. A. S. 39. för etruskischen Ursprungs hllt, 
wenn er ?on den Etruskern sagt : „Ihre Sprache bestand nur in 
gottesdienstlichen Liedern und in Fescenninen (launigen Verhöh- 
nungen in Wechselversen). Doch haben sie (die Etrüsker) durch . 
Sitte und Einrichtungen mehr auf die Römer gewirkt, als diese 
in spätesn Zeiten selbst wissen Inochten.^^ Ich stimme ihm In 
Bezug auf die erste Behauptung gar nicht, hinsichtlich der letz- 
tern nicht ganz bei. Die erste Angabe gründet sich auf eine 
Tradition, die längst aus der lateinischen Literaturgeschichte 
entfernt sein sollte. Diese Tradition stutzt sich nur auf die un- 
verbürgte Angabe der Grammatiker; dass der Versus feseenninus 
Ursprung und Namen der etruskischen Stadt Fescennia^ wie sie 
Plin.. III, 5, 8. nennt, oder Fescennium^ wie man bei Dionys. 
Halic' Antiq. Rom. 1, 21. in den Worten OaXigiov öi xal Öe^ • 
Cxivpiov Kzi. statt des handschriftlichen 0a6xiviov hergestellt 
hat, zu verdanken habe. Sie ist angemerkt inPaulliDia« j 

coni Excerpt.'p. 64. ed. Lindem., wo es heisst: Feseennini i 

versus y qui canebaniur in nuptiis^ ex urbe Fescermina dicuntur 
ällaii^ sive^ideo dicti^ quia fascinum pulabantur arcere j sowie 
bei ServittS ad Aen. VII, 695. Fescenninvm (so lese man naiclp 



126 



iGreschichte. 



den altera Ausgaben stati der Vulgata Feseennium ; ed ^steht 
Feecenninum oppidum^S9\e bei Paulluft Diaconus Fescenmna 
urba) oppidum est Campaniae^ ubi nuptialia inventa sunt cur- 
tittno» Hi autem populi ducunt hriginem ab Alheniensibus. Eä 
ist aber diese Annahme der alten Grammatiker, dass der Fersus 
fescenninua von der Stadt Fescennia benannt sei, eben so sehr 
aus der Luft gegriffen, wie dass der Versus Saturninus vonMer 
Stadt Saturnia benannt sein soll, und was dergleichen Fabeln 

' haftes mehr ist. Der Versos fescenninus, den auch HoraiE^ 
Epist, II, 1, 139 fgg. keineswegs aas Etrurien abgeleitet wissen* 
>^ill, sondern vielmehr als aus den romischen ländlichen Festen 
und Schäkereien erwachsen bezeichnet, hat gewiss nichts mit der 
Stadt Fescennia gemein. Offenbar war das Wort fescenninus 
ursprünglich rein appellativ und bedeutete, verwandt mit den 
lateinischen Ausdrücken: 'fascinus^ fascinum^ effascinare und 
praeficiscini diefire ^ blos spöttisch, beschreiend, hervor- 
gegangen aus dem griechischen ßtt0imlvsiv^ womit ßaöKCivogj 
ßaCKavla u. dgl. m. zusammenhängen. Diese Möglichkeit sahen 
sdion die alten Grammatiker, s. PauiliDiaconi Excerpta, 
p. 64., und das zur Ableitung nothwendige Mittelglied yonfescen- 
mnus Eufascmus geben schon dieselben Excerpta p. 65., woselbst 
6s heiss^: Fescenoe vocabantur^ qui depeüere fuscinum ere- 
debantur^ s« Lindemann ad i. I. p. 424. Sonadti wäre fescenoe 
so viel als/asct9ii zu Plinius' Zeit gewesen, s. dessen Mst. nat. 
X3LV1I1, 4, 7., und versus fescennmus so viel als versus fascini 
8. orationis invidiasae plenus^ womit der etrurische Ursprung 
wie von seibat zusammenfällt. Was nun aber die zweite Behaup- 
tung des Hrn. Verf. betrifft, dass die Römer überhaupt mehr voa 
den Etraskern entlehnt haben, als sie später hätten selbst wissen 
wollen, so war es an sich gar nicht der Fehler der Römer, von. 
Aussen Ertialtenes zu verleugnen, da sie sich ihrer Innern Kraft 
und ihres politiscHen Uebergewichts frühzeitig bewusst wurden 
und nicht ängstlich darauf bedacht zu sein brauchten, schwache 
Seiten zu bedecken. Sodann konnten auch bei der nachweislichen 
Verschiedenheit ihrer Sprache von der der Etrusker die Römer 
nicht so Vieles von den Etruskern unmittelbar entnehmen, wie 
man wohl bisweilen angenommen hat. Auch vdrd, wo Entleh- 

^ nungen aus Etrurien vorkommen , die Sache lediglich auf die ara 
divina beschränkt. Ich habe deshalb bei meinen literar-histo«^ 
rischen Forschungen nicht sehr vi^le etruskische Elemente in der 
lateinischen Literatur, nicht den grossen Einfluss auf den römi- 
Bchen Volkscharakter wahrnehmen können, als von mehreren Sei- 
ten angenommen worden ist; und möchte deshalb auch Hrn. A.'8 
Angabe beschränkt wissen. . 

Schätzbare und zur Charakteristik einzelner Personen treff- 
lich geeignete Bemerkungen giebt der Hr. Verf. öfters unter dem 
Texte; auch hic^ ist uns Weniges, wa^ eine Bemerkung nothwen- 



Apel: Geschichte des roniiflcfaen Staats. 



121 



äg nmchte ^ anfgefallen. Nidit ^anas charakteristisch ' Ist es aber, 
wenn es S. 163. Ton Caesar heisst: ^,er ward ia der Mähe top 
Milet Toii Seeräubern gefangen genommen, die er nach seiner 
Freilassung überfiel und an's Kreuz schlage liesa.^^ Es würde 
dies Caesar 's Charakter beflecken, wenn er die, welche ihn 
freigelassen hätten, überfallen und, statt sie blos wegen 
Ihrer Frevel hinzurichten, noch an's Kreuz geschlagen hatte. 
Bekannt ist aber, dass Ca;esar losgekauft wurde und dass er, 
weil er den Seeräubern gedroht hatte, er werde sie einst, wenn 
er wieder frei sein wurde, überfallen und an's Kreuz schlagen, 
nachdem er sein Vorhaben ausgeführt, sie erdrosseln und 
dann an's Kreuz heften liess, wie Saeton, Oaes. 74. ausdrücklieh 
dies erzahlt: Sed et in ulciscendo natura lenisaimas, Piratäs^ 
a quibuB caplus e6t^ quam in didonem redegisset ^ quoniam 
süffisurum se cruci ante iuraverat^ ivgulari prtus iussit^ deinde 
^ffi§^' Es eharäkterisirt diese Anekdote, nur wenn sie treu 
erzählt wird, C a e s a r* s Gemüth recht eigentlich. Beharrlich in 
seinen Vorsätzen wendete er jedes Mittel an, seinen Zweck zu 
erreichen, aber alle überflüssige Härte und Grausamkeit war sei« 
uem Gemüthe fremd. So bewahrte er einen gewissen Seelenadel 
selbst dann, wenn er ungerecht war, auch in andern Fällen. Doch 
diese und einige andre kleine Verstösse wird der fleissige Hr* 
Ver£. gewiss gelbst später zu entfernen wissen. Deshalb bemerke 
ich nur noch die letzte Abtheilung des kleinen Werkes: lU. Ct/2- 
tur der Mömer^ S. 245 — 276. 1. jReligionswesen^ S. 247 — 
255. 2, Kriegswesen, S. 255 — 258. 3. Literatur, S. 258 — 
265. 4. Kunst, S. 265 — 267. 5. Bürgerliches und Privat- 
leben^ S. 267 — 276. Diese Beigaben sind allerdings zu kurz, 
um ein gehöriges Bild voa den Gegenständen zu geben , die ^ie 
besprechen, enthalten jedoch so viel Angaben; dass sie die Wiss- 
begierde der Jugend reizen und dieselbe zu anderweitigem Stu- 
dium anfeuern können. Hier liesse sich namentlich über die Ru- 
brik Ldteratur noch Manches sagen, doch Hr. A. folgte dabei den 
angeführten Gewährsmännern und so will ich über Einzelnes nicht 
mit ihm rechten. Nicht ganz richtig ist es aber , wenn Hr. A« da, 
wo er S. 27(X über die Erziehung der Römer spricht, sagt: „Als 
die Basin der gesammten römischen Gesetzgebung wurde das 
Zwölftafelgesetz auswendig gelernt.^^ Will dies Hr. A., da er 
ohne Einschränkung spricht, im Allgemeinen gelten lassen, so ist 
dies falsch. Cicero,, der de legg. II, 4, 9. auf diese Sitte an- 
spielt: A paipis enim, Quinte, didicimus: Si in ius vocat, 
atqueeitis modi alias leges nominare, spricht selbst es in der- 
selben Schrift II, 23, 59. mit den Worten: JDisceöamus enim 
pueri Xtl^ ut Carmen n^eessarium^ quas iam nen^o di$cit^ 
ausdriicklich aus, dass in seiner Zeit diese Sitte schon Terschwuu-' 
den sei. Es hätte wohl dies in der Anmerkung noch besonders 
hervorgehoben werden sollen. 



122 Physik. 

Do€li diese kleinen Ausstellangen sollen dem trefflichen 
Werkchen keinen Abbrach thtin , dem verehrten Hrn. Verf. nur 
«eigen, dass wir ihm aufmerksam gefolgt sind. Druckfehler sind 
uns ausser den angezeigten noch dnfge aufgefallen , Wiö S. 39. 
Z. 25. ephephirii st. epizephyrü^ S. 217. Z. 3. v. u. principus 
at. prineipiBua^ ebend. Z. 5. Eutrop. VIII, 5. st. Euirop. VIII, 2. 
Sonst sind Druck uhd Papier gut 

R. Klotx. 



Mehr buch der Physik von Dr. J. Got» , Professor der Mathe- 
matik am Gymnasiam za Dessau und Mitglied mehrerer gelehrten 
Gesellschaften. Zweiter Band mit 6 Fignrentafeln« Berlin, Reimer. 
1841. XII und 526 S. jn gr. 8. Dritter Band mit 3 FigurenUfeln. 
Ebend. 1842. XIII und 384 S. Der dritte Band hat auch den be- 
sondern Titel : Die wichtigsten Lehren au8 der jisironomie und Meteo- 
rologie Ton Dr» J> Götz u. s. w. 

Diese beiden Bande bilden die Fortsetzung iind den Beschluss 
des Lehrbuches, dessen erster Theil 1837 erschienen und Ton uns 
in den Jahrbüchern bereits angezeigt worden ist. Das über den 
ersten Theil ausgesprochene Urtheil, dass der Hr. Verf. ein Buch 
geliefert habe, welches dem Lehrer die Arbeit erleichtere, einen 
gründlichen Unterricht befördere und den Schülern auch eine gute 
Anleitimg zur Wiederholung des in den Lehrstunden Vorgetragen 
nen geben Icönne^ glauben wir mit gutem Rechte auch auf diese 
beiden Theiie ausdehnen zu Itönnen. Der Vortrag ist fast durch- 
gängig klwt und verständlich, dabei hinreichend gründlich für den 
Zweck, zum Unterrichte entweder an Gymnasien oder für wissen- 
schaftlich gebildete Dilettanten zu dienen, und die Menge des 
mitgetheilten Materials lässt in dieser Rucksicht auch nur wenig 
noch wünschen. Dazu haben diese beiden letzten Theiie vor dem 
ersten, unsrer Ansicht nach, den Vorzug, dass eine gewisse su 
grosse Weitläufigkeit und Umständlichkeit, welche wir an dem 
ersten Theiie auszusetzen fanden, hier Termieden ist. Der Hr. 
Verf. hat nicht mehr, wie in dem ersten Bande, die mathemati- 
sche Form, jeden Satz als Erklärung, Lehrsatz, Aufgabe u. s. w. 
aufzufahren, im Aeussern streng beobachtet, hat auch nicht die 
vorkommenden Beweise , besonders die Ton mehr mathematischer 
Form, niit der Weitläufigkeit durchgeführt, welche im ersten 
Bande den Leser oft ermüdet; dadurch ist an Kürze v^d leichter 
'Uebersichtlichkeit gewonnen worden, ohne dass deshalb der 
Gründlichkeit der Beweise Eintrag geschehen ist. In Beziehung 
auf das Aenssere tragen auch diese beiden letzten Bände den 
Mangel, deren wir schon bei der Anzeige des ersten gedacht 
haben , dass in den beigegebenen Figoren die Zeichnung an gros- 
ser Uuvollkommenhelt leidet; insofern aber die Figuren dem Ver- 



Götz: Ldirboch der Physik. 12S 

•tindniscte des Yorget^enen sa Hfilf e kommen soHea , ertcheiot 
diese UnToUkommenheit allerdings hier und da als erheblicher 
Man^pel. Wenn wir nun, hiervon abgesehen, das Lehrbuch dea 
Hrn. 6. als ein seinem Zwedce gut entsprechendes im Allgemei- 
nen bezeichnen su müssen glauben, so findet sich doch auch Ein« 
lelnesv worüber wir mit dem Hm. Verf. nicht ganz einventanden 
sind; di^ nähere Angabe des Inhalts wird uns Gelegenheit geben^ 
hierüber weiter zu spreciien. 

Der 2. Theil behandelt im Allgemeinen in vier besondem 
Capiteln , deren jedes in mehr oder weniger AbtheUungen ser« 
fallt, die Wer Imponderabilien, Warme, Licht, ElektricitSt und 
Magnetismus; der 3. Theil enthalt eine Zusammenstellung dea 
Wissenswürdigsten aus der Astronomie, mathematischen und phy- 
sischen Geographie und Meteorologie. In dem 2. Thetle werden 
die Gapitel und Paragraphen tou da an fortgezahlt , womit der 
1. Theil schliesst; hiernach ist das erste' Capitel dieses Theiles 
überhaupt das eilfte,^ und es wird darin die Lehre von der Wärme 
in 9 Abtheiiungen vorgetVagen. Die 1. Abth. S. 1 — 30. handelt 
▼on der Wärme überhaupt, den Tersc^iedenen Arten, sie zu erre»- 
gen , ihrer ausdehnenden Kraft und Ton den Thermometern und 
Pyrometern. Von den Pyrometern hätte wohl noch etwas mehr 
l^esagt werden können; der Verf. beschreibt ausführlich nur daa 
Pyrometer Ton Wedgwood, das doch nach dem Urlheile der ange- 
sehensten Physiker nur wenig Sicherheit gewährt. Wenn auch 6\t 
übrigen tod Guyton de Morveau, von Daniell u. A. angegebenen 
übergangen werden konnten, so hätten die Pyrometer von Peter- 
sen erwähnt werden sollen,, besonders das Luftpyrometer, wel- 
ches sehr sichert Resultate zu geben scheint. Bei Angabe der 
Grosse, um welche eine gewisse Menge Quecksilber bei einer 
bestimmten Temperaturzunahme ausgedehnt wird (S. 29.), würde 
die Deutlichkeit gewonnen haben, wenn die erwähnte Reduction 
der Barometerhohe, welche bei einer gewissen Temperatur ge- 
messen ist , auf die Temperatur 0^ durch Ausrechnung eines Bei- 
spiels erläutert worden wäre. Die 2. Abth. S. 30 — 36. handelt 
Ton dem Einflüsse der Wärme auf die Luft; die Gesetze für die 
Beziehungen zwischen der Temperatur, dem Volumen und der 
Spannkraft einer gegebenen Luftmenge werden genau nachgewie- 
sen (in dem Beweise zu § 668. S. 32. heisst die unter 1.. aufge- 
führte Proportion durch einen Druckfehler fälschlich t : T = v: V. 
anstatt t : ^ = v : V) , nachher werden die Luftthermometer be- 
schrieben. Die 3. Abth. S. 36— 44. enthält das Möthige über 
die Verbreitung der freien Wärme durch Strahlung^ die 4. Abth. 
S. 44 — 51. durch Fortleitung ^ wobei mancherlei Erscheinungen 
erklärt werden, welche auf der verschiedenen Wärmeleitungs- 
fihigkeit der verschiedenen Körper beruhen, manches hierher 
Gehörige wird aber vermisst, was wir weiter unten näher bezeich- 
nen werden. Die 5. Abth. S. 51 — 58. bandelt von der Wärme- 



124 



Physik. 



ctpacltal^ der specifiscfaen und irebtiren ^Smie in EesiehHii; auf 
feste und tropfl»arftÜ89ige Körper^ die 6. Ablli. S. 59 — 64. veii 
der Veränderung des Aggregatznstmdes der Korper dorch WSrme, 
Ton dem Binden und Freiwerden der Wärme« Den Begriff der 
speciftschen und relatiren Warme bestimmt Hr. 6. etwas anders, 
als fewöhnllcii gescliteht, z. B. von Biot. Er nimmt im Allge- 
meinen folgenden Gang. In § 69& heisst es: ^^Wenn ein Pfund 
eines Körpers K s Wärmetheilchen gebraneht , um seine Tempe* 
rätor um P zu ändern, so heisst s die specifisehe Wärme des 
^ Körpers K. Man bestimmt sie durch Versache (durch Eintau- 
chen in kälteres Wasser a. s. w.)<, wobei die specifisehe Wärme 
des Wassers = 1 gesetzt wird.^* Ferner in § 697.: ^,Wenn die 
Temperafnr des Körpers K hierbei um T^, die des Wassers um <® 

• t 

verändert wird, so ist die specifisehe Wärme des Körpers s = ;=^, 

vorausgesetzt, das Gewicht des Körpers sowie des Wassers be- 
trägt 1 i^.'' In § 700.: ,,Nach der Erfahrung schmilzt 1 S-Wasser 
von + 60^ Reaum: ein Pfund Eis. Wenn nun ein andrer Körper 
S, desseh Masse =P Pfund ist, während seiner Abkühlung im 
Eiscalorimeter von der Temperatur T^ bis O'^ R. a $ Eis schmilzt, 

SO ist dessen Specifisehe Wärme s =2= \^—^.^^ Endlieh § 701.: 

,,Hat 1 Kubikfuss des Körpers K v Wärmetheilchen nöthig, um 
seine Temperatur um F zu verändern, so heisst v die relative 
Wärme des Körpers K. Bezeichnet man überhaupt die relative 
Wärme des Körpers K durch r , so ist r =:: P . s." Wir haben 
hier nur die Hauptsätze hervorgehoben ; der Verf. erläutert die- 
selben gehörig, so dass sein Vortrag dem Lernenden überall ver- 
ständlich sein wird , auch sind die Hauptsachen an sich richtig. 
Allein nach dieser Darstellung bleibt der Unterschied zwischen 
absoluter und relativer specifischen Wärme unbeachtet, oder 
wird wenigstens nicht genug her?orgehoben ; auch haben die so 
erhalteneu Formeln nicht eine solche Form, dass sie bei vollkom- 
mener Allgemeinheit doch auf jeden besondern Fall mit Leichtig- 
keit angewendet >verdeu können. Für einen Körper A bedeute, c 
dessen Wärmecapacität oder specifisehe Wärme , d. h. c sei die 
Wärmemenge, welche die Temperatur der Massen- oder, Ge- 
wichts - Einheit des Körpers A um F erhöht, m sei seine Masse 
uiid t seine Temperatur; bedeutet nun noch x die unbekannte 
absolute Wärmemenge, welche in jeder Masseneinheit bei 0^ Tem- 
peratur enthalten ist ; so ist die ganze in dem Körper A bei der Tem- 
peratur t° enthaltene Wärmemenge : mx -|- mct. Wenn nun c', m\ 
t , x' Aehnliches für einen zweiten Körper B bedeuten, so ist die 
in demselben enthaltene Wärmemenge ±= m'x' + m'Gl;\ Mischt 
man daher beide Körper mit einander, und bezeichnet man durch 
T die gemeinschaftliche Temperatur, welche beide Körper nach 



Götz : Lehrboeh der Physik. 



12& 



der Mischung angeftoniaidn kaben; io^ ist die in beidca Kfepem 
enihiltene WämeflieDge losammeiigcnoHUDeii: 

▼or der Misdiiiiif c= nix + m'x' + wßßi + m*e%\ 
nach der Misdning r=^ mx + m'x' + (me + inV)T* 
Ih sber diese WarmeneBge durch die Misehiing sdbst «idit ge* 
Sndert werden ksmi, 9o erMH nun (nc + n'«')*!^ =^ ^^ + fliVt\ 
welche Gleichung als die Omodforaid gili^ durch deren HUfe 
die spedfische Wärme Qberhenpt nach der Methode der Slisebnii* 
gen ohne Rüdesicht auf das Biscalerivieler besUnunt wird. NtaMst 
Bian an, A sei Wasser, «etat mit dem Verf« dessen sptciff. WSme 
= 1 und nimmt auch m ==: m' = 1 an; so erhalt obige CUeichmig 

die F'orm: T + cT = t + et', woraus c' = J-^ folgt, wel- 

t — 1 

ehe Formel mit der des Verf. in § 697. s s = s nbereinatim^it« 

Will man die specif. Warme zweier Korper mit einander Terglef- 
chen, also die relative spedf. Warme des einen In Beziehung auf 
den andern bestimmen, ohne noch grad^ die des einen = 1 za 

setaen; so erhalt man aus obiger Gleichung dafür: -= -^^ — ^« 

Für Versuche mit dem Elscalorimeter werde nun angenommen, 
von einem Körper A sei jdie Masse := m S bis zur Temperatur 
t° Cess. erwärmt worden, und habe so in das Calorimeter gebracht, 
bei der Abkühlung bis 0^ daselbst b £ Eis von der Temperatur 0^ 

geschmolzen ; So drückt — die absolute specif. WSrme des Kör^ 

mt 

pera A aus, welche unabhängig Ton der Gewichtseinheit, aber^ 
abhängig von der gebrauchten Thermometerscale Ist ; so ist die 
absolute specif. Wärme des Wassers = 0,01665 ... in Besiehung 
auf die "achtzigtheilige , und ^ 0,01333... in Beziehung auf die 
hunderttheilige Scale gefunden worden. Dividlrt man nun hier- 
durch die absolute specif. \Värme irgend eines andern Körpers, 
so erhält man dessen relative specif. Wärme für die Annahme, 
dass die des Wassers = 1 ist. Dieser oder dn ähnlicher Gang 
scheint |ins vor^Mziehen zu sein als allgemeiner und bestimmter. Die 
7. Abth. S. 65 — 83. handelt von den Dämpfen, sowohl von denen^ 
welche bei der Siedehitze der betreffenden Flüsdgkeit entstehien 
(und dabei von dem Sieden selbst, theils in der freien Luft, theila 
iD abgcaperrtem Baume) , als von denen , welche bei niedrigeren 
Temperaturen ^sich entwickeln, oder den sogenannten Dünsten; 
gelegeiitlich wird auch die Dampfmaschine beschrieben, wobei 
uns anstatt der erwähnten Ventile vidmehr Hähne, Klappen oder 
Schieber genannt sein soUteo. Wo die Bede ist von der durch 
Verdampfung eraengten Kälte, hätte noch des hohen Kältegrades 
gedacht werden können, welcher durch die Verdampfung der liqui- 
den Kablensäure erzeugt wind. Die 8. Abth. S. 83 - 91. be- 



126 



Phyiik. 



trachtet die Hygrometer, nümlich das SauBiäre*9che^ das'^0ff- 
läc'sche^ die Methode Dalton's^ den Wasaergeltait der Lnft sa 
bestimmen, jand das DanieU^sehe Wy^rom^er, Die 9. Abth. 
S. 91 — 112. ist überschrieben: ^^Von der Verbrennang nnd von 
iet Biidang der Gas^ten^^. Von der Verbrennung ist in der Ein- 
leitung xum 1. Theile S. 40. nur eine kurze oberflichliche ErU»- 
rang gegeben worden^ und hier werden nun die einielnen. dabei 
stattfindenden Vorgänge nfiher betrachtet Hr. G. erklart die Ver- 
brennung als die Verbindung des Sauerstoffes mit der verbrenn- 
liehen Substanz, d. h. mit einer Substanz, weiche bei hinreichend 
hoher Temperatur eine atärkere Verwandtschaft zum Sauerstoffe 
als letzterer zum Wärmestoffe hat. Dadurch , dass der eine Be« 
standlheii des Sauerstoffgases , der Sauerstoff, mit dem brennba- 
ren Stoffe sich verbindet, wird der andre Bestandth^il, der War- 
mestoff, frei und wirkt als Wärme und Licht. Hiergegen ist nur 
zu erinnern^ dass darnach Verbrennung iinr durch Vermittlung 
des Sauerstoffgases stattfinden könnte ; indessen erwähnt der Verf. 
später wenigstens, dass es noch andre Stoffe gebe, welche in 
dieser Beziehung ähnlich wie Sauerstoff wirken. Von den ver- 
schiedenen andern Hypothesen , wie bei dem Verbrennen Wärme 
"entwickelt werde, sagt Hr. G. nichts. Er giebt eine nähere Be- 
schreibung von den verschiedenen Theilen einer Kerzenflamme, 
erwähnt dabei i^erschiedene Arten vop Lampen, spricht ton den 
Löschungsmitteln des Feuers, von den Selbstzundern , von dem 
Vorgange bei dem Athmen der Tbiere, und lässt dann die Angabe 
der Entwicklungsmethoden verschiedener Gasarten folgen, weiche 
uns an dieser Steile einigermaassen überrascht Iiat. Die Veran- 
lassung, hier davon zu reden, kann nur darip liegen, dass jedes 
Gas eine Verbindung des Wärmestoffes mit einem wägbaren Stoffe 
ist. Die' betrachteten Gasarten sind vornehmlich Sauerstoffgas, 
Stickgas , Salpetergas (mit Erwähnung des Eudiometers), kohlen- 
saures Gas, Wasserstoffgas , Kohlenwasserstoffgas, salzsaures Gas, 
Chlor oder Chlorgas, Jodine, flusssaures Gas, Ammoniakgas. Bei 
Beschreibung der Lampen, durch welche die Leuchtkraft der 
Flamme erhöht wird , hätten die in neuerer Zeit in Gebrauch ge- 
kommenen sogenannten (nicht eigentlichen) Gasiampen erwähnt 
werden können, deren wesentlicfie Einrichtung darin besteht» 
dass die Flamme in einiger Erhebung mit einem kurzen stork und 
fein durchlöcherten metallnen Rohre umgeben wird, weichen 
oben mit einer Scheibe verschlossen ist, in deren Mitte eine kreis- 
runde Oeffnung von der Grösse sich'befindet, dass sie den obern 
Theil der Flamme nur eben durchlässt. Die Scheibe wird hier- 
durch stark erhitzt, und dieses vermehrt nicht nur den Luftzug 

' im Allgemeinen , sondern besonders den der sehr erhitzten durch 
die engen Löcher eingedrungenen Luft, und da ausserdem noch 
um den obern Theil der Flamme ein Glascylinder als Schornstein 

> gestellt wird: so wird hierdurch das Verbrennen und Weissgl&hen 



Goti: Lehrbudi der Physik. 127 

des in der Flamme btf ndtichen KoUeottoflEes sehr berdrdert, und 
die Leuchtkraft der Flamme bedeutend erhöht, aelbat bei An« 
Wendung schlechten Oelea. 

Mit der 9. Abth. schliesat das Capitel Ton der Wirme, und 
^as hier Hitgetheilte wird schon beweisen, dass der Hr. VerCi 
diesen Gegenstand in Rucksicht auf seinen Zweck mit genügender 
Ausführlichkeit behandelt hat; doch bitte viieileicht noch folgen- 
des in dem Buche nicht Berührte Erwähnung verdient. Du 
Newiofiaehe Gesetz des Erkaltens, nach weichem für die in 
arithmetischer Progression sunehmenden Zeiten die Temperatur- 
untenchiede awischen der erkaltenden Qf asse und der Umgebung 
in einer geometrischen Reihe abnehmen, und einige andre Ge- 
setxe , das Erkalten eines ?on einer Gasart umgebenen Körpers 
betreffend. In Betreff des Leidenfrostischen Versuches ist die 
Sache erwähnt, aber ohne diese kurze Benennung y während 
Hr«6. sonst f^orgfältig ist in Nennung der Männer, denen man 
eine Entdeckung, Berichtigung, nähere Bestimmung u.dgl. ver- 
dankt. Nicht erwähnt ist der interessante Versuch mit dem 
Wackler oder Wieger Ton Trevelyan. Ferner vermissen wir die 
Erwähnung einiger Erscheinungen , welche in Verbindung stehen 
mit dem Uebergange der Warme aus efnem Körper in den andern, 
und mit dem dabei stattfindenden Widerstände, z. B. dass, wenn 
das polirte Ende einer Knpferstange mit dem ebenfalls polirten 
Ignde einer ganz gleichen Stange von ZIqu zusammengeschraubt^ 
und das andre Ende der Kupferstange erhitzt wird, die Tempe- 
ratur des Kupfers immer höher bleibt, als die des Zinnes; dass 
Wasser in einem Gefässe, eingetaucht in ein grösseres Gefäsa 
▼oll siedenden Wassers, nie selbst zum Sieden kommt, u. A. 
Endlich konnte noch mancher interessanten Erscheinung in Bezie- 
hung auf Diaihernumie und Diathermanaie verschiedener Kör- 
per gedacht werden; diese von Melloni eingeführten Worte und 
Begriffe werden gar nicht erwähnt. 

0«8 zwölfte Capitel handelt von dem Lichte« In der L Abth. 
& 113 — 119. ist die Rede vom Lichte im Allgemeinen, von 
lenchteoden und dunkeln, durchsichtigen, durchscheinenden und 
undurchsichtigen Körpern, der Emanations- und Undulations- Hy- 
pothese ^ der geradlinigen Verbreitung des Lichts, dem Schatten. 
Die 2. Abth« S. 120—126. beweist die bekannten Sätze über die 
Stärke der Erleuchtung einer bestimmten ("lache in verschiedenen 
Entfernangen von dem leuditenden Punkte u. s. w., und handelt 
von der Geschwindi^eit des Lichts« Zuletzt wird die Abirrung 
des Lichts erwähnt und erklärt; dje nach Bradley gegebene Er- 
klärung^ ist allerdings richtig und eigentlich wissenschaftlich, in- 
deaaen ist als sehir förderlich für grössere Anschaulichkeit aeben- 
bei-auch zu empfehlen die mehr populäre Erklärung , welche 
Branden in seinen astronomischen Briefen (IVl Tbl. 46. Brief) 
glebt, und die im Aflgemeinen darauf beruht, dass die Licht* 



128/ 



Physik. 



Ptrahlen mit dem Strome lotlireeht herabfallender Regfentropfen, 
das Fernrohr aber mit einem hohlen Rohre verglichen wird , wel* 
ches in einem bewegten Fahrzeuge sich befindet und so eu stellen 
ist, dass die Tropfen parallel mit der cylindrischen Wand des 
Rohres durch dasselbe fallen. Die 3. Abth. S. 126 — 131. hau* 
delt Ton der scheinbaren Grösse und Gestalt der Körper, anch 
Ton den Täuschungen, denen wir oft ausgesetst sind , wenn wir 
von der scheinbaren Grösse und Gestalt eines Körpers auf die 
wahre schllessen. Unter Anderm wird die bekannte Tinschnng 
erwähnt, nach welcher uns der Mond viel grösser erscheint, wenit 
er am Horizonte steht, als wenn er höher am Himmel sich befin- 
det, und Hr. G. giebt als Ursache dieser TSnschung an^ dass der 
Mond am Horizonte mit matterem Glänze, also undeutlicher sich 
ieige, als höher am Himmel, und deshalb dort für entfernter 
von uns gehalten werde, als hier. 'Mag dieser Umstand auch 
mitwirken, so hält Ref. ihn doch nicht für die Hauptursache 
jener Täuschung, welche er vielmehr darin findet, dass wir den 
Mond, sowie alle übrigen Himmelskörper, unwillkfihrlich an das 
scheinbare Himmelsgewölbe, d. i. dahin versetzen, wo wir ent- 
weder den sogenannten blauen Himmel, oder die Wolken sehen, 
kurz an irgend eine Stelle der uns sichtbaren Erdatmoisphäre. ^ 
Nun ist aber die Entfeniung der Theile der Atmosphäre und na« 
mentiich derjenigen Wolken , welche sich nahe an unserm Horl-> . 
zonte befinden, in der That mehrmals grösser, als die Entfernung 
derjenigen ^ welche dem Zenith naher sind ; indem wir also den 
Mond am Horizonte unter demselben Winkel sehen, wie |iöher 
am Himmel; und doch glauben, dass er, am Horizonte stehend, 
vielmal weiter von uns entfernt sei, als wenn er hoch anr Himmel 
gesehen wird, so ist es natürlich, daiM er uns dort auch mehrm^l« 
grösser erscheint. Die 4. Abth. S. 131 — 135. gfebt das Nöthige 
von der scheinbaren Lage und Bewegung der Körper, In disr 
5. Abth. S. 135 — 146. handelt Hr. G. von der Zur&ckwerfiing 
des Lichtes im Allgemeinen und betrachtet sorgfältig die verschie- 
denen Erscheinungen bei der Zuilickwerfang des Lichtes von ebe- 
nen SpiegelnT Nur bei dem in § 820. gegebenen Beweise f5r den 
Satz , dass das Biid eines strahlenden Punktes p in einer Stelle « 
sich befindet, wenn in der von p auf die Ebene des Spiegels ge^ 
fällten Senkrechten und eben so weit hinter dem Spiegel liegt, 
als p vor dem Spiegel , erscheint uns die Machweisung nicht klar 
genug, dass alle von p ausgehenden anf den Spiegel fallenden 
Strahlen so zurückgeworfen -werden, dass sie von n herzukommen 
scheinen. Hr. G. betrachtet nämlich zuerst einen von p ausge- 
henden Strahl pd, welcher in d den Spiegel triflt und In der 
Richtung^do zurückgeworfen wird, so dass dp und do gleiche 
Winkel mit dem Einfallslothe in d bilden ; föUt man ntin von p 
auf den Spiegel das Loth'pm, welche verlängert die Verlänge- 
rung von od in % trifft, so ist, wie richtig bemerkt wird, ^ dmp 



Götz : Lehrbacb d«r Physik. ItQ 

conginieiit dem ^ dm^r , also pn = jgm. Weiter tmgi nu» der 
Verf.: ,,Da aber Ton den uDsäbllff Tielen refledirlen Strahlen 
mehrere auf das Auge A falleii und einen Lichtkegel biiden, deasea 
Spitie in n und dessen Grundfläche in A ist^, so folgt, dass A den 
strahlenden Punkt p an ar, also s^ weit hinter dem Spiegel erblickt^ 
als p vor dem Spiegtelslch befiadet;^^ Hier hütte wenigstens noch 
mehr herroivehoben werden sollen , dass, wenn för irgend einen 
andern Strahl, welcher ypn p auf den Spiegel fiilt, dieseHw Con* 
stnicllon vorgenommen wird , die Richtung, in welcher er-refle« 
ctirt wird, rückwärts verlängert durch denselben Punkt« gehen 
muss , dass also die Rlchtan^en alier von dem Spiegel surückge-t 
worfenen Strahlen rückwärts verlängert in n sichiBchneiden.' Neelt 
deutlicher aber erscheint uns der Beweis, wenn man von dear 
Unfangs ebenso, wie der Verf. thut, bestimmten. Punkte m irgend 
eine andre gerade Linie nk zieht, welche den Spiegel in 1 schnei« 
den mag, dann pl zieht, und durch Congruenz der Dreiecke ld|^ 
und ld;r zeigte dass Ip und ik gleiche Winkel mit dem in 1 errlch«- 
teten Einfallslothe bilden, woraus folgt, dass Ik, deren Veriän-i 
gerung rückwärts durch x geht, die Richtung ist, in welcher der 
Strahl pl zuriickgeworfen wird. Die 6. Abth. S. 146 — 160. ent« 
hält eine Auseinandersetzung der Gesetze der Zuröckwerfung des 
Lichts von krummflächigen Spiegeln , namentlich von sphärischen« 
Die hierher gehörenden Sätze werden auf eine elementare, doch 
griindliche Weise entwickelt, und wir finden nur fi*olgendes. zu 
bemerken. In § 830. wird der Satz aufgest^ft und leriäuterta 
Alle Strahlen, welche parallel mit der Ax;e anf einen Hohlspiegel 
fallen, werden so zurfickgeworfen , das» jeder derselben die Am 
in einem Punkte durchschneidet« ^^ind die Strahlen letzterer sehr 
nahe , so kommen sie nach der- Refloxioii in einem and demselben 
Punkte zusammen. Bald darauf in § 632. wird der Satz bewiesfMi^ 
dass der Brennpunkt der parallelen Strahlen In der Mitte des 
Krummiings-* Halbmessers (in der Mitte zwischen dem Mittel- 
punkte dt$ Spiegels und dem Mittelpnul(te der Krümmung) sich 
befindet. Wir halten dafür, dass dor Vortrag an Gründlichkeit 
und Deutlichkeit gewinne, wenn man beide Satze mit einander 
verbindet, oder vielmelir den ersten aus dem zweiten ableitet» 
Wenn c der Mittelpunkt der Krümmung, cg die Axe, de ein der 
Axe parnlleler Strahl ist^ der den Spiegel in e trifft und in der 
Richtung em zurückgeworfen wird; so muss derselbe die Axe cg 
in einem Punkte f zwischen c und g treffen,' weil cg, ce, cd in 
einer Ebene liegen. Da iibrigens /.dec^= Lecf und /.dec :=z 
/.Cef, also ecf = cef Ist, so ist auch ef z:= cf ; weil aber im Drei- 
ecke eef bekanntlich et + fc"^ ec sein muss, so ist cf ^ ^ce, 
d. i. ef ^ ^cg. Wie weit auch der Treffpunkt e des Strahles de 
von der Mitte g des Spiegels entfernt sein mag, so behält im Dr^ 
cef die Sbite ec immer dieselbe Crosse = cg; je näher aber e an 
gjiegt) d. h. je kleiner /.ecg ist, desto kleiner wkd der Ueber- 

lY. Jahrb. f, Phil, u. Paed, od, KriU Bibl, Bd. XXXVUl. Hß. 3. 9 



130 Physik. 

•ebast der Summe ef + fc aber die Seite ec, d.h« deilo mebr 
mlhert sieh cf dem Werthe von ]^eg. Fnr Strahlen abo, welche 
parallel mit der Axe und telir nahe bd f auffallen, kann maA 
cf =: ^eg «etsen, d. h, die gedachteii Strahlen schneiden nach 
der Zurückwerfuni; sieh aelbat und die Axe in einem Punkte, 
welcher in der M^ awischen c und g liegt und der Brennpunkt 
heisst. Hit der Axe parallele Strahlen, welche' weiter you g den 
Spiegel treffen^ schneiden nach der fteflexion die Axe in einem 
Punkte naber an g als die Mitte von cg^ und zwar desto näher, 
le weiter e von g entfernt ist. — In § 833. wird der Ort^ den 
Bildes x eines in der Axe og eines Hohlspiegels befindlichen leuch- 
tenden Punktes p In den verschiedenen Fällen bestimmt, wo p 
swischen g und f, oder in f , oder zwischen f und c, oder in c, 
•der noch weiter vom Spiegel entfernt ist, und die Richtigkeit 
der Angaben wird doppelt bewiesen, erst durch Zeichnung, dann 
durch Rechnung. Gegen den Beweis durch Rechnung haben wir 
nichts m erinnern, aber der Beweis durch Zeichnung, welchen 
der Verf:.nur im Allgemeinen auf grössere oder geringere Diver- 
genz der von p auf den Spiegel fallenden Strahlen gründet, kann 
strenger und übersichtlicher auf folgende Weise gefuhrt werden. 
D» in der Richtung der Axe og auf den Spiegel von p fallende 
Strahl whrd in sich selbst «uruckgeworfen. Sei pm irgend ein 
andrer von p ausgehender Strahl, welcher den Spiegel in m treffe. 
In der Richtung mk refiectirt werde und, nöthigen Falls rückwärts 
verlängert, die Axe og in « schneide; so ist überhaupt % der Ort 
dea Bildes. liegt nun p in c (dem Mittelpunkte der Krümmung), 
so wird jeder von p auf den Spiegel lallende Strahl in sich selbst 
surückgeworfen, daher auch pm, pk fallt mit pm, x mit p in c 
zusammen. In jedem andern Falle liegt mk auf der entgegenge^ 
setzten Seite von cm, als wo pm liegt, imd immer ist Z.omp ==: 
£omk. Befiadet sich also zuerst p zwischen g (dem Mittelpunkte 
des Spiegels) und f (dem Brennpunkte), also fm zwischen pm 
nnd mc; so iist /.cmp > /.cmf, daher auch /.cmk > /.cmf, oder, 
wenn mv parallel der Axe, also il.cmv := ^mcf = /.cmf ist, 
/.cmk >. cmv; folglich divergirt mk von nr aus abwärts vom 
Spiegel mit der Axe, trifft also dieselbe rückwärts verlängert in 
einem Punkte « hinter dem Spiegel, und zwar desto weiter hinter 
dem Spiegel, je kleiner der Ueberschuss des /.cmk über den 
/.cmv, oder der Ueberschuss des /.pmc über den /.fmc ist, d. h. 
je näher p an f liegt* Befindet sich p in f , so ist pmc =: fmc^ 
also cmk = cmv, mk selbst ist parallel mit der Axe, die zurück- 
geworfenen Strahlen sind unter, einander parallel, erzeugen daher 
kein Bild. Liegt p zwischen f und c, so ist cmp < cmf, also 
cmk < cmv, mk convergirt gegen die Axe und trifft sie in einem 
Punkte or, wdcher desto wdter von c entfernt ist, je grösser 
emk = cmp ist, d. h. je näher p an f liegt. Befindet sidi end- 
lich p auf der entgegengesetzten Seite von c, so liegt der refle- 



^ 



Götz: Lehrboch der Physik. 131 

ctirte Strahl mk im All^meiÄen «wisdien mc an4 dem Spie^eL 
Weil aber immer pmc < i<mc, also crak < cmf sein moss, so 
liegt mk zwischen mc und mf , also n zwischen c und f ^ und zwar 
desto näher an f ^ je grosser pmc = cmk ist, d. h. je weiter j^ 
▼om Spiegel entfernt ist« Ans diesen Bestimmungen lasst sieh 
dann auch leicht streng nachweisen , unter welchen Bedingungen 
das Bild eines vor dem Spiegel befindlichen leuchtenden Gegen« 
Standes (nicht eines blossen Punktee) gerade oder umgekehrt, 
grösser, kleiner, oder eben so gross als der Gegenstand selbst 
Ist, welche Bedingungen spater in § 839. zwar angegeben, aber 
/ nicht welter erörtert werden. — In der 7. Abth. S« 160 — 173. 
werden die Erscheinungen betrachtet, welche verbunden mit der 
Brechung, die das Licht bei seinem Uebergange ans einem 
dünneren Mittel in ein dichteres, oder umgekehrt, durch eine 
ebene Trennungsflache beider Mittel erfahrt. Die Gesetze , nach 
welchen die Ablenkung des Lichtstrahles in jedem Falle geschiiht, 
werden zuerst ausgesprochen, und dann wird auch im Allgemein 
Den angegeben , wie man sich dieselben (nach Newton) erklärt, 
indem man nämlich theoretisch ableitet, dass das ursprünglich in 
gerader Linie sich bewegende Lichttheilchen innerhalb eines ge- 
wisse» Raumes in der Nähe der Grenze eine Curve durchläuft, 
welche ihre hohle Seite nach dem stärker anziehenden Mittel 
binkehrt« Hierbei vermissen wir aber besondere Berucksichtigtmg 
des FaUes , wo , bei dem Uebergange aus einem dichteren Mittel 
in ein dünneres, die Krümmung dieser Cinrve so stark Ist, dasa 
ein Theil der letzteren parallel mit der trennenden Ebene wird, 
also die folgenden Theile sich wieder nach dem dichteren Mittel 
hiowenden müssen, und deshalb nicht eine Brechung ^ sondern 
eine Zurüekwerfung des Lichtes in das dichtere Mittel stattfindet. 
Auch sind hierbei die Fälle zu unterscheiden, dass die hier vor- 
gehende Umkehr des Lichttheilchens entweder nach wirklichem 
Eindringen in das diinnere Mittel in diesem selbst, oder unmit- 
telbar an der trennenden Fläche, oder schon in dem dichteren 
Mittel geschehen kann; denn bei Erklärung gewisser Erscheinun- 
gen Ist dieser Unterschied von Wichtigkeit. In § 859. wird er-' 
wähnt, dass die Strahlen ^ welche von einem Punkte divergirend 
ausgehen und aus einem dünneren Mittel in ein dichteres über- 
gehen, ivach der Brechung weniger divergiren, und umgekehrt 
bei nmgekehrtem Uebergange; als Grund wird aber nur der Um* 
stand angegeben, dass die Einfallslothe für die verschiedenen 
Strahlen parallel sind, woraus folgen soll, dass bei dem Ueber- 
gange^aus einem dünneren Mittel in ein dichteres , wo die gebro- 
chenen Strahlen dem Einfallslothe sich nähern, diese gebroche- 
nen Strahlen überhaupt dem Parallelismus sich nähern. Die 
Hauptsache aber ist hierbei der nicht erwähnte Umstand, dass 
der Strahl, welcher unter einem grossem Winkel einföllt, .eine 
stärkere Ableakung nach dem Einfallslothe hin erfährt,, als der 

9* 



132 , ' Physik. 

unter kleinerem Winkel einfallende; denii> wfirden alle Strahlen 
um gfleich i^iel abgdenkt, so wäre dar Grad ihrer Diver^nz Tor 
der Brechung nnd nach der Brechung derselbe. In § 861« muss 
jedes obere Mittel das Licht nicht stärker^ wie dort gedrackt 
ist, sondern schwächet als jedes unmittelbar darunter liegende 
brechen. In der 8. Abth. S. 174 — 186. wird von der Brechung 
des Lichtes bei seinem Uebergange durch krumme Trennung«* 
flachen, namentlich durch sphärische Linsen gehandelt; dleBe- 
handlungsweise ist übereinstimmend mit der in der Torausgehen- 
den Abtheilung, und wir bemerken nur, dass auch hier Einiges, 
a. B. was die Bestimmung des Ortes, der Gestalt und Grösse des 
Bildes betrifft, das durch eine erhabene Linse erzeugt wird, 
etwas genauer hätte erörtert werden können. Die 9. Abth^ 
S. 186 — 189. giebt ganz kurz das Wichtigste tou der doppelten 
Strahlenbrechung; Manches hätte hierbei noch erwähnt werden 
können , z. B. dafs die beiden Strahlen , welche nach dem Durch- 
gange durch den Kaikspath in das Auge kommen, und daVon der 
dne auf ^gewöhnliche, der andre auf ungewöhnliche Art gebro? 
chen wird, in dem Krystalle selbst sich dttrcfakreuzen, worauf 
die Erklärung einer interessanten Erscheinung beruht. Die 10. 
Abth. S. 189—204. theilt m gehöriger Ausführlichkeit die Er- 
scheinungen der prismatischen Farben mit. Die 11. Abth. S. 204 
— 208. giebt kurz das Wichtigste an, worauf der Achromatismus 
beruht; die 12. Abth., überschrieben: ,s,yon den Farbenerschei- 
nungen an dännen Körperschichten^, enthält S. 208 — 211. eine 
noch kürzere Erwähnung dter betrcff'enden Erscheinungen und 
deren Erklärung nach Newton*8 Hypothese von den Anwand- 
lungen. In der IS. Abth. S. 211—217. handelt der Verf. von 
den eigenthümlichen Farben der farbigen Körper, und ¥on den 
Farben, welche durch Mischung der yerschiedenen Grundfarben 
entstehen. Die drd folgenden Abtheilungen S. 217 — 234. han- 
deln nach der Reihe von der Durchsichtigkeit und Undurchsich-' 
llgkeit der Körpier, von der Beugung des Lichte« und von der 
Interferenz, und von der Polarisirnng des Lichtes. Kurz ist das 
iiber Durchsichtigkeit und Uudnrchslchtigkeit Gesagte ; in Betreff 
des Uebrigen ist die Darstellung ausführlich und deutlich, nur 
S. 224., wo von der Interferenz die Rede ist, erscheint uns in 
einer Stelle der Vortrag nicht klsr. Der Verf. betrachtet die 
Strahlen, welche von einem leocbtenden Punkte ausgehen, durch 
Vorbeigehen bei den Enden d und e eines schmalen dunkeln Kör- 
pers de ge&6ftfg^ werden, und dadurch auf einer Tafel gh, auf 
der entgegengesetzten Seite von de, als wo a befindlich ist, zu- 
sammentreffen. Der Streifen >de ist parallel mit der Tafel ^, 
m ist der Punkt der Tafel, for welchen dm = em ist, q ist etu^jis 
unter m, so dass dq > dm ist Nun sagt der Verf.; ,;e8 ergiebt 
sich,. dass m in jedem Augenblicke ^ie Lichtpuiricte in völlig 
gleicbem OaceUatiottazustande erhält, und daee oho dae van »a 



GotK : Lehrbuch der Physik. 138 

xuriickgeteorfene Ucit tum denMen Besehaffenheii wie das 
' einfaUende 9ein musa. Auch ergebt tich , dass die in q mratn- 
mentreffenden Lichtpunkte sich nicht in g^Ieichem Ondllationssu- 
Btande befinden, und da$9 also das zurückgeworfene Lieht von 
einer andern Art W0 das eifrfallende sein muss^ wenn q nahe 
an m aidi befindet, nnd dq — eq kleiner als eine Wellenbreite 
iat^^ Was iUber den gleichen oder nngleichen Oscillationszustand 
der auffallenden Lichttheikhen hier erwähnt wird , ist aas dem 
Vorausgehenden Tölh'g jklar, aber es ist uns nicht verstindlich, 
wie der Verf. hier zwischen einfallendem und %urückgeworfenem 
Lichte unterscheidet. Die Frage ist, wie durch das Princlp der 
Interferensen die dunkeln und hellen, zum Thell farbigen Streifen 
erUirt werden, welche in dem Räume hinter dem Körper de ent- 
stehen und entweder auf der Tafel gh sichtbar werden (durch 
strahlende Zuruckwerfting), oder Tom Auge unmittelbar währsii- 
nehmen sind , . wenn es sich in ^er geeigneten Stella befindet. 
Sind nun zwei Lichttheilcben bei ihr^m Zusammentreffen nach 
der Beugung in gleichem Oscillationszustande, so addiren sich 
ihre Wiiicungen, sie bringen in einem Auge, welches sie bei ihrer 
Vereinigung treffen, die Wirkung Tcrstärkten Lichtes hervor, und 
ebenso erzeugen sie auf der Tafel, wo sie zusammenkommen, eine 
lidie Stelle; befinden sich dagegen zwei Llchttheiiehen bei ihrem 
Zusammentreffen in entgegengesetztem Oscillationszustande, so 
heben sich ihre Wirkungen gegenseitig auf, die Stelle der Tafel, 
wo sie sich treffen, bleibt dunkel. Man kann also sagen: im 
ersten Falle sind die beiden in einem Punkte der Tafel einfallen- 
den Strahlen von gleicher, im zweiten von rerschiedener Beschaf- 
fenheit; abef wie hier ein einfallender Strahl von Terschiedener 
Art als der zurückgeworfene sein soll, verstehen wir nicht« In 
der 17. Abth. S. 234—248. wird von dem Sehen mittelst des 
unbewaffneten Auges und in der 18. Abth. S. 248 — 266« von 
dem Sehen mittelst optischer Werkzeuge mit grossei: Deutlichheit 
und Ausführlichkeit gehandelt, nur vermissen wir den Beweis für 
die S« 254. ausgesprochene Regel, dass das astronomische Fern- 
rohr einen Gegenstand so vielmal vergrihMert zeigt, wie vielmal 
die Brennweite des Oculargiases in der des Objectivglases ent- 
halten ist. Die letzte, 19. Abth. S. 267—283. ist überschrieben: 
„Von einigen nicht -optischen Wirkungen des Lichts^S und be- 
trachtet hauptsachlich die erwärmenden, die chemischen Wirkun- 
gen der Sonnenstrahlen und die besondern Wirkungen derselben 
auf die organischen Körper. 

Im 13. Gapitel wird die Lehre von der Elektricitat in 28 ein- 
zelnen Abtheilungen vorgetragen; in denselben wird nach der 
Reihe gehandelt: 1) von der Elektridtät im Allgemeinen und von 
der Blektrisirmaschine, S. 284—297.; 2) von den entgegenge^ 
setzten Elektricititen , von dem Elektroscop und Elektrometer 
und von der elektrischen Wage^ 8. 297-- 309.; 3> von dem 



134 Physik. 

elektr. Wtrkunpkretse und der Schtegwette, S. 309—316.; 4) 
von der ViCFbreitunggweise der Elektr., S. 316 — 323.; 5) von 
den gebrSuchUchsteB Aosichten über das Weflen der EädLiridiat, 
8.323 — 330.; 6) TÖn der Verstarkuugsflasche, S. 330— 343.; 
7) von der elektrischen Batterie iind Ton einigen wichtigen elektr. 
Verguchen, S. 346— 357.; 8) toii dem Condensator, 8.358 — 
364.; 9) von dem Elektrophor , 8. 364-^368. ; 10) von den Er« 
scheinungen der El. in verdünnter Lnft, 8. 368. 369.; 11) v<hi 
dem elektr. Lichte, 8. 369 — 373.; 12) von den verachiedenen 
Erregungsarten der Elektr., 8. 374 — 378.; 13) von der organi- 
schen Elektr., 8. 378 — 380.; 14) von der atmosphärischen oder 
Luft -Elektr., 8.380—384.; 15) von den physiologischen Wir- 
kungen der gewöhnlichen EL, 8. 385 — 387.; 16) von der durch 
Berührung erregten oder der Gontact-El., 8.387 — 394«; l7) 
von dem susammengesetzten Elektrometer oder von der anisam- 
mengesetzten Voltaschen oder Galvanischen Säule, 8. 394 — 400.; 
18) von den galvanischen Anziehungen nnd Abstossungen und dem 
Laden elfter Verstärkungsflasche , 8. 401. 402. ; 19) von den Ent- 
bindungen des Lichts und der Wärme vermittelet der galvanischen 
Säule, 8..402 — 406.; 20) von einigen ehemischen Wirkungen 
der geschlossenen Sätüe, 8.407 — 417«; 21) von den galvani- 
achen Schlägen und von «»nigen andern galvan. Einwirkungen auf 
verschiedene Sinnesorgane, 8* 418 — 420.; 22) von der trockenen 
Säule und den daran stattfindenden Erscheinungen, 8. 421^426.; 
23) von der Theorie der Voltaschen Säule, 8. 426—432.; 24) 
von der geschlossenen Kette oder Säule, von ihren einfachen 
elektromagnetischen Wirkungen und von dem eiektromagnetischeB 
Mnltiplicator, 8. 432 — 441.; 25) von der thermoelektrischen 
Kette oder Säule, 8. 442—446.; 26) von der Stärke des elektr. 
Stromes, 8. 446 — 451.; 27) von dem Widerstände der festen 
Leiter in der Säule nnd von dem Leitungswiderstande der Flfisp- 
sigkeit und des Ueberganges in der Säule, 8. 452—455.; 28) 
von einigen physiologischen Wirkungen des Galvanismaz 9 S. 455 
_ 460. — Etwas spät, nämlich erst in der 12. Abth. , wird von 
den verschiedenen Erregungsarten der El. gesprochen , und auch 
da ist von der Erregung durch Berührung noch nicht die Rede ; 
da die Eintheilung des hier zn behandelnden sehr reichhaltigen 
Stoffes zum Theil auf den versohiedenen.Erregnngsarten bernht^ 
60 erscheint es uns besonders der leichter zu gewinnenden Ue- 
bersicht wegen als zweckmässig, bald, nach der ersten Beschrei- 
bung der elektr. Erscheinungen im Allgemeinen das Wichtigste 
von den verschiedenen Erregungsarten mitzutheilen. Die Erschei- 
nung, dass eine an einem seidnen Faden hängende Kugel b v«n 
Hollundermark, welcher freie + E mitgetheilt worden ist, bei An- 
näherung an einen andern elektr. Körper 8 von denuselben ange- 
sogen oder abgestossen wird, je nachdem S freie. — E oder + E 
bat, erklärt Hr. G. so: wenn nichts weiter auf b einwirkt ^ so ist 



*^ » 



Götz: Lehrbodi der Physik. 135 

die + B {ilctdiinias!^ auf der Oberfliehe Ton b «-eiirellet, drMit 
^eich stark nach allen Seite« auf die niogebende atmotphiriaehe 
Luft, wodurch der Druck, den umgekehrt die atmosphiriaebe 
Luft auf die Kugel b ausübt, nach allen Seiten hin um gleidivkl 
vermindert wird , so das« eine Bewegung der Kugel nicht veran- 
lasst werden kann. Kommt aber b in den elektr. Wirkungakreia 
des negativ -elektrischen Korpers S, so bewirkt die — E dessel- 
ben eine Vertheiinng der nat&rlichen EI. In b, der positive An- 
theil beglebt sich auf die dem S augewendete Seite der Ober- 
fifiche von b und übt nun von hier aus in der Richtung nach S hin 
einen Druck auf die atmosphärische Luft aus, wodurch der Druck, 
welchen die ursprünglich schon vorhandene -^ B der Kugel aus- 
übte , nach dieser Richtung hin vermehrt wird, so dass die Kraft, 
mit welcher umgekehrt die atmesphärische Luft auf b druckt, in 
der Richtung von S her nun geringer ist, als nach den übrigen 
Richtungen , * und deshalb die Kngel b nach S hin getrieben wird. 
Umgekehrt, wenn S freie -|- E hat. Wir bemerken hierzu, daaa 
dieses gut passt zur Erklärang der Erscheinungen, so lange b und 
S von atmosphirischer Luft umgeben sind , aber nicht mehr an- 
wendbar erscheint, wenn die Körper im luftleeren Räume sich 
befinden; der Verf. sagt zwar in einer Anmerkung, dass man 
dann Dämpfe von Quecksilber oder andern Stoffen, oder die 
Innern Wände der Glasröhren ffir die Luft substitüiren mflsae, 
was uns aber nidit genügend erscheint. Nach unsrer Ansicht 
reicht die Kraft selbst, mit welcher die an b haftende +E von 
der — E des Körpers S angezogen wird, allein schon hin, die 
wirkliche Bewegung der so leicht beweglichen Kugel b gegen 8 
hin zu erklären. — Bei Erklärung des Vorganges bei dem Laden 
einer Verstärkungsflasche S. 335. wird dafihr, dass die Ladung 
der Flasche nur bis zu einem gewissen Grade sich fortsetzen 
lässt, als Grund angegeben, dass nach Uebetschreitung dieses 
Grades eine Selbstentladnng erfolge. Allerdings setzt die Selbst- 
entladung allezeit der Ladung der Flasche efne Grenze, aber 
nicht dieses allein ist der Grund , warum der Grad der Ladung 
nicht beliebig weit fortgesetzt werden kann ; bekanntlich hat dfe 
innere Belegung einer geladenen Flasche immer einen Antheil 
freier E, welcher wegen des Widerstandes, der durch das zwi- 
schen beiden Belegungen befindliche Glas ausgeübt wird, nicht 
gebunden ist durch die entgegengesetzte B der äussern Belegung, 
und desto grösser wird , je mehr die Stärke der Ladung wichst. 
Führt man also der Innern Belegung etwa aus einer Elektrisir« 
maschlne -{- B zu, so wächst mit der Laduugauch die Kraft, mit 
welcher jener freie Antheil von + E der Innern Belegung die 
gleichnamige E zurückstösst, und wird endlich, wenn nicht frUier 
eine Selbstentladuug erfolgt, ao stark, dass alle-|-E, die m«n 
der Innern Belegung weiter zufbhren wiU, zurnckgestossen wird, 
abo die Flasche nldit staiker geladen werden kann. Die Selbst- 



136 Physik. 

'6Dätfduo0 wird aber früher «rfolg^a» wenä entweder die Dicke 
des Glases verliältuissmässrg gering, od^r der isolirende Raum 
zwisjcbea beideu Beieguagen zu^ klein. ist. -r 1q Betreff des Vor- 
trags über die Berübmngseiektricität bemerken wir im AUgemd- 
neo, dass wir eine gehörige Trennung der einfachen Kette und 
der zusammengesetzten Kette' oder Säule vermissen ; der Hr. 
Verf. erklärt zwar § 1132. am Schlüsse iler 16. Abth. die einfache 
Kette , betrachtet aber dieselbe nicht besonders , erklärt in der 
23. Abth. die Theorie der Yoltaschen Säule, ohne eine Theorie 
der einfachen Kette gegeben zu haben.^ und gebraucht den Aus- 
druck Säule zuweilen gradezu für Kette^ z. B. in § 1188.; Ketten 
von einem festen und zwei flüssigen Erregern werden nicht be- 
trachtet. Die Spannungsreihe ^ welche die yersdiiedepen Metalle 
bilden, ist § 1130. nur sehr oberflächlich erwähnt S. 414. wird 
in einer Anmerkung gesagt, zur Zersetzung des Walsers gehöre 
eine Säule von wenigstens fünf Plattenpaaren, und doch wird die 
Wasserzersetzung bekanntlich auch schon durch die einfache 
Kette bewirkt; eine eigentliche Theorie der Wasserzersetzung 
durch die Säule wird nicht gegeben. In Betreff der Voltaschen 
Säul^ erwähnt Hr. 6. nur mit wenig Worten im Allgemeinen die 
Ansicht von BHter^ Daty und Jäger und erklärt dann ausführ- 
licher die Theorie Volia'a^ was wir im Allgemeinen dem Zwecke 
des Buches angemessen finden, sowie wir überhaupt von, der 
Theorie Volta's uns^ am meisten angesprochen fühlen. Die Artt 
wie Hr. Gf. diese Theorie hier entwickelt, ist populär und ver.- 
atändlich, aber nach unsrer. Ansicht zu wenig direct und allge- 
mein; und doch ist wenigstens in unsern Augen grade dieses ein 
bedeutender Vorzug der Volta'schen Theorie, dass sie sich mit 
g;rosser Klarheit und Bestimmtheit allgemein darstellen lässt. Der 
^Verf.. geht von der Annahme aus, dass, wenn eine Kupferplatte 
von einer Zinkplatte berührt wird, in jeder ein solcher elektr. 
Zqstand erregt werde, dass die Differenz der Elektricitäten = 1, 
also z.B. das Zink + ^i das Kupfer — \ habe. Wird das Kiffer 
mit der Erde verbunden, so erhält nun das Kupfer 0, das Zink 
also -hl« Legt man auf das Zink einen feuchten Leiter, und 
hierauf eine zweite Kupferplatte , so erhält diese durch Mitthei- 
lang -hl; wird aber darauf wieder eine Zinkplatte gelegt, ao 
.rouss. diese -h2 erhalten, damit die elektr. Differenz zwischen 
beiden Platten, wieder = 1 ist. Schichtet man so immer mehr 
Paare mit dazwischen gelegten feuchten Leitern über einander, 
so steigt auf dieselbe Weise die elektr. Spannung mit jedem Paare. 
Ebenso, nur aber mit negativer El., wenn man ausgeht von einem 
Paare, dessen Zinkplatte mit der Erde verbanden ist. Hier hat 
man also «ine Säule, davon einmal der Kupferpol, dann der Zink- 
pol ableitend berührt ist. Den Zustand einer gan% üolirte'n 
Säule findet der Verf. , indem er von zwei ganz gleichen Säulen 
ausgeht, davon die eine den Zinkpol, die andre den Kupferpol 



Götz: Lehrbuch der Physik. 137 

urgprÜBflieh tnit 4er £rde verbunden hat, and dan He Verblo- 
iujug dieser Pole mil der Erde aufhebt, nachdem dieselben snvor 
iorch einen feuchten Leiter verbunden worden sind. (Eine ähn- 
liche Darstellung findet sich im Lehrb. d. Phys. von Neunuum 
IL Tbl* S. 547 f.) Allgemeiner und wissenschaftlicher und doch 
wohl eben so deutlich lässt sich die Sache ungefähr auf folgende 
Weise darstellen. Jüan betradite eine vollkommen isolirte Säule 
von n Plattenpaaren, verbunden nach folgendem Sdieina: 

K) Z] F Kf Z^ F Ks Z,_, F Kb Zu 

wo F den feudhten Leiter bedeutet. Der elektrische Zustand 

der Plauen Ki , Z|, K«, Z^, K„ , Z„ 

seiduirch Xi, y,, x„ y,, x„, y„ 

beseichnet. Nun gelten allgemein folgende Sätse: 

1} So. lange die Säule vollkommen isolirt ist, wie hier ange- 
nommen wird , geschieht die Anhäufung der £ nach der einen 
Seite hin nur auf Unkosten oder durch Vertheilung des natür- 
lichen Antlieils E ^^ 0,. daher müssen die positiven und negativen 
Elektricititeo der gansen Säule zusammen =^ sein, 

2) Je nwei durch einen feuchten Leiter verbundene Platten 
müssen vollkommen gleichen elektr. Zustand haben. 

3) Bei unmittelbarer Berührung einer Kupferplatte mit einer 
Zinkplatte wird in beiden durch die galvanische Kraft Eiektricitat 
erregt, und zwar so, dass der Spannungsunterschied zwischen 
Zink nnd Kupfer immer derselbe ist, den man also 5=3 1 setzen 
kann. 

' Hierdurch erhält man ak|0 folgende Gleichungen : 

1) X| + y, 4- X, + y, + X3 + y, + .. H X, + y„ = 0; 

2) y, = I,, yt.= X,, yg — X41 • . . . y»*i = x„; 

3) yi — Xi = I1 y,— x,=r=l, y, — Za=l,,..y„ — Xo = L 

Ans 1. und 2. folgt: 

4) X, + 2y, + 2yj.+ 2ys + . . • . + 2y^, + y«:= 0. 

Aus 2, und 3. aber findet mm i 

5) yi = Xi + l, y, = X| + 2, y« = x, + 3^ ... y„ ==:4i + n. 

Endlich ergiebt sich aus 4. und 5. : 

2iiXi + n* = 0, also x, = — 5, 

yi-=— (|— i}==x.»yt= — (§— a) = «8i — s 

So findet man z. B. für eine Säule von 3 Paaren: 
K| Zi F K, Z. F K, Z, 

^ —h-h -i^+h +4t+*» 

für eine Säule von 4 Paaren: 

K| Z. F K, Zt F K, Z, F K4 Z, 
—2,-1, -.1, 0, 0, +1, +1, +2. 



138 Physik. 

Beide Pole bafcen also immer gleiche Spannung, aber ron entge- 
gengesetzter E. Ist die Anzahl der Piattenpaare ungerade^ so 
giebt es ein mittelstes Paar, von welchem die Kupferplatte — ^^ 
die Zinicplatte + 4 hat; ist die Anzahl der Plattenpaare gerade^ 
80 wird die Mitte der Säule gebildet von zwei durch einen feuch- 
ten Leiter getrennten Platten , und diese haben nur E. -*- Wird 
der eine Pol ableitend ber&hrt, so mnss er noth wendig OE erhal- 
ten^ aber das Verhältniss der elektr. Zustände der aufeinander 
folgenden Platten muss das Torige bleiben. Anstatt der Glei- 
chung (1) hat man daher hier entweder Xj == 0, oder yn = 0, je 
nachdem der Kupferpol oder der Zinkpol ableitend berührt wird, 
die übrigen Bedingungen bleiben« Es wird daher bei Berührung 
des Kupferpoles yn =^ +'>9 ^^^ Berührung des Zinkpoles x^=r 
— n ; im ersten Falle haben alle Platten der ganzen Säule positive 
nach dem Zinkpole hin wachsende Spannung, im zweites haben 
umgekehrt alle negative Spannung. Durch Berührung dcai einen 
Poles steigt die Spannung des andern auf das Doppelte; die hierzu 
nöthige E wird «us der Erde genommen. 

Wir übergehen noch einiges weniger Wichtige und bemerken 
nur, dass bei der vorläufigen Erwähnung des Elektromagnetismus 
S. 437. ein Versehen vorgefallen ist, welches später im nächsten 
Capitel, wo über diesen Gegenstand ausführlicher gehandelt ist, 
wieder vorkommt ; wir werden es weiter unten berichtigen. Das 
nächste 14. Capitel hat nämlich zum Gegenstande den Magne- 
iiamu^^ und zerfällt in 9 Abtheilungen folgenden Inhalts: 1) Von 
dem Magnetismus im Allgemeinen, von der magnetischen Anzie- 
hung und Abstossung, von der Vertheilung des Magnetismus 
u. s. w. , S. 461 — 471. ; 2) von der genaueren Bestimmung der 
Lage eines frei beweglichen Magneten und von der Intensität der 
magnetischen Kraft, S. 472 — 484 ; 3) von einigen Erfegungs- 
arten des Magnetismus, S. 484—^492.; 4) von der ErhaJtuog, 
Vermehrung und Verminderung der Kraft eines Magneten, S. 492 
— 493.; 5) von dem Elektromagnetismus^ S. 496 — 504.; 6) von 
der Magnetoelektricität, 8.505 — 511.; 7) von dem Erdmagne- 
tismus, S. 511 — 514.; 8) von dem Verhältnisse zwischen Elektd- 
citat und Magnetismus, 8. 514. u. 515«; 9) von dem thierischen 
Magnetismus, S. 515. u. 516. Ein Anhang S. 517 - 526. ent- 
bäll noch verschiedene Tafeln , nämlich Nr. 1. von der Ausdeh- 
nung einiger festen Körper durch die Wärme; Nr. II. von der 
Ausdehnung einiger tropfbar flüssigen Körper durch die Wärme ; 
Nr. III. von dem Vermögen einiger Körper die Wärme auszustrah- 
len; Nr. IV. von dem wärmeleitenden Vermögen einiger Körper; 
Nr. V. von der specif. Wlrme einiger Körper; Nr. VI. von der 
Schmelzbarkeit (dem Schmelzpunkte) einiger Materien; Nr. VII. 
von einigen Kälte erregenden Mischungen; Nr. VIII. vom Siede- 
punkte einiger tropfbar flussigen Körper ; Nr. IX. von der Tem- 
peratur, bei welcher Wasser unter Verscbiedenem Drucke siedet; 



Gots: Lehrbuch der Physik« 139 

Nr. X. von eiDigen bemcrkemwerflien Tenpemlnren; Nr. XI. 
und XIL ?oii dem BrechuDgsvemiögeii eloiger Korper. Znlelsl 
Mgt noch die Angabe einiger Dmckfehler, die sich aber om ein 
Qedentendes vermehren Heiae« 

Ueber die Behandlung dea Magneiiamua im Allgemeinen 
können wir bemerken, daaa hier ebenao, wie In Betreff der 
Elektricitatoiehre, auch die neuern Entdeckungen benutzt, wenig* 
^tena in Anmerkungen berührt sind , daher auch dieaer Abachn^ 
dea Buchea mit Rucksicht auf aeine Beatuamfing im Gänsen die 
nöthige VoUatandigkeit hat. In Beaiehung auf das EInaelne finden 
wir una nur zu folgenden Bemerkungen Tmnlaaät. In § 1237. 
ist die Rede von dem MagnetismuB, welcher in einem ßiacnatabe 
nach dem Geaetze der Vertheilnng dadurch erregt wird, daaa 
man daa eine BUide einea Magneten über den Stab hlnwegfuhrt, 
und dieaea fuhrt den Verf. zur Ekrwahnung der Indifferenzpnnkie, 
sowie dea Culmlnatioiiapunktea , doch ohne tiefer eingehende 
ErkBrnng der Sache. Hier war der Ort, auch etwaa von den 
magnetischen Schwerpunkten einea Magnetea su sagen, d. b. 
von den Punkten der groaaten Wirkaamkeit (Anziehung oder Ab^ 
stosaung) dea Hagnetiämus, weldie Punkte gewöhnlich nicht 
grade in den Endpunkten dea Magnetea liegen, sondern meiatena 
etwaa vom Ende abwärts nach der Mitte zu, unter umstanden 
aber auch selbst ausseAalb dea Magnetes; das hier gültige 6e- 
sets ist interessant genug, dass ea einer Erwähnung verdient 
hätte. Die Erklärung, welche S« 479. von dem magnetischen 
Aequntor der Erde gegeben wird, ist nicht genau genug. Bekannt- 
lich veratdit man darunter die Linie ohne Neigung^ d. h. die 
Linie, welche alle Punkte der Erdoberfläche enthält, in denen 
die Neigunganadel eine horizontale Stellung annimmt. Der Verf. 
sagt aber: „Geht man von Berlin öatlich oder weatlich, so finden 
sich Oerter, weiche dieselbe Inclinntion (der Magnetnadel) he- 
sitzen; und verbindet man die Oerter durch eine Linie, ao bildet 
sich ein nicht sehr regelmässig um die Erde laufender Gürtel, 
welcher der magnetißche Aequator genannt zu werden pflegt/^ 
Offenbar ist die hier erklärte Linie nidit der magnetische Aequar 
tor, aondern die durch Berlin gehende laoUiniache Linie. — Von 
den magnetiachen Erdpolen werden nur »wei erwähnt, ein Nord* 
pol und ein Südpol. — S. 482. am Ende der Anmerkung 4 muaa 
anatatt W : M« n^ 1 : Fgi geschrieben werden: ß< : o* = 1 : TgL 
r— Bei Angabe der verschiedenen Methoden, künstliche Magnete 
su bereiten , ist ^ur nichts gesagt über daa Magnetlairen der hat** 
eiaenformlgen Stabe, und doch ist derGdbrauch der künstlidien 
Magnete ton dieser Form grade sehr häufig. In § 1262. werden 
die Versuche von MorichinI und Lady SommerviUe erwähnt, nach 
welchen daa violette licht dea priamatlschen EarbenUldea die 
fiigenediaft haben aoU, feine Nadeln zu magnetiairen; der VeriL 
aetit swar hinzu, dass bei Wiederholung der Veranchtf vdn 



140 Phyiik. - 

Horichini dureh andre Physiker wechseliide »nd negtüfe-Re««!* 
täte erhalten worden wären, erwähnt aber nicht, dass die höchst 
mühsam und sorgfältig angestellten Versuche voii Riesa und 
Moser, welche auch eine Wiederholung der Versuche der Lady 
Sommerville enthalten, die magnetisirende Kraft des violetten 
Lichtes wo nicht als gar nicht vorhanden , doch wenigstens als 
höchst zweifelhaft bewiesen haben. — Wir kommen nun «u diem 
schon oben angedeuteten Versehen bei der^Angabe der Ablenkun* 
gen, welche eine Magnetnadel durch den magnetischen Strom 
erfahrt. S. 497. heisst es: „Um die nähern Umstände dieser 
Erscheinung einzusehen und. sie auf bestimmte Ausdrücke au 
bringen, nehme man an, dass sidi der Leitungsdraht (durch wel- 
chen der galvanische Strom geht) horizontal von Morden nach 
Süden in der Richtung des magnetischen Meridians seihst, woria 
die Magqetnadel sn zur Ruhe kommt , erstrecke , dass sein Nord* 
ende an dem Kupferpole und sein Stidende an dem Zinkpole der 
galvan. Säule befestigt sei ; und stelle sich ferner vor , dass die 
den Versuch madiende Person nach Norden ,^d h« nach dem 
Kupferpole des Drahtes hinsieht. Kommt aber nun 1) der Draht 
über die Magnetnadel , so weicht ihr Pol westwärts ab. Kommt 
2) der Draht unter die Nadel, so gebt die Nordspitae der Nadel 
nach Osten. Bringt- man 3) den Draht an die rechte oder linke 
Seite der Nadel, so wird sie nicht m^r nach der Seite abgelenkt, 
verliert aber ihre horizontale Richtung; im ersten Falle erhebt 
sich die Nordspitze der Nadel, während sie im zweiten sich 
6enkt>^ Bekanntlich verhalten sich aber die Erscheinungen grade ^ 
umgekehrt; wenn der vom Kupferpole zum Zinkpole gehende 
Strom von Norden nach Süden über der Nadel hingeht, so wird 
die Nordspit'ze der Nadel nach Osten abgelenkt, u. s.w. Wir 
können uns die Stäche nicht anders erklären, als dass wir anneh- 
men, der Verf. habe sich die Richtung des Stromes in entgegen- 
gesetztem Sinne gedacht, als sie hier bezeichnet ist. Erdrückt 
die Erscheinungen noch auf eine andre Art S. 498* so aus: „Wenn 
man sich einen Beobachter B im Drahte selbst liegend denkt, 
nit den Füssen nach dem Zinkende, mit dem Kopfe nach dem 
Kupferende und mit dem Gesichte nach der Nadel gekehrt, 'so 
wird die vom Drahte ausgehende Kraft die Nordspitze der Nadel 

von der rechten nach der linken Seite des B senkrecht 

auf die kürzesten Abstände dieser Punkte von dem Drahte ab- 
lenken.^^ Aber Ikuch dieses stimmt mit der ersten Darstellung 
ikberein. . Früher bei vorläufiger Erwähnung des Elektromagne- 
tismus S. 437. wird diese letzte Darstellung ungefähr ebensa 
■ohon gegeben, nur mit dem Unterscluede, dass es heisst, , der 
positive Strom solle zu den Füssen des Beobachters eintreten, za 
seinem Kopfe austreten ; versteht man hier unter dem positwm 
Strome den vom Kupferpole zum Zinkpole gehenden, so stimmt 
die Angabe mit den Erschefaiungen überein, aber nach den S. 498. 



Götz: Lehrbach der Physik. 141 

Btehenden obemngefilhrten Worten muM man jenen Stroni im 
entgegengesetzten Sinne «ufAusen. — In einer Anmerkung 
S. 502« wird gesagt, dass mittelst gewöhnlicher MascMneneieltrI* 
cität eine Ablenknng der Magnetnadel so, wie durch 4en galvani« 
sehen Strom, nicht bewirkt worden sei; dagegen ist zn beraerken, 
dass nach Versuchen von Colladon sich ergeben hat, dasa avch 
die Reibungaelektricltät und ebenso die in der Natur bei Gewit- 
tern erregte £1. Ablenkungen der Magnetnadel bewirkt, wenn 
man letztem Ton ihr in mehrfachen Windungen umströmen lasat« 
{\g\. Gehleres Phys. Wörterb. Neue Ausg. Bd. Vf. S. 69») Noch 
erinnern wir, dass bei Betrachtung der Terschiedenen Erregungs- 
arten des Magnetismna die Erregung durch Warme wenigatena 
knr^ bitte erwähnt werden sollen; der Verf. hat rie ganz über« 
gangen, wahrscheinlich, weil sie in einem frühem Abschnitte, 
von der Thermoelektricitit , norit berührt worden ist. Daas die 
WSrme den Idiomagnetismus des Stahles rermindert , wird gele* 
gentlich bemerkt, aber es ist nicht berührt, dass in dem weidien 
Eisen der Magnetismus (durch den Brdmagnetismus erregt) bei 
der Erhitzung bis zu dem dunkeln Rothgl&heh kräftiger her« 
Tortritt. 

Wir wenden uns zu dem dritten Theile. Derselbe zer^t 
in zwei Capitel, davon das erste mit der Uefoerscbrift : „von dem 
Wehgebinde^S die Hauptlehren der Astronomie, das zweite, 
fibersdmeben: „von dei^ irdischen Erscheinungen im Grosaen^^ 
das Wiasenswürdigste von der pliysischen Geographie und Meleo* 
roiogie vortragt , im Allgemeinen in populärer Darstellungsw^ise, 
doch sind die Lehren der Astronomie immer griandlich bewiesen.| 
soweit es durch niedere Mathematik geschehen konnte, daher 
das Buch von dieser Seite besonders für Gymnasien sich empfidilt. 
Im Einzelnen ist der Inhalt folgender. Erstes Capitel. 1. Abth; 
S. 2^ — 12. von den astronomischen Erfahrungen (das scheinbare 
Himmelsgewölbe, die Himmelskörper, gemeintagliche Bewegung 
derselben, eigne Bewegung des Mondes, der Sonne und der Pla- 
neten; Aufi^hlang der letzteren; Kometen, Fixsterne, Astro-^ 
namie) 2. Abth. S. 12 — 51. von der Orts- und Zeitbestimmung 
(Erkiärong der gewöhnlichen Kreise am Himmel; Bestimmung 
der Lage eines Punktes am Himmel gegen, den Horizont, gegen 
den Aequator, gegen die Ekliptik; darauf bezügliche Aufga- 
ben, als: Bestimmung der Mittagslinie, der Polhöhe, der Höhe, - 
der Declination , des Azimuthes eines Sternes , der Schiefe der 
Ekliptik, der Rectascension, Länge und Breite eines Sterns n. s.w.; 
Sterntng, Sonnentag, mittlere Sonnenzeit, Sonnenjahr u. s« w.). 
3. Abth. S. 51 — 66. von der Anordnung der Körper unsevs Sy- 
stems (kugelförmige Gestalt der Erde ; ihr Halbifiesser verschwin-> . 
det gegen die Entfernung der Fixsterne ^ Rotation der Erde, Fol« 
gen davon ; Bewegung der Erde,^ der^ Planeten um die' Sonne, des 
Mondes n^oi die Erde). 4. Abth. S. 66 — 75. von dem Kopernica- 



142 Physik. 

iriechen Weltsysteme nnd von den drei Keplerisehen Oesetsen. 
5. Ablh. S. 75 — 88. Tonden Erklärungen einf^r Erecheinnngen 
mich dem Kopernicanisclien Weltsysteme (Abwechslang der Ta* 
ges- und Jahres -Zeiten erklart aus der Bewegnng der Erde; die 
Dämmerung; Folgen Ton der eklijilischen Bahn der Erde um die 
8enne; Ton der wahren Bewegung des Mondes). 6. Abth. & 88 
-^ 100. von der Grösse nnd Gestalt der Erde (Messung eines Me- 
ridianbogens der Erde; Bestimmutig der geogr. Länge eines Ortes, 
der Grösse des Erdbalbmessers; Abplattung der Erde). 7. Abth. 
8. 100 — 107. Toä den . künstlichen Erdkugeln und Landkarten, 
8. Abth. S. 107 — ^116. von den Bewegungen der Weltkörper un- 
ser« Systems (Bestimmung der Kartenlinie eines Planeten, des 
Neigungswinkels der Planetenbahn gegen die Ekliptik, der Ent- 
fernung der Planeten von der Erde, von der Sonne, der Umlaufs- 
seit eines Planeten u. s. w.). 9. Abth. S. 117 — 124« von den 
Entfernungen und Grössen der Weltkörper unsers Systems (Pa- 
rallaxe, Bestimmung der Parallaxe eines Planeten, der Sonne; 
Bestimmung eines Planeten von der Erde, der Grösse eines Pia* 
neten). 10. Abth. S. 124^ — 131. von den Verfinsterungen. 11. 
Abth. S. 131 — 139. von den Fixsternen (Parallaxe, Licht, Farbe 
der Fixsterne, veränderliche Sterne, eigenthnmliche Bewegung 
einiger FixsteiiBe, Doppelsterne). 12. Abth. S.^ 139 — 144.. Ton 
der Sonne (Grösse, Masse der Sonne, Faltraum f&r 1 Secnnde 
an der Sonnenoberfläche, Sonnenfleeke, Rotationszeit, leuchtende 
Atrao^ihäre). 13. Abtii. S. 144 — 146. von dem Merknr. 14. Abth. 
S. 146-^149. von der Venus. 15. Abth. S. 149—151. von der 
Erde. 16. Abth. S. 151—160. von dem Monde. 17. AbA. S. 161 
•^162. von dem Mars. 18. Abth. S. 163— 164. von der Geres, 
Pallas, Juno, Vesta. 19. Abth. S. 164 — 168. v«m Jupiter und 
seinen 4 Trabanten. 20. Abth. S. 168—174. von dem Saturn 
und seinen 7 Trabanten. 21. Abth. S. 174 — 176. von dem Ura^ 
Qus und seinen 6 Trabanten. (Ueber jeden Planeten wird enge-' 
geben, was über seine wahre Grösse, Umlaofszeit, Rotatiodszeit, 
Dichtigkeit und sonst über seine Beschaffenheit bekannt ist.) 
22. Abth. S. 176 — 178. von den Atmosphären der Planeten und 
Trabanten. 23. Abth. S. 178— 186. von den Kometen. 24. Abth. 
8. 186 — 188. von der vergleichenden Astronomie. Hierauf fol- 
gen änige Anhänge an diesem Capitel, nämlich: 1. Anh.S. 189 
-^197. von einigen astronomisoben Instrumenten (Sextant, Qua- 
drant, Multiplicationskreis, Theodolit). 2. Anh. S. 198 — 211. 
von einigen Aufgaben aus der praktischen Astronomie (Beobsch- 
tung der Gulmination der Sonne, Bestimmung der Uhrzelt im 
wahren Mittag, der Mittägslinie aus einer Sonnenhöhe; der Pol- 
hohe eines Ortes, der Rectäseension der Sonne, ohne die Schiefe 
der Ekliptik nnd die Declination zu kennen, u. A.)...3. Anh. 
S. 212— 215. von der Gnomonik. 4. Anh. S. 215 — 232. von 
der Chronologie« 5. Anh. S. 233 — 241. tabellarische Zusammen- 



Gots: Lehrbuch der Physik. 143 

füelliiof der verscMedenen b«i den WeltUrpern oMen Plaaeleo- 
' flystems Ib Betracht kommenden GrÖBsen nnd Zahlen. 6. Anb. 
S. 241 — 246. TOB der Besllmmung der Elemente der Kometen 
aus^geometrischen Beohaehtungen« -^ Zweitea Capitel« 1. Abth. 
8, 247 "-^ 269. von den Gebirgen, von den Brdbeben und von der 
Entatehnngaart der Erde. 2. Abth. S. 270— 280. von dem Meere. 

3. Abth« S. 281 — 289. von den 6ewi§8em dea festen Landea. 

4. Abth. S. 293 — 304. von den Wännemeteoren (Temperatur 
der Erdev der Erdoberfläche, Abwechslungen der letatern, Tem- 
peratur des Meerwasaera, der Atmosphäre in verschiedenen 
Höhen). 6. Abth. S. 304—324. von den Lichtmeteoren (Mor- 
genrötbe und Abendröthe, Regenbogen, Höhe, Nebenmonde, 
Nebensonnen, Nordlicht, Zodiakaliicht). 7. Abth. 8. 324—332^ 
von den Fenermeteoren (FeuerlEugeln, Sternachnuppen, Irrlichter). 
8. Abth. S. 332—346. von den Elektrometeoren (Gewitter, BliU 
und Donner, Blitdcableiter, Wetterleuchten, Elmsfeuer). 9. Abth. 
8.347—365. von den Waaaermeteoren (Thau, Nebel, Höhen- 
rauch, Wolken, Regen, Schneie, Hagel). 10. Abth. 8.365 — 
382. von den Aerometeoren (Winde, bestindiger Ostwind der 
heissen Zone» Paasatwinde, periodisdie Winde, veränderliche 
Winde, Wasserhosen, Veränderungen der Barometerhöhen). Ein 
Anhang 8. 383. und 384. enthalt Angaben der Tagesaeiten, wo 
für verschiedene Orte der höchste und niedrigste Barometerstand 
eintritt* 

Auif dieser Angabe des Inhalts wird hervorgehen , daas daa 
Buch über Vielea Belehrung giebt, was für jeden wahrhaft Ge- 
bildeten von hohem Interesae aein muss, weshalb wir auch beson- 
ders diesen .dritten Theil, welcher nnsbhangig von de|i beiden 
ersten ein Ganaea für sich bildet, allen denen empfehlen, weichet, 
ohne Männer vom Fache «i sein, über das Allgemein- Interesaante 
aua der Astronomie und Meteorologie Belehrung suchen. Sie 
werden in Betreff der meisten Gegenstände nicht allein die Rcr 
sultate der Forschungen finden, welche die eigentlichen Pfleger 
der Wissenschaft gewonnen haben, sondern auch grösstentheils 
sich in den Stand geaetzt sehen, wenigstens einigermaassen die 
Mittel und Wege bu erkennen , auf welchen man su diesen Resul- 
taten gelangt ist In dieser Beziehung vermissen wir hier nur 
noch Eins. Zu den gläniendsten Resultaten der astronomischen 
Forschungen, welche der gebildete menschliche Geist nicht ohne 
einen gewissen Stols betrachten hann, haben wir immer die Be- 
eUmmung der Massen und Dichtigkeiten der Weltkörper unsere 
Planetensystema gesählt; aber nicht die trockne Mitiheiiung der 
gefundenen Resultate, sondern die Nachweisung des sichern We- 

?;es, auf welchem man dieselbe gefunden hat, ist es, was alle 
ur wahre Bildung Empfangliche, denen wir Gelegenheit gehabt 
haben hierüber Aofschluss au geben, mit freudigem Erstaunen 
erfollt hat. Der Verf. giebt zwar bei Betrachtung der einzelnen 



144 Physik. 

Plar^eten diese Resnitate an , ist aber nioht darauf eingegangen, 
begreiflich zu machen, wie es mogtich war, zu solchen Erkennt* 
nfssen zu gelangen , und dieses ist es alier , was wir ungern ver- 
missen. Denn was in dieser Beziehung in eine^ blossen Anmer- 
kung S. 165. gesagt ist, können wir nicht für hinreichend halten; 
sehr Vielen wird es nicht verständlich sein. Ausserdem haben 
wir noch folgende Bemerkungen zu machen. Nicht passend ist 
der Alisdruck in § 39. S. 18., wo es heisst: ,Jn der obern Cul- 
roination hat ein Stern seine grösste und in der untern seine 
kleinste Höhe oder Tiefe, je nachdem er ein aufgehender oder 
untergehender tet,^^ Anstatt der letzten Worte sollte es heissen : 
je nachdem er ein nie untergehender, oder ein auf- und unterge- 
hender ist. — S. 23. § 48. muss anstatt : Winkel Z als die Er- 
gäfnzung des Azimuthes zu 90^, gelesen werden: Ergän- 
zung zu 180®. . So sind noch ein paar wesentliche Druck- 
fehler: S. 94. die Länge von Berlin 2P 3' 30'S anstatt : 3V3r3(y\ 
S. 100. Anm. 2.: Langenmaass, anstatt: Körpermaass. Nicht 
gehörig bezeichnend ist der Ausdruck in der Anmerkung zu ^ 73» 
S. 35«: ,,Um die Schiefe follkommen richtig zu erhalten, müsste 
die Sonne genau Im Mittelpunkte ihre grösste Declination be- 
sitzen.^^ Der Sinn der letzten Worte soH sein : müsste die Sonne 
Im Augenblicke der Cnlmination ihre grösste Declination haben. 
Gleich zu Anfange haben wir schon erinnert, dass auf die Zeich- 
nung der Figuren zu wenig Sorgfalt gewendet worden ist, wel- 
cher Nachtheü in diesem 3. Bande besonders öfters fühlbar wird. 
So passt die Figur 7, zu dem T)&xte in § 75. nur insofern, ah 
man annimmt, dieselbe solle die hoMe Seite der Himmelskugel 
▼erstellen, was aber nicht gesagt wordien ist nnd for gewohnlichr 
doch nicht angenommen wird. Dieselbe Bemerkung gilt in Bezie- 
hung auf § 79. (S* 38.). In del' Auflösung zu § 78. wird voraus- 
gesetzt, dass man die zwischen zwei Momenten verflossene Stern* 
zeit bestimmen könne, was aber im Vorausgehenden noch nicht 
gelehrt ist; erst Im Folgenden ist von der Sternzeit die Rede. 
In Betreff der Auflösung der vorkommenden sphärischen Dreiecke, 
z. B. § 79. ist zu erinnern, dass auf die zweideutigen Fälle nicht^ 
gehörig Rücksicht genommen wird. Zu Anfange des Abschnittsr, 
welcher von dem Kopernicanischen Weltsysteme himdelt, wird 
S. 66. zu der Angabe, d^ss die Planeten um die Sonne sich be- 
wegen, die Anmerkung hinzugefugt: „man bemerke, dass die 
Bewegungen der Planeten wahre Central beweguiigen sind, und 
dass die allgemeine Schwere als Centripetalkraft sich zeigt. Die 
Ursache der Tangentialkraft ist unbekannt , und man weiss nnr, 
dass dieselbe in jedem' Augenblicke aofs Neue sich erzeugt, weil 
dem Beharrungsgesetze gemäss jeder Körper die Neigung, in 
einer geraden Linie fortzugehen^ besitzt.^^ Ueber die Central- 
bewegung hat der Verf. allerdings ausführlich gehandelt im ersten 
Theile§93f.9 und er hätte deshalb hier darauf verweisen können; 



Gdts: Lehrbach der Physik. 



145 



iosofern aber doch Mancher^ der grade für Astronomie sich inter- 
^ssirt, diesen 3/ Tlieil des Lehrbuchs sich anschafft und liesl, 
ohne die beiden ersten zu besitzen (dass'der 3. TheO ais ein für 
sich bestehendes Buch angesehen und einzeln gekauft werden 
könne, scheint auch im Plane des Verf. gelegen zu haben): so 
wäre es wohl nicht unpassend gewesen, wenn die Erklärung der 
GentralbewegUDg, Tangentialkraft, Centripetalkraft u. s. w* hier 
kurz wiederholt worden wäre« Um übrigens grade solche Leser, 
welche mit den Gesetzen der Mechanik nicht genauer bekannt 
sind, nicht irre zu leiten^ hätte genauer gesagt werden sollen, 
dass nicht jeder Körper sclilechthin , sondern nur jeder bereits in 
Bewegung sich befindende Körper dem Beharrungsgesetze gemäss 
in einer geraden Linie fortzugehen strebe. — Wann Martianus 
Capella gelebt habe , ist allerdings ungewiss, aber gar zu schwan- 
kend Ist es, wenn der Verf. S. 68. in einer Anmerkung sagt, nach 
der Behauptung Einiger habe er 490 vor Chr., nach Andern in 
der Mitte des 3« Jahrhunderts gelebt, und dann S. 69. im Texte 
selbst ihn als einen Astronomen des 5. Jahrhunderts n. Chr. be- 
zeichnet. — Bei der Erklärung der wahren Ursache Ton dem 
Zurückgehen der Nachtgleichen in § 124. hätte die Bohnenber- 
gersche Maschiiie erwähnt werden sollen, welche den betreffen- 
den Gegenstand auf eine sehr zweckmässige Weise Teranschaullcht. 
Auch wundert es uns, dass unter den astronomijschen Flüifsmitteln 
gar nicht gedacht wird der Tellarien und Planetarien, deren Ge- 
branch das Verständniss sehr vieler Lehren der Astronomie über- 
aus erleichtert. Die meisten der vorkommenden Aufgaben, wo 
es auf Berechnung eines geradlinigen oder sphärischen Dreiecks 
ankommt, erläutert der Verf. durch Betrachtung eines Beispiels, 
wodurch der Vortrag an Deutlichkeit sehr gewinnt; dagegen ist 
§ 88. nur sehr kurz ^le Aufgabe hehandelt, die Grosse eines 
Breitengrades zu finden. In § 207. S. 129; zeigt der Verf. , dass 
dfe aus dem Monde gesehene Horizontalparallaxe der Sonne fast 
nur ^j^ff des aus der Erd^ gesehenen scheinbaren Halbmessers 
des Mondes beträgt, in Betreff der Art aber, wie diese Folge aus 
den angestellten Betrachtungen gezogen wird, ist Folgendes zu 

FG 
bemerken. Die Formel FEB = ^= , FGB ist zunächst für die 

Annahme entwickelt, dass in B die Erde, in C der Mond stehe, 
also FG die Entfernung zwischen Erde und Mond, FE die Ent- 
fernung^ zwischen Erde und Sonne, FEB die Horizontalparallaxe 
der Sonne von der Erde gesehen, FGB der scheinbare Halb- 
messer der Erde von dem Monde gesehen ist. . Um die Folge zu 
ziehen , welche der Verf. beabsichtigt, muss man die Erde In C, 
den Mond in B versetzen , was der Verf. nicht hätte unerwähnt 
lassen sollen; dadurch wird allerdings FEB die vom Monde aus 
gesehene Horizontalparallaxe der Sonne, FGB der von der Erde 
gesehene Halbmesser des Mondes, FG bleibt das Vorige, aber 

A. Jakrb, f. Phil, ». Paed, od, Krii. Bibl. Bd. XX^Vlil. Uff. X \Q 



146 . \ Physik. 

FE wird nun c^ie Entfernung de» Mondes^ nicht die der Erde 
Von der Sonne. — S. 135, § 217^ wird von den Fixsternen 
gesagt: ,^Die Fixsterne haben eine geringe scheinbare Bewegung,- 
d. h., man sieht sie nicht völlig an demselben Orte, wo man sie 
von der ruhenden Erde aus erblicken würde. Da aber nun die 
Erde um die Sonne in einer Ellipse sich bewegt, so scheinen die 
Fixsterne jährlich kleine Ellipsen am Himmel zu beschreiben.^^ 
Diese scheinbare Bewegung der Fixsterne rausste genauer ange- 
geben werden ; streng genommen beschreiben nicht alle Ellipsen, 
wenn . man nicht den Kreist und die gerade Linie mit zu den 
Ellipsen rechnen will; dann liegt der Grund davon nicht grade 
in der elliptischen Bewegung der Erde, sondern nur in der Bewe- 
gung übe^iailpt, welche die Abirrung des Lichtes bewirkt. — 
In § 226. S. 139. ist für die an der Oberfläche der Sonne statt- 
findende Schwere der Bruch ^io§2^ anstatt V/ffVi^ angegeben; 
übrigens ist nichts hinzugefügt über den Grund der Ableitung 
dieses^ Bruches , was doch hatte geschehen sollen. Zu der Auf- 
findung der Mittagslinie S.205. reicht die Bestimmung des Azimu- 
thes HOK hin, der dort ebenfalls gesuchte Stundenwinkel 'Ah ist 
ohne Anwendung. Uebrjgens sind in der zugehörigen Figur 40. 
die Punkte B und k nicht richtig bestimmt; HB sollte die Fort- 
setzung'des elliptischen Bogens PU, und Uk die Fortsetzung des 
Bogens ZU sein, während beide gerade Linien sind. Zum Begriffe 
der S. 212. erklärten Aequinoctialuhr gehört, dass die Ebene der- 
selben parallel mit der Ebene des Aequators jst , was nicht er- 
wäluit wird. Als das Jahr, in welchem Julius Caesar mit Sosi- 
genes die Kalenderverbesserung vornahm, wird S« 223. und 225. 
durch einen Druckfehler angegeben: 44 n« Chr., nur in einer 
Note S. 223. ist 44 2;or,Chr« genannt; nach Ideler war es das 
Jahr 46 vor Chr. Bei der Angabe der Geschwindigkeit der Ju- 
pitersmondje in ihrer Bahn S. 240. müssen die dort angemerkten 
Meilen nicht auf die Bewegung in einer Secunde^ wie dort steht, 
sondern in einer Stunde sich beziehen. Bei den Strömungen des 
Meeres findet man nichts erwähnt von der Strömung von den 
Polen zum Aequator; auch haben wir in der Meteorologie nichts 
gefunden über die vermuthlichc Entstehung der Gewitterwolken; 
— im Uebrigen hat uns auch dieser zweite Abschnitt des dritten 
Theilra sehr angesprochen. 

Wir schiiessen diese nur Einzelnheiten betrefi*enden Bemer- 
kungen mit der Versicherung, dass wir sie nicht genoiacht haben, 
um den Werth des Buches herabzusetzen, sondern nur um zu 
zeigen , mit welcher Aufmerksamkeit wir dasselbe gelesen haben. 
Mit Recht äussert der Verf. in dem kurzen Vorworte, dass bei 
der Bearbeitung eines physikal. Lehrbuches viele Schwierigkeiten 
entstehen, und wie diese selbst, so müssen wir auch das Verdienst 
des Hrn. Verf. anerkennen, dieselben grösstentheils glücklich über- 
wunden zu haben , und wünschen seinem Buche röcht weite Ver- 
breitung. Meissen. Ct Cr. Wunder. 



Lehrbücher der Religion. 147 

1. Die Blaubenslehre des Evangeliums, Zam Ge- 
branch in den hohem Classen der Gymnasien und zum Selbstunter- 
richt für die erwachsnere christliche. Jugend. Von S, G. Reiehcy 
Rector und erstem Professor des Gyomasiums zu St. Blisabeth^ Ritter 
des rothen Adlerordens vierter Classe. Breslau , bei Grass , Barth 
und Comp. 1839. XII und 174 S. 8. ' 

2. Lehrbuch der Religion für die obem Classen protestanti- 
scher hoher Schulen Ton Ludw, Adolf Petri, Pastor in Hannover. 
Hannover, 1839. Im. Verlage der Hahn'schen Hofbuchhandlnng. VIII 
und 203 S. 8. Zweite verbesserte Auflage. 1843. XII und 209 ;$. *) 

3. Leitfaden für den Religionsunterricht in den 
untern Classen der Gymnasien und hohem Bürgerschulen, nach den 
fünf Hanptstücken des Lutherischen Katechismus entworfen von 
J. Ch, Jahns , Lehrer am Lyceum in Hannover. Hannover , 1840. 
Im Verlage der Hahn^schen Hofbuchhandlung. X und 195 S. 8. 

4. Einleitende Ideen für den Religionsunter^ 
rieht in obem Classen der Gelehrtenschulen. Auch zum Neben- 
gebrauch bei dem Niemeyer'schen Lehrbnche für die obern Classen der 
Gelehrtenschulen bestimmt. Von P. Chr, Fr. WÜh. Thamm. Dresden 
und Leipzig , in der Arnold^schen Bnchh. 1837. IV u. 135 S. 8. 

5. Das Leben Je ß u für Schulen und für Alle , welche sein Leben ' 
sich als Vorbild für ihr eignes gewählt haben« Aus den vier Evan- 

' gelien nach der Lutherischen Uebersetzung iii eine einzige Erzählung 
gebracht und mit den zum Verständniss nothwendigen Sjnnerklärun- 
gen und Nachrichten von dem Lande , dem Leben und ^en Vorstel- 
lungen der Juden versehen von Karl Alexander Ffege, Güstrow, 
Opitz und Frege. 1837. XVI und 256 S. 8. 

Gewiss darf das schnelle Anwachsen desjenigen Literatur- 
zwefges, der den Reli^onsunterricht in den Gymnasien zu seinem 



*) Die nachfolgende Recension dieses Buches war schon geschrieben, 
als dem Rec. die 2. Auflage desselben zu Gesicht kam. Da aber die letz* 
tere nur unbedeutende Zusätze und Verbesserungen enthält Und nament- 
lich der Text der Paragraphen fast ganz unverändert geblieben ist (was 
der Verf. selbst vornehmlich aus dem Grunde rechtfertigt, dass in Schul- 
büchern, namentlich für den Religionsunterricht, der Text möglichst 
feststehen und derselbe bleiben müsse), so sah sich auch Rec. nicht ver- 
anlasst, in seiner Anzeige etwas Wesentliches zu verändern. Wohl aber 
kann die Schnelligkeit, mit welcher die erste Auflage vergriffen worden 
ist, zur Bestätigung des Urtheils dienen, welches Rec. über den Werth 
des Buches in mehrfacher Hinsiebt ausgesprochen hat. Ui^ übrigens 
sowohl die Redaction als sich selbst wegen der Verspätung dieser Anzeige 
zu entschuldigen, bemerkt Rec, dass ihm die oben genannten Bucher 
von- der Redaction zwar schon seit länger als Jahresfrist übergeben wor- 
den waren, er selbst aber durch häusliche Unfälle verhindert worden ist, 
sich eher als jetzt der Arbeit zu unterziehen. 

10* 



' I 



148 Religion. 

Gegenstände hat, als eine sehr erfreuliche Erscheinung auf dein 
Gebiete des .Gymnasiallebens betrachtet werden. Denn es liegt 
darin ein thatsächlicher Beweis , dass man diesem oft Terkanntea 
und vernaclilässigten Zweige des Unterrichts aufs Neue seine 
Aufmerksamkeit zugewendet, ihn in seiner Wichtigkeit anerkannt 
und in dem Streben sich vereinigt hat, ihn einer höhern Stufe 
der Vollkommenheit entgegenzufi'ihren. Freilich mag es dabei 
Manchem bedenklich scheinen, dass die Mehrzahl der neuerschie- 
nenen Lehrbücher eine Richtung verfolgt, in der man weniger 
einen Fortschritt als einen RikksChritt zu erblicken meint und 
welche auch Rec. nicht für die seinige erkennet kann; allera 
nichtsdestoweniger mjBg auch dieser Umstand Insofern' als ein 
erfreulicher gelten, als jene Richtung eine naturliche Reaction 
gegen ein entgegengesetztes Extrem ist und gewiss dazu beitragen 
wird, uns endlich in die rechte Mitte zurückzuführen. Und wenn 
inan überdies nicht verkennen kann, dass grade in Büchern dieser 
Richtung oft ein sehr warmer religiöser Geist weht, warum sollte 
man nicht dieses Geistes sich freuen, selbst wenn man die Form 
nicht billigen kann, in die derselbe gefasst ist? ^ Auch von den 
hier anzuzeigenden Büchern gehören zwei, Nr. 2. und 3., der 
bezeichneten Richtung an; denn .beide stehen auf dem strenge 
kirchlich -symbolischen Standpunkten während Nr. 1. den einfach 
biblischen, Nr. 5. aber einen entschieden rationalen Standpunkt 
festhält. Nr. 4* endlich neigt sich zwar auch zu der erstgenannten 
Richtung hin, schwebt aber doch so vielfach im. Unklaren, dass 
es schwer hält^ ein ganz bestimmtes Urtheil ^darüber zu fällen. 
Doch sehen wir jetzt, wie jeder der fünf Verfasser in seiner Weise 
seine Aufgabe gelöst und wie viel er beigetragen habe zur Förde- ' 
rung des gemeinsamen Zweckes. 

Das Lehrbuch Nr. 1. ist aus dem Unterrichte hervorgegangen, 
den der Verf. fast 50 Jahre lang an der ihm untergebenen Anstalt 
ertheilt hat; darum ist- es auch in einem durchaus praktischen, 
besonnenen Geiste und in einer einfachen , klaren Sprache ge- 
schrieben ; Eigenschaften , die um so mehr zu rühmen »iiid , je 
häufiger sie heutzutage ,in dergleichen Schriften vermisst werden. 
Das Buch zerfällt, nach einer kurzen Einleitung üb er' Begriff und 
Arten der Religion, in drei sehr ungleiche Abtheilungen. Die 
erste derselben (§8 — 24.) giebt unter der Ueberschrift: Erste 
Grpnde der natürlichen Religion, eine kurze Darstellung der ver- 
schiedenen Vermögen und Thätigkeiten des Menschen, nebdt den 
Vernunftbeweisen für das Dasein Gottes. * Die zweite Abtheilung 
(§25 — 148.) handelt von der geoffenbarten, insonderheit der 
christlichen Religion und zerfällt nach einigen einleitenden §§ 
über* die Nothwendigkeit einer positiven und geoffenbarten Reli- - 
gion, wieder in 2 Abschnitte, von denen der erstere die Geschichte 
der geoffenbarten Religion enthält, der zweite aber über die bibli- 
schen Schriften des A. und N. Testaments die nöthige Auskuirft 



Reiche: .Die^ Glaubenslehre des BvangeliQfDs. 149 

giebt Die dritte Abtheilun^ endlich (§ 149 — 304.) stellt die 
christliche Glaubenslehre dar und ist wieder in 6 Artikel abge- 
theilt, ?on denen der erste von dem Wesen and den Eigenschaften 
Gottes, der zweite Ton der Schöpfung, Erhaltung und Regieroni; 
der Welt, der dritte von den Vernunftwesen ausser Gott, welche 
nicht Menschen sind, Servierte von der Schöpfung, Natur 4ind 
Bestimmung des Menschen (zugleich aber auch von der Sündigkeit 
desselben, was die Ueberschrift nicht hesagt), der fünfte Von der 
Erlösung durch Christum (worunter auch die Gnadenwirkungen 
des heiligen Geistes mit begriffen sind) und iter sechste von den ' 
vier letzten Dingen handelt. 

Ueber die beiden ersten Hauptabtheilnngen Ist wenig zu 
sagen ; .denn die erste ist ziemlich dürftig ausgefallen und auch 
die zweite giebt nur einen kurzen Ueberbiick über die- biblische 
Geschichte und die gewöhnlichen Notizen über Namen j Inhalt, 
EIntheilung und Abfassungszeit der biblischen Bücher. Doch 
verdient die eigenthümliche EIntheilung der alttestam. Bücher in 
historische und poetische Schriften, Welche letztern wieder in 
prophetische Bücher, psalmodische Bücher, Bücher der philoso- 
phischen, elegischen, romantischen und erotischen Poesie getheilt 
wer,den, Erwähnung und auch der Abschnitt von der Eththeit und 
Glaubwürdigkeit der biblischen Schriften ist mit Fleiss und Ein- 
sicht gearbeitet. Den Hauptbestandtheil des Ganzen aber bildet 
die Darstellung der christlichen Glaubenslehre, über deren Eigeu- 
thümlichkeit noch Folgendes zu berichten ist. Als die Quelle, 
woraus er geschppft habe, bezeichnet der Verf. selbst „den Born 
des lebendigen Wassers, welcher uns in den heiligen Schriften 
der Bibel aufgethan ist^^; daneben aber betrachtet er auch die^ 
beiden andern Offenbarungen, welche uns Gott durch die Natur, 
ausser uns und in uns gegeben hat, als gleich göttlichen Ursprungs 
und gleicher Verehrung würdig, so dass, seiner Meinung nach, 
alle drei sich gegenseitig erhellen, berichtigen und beleben sollen. 
Daher vrird neben der Darstellung der Schriftlehre auch eine ver- 
standige Entwicklung und Begründung nicht verschmäht, obgleich 
im Ganzen die letztere zu der ersteren nur in einem untergeord- 
neten Verhältnisse steht. Denn die meisten Lehren, und zum 
Theil selbst solche, die jedenfalls einer Entwicklung a priori fähig 
waren, werden nur einfach aus. der Bibel fabgeleitet, und auch 
der systematische Zusammenhang des Ganzen wird nicht auf wis- 
senschaftlichem Wege entwickelt. Da ferner der Verf. von dem 
Grundsatz ausgeht, dass zwischen Vernunft und Christenthum 
kein' Widerspruch möglich sei (§ 152.), sa tritt auch fast nirgends 
ein Gegensatz zwischen der Vernunfterkenntniss und der Bibel- 
lehre hervor. Bei solchen Lehren aber, gegen die sich ein Ein< 
Spruch von Seiten des vernünftigen Denkens erheben lässt, pflegt 
der Verf. so zu verfahren, dass er entweder die sichere Begrün- 
dung derselben in der Schrift in Abrede stellt, oder auf die Erör- 



150 



JReligioR. 



\ 



terung der möglichen Einwurfe gar nicht eingeht , sondern sich 
begnügt, sie nur einfach als Schriftlehre nachzqwei;sen. Das 
Erstere ist z. B. der Fall bei den Lehren von der Prädestination 
(§ 163. Änm), von der Höllenfahrt Christi (§ 216.) und von der 
Erbsünde, inwiefern dieselbe als etwas vor Gott Strafwürdiges 
betrachtet wird (§ 200.). Das Letztere dagegen ist bei den mei- 
sten übrigen Lehren der angegebenen Art der Fall. Nur zuweilen 
erlaubt sich der Verf. gegen eine von ihm selbst als biblisch aner- 
kannte Lehre eine bescheidene Einrede, wie gegen die Ewigkeit 
der Höllenstrafen (§ 303.). Anderwärts warnt er wenigstens vor 
einseitiger Auffassung der bibl. Lehre, wie bei der Lehre von dem 
stellvertretenden Tode Jesu (§ 235. Anm.), oder macht darauf 
aufmerksam, dass eine Lehre, wenn auch in der Bibel enthalten, 
doch nicht zu den Hauptlehren des Christenthums'zu zählen sei, 
wie die Vorstellung von den Dämonen als Urhebern gewisser 
Krankheiten (§ 188. Anm.) u. dgl. Noch freier aber ist sein ür* 
thcil über die symbolisch - kirchliche Lehre, die er oft auf die 
Emfalt der Schriftlelire Zurückführt (z. B. in dem Dogma von der 
Dreieinigkeit, § 166 ff.) und der er überhaupt nur insofern einen 
Einflnss auf die üeberzeugung des Christen verstatten will, als 
sie mit der heil. Schrift selbst übereinstimmt (§ 168.). 

Nach diesem Allen nun wird sich das bereits oben ausgespro- 
chene Urtheil, dass das Buch in einem gemässigten und beson- 
nenen, eine Versöhnung zwischen Vernunft und Schrift erstre- 
benden Geiste geschrieben sei, von selbst als begründet dar- 
stellen; nur scheint der Verf. für wissenschaftliche Erkennttiiss 
und Begründung der religiösen Wahrheiten sogar noch etwas 
weniger gethau zu haben , als sein eignes Princip (gleiche Ach- 
tung der verschiedenen Offenbarungen Gottes) erlaubte öder 
erforderte. Was aber den Grundsatz betrifft, dass zwischen Vcr- 
nupft und Christenthnm , d. h. der biblischen Lehre, kein Wider- 
spruch möglich sei, so scheint dieser sich allerdings a priori als 
nothwendig zu ergeben, wenn man sowohl in der Vernunft als in 
der Bibel eine göttliche Offenbarung anerkennt; allein es macht 
doch dabei noch einen Unterschied , ob man die in der Bibel ent- 
haltene Offenbarung nur auf den Geist und die wesentlichen d. h. 
Äum heiligen Leben unentbehrlichen Lehren der heil. Schrift 
beschrankt , oder auch auf den Buchstaben derselben und alle 
darin enthaltenen Lehren und Vorstellungen ohne Ausnahme aus- 
dehnt. Der Verf. scheint der letztern Ansicht zu sein , aber sein 
eignes Beispiel zeigt, dass in diesem Falle die Durchführung jenes^ 
Grundsatzes in mancherlei Schwierigkeiten verwickle. Denn ent- 
weder läuft mau Gefehr, den Worten der heil. Schrift nicht selten 
Gewalt isnznthnn, oder man ist genöthigt, auch solche Lehreh 
und Ansichten als vernunftgemäss zu erweisen, die einen solchen 
Beweis nur mit Muhe zulassen. Dass auch der Verf. der erstem 
Gefahr nicht überall entgangen sei, dürften schon die oben ange- 



Reiche: Die GJaubeDDlehre des'EvangeJiams. 151 

führten Beispiele beweisen, wenn anders die Lehren von der Prä- 
destination aus Rom. 9., Ton der Höllenfahrt Christi aus 1 Petr. 
3, 18 — 20. und von dem Tode als Strafe der Erbsiinde ans Rom. 
5. 12 £F. nicht ohne Gewalt entfernt werden können. Und eben* 
dahin rechnet Reo. auch die Bemerkung § 187«, dass wegen 2 
Petr. 2, 4. Jnd. 6. ein unsichtbares Walten der bösen Geister auf 
Erden und ein Entgegenwirken derselben gegen das Reich Christi 
nicht als Schriftiehre angenommen werden könne, sowie die 
§ 243. ausgesprochene Meinung , dass die. in der Schrift gefor- 
derte Erneuerung und Wiedergeburt nur auf grobe Sünder zu 
beschränken sei, eine Meinung, der Rec. -um so weniger bei- 
treten kann, da ihm, nach seiner Ansicht von dem Wesen der 
Söqde, die Ausdehnung jener Forderung auf alle Menschen auch 
als der Vernunft vollkommen gemäss erscheint. Der letztem 
Schwierigkeit aber ist der Verf. zwar dadurch entgangen , dass er 
bei den meisten Lehren , w eiche speculativen Einwürfen unter- 
liegen und doch von ihm selbst als biblisch anerkannt sind , auf 
wissenschaftliche Erörterung und Vertheidigung derselben ver- 
zichtet; aber freilich ist eine andre Frage, ob damit auch dem 
Bedürfhiss einer wissenschaftlichen Erkenntniss der religiösen 
Wahrheiten vollkommene Genüge geleistet sei. 

Zum Beweise -aber, dass der Verf. nicht blos aus fremden 
Quellen schöpfte, sondern auch seibstständig dachte und forschte, 
dienen manche eigenthümliche Ansichten und Entwicklungen, 
unter denen z. B. in der Lehre von der Vorsehung der Schluss- 
von der schöpferischen Sorgfalt, die wir in dem Gleichzeitigen im 
Räume durch das bewaffnete Auge wahrnehmen, auf diejenige 
Sorgfalt, welche auf das in der Zeit sich Folgende verwendet 
sein möge (§ 179. Anm.), oder in der Lehre von der Erlöjsung 
die Beantwortung der Frage , inwiefern die Erniedrigung und das 
Leiden Jesu für den Zweck der Erlösung nothwendig gewesen sei 
(§ 214.), oder in der Lehre von den letzten Dingen die Ansicht 
vom Tode (§ 288.) besondere Auszeichnung verdienen. Eine 
kleine Unrichtigkeit dagegen liegt in der Bemerkung, dass in der 
Bibel nur zwei Namen einzelner Engel , nämlich Michael und Ga- 
briel (§ 185. Anm. 3«) vorkämen , wobei also Raphael ^im Buche 
Tobiä) ausser Acht gelassen ist. — Druckfehler, me philoso- 
pisch statt philosophisch (S. 29.) , sind dem Rep. nur selten aufr 
gestossen, und auch die äussere Ausstattung des Buches ist 
lobensM^erth. 

Der Verf. von Nr. 2. erklärt in. der Vorrede, dass er als 
Lehrstoff mit Aasschliessung alier selbstgemachten Speculationen 
nur die Lehre der Schrift, und zwar in derjenigen Entwicklungs- 
form , welche dieselbe unter dem Einflüsse des heiligen Geistes 
in der Kirche gewonnen habe, gegeben, dagegen die Art und 
Weise des Vortrags nach dem gegenwärtigen wissenschaftlichen 
Stande eingerichtet und die beste Form überall daher, wo sie zu 



'152 Religion. 

finden gewesen, entnommen habe. Die Anordnnng des Baches 
ist diese, dass das Ganze in zwei Theiic zerlegt wird, von denen 
der erstere: Die Forkenntnwe ^ der letztere: Die Lehre^ über- 
schrieben ist. Der erstere Theil zerfällt wieder in 3 Abschnitte : 
1) von der Religion, 2) von der heiligen Schrift (kurze Einleitung 
in die biblischen Bücher), 3) von dem Bekenntnisse in der 6e- 
.meine, oder, wie in der '2. Aufl. wem'ger passend gesagt ist: von 
der Geschichte dea Wortes (kjiirzer Abriss der Kirch(sngeschichte). 
Der zweite Theil aber zerfällt, nach dem Master des Lutherischen 
Katechismus, in die 3 Artikel: von der Schöpfung, von der Brlö- 
sang und von der Heiligung. Von diesen behandelt der erste 
Artikel in 2 Abschnitten ^ie Lehren von Gott und von der Welt, 
dec zweite ebenfalls in 2 Abschnitten die Lehren von der Sünde 
und ihren Folgen und von dem Erlöser und seinen Werken ^ der 
dritte endlich in 3 Abschnitten die Lehren von der Aufnahme in 
die Gemeinschaft mit Gott (d. h. vom heiligen Geiste, der Heils- 
ordnung und den Gnadenmitteln) , von der Darstellung der 6e- 
meinschlift mit Gott im Leben (kurzer Abriss der christlichen Sit- 
tenlehre) und von der endlichen Vollendung der Gemeinschaft 
mit Gott (von den letzten Dingen). Ausserdem aber ist in Betreff 
der Anordnung noch als eigenthümlich zu erwähnen : 1) Die alt- 
te^tamentlichen- Schriften werden eingetheilt in Urkunden a) von 
der Gründung der Theokratie (Pentateuch) , h) von der äussern 
Ans- und Fortbildung der Theokratie (historische Bücher) and 
c)'^von der Innern Aus- und Fortbildung der Theokratie (prophe- 
tische und poetische Bücher). 2) Die christi. Kircheligeschichte 
ist in- 3 Perioden zerlegt, von denen die erste die 6 ersten Jahr- 
hunderte, die zweite das 7. bis 15. Jahrhundert, die dritte die 
3 letzten Jahrhunderte darstellt. Jede der beiden ersten Perio- 
den behandelt in 3 Abschnitten die Ausbreitung, das innere Leben 
und die Verfassung der Kirche, die dritte Periode aber in 2 Ab- 
schnitten dio Reformation der Kirche und die Kirche seit der 
Reformation nach den nun getrennten Kirchen parte! en. 3) In der 
Christi. Sittenlehre werden nur Pflichten gegen Gott und Pflichten 
gegeil den Nächsten unterschieden, die SelbstpHichten aber in 
die Lehre von der christi. Zucht oder von der Heiligung einge- 
webt, and zwar aus dem Grunde, weil auch der Dekalogus und 
das N. T. nur die beiden erstem Classen unterscheide und weil 
man auch nicht von Rechten gegen sich selbst, zu sprechen ge- 
wohnt sei. 

Bei Ausfahrting aller dieser Theile ist der Verf. den oben 
mitgetheilten Grundsätzen überall treu geblieben und namentHch 
ist als Lehrs/ojf (als der eigentliche Text der §§) in der Regel 
nur der Inhalt der Schrift- und Kirchenlehre gegeben. Doch 
gilt dies natürlich zunächst nur von dem 2. Theile (der Lehre), 
nicht von den historischen Abschnitten des 1. Theils^ und eben 
so wenig von dem ersten Abschnitte desselben Theils (von der 



Petri: Lehrbach der Religion. 153 

« 

Reiigion)^, worin der Verf. die melir ihm eigeDthämliche Ansicht 
vorträgt , dass die erste Entstehiing der Religion sich weder aue 
den Eindrücken oder der Terniinftig scliliessenden Betrachtung 
der Natur, noch aus den Forderungen des Sittengesetzes, noch 
aus einem der Vernunft in wohnenden Gottesbewasstsein , sondern 
allein daraus- erlciären iasse , dass der Mensch nicht nur zu ^ son- 
dern auch mit Religion erschaffen worden sei. Der Geist aber, 
der alle die einzelnen Theile des Buches durchdringt, ist überall 
einer und derselbe, nämlich ein echt christlicher, von der selig- 
machenden Kraft des Christenthums tief durchdrungener Geist, 
aber in der Form jenes strengen Offenbarungsglaubens , der. jede 
abweichende Ansicht als Unglauben ausschliesst, und nicht nur 
an dem Geiste, sondern auch an dem Buchstaben der Schrift, 
und nicht blos an dem Buclistaben der Schi:ift, sondern auch an 
dem des Luther 'sehen Dogma's festhält *), Demgemäss werden 
in dem Abschnitte von der Schrift die Echtheit und Einheit aller 
angefochtenen Schriften (als namentlich des Pentateuchs, des 
Jesaias u« a.) vertheidigt, in dem Abschnitt von dem Bekenntniss 
in der Gemeinde die 3 sÄten Symbole und die symbolischen Bü- 
cher der Luther*schen Kirche als Kern der christlichen Wahrheit, 
alle Gegensätze aber als Irrthum oder doch als unvollkommene 
Wahrheit bezeichnet, endlich in den einzelnen Abschnittender 
Lehre selbst alle Dogmen des biblisch - kirchlichen Lehrbegriffs, 
und unter diesen auch die am meisten bestrittenen, als naoientiich 
die Lehren vom Teufel, von der Erbsünde, von der Wesens- 
gleichheit des Sohnes mit dem Vater tmd von der Dreieinigkeit, 
Ton der stellvertretenden Gemigthuung, von der Höllenfahrt 
Christi, von der Gegenwart des Leibes Christi im Abendmahle, 
von der Ewigkeit der Höllenstrafen u« s. w. mit strenger Consß- 
qnenz behauptet. — Anlangend nun aber die j^ri und Weise 
des Vortrags ,- die der Verf. nach dem wi^enschaftlichen Stand- 
punkte der Zeit eingerichtet zu haben^ erklärt , so scheint der- 
selbe das Wissenschaftliche der Behandlung theils in die Anord- " 
nung des Stoffes, theils in die Begriffsbestimmung der gewöhn- 
lichen dogmatischen Terminologie , theils ^endlich in die Begrün- 
dung und Vertheidigung des biblisch -kirchlichen Lehcbegrifts 
(welche beiden letztern Ponkte meist in die Anmerkungen zum 
Text der §§ verwiesen sind) gesetzt zu haben« Die Anordnung 



' '•') Dieselbe Richtung hat der Verf. auch in mehreren andern 
Schriften festgehalten, die seit der 1. Aufl. des Lehrbuclis von ihm 
erschienen sind, und namentlich in der Schrift: },Die Mission und die 
Kirche", die bereits auch mehrere Gegenschriften hervorgerufen hat. 
Vgl. Rohr' 8 Krit. Pred.-Bibl. XXIV, 1. S. 130 ff. Auch Schmieder in 
der Anzeige ^er 2. AufiL des Lehrbuchs (Tholuck^s Literar. Anz. 1843. 
Nr. 11.) macht dem Verf. ein zu starkes Hervorheben der kirchlichen 
.Unterscheidungsiehren zum Vorwurf. 



154 Religion. 

•des Stoffs , wie sie bereits oben dargelegt wurde^ muss im Allge- 
meinen als sehr einfach und übersichtlich bezeichnet werden; 
wenn aber der V^rf. in der Vorrede bemerkt , dass er den ersten 
Theil (die Vorkenntnisse) vorzugsweise für den niedern , den 
zVi^eiten Theii aber (die Lehre) für den obern Cursus geeignet 
halte^ so hat Rcc. dagegen das doppelte Bedenken, einmal, dass 
der erste Abschnitt des ersten Theils für Schüler der -untern 
Abtheilung nur schwer verständlich sein werde ^ und sodann ^ dass 
der Vortrag der Kirchengeschichte doch wohl passender dem 
Unterrichte in der Glaubenslehre nachfolgen möchte. Gegen die 
Eintheilung der Glaubenslehre in die 3 Artikel des Katechismus 
igt wenigstens da nichts einzuwenden, wo es nicht auf freien 
Aufbau eines wissenschaftlichen Systems, sondern nur auf Anord- 
nung des in Schrift und Symbolen gegebenen Materials abgesehen 
ist; und auch der Uebelstand, der sonst mit der Einverleibung, 
der Sittenlehre in die Glaubenslehre verbunden zu sein^pflegt, 
dass nämlich die erstere durch uuverhältnissmässige Ausdehnung 
des betreffenden Abschnitts fast immer einem Aufwüchse ähnlich 
sieht , ist von dem Verf. theils durch die Vertheilung des Stoffs 
unter mehrere Abschnitte (^indem die allgemeinen Begriffe von 
Gesetz, Pflicht, Sünde u. dgl. schon in dem Artikel von der 
Schöpfung, die einzelnen Pflichten aber in dem Artikel von der 
Heiligung behandelt sind), theils durch möglichst -kurze und 
gedrängte Behandlung der einzelnen Pflichten , einigermaassen 
beseitigt worden. — Nicht minder darf auch die Definition der 
dogmatischen^ Begriffe im Allgemeinen als bestimmt und bündig 
bezeichnet werden, und nur zuweilen scheint unter dem Streben 
nach Tiefe des Gedankens und Salbung des Ausdrucks die Klar- 
heit der Begriffsbestimmung gelftten zu haben. So wird z. B. 
die Religion als Gemeinschaft des Menschen mit Gott (§ 1 ), Gott 
selbst als die persönliche Fülle und Quelle alles Lebens (§ 166.), 
das Gewissen als Bewusstsein der Gebundenheit durch Gott 
(§193«, weil nämlich der Verf. das Bewusstsein von Gott dem 
Gewissen vorhergehend deiikt) definirt, die Formel aber. Blg^ 
oVo/ia ßanvl^Biv wird (§ 252.) mit den* Worten erklärt: ,,der 
Täufling soll in das Wesen und Leben des dreieinigen Gottes ein- 
geführt, also in die Gemeinschaft desselben versetzt werden; 
ovö^a ^^= das, Vorin Jemandes Natur kund wird, sein offenbares 
Wesen und Leben.^^ — Am wenigsten aber befriedigt, vielleicht 
weniger durch Schuld des Verf. selbst, als des Systems, dem er 
huldigt, die Begründung und Fertheidjigung der biblisch - kirch« 
liehen Dogmen gegen die Einwürfe, die von Seiten des vernünfti- 
gen Denkens dagegen erhoben worden sind. Denn zwar i$t dias 
Buch reich an eigenthümlichen Auffassungen und treffenden Be- 
merkungen, wodurch mancher ungerechte Angriff zurückgewiesen 
und einer ^seichten Auffassung des Christenthums siegreibh ent- 
gegengetreten \prd. Man vgl. z. B. die Bemerkung § 2. Atim. 1. 



t - * 



Petri: Lehrbuch der Religion. 155 

§ 13. A. 4. u. ö« ^ dasa das Wesen des Chnstenthums nicht in den 
Wahrheiten, die es offenbart, noch in den Geboten, die es auf- 
stelit, sondern darin zu suchen sei, dass es eine That Gottes zur 
Erlösung ist ; oder den voiikommen wahren , aber oft Terkannten 
Satz^ dass die sittlich - religiöse Erkenntniss mit der sittlich -reli- 
giösen Gesinnung des Menschen in einem nahen und nothwendi- 
gen Zusammenhange stehe, die Sünde also mit allen geistigen 
Kräften des Menschen zugleich auch sein ErkenntnIssfermÖgen 
getrübt habe (§ 11. A. 2. § 177. A. 2.) u. a. m. Aber eben so oft 
ist auch die Apologie des Verf. von der Art, dass schwerlich 
dadurch die Gegner eines Besseren belehrt werden dürften ; um 
so weniger, da die erhobenen Einwürfe oft mehr abgewiesen, als 
widerlegt oder doch nicht nach ihrer ganzen Schärfe gewürdigt 
und überdies hart^ Verwerfungsurtheile über Andersdenkende 
gefällt werden. So heisst es z. B. § 173. A. 1.: „dass der Zorn 
Gottes eine menschliche Auffassung des A. T. sei, ist ein unwah- 
res Vorgeben derer, welche sich das Sündenbewusstsein ver«^ 
flachen wollen.'* — § 174. soll die Lehre Ton der Dreieinigkeit 
auf folgende Weise schon a priori deducirt werden : „ — es liegt 
in ihm (Gott) , als Liebe , auch, die Eigenschaft der Mtttheilung 
seines seligen Lebens und der bleibenden Gemeinschaft mit dem, 
was aus ihm ist. Eine volle und wahre Selbstmittheilung muss' 
daher in dem göttlichen Wesen ewig sein und Ist nach der Schrift 
ewig in ihm , Joh. 5, 26. Hebr. 1, 2. , und hiernach muss ein 
gehendes und' gegebenes, ein ewig sich mittheilendes und ewig 
mitgethelltes Leben und also ein unterschiedenes, zunächst zwie- 
faches- Bewusstsein in. Gott erkannt werden; die Schrift, welche 
die himmlischen Geheimnisse in irdischen Analogien abbildet, 
nennt das eine den Vater , d^s andre den Sohn, Weil aber die 
Liebe nicht trennt, sondern in dem, was aus Ihr Ist, bleibt, so 
erschllesst sich das göttliche Liebesleben in der bleibenden Ge- 
meinschaft und Wechselbeziehung zwischen Vater und Sohn zu' 
einem dritten Bewusstseln (dem heit, Geiste) und dadurch zur 
Tollkommensten innerirEinheit." -^ Ferner § 190. A. 2. ist, in 
Bezug auf die biblische Teufelstehre^ unter Anderm gesagt: 
„Seichte Aufklärung und falschberühmte Weisheit haben, im 
Widerspruche mit der Schrift, da? Dasein des Teuf eis geleugnet.** 
Aber der Umstand , dass den Dä'inonen auch Elnfliiss auf die phy- 
sische Welt und die Schicksale der Menschen (durch Krankheits- 
erzeugung, Vereitlung menschlicher Pläne etc.) zugeschrieben 
wird, wird ebenso wie die Frage, wie diese Einwirkung sich zi^ 
der göttlichen Weltregierung verhalte , und wie die andre Frage, 
ob die Annahme eines gefallenen Teufels die Entstehung des 
Bösen überhaupt, oder, bei vorausgesetzter Willensfreiheit des' 
Menschen, auch nur die Entstehung der menschlichen Sünde 
genügend zu erklären vermöge, ganz unberücksichtigt gelassen. 
Auch über die geschichtliche Entwicklung dieser Lehre schwelgtt 



156 Religion. 

der Verf. , wie er denn überhaupt die Apokryphen des A. T. , das 
natürliche Mittelglied zwischen dem A. und N. T. ^ von seiner 
Darstellung gänzlich' ausgeschlossen hat. — Ferner §211. ist^' 
Ton dem Sündenfalle der ersten Menschen gesagt, das§, er nicht 
nur der geschichtliche Anfang, sondern auch die bewirkende 
Ursache der allgemeinen Sündhaftigkeit des Menschen sei, und 
ebendas. heisst es von der tirbsünde: „Die gewöhnlichen Ein< 
würfe des Verstandes gegen diese Lehre -rühren ent^ieder aus 
Mangel am Ernst in der Beurtheilung der Sünde überhaupt und 
in Erkenntniss des eignen Sündenelends, ^oder aus leichtfertigem 
Uebersehen, der Wahrheit , oder aus einseitiger Schätzung der 
göttlichen Güte im Verhältniss zu seiner Gerechtigkeit, oder aus 
Verkennung der Erlösung oder auch aus einseitiger Fassung der 
Lehre selbst her. Sie ist aber in Wahrheit die Voraussetzung 
des ganzen Erlösungswerkes.^^ In dem letzten Sat^c scheint die 
Allgemeinheit der Sünde mit der Erbsünde (was noch nicht einer- 
lei ist) verwechselt; die Frage aber, wie die Ansicht voib einer 
Vererbung nicht nur der Sünde , sondern auch ihrer Strafe (des 
Todes) mit sittlichen Grundsätzen und mit einem richtigen Be- 
griffe der Schuld vereinigt, und wie eine sittliche Unvollkommen- 
heit, die ohne eigne Schuld auf den Menschen gekommen ist, 
überhaupt noch als eine sittliche^ und sodann auch als strafbar 
gedacht werden kann , bleibt auch hier unbeantwortet. — § 225. 
Av2. ist gesagt, dass die Gottheit Christi A\e unbedingt nothweo- 
dige Grundlage des Christenthums sei, nachdem schon § 222. die 
Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater ausgesprochen ist; 
die Stellen des N.T. aber, in den^n sich der Sohn dem Vater 
nachzusetzen scheint , werden daraus erklärt , dass Ersterer hier 
aliein aus seinem menschlichen Bewusstsein herausrede, und zwar • 
aus dem (doch wohl rationalen?) Gründe, weil in der Gottheit 
kein Erstes und Zweites denkbar sei. — § 232« wird die Genug- 
ihuungslehre in folgender Weise vertheidigt: „Die vornehmste 
Schwierigkeit, sich das Stellvertretende in dem Tode Jesu zu 
denken , löst sich durch richtige Einsicht in das Wesen des Glau- 
bens, der nicht etwa nur ein Fürwahrhalten des Factums ist, 
sondern wesentlich ein vertrauendes , sich hingebende» Eingehen 
in die lebendige Gemeinschaft Christi, wodurch das Seine das 
TJnsre wird.''' Ein sehr noch an's Mystische anstreifender Miss- 
brauch einer an sich nicht unrichtigen Erkfärung des Glaubens! 
— g 255. A. 4. heisst es zum Schutze der Luther sehen A1)end- 
mahlsiehre: „Die von der Möglichkeit einer Allgegenwart des 
Leibes hergenommenen Einwürfe sind ganz nichtig von dem ver- 
klärten, den Gesetzen der Räumlichkeit enthobenen und in die 
Lebenseinheit des allmächtigen Sohnes Gottes aufgenommenen 
Leibe des flerrn." Desgl.. § 301. A. 1. von der Auferstehung 
des Leibes: sie könne nur verworfen werden, „wenn man Jesum 
und die Apostel überhaupt verwirft^^; und §302. A. 3. von der 



Petri: Lehrbuch der Religion. 157 

Ewigkeit der Ferdamtnniss : sie sei ntir gelengnet worden „vcm 
der weichlichen Empfindsamkeit, welche ihre eigne CJnentschie* 
denheit, Schwäche und Feigheit Gott aiidichtet>^ 

Nach diesem Allen nun kann Rec. zwar dem- christlichen 
Geiste^ der in dem Bnche weht, sowie der lichtvollen Anlage 

. und der Kraft und Wärme des Vortrags, welche dasselbe ans- 
zeichnen-, seine Anerkennung nicht Versagen, und steht dämm 
nicht an , es in allen diesen Rücksichten als eins der vorzioglich- 
Bten unter den neuern Lehrbüchern zu empfehlen. Aber eben so 
wenig trägt er Bedenken , in Bezug auf die Auffassungs/orm des 
Christen t^ ums, die darin ausgeprägt ist, seine abweichende An- 
sicht auszusprechen. . Zwar ehrt er auch hierin die Entschieden- 
heit des Verf. und die Freudigkeit seines Bekenntnisses, und 
zweifelt auch keinen Augenblick , dass ein Unterricht, wie er hier 
ertheiit wird, vermöge des ihm inwohnenden Geistes, überaus 
heilsam auf die jugendlichen Gemüther wirken könne; ja er kann 
nur aufrichtig wünschen, dass der Glaube des Verf. auch das 
Eigenthum recht vieler seiner Zöglinge geworden sein möge. 
Denn dass dieser Glaube lebendigmachende Kraft besitze, dafür 
zeugt die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte, in denen 
derselbe Glaube der allein herrschende war; und es ist in der 
That noch sehr die Frage, ob unsre Zeit im Vergleich mit der 
vergangenen sehr glücklich zu preisen sei, da wir mit aller unsrer 
Wissenschaft zu dem, was die Hauptsache ist, zu der Fruchtbar- 
keit der Erkenntniss für das sittliche Leben , vielleicht weit müh<- 
samer gelangen, als die Glanbenseinfalt früherer Jahrhunderte. 
Aber dennoch ist Tian einmal die Wissenschaft eine Macht gewor- 
den , di^ sich nicht mehr bei Seite schieben lässt; und wenn der 
Verf. auch ihren A^nsprüchen genügt und jeden Angriff von dieser 
Seite aus dem Felde geschlagen zu haben meint, so kann Rec. 
dieses Hoffnung nicht theilen. Denn die Anforderungen der Wis- 
senschaft sind grösser , als dass das Zugeständniss einer wissen- 
schaftlichen Form des Vortrags sie schon zufriedenstellen könnte, 
und auch die Angriffe von dieser Seite her sind bedeutender, als 
dass die Vertheidigung des Verf. sie zurückzuschlagen im Stande 
wäre. Darum fürchtet Rec. , da^s das Buch, selbst unter jugend- 
lichen Lesern, zwar den Glaubenden, aber nicht den wissen* 
sohaftlich Zweifelnden genügen, und weder den Zweifel gänzlich 
abzuwehren, noch^ wenn er entstanden ist, ihn glücklich zu lösen 
vermögen werde. Je weiter der Verf. den Dmfang der Glaubens- 
wahrheiten ausdehnt, je mehr Feld er zu behaupten sucht, desto 
schwieriger muss die Behauptung werden, desto mehr Raum muss 

^ der Zweifel finden. Und da überdies nirgends ein Unterschied 
gemacht ist zwischen Geist und Buchstaben, zwischen Wesen und 
Form oder zwischen wesentlichen und ausserwesentlichen Lehren, 
sondern alle in Schrift und Symbolen ' enthaltenen Lehren als 
gleich nothwendig festgehalten werden , so ist auch der Gefahr 



158 Religion. 

nicht vorgebeugt^ dass der Zweifel an der einen auch den Glau« 
ben an die andern ecschiittere, dass der einmal entstandene Riss 
sich bald über das Ganze verbreite und mit der Schale auch der 
Kern, mit der Form auch das Wesen hinweggeworfen werde« 
Aus eben diesen Gründen aber muss Rec. auch bezweifeln, dass 
das Buch grade dasjenige bi^te ^ was unsrer Zeit am meisten Noth 
thut. Nicht das Beharren auf dem £]inen Extrem, nicht das 
I^esthalten aller einzelnen biblisch - symbolischen Dogmen, nicht 
die Verwerfung aller der philosophischen Bestrebungen , die seit 
dem Ende des vorigen Jahrhunderts die protestantische Kirchei 
bewegt haben, gleich als ob kein Theilchen Wahrheit darin, 
sondern allein auf der Forderung unbedingter Rückkehr zu beste- 
hen sei, nicht das ist es, was die Gegner gewinnen und der 
Kirche den Frieden bringen kann. Nein , man einige sich zuerst 
über das, was das Wesentliche ist im Christenthume, und scheide, 
wie wir schon sagten , zwischen Geist und Buchstaben , zwischen 
Wesen und Form der biblischen Lehre. Darnach zeige man, wie 
in dem , was wesentliche , d. h. zum sittlichen Leben unentbehr- 
liche Wahrheit ist (wohin namentlich auch die von dem gewöhn- 
liciben Rationalismus allerdings oft verkannten und verflachten 
Lehren von der Sünde und von Christus, dem Heiland^ gehören), 
Philosophie und Christenthum , Bibel und Vernunft in vollkom- 
menem Einklänge stehen ; über alles Andere aber lasse man das 
Urtheil frei; ohne die eigne Ueberzeugung auch jedem Andern 
aufzudringen und jeden Andersdenkenden entweder als Mystiker 
oder als Ungläubigen zu verschreien« Von diesen Grundsätzen 
ist Rec. bei dem Religionsunterrichte , den er bereits zehn Jahre 
lang an seiner Anstalt ertheilt^ beständig ausgegangen und denkt 
auch ferner dabei zu bleiben. Er entwickelt zu dem Ende zuerst 
die Resultate des vernünftigen Denkens in wissenschaftlichem 
Zusammenhange , legt .sodann die Schrift - und , soweit nöthig, 
die Kirchenlehre ohne Rückhalt und willkürliche Deutung dar, 
und sucht zuletzt durch eine Vergleichung beider seinen Schülern 
die Ueberzeugung zu verschaffen, dass entweder vollkommene 
Harmonie stattfinde, ^oder die Disharmonie doch nur solche 
Punkte betrefie, die zu den wesentlichen Lehren des Christea- 
thums nicht gehören und über die es daher billig sei, einen Jeden 
seines Glaubens leben zu lassen. Allerdings entsteht so der 
Nachtheil, dass der Schüler über Punkte der letztern Art kein 
ganz entscheidendes Urtheil empfängt; denn da Rec. es für Un- 
recht hält, im Gymnasial unterrichte gegen Schrift- und Kirchen- 
lehre zu polemisiren und die noch einfältig Glaubenden nur im 
Geringsten in ihrem Glauben irre zu machen , so hält er in sol- 
chen Fällen , wo er selbst von der wissenschaftlichen Haltbarkeit 
eines biblischen oder kirchlichen Dogma's sich nicht überzeugen 
kann, seine individuelle Ueberzeugung zurück und begnügt sich 
zu zeigen, dass, selbst wenn daa fragliche Dogma wissenschaftlich 



Jahns : Leitfaden für den Religionsunterrichte / 159 

nicht gereclitfertigt werden könnte ^ doch wenigstens etwas We- 
sentliches damit nicht verloren gehen würde. Allein Reo. glaubt 
auch , 9ass der Schüler sich mit diesem hypothetischen Urtheile 
um so mehr begnügen könne, da er durch die stete Hervorhe- 
bung aller wesentlichen und ausserhalb des Streites gelegenen 
Wahrheiten hinlänglich erfährt , woran er sich in jedem Falle zu 
halten habe. Der Besorgniss aber, als ob durch dieses Verfahren 
das Ansehen der heiligen Schriftsteller gefährdet wt^rde, kann 
Rec. nicht Raum geben; denn er selbst ist überzeugt und sucht 
auch seine Schüler zu überzeugen , dass das wahre Ansehen der 
heiligen Männer nicht auf diesem oder jenem einzelnen Dogma, 
sondern auf dem sittlich lebendigen und lebendigmachenden 
Geiste derselben und auf denjenigen Wahrheiten, die diesen 
Geist fördern, beruhe; wie er denn auch die OIBTcnbarung nicht 
auf den Buchstaben, sondern auf den Geist der heil. Schrift 
bezieht und als eine solche denkt , die durch die heilige Gesin- 
nung ihrer Urheber vermittelt ward und darum zwar vielleicht 
nicht metaphysischen Irrthum, gewiss aber jede Täuschung in 
iBoIchen Stücken ausschliesst, die zum heiligen Leben selbst unent- 
behrlich sind. — 

Schliesslich bemerkt Rec« noch, dass es nicht a^treiapokry-, 
phische Bücher Esras giebt, wie § 25. A. 3. angegeben ist, indem, 
wenn überhaupt drei Bücher Esras gezählt werden, das Buch 
Nehemias mit unter diesem Namen begriffen wird. — . Druck und 
Papier sind ohne TadeU — 

Der Yerf. von Nr. 3. hat mit dem von Nr. ^* nicht nur dies 
gemein, dass er an einer und derselben Lehranstalt mit ihm 
arbeitet) sondern er bekennt auch (Vorr. S. IIL) ausdrücklich, 
das Petri'sche Lehrbuch bei seiner Arbeit vorzugsweise benutzt 
und, namentlich in dem Abschnitt über das christliche Leben, 
Manches wörtlich daraus aufgenommen zu haben, und zwar um 
so lieber, da jenes Buch für die obern Classen, das seinige für 
die untern (nach S. II. namentlich für Quarta und Klein - Tertia) 
bestimmt sei. Eine Yergleichung l^eider Bücher lehrt, dass jene 
Benutzung auch ausser dem namentlich bezeichneten Abschnitte 
nicht selten stattgefunden habe, indem Hr. Jahns. bald ganze §§, 
bald einzelne Sätze , jedoch meist in verkürzter und veränderter 
Gestalt V tou seinem Collegen entlehnte. Man vgl. z. B. über 
die Dreieinigkeit J. § 82. mit F. § 174. , über den Sündenfall J. 
§ 105* mit P. § 210., über die einzelnen Sünden, ihre Stufen 
und Grade J. § 107 — 109. mit P. § 207 — 209., über die Folgen 
der Sünde J. § 111. 112. mit P. § 213. 214. u. s. w. Schon aus 
diesem Yerhältniss zu dem Buche des Hrn. Petri muss die Ver- 
muthung entstehen, dass Hr. Jahns sich auf gleichem theologi- 
schen Standpunkte mit jenem befinde, und diese Vermuthung 
findet sofort Bestätigung in folgender Erklärung der Vorrede 
(S. IV.) : „Die Lehren sind' den Bekenntnissschriften der evangel. 



I 

• 



160 ReMgion. 

Kirche, gemäss dargestellt. Das wird wohl Manchem nicht recht 
sein; allein ich habe bei der Welt keinen Dank verdienen^ son- 
dern nur meinen Schülern der Wegweiser zu dem Heil in Christo 
sein wollen^'% eine Erklärung , aus welcher zugleich die exclusive 
Richtung des Verf. hervorgeht, die in "dem. Festhalten an den 
Lutherischen Bekenntnissschriften den einzigen Weg zum Heil in 
Christo zu erblicken meint. Ebenso erklärt der Veirf., sein Buch 
hauptsächlich darum nach den fünf Hauptstücken des Lutheri- 
schen Katechismus ent>^orfeh zu haben ^. weil derselbe eine Be- 
^ kenntnissschrift unsrer Kirche sei ; doch hat er sich dabei einer 
grössern Freiheit bedient. Denn einmal hat er in der Reihen- 

. folge der Hauptstücke eine Abänderung getroffen, worüber er . 
sich selbst in folgender Weise erklärt: ,,Das zweite Hauptstiick, 
oder die drei Artikel des christlichen Glaubens, bildet die Grund- 
lage. Die zehn Gebote sind am Ende des ersten Artikels behan- 
delt, da, wo von dem sündhaften Zustande des Menschen die 
Rede ist, damit dadurch die Sünde erkannt und das Sünden- 
" hewusstsein erregt und geschärft werde. Das dritte, vierte und 
fünfte Haüptstück sind in den dritten Artikel eingeschoben, und 
zwar das dritte , das Gebot des Herrn , da, wo in dem Abschnitte 
,,das Leben der Wiedergebornen im Verhältniss zu Gott'^ von 
dem Gebote die Rede ist, das vierte und fünfte, oder die Lehre 
Von der Taufe und dem Abendmahle, da, wo die Gnadenmittel 
genannt werden , wodurcli der Geist „das durch Christum erwor- 
bene Heil den Gläubigen aneignet.^^ Sodann aber ist auch der 
Lehrstoff selbst nicht aus denn Texte der Hauptstücke und insbe- 
sondere der drei Artikel heraus entwickelt, oder an dem Faden 
desselben fortgesponnen, sondern der Verf. geht seinen eignen 
Weg und stellt nur an geeigneten Stellen eine Vergleichung an 
zwischen den vorgetragenen Lehren und den Worten des betref* 
fenden Artikels, um durch die letztern die erstem zu bestätigen. 
Dies ergiebt sich schon ans einer Uebcrsicht des Ganges, den 
der Verf. bei4)arstellung der christlichen Lehre befolgt hat (vgl. 
das Inhaltsverzeichniss S. V ff.)* Er beginnt nämlich mit der 
Lehre von Gott, seinem Wesen, seinen Eigenschaften, seiner 

' Einheit und Dreieinigkeit, und erst da, wo von den Werken „des 
dreieinigen Gottes^^ und zwar zunächst von der Schöpfung, Er- 
haltung und Regierung der Welt die Rede sein soll, ist der erste 
Artikel des Katechismus abgedruckt. Aber auch hier wird der 
nachfolgende Lehrvortrag nicht unmittelbar an den Artikel ange- 
knüpft , sondern schreitet in unabhängiger Weise vor und handelt » 
theils von der Welt im Allgemeinen, theils von den Engeln und 
den Menschen insbesondere, und zwar in Beziehung auf die letz- 
tern theils von den Bestand thellen und der Schöpfung des Men- 
schen, theils von dem doppelten Zustande desselben, dem 
ursprünglichen und dem sündhaften Stande, welcher letztere 
nach seinem Anfang (Sündenfall), seinen Folgen (Erbsünde nebst 



Jahns: Leitfiiden für den Religionsanterricht. 161 

der daraus hetrflie6B6nden Thatsüiide) nhd sdnenl Bad^ (Vor- 
damiUDiss) beschrieben wird.' Als Anhang aber ist dIeXehre 
vom Gesetze 9 als Maassstab der Sünde, und von der Unmläng^ 
liebkeit desselben zur Erlösung angefügt ^ wobei das erste Haupt- 
stuck abgedruckt und kurz erklärt ist. Ueberall an p^senden 
Stellen ist auf die einzelnen Sätze des Artikels zurückgewiesen; 
doch muss Rec. auch da% als Abweichung von der Ordnung det 
Katechismus bezeichnen^ dass die Lehren von der Sünde und Tom 
Gesetz dem ersten Artikel einTCrleibt sind. Denn der Katechis-^ 
mus handelt nicht im ersten, sondern im zweiten Arti|(el (in den 
Worten.: ,,mi4ph Teriornen und verdammten Menschen^^) Toa der 
Sünde ^ als Voraussetzung der Erlösung oder jals dem Grunde der 
Erlösungsbedürftigkeit; und ebendabin gehört auch die Lehre 
vom Gesetze, als einer Vorbereitung auf die Erlösung; daher 
Rec. es nicht billigen kann, dass der Verf. grade in diesem Punkte 
von Hrn. Petri abwich. Ganz ebenso ist vojr der Lehre von der 
Erlösung, als dem zweiten Weilce des dreieinigen Gottes, der 
zweite Artikel abgedruckt, die Anordnung des Lehrstoffes aber 
ist auch hiißr die gewöhnliche, indem zuerst von der Vorbereitung 
auf die Erlösung durch Weissagung und torbildlichen Gottes-« 
dienst, sodann von der Erlösung durch Christum, deai^en Natur 
und Werice gehandelt wird. Nur in der Lehre von der Heiligung,' 
als dem dritten Gotteswerke, ist der Vortrag des Verf. enger aa- 
die Worte des vorausgeschickten Artikels angeschlossen, indem« 
theils von dem Wesen des heiligen Geistes, theils von dem Werke 
desselben vor Christo, in Christo und in den Gläubigen gehan-» 
delt , der \^izie Abschnitt aber (von dem Werke des Geistes in 
den Gläubigen) ganz nach Maass^be der Lutherischen Erklärung« 
des dritten Artikels in die vier Abtheilungen : a) von der Heilsocd* 
nung (Berufung:, Erleuchtung, Rechtfertigung, Heiligung und 
Erhaltung im Glauben), b) von den Gnadenmitteln, c) von der 
Gemeinschaft im * Heile oder der christlichen Kirche und d) von 
der Vollendung ^es Heils (von den letzten Dingen), zerspalten 
wird. In keinem Falle aber will Rec. über diese freiere Behand« 
hing des Katechismus in Anordnung und Entwicklungsgang irgend 
einen Tadel aussprechen, sondern findet dieselbe vielmehr gans 
passend und sachgemass. Nur ist sie vielleicht etwas Anderes, 
als Mancher nach der Ankündigung des Titels: „nach den fünf 
Hauptstücken des Katechismus entworfenes erwarten dürfte, und 
jedenfalls ist sie ein solches Verfahren, das kaum noch als dem 
Verf. eigenthümlich erscheinen möchte. Denn eben weil es in 
der Natur der Sache selbst begründet ist,' wird jeder rferstündige 
Lehrer, der die erforderliche Rücksicht auf die Hauptatücke des 
Katechismus nimmt •'— - auch ohne im Uebrigen die Ansicht des 
Verf. von den kirchlichen Bekenntnissschriften zu^theilen — v<^a 
selbst darauf geführt werden, und wenigstens Rec. .kann ver- 
sichern, dass er beim Unterrichte in den untern Classen von 

iV. JoArft. U PhiUu. Paed, od, KrÜ. Bibl. Bd, XXXYUI. Bfi, 2. H 



» 



I 



162 \ Religion. 

jeher einen ahnlichen Weg -eid^esehlagen hat. Die Eigenthnm- 
Jfchkeit des Torlie^'enden Buche« also dürfte nicht sowohl in der 
formellen Anordnung des Stofis nach den Hauptstücken des Ka- 
techismus, als in der materiellen Uebereinstimmung mit den- 
selben gesucht werden. 

Ausserdem ist über Inhalt und Anordnung des Buches nocli 
Folgendes su berichten. Der Darstellung der Schriftlehre ist ein 
Abschnitt über die heilige Schrift vorausgeschickt, welcher theils 
▼on Begriff, Bintheilung, Inhalt und Verfasser der biblischen 
Bücher im Ganzen und Einzelnen^ theils von der Göttlichkeit 
derselben handelt, und in welchem als eigenthümlich namentlich 
dies zu erwähnen ist, dass die Notizen über die einzelnen Büchi^r 
(besonders des A. T.) gewöhnlich durdi allgemeine Betrachtun- 
gen und Erzählungen eingeleitet werden, wodurch der geschicht- 
liche Zusammenhang der einzetoen Bücher unter einander selbst 
oder Ihr' Verhäitniss zum Entwicklungsgange der Theokratie an- 
schaulich gemacht wird. Auffallend aber ist dem Rec. die Aus- 
führlichkeit gewesen, mit -welcher S. 22 ff. die Entstehung des 
biblischen Kanons erzählt ist, indem dabei unter Anderem too 
Homologumenen und Antilegomenen, von der Eintheilung in Evan- 
gelium und Apostel, von apostolischen Vätern, von Irrlehrem, 
wie Ebioiiiten, Marcioniten und Gnostikem, von der Kirchenver- 
aammlung zu Hippo u. dgl. die Rede ist-, eine Ausführlichkeity 
die zu der Bestimmung des Buches für Quartaner und Tertianer^ 
sowie zu der verhältnissmässigen Dürftigkeit in der Darstellung 
der biblischen Schriften selbst (indem z. B. den sämmtl. Schriften 
des N. T. zusammengenommen ki^um 4 Seiten gewidmet sind) inr 
der That nicht ku passen scheint — Die christliche Sittenlehre 
Jst, -soweit nicht die kurze Erklärung des ersten Hauptstücks im 
Anhange des ersten Artikels dafür gelten soll, ganz nach dem 
Vorgange des Hm. Petri, in die Lehre von der Heilsordnung ein- 
geflochten, dergestalt, dass unter der Aufschrift: „Vom Leben 
der Wiedergebornen im Verhältniss zu Gott und zu dem Näch- 
sten^*, die Pflichten gegen Gott und gegen den Nächsten, dagegen 
unter der Abtheilung: „Von der ' christlichen Zucht'% die soge- 
nannten Selbstpfltchten behandelt werden. — Dem . Abschnitt 
ferner von der christlichen Kirche ist eine Geschichte der christ- 
lichen Feste einverleibt, die, der Vorrede zufolge, aus Lisco*8 
Sircheqjahre entnommen und dazu bestimmt ist , Verständnis« des 
kirchlichen Lebens und Interesse dafür su befördern. Dies kann 
Rec. nur billigen, aber missbilligen muss er theils die Ausführ- 
lichkeit, mit welcher die geschichtlichen Notizen gegeben sind, 
und welche hier noch mehr, als oben bei der Geschichte des 
Kanons, über das Bedürfniss der Quartaner und Tertianer hinaus- 
geht, theils die Stelle, an welcher dieselben eingeschaltet sind, 
und welche den Uebelstand darbietet, dass, zumal bei der Um- 
fäaglichkeit des gegebenen Materials, dadurch der Hanptfaden 



Jahns : «Leitfaden lur den Religionsnnterricht« 16S 

des Unterricht» viel zu sehr unterbrochen wird. Rec. mdat 
daher, dass solche Notizen entweder in einen Anhaaf^ sn yer- 
weisen, oder für die Geschichte der christlichen Kirche (die 
freilich der Verf. in seinen Plan nicht mit aufgenommen hat) «« 
rersparen seien. — Endlich hat der Verf. als Anhang zu aeuiem 
Buche noch eine Anzahl Schulgebete abdrucken lassen-, die, wie 
die Vorrede sagt, aus Heiwichs Schnigebeten entlehnt sind und 
die Rec. als ihr^m Zwecke wohl entsprechend bezeichnen kann» 

lieber das Ganze des Buches und den Geist, in welchem et 
geschrieben ist, darf Rec. auf dasjeniget verweisen, was oben 
über Nr. 2. gesagt worden ist, und nur insofern findet ein Unter« 
schied statt, als Hr. Jfthns sein Buch für untere CJassen bestimmt 
hat. Da nämlich in diesem Alter der wissenschaftliche Zweifel 
sich noch nicht zu regen pflegt und Fruchtbarkeit des Unterrichts 
für Herz und Leben hier das wesentlichste Bedurfniss ist, so 
lisst sich auch Rec. ein engeres AnschÜessen an den biblisch- 
kirchlichen LehrbegrifF hier um so eher gefallen. Und da ober* 
dies der Verf. seine Darstelliingsehr kurz und allgemein gehalten, 
auch alle Polemik gegen Andersdenkende, wie billig, ausgefchlos* 
sen und selbst auf rationale Begründung der streitigen Dogmen 
grösstentheils Verzicht geleistet liat, so fallen hier auch die 
meisten von den Ausstellungen weg , welche an dem Petri'schen 
Lehrbuche in dieser Hinsicht zu machen waren. Nur hier und 
da hat der Verf. gleichfalls eine solche Begründung versucht und 
in diesem Falle allerdings auch ähnlichen Aussteilungen Raum 
gegeben, wovon unter Anderem die Deduction der Dreieinigkeit, 
die der Verf: von Hrn. Petri entlehnt hat (§ 82«), oder der ver** 
suchte Beweis, dass das Gesetz auch im Falte vollständiger Er-» 
fuilung kein Verdienst begründen würde (vgl. damit Rom. 2, 13. 
4, 1 — 5. 10, 5.) und dass weder ein Mensch , selbst in ur«prüng^ 
lieber Reinheit, noch ein Engel, sondern nur ein Gott die Weit 
versöhnen konnte (§ 131.), als Beispiel dienen mögen. Abg&* 
sehen aber von der dogmatischen Richtung des Buches, 'empfiehlt 
sich dasselbe durch die nämlichen Vorzüge, welche oben von dem 
Petri'schen Buche gerühmt wurden, als namentlich durch ein- 
fache und lichtvolle Anordnung, durch kurze und doch lebendige, 
kraf^- und würdevolle Darstellung, vor Allem aber durch einen 
von der Wahrheit und Göttlichkeit des Christenthums tief durch- 
drungenen und dem EMnen, was Noth thut, herzlich zugewen- 
deten Sinn. Nur scheint der Verf. für verständige Erkenntniss 
der christlichen Lehre im Ganzen doch allznwenig gesorgt und 
weit mehr das Gedächtniss, als den Verstand der Schüler- bethär* 
ügt zu haben. Denn die meisten Lehren und nanfentliüh auch 
diejenigen, die eine Entwicklung aus dem eignen Bewusstseln des 
Schülers gewiss zuliessen, werden nur einfach aus der Bibel 
abgeleitet und durch zahlreiche Schriftstellen belegt, die, obwohl 
sie oft zusammenhängende Stücke von vielen Versen umfassen, 

11* 



164 .Religion. 

doch nach^ des Verf. Meiniuig: (Vorr. S. III.) ganx auswendig 
gelernt werden solUn. Billigung übrigens verdient es, dass diese 
Stellen unter dem Texte der §§ Tollständig abgedruckt sind, 
obwohl dadurch vielleicht mehr als die Hälfte des ganzen Raums 
absorbirt worden ist. — Die Ausstattung auch dioses Buches ist 
gut und der Druck correct, doch ist dem Rec. die Schreibart des 
Verf. ^^echlicher^^ für jeglicher and ^ysiebte Bitte^^ statt siebente 
Bitte aufgefallen. — ' ' 

Das Buch Nr. 4. ist zunächst zum Gebrauche ikeben dem 
Niemeyer^schen Lehrbuche bestimmt und schliesst sich daher ia 
der Anordnung des Stoffes ^ wie in der Zahl und Reihenfolge der 
§§ genau an dasselbe an ; doch spricht der Verf. in der Vorrede 
die Hoffnung aas , dass es wohl auch unabhängig von diesem mit 
Nutzen w^rde gebraucht werden können. Ueber die Tendens 
des Buches erklärt sich der Verf. selbst dahin , dass er ebenso- 
wohl das religiöse Gefühl zu pflegen, als das Urtheil zur klaren 
Erkenntniss der Wahrheit zu bilden hemüht gewesen sei, und 
drückt zugleich die Erwartung aus, dass auch andre wahrhaft 
religiöse Lehrer ^ohl schon längst den kühnen Ton getadelt hab'en 
würden , der sich in Beurtheiiung der Glaubensgegenstände in die 
für ihren Kreis bestimmten Lehrbücher eingeschlichen habe. 
Demnach also scheint es , als habe der Verf. auch in dem ^ie- 
meyer'schen Lehrbnche den Ton der Darstellung zu kühn und 
das religiöse Gefühl, im Gegensatz gegen den Verstand, zu wenige 
bethätigt gefunden , und als habe er eben diesem Mangel durch 
seine Arbeit abzuhelfen versuchen wollen. Und in der That 
wird diese Vermuthung durch nähere Betrachtung des Buches 
selbst bestätigt« Denn an sehr vielen Stellen sucht der Verf. den 
schlimmen Eindruck, den er von der Niemeyer'schen Darstellung 
befürchten mochte , zu pai'alysiren , die dort gefällten Urtheile 
zu mildern oder stillschweigend durch andre zu ersetzen, und 
die zu nüchtern befundene Sprache in eine solche zu übertragen, 
die ihm geeigneter schien , das religiöse Gefühl zu beleben. Bei 
der Beurtheiiung dieses Unternehmens nun kommen folgende drei 
Fragen in Betracht: 1) ob das Niemeyer'sche Lehrbuch in der 
That einer solchen Verbesserung bedürfe, 2) ob das, was der 
Verf. giebt, auch wirklich eine Verbesserung desselben sei , und 
3) ob auch die Form , die der Verf. gewählt hat , um seine An- 
stellten auszusprechen, nämlich die. Form von fortlaufenden Glos- 
sen oder von leitenden Ideen (denn so scheint der Verf. statt 
^^einleitende Ideen^^ haben sagen zu wollen) zu dem Niemeyer- 
sehen Buche, als passend und zweckmässig erscheine? Anlan- 
gend also die erste dieser Fragen, so kann zwar Rec. in das unbe-. 
diagte Yerwerfongsurtheil, welches neuerdings über das Nie- 
meyer'sche Lehrbuch gefällt worden ist, und worin der Verf. 
gewiss eine Bestätigung seiner Ansicht erblickt haben wird , f lir 
seine Person nicht einstimmen. Denn dass das Buch nicht alle 



Thamm: Ideen für den Religionsanterricht. 165 

Do^en des biblisch - kirchlichen Lehrbegriffs su notbweodigeA 
Glaubensartikeln gestempelt hat, das verniag Rec. ihm nicht sum 
Vorwurfe zu machen, und auch einen gefahrlichen Einfluss des^ 
selben kann er um so weniger besorgen, je unverkennbarer die 
Hochachtung ist, die sich gegen das wahrhaft Heilige und Reli- 
giöse darin allenthalben ausspricht. Doch soll damit nicht in 
Abrede gestellt werden, dass ^m Buch auch seine schwachen 
Seiten habe; denn wahr ist, dass die Scheu vor dem Wunder* 
baren darin oft allzuweit getrieben, dem Localen und Temporeilen 
in den biblischen Schriften eine zu grosse Ausdehnung gegeben 
und selbst der Geist der biblischen Lehre nicht immer in seiner 
Tiefe erfasst ist; wozu immerhin auch dies gefügt werden mag, 
dass dem Tone des Vortrags hier und da e^was mehr Wärme und 
Lebendigkeit zu wünschen wäre. Wenden wir uns nun aber zu 
der zweiten Frage, was von dem Verbesserungsversuche unsers 
Verf. zu halten sei, so bedauert Rec. herzlich, denselben ab 
einen zwar gutgemeinten, aber durchaus misslungenen bezeichnen 
zu müssen. Denn statt das Urtheii Niemeyer^ nur hier und da 
zu beschränken und>zu berichtigen, wird meist das grade Gegen- 
theil an dessen , Stelle gesetzt , und Alles , was nur irgend in der 
Bibel enthalten ist oder nur im Entferntesten in Verbindung mit 
ihr steht, nicht nur in Schutz genommen, sondern auch mit unge- 
messenem Lobe gepriesen. Der Verf. scheint also keine Ahnung 
davon zu haben^ was doch schon der selige Niemejer sehr richtig 
erkannt und oft genug ausgesprochen hatte , dass grade dies der 
sicherste Weg sei, um, bei den helleren Köpfen wenigstens, die 
Achtung g^gen die Bibel zu untergraben. Der Ton der Darstel- 
lung aber, wodurch der Verf. das religiöse Gefühl zu beleben 
meinte, besteht meist in nichts Anderem, als einer schwülstigen 
und wortreichen, aber gehaltlosen Declamation, die, well die 
gewöhnlichen Worte nicht g^nog zu sagen schienen, selbst zu 
Ausdrucken, wie ,,Gottheitv olles Urtheil^^ oder „Reich der geist- 
vollsten Sittlichkeit^' ($. 92.) ihre Zuflucht nimmt. ^ Was aber das 
Schlimmste ist, so hat unter dem Streben, gefühlvoll zu sprechen, 
die Klarheit der Gedanken in einer Weise gelitten, dass man 
nicht selten ganze Sätze wiederholt lesen mnss, um nur einen 
Sinn darin zu finden, uiid doch am Ende oft Zeit und. Muhe ver- 
loren hat. Und nicht allein gegen die logische, sondern aach 
gegen die grammatische Richtigkeit des Ausdrucks ist so häufig 
und so gröblich Verstössen worden, dass man es kaum ftir möglich 
hält, dergleichen gedruckt zu lesen. Unter solchen Umständen 
also wird es kaum auffallend sein, wenn Rec. auch die drüie-der 
oben angezeigten Fragen nur dahin beantworten kann, dass das 
Buch selbst in seiner Form verfehlt und in Wahrheit weder neben 
dem Niemeyer'schen Lehrbuche, noch unabhängig von demselben 
zu gebrauchen sei. Denn was soll auch ein Lehrer, der das 
Niemeyer^scbe Buch zum Grunde legt, mit einem andern Buche 



166 Religion, 

t * 

anfangen, welches oft genu^ das g^erade Gegentheil von jeneia 
lehrt? Und wie ist es möglich^ ohne den Nicmeyer zur Hand 
SBu- haben', ein Bach zu brauchen, das nur durch die Beziehung 
auf jenen seinen Zusammenhang erhält, oft auch nur durch die 
Vergleichung jenes verständlicli wird und überdies, da oft der 
Hauptinhalt der Niemeycr'schen §§ Übergängen und nur einzelne 
Satze daraus glossirt werden, ohne jenen ganz unvollständig 
erscheinen müsste ? 

Doch es ist Zeit, das vielleicht hart klingende Urtheil durch 
einzelne Beispiele aus dem Buche selbst zu belegen, und so mögen 
denn zuerst einige Proben der Art und Weise Platz finden, wie 
der Verf. die Ansichten Niemeyer^s zu modificiren gesucht hat« 
In der Einleitung in die biblischen Schriften § 16. steht bei 
JNiemeyer die Bemerkung, dass im Inhalte dieser Schriften das 
Locale und Temporelle von dem allgemein Wichtigen zu unter- 
Bcheiden sei ; dem aber setzt der Verf. S. 4. folgende Bemerkung 
entgegen: „Obwohl allerdings der Inhalt in jeder Stelle der heil. 
Schrift ein locales und temporeltes Interesse hatte , so ist doch 
jede auch als allgemeines Gotteswort für jede Zeit und für jeden 
Ort erbaulich, voll Belehrung und anweudbar.^^ -r- Ebend. § 29. 
.bemerkt Niemeyer, dass* die biblischen Schriften nicht von gelehr- 
ten Männern in wissenschaftlicher Form geschrieben seien; um 
aber eine nachtheilige Deutung dieser Worte zu verhüten, schreibt 
der Verf. (S. 6.), „dass die Offenbarung in der Schrift wie in der 
Natur in sich selbst gross dastehe^ wenn gleich das Nebeneinan* 
^erbestehen der einzelnen Offenbarungen auch gar keine syste- 
matisch-tabellarische Zasammenreihung sehen lässt.^^ — Ebend. 
§ 45. urtheilt Niemeyer von dem A. T. , dass es neben sinnlichen 
und unvollkommenen auch sehr erhabene Religionsbegriffe ent- 
halte ; dagegen unser Verf. (S. 8.) : „Es spricht sich im ganzen 
A. T. dier Unterricht über die Verehrung Gottes im Geist und in 
' der Wahrheit alis^^; won\it man die eben so einseitigen und unwah- 
Iren Sätze (S. 9.) vergleichen möge, dass Moses den Geist seiner 
Gesetztafeln in die Herzen des Volkes gegraben (vgl. dagegen 
Jerem. 31, 32.) und dass das .jüdische Volk sich Gott willig «u 
allem Gehorsam ergeben habe. — Ebend. § 57. deutet Niemeyer 
auf die Schwierigkeiten mancher Erzählungen der Genesis hin; 
dies commentirt der Verf. (S. 10.) mit den Worten: „Was auch 
der spätere Zweifel für Schwierigkeiten in der Geschichte der 

Schöpfung, des Siindenfalls, der Sündfluth gefunden haben 

wollte, sie Terschwinden alle vor der Sonne der Wahrheit und 
der historischen Treue.^^ — Ebend. § 60. drückt sich Niemeyer 
zweifelnd über die Wundererzählungen des Exodus aus; hierzu 
der Verf. (S. 10.): „Sichtbar waltet Gott in allen wundervollen 
Begebenheiten etc.'^ — Ebend. § 90. nennt Niemeyer das Be- 
tragen des Serubabel gegen die Samariter ein schwer zu rechtfer^- 
tigendes; der Verf. aber siigt (S. 13.), indem er den Esras und 



Thammt Ideen für den-Rdligleiuanterricht. 167 

Sennbabel la yerwecbseln scheiiit: „Eoras' Eifer für reine-Gottet- 
ferehroog kann sehr «rfreuiich wirken. Jeder Goiteafitrchtige 
wird' an diesem Eifer aich erbauen.^^ Und geaetsl auch, data 
dieses Urtlieil aiif die Ehereinigung durch Esras (wovon Miemeyer 
nicht spricht) Bezog hätte, so würde es doch auch in diesem Falle 
als sehr einseitig und übertrieben erscheinen. — Ebead. § 92. 
urtheilt Niemeyer ungünstig über die Hauptpersonen des Buches 
Esther; dagegen der Verf. (S, 13.): ^^Religiosität giebt höhere 
sittliche Gesinnung und wird dadurch oft edles Hindemiss der 
Ungerechtigkeit«''^ — Ebend. § 119. sagtNlemeycr über das hohe 
Lfed, dass Kinder und Ungeiehrte es schwerlich mit einigem 
Nutzen lesen würden; dagegen der Verf. (S. 16«), dass dasselbe 
für jeden Bibelieser bestimmt sei. — In der Religion$ge$ehicktß 
% 26. (S. 36.) steht von der griechischen .Mythologie folgende 
Bemerkung: ^^Aos den griechischen Göltergebilden eutwiekeU 
sich ein reines System der Sittlichkeit unter den Bemühungen 
ihres (?) ausgezeichneten Denk- und Begehrnngsvermögens.^^ — 
Ebend. § 45, (S. 49.) wird geurtheilt, dass die tlieologischen 
Streitigkeiten in der Kirche nicht nachtheiiig gewesen seien, 
denn : „die Meliinngen der Monotheleten mussten einmal dage- 
wesen sein ^ um für immer bei Seite gelegt werden zu können* 
Nor sinnlicher Stolz und sinnliche Eifersucht können nicht empö- 
ren, weil auch sie einmal in ihrer Kleinlichkeit und Vemichtungs- 
würdigkeit dargestellt, nie in dem Grade sich «wieder einfinden 
durften.^^ — Ebend. § 49. spricht Niemeyer Ton der schimpf* 
liehen Unwissenheit der Geistlichkeit im 6. und 7« Jalirhunderte, 
der Verf. aber weiss dieselbe (S. 51.) folgeAdermaasseu zu ent^ 
sebuldigen: ,,lllan fasste in der damaligen Christenheit dies grosse 
Resultat der Augnstinischen Anschauungen auf und seine (1) 
. Wirksamkeit ist in stiller allgemeiner Wirksamkeit auf die Chri- 
stenheil im 6. und 7. Jahrhunderte geblieben, so dass sich die 
Geistlichen weiter nicht in wissenschaftlichem Forschen auszeicb- 
neten , sondern man sich wohl inniger und sorgfältiger für das 
Praktische bemühte.^** Aber woher dann der Verfall der Sitt- 
lichkeit, Ton welcher der gleich folgende Paragraph spricht? 
Indessen auch dieser findet § 56. (S. 52.) folgende Entschuldi- 
gung: ,,Man sieht mit zu vieler Indignation auf die Entwürdigung 
des Cbristenthums^ weil sie doch Im Grunde auf Irrthum beruhte, 
den die Geschichte der Reformation dem Geschichtskenner erst 
In seiner Blosse darstellt.'' — Ebend. § 62. heissen die Kreiut- 
züge bei Niemeyer ,,unsinnig'%' hei dem Verf. dagegen (S. 52«) 
,iein ausgezeichneter Beweis von Interesse am Heiligen, Götl- 
licheD bei Hohen und Niedrigen.^' — Auf ähnliche Weise 
aber verfährt der Verf. auch in der Glaubens^ und Sitten- 
lehre.^ wie z. B. S« 76. (§ 54.) die biblische DM/nonenlehre, welche 
Niemeyer als Volks- und Zeitvorstel|ung aufzufassen geneigt ist,. 
In folgender Weise in Schutz genommen wird : „Wenn die heik 



1 



I 



f 



166 Religion. , 

Sebriflsteller — von guten und bösen Engeln redra, flo ist auch 
da9 nicht gegen die Vernunft, und es wird schwer sein, eine der 
Wahrheit näher kommende Ldire von dem Ursprünge des Mora- 
lisch - Bösen auszusinnen, wie es nnmögiich die Vernunft unsinnig 
finden kann, das Dasein des Moralisch -Bösen nicht im Menschen 
XU finden, weil sonst die Schuld auf den Schöpfer fiele, weiches 
offenba^e]^ Unsinn ist.**^ Der Sinn der letztern Worte scheint au 
sein, ^ie Vernunft könne es nur billigen, den Ursprung des Bösen 
ausserhalb des Menschen zu suchen , da , wenn er im Menschen 
selbst läge, Gott selbst Urheber des Bösen sein würde; allein 
eine solche Schlussfolge wurde sich nur aus gänzlicher Verken- 
iiung der menschlichen Freiheit erklären lassen. Wollte man 
aber das letzte ^^nickt^^ streichen und den Sinn annehmen, dass 
die Vernnnft es nicht unsinnig finden könne., den Grund des 
Bösen in dem Menschen selbst zu suchen, was würde dann für 
die Rechtfertigung der Dämonenlehre mit diesen Worten gewon- 
nen^ — Doch ist der Verf. grade' bei den schwierigsten und 
streitigsten Punkten des biblisch - kirchlichen Lehrbegrifis etwas 
zurückhaltender mit seinem Urtheile gewesen.. So werden bei 
der Lehre vom Versöhnungstode Jesu und vom heil. Abendmahle 
die 4 §§, die Niemeyer jeder dieser Lehren gewidmet hatte 
'(§ 143 — 146 und § 160 — 163.) in je einen zusammengezogen 
•und über beide Lehren nur ein paar allgemeine, nichts erklärende 
Bemerkungen gemacht. Auch über die Lehren von der Dreieinig- 
keit und Ton der Person Jesu drückt sich der Verf. ziemlich 
dunkel und schwankend aus; bemerkenswerth aber ist dabei die 
Schreibart XQijötog für xQiötog (S. 89.) und die Erklärung des 
Ausdrucks eingeborner Sohn Gottes durch ^^der in die Gottheit 
fiingeborne'^^ (ebend. und S. 96.), wobei das griech. novoysvyg 
ganz übersehen oder missverstanden worden ist. — 

Schon die bisherigen Proben werden dazu gedient haben, 
um neben der Art nnd Weise , wie der Verf. den Niemeyer'schen 
Text commentirt hat, zugleich auch die Parsteilungsweise des- 
selben in logischer und stilistischer Beziehung anschaulich zu 
machen; doch scheint es zur Begründung des oben ausgesproche- 
nen Urtheils nöthig, auch hiervon noch einige besondere Proben 
zu geben. So heisst es gleich S. 3. (§ 2.) : „Es wird daher diese 

Einleitung ' auf Brweckung richtiger Begriffe, Geschichte der 

Bibel und ihren Gebrauch zu wahrer Fruchtbarkeit abzwecken.^' 
Es muss aber wenigstens heissen: zur Erweckung richtiger Be- 
griffe über die Geschichte etc. — S. 4. (§ 14 ); „Die Sorgfalt 
über die Echtheit und Richtigkeit der alten Handschriften sowohl 
als der verschiedenen Ausgaben der gedruckten Bibel hat iß 
vielen gelehrten Prüfungen ausgezeichneter Theologen sich zi^r 
Ehre unsrer neuern Zeiten bewiesen.'^ Ein. Satz, womit Rec 
wenigstens. keinen klaren Sinn zu verbinden weiss. — S. 24. 
(§183.): „Ohne eine vernünftige Idee von Gott, ist kein ver- 



I 

r 



Thamm: Ideen für den Religionsunterricht. 160 

oftnftiged, ohne seine (wessen?) Idee Ton Christo kein chrisl- 
liches Lebea möglich.^^ — S. 28. (§ 207.): ^^Man mtiss Beden- 
ken tragen , den Brief an die Hebräer für einen Brief Pauli sa 
hatten /obgleich der Zweck des Briefes ganz eines Paolus würdig 
und die Fähigkeit als eines so vollkommnen Keiner s des Jtf- 
daismus höchst passend zu dieser Autorschaft ist^^ — S. 36. 
(§ 26.): ^^ais je eiiii Renkendes Volk' es jemals gekonnt hat/^ — 
S. 56. (§ 83.): ,,Der UeberCritt von der Erkenntniss zur Wahl 
des Guten schien der Menschheit über eine unabsehbare Kluft 
zu gehen, dass man bald iiber der Klarheit des Denkens und Elr- 
kennens, bald über der Wärme und dem Frost des guten Willens 
die Erleuclitung der Denkkraft entbehren zu müssen meinte.^^ 
Hier fehlen vor dem zweiten bald die Worte: die Wärme und der 
Frost des guten Willens. — S. 59. (§ 93.): ,,Purch Friedrichs 
Yon Sachsen grossmüthige Entsagung der Kaiserkrone und seine 
Zuwendung derselben ^ -dass sie auf Karl* s F. Haupt kam^ gab 
(wer oder was 1) jenem treuen Fürsten die Macht, Luthern bei 
seinen offnen Erklärungen zu schützen , ob er gleich mit kluger 
Wachsamkeit ihn still eine Zeit lang auf der Wartburg bewahren 
mnsste, welchen Aufenthalt die Vorsehung aber segnete durch 
die geräuschlose deutsche' Bibelübersetzung^^ ( * • ) * — ^* ^^* 
(§ 98 ): vQ&s bildet die Taufe ab, wo mit ihr ein neuer Mensch 
hervorkommen soll.^^ — S. 90. (§ 115,): ,, welchen (den Namen: 
Sohn Gottes) nie ein menschlicher Verstand jemals zu erklären 
geschickt seih wird ^ die Vernunft ihn aber in seligem Glauben 
erkennt^^ — S. 95* (§ 133.): ,,Keine Philosophie hat diese 
Anschauung (die uns die Lehre Jesu giebt) dem Menschen, auch 
dem Einfältigsten nicht ^ nahe gebracht." — S. 103. (§ 178.): 
^,Die sittliche Natur — erlaubt «ch allein den Gebrauch der 
sinnlichen Güter nach dem Bedürfniss ihrer (1) Erhaltung« aber 
auch bei der grössten Mühseligkeit nach den Regeln des Rechts 
vor Gott erlaubt sie sich ihn nur." — S. lOd? (§ 2. der Moral) 
wird der Unterschied zwischen philosophischer und theologischer 
Moral folgendermaassen bestimmt: ^^Jene entsteht bei dem Mich 
aufs Gute besinnenden Gotteskinde ^ diese bei dem durch eine 
Gottesstimme zu dieser Besinnung geweckten." — S.107. (§10»): 
,,Ueberall, wo der Schluss vom Dasein der Seele, auf das Dasein 
Gottes, das ist, wo der Offenbar ungsglaube gilC^^ — S. 111. 
(§ 31.) steht ein weder ^ ohne dass ihm. ein folgendes »oc^ entspricht. 
— Doch genug der Proben, um nicht auch dem Leser denselben 
Ueberdruss zu verursachen, den Rec. selbst schon beim Abscbrci- 
hen reichlich empfunden hat. 

Noch aber kommen hierzu eine Menge fehlerhafter Verbin- 
dungen und Constructionen einzelner Wörter, wie: Prüfung über 
die Echtheit S. 5.; um die Menschheit /»r ähnliche Ideen zu 
bewahren S. 56. ; erwartete ihrer S. 57. ; Zweifel an die Welt- 
regierung S«. 78. ; über aUem Zweifel erhaben S. 92. \ in den 



170 • Rellffioo. 

AUnn statt io dem Allen, u. 8. w. ; deegl. eine AnzaU gahs uiige« 
wöhniicher Ausdrucke^ wie: Erkennung S. 59. u. ö., Zusammea- 
wirkuog S. 77., Hinderangf S. 78. u* s. w.; endlich aber auch eine 
Uniahl orthographischer Fehler, von denen wir dahingestellt sein 
lassen, auf wessen Rechnung sie zu setzen seien. So steht auten- 
tisch st. authentisch S. 4. , desselben st. derselben S. 5., wieder^ 
sprechen st. widersprechen S. 25., preisst st. preist S. 27., moti- 
flcirl st. niodificirt S. 31., verhäthen st. Terhüten S. 47. u. ö., 
auszeichnet st. ausgezeichnet S. 47«, Iritresse st. Interesse S. 52. 
und überall , hüthen st. hüten S. 54. , zeigt st. zeugt S. 56., Dul- 
tung st. Duldung S. 64«, Beweiss st. Beweis S. 73. u. ö., Kosmo- 
genie^ Geogenie st. Kosmogonie, Geogonie S. 75., thörigt st. 
tböricht^bend. u. ö., vornehmbar st. vernehmbar S. 80., abslrackt 
st abstract S. 82., zeugen st. zeigen S. 96., gebiethen st. gebieten 
S. 110. H. a. m. — 

Der Verf. von Nr. 5. geht von der dreifachen Voraussetzung 
«BS, dass eine genaue Kenntniss des Lebens Jesu dem Schüler 
unentbehrlich sei, dass diese Kenntniss besser aiis den Evangelien 
selbst, als aus umschreibenden Erzählungen geschöpft werde, 
dass es aber vortheilhafter sei, die vier Evangelien in eine einzige 
Erz'ablang zusammenzuziehen , als dieselben einzeln hinter ein- ' 
ander zu lesen. * Die beiden ersten Punkte bedurften in der That 
keines weitern Beweises, in BetrelBf des dritten aber erklärt der 
Verf. sich weiter dahin, dass die vereinzelte Leetüre *^ der vier 
Evangelien bei geringem Vortheile grosse Nachtheile habe ; der 
Vortheil nämlich beschranke sich darauf, dass man jeden Evan- 
gelisten seinein eigen thümlichen Charakter nach kennen lern^, 
die Nachtheile aber seien die , dass die Schüler meist nur einen 
Theilder Evangelien lesen und verstehen lernen, dass sie jedes- 
mal nur ein unvollständiges Bild des Lebens Jesu erhalten «nd, 
wenn nun auch alle vier Bilder in der Seele waren, diese doch nur 
in Ein Gesammtbild izu verschmelzen im Stande sein würden. 
Dabei aber bietet sich die Frage dar, ob nicht die Vortheile _ 
beider Methoden sich dadurch vereinigen lassen würden, dass man 
zwar die drei ersten Evangelien in eine einzige Erzählung zusam- 
menzöge, das Evang. des Johannes aber den Schülern noch beson-. 
ders erklärte? Denn da eigentlich nur das Evang. des Johannes 
einen durchaus eigenthümlichen, die drei andern Evangelien aber, 
im Gegensatze gegen jenes, fast nur Einen, allen gemeinsamen 
Charakter haben , so würde auf diesem Wege eineriseits für die 
Charakteristik der Evangelisten genügend gesorgt, andrerseits 
aber, durch die Reduction der vier Evangelien auf zwei Haupt- 
erzählungen , auch für die Uebersiehtlichkeit des Ganzen etwas 
Bedeutendes gewonnen sein. Und überdies würden dadurch auch 
die die Schwierigkeiten vermieden , welche stets mit dem Ver- 
suche verbunden sindi den evangelischen Bericht des Johannes 
mit dem der drei ersten Evangelien in Ein Ganzes «u f erschmel- 



' ^ ■ Frege : Das Leben Jesu. 171 

sen. Dennoch kann man dem Verf. zugeben ^ dm» es nttiUch 
sei , auch alle vier Evangelien mit Einem Male zu überblicken, 
und er wird deshalb um so weniger Tadel verdienen, da aehi 
Buch zunächst für solche Schüler bestimmt ist, die es noch mehr 
mit dem Stoffe der evangelischen Geschichte, als mit dem Cfaa- 
raktei* der einzelnen Evangelisten zu thun haben. 

Der Verf. I^gte ferner seinem Buche die Luther'sche Ueber- 
setzung zum Grunde, und eben darau« muss-man schliessen, dasa 
er dasselbe wenigstens nicht für obere Gymnasialclassen , für 
welche der griechische Text gehört, bestimmt habe. Auslassun- 
gen oder Veränderungen in dieser Uebersetzung, erklärt er, sich 
nur da erlaubt zu haben, wo entweder die zarteren Begriffe 
unsrer Zeit vom Schicklichen es zu erfordern schienen , oder wo 
die Uebersetzung einen andern Sinn giebt, als der Urtext aus- 
zudrucken schien. Eine Probe der erstem Art giebt z. B. Mattb. 
1, 18. , wo statt der Worte : „erfand sich's , dass sie schwanger 
war vom heil. Geist^^ vielmehr gesetzt ist: „entstand der Ver- 
dacht, dass eine andre Liebe sie mffhr erfülle , als die Liebe zu 
Joseph, da sie erfüllt war vom heil. Geist.^^ Rcc. gUubt, dass 
der Verf. in dieser Besorgniss etwas zu weit gegangen sei , und 
könnte wenigstens die hier gegebene Umschreibung nicht ganz 
billigen« Unter den Veränderungen aber, die als Berichtigungen 
der Lutherischen Uebersetzung gelten sollen, und die der Verf. 
in den Anmerkungen. neben dem Zeichen s. h. mittheilte, sind 
mehrere, die sich bei Vergleichong des . griechischen Textes 
sofort als fehlerhaft ergeben. So Luc. 1, 1. (S. 5.)': „von d^ 
Geschichten, wovon mein Herz ganz erfüllt ist^' statt: so unter 
uns ergangen pind (xbqI tmv nexKf]QO<poQ7ipiiviDV iv i^ßiv nga- 
yyk«tiov)\ Job. 1, 14. (S.S.): „eines einzigen Sohnes beim Vater^V 
statt: Des eingebornen Sohnes vom Vater (cog iiovoywovq %aQa 
srar^dg); Luc. 4, 16. (S. 60.): ,^oIlte lehren*^ statt: wollte 
lesen \dvaYvävai)\ Job. 5, 16. (S. 108.): „machten Jesu Vor- 
wurfe'^ statt: verfolgten Jesnm (Id/cvxov); Job. 6, 25. (S. 116.): 
„Wie bist du hierher .gekommen^^ statt: Wann? (srdrs) u. s. w. 
An andern Stellen ist der Sinn des Urtextes selbst noch zweifel- 
haft, wie Job. 1, 6. (S.-7., wo der Verf. übersetzt: ,,Das wahr- 
haftige Licht -^ wollte in die Welt kommen''), Joh. 8,25. (S.23.: 
,,mcinem Ursprünge nach bin ich das^ was ich euch sage, nämlich 
V«. 23/') ; oder der Verf. trug seme Erklärung gleich in die Ue- 
bersetzung hinein, wie Luc. 1, 17. (S. 17.: „welchem gemäss auf 
uns herabschien das aufgehende Licht ans der Höhe^'X Job. 6, 36, 
(S. 118.: „ich sage euch dies, weil ihr nicht glaubt, obgleich 
ihr mich gesehen habt''), Matth. 27, 59. (S. 229.: „ihr werdet 
sonst auch verhaftet und hingerichtet"); oder endlich, er gab eine 
Abänderung, die wenigstens als 'ziemlich iaberflüssig erscheint, 
wie Matth. 27, 52(. (S. 230w: „mit Smdon" stett: mit Leinwand) 

U. 8. W. 



172 Religion. 

Die Anwdnung des Buche« anlangend , ao ist die ^etammte 
Lebensgeachichte Jesu in vier Abschnitte gebracht, nämlich 1) 
Begebenheiten Tor dem Auftreten Jesu als Lehrer, 2) Geschichte 
des ersten Lehrjahres Jesu , 3) Geschichte des letzten Lehrjahres 
und 4) die Leidenswoche, unter welcher x^ufschrift aber auch 
alle Begebenheiten bis zur Himmelfahrt Jesu begriffen sind. 
Jeder dieser Abschnitte zerfällt wieder in mehrere Abtheilurigen, 
und jede Abtheilung in mehrere Paragraphen (zusammengenom- 
men 113), deren jeder eine einzelne Begebenheit aus dem Leben 
Jesu darstellt. Ueber jedem Paragraphen sind die Stellen der 
E?angeiien, welche die fragliche Begebenheit erzählen, angege- 
ben, der Text selbst aber ist, wenn mehrere Evangelisten die- 
selbe Begebenheit erzählen, in der Regel aus demjenigen abge- 
druckt, vder sie am ausführlichsten giebt. Doch ist er auch öfters 
ans mehreren Evangelien zusammengesetzt, oder es sind wenig- 
stens einzelne Verse und Sätze aus der Erzählung des Einen in 
den Text des Andern eingewebt, - Dabei aber ist zu rügen , dass 
im Texte selbst Capitel - und Verszahl nicht überall vollständig 
bezeichnet und das Eigenthum der einzelnen Evangelisten nicht 
immer deutlich geschieden ist, daher man, um* zu wissen , was 
einem Jeden angehört, oft die einzelnen Evangelien selbst ver- 
gleichen muss« Die Differenzen zwischen den verschiedenen 
Evangelien sowohl in Absicht auf die Zeitfolge als auf den Inhalt 
der einzelnen Erzählungen sind nur zum Theii erwähnt, zur 
Grundlage der chronologischen Anordnung aber hat meist das 
Evangelium des Lucas gedient. Bekanntlich ist eben diese Anord- 
nung mit grossen Schwierigkeiten verbunden , zumal wenn «uch 
das Evangel. des Johannes mit in die Darstellung gezogen wird; 
doch hat 'der Verf. diese Schwierigkeiten so gut. als möglich zu 
überwinden gesucht. Dass nicht alle Uebelstände vermieden wer- 
'den konnten, versteht sich von selbst, und dahin gehört es z. B., 
dass die Abschnitte Matth. 19, 1—20,^4. Marc. 10, 1—52. 
Luc. 18, 15 — 19, 28., die nach den Evangelien selbst in die Zeit 
der letzten Reise zum Passahfeste gehören, von dem Verf nicht 
in die Zeit dieser, sondern einer früliern Reise zur Tempel weihe 
(Job. 10, 22;), dagegen die Abschnitte Luc. 13, 22 — 17, 10. und 
. 18, 1 — 14. , die bei Lucas jenen erstem vorangehen, in die Zeit 
^der letzten Passabreise versetzt werden. Dass der Verf. nur eine 
sweijährige Dauer des Lehramtes Jesu annimmt, kommt daher, 
weil er unter dem Joh. 5, 1. erwähnten Feste mit vielen Auslegern 
nicht das Passahfest^ sondern das Purimfest versteht; warum er 
aber die Abschnitte Joh. 1 , 35 — 2, 12. (Erste Berufung von 5 
Jüngern und Hochzeit zu Kana), statt zu dem ersten Lehrjalire, 
vielmehr zu den Begebenheiten vor dem Auftreten Jesa gezogen 
hat^ ist dem Rec. nicht klar geworden« Denn wenn auch jene 
Abschnitte mit dem vorhergehenden Stücke Joh. 1, 29— 34« chro- 
nologisch eng zusammenhängen (vgl. Joh. 1,35,2, l.))'S0 wird 



Frege; DasXeben Jiesii. 17S 

t 

\ 

doch tuch in jenem Stücke Ton der Taufe Jesu ah einer vergan- 
genen Begebenheit gesprochen^ daher eher jenes Stock mit zu 
der Geschichte des ersten Lehrjahres, als umgekehrt die folgen* 
den Abschnitte zu der Geschichte der Vorbereitung Jesu gezogen 
werden "durften. 

Endlich aber hielt es der Verf für nutzlidi, auch erkürende 
Anmerkungen über die Sitten und Vorstellungen, die Geschichte 
und das Land der Juden zugleich mit dem^ Texte abdrulDken zu 
lassen , wodurch er dem Lehrer das Dictiren von dgl. Dingen zu 
ersparen, sein Buch auch für das spatere Leben der Schüler nütz- 
lich zw machen und selbst manchem andern nichtgelehrten Bibei- 
leser einen Dienst zu erweisen hoffte. Er hatte dabei im Allge- 
meinen Dinters Schnllehrerbibel vor Augen, hielt aber den Ge- 
brauch dieser (die jeden Bericht einzeln erklart) neben seinem 
Texte für unbequem, war auch oft mit der dort gegebenen Erklä« 
rung nicht einverstsnden und glaubte nebenbei auch Manches, 
was die neuere gelehrte Forschung ergeben hat , zum Gemeingut 
auch der Nichtgelehrten machen zu dürfen. Er benutzte zu dem 
Ende besonders dss Leben Jesu und die Gnosis von Hase und 
nahm daraus Manches wörtlich auf, was er nieht besser sagen zu 
können meinte. Rec. hat im Allgemeinen diese Anmerkungen 
recht brauchbar und zweckmassig gefunden und darf namentlich 
alle diejenigen, die auf die Darstellung des sittlichen Charakters 
Jesu Bezug haben, wie die Erklärung der Versuchungsgeschichte 
(§ 13.) als vorzüglich gelungen bezeichnen. Auch die hier und 
da eingestreuten erbaulichen Anwendungen und Ansprachen an 
das Herz der Schüler kann er nur billigen und verweist z* B. auf 
die Bemerkung S, 31. zu Luc. 4, 4. , S. 38. zur Taufgeschichte, 
S. 97« zum Gleichniss vom Sämann, S« 213. zum Verrathe des 
Judas, wo eine Stelle aus Klopstock's Messias abgedruckt ist, und 
S. 242. zur Leidensgeschichte, wo als Ausdruck der Empfindun* 
gen , die dadurch angeregt werden müssen , ein Lied von Herder 
mitgetheilt ist. Jedoch scheint der Verf. durch das Streben, 
ausser seinen Schülern auch noch andern Lesern Genüge zu 
leisten , nicht selten auch zur Mittheilung solcher Bemerkungen 
veranlagst worden zu sein, die, nach des Rec. Dafürhalten, we- 
nigstens für die untern oder mittlem Classen eines Gymnasiums^ 
oder andern diesen gleichstehenden Anstalten durchaus nicht 
geeignet sind. Dahin rechnet er z. B.die Anmerkung zu §2 — 11. 
(S. 27.) y wo auf das Fabelhafte, Wunderbare und Unhistorische 
in den Erzählungen von der Geburt und Kindheit Jesu hingewle* 
sen und die Vermuthung ausgesprochen wird, dass die Evange- 
listen hier nur Mythen geben , die sich über die Kindheit Jesu,, 
von der Niemand Zeuge gewesen sei und doch Jeder gern Etwas ' 
wissen sollte, nach und nach gebildet hitten. Desgl. die Be- 
merkung^ zu § 13 — 15. (S. 38 ff^.), dass Jesus zwar nicht ein rein 
politisches Reich zu gründen beabsichtigt, aber doch auch das 



174 Religion. 

Streben nach piditUicher Unabhlnicigkeit seinet Reiches in seineiti 
Geist getragen und dieses nur vielleicht spater aus seinem Lebens- 
plane Terwiesen habe; eine Behauptung, die durch die beige- 
brachten Grunde des Verf. noch keineswegs als gerechtfertigt 
erscheint. Ferner die Bemerkung zu § 17. (S. 46«) über die neu- 
testamentl. Wundererziihlungen, Mi^rin der (wörtlich angeführten) 
Ansieht Schleiermachers, dass die Wunder, als Unterbrechungen 
des Naturzusammenhanges, mit der Vollkommenheit Gottes strit- 
ten, beigestimmt, die Versuche jedoch , den geschichtlich wah- 
ren Hergang der Sache zu ermitteln, als zu keinem sichern Er- 
gebniss föhrend bezeichnet werden. Ferner die Bemerkung zu 
Luc. 9, 18 — 27. (S. 139 f.) über die Vorherverkuodfgung des 
Todes Jesu, wo unter Anderem gesagt wird, dass Jesus schwer- 
ßch Ton einer andern Auferstehung, als TÖn der seines Geistes 
und Ton dem Siege seiner Religion geredet habe; eine Bemer- 
kung, dte>attch S. 154. zu Matth. 20. 19. und S. 185. zu Joh. 11, 
25. u. o. wiederkehrt. Und von ähnlicher Art sind noch manche 
andre Anmerkungen, in welchen, trotz der vorhin mitgetheilten 
Erklärung über die Fruchtlosigkeit, der Versuche, die Wunder 
natürlich zu erklären , doch eben dieser Versuch bald an diesem, 
bald an jenem Wunder gemacht wird. Rec. ist mit diesen Bemer- 
kungen selbst materiell zum Theil nicht einverstanden,* aber, 
wäre er es auch, er würde dennoch bezweifeln, ob Belehrungen 
dieser Art grade der Jugend frommen können. Eben so wenig 
kann Rec. es billigen, dass der Verf. manche Ausspruche und 
Vorstellungen der heil. Schriftsteller ohne Weiteres nach derje- 
nigen Ansicht umdeutet , die er sich selbst von der Sache gebildet 
^ hat. Dahin gehört es z. B. , dass die Eugelerscheinungen überall 
als dichterische Einkleidung erklärt, der Logos (d. h. das per- 
sönlich gedachte Schöpferwort) des Johannes als die göttliche 
Vernunft gefasst, an die Stelle des Teufels die bösen Neigungen 
und an die Steile des Geistes Gottes die frommen Gedanken der 
Menschen gesetzt, die Wiederkunft Christi als poetische Aus- 
schmückung des dereinstigen Erblühens seines Reiches oder der 
Herrschaft des Geistes Christi dargestellt und ebenso die Auf- 
erstehung der Todten und das künftige Gericht überall nur in 
geistiger Welse gedeutet werden. Denn wenn man auch vieU 
leicht nicht alle diese Vorstellungen der heil. Schriftsteller zu 
den seinigen machen kann , so fordert doch die Ehrlichkeit , das 
Vorhandensein derselben in den bibl. Schriften anzuerkennen und 
nicht auch diesen einen Sinn unterzulegen, der nicht der ihrige 
ist* Endlich aber sind auch noch manche einzelne Stellen, mit 
deren Auslegung Rec. sich nicht einverstanden erklären kann, 
wie wenn Luc. 1, 69. (S. 16.) der Ausdruck: Hörn des Heils 
durch : Säule des Heils erklärt wird , weil der Hebräer für die 
Begriffe: Hörn und Säule, Ein Wort gehabt habe (?)^ oder wenn 
Joh. 4, 24. (S. 58.) der Ausdruck: anbeten M Qeiat, erläutert 



Hartnngs ^echisch« Schnlgrani&iatik. 175 

wird : „so dasfl man dabei an Etwat deftkt^S o. dgl. m. Doch du 
Bind Eimielheiten, über die'Rec. mit dem Verf. nicht weiter 
rechten will. 

Der Styl des Verf. ist der Wnrde des Grcgenstandea ingtf* 
messen , uiid nur hier und da begegnet man einem su gemeinen 
Ansdrnclc ^ wie sieh herauastreichen (S. 126.) , oder einem unge- 
bräachlichen , wie Siaunihat 'statt: Zeichen , ^i/^sfoi; (S. 116.), 
oder niektanütze Menschen (8. 31.). Auch der Druclt ist gut, 
doch hat sidi Rec. ooch folgende (im Verseichniss nicht erwähnte) 
Druckfehler angemerkt: S. 12. Superlatif st. Superlativ; S. 44. 
Bartolomäus st. Bartholomäus; S. 57. Z. 19. v. u. nur st. nun; 
8. 80. Z. 9. T. o. Me st. Ehre; 8. 186. Z. 10. ▼. o. Afarta st. 
Bfartha; ebend. Z, 11. t. o. 41 st 31; 8. l93. Imperatif st. Im* 
peratir; 8. 247. Z. 12. v. u. Joh. 30, 19—23. st. Joh. 20, 19 ~^ 
23.; 8. 251. Z. 15. T. 11. Luc. 24, 5. st. Luc. 24, 50. Ausserdem' 
fehlt'S. 31. zu dem Relativsatze: der nicht scheuend etc., das 
Verbum, und 8. 139. zu dem Subject: der Entschlnss sich auf- 
zuopfern, das Prfidicat.' 

M. lApsius^ 

Tertins u. Religionsl. a. d. Thomasschale zu Leipzig. 



Griechische Schulgrammatik von J. J, Härtung. Halle, 
Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses. 1840. 

Der Ausdruclc ,.,Schulgrammatik^^ wird in doppelter Beden- 
timg gebraucht. Einmal nämlich kann man darunter im engern 
Sinne eine Grammatik verstehen, die nur das auf der ersten 
Stufe des Lernens von dem Schüler zu Erlernende enthalt , wie 
z. B. die Schulgrammatik Ton Buttmann, die auf den meisten 
GymnasifQ nur für den Unterricht in Quarta benutzt wird, 
wiewohl sie selbst für diesen in manchen Stücken noch viel 
zu viel enthält, wogegen sie dann für den weitern Unterricht in 
Tertia und den höhern Classen nicht mehr ausreicht und von da 
an der mittlem Grammatik weichen mnss. In der andern, eigent- 
lichen Bedeutung wird mit jenem Ausdrucke eine Grammatik 
bezeichnet, die den ganzen für den Gymnasialunterricht erforder- 
Jichen grammatischen StofP enthält uiid somit für alle Classen 
berechnet ist. Dass der Hr. Verf. des vorliegenden Werkes eine 
Scholgrammatik in letzterm Sinne des Wortes habe liefern wollen, 
leuchtet beim ersten Anblick desselben ein, wenn man auch von 
dem besondern Capitel, wo die vornehmsten griechischen Dia- 
lekte abgehandelt sind, das doch gewiss nicht für den- ersten 
Unterricht bestimmt sein kann, absieht. Der Verf. hat sich laut 
Vorrede p. V. die bei einem Scbulbuche gewiss nur zu lobende 
Aufgabe gestellt, ,,die Regeln so viel als möglich in dogmatischer 
Form harz und bündig darzustellen^^ Dagegen nicht einverstanden 



176 Griechische Sprache; 

kann Rec. mit der ebend. aasgesprochenen Meinung sein, dass M 
^^nicht zweckmässig sei, die verschiedenen Beatimmungen (des, 
was schon für die untersten Ciasscn bestimmt, iind des, was 
für dieselben nojeh asn übergehen ist) durch den Druck oder durch 
Ueberschriften zu bezeichnen, weil dadurch die Freiheit der 
Lehranstalten beschränkt liirerde^^ Letzteres Ist gewiss nicht der 
Fall , denn immer ist es ja noch in die Freiheit eines jeden Leh« 
rers gegeben , Manches von dem , was kleiner gedruckt ist, wenn 
es ihm zweckmässig erscheint , auch schon in den untern Classen 
mitzunehmen; durch den grössern and kleinern' Druck aber wird 
die CJebersicht dessen, was wichtiger, und dessen, was weniger 
wichtig ist, namentlich bei einem Schulbuches welches, wie das 
des Hrn. Verf. , für alle Classen berechnet ist , ungemein erieich* 
tert. Auch lässi sich diese Unterscheidung recht gut init d^r 
systematischen Anordnung des Ganzen yereinigen , was der Verf. 
p. Vi. in Zweifel zieht. 

Was nun die Leistung des Verf. im Ganzen anbetrifft, so ist 
als der Kern des Buches und dessen vorzüglichster und überarbei-, 
tetster Theil offenbar die Syntax zu betrachten ; weniger genü« 
gend muss seine Formenlehre (mit Unrecht von dem Verf. p. 4. 
.Etymologie genannt, denn dieses Wort hat eine andre Bedeu- 
tung; übrigens ist in derselben besonders das voq Buttmann in 
seiner ausführlichen Grammatik gegebene Material benutzt) 
genannt werden , in der der Verf. nicht allein bei Weitem in den 
meisten Abschnitten hinsichtlich der Klarheit der Anordnung und 
Fasslichkeit der einzelnen Bestimmungen für den Schüler, sowie 
deren Richtigkeit hinter seinem Vorbilde Buttmann weit zurück- 
geblieben . ist , sondern bei der er auch überhaupt, wie es uns 
scheint, die letzte Hand anzulegen unterlassen hat (dieser Vor- 
wurf gilt auch, wiewohl in weit geringerem Grade, zum Theil 
von der Syntax) , wie aus der Unbestimmtheit und Oberiächlich- 
keit mancher Bestimmungen, aus der Gesuchtheit und scheinba- 
ren Originalität mancher andern, au» der jedoch nothwendig 
Unklarheit für die Fassungskraft des Schülers entspringt, und 
ganz, besonders ans dCr grossen Flüchtigkeit und Nachlässigkeit 
im richtigen Setzen der Accente (für eine Schulgrammatik , die 
die. Schüler als ein Orakel betrachten solien und zu betrachtea 
gewohnt sind, ein harter Tadel!), die vielen offenbaren Druck- 
fehler, die sich in dem Buche finden , nicht gerechnet^ erhellt. 
'Jedoch soll damit nicht geleugnet werden, dass sich auch man- 
ches Gute und besser von dem Verf. als von Bnttmann ^Auseinan- 
dergesetzte selbst in der Formenlehre findet. Wir wollen damit 
beginnen,^ das Hauptsächlichste von demjenigen aufzuzählen, was 
de» Verf. uns besonders gut und riditig bestimmt zu haben scheint, 
«odann auf dasjenige, was als besonders tadelnswerth an dem Werke 
hervorzuheben ist, übergehen und hierauf mit eineb Aufzählung 
der hauptsächlichsten uns aofgestossenen Druckfehler schliesseQ. 



Hartungs griccbiflcbe SchuJgrammatik. 177 

Gut i8t das p. 8. über die Entstehung der Vocale Bemerkte, 
wornach es, wie auch die Vergleichuog der semitischen Sprachen 
sowohl als des Sanscrit zeigt, ursprünglich nur 3 Grnndlaute gab, 
er, ij v; Ton denen dann alle übrigen ausgehen, da in dem u das o^ 
in dem i das e mit enthalten und gleichsaip nur Uebergangslante 
sind. Nur darin scheint uns der Verf. zu irren, dass er das 8 tmd 
o erst durch Abschwächung aus dem ij und a hervorgehen lässt, 
da doch, im Gegentheil s und b die ursprunglichen Vocale waren, 
mit denen man sich in den ältesten Zeiten begnügte, und sie nur 
dehnte, wenn sie lang sein sollten. VgJ. Plat. Cratyi. p. 424: C: 
ov yag y ixQ(OfAB%a^ dkXd s to nakaiov. und p. 418 C« : ifiigav 
— '^fiigav. Dies kann man noch erkennen aus dhXov für dijXöv 
Hom. II. X, 466. und aus der Contraction tbIj^b — '^^^ZV^ ^^^^^ — 
iidy> Ferner kommt auf den ältesten Inscluriften weder tj tfoch 
o vor» Auf dieselbe Weise ist ca =^ zweien o , wie man noch aus 
der Gestalt sehen kann , die es inf alten Handschriften hat : Qo. — 
p. 12. ist mit Recht behauptet, dass die Reuchiinische Aussprache 
der alten griechischen naher kommt als die heutige Erasmische. — 
p. 16. hat d.er Verf. mit Recht nach^dem Vorgange von Hermann 
die Atona mit den Encliticis zusammengestellt, von den^n sie den 
stricten Gegensatz bilden. — Sehr klar upd für den Schüler 
fasslich sind die allgemeinen Regeln über die Setzung des Accenta 
dargestellt, indem dargethan ist, däss, da eine lange Silbe so viel 
gilt als 2 kurze, der Gircumflex auf der vorletzten Silbe so 
viel bedeutet als der Acut auf der drittletzten u. s. w. — 
Gut bemerkt ist p. 21., dass das v l<pBk7tv6U7i6v in den Vl^ortern, 
wo es steht, eigentlich als das Ursprüngliche^ lind da, wo es 
fehlt, als abgelegt zu betrachten, ist. Gut sind auch die Anmer- 
kungen- zu § 09 und 126. — Als der gelungenste Theil aber in 
der ganzen Formenlehre des Buches, der mit vielem Geiste abge- 
handelt ist , iiBt offenbar die Lehre vom Verbum zu betrachten. 
Hier erfahrt der Schüler nirgends etwas von sogenannten unregel^ 
massigen Verbis (welche Benennung als unwissenschaftlich , Mos 
für di^ praktische Empirie berechnet und für den schönen Orga- 
nismus, den der Bau des griechischen Verbi darbietet, durchaus 
unpassend abzuschaffen ist, indem ja gerade die Formationsweise, 
die gewöhnlich die unregelmässige genannt wird , als die ältere 
und ursprüngliche in der Sprache zu betrachten ist), sondern Alles 
ist Yon dem Verf. in Analogien untergebracht und nach "solchen 
abgehandelte So ist besonders gelungen zu nennen die Entwick- 
lung der Entstehungsweise der beiden Conjugationen auf o und ^e, 
und mit Recht gebraucht der Verf. statt der Ausdrucke „regel- 
mässige und unregelfflässige Verba^^ nach dem Vorgange der deut- 
schen Grammatik auch für die griechische die Ausdrücke: „schwji- 
chere und stärkere Form^^ § 371., wo auch die richtige Bemer- 
kung steht, dass man die schwächere Form sync&pirte nennt. — 
Eine dankenswertfae Zugabe zu der Formenlehre ist auch jder An« 

iV. Jahrb. f. Phil, tfb «W. od, Krit. Bibl, Bd, XXXyill. Uft 2. 12 ' 



178 Griechische Sprache. 

liaug über das Eigentliumlkhe der einzelnen Dialekte, und es wer- 
den daselbst der iieihe nach abgehandelt: 1) Der epische Dialekt. 
2) Der ionische {nicht jonische^ wie der Verf. sonderbarer Weise 
überall schreibt) Dialekt Herodots. tS) Der Dial. der äolischen 
Lyriker. 4) Der dorische Dialekt Pindars. 5) Der dorische Dia- 
lekt der Bukoiiker. — Gut ist § 644. der Begriff der Tmesis 
(Trennung der Präposition top dem damit Kusammengesetzten 
V^rbo bei epischen Dichtern) so aufgefasst, dass die Präpositionen 
in dieser Trennung gewissermaassen zu entsprechenden Adverbial- 
begriffen werden. - Gut ist die prägnante Constrnction § 685 
-^687« abgehandelt; nur hätte das bei xad£0rai/ai stehende ai^ 
daraus erklärt werden solleii , dass sich dies der Grieche medial 
denkt: sich gleichsam gestellt oder versetzt haben^in einen Zu- 
stand. — Gut und fasslich ist § 712. die Art, wie ein Medium 
einen Objectsaccusativ zu sich nehmen könne, erörtert, ebenso 
§ 713 und 714« die abgeleiteten Bedeutungen des Medii; beson- 
ders gut sind § 714, 5. yifnia6%ai^ ^iiödovödai u. s. w. erklart.. Sehr 
gtit ist die Note zu § 715., wo dem Medium das wo findicirt 
wird. — Gut ist im Allgemeinen die Partikel xal abgehandelt 
§ 774 ff.', bis auf Einiges, wovon weiter unten die Rede sein 
wird. — Ebenso ist das § 782. über ovöe und fAi^äi Gesagte 
zu loben. 

Wir wenden uns jetzt zu den Ausstellungen, die wir an dem 
Werke zu machen haben. — Fehlerhaft Ui zuweilen die Ortlio- 
graphie, deren sich der Verf. bedient. So schreib^er Aegeisches 
Meer p. 1., ferner überall Preiss st. Preis, p. 216. ve/lässt st« 
verlassest u. s. w. — Höchst unkritisch und anticipirend ist das 
p. 2. Bemerkte: „Homer und Hesiod bedienten sich des ionischen 
Dialekts, ohne jedoch denReichthum der übrigen Dialekte zu ver- 
schmähen oder abzuweisen. Der alt-ionische Dialekt bildete viel- 
mehr nur den Stock oder die Grundlage, und von den andern 
Dialekten steuerte zur Vervollständigung ein jeder bei, was jenem 
fehlte,^^ In Betreff der Zeit, wo die homerischen Gedichte abge^- 
fasst wurden , kann man durchaus noch nicht von griechischen. 
Dialekten im spätem Sinne des Wortes reden, folg^lich auch nicht 
behaupten, Homer habe von den übrigen Dialekten genommen, 
was ihm als gut erschienen sei. Vielmehr treten zu jener Zeit 
nur 2 dialektische Verschiedenheiten als Gegensatze hervor, der 
alt-aolische Dialekt, der noch im Latein sichtbar ist, und der, in 
dem Homer seine Gedichte abfasste, den man wohl den achäischen 
genannt hat, ond der allerdings die Grundlage zu dem spatem 
lonismus bildet. Er bildet aber so sehr cdne Einheit für sich, dass 
man unmöglich von Entlehnen aus andern Dialekten reden kann. — 
^p. 7. beisst es, 6 werde In der Mitte der Wörter gebraucht. Hier 
fehlt: ^^und it^ Anfange.^'' — Für den Schüler unbestimmt ist 
p. 18. die Regel Ton der Inclination ausgedruckt: „Ist das Wort<» 
aninrelchea die Enclltica aich anlehnt, Proparoxjt oder Properisp \ 



Hartwigs' griechische Scholgrammatik. 179 

so erhSit eB noch einen 2. Accent^^ wo der Zusats nicht fehlen 
durfte: ,,und zwar immer in der Gestalt deg Acutes^S welcher Za- 
Satz ebenfalls weiter unten p. 19« z. E. nöthig war, wo von der 
Betonung der Atona die Rede ist. — p. 19. Der Fall, wo ein ton- 
loses Wort durch Inelination den Acut erhüt, war eher bei den 
Proparoxytonis und Properisp., als bei den Oxytonis zu erwähnen. 
Als Fall der Orthotonation ,* wo slftl in der Bed. es giebt erwähnt 
ist, musste noch die ganz hierTon verschiedene Bed. von Itfrtv, es 
ist erlaubt, man kann (wovon sogar ein Beispiel aufgeführt ist), 
für S^eötiv^ für den Schüler bemerkt werden. — p. 23. Die 
Krasis oJ ccya^i ist wohl rathsamer ciya^s mit dem Accent auf der 
letzten Silbe zu schreiben, als mit dem Verf. dya^t, denn aya^i 
bildet immer den Hauptbegriff. — Ueberhaupt wäre wohl die 
Lehre von der Contraction der von der Krasis voranzustellen ge- 
wesen, weil doch wenigstens in den meisten Fällen, die Krasis 
sich nach den . Contractionsregeln richtet. — Die Lehre von der 
Verwandlung der Vocale (worunter sich besonders die Contraction 
begreift) ist im Ganzen wissenschaftlicher und strenger combina* 
torisch dargestellt als bei Buttmann (bei dem der Nachweis fehlt, 
warum grade so viele und nicht mehr Fälle der Contraction statt- 
finden können) , aber freilich auch fur-'dc^n Schüler nicht so über« 
sichtlich. Auch fehlt es nicht an unrichtigen Behauptungen. So 
wünschte man wohl § 79., wo der Verf. behauptet, vv gehein v über, 
ein Beispiel angegeben, worin dies geschieht. Rec. ist keins 
der Art bekannt. Ferner wird § 80. behauptet, aus äi werde der 
Diphthong ai. Mag dies nun auch a. B. in niis^^nalg der Fall 
sein , so darf man doch so etwas in einer Schulgrammatik nidift 
als Regel aufstellen; denn der Schüler wird sich immer nach der 
Reg^el richten. Das Gewöhnlichste ist in nnserm Falle auch im- 
mer die Zusammenziehnng in a. Ebenso wären wohl für die von 
dem Verf. als regelrecht hingestellten Zusaramenziehungen von 
aii in at;, ov in ov Belege zu wünschen gewesen. — Uebrigens 
betont der Verf. XbIvzo und ÖHHvvtai statt kikiho^ dslTCvvvai^ 
wogegen vgl. Buttm. ansf. Gr. § 98. Anm. 15. 16. § 107. Anm. 
36. — Auch die Contraction von sä in a (§ 83.) war wohl nicht 
als Regel aufzustellen, wiewohl sie sich in manchen Fällen findet 
(wie bei der Contraction einiger Adjective , z. B. Ipea, igyvQä), 
sondern das Häufigere ist auch hier »;, wie xQvvöiä^ Xpvtf^. 
Ebenso hatten die Fälle oai=co, bij=i] der Vollständigkeit wegen 
besonders namhaft gemacht wenden sollen. — §. 84., wo von der 
Zusammenziehnng in ov die Rede ist, hätte wenigstens hinznge-* 
fügt werden sollen , dass dieser Diphthong überhaupt nur im ionit 
sehen Dialekte vorkommt. — § 87. heisst es: „Die Dichter erlau- 
ben sich mitunter auch dasjenige zu z^rdehnen und aufzulösen, 
was gewöhnlich als zusammengesogen erscheint, z. B. naCs=s 
ualg*'^^ es sollte heissen: Bei den ahmten epischen Dichtern er- 
scheint manches noch als getrennt, was später nie anders als zu- 

12*' 



180 . I V Griechische Sprachec 

sammengezogen vorkommt. — Bei der Bestimmung § 8S. « 
sind die Dialekte zu sehr durcheinander geworfen, indem gesagt 
wird , statt IjCATijdaös (ioii.) werde gesagt Invtii^uo^ Tatt), statt 
aSTOs (att) atcrog (ion.), statt n* a (att.) nolri (ion.). Muss 

• der Schüler , der dies liest , dass zwischen offen bieibeir* 
den Vocalen gern um des Wohllautes willen ein t eingeschoben 
werde, nicht die Meinung erhalten, in allen diesen Beispielen ge- 
schehe dies im attischen Dialekte ? — Auch § 89. a. waren die . 
Formen ri^og, ^aei\iio% etc. als die ursprünglichen und die andern 
als die abgeleiteten darzustellen. — § 89. b. musste zii ^%A% nicht 
Schiffe sondern des Schiffes gesetzt werden, sonst denkt der Schü* 

' 1er, es ist der Nominativ. — § 92. war ßgotog und (togtog für 
ßgoTog und fiogvog zu accentuiren. — §, 96., wo es heisst:* 
3 Consonanteu können nicht ^zusammenstehen , wenn nicht der 
erstere (erste) oder der letztere (letzte) davon eine- liquida ist, 
fehlt noch der Zusatz : oder y vor einem Gaumiaute (wie tiy^G)^ 
welches der Verf. auch als Beispiel mit anführt). — Bei den Be- 
stimmungen § 98. 101. und 115. hätten wiederum die Dialekte un- 
terschieden werden sollen. — § 101. sagt der Verf. , zwei auf 
einander folgende Silben tauschten bisweilen unter sich die Aspi- 
ration ihres Anlautes aus , und führt als .Beleg dafür an zutp^r^ti^ 
welches für Tvxxijd'i . stehe. Allein nicht dafür , sondern für 
xi;(]pt>i;Ot steht es, und man sieht nisht, wie hier von Vertäu^ 

^ schung der Aspiration die Rede sein könne, da ja das <& in der En- 
dung hrjv für den Aor. I. pass. charakteristisch ist. Ueberhaupt 
Ist diese ganze Lehre von 2 aufeinander folgenden Silben , die mit 
Aspiraten anfangen, bei Buttmann weit klarer auseinander gesetzt. 
Zum Belege diene noch § 102., der etwas zweideutig ausgedrückt 
. Ist, so dass ihn der Schüler leicht missrerstehen kann. Aus dem 
Gesetze von der Verwandlung einer von 2 «in 2 aufeinander fol- 
genden Silben stehenden Aspiraten erklärt der Verf. auch die 
Krasis ^oI^utiov für t6 luariov. Allein dies passt nicht hierher, 

- sondern muss vielmehr abgeleitet werden, wornach man statt /lisr - 
HTjfxi sagt fia^lfißi (§ 94. b.). — § 113« wird behauptet, die Ver- 
dopplung der Halbvocale hinter kurzen Vocalen , wie Slkaßov^ 
geschehe des Wohllaute» wegen ; besser wohl : des Metrums 
wegen. — Woher weiss denn aber der Verf., dass fffsrog eigent- 
lich für töaog stehe, was er § 113. behaupteti — § 117. Anm. 
Zu iiikag^ xtelg^ Big konnte noch tdXag gefügt werden. — § 141. 
konnte gleich mit § 134, 3. verbunden und somit eine beiden er- 
sten Declinationen gemeinschnftliche Regel ausgesprodien wer** 
den. — ^ p. 39. § 145. wird behauptet, von ölxBQag sei das 
Neutrum dlxBQOV und der Flur. öIksqoi» Allein diese Formen 
gehöre» zu dem wirklich vorkommenden Sing, dl^sgog , and von. 
dlxsgtog hat man auch das Neutrum d^xspcDi/. — § 149. b. war 
nicht taxvtfjg , sondern taxvtijg zu accentuiren , ferner §^ 186.» 
S« 53. der Gen. von 0i^g nicht oiog sondern (^co^, § 208., S. 59. 



HartuDgs griechische fichblgrammadk. 181 

nicht aagankf]^ sondern naganliq^, Ebenso dyXa6il> für 'Aykdmif. 
Ebend. auch ^dV', ^cjnog^ nicht d^mnog, — § 214. Von Sgna^ 
ist der Comp, nicht agnayiöttQog ^ sondern agnaylöTsgog. — 
§ 221. S. 62. Anm. 2. war in der Bedeutung 10,00() nicht (ivgloi^ 
sondern pLVgioi zu betonen, § 223. Anm. nicht dol(o sondern Öoid^ 
§ 242. Anm. war nicht ifi\ sondern Sß (statt ifti) zu 8chreib<«n. — 
Das Indefinitum noötog^ welches der Verf. § 246 und 734. unter 
den CorrelatiTis aufzählt, kommt nicht vor. -^ § 265, 6. sagt der 
Verf., Ton 'TSfivGJ sei der Conj. Perf. Pass. ititfiijö'^ov. Es sollte 
beissen: iHthfiii(S9ov ron ixzifivG). — §271. Anm. steht: in den 
3 Praeaentibusi ßovXu^ oXbi, o^h (?)• — § 310. Anm. 2. sollte 
es nhxtim für nixxto beissen. — §^ 320. Warum sollte das Fnt. 
von litidiccG) (iBtdidöofiai beissen, und nicht ^nStdöm'l — p.99. 
§ 332. steht zweimal bIöiv statt bMv , ebenso p. 100. § 336. b 
und c. — § 349. Der Verf. schreibt iiberall nfiav \u s. w., wo- 
für richtiger tifidv. Und doch steht p. 250. Z. 3! ^^v. — § 361 . 
war für den Schüler bei imöTfjxm zu bemerken, dass dies von 
litiörafiai und nicht von sq>l<fti]fii herlcomme^ sonst dehnt er die 
Regel TOn der attischen Zurückziehung desAccentesin dem Conj. 
und Opt. der Verba in ^i auch auf den Conj. von l^rr^ft^t ans. — 
§ 375. Anm. 2. muss es statt xixkv^e beissen: xIxAvtc. — § 384. 
a, § 424. Anm. und § 437. ist ;|;»/[iat statt x^^^'' ^u betonen. -^ 
Mit Unrecht sind § 388, 7. xoöfiog und tok^rj als Oxytona aofge* 
zählt und als solche accentnirt. -r- § 391. ist Sag falsch accen- 
tuik>t statt 8ttg> — § 397. mnsste «die Endung akiog, sowie 
§ 898. 6v7j und o6vvij mit dem Accent bezeichnet werden , w«{l 
derselbe in diesen Endungen auf der vorletzten Silbe constant ist. 
Ebenso in den folgenden §§, z. B. 400 u. s. f. -- § 418. Von 
Idtd^nv heisst nur das Medium: sich zu eigen machen. — § 439. 
Der Verf. betont ;^a|ua^fiv, jedoch richtiger dürfte sein ^jwadcv, 
ebenso ist xeigäva^ richtiger als xBigdva^. — § 454. -Gerade 
das dyijvog^ welches ^r Verf. als Beleg anführt , dass vor Voca- 
ien das ayeiv imme|> sein v behalte , ist ein Beleg für das Gegen- 
theil , denn hier ist ja von ayav Mreiter nichts als dy stehen ge* 
blieben, welches mit din^g zusammengesetzt worden ist, vgl. 
sv^vmg^ ^rjl^^vcag. — Der Verf. nimmt noch ein sogenanntes a 
intensivum in der Zusammensetzung an, allein dies ist eine blosse 
fictio grammaticorum, und, wie auch von Valckenaer und in neue- 
rer Zeit Toif Buttmann im Lexilogus und von Passow geschehen ist, 
durchaus zu verwerfen. — p. 184. init. ist ägvog statt dgvog^ 
^votlf statt i^vot/^'und p. 185. init. dAs alte pron. posses. iog statt 
Bog betont worden. — p. 187. § 477. Die Schreibart kgidii^' 
6a6%ai für die mit dem einfachen d ist zu verwerfen ; das i kann 
auch ohnehin als in der Arsis stehend verlängert werden. — r 
§ 479. ist iix^'i nicht 01%%«^ und § 482. Anm. ngogriiSa^ ,nicht 
ngog'qvSa zu betonen. — § 485. heisst es: den Dat. Plur. (im 
cp{8Ghen Dial.) erhalt man, wenn man die Silbe 0t an die Endung 



182 Griechische Sprache. 

des Nom. Plur. anfog;!, z^B. ndvtsööi^ ^odsööi etc. Wissenschaft^ 
lieber wäre die Regel wohl so ausgedrückt: man hänge Bööi oder 
Böi an den Wortstamm^ xdvt-Bööiy dvdxT-Böi* — p. 189* 
§• 485. war im Nom. Sing, nicht dvgx^ifis * sondern dvgxksi^s zu 
accentuiren. Ferner fehlt der Nachweis, wo sich ein so betonter 
Voc: övgHXisg findet. Ueberhanpt dürften wobt manche Formen 
der Ton dem Verf. ToUständig durchgeführten Deciinationen von 
övshXbiJs dem Zweifel unterliegen, so z. B. die Form des Acc 
Sing, dvgxkitt^ mit verlängertem a, die gar nicht einmal in den 
Hexameter geht. Thiersch griech. Gramm. 2. Aufl. § 193, 39. 
p. 261. nimmt wenigstens eine Synizese der Vocaie b und a an, 
wodurch a nothwenoig lang wird. Stellte der Verf. übrigens ein- 
mal övgxkBijg als Norm für ähnliche Formen auf, so durfte auch 
Im Nom. Sing, die Form dygulBii^g^ ig, im Nom. Plur. dvguXiiBig 
nicht fehlen, weil man sowohl axActi^g, €$, als äxkijeig hat. — 
Der Nom. und Acc. Plur. öytsa und önsla findet sich nicht. — 
Auch von nohg fehlen zur Vollständigkeit die mit m anfangenden 
Formen, s. Thiersch p. 256. Der Gen. Plur. ist sroAtW, nicht 
nokifov zu betonen ; denn hat man einmal die Formationsweise auf 
lOg etc. bei den Wörtern auf ig^ so kann von einer attischen Be* 
tonung des Gen. Plnjr. nicht mehr die Rede sein. Ebenso nicht 
viKvmv^ sondern vsKtimv. — Die Form ßaötkuöi kann Rec. 
durchaus nicht episch finden ; auch geht sie nicht in den Vers. 
Bei vavg fehlt die Form viBg Im Nom. Plur. und von vlog die Form 
vU als Nom. Dual. — § 492. war nicht süb, sondern bIo zu be- 
tonen. Die Form ötpBlag als Acc. Plur. der 3. Person ist uner« 
hört. Auch die Form otso findet sich nicht. — p. 144. Die In- 
finitivform g>o(}ijfiBv kommt nicht vor , denn bei den Verbis con- 
tractis sind nur ijfisvai uiid rjvai als verlängerte Infinitivformen ge« 
bräuchlicfa. vgl. Buttm. ausf. Gramm. I. p. 504 f. Thiersch 1. 1. p. 
302. § 217. — p. 194. unten muss es yötj für '^dy heissen. Die 
Form '^Siiv für die 3. Sing. Ist nicht episch, wie der Verf. an- 
4'uhrt, sondern nur attisch. Vgl. Buttm. und Thiersch. Ebenso- 
wenig ist in der 2. Sing. '^ÖBig homerisch. — § 506. musste sro- 
kltBco statt nokitifD , ib. Anm. ovÖBog statt ovÖBog und ßgaxBog 
statt ßgax^og § 512. (ovögsg^ avai für ävigsg und (Di/a|, ebend. 
udBkfphog statt ddsXfpiog^ § 514. ÜBQöiog statt Uipösog^ § 523. 
zu Ende ydii statt ^dsi. geschrieben werden. — § 528. und 540 
musste es nlöVQBg für niövgsg heissen. — § 536. ist in der Kra- 
sis HciTTi^ nicht xcStt^ zu schreiben. Der äol. Acc. ^lav ist so, 
und nicht jiXav zu betonen. § 586. steht srodog für nodog^ 
§ 587. bIö^Ibiv statt iö^uBiv. — Undeutlich Ist die Benennung 
§ 589. : d. Gen. des Ganzen und des Stoffes. — In § 592. sind 
«ehr ungleichartige Fälle zusammengereiht, z. B. unter den Be- 
griff: Genit. des Wesens oder der Eigenschaft, z. B. toiJt ovk 
iötiv dvÖQog 6oq>ov und tov ^dvarov ^yovvzai ndvxBg xcov (uyl- 
0tiov naxtov alvoti. Letzteres ist aber reiner Genitivus parti- 



\ 



Hartnngs griechbche Schulgrammatik. 183 

im\9. — § 595. etelit aX^Bgt »tati aUdigi. — Bei der Lehre 
vDiD Dativ sind zwar die ursprünglichsten Verhältnisse dieses Ca- 
sosriditig vorangestellt worden, aber die Uebersebrift ist nicht 
passend gewählt : ,,Voni Dativ als Ablativ oder Instrumentalis/^ 
denn es passen gar nicht darunter § 595. 596. 601. — Ueher- 
haiipt scheint uns bei der Lehre vom Dativ mehreres Zusammen- 
gehörende getrennt zu sein, wie z. B. solche Falle, merolöiv 
avBdtrj: unter ihnen erhob sich (d.h. in ihrer Gegenwart, also rei- 
ner Casus der Gemeinschaft, des Zusammenseins) (§ 602.) mit 
dem Dativ des Orts (§ 595.) gewiss sehr nahe verwandt sind , so 
dass letzterer aus Fällen der ersten Art herzuleiten ist. Diese 
beiden Fälle aber hat nun der Verf. unter ganz verschiedenen Ge«- 
6ieten des Dativs aufgezählt , indem er das Erstere dem eigentli- 
chen, das Zweite dem instrumentalen Dativ zuschreibt. — ^617,5« 
Das letzte Beispiel XQoßäg 6b nmXov dii^iov kann unmöglich un- 
ter den Fall der Verba des Aussehens und Befindens gehören, son- 
dern vielmehr zu No. I. (Verba der Bewegung und Ruhe),—' §623. 
war nicht o^vvvai^ sondern ofiPvvai, zu betonen. — §625. 
ßXfiilfßrP Icann nicht heissen: ihr habt geschadet. — §6.^0. Tn 
der Tabelle der Präpositionen, die überhaupt viel zti spitzfindig 
angelegt ist, sieht man durchaus nicht ein, warum övv^ &vbv und 
dfiq)( sich auf Linien-, ngog^ cearo nnd,avtl aber auf Flächen* 
Verhältnissse beziehen sollen , da doch beide Reihen von beider- 
lei Verhältnissen gebraucht werden können, sowie auch von 
Körpern , und theilweise von Punkten. Auch begreift man nicht, 
v^ie der Begriff ringsum (xbqI) sich auf die Breite oder Quere 
einer Fläche beziehen soll. Ferner sdl der Begriff^: daran^ 
daravf {int) sich ausschliesslich auf die J^ö^e beziehen und die 
Vermittlung abgeben zwischen den Begrifien: oben und unten 0): 
Ebensowenig kann zu den Begriffen vorn und hinten die Vermitt- 
lung bilden der Begrifi^ daneben. Auch begreift man nicht, wie 
die Begriffe in und aussen gerade fiir die Kategorie der Weite 
passen sollen. — § 639, 5. heisst es, Iv bezeichne das Innerhalb 
sowohl bei Körpern als bei Flächen, und doch ist es in der Ta- 
belle einseitig unter der Rubrik der Körper aufgestellt. — 
§ 639, 9. musste e% yiara%BipLdi^ und nicht lAüttaKHiioti heissen.^ — 
§ 639, li. hätte die zulezt angeführte Bedeutung von ntxi (Theil- 
liahme, Mittheihmg) gleich nach 'der ersten (Da zwischensein) an- 
gefahrt werden sollen, wovon:sienur eine Modification bildet. — 
§ 640. wird gehandelt von der Construction der mit Präpositionen zu- 
sammengesetzten Verba. Der Verf. stellt folgende Regel auf: „Kann 
man die Präposition vor dem Objecte wiederholen, oder vom Ver- 
bnm wegnehmen und zum Objecte hinsetzen, so steht auch immer 
der nämliche Casus, den die Präposition, vor dem Nomen stehend, 
fordern wiirde, z. B. aito%ri8av agpiarog :^ jtrjdäv dtp^ agpiarog. 
Lasst sich aber die Präposition nicht vom Verbum trennen ohne 
Zerstörunf der Bedeutung, welche in deren Vereinigung besteht, 



I 
184 Griechische Sprache. 

SO richtet sich lediglich nach dieser Bedeutung auch die Con- 
atruction, z. B. dvTLnoiBlödal tivos nach etwas streben, duo- 
6tQS<pB6&al tvvos einen verabscbauen , avtiHysiv xyvL Jemandjem 
widersprechen^^ u. s. w. Diese Unterscheidung ist wilUiürlich und 
nichtig und lässt sich keineswegs durchführen. Denn um bei dea 
angeführten Beispielen stehen zu bleiben , so sieht man durchaus 
nicht ab, warum z. B. in d7Co6tQiq)S0^ai^ dvzikiyBLV durch Ablö- 
sung der Präposition vom Verbo die Bedeutung, welche in Verei- 
nigung der Präposition mit dem V(5rbo besteht, mehr zerstört wer- 
den soll, als bei daoni^däv agfiatog^ tstxog nsgißalsc&ai xi](v 
»okiv , wo ja durch Weglassung der Präposition ebenfalls der in 
der Zassmmensetznng ausgedrückte Begriff des herah {dno) und 
herum {nhffC) verloren geht. ' Besser würde man die Regel so 
ausdrucken: Bildet die Präposition den Hauptbegriff des Verbi, 
so datis dieser besonders urgirt werden soll, so wird auch das 
Verb um mit demselben Casus construirt, den die Präposition aa 
und für sich regieren würde; bildet aber der im Verbo ausge- 
drückte Begriff der Handlung den Hauptbegriff, so nimmt man bei 
der Construction des Verbi auf die Präposition keine Rücksicht. 
Besser lind schärfer ist der in § 642. angegebene Unterschied ge- 
fasst. — § 646., wo von der Trennung der Präposition uBgi voa' 
damit zusammengesetzten Nominibus die Rede ist, gehören die 
liieisten angeführten Beispiele nicht hierher, sondern vielmehr zu 
der Tmesis beim Verbo, zu § 644. — Spitzfindig und zu nichts 
führend ist die Bemerkung § 653., dass zuweilen , wie in hv d' 
aga xiöevßlcj) Ttigvri ßskiTjöea olvov^ dnq>t di ot xBq)€tX^ viq)og 
'S6teq)s dla ^sdcov u. s. w., der Casus keineswegs allein von der 
Präposition abhängig seiii soll, son'dern vom Verbum in Vereini- 
gang mit der Präposition, ganz so wiß ausser der Tmesis, denn 
dann könnte man überhaupt alle Fälle, wo eine Präposition mit dem 
von ihr regierten Casus in einem Satze mit einem Verbum zusam- 
mentrifft, auf dieselbe Weise ansehen , also Alles als Tmesis be- 
trachten , wie dann z. B.^ auch das einfache slfii övv öol = sein 
würde övvsifil öoi* — § 664. Bei den metaphorischen Bedeu- 
tungen von ix musste bemerkt werden , dass sich diese aus den 
ursprünglich . örtlichen und zeitlichen Bedeutungen herleiten las« 
sen, und dass allen der gemeinsame Begriff des Ausgehens von 
etwas zu Grunde liegt« — § 675. äid mit dem Gen. Das unter 
3. a. und b. Erwähnte ist nicht wesentlich von dem unter 1. Erwäh- 
ten verschieden und konnte mit demselben vereinigt werden. — 
§ 681. ist falsch vBßgx>g statt vBßgog accentuirt. — § 683. bjcC 
c. Gen. Die beiden unter d. angeführten Beispiele ^bvbiv i%l 

T^g iavrov und ol iki öxtjv'^g gehören zu a) vom Räume. 

§ 703. Mit Unrecht wird edkana unter die Perfecta IL ge- 
reehnet. -^ §. 704. wird fälschlich behauptet > ' dvolywftv habe 
die intransitive Bedeutung: ich gehe auf; es ist causativ wie die> 
Budere Form dvolya ; dafür musste es dvolyvv(ii,ai heissen. — 



Hartungs griechißche Schalgrammaük. 185 



I 



dsSarjxa kömmt nicht von didciöKa^ sondern von /lASl^ woher 
anch dida^xco seinen Ursprung nimmt. — § 707. Anm. gehört 
das zuerst aufgestellte Beispiel xavxa ndvra ^oir^vioi^ iiol nicht 
dem personellen , sondern dem impersonellen Gebrauche des Adj. 
verb. an. — § 7.35. Eine vox hybrida ist jB^i?klination. — § 739. 
Anm. ist nctgä 0s und nicht nagd 6s zu schreiben , sowie § 757« 
äugois statt dtcgolg» — § 775, litt, h.-über xal ist es zu spiti- 
findig, in dem dort angeführten Beispiele wirklich zu ergänzen, 
was gar nicht nöthig ist. Dasselbe gilt von den meisten sub litt. c. 
angeführten Beispielen, wo %al durch schon übersetzt werden soll, 
z. B. dk)! dgHBöBi kuI xavxa » xal avxsQg. Hier reicht man mit 
auch aus. Ferner litt, f.^ wo Beispiele angefiihrt werden , in de- 
nen Hat durch nur übersetzt ist. Im ersten Beispiele ist dies 
richtig 9 das 2. aber dxi/cS xal XiYUv ist zu übersetzen: sogar 
(oder schon) zu sagen scheue ich mich. Im letzten Beispiele ist 
such das nu% überflüssig. — § 780. Unrichtig erklärt der Verf. 
die Partikelverbindung %a\ ds durch und auch; es entspricht 
vielmehr unserm : aber auch, — §. 788. Mit Unrecht schreibt 
der Verf. die Partikelverbindung fshv di] in ein Wort ff £i^di; zu- 
sammen. — p* 298. ist mit Unrecht xgi^^vax mit dem Iota 
subscr. geschrieben. — § 793. ist falsch accentuirt ;|^o^os statt 
^l^o^og. Ebend. wird fälschlich gelehrt, dassauch bei jftot;, sobald 
sich y£ an dasselbe anschliesst, der Accent auf die erste Silbe 
rücke. — r. p. 302. § 802. muss es Blnovötjg xivog statt xivog 
heissen, § 804« d. {pogtlov statt q)6gxiov^ § 808« Hatsi, xov statt 
xdxeL To/. r- § 818. In der Stelle aus Eurip. ist-Aat^i^po statt 
kaiil^fjga xodl zu lesen. — § 828. musste es in der Auflösung 
h^issen: idv (xij naXä xd %gya ^ statt &6iv» — §, 830. steht 
b18\i statt bIS^^i § 831« ov8% ohne Accent, § 834, 2. oq statt og, — 
Gegen die Tempuslehre des Verf. lassen sich dieselben Einwen* 
düngen machen, die mit Recht Putsche in dem trefflichen Auf- 
satze in der Gymnasialzeitung 1841 No.9 und 10. p. 65 — 77. 
gegen die Zumptische Theorie der lat. Tempora erhoben hat. So 
gegen die irrige Ansicht § 837 fi*., dass man bei der Ausprägung 
der Formen für die verschiedenen Tempora die Handlung in Be*. 
Ziehung auf andere Handlungen betrachtet habe, mit denen sie 
zusammentrefie oder in gegenseitige Berührung komme. ,M. s. 
darüber Putsche 1. 1. p. 68 f. Sodann dass der Verf. die Begriffe 
Währung^ Vollendung und Bevorstehen für etwas wesentlich von 
Gegenwart^ Vergangenheil und Zukunft Nev^iMe^^ne^ betrach^ 
tet, da doch, wie Putsche gut gezeigt hat (p. ö7 f. 73 f.) erstere 
ganz dasselbe wie letztere bezeichnen und sich nur so unterschei- 
~den, dass bei jenen auf das Zeitverhältniss der Handlung zum 
Subjecte derselben , bei diesen auf das Zeitverhältniss des Sub^ 
jects der Handlung zum Redenden Rücksicht genommen wird. — 
§ 858. Redensarten wie dninxvöa u. s. w. sind nicht als Erwie^ 
derung aufzufassen, sondern so : in meinem Innern ist der Verab« 



186 Griechische Spracht. 

■cheauo^procesfl vorgegangen und dauert in seiner Wirkung noch 
fort. — § 867. Sehr unkiar werden Opt. und Conj. 'so unter- 
schieden, dass In jenem Möglichkeit oder Voratisaetzurig^ in die- 
sem Erwartung oder Vermuthung liege (wie unterscheidet der 
Verf. ^her die Begriffe?), und dies soll dann dqrch die Beispiele 
erläutert werden: XoiyLtv wir dürften gehen oder möchten wir 
gehen; imftsv lasst uns gehen oder wollen wir gehen (wo ist aber 
hier Erwartung oder Vermuthuiig?). — § 874., wo von den 
Temporibus die Rede ist, die nicht die Handlung selbst, die inp 
Verbo liegt, sondern nur den conatus derselben ausdriscken, ist 
mit Unrecht auch folgendes Beispiel des Perfecti angeführt: ro 
lihv hn iuslvoig slvai anoXciXars^ 6 8h d^fiogovtoöi vfi&g Itfcotfc, 
allein hier ist doch offenbar das Perfectum gesetzt wie das latei« 
nische Plusq« Ind.: actum erat de vobis, nisi popiilus foisset; es 
ist also hier ein reiner Bedingungssatz^ dessen Bedingung aber 
verschwiegen ist ($1 ui} 6 d^fiog ^v) und an deren Stelle der Satz 
6 dh d'^fiLog — iacsöB gesetzt ist« — § 883, b. steht anäöi statt 
&x«6i, § 887. tSW fiir takk\ sowie § 928. TftAila statt taUa, 
§ 887. Anm. nQodiö&ßsv statt XQoSvSc^ßBv ^ § 896« ort statt o^ri, 
desgl. § 908. Anm.; §907. Anm. 2. avQ^' cSi/ für dvd' av, § 915. 
Svnj'ga statt Qvttjga, § 928. Anm. ixsöd'ai statt txiö^m^ § 930. 
oq)iXi(Aog statt ciq>iki(iog^ § 938. fxi/at statt txfjfn^ § 950. Anm. 
dgiöoP statt Ögäöor. 

Von Druckfehlern (zu denen wohl auch manche schon ge- 
nannte Fehler gehören mögen) haben wir uns folgende angemerkt: 
p 20. ist wahrscheinlich durch einen Druckfehler ^srap und i^sRcr 
für '^nag u. s w. geschrieben. — p. 22. § 73. zu ßnde stellt 
avt(Q für oijtcp, § .294« p. 84. igi^gBKflfiai statt kgijgBiöiitai, 
§ 324.' Ir^Asod'fyi/ statt heXiö^rjv^ § 375. Anm. 2. 6g)gig st. q>gig^ 
§ 383. a. notog statt sroro^, p. 167. z. A« ^eganaiva ohne Accent, 
§ 400. BogeadrjQ statt BogBaSijg^ § 449. Anm. fiakdyyolog statt 
pLBkayX't § 452. ötgitlfodiKog statt örgBifodixog ^ p. 194. kiÖipav 
statt BldBvm, § 5.00. ^g statt yg, § 501. fCsg statt ^l«^; § 504. 
rouss es einmal ivdsvtBv heissen für IvtBvbBv; § 505. steht Sggay- 
ÖBiv für d^pra^ari/, § 506. nkgai für xigal, § 509. ailoov statt 

«Jir'ov, dvKpato fUr dvifpato^ § 552. ävkgog statt dvigog^ § 581. 
fehlt nach srocoroc das Komma. § 629. muss das Citat § 618, 2. 
heissen: § 617, 2. — p. 260.' steht ÖBlia für JeJta, § 722. 
noXiHoigavlrj für nolvx.^ § 754. o statt 6. — § 765. muss in 
der Stelle aus Plato nach (fvv^vovv ein Komma stehen, § 775. in 
der Stelle ans Ilias jjyijöar für ijyi}<yar'. — 782. Z. 4. muss wohl 
iur xal dg geschrieben werden xal äg, — § 804. f. steht BlaBcör^ 
fvrinBid^. § 810. 'EvQtnidrj statt Evg., § 813. f|c9 statt £|o, 
§ 897. (ß für (o . § 901. Tgoxca statt vgonq) , § 945. firj statt /iii;, 
ebenso § 947. xovg statt rov^;. 

Naumburg. Dr. F. W, Holtze, 



« • 



Schal- n« UiiiTenitatBna€hrr.y Beforderr« o« Ehrenbezeigungen. 187 

Schul - und Uniyersitätsnachrichten^ Beförderungen 

und Ehrenbezeigungen. 



Sachsen, Herzogthnm. Die 21 Gymnasien der ProTinz waren im 
Sommer 1840 yon 3320, im Sommer 1841 von 3361 und im Winter 
daranf von 3372 Schülern besucht. Das Gymnasium in Eislebi^n hatte 
in seinen 6 CJassen nach Michaelis desselben Jahres 197 Schaler und ent- 
Uess im Schuljahr 1639-~40 7 Schaler , im nächsten Schuljahr 9 Schuler 
zur Universität. Der Lehrplan war folgender: 

in I. n. III. IV. V. VI. 

Deutsche Sprache 2, 2, 2, 2, 4, 4 wöchentliche 

Lateinische Sprache 9, 9, 10, 10, 10, 8 Stunden. 

Griechische Sprache 6, 6, 6, 6, — , — 

Hebräische Sprache 2, 2, — , -— , — « — 

Franzosische Sprache 2, 2, 2, — , 

Religionslehre 2, 2, 2, 

Biblische Geschichte — , — , — , — , — , 1 
Rechnen und Mathem. 4, 4, 3, 3, 4, 4 

Naturkunde ^^2^^ 2, 2, "3^^ 

Geschichte 2, 2, 2, 2, 2, ^ 

Geographie — , 1, 1, 2, 2, 2 

' Philos. Propädeutik 1, — , — , — ^ — , — 

Schreiben — , — , —^,1, 2 

Singen TX^' — »^ — i 2 

Zeichnen ^ ^"^^ 2, 2, 2, 2' 

Zur Ausführung dieses Lehrplans waren dem Director Dr. Ellendt wo- 
cbentiich 13, dem Professor und Conrector JRicAter 17, dem Professor 
der Mathematik und Physik Dr. Kroü und den Oberlehrern Mönch und 
Dr. Genthe je 18, dem Oberlehrer Engelbrecht 20, den Lehrern Dr. 
Schmalfeld ^ Dr. Roihe und Dr. Grafenhan je 21, dem Schulamtscandi- 
daten Schuhe 2, dem Zeichenlehrer Warnhoh 10 Lehrstanden zuge^ 
theilt. Der Hulfslehrer Dr. Hense ging als ordentlicher Lehrer an das 
Gymnasium in BAlberstadt. Der Lehrcursus ist in Sexta halbjährig, 
in Quinta und Quarta jährig , in den drei obersten Classen zweijährig. 
Die Primaner und Secundaner halten mit den Schulern der drei untersten 
Classen besondere Unterrichtsstunden und am Schlüsse jedes Halbjahrs 
ist die letzte Woche für die beiden obem Classen dazu bestimmt, dass 
die Primaner zur Zeit der gewöhnlichen Lehrstunden unter Aufsicht, der 
Lehrer einen freien lateinischen Aufsatz , eine lateinische metrische Ar* 
beit über eine Materia poetica , einen deutschen Aufsatz , eine mathema- 
tische Arbeit, einen Commentar über einen früher gelesenen griechischen 
Abschnitt, ein französisphes und ein hebräisches Exeroitium, die Secun« 
daner unter gleichen Verhältnissen einen deutschen Aufsatz , eine mathe- 
matische Arbeit, ein lateinisches, griechisches und französisches Exer* 



188' Schuld und Universitätsnacbricbten, 

citium ausarbeiten. Diese Arbeiten werden zur Grundlage der Censuren 
gemacht und vor Ertheilung der Zeugnisse in der Scbulyersammlung 
beurtheilt. Das Programm vom Jahr 1840 enthält die Fprtsetzung der 
üeberaetsaing der Antigone des Sophokles im Versmaasse des Originals 
[Vers 211—521.] von dem Professor J. fF. K. Richter [26 (14) S. 4.], 
und im Pjrogranun von 1841 hat der Director Dr. frdr, EUendt die von 
ihm gehaltene Rede bei der Geburts- und Huldigungsfeier Sr, Majestät 
des Königs [22 (8) S. 4.] herausgegeben, und darin in lebendiger und 
beredter Weise die Frage beantwortet, warum das Fest der Huldigung 
jedes vaterländisch gesinnte Herz freudig bewege. — Das Gymnasium 
in Erfürt hatte im Schuljahr von Ostern 1839 — 40 152 Schuler und 
5 Abiturienten, im folgenden Schuljahr 137 Schuler. Der Oberlehrer 
Professor Dr. Dennhardt hat in dem letzten Schuljahre eine Gehalts- 
zulage von 150 Thlm. erhalten und der für den Professor .Dr. Herrmann 
vicarirende Candidat Böhme wurde an das Gymnasium in Stettin beför- 
dert. Das Programm des erstem Jahres enthalt Prolegomenon ad novam 
VeUeU Paterculi edilionem Part. J. von dem Professor Fs Kritz [1840. 
34 (18) S. gr. 4.] , das des letztern Neronis defensionis a Reinholdio 
nuper tentatae partes quaedam in censuram vocantur ^von dem Professor 
Dr. Got^r. Dennhardt [1841. 42 (27) S. gr. 4.]. Am 18. August 1841 
feiejrte^ «das Gymnasium ihit grossen Festlichkeiten das 50jährige Amts- 
Jubiläum seines Directors, des Professors Dr. Joh. Frdr, StrasjSy welcher 
im Jahr 1791 sein Lehramt als Lehrer am Cadettencorps in Berlin begann, 
1803 Director des Pädagogiums . zu Kloster Berge, 1812 Director des 
Crymnasiums in Nordhausen wurde, und 1820 als Director nach Erfurt 
zu;: Reorganisation des Gymnasiums berufen ward. Schon am Vorabend ^ 
des Festtages hatten die Schuler im Schulactussaale eine sinnige Vor- 
feier veranstaltet, indem sie den Jubilar mit einer von einem Primaner 
gedichteten, von einem andern in Musik gesetzten und von einem dritten 
durch einen Prolog eingeleiteten Festcantate begrussten. Am Morgen 
des Festtages sang das Sängerchor des Gymnasiums in ähnlicher Weise, 
wie es alljährig den Geburtstag" ihres Directors begrüsst, in dessen 
iVohnung einen Choralgesang, und gleich darauf brachte das' Lehrer- 
collegium seine Glückwünsche und überreichte eine von dem Prof. Denn- 
hardt gedichtete Festode [dem Meister und Freunde J. Fr, Strass am- 
Tage seiner 50jährigen Amtsjuhelfeier etc. 8 S. 4.] und eine lateinische 
Gratulationsschrift: Viro perül, ac s, vener abili L Fr, Strassio memoriam 
diei XVIIL vn. Aug. .... f^lidter renovanti faustum hunc atque solen- 
nem diem pie gratulantur Gymn, Etf» Praeceptores interprete Fr, Kritzio 
[11 S. gr. 4.], worin die Hauptmomente ans dem Leben des Jubilars uiid 
sein segensreiches Wirken in recht gemüthlicher und ansprechender 
Weise geschildert ist. Darauf folgten eine -Reihe Deputationen von 
den königlichen und städtischen Behörden, der Geistlichkeit und den 
Schulen, und mehrfache Festgeschenke wurden überbracht. Um 9 Uhr 
Vormittags begann der Haupt -Festactus in dem Saale des Gasthauses 
zur hohen Lilie, wo Schule, Behörden und Gäste zur gemeinsamen Feier 
vereinigt waren und der Jubilar von ihnen festlich begrüsst und bewill- 



* * 

Beförderungen ttnd EhrenbeEeigungen. 189 

^oramnet wurde. Das Gymnasialsangerchor eröffnete die Feier mit einer 
von dem Professor Dennhardt gedichteten nnd Ton dem Masikdirector 
Gebhardi componirten Festcantate, und einer der altem Lehrer Ter- 
breitete sich dann in feierlicher Rede über die' vornehmsten Lebensereig- 
nisse des Jubilars und über dessen Verdienste um das Schulwesen uber^ 
haupt und um die innere Einrichtung des Erfurter Gymnasiums insbe- 
sondere. Hierauf übergab der Consistorialrath Möller im Auftrage des 
ProvinclalschalcoUegiums zu Magdeburg das Festgeschenk 8i, Majestät 
des Königs, den rothen Adlerorden 2, Classe mit Eichenlaub, nnd die 
Gluck wunschungsschreiben des Ministeriums der geistlichen, Unterrichts- 
und- Medicinal- Angelegenheiten und des konigl. Consistoriums und Pro- 
Tincial-Schulcolteglums in Magdeburg. Die Schuler des Gymnasiums 
überbrachten durch sechs Deputirte aus den sechs Gymnasialclassen einen 
kostbaren Ehrenpokal, und der Senior des LehrercoUegiums proclamirte 
hierauf die lange Reihe der eingegangenen Glückwünschungsschreiben 
und Adressen, Ton denen hier nur die Glückwünschungsschreiben des 
Geh. Oberregierungsrathes Dr. Schulze in Berlin, des Geh. Oberregie- 
rungsrathes Dr. Delbrück in Halle, der Nordhauser Ephorie, ' des Nord« 
häuser Gymnasium s^ und der Landesschule Pforta und das Gratulations- 
diptom- der philosophischen Facuttät in Halle erwähnt werden sollen. 
Die Akademie der gemeinnützigen Wissenschaften in Erfurt beglück« ' 
wünschte den Jubilar als ihr Tieljähriges Mitglied durch ihren Vicepräsi- 
deuten den Geb. Medicinalrath Dr. Froriep aus Weimar, und die Städte 
Erfurt und Nordhausen übergaben die Diplome des Ehrenburgerrechts« 
Der Scblusscbor der Cantate beendigte den Festactus , auf welchen am 
Nachmittag noch ein glänzendes Festmahl folgte, sowie am forgenden 
Tage die Gymnasialjugend sammt ihren Lehrern und vielen Burgerfami- 
lien noch ein ländliches Fest unter den Augen des Jubelgreises feierte. 
Eine ausführlichere Beschreibung des Festes steht in der -Erfurter Zei- 
tung 1841 Nr. 104., und eine andre hat der Jubilar selbst in dem zu 
Ostern 1842 erschienenen Jahresberichte des Gymnasiums S. 30 — 34. 
mitgetfa^ilt, welcher als Abhandlung enthält: De tempore, quo oratUmes 
quae feruntur Demoaihenis pro Apoüodoro et PhomUone scriptae stnf, 
diapuiittio, Scripsit Dr. Imman, Berrmtmn, Professor. [Erfuri gedr. b. 
Uckerroann. 1842. 40 (22) S. 4.] Es ist dies der Anfang einer allgemei- 
neren Untersuchung über die Abfassnngszeit der Demosthenischen Reden, 
welche der Verf. mit folgenden Worten ankündigt: „Quum operae 
pretinm esse Tideatur, haue de temporUmSj quÜnis kabitae sint orationes^ 
quaestionem accuratius retractare, ^eriem orationum ^egimus , quae de 
causis eiusdem hominis scriptae, et propter crimen praevaricationis 
Demostheni inde ab Aeschine conflato celebrantur, et pariier rernm, 
quas tractant, publicarum ac priTatarum copia et Tarietate, atque incom- 
parabili subtills dicendi generis praestantia nullis sunt inferiores. Prae- 
terea haue habent opportunitatem , ut, quum omnes ad Titam Htesque 
nnius Tiri pertineant^ admodum longum temporis spatium compiexae, 
inTicem Incem sibi affundant aliaeqne per alias illustrentnr. Sunt autem 
hae, quas Demosthenes de causis ApoUodori composuisse fertur oratio nes, 



190 



Schal- und>UniversitatsiiachrichteB, 



_vnhQ 0o{}(jkiaivog naQay'Qcctpi} de mensae Sorte adversos Apellodoraiiiy et 
prp ApoUodoro luttd Zx^tfivov «, §i de falso testimomo , »^og Tiftod'Bov 
de debito , nqog IloXwtXia de samtibofl in trierarchia supererogatu ^ nsifl 
xov ox9fpuv9V trjg tQirjQaQxiots , XQog KakXmnov de deposito, nf^og Ni- 
HOCiifciTOV de caasa publica, %ccxa Necd^ots,^^ Rr hat zur Erreichung 
dieses Zweckes mit grosser Sorgfalt und Genauigk^t den geschichtlichen 
Zusammenhang dieser Processe aus den Angaben des Demosthenes selbst 
Eusammengestellty das Leben des Apollodoms und seines Stiefvaters 
Phormio beschrieben, den Einfluss der Zeitereignisse und die obwal- 
tenden Umstände , unter welchen die Processe geführt wurden , ausein- 
andergesetzt , daraus die Zeit jedes einzelnen Processen berechnet and 
so das Resultat gewonnen : „Oratae sunt causae ab ApoUodoro his annis : 
1) adversus Callippum Ol. CV, 1 — CVJ, 2.; 2) adversus Timotheuni 
Ol. CV, 3 — 4., quo tempore in civium invidiam renit; 3) adversus Poly- 
clem OL C V, 2 — CVII, 2. , cum symmociarum descriptio , qualis ob- tri- 
butorum coliationem aliquot ante annis instituta erat, etiam ad rem trier- 
archicam traducta est; 4) Phormionis exceptio Ol. CVII, 3.; 5) adversus 
Stephanum T. et JI. Ol. CVIII, l. ; 6) adversus Nicostratum post hunc 
annum; 7) extrema denique omnium in Neaeram post Ol. CIX, 2.'^ Die 
Sehulerzahl betrug zu Ostern 1841 156, zu denen 41 neu aufgenommen 
waren , und ausser 9 Abiturienten zu Ostern 1841 und 3 Abiturienten za 
Ostern 1842 noch 19 andre Schüler die Anstalt im Laufe des Schuljahrs 
Terlassen hatten. Lehrer des Gymnasiums waren ausser dem Director 
Dr. Frdr. Stra$8 die -Professoren Dr. J. C%pA. Besler, Dr. Joh» Gtiü 
Wüh. Mensingy Dr. Theod. Karl Schmidt y Dr. Joh. Chr. Thierbaehj 
Dr. 1mm, Herrmann, Dr. Ju8t,sFrdr. Kritzy Dr. G^r, Wüh» Dennhar^, 
Dr. Joh. Dan. Wüh. Richter, der kathol. Religionslehrer Pfarrer Dan» 
Hucke und 3 Hulfslehrer. Die seit acht Jahren bestehende Realschule 
in Erfurt war su Weihnachten 1841 in ihren vier Classen von 72 Scha- 
lem besucht, weldie von dem Director und 11 Lehrern in 138 wo-* 
chentlichen Lehr^tunden unterrichtet wurden. Das zu Ostern 1843 
erschienene Jahresprogramm enthält ausser den yon dem Director Dr« 
ünger mitgetheilten Schulnaphrichten einen Fernwh, die Unterrichte' 
ttitfen für die Naturwiggenachaften aue ihrer Geeehichte zu entwidseln, 
Ton dem Ordinarius der 3. Classe Dr. ÜTocA. — Das Domgymnasinm 
in Halberstadt hat . im Schuljahr 1840 nicht nur seinen Director Dr. 

' Maaes durch den Tod verloren [s. NJbb. 28, 339.] , sondern es sind auch 
der Oberlehrer Dr. Schone und der Mathematicus A. Quidde an das Gyra- 
aasium in Herford befordert [s. NJbb. 30, 344.] und der erste Ober- 
lehrer Dr. Joh. Andr. Chimim Alters wegen soweit in den Ruhestand ver- 
setzt worden, dass er nur noch die Besorgung der Schulbibliothek 
behalten hat. In Folge dieser Veränderung wurde zu Michaelis 1840 
der Oberlehrer Dr. Theod. Schmid zum Director ernannt und nach dem 
Oberlehrer Dr. Bielmann ruckte der Oberlehrer Dr. Schot«, welcher 
nach Sehone'B Weggang auch die Pensionsanstalt für auswärtige Schaler 
ibernommen hat, in die dritte, der Oberlehrer Jordan in die vierte, 
der Mathematicus Herrn. Schmidt in die fünftel der Collaborator Borz 



\ . 



BeforderDDgen und Bhrenbeseigangen. 191 

mann in die sechste ordentliche Lehrerstelie aaf , ' der Hfilfislehrer Oklen* 
doff ond der Schnlamtscandidat Dr. W. Henberg^ wurden zu 'CoUabora- 
toren erwählt, der Mnsikdirector GeUs des Classenordinariats entbunden 
and ihm eine Gratification von 50 Thim, bewilligt und die Schulamts» 
candid^ten Dr. K. Ckut, Heüand und Dr. Hense als Hnlfslehrer angestellt« 
Vgl. NJbb. 27, 331. Doch ist im Jahr 1842 der Mathemat. Schmidt ver- 
storben und der Dr. Heraberg als Oberlehrer nach Elbing . befördert 
worden, nachdem er. kurz yorher noch eine kleine Schrift: Andtnken 
an Herrmann Schmidt, Oberlehrer und MathematieuM am Domgymnarium 
fgU Halberitadtj herausgegeben hatte. Die Schulbibliotbek hat die aus 
5000 Banden bestehende Bibliothek des verstorbenen Directors Dr. MaoMe 
von dessen Erben und 300 Schulschriften des Domgymnasiums von dem 
Oberdomprediger Dr. Auguatin zum Geschenk erhalten. Die 7 Classen 
der Schule waren zu Ostern 1840 von 206 und im nächsten Schuljahr 
von 184 Schülern besucht, und im erstem Jahre waren 11 Abiturienten 
zur Universität entlassen worden. Das Osterprogramm von 1840 enthält, 
Beiträge zur Theorie des Kreises von dem Mathem. Herrmann Schmidt 
[30 (20) S. gr. 4. nebst einer Figuren tafelj, das des Jahres 1841 von 
dem Lehrer Bormann die Abhandlung : Quibus potissimum rebus factum 
t»it, ut Pericle mortuo Athenis omnia nutu et arbitrio demägogorum 
gubemarentur [26 (16) S. gr, 4.]. Ein andres, zur Einführung dea 
neuen Directors und zur Entlassung von Schulern auf die Universität 
am 14. October 1840 ausgegebenes Programm [16 S. gr. 4.] enthält bio- 
graphische Nachrichten über den Director Dr. SchnUd und über dessen 
aufgerückte und neuberufene Amtsgenessen. Die aus vier Classen beste- 
hende Realschule war zu Ostern 1841 von 161, zu Ostern J842 von 158 
Schulern besucht, und soll neben den vier Realclassen auch besondere 
Elementarclassen erhalten , um die Knaben zum Eintritt in die Realschule 
vorzubereiten. Das zu Ostern 1842 von dem Director Dr. K, Ch, F. 
Fischer herausgegebene Jahresprogramm enthält als Abhandlung von dem- 
selben : Die gegenseitige Einmrkung von Elektromagneten , Stahlmagne- 
ten und deren Anker, — Ueber die lateinische Hauptschule des Waisen- 
hauses in Hallet, welche zu Ostern 1840 iu ihren 10 dessen 248 Sehn. 
1er und 12 Abiturienten zählte, über das dasige kön, Pädagogium mit 
83 Schülern zu Ostern 1839 ond '87 Schülern und 9 Abitur, zu Ostern 
1840 und über die höhere Realschule de^ Wmsenhauses ist schon in uusem 
NJbb. 29, 105. 32, 463. und 36, 239. berichtet worden, und nur nach- 
träglich zu bemerken, dass der Director der Frankeschen Stiftungen und 
Professor der Theologie bei der Universität Dr. Niemeyer im November 
1842 den rothen Adlerorden 4. Ciasse erbalten hat und dass für die^ 
5 Kinder des verstorbenen Rectors Dr. Schmidt ein jährliches Erzxehungs» . 
geld, für die Knaben bis zum 17. und för die Mädchen hu zum 15. Jahre, 
aus Staatsfonds ausgesetzt und dem Lehrer Dr. Daniel am Pädagogium 
ebendaher eine Unterstützung von 120 Thlm. zur Fortsetzung sräeit 
Thesaurus hfmnologicus bewilligt worden ist. Am Pädagogium wurde 
zu Ostern 1840 zur Beseitigung des anderthalbjährigen Lehrcursus in 
Quarta und Quinta eine sechste Gymnasialclasse errichtet und der Cur- 



192 SchttU and Universitätsnachrichten, 

8U8 in diesen drei ClaMgen auf je 1 Jahr festgesetst. Der damals «rscbie 
nene fünfte Bericht über diese Lehranstalt von dem Director Prof. Dr« 
Herrn. Agath* Niemeyer enthält von demselben Gelehrten MiUheilungen 
über Woffgang Ratichius [36(28)8. 4.], welche sammt der seitdem 
erschienenen Fortsetzung [s. NJbb. 36, 239.] einen Vorläufer za einer 
Biographie und Charakteristik dieses bekannten Schalreformators und 
Methodikers des 17. Jahrh. bilden. Das erste Heft bringt nach einer 
Einleitung über die dazu benutzten Quellen und HiUfsmittel den Abdruck 
einer bisher angedruckten und auf der Gothaer Bibliothek befindlichen 
Relation yon der Lehrart Herrn Wolfgangi Ratichii , welche ein gewisser 
Meyfarth 1634 für den schwedischen Canzler Oxenstierna gemacht hat, 
und die Hr. N. noch dadurch erläutert, dass er aus zwei im J. 1613 
gedruckten Berichten Ton Jenaischeu und Giessenschen Universitätspro- 
fessoren dasjenige aasgehoben, was dieselben an dem damaligen lateini- 
schen Schulwesen zu tadeln finden — welche Klagen in mehreren Punkten 
sehr auffallend an die Beschwerden Lorinsers erinnern — und dann aus 
einem von Ratich selbst an Meyfarth übergebenen handschriftlichen 
Tractat: Die allgemeine Verfassung der Christi, Schule, welche in der 
wahren Glaubens Natur und Sprachen Harmony^ auss Heiliger GottUcher 
Schrat, ^ der Natur und Sprachen y anzustellen, «uhestetigen und ssucr- 
htüten, zu der Lehr Art Ratichj, und aus Ratichs Schrift: Die Lehrari- 
lehr der christU Schule, den Hauptinhalt nachgewiesen und ein zweites 
Gutachten Meyfarlhs hinzugefügt hat. Für die richtige Erkenntniss der 
Ratichischen Lehrmethode sind di^ese Mittheilungen von grosser Wichtig- 
keit und man sieht daraus , dass dieselbe für ihre Zeit recht viel Gutes, 
aber mit mancherlei Unklarheiten und Mängeln vermischt enthält, trotz- 
dem dass diese Mängel unter einer grossen Geheimnisskrämerei und Vor- 
nehmthuerei versteckt sind. — Das kathol. Gymnasium in H£ILIG£^- 
STADT, welches seit 1841 von 5 auf 6 Classen erweitert worden ist, war 
za Ostern 1840 von 97, 1841 von 94 und 1842 von 87 Schulern besucht, 
welche nach der im Jahr 1840 erfolgten Pensionirang des' Prof. Turin 
von dem Director Mart, Rinke [Ordinarias in IL], den seit 1841 zu 
Oberlehrern ernannten Lehrern Prof. Barchard [Ord. in IIL] , Dr. Gass- 
mann [Ord. in IV.], TheU [Ord. in V.] und Kramarczik [Ord. in L], 
den Lehrern Seydewitz [Mathematicus] und Fütterer [Ord. in VI. Vgl* 
NJbb. 24, 341.], dem seit 1840 angestellten Hnlfslebrer Waldmann, dem 
evangel. Religionslehrer Adam, dem Gesanglehrer Ludwig, dem Zeichen- 
lehrer Mobes und dem 'Scbreiblehrer Arend unterrichtet wurden. Die 
Oberlehrer Thele und Kramarczik ' hßihen im Schuljahr 1841 — 42 eine 
Gratification von je 50 Thlrn. und der Zeichenlehrer Mobes eine Unter- 
statzong von 20 Thlrn.' erhalten und für die Bibliothek sind 350 Thlr. 
ausserordentlich bewilligt worden. .Das za Ostern 1840 erschienene 
Jahresprogramm enthält eine sehr panegyristische Dissertatio de gravi 
bistoriae naturalis momento ad universam insütutionis scholastieae. ratiO" 
nem neo non de vta, qua tradenda ceterisque diseiplinis iungenda aity 
scripsit ff, Thele* [19 S. und 16 S. Jahresbericht, gr. 4.] ; das Programm 
des Jahres 1841 De C. Caecilio FUnio minore dialogi de oratoribus auciore 



B-efÖrderutigeii und Ehrcnbeaseigungent ' 10<1 

fikwrMo Tom Oberlehrer Jo9. Imrn* Kramaresdk [42 (22> S. 4«] \ das 
Programm au Ostern 1842 eine Theorie der perio^Üach homologen Bunlste^ 
Geraden und Ebenen j in Bezug attf das System dreier KegelschnkU^ 
welche einen vierten doppelt berühren , und mtf das von vier Flachen der 
Kweiten Ordnung oder Classe, welche eine fünfte umhüllen ^ vom Mathe- 
maticns Franz Seydewitz, [62 (42) S. gr. 4.] Die Abhandlung Ton Thele 
giebt nur eine ezcentrische Lobrede der Natnrwiasenscbaften , ohne 
die Schwierigkeiten ihrer höhern Behandlung in den Gymnasien in Be- 
tracht zu ziehen. Wichtig aber und sehr beachtenswerth ist die Unter- 
suchung von Kramarczik, wenn auch durch sie die schwierige Frage 
noch lange nicht zur Entscheidung gebracht ist. Dass der Dialogus de 
oratoribus ein Werk des Tacitus sei, hat man seit dem Erscheinen von 
A. Lange's Programm, welches in Dronke^s Ausgabe abgedruckt ist, 
ziemlich allgemein angenommen , weil man auf das einstimmige Zeugnis« 
der Handschriften und den aus Plin. Epist. IX, 10.* entnommenen Beweis 
ein grosses Gewicht legte, die ganze Denk- und Anschauungsweise in 
dieser Schrift für tacitinisch anerkennen zu müssen glaubte und über- 
haupt in* dem Dialog ein Zeugniss für den hohen Ruf der Beredtsamkeit, 
des Tacitus finden wollte. Zwar wagten Klossmann in Prolegom, in 
dialog, de oratoribus [Breslau 1819.] und Ricklefs in der Uebersetzung 
des Tacitus Th. 4. S. 199 L zu widersprechen; aber KcÜMtetn wusste 
dui^ch iseine Prolegomena in Taciti qui vulgo fertur dialogum de oratt» 
[Halle 1835.] Lange's Gründe so zu verstärken, dass Westermann . ihm 
beiti:at und Bonneil in der Abhandlung De mutata suh primis Caesar^us 
eloquentiae Born, condicione [Berlin 1836.] p. 5. dessen Grunde sogar für 
zwingend anerkannte. Auf die Verschiedenheit des Stils hatte man bis 
dahin wenig geachtet, und erst Eckstein hat die Bemerkung eingewebt, 
dass die Darstellungsweise im Dialogus, namentlich die Zierlichkeit und 
der Schmuck der Rede , gar nicht der Darstellungsform des Tacitus ent- 
spreche. Doch selbst aus sprachlichen Gründen wollte Hcffmann- Peerl- 
kamp in der Bibliotheca crit. nova V, 1. p. 109 — 137. den Dialogus dem 
Tacitus vindiciren und nur Eichstädt sprach bei der Revision der für 
Tacitus vorgebrachten Gründe das Resultat aus: „Quisnam ex iUa aetate 
conscripserit dialogum vis poterit ad liquidum perduci. De Quintiliano 
ne qua in posterum suspicio renascatur, cavit subtilitas Spaldingii; 
Tacitus nunquam videtur scriptionem totamque disputandi rationem pro 
ana agniturus fuisse; Plinio inniori qui libellum tribuunt, perpauca pro- 
tnlerunt nee satis idpnea sententiae suae argumenta.'^ Gegen Tacitus 
sprach auch Chctmann in Orelli's Ausgabe mit einigen treffenden Argu- 
menten, aber so wenig ausreichend, dass schon OrelU tvieder einige 
Grunde- für Tadtus geltend machte. ' Dagegen zeigte Jacob in einem 
Lübecker Programm , dass die in dem Dialogus herrschende vollendete 
periodische Sprache im nitidum dicendi genus mit der aufgelösten Periode 
des Tacitus, die mit diesem Stil übereinstimmende historische und litera- 
rische Gesinnung mit des Tacitus Weltanschauung und die eitle Selbst- 
bespieglung des Verf. mit dem Charakter jenes in scharfem Widersprudi 

- stehe* Für Plinius als Verfasser des Dialogs hat neuerdings besonders 
Pf. Jahrb. f. Vhil, u. Paed. od. KrÜ. Bibl. Bd. XXXVIII. Hft. % 13 






194 Schul- und Univ^erflitatsnaohfichten, . 

A. JFiaich in unserm ArchW f. PhUol. u. P8d. V. p. 259---292. gekämpft 
und ihm schGesst sich Kramarezik mit seinen Erörterangen an«, I>ie Ton 
ihm gegen Tacitus rorgebrachten Grande sind nicht Ton erheblicher 
Bedeutung; nur das ist treffend dargethan, dass aas Plin. Epist. IX, 10« 
kein Beweis für Tacitos entnommen werden kann , weil die Worte : quae 
tu inter nemora et lucos commodiswne perfid putas^ die im Dial. c* 9. aU 
ein Dichterausspruch wiederkehren ,' sich gar nicht auf eine Schrift des 
Tacitus zu beziehen brauchen , sondern yieileicht nur aaf einen zwischen 
ihm und Plinius stattgehabten Scherz hindeuten, nnd weil dte ^aprorum 
penuria wohl auf eine mundliche Aensserung des Tacitus anspielen mag, 
aber im Dialog weder davon noch von der Meinung, Minervam et Dia- 
nam pariter colendas esse , irgendwo die Rede ist. Die für Plinins als 
Verfasser des Dialogs vorgebrachten Grunde hat im Wesentlichen auch 
schon Wittich geltend gemacht, aber sie scheitern an der bekannten 
Stelle des Dialogs, in welcher der Verfasser desselben versichert, er 
habe admodum iuvcnis dem Gespräche beigewohnt. Da nämlich Hr. Kr« 
das Gesprach im 6. Regierangsjahre des Yespadan wirklich gehalten sein 
lässt , und das Niederschreiben des Dialogs in die letzten Regierung^aiire 
des Domitian, die Herausgäbe nach dem Tode desselben setzt; so wärde 
Plinius damals, als die Unterredung gehalten wurde, erst 13 Jahr ak 
gewesen sein, nnd^müsste also noch puer oder eAmodum adoleseensj ntcht 
aber admodum iuvenis heissen. Denn wenn aueh der Verf. geltend 
macht , dass die Worte admodum iuvenis ein sehr relativer Begriff sind, 
und dies sogar sprachlich erhärtet; so konnte doch ein Idjähriger Kpabe 
unter keinem Verhältniss von einem Romer iuveim genannt werden. 
Durch diesen Einwand aber, der ganz entschieden gegen Plinius spricht, 
werden auch die übrigen Grande, die für ihn aufgeführt sind, bedeu- 
tungslos, and dies um so mehr, da der Verf. den sprachlichen Theal 
der Untersuchung viel zu flachtig abgemacht hat. Allerdings zahk 
er, am die Aehnlichkeit der Sprache des Dialogs mit der des PKnkis so 
beweisen, eine Anzahl Phrasen und Constructionen auf, aber es sind 
^ dies lauter solche, die dem silbernen Zeitalter überhaupt angehören und 
deshalb für jeden andern Schriftsteller jener Zeit eben so gut gebraucht 
werden konnten. Somit ist denn also das positive Ergebniss der npoen 
Untersuchung ein durchaus bedenkliches; negativ aber bringt sie den 
Gewinn, dass auch die Meinung, welche den Tacitus zum Verfasser 
macht, grade in dem Vermerntlichen Hanptargament wieder wankend 
gemacht ist, nnd die Abhandlung bleibt immerhin eine «ehr dankens- 
werthe, theils weil sie den schwierigen Gegenstand überhaupt wieder 
zur Sprache gebracht, theils weil der Verfasser mit sehr viel Ruhe und 
namentlich mit aasgezeichneter Bescheidenheit seine Grande vorgetragen 
hat. — In Magd^bbuHg hat der kon. Regierungs- und Schulrath Dr. 
Schaub zu Anfange vor. Jahres den rothen Adlerorden 4. Classe nnd 

' späterhin der Regierungs - nnd Schalrath Hahn den Hannoverschen Gnel- 
phenorden 3. Classe erhaUen. Das Domgynmasiam war im Scbnljahir 
1839 — 40 in seinen 7 Classen von 353 Schalem besacht, welche neben 

' dem Director und Consistorudrath Dr. Karl Punk von 12 Lehrern [siehe 



H^forderangen und Blirenbeseigiing«n« 



lOS 



Wbh. 36, 361.] uBtenrichtet worden. I>er mÜ 18M paadonirte Lehrer 
Bhun war am 2. Mai X8S9 gestorben, und im 8chalJaLr 18^-42 ging 
der Lehrei* Dr. fi. Horrmännj der im ialir 1839 bei Gelegenheit der snr 
beiondem Ciasse erhobenen Unterqointa am Gymnaehim angestellt worden 
war, an das Gymnasium in Minden and hatte den Schnlamtscandidaten 
Dr. Karl Rud. Merkel auf icnnse Zeit xom Nachfolger [s. Podog-o^m], 
Das Programm vom Jahr 1840 enthalt nater den^ Titel Commentaiio de 
parHeulie aut^ vel, »tve, emuer^^ a C Ditfurto [37 (22) S. gr. 4.] 
eine sehr allseitige Erörterong des Gebraachs dieser PartikeUi nach 
Reisiges Theorie, and bietet namentlich eine reiche und gntgewahlte 
Beispielsammlang. Das Padagogimn des Klosters Unsrer lieben Frauen 
hatte im Schuljabr 1839—40 208 8chJUer nnd 8 Jlbiturieuten , im Schu^ 
Jahr 1840--41 211 Schuler, im Schaljahr von Ostern 1842 bU dahin 1843 
219 Schüler nnd 8 Abiturienten. Im Jahr 1839 war der Zeichenunter- 
richt, der seit 1838 nur von einem Privatlehrer ertheilt wurde , wieder 
unter die öffentlichen Lehrgegenstande für die 3 untersten Ciassen auf- 
genommen und die Zertheilang. der Quinta in 2 Ciassen wieder aufgehoben 
worden, am nicht die Bildongsseit der Schaler ohne Noth zu yerlangem. 
Von den Lehrern wurde 1840 der fünfte ordentliche Lehrer Dr« Jokm 
fifetnr« Sehultze als Pfarrer nach Altenweddingen befördert, zu Ostern 
1842 ging der 3. ordentliche Lehrer Dr. Leop. Hehur, Krahner an das 
Pädagogium in Halle [s. NJbb. 36, 239.] und der in Schaltse's Stelle 
aufgerockte Lehrer Ernst Jlbr» Jui. Meüin [seit 1839 am Gymnasium 
angestellt] als Pfarrer nach fiükendorf , und der Candidat Dr. Kirchner^ 
weldier sein Probejahr hier bestanden hatte , erhielt eiife Lehrerstelle an 
der hohern Burgersdiule in A8CH£JiSL£B£ii ; zu Michaelis 1842 aber trat 
der Rector und Conventual Dr. Karl Frdtß SolMg von seinen Amtsge- 
schaften zurück, legte (nach 37jähr. Dienstzeit) so Ostern 1843 sein 
Amt ganz nieder und wurde mit einer Pension von 1000 Thlrn. in den 
ftnheetand versetzt. Vgl* NJbb. 26, 361» In Folge dieser Veränderungen 
wurde an Solbrig's Stelle der Rector des Gymnasiums in Tosgau Prof. 
O» Xr. Miller mit dem Prädicate eines zweiten Directors berufen , und 
nach den Professoren und Conventuaien Toiel, £fennig-e und Immermann 
und den ordentlichen Lehrern Prof. Schwalbe und Dr. Parreidt ist der 
Dr. Haeee in die dritte, der seit 1841 als Hni£dehrer angestellte Dr. 
Heinr» Teet^mann in düe vierte Lehrerstelle aufgerückt und als fünfter 
ordentl. Lehrer der Dr. K, R, Merkel vxim Domgymnasiuin angestellt 
worden» Die Hulfiilehrersteile war dem Lehrer Gtistt lÄebau vom Päda- 
goginm in Hallb ubertn^en, wurde aber, fveii dieser inzwischen an 
das GynMiasiam in SusBBfELD gegangen war, von Ostern bis Michaelis 
184t von dem Schulamtacaadidatea Lenhoff und von da an , nach dessen 
Befördemng an das Gymnasium in Nsc-Rupfin, von dem bisherigen 
Privatdocenten an der Universität in Hallb Dr. Thide provisorisch, ver- 
waltet. Das zn Qstem 1840 erschien.ene 4. Heft der neuen Fortsetzung 
des Jahrbuchs de» Pädagognima von dem Probet, kön« Consistorial und 
SoWrath and Dhrector der Anstalt Dr. Zerrfinncr enthält eine Frobe der 
Baar^miMng emar newfn Jmgdbe von MaUhiae heiffaden für emen heurir 

13* 



106 8chnl- nnd UniTersitatsnachrichten. 

t * 

sHsehen Sefnäufiierrieht in der Elementar 'Mathematik von dem Proreeior 
Professor ttennige [59 (52) 8. gr. 4.], welche seitdem durch die Erschei- 
nung des Buchs selbst entbehrlich geworden ist; das_5. Heft desselben 
Jahrbuchs bringt S. 1^-10.: Orßtio de Regia nostri a»g. natali ipHt 
idibu8 Octohr. 1840* , 9110 die ^puli Brandenhurgid ^r legatos Beroll- 
num miasoa in verba novi 'regia iarabanty habita a Car* Frid. Solbrigy 
worin de novi regis laudibus verhandelt ist, 8. 10 — 15. Stemma Zoüer- 
nanae gentis und^. 17 — 25. Schulnachrichten [1841. gr. 4.]; im 7. 'Heft 
von Ostern 1843 aber steht: Euripidisy tragici poetae, phUoaophia quae 
et qualia fuerit, Seripsit C Hasse, Dr. ph, [50 (44) 8. gr. 4.], und der 
Verf. hat darin die philosophische Richtung des Euripides , das Wesen 
nnd die Tendenz seiner philosophischen Ansichten qnd deren Zusammen- 
hang mit der Philosophie des Anaxagoras allseitig besprochen und gelehrt 
begründet , sowie' in der Einleitung die philosophische Richtung der Zeit 
nnd die dafür vorhandene Neigdng nnd Empfänglichkeit der Athener gut 
nachgewiesen. — Das Domgymnasium in Mersbbürq war im Schul- 
jahr von Ostern 1889 bis dahin 1840 von 118 nnd 1840—41 von 124 
Schülern besucht, welche von dem Reetor Prof. Karl Ferd» fFieck, dem 
Conrector Prof. Hieeke, dem Subrector Dr. Steinmetz^ dem Mathematicas 
Tenner y dem Coilaborator Dr. Sehmekely dem Quartus Tkielemann, dem 
seit 1839 angestellten Coilaborator Freier, dem Domdiaconus Langer 
und 4 Hülfislehrern unterrichtet wurden. Das Programm von Ostern 1841 
enthält Einige Bemerkungen Hber die Gleichung ax^ 4^ 1 r== y^ von G. 
W, Tenner [22 (13) 8. gr. 4.], und das von Ostern 1840 eine recht sorg- 
faltig und fleissig gearbeitete, zunächst für das Bednrfhiss der Schüler 
bestimmte Commentaiio de aliqaot locis Odgsseae et Aeneidos ad Orci Mo- 
niumque descriptionem pertineniibus von dem Subrector »Dr. Karl Jug» 
Steinmetz [41 (30) S. 4.], worin die wichtigsten Stellen der Odyssee 
nnd Ilias , welche über Lage und Beschaffenheit des Hades und den Za* 
stand der abgeschiedenen Seelen Auskunft geben, mit Zuziehung der 
hierher gehörigen Bemerkungen von Halbkart, Spohn, Volcker, B. Tbiersch, 
Crusius und den Scholiasten erläutert und zu einer Gesammtdarstellung 
vereinigt sind , und dann eine Darstellung des Wesentlichsten , was Virgil 
über Orcns und Manen berichtet hat, mit Andeutungen über die Aehn- 
4icbkeiten und Abweichungen von den Homerischen Vorstellungen ange- 
reiht ist. Da der Verf. nur zum Zweck hatte, die Gesammtvorstellnng 
von der Unterwelt bei Homer und Virgil zu ermitteln, so ist er nicht 
auf kritische Prüfung und Sichtung des Materials eingegangen , and hat 
namentlich bei Homer die abweichenden Nachrichten roebrerer Stellen 
weder genau unterschieden , noch ihren Zusammenhang mit dem Ganzea 
gehörig aufgeklärt, — Das Gymnasium in Muhlhaüsen , im Jahr 1542 ' 
als lateinische Schale eröffnet und 1626 mit dem Titel Gymnasium belegt, 
war 'bis in die neuste Zeit herab eine gemischte Anstalt für den bürger- 
lichen und gelehrten Unterricht , wurde aber bereits um das Jahr 1830 
soweit In zwei Lehranstalten getrennt, dass die vier untersten Classen 
als eigentliche Burgerichale eingerichtet and die vier obersten xa i^einea 
Gymnasiaiciassen bestimmt nnd darch Hinzufugong einer fünften, mit 



Beförderutig&n und Ehren besBeigiiDgen. 197 

dem Namen jUnterquarta belegten Classe erwdtert worden« Im Jahr 

1840 aber ist die Bürgerschule gänzlich ybm Gyianasinm losgetrennt , fSr 

sie der Lehrer Otto aus Erfart' als Rector berufen, und ihre EröfiEhung 

als Knabenburgerschnle von ebenfalls 5 Classen am 28. Juli 1840 festlich • 

gefeiert ^worden. Für beide Anstalten ist seit dem Jahre 1838 ein neues 

schönes Schulhaus erbaut und am 15. Oct. 1841 feierlich eingeweiht und 

bWoge'n worden , in welchem nun beide Schulen so rereinigt sind , dasa 

jede ihre besondern Räume und ihren eignen Eingang hat. Ueber die 

Eröfiiiungsfeierlichkeiten ist eine besondere Schrift:. Einweihung des 

neuen Schulhauses für das Gymnasium und die Knaben- Bürgerschule etc. 

von dem Rector Herrmann an der Mädchen -Bürgerschule [Muhlhansen 

bei Rohling. 1841.] erschienen, und darin auch die Geschichte des Baues 

und der Entwurf der neuen Einrichtung der Knaben -Bürgerschule mit* 

getheilt. Somit hat nun Muhlbausen 12 öffentliche Schulen mit 41 Leb-* 

rern, nämlich ein Gymnasium von 5 Classen, mit weichem zugleich ein 

Neben - Seminar • für Elementarschuliehrer verbunden ist , eine Knaben- 

Bnrgerschnle von 5 Classen mit eignem Rector und 6 Lehrern , eine 

Mädchen - Bürgerschule von 5 Classen mit eignem Rector , 4 Hauptleh* 

rern, einem Zeichenlehrer und einer Lehrerin für weibliche Arbeiten, 

eine Volks- und Armenschule von 2 Knaben- und 2 Mädchenclassen mit 

eignem Rector, 4 Lehrern und einer Lehrerin far weibliche Arbeiten, 

4 städtisch« Parochialschulen, meist Elementarschulen, jede von dem 
Küster der Parochie besorgt, und 4 vorstädtische Volksschulen mit 

5 Lehrern. Dazu kommen noch als Privatstiftungen eine Klein- Kinder- 
Bewahranstalt , eine Anstalt für verwahrloste Mädchen , eine Sonntags -. 
Gewerbschule und eine Anstalt für arme Taubstamme. Das Gymnasium 
war in seinen 5 Classen zu Ostern 1840 von 141 , zu Ostern 1841 von 
129 und zu Ostern 1842 von 122 Schülern besucht und entliess im erstem 
Schulj. 2 , im letztern 3 Abiturr. zur Universität. Von diesen Schülern 
gehorten aus den 3 obersten Classen im ersten Schuljahr 6 , im zweiten 
14 dem Neben - Seminar an , welche in den Classen an dem sämmtlichen - 
wissenschaftlichen und an dem sprachlichen Unterrichte im Deutschen 
und Franzosischen Theil nahmen , aber von dem lateinischen und griechi- 
schen Unterrichte dispensirt waren und dafür .besondern Seminar -Unter- 
richt in Bibelkunde, allgemeiner Methodik, Katechetik, praktischem 
Rechnen und Formenlehre, Generalbass, Orgelspiel und Singen erhielten. 
Lehrer des Gymnasiums sind der Director Chr, Wüh. Haun, der Pro- 
rector Idmpeft^ der Conrector Dr. Schlickeisen, der Subrector Dr. Mühin 
öerg-, ^dic Subconrectoren Hartrodt und Dr. Ameis, der CoUaborator 
Becke, der Superintendent Dr. Schollmeyer [besorgt seit 1841 den Reli- 
gionsunterricht in Prima und Secunda], der Diaconus Karmrodi [als Reli- 
gionslehrer in den übrigen Gymnasialclassen] , der franzos. Sprachlehrer 
Neubauer [seit kurzem als solcher fest angestellt], der Schreib- und 
Zeichenlehrer Dettmanny der Musikdirector Thierfelder und dmr Pastor 
Barlosius [als Hauptlehrer am Neben - Seminar]. In dem Jahresbericht 
über das Gymnasium von 1841 [24 S. 4*] hat der Director Dr. Haun neben 
den herkömmlichen Mittheijangen über die Schule zugleich über die' 



198 Schal- ond UQiTersitStBnachrichteay 

«ifolgte Trennung des Gymnasiums and der Knaben - Bürgerschale and 
aber die Feier des Traaergedächtnisses an den entschlafenen and des 
Haldigangsfestes for den nenen König berichtet and die zur Gedächtniss- 
feier gehaltene deutsche Rede S. 21 — 24. abdracken lassen; in dem 
Jahresbericht von 1842 aber [28 S. 4«] aber die Einweihung des neuen 
SchttJgebandes Mehreres mitgetheilt and eine lithograpbirte Ansicht des- 
selben sammt dessen Grundrisse beigelegt* Zu dem ' erstem Jahres- 
berichte gehört noch eine Abbandlang vier Sehülgeaetsgehung von dem 
Birector Dr. Chr. W. Haun [Muhlhausen 1841. 26 S. 4.]y wozu im 
zweiten Jahresbericht ein Nuchirag [12 S. 4.} geliefert ist. ' Der Verf. 
entwickelt darin in sehr durchdachter and überzeugender Weise Vom 
idealen Gesichtspunkte der Schalerziehung aus , vielleicht aber mit etwas ^ 
zu wenig Berücksichtigung der praktischen TVirklichkeit, dass die Schule 
als Erziehungsanstalt keine Gesetze für Schüler -haben darf, sondern 
ausser der allgemeinen Schulordnung und allgemeinen Nachrichten für 
die Eltern nur einige sittliche Gebote für die Schüler braucht, über 
deren Wesen, Inhalt und Anwendung die nothigen Auseinandersetzungen 
namentlich in dem Nachtrage mitgetheilt sind. -^ Das.Domgymnasiam 
in Nadmburo zählte im Schuljahr 1839—40 in seinen 5 Classen 117 
Schüler und 10 Abiturienten , im Schuljahr. 1840-— 41 112 Schüler ifnd 
2 Abiturienten, im Schuljahr 1841— -42 llB Schüler und 10 Abiturienten, . 
im Schuljahr 1842—43 119 Schüler und 4 Abiturienten. Im Lehrplan 
sind seit Michaelis .1842 zum Besten derjenigen Schüler, welche nicht 
Studiren wollen, parallel mit Quarta, Tertia und Secunda zwei Real- 
classen eingerichtet worden , in welchen diese vom griechischen Untere 
rieht dispensirten Zöglinge noch weitern Unterricht in deV deutschen and 
französischen Sprache, im praktischen Rechnen und in der. Physik, in 
der obern Classe anch Unterricht im Englischen erhalten, sowie in 
gleicher Jlücksicht auf dieselben der französische Unterricht seitdem 
überhaupt schon in Quinta begonnen wird« Das jährliche Schulgeld der 
Schüler ist seit dem 1. April 1839 für die Primaner auf 14 Thlr., für 
die Secundaner auf 12 Thlr., für die Tertianer auf 11 Thlr. und für die 
Quartaner und Qiüntaner ^a£ 10 Thlr. festgesetzt. Das LehrercoUegiam 
ist in den obern Lehrerstellen anverändert geblieben [s. NJbb. 25, 458.], 
hat sich aber in den untern Lehrern mehrfach verändert^ indem zu Ostern 
1840 der seit 1836 an dem Domgymnasiam thätige Schulamtscandidat 
Dr. Fr. Ludw. Brekenhach als Lehrer und Alumneninspector an das Gym- 
nasium in ScBLBüsiNGSN ging und dafür die Schulamtscandd. C. Rauch" 
fuee^ Aug» Wiegand und Wühi Hoüze eintraten, zu Ostern 1841 der 
Candidat Wiegand Lehrer an der hohem Bürgerschule 'in Halberstadt 
würde, der Zeichen- und Schreiblehrer C Hetzer und der Candidat 
C. RttwsJtfusa die Schule verliessen und am 9. Juli desselben Jahres der 
franzosische Sprachlehrer Ad. Geiler in. einem Alter von 68 Jahren stai^b 
und an dessen Stelle der Sdiulamtscandi^at C. F. Benieken trat, und der 
i&anzosische Sprachlehrer Cawn einige franzos« Sprechstunden in den 
obern Classen übernahm, dagegen im April 1842 der Candidat Benieken 
ala Lehrer an die höhere Bürgerschule in EULBERßXAPT befordert 



Beforderuogep and Klirei^bexoi^uugen. 199 

wurde. Qegenwäriig unterrichten an .der ^Schule der Director Dr. 
Fortsch [seit Anfang 1840 durch das Pradicat eines kön. Directors aus- 
gezeichnet] , die Conrectoren I)r. Müller [seit April 1842 zum kön. Pro- 
fessor ernannt] und M. Schmidt, der Subfector Dr^ lÄehtüdty der Mathe- 
maticus Hülsen , der Ordinarius für V. Dr. ConstanU Matthia [seit dem 
Sommer 1840 definitiv als Lehrer angestellt] , der Domprediger Heizer, 
der MusikdirectorCZauctius, die Hulfslehrer Dr. Holize [seit Ostern 1842 
üls solcher angestellt] und Dr. Frdr, GusU Schulze [seit Mai 1842 als 
Lehrer des Französischen angestellt] , der franz. Sprachlehrer Cavin und 
die seit Ostern 1842 angestellten Schreiblehrer Heinr, WÜh, Künstler 
und Zeichenlehrer Frdr, Aug. Weidenhach, In dem Osterprogramm 1840 
steht eine sehr gediegene Abhandlung De Valerio Antiate annaUum scri- 
ptore von dem Subrector Dr. Liebaldt [Naumburg gedr. b. Klaffenbach. 
99 (32) S. gr. 4.] , oder eine kritische Untersuchung über das Leben und 
die Schriften dieses . römischen Annalisten , wodurch die gegen ihn erho- 
benen Verdächtigungen grossentheils beseitigt und überhaupt folgende 
^gebsisse gewonnen sind. Von Valerius Antias ist weder der Vor- 
name, noch dessen Geburts- und Todesjahr bekannt , und fest steht 
blos , dass er des Marius und Sulla Zeitgenosse gewesen ist und im Jahr 
^63 n. R. E. noch gelebt hat. Dass derselbe 676 Prätor gewesen sein 
soU, scheint ans einer Verwechslung mit dem Prätor Q. Valerius Soranus 
im J. 670 ersonnen zu sein, 'und wahrscheinlich hat der Annalist nie ein 
öffentliches Amt bekleidet. Antias heisst er nicht, .weil er aus Antium 
gebürtig war, sondern weil er zu der schon seit 541 'in Rom befindlichen 
Familie der Valerii Antiates [s. Liv. XXIIT, 34.] gehörte. Priscian. V, 4. 
spricht es deutlich aus, dass Anitas nicht Nomen gentile ist, und ein 
zweiter (von dem Verf. übersehener) Beweis liegt in der bei Livius 
häufigen Wortstellung Antias Valerius, weil es römische Sprechweise ist, 
da, wo bei Eigennamen das Praenomen wegbleibt, den Familiennamen 
vor 4en Geschlechtsnamen zu stellen und den erstem gewissermaassen 
als Praenomen gelten zu lassen , diese Umstellung aber bei einem Nomen 
gentile entweder überhaupt nicht gestattet gewesen oder wenigstens vor 
der Zeit des Tacitns nicht in Gebrauch gekommen ist. Die Annalen des 
Antias haben aus wenigstens 75 Büchern bestanden und Roms Geschichte 
von den ältesten Zeiten bis auf Marius und Sulla herab behandelt. Aus 
den Fragmenten lässt sich folgern , dass die ältere Geschichte ziemlich 
gedrängt, die neuere sehr ausfuhrlich erzählt war: denn im zweiten 
Buche wird noch von Numa verhandelt, im dritten ist die Geschichte 
schon bis zum Jahr 573 und im zwölften bis zum Jahr 617 fortgeführt, 
und die übrigen 63 Bücher können also nur einen Zeitraum von 50 Jahren 
umfasst haben. Hinsichtlich der Behandlnngsweise des Stoffes ergiebt 
äch, dass Antias in den ältesten Zeiten mehrfach eine Deutung der 
Mythen versucht, aber zugleich auch allerlei Sagen und Fabeln erzählt 
hat. Livius wirft ihm vor, dass er für seine Nachrichten. nicht allemal 
die zuverlässigsten Quellen benutzt, bei den Angaben der in ded Schlach- 
ten Gefemenen, der eroberten Beute und ähnlicher Dinge die Zahlen 
liDgebührlich vergrössert und öfters Dinge- erzählt habe, von welchen 



200 Schal- and UniversitaiBnachrichten, 

ausser ihm Niemand etwas wisse. Niebuhr nnd Lachmann haben diese 
Anklagen des Livins noch bedeutend gesteigert and dem Antias fast alle 
01aubwardigkeit abgesprochen. Offenbar aber hatte schon Liviiw seine 
Beschaldigangen abertrieben /oder doch zu schroff heransgestellt , weil 
er dem Antias Fehler anrechnet, welche bei allen Annalisten, ja über- 
haapt bei fast allen Geschichtschreibern vorkommen. Achtet man darauf, 
wie oft Livius die Angaben des Antias nachgeschrieben oder Thatsachen 
erzählt hat, die dem von Antias Erzahlten an Zuverlässigkeit nachstehen; 
so entsteht der Verdacht, er möge jenen absichtlich verkleinert haben. 
Unzweifelhaft ist es, dass das Werk des ^ntias sehr reich an Material 
und selbst an kleinen Details war, und wenn auch die wenigen Frag- 
mente den speciellen Werth seiner Geschichtschreibung nicht mehr erken* 
nen lassen, so hat er doch zuverlässig an historischer Bedeutsamkeit 
weit höher gestanden , . als man seit Niebuhr anzunehmen pflegt. Im 
Osterprogramm 1841 hat der Mathematicus Hülsen üeber einige tranagcen- 
dente Curven [36 (20) S. 4. mit l Figurentafel], im Programm von 1842 
der Lehrer Dr. Conatant Matthiä lieber den deutsehen Unterricht auf- 
Gymnasien [19 S. und XVIII S. Schulnachrichten. gr. 4.]. geschrieben. 
Die zweite Abhandlung ist eine mit dem lebhaftesten Interesse und mit 
wahrer Begeisterung für die Sache geschriebene, daher durchaus leben- 
dige, frische und anziehende Erörterung eines Unterrichtszweiges der 
Gymnasien , welcher grade in der Gegenwart ein Gegenstand der viel- 
fachsten Besprechung geworden , und für welchen die rechte Lehrpraxis 
noch sehr schwankend und zweifelhaft zu sein scheint. Der Verf. hat 
die beiden Hauptpunkte der Erörterung richtig in's Auge gefasst nnd 
zuerst über die Wichtigkeit dieses Unterrichtszweiges für die Gymnasien 
verhandelt, dann aber einen Lehrplan desselben vorgezeichnet, welcher 
scheinbar zwar mit der bestehenden Praxis ziemlich nahe zusammentrifft^ 
dennoch aber sehr wesentliche Abweichungen von derselben hervorrufen 
will. In beiden Beziehungen verlangen die ausgesprochenen Ansichten 
eine umständliche Besprechung und theilweise Ergänzung oder Berichti- 
gung, weil der Verf. in Folge des beschränkten Baumes, der ihm im 
Programm gestattet war, Vieles nur angedeutet, überhaupt aber nur die 
Lichtseiten des deutschen Unterrichts hervorgehoben und die zur richti- 
gen Erkenntniss noth wendig zu machenden Gegensätze fast gar nicht 
beachtet hat. Dennoch aber enthält seine Abhandlung so viel Treffliches 
lind Beachtenswerthes über den Gegenstand, dass man die Schrift allen 
Lehrern der deutschen Sprache recht dringend zur Beachtung empfehlen , 
DdUss. Ueberhaupt zeigt die Erorterungsw^ise , dass sich der Verf. sehr 
tief und allseitig in den Gegenstand hineingedacht und dessen Wesen im 
Allgemeinen sehr richtig aufgefasst hat; und dabei verrathen seine Vor- 
schläge überall ein so echt praktisches Bewusstsein, dass man in ihm 
nicht nur einen sehr tüchtigen und gewandten Lehrer der deutschen 
Sprache erkennt, sondern auchTfür sich selbst in Bezug auf die Praxis 
recht viel ans seiner Schrift lernen kann. Den ersten Hauptpunkt der 
Erörterung üb,er die Wichtigkeit des deutschen Unterrichts als Bildunga- 
mittels hat der Verf. zu kurz abgemadit, und zwar üehr richtig darauf 



BefSrdernngen und Ehrenbeielgongen. 201 

hingewiesen , dass in ihm das nothwendige Bedingnlss enthalten sei, dem 
Schüler znr rechten Einsicht in das wahre Wesen seiner Motterspracbe 
und zum richtigen Gebrauche derselben za verhelfen, dass derselbe 
femer das wirksamste Mittel sei zur harmonischen Ausbildung der See- 
lenkräfte und darin den alten classischen Sprachen wenig oder gar nicht 
nachstehe, und dass er endlich das bequemste Bildungsmittel gewahre^ 
weil er für den Schüler den leichtesten, bekanntesten und anziehendsten 
Stoff biete ; aber die Beweisführung ist zu einseitig und nimmt auf den 
obwaltenden Streit der Pädagogen und Schulen gar keine, Rücksicht. 
Es durfte hierbei nicht unbeachtet bleiben, dass noch yiele Gymnasial- 
\ehrer der alten Schule die Meinung festhalten , ein besonderer deutscher 
Unterricht sei wenigstens für die Gymnasien überflussig , weil schon bei 
Gelegenheit des classischen Unterrichts das Nothige für die Kenntniss 
der Muttersprache nebenbei mitgelemt werde. Der Gegensatz der Real- 
und Bürgerschulen, welche dem deutschen Unterrichte einen ausseror- 
dentlichen Bildungswerth beilegen und in der That für dessen Entwick- 
lung Ueberrasehendes geleistet haben, beseitigt jenen Einwand schon 

, darum nicht , weil diesen eben das Bildungsmittel der classischen Spra- 
chen fehlt und Weil sie schon vermöge der Jugend ihrer Schüler über die 
elementare Einübung der Muttersprache nicht erheblich hinauskommen, 
dadurch aber die Entwicklung des Geistes zur freien Thätigkeit und zur 
selbstständigen und bewusstvolleii Herrschaft über die Muttersprache 
nicht erlangt * wird. Was aber die Gymnasien bisher für den deutschen 
Unterricht gethan haben, das ist doch vorherrschend ein praktisches 
Ueben, am »Stoffe der deutschen Literatur, weniger ein Benutzen des 
Sprachmaterials zur formalen Bildung gewesen, und aus der Theorie' des 
Hm. M. selbst sdieint hervorzugehen, dass auch er die zu erstrebende 
Herrschaft über den Gebrauch der Muttersprache vomehmiich durch 
praktische Uebungen erlangen will und also zumeist im Stoffe sucht. 
Am Stoffe aber kann doch wohl nur deijenige denken lernen, welcher 
schon eine zureichende Einsicht in die Form und Behandlung desselben 
erlangt hat, und ohne diese Einsicht kann man durch fleissiges Nach- 
ahmen der Knnstformen Andrer wohl eine bedeutende mechanische Fer- 
tigkeit, schwerlich jedoch eine freie und selbststSndige intellectuelle Bil- 
dung erringen. Jedenfalls aber darf ein blos mechanisches Einüben 
im Gymnasium nicht stattfinden , da dieses überall zur rationalen Sprach- 
erkenntniss hinführen soll, und da ohne die letztere eine wahre intellectu- 

, ^ eile und ästhetische Bildung nicht erstrebt wird. Da sich die Gymnasien 
in der Gegenwart schon bei dem Lateinischen nicht mehr damit begnügen, 
ein sogenanntes Sprachgefühl zu eräsielen, sondern ein möglichst hohes 
Sprachbewusstsein erwecken wollen; so muss in der' Muttersprache 
dieses Streben offenbar noch bestimmter hervortreten, und wer den Bil- 
dungswerth derselben beweisen will, der bat vor Allem den analytischen 
Weg nachzuweisen , auf welchem der deutsche Sprachunterricht in for- 
maler Behandlung am leichtesten und sichersten eine rationale Sprach- 
erkenntniss verschafft. Und dieser Beweis kann so lange nicht erlassen 
werden , als unsre deutschen Grammatiken und Stilanweisungcn sich noch 



i 

203 Sckai- und UaiTersitatsnachriciiteny 

lA den beiden. Bztremea entweder der blinden und todten jSprachempirie 
oder der abstracten Sprachphilosephie bewegen« Da luuure Schaler in 
4er Muttersprache die allgemeine Kenntniss der Empirie schon mitbrin- 
gen und nur in den untersten Classen ein theilweises Ergänzen derselben 
noch nöthig und anwendbar ist, in den obern Classen jede reine Behand- 
lung des empirischen Regeiw^rkes !^ur geistigen Erschlaffung der Schüler 
fuhrt, und da umgekehrt die philosophische Betrachtung über die Fas- 
sungskraft derselben hinausgeht; so giebt es nach des Ref. Dafürhalten 
für die Gymnasien keinen bessern and bequemem Weg, als durph Ver- 
gleichung derjenigen fremden Sprachen, die der Schäler kennt, dem- 
selben die Gegensätze zur Muttersprache Torzufähren und voU der Erwe- 
ckun^ dieses Bewusstseins aus allmählig zur Erkenntniss der Unterschiede 
pnd von diesen wieder zur Erkenntniss der Ursachen aufzusteigen. Viel- 
leicht lassen sich noch mehrere andre Wege der jationalen Erkennt- 
niss .der Muttersprache finden; jedenfalls muss aber ein solcher erst 
nachgewiesen und sein Einfluss auf den Geist des Schülers festgestellt 
sein, bevor man den intellectuelien Bildungswerth unsrdr Sprache und 
sein Verhältniss zu dem der alten Sprachen bestimmen und messen kann* 
Dieselbe mangelhafte Beweisführung hat sich der Verf. auch bei der 
B'estimmung des ästhetischen und, moralischen Bildungswerthes zu Schul- 
den kommen lassen, wo er wiederum die ästhetische und moralische 
Crewohnung mit der Bildung verwechselt zu haben scheint, indem er 
sonst darauf hätte aufmerksam machen müssen, dass eine wahre Eoitwick- 
lung und Kräftigung der ästhetischen und moralischen Gefühle nur aus 
der Intelligenz und der klaren Erkenntniss der Wahrheit hervorgehen- 
kann. Er versichert uns, die deutsche Leetüre wirke xdarum. viel tiefer 
und allgemeiner auf die Phantasie und das Gefühl ein , als das Lesen der 
alten Classiker, Weil der Schüler bei den letztem wegen der Schwierig- 
keit der fremden Form und wegen , seiner eignen geistigen Unzulänglich- 
keit in den Charakter derselben nicht genug einzudringen vermöge und 
darum di%L Schönheit ihres Ausdrucks und ihrer Darstellung mehr koste 
als geniesse, mehr ahne als empfinde. Dies ist wahr, wenn man blos 
an die Erregung des Gefühls denkt, aber zweifelhaft, wenn man dessen 
oatnrgemässe Entwicklung und Bildung in's Auge fasst. Wenn nämlich 
in der alten classischen Literatur die Schwierigkeit d«r fremden Form 
der Erkenntniss der Schönheit hemmend in den V^e tritt; so besteht 
in unsrer Literatux^ für den Schüler ein noch weit grösseres Heramniss in 
der Innerlichkeit, Tiefe und Abstracüon, unter welcher die Sprache des 
Gefühls und des Gemüths in ihr sich darstellt. Unser nationales Gefühls- 
leben ist vorherrschend ein Sichzurückziehen von der sinnlichen Aussen- 
weit und ein Einkehren in das Gemüth , um dessen innerste Regungen 
mit. geistigem Auge zu beschauen : es offenbart sich in der Sprache durch 
metaphorisch -emphatische Ausdrucks weisen , welche, der sinnlichen An- 
schauung entzogen, nur durch das schon gereifte geistige Abstra- 
ctionsvermögen erkannt werden können. Das Gefühlsleben des- Scha- 
lers aber ist in seinen Regungen noch vorherrschend sinnlich und in sei- 
nen Aeussemngen nach der Anssenwelt hingerichtet , darum zwar befa- 



Beförderungen &n4 Ehrenbeaeignngen. SOS 

higt', die sprachücbe Änspragang eines tiefen Innern GeföhU zu ahnen 
und von ihr erregt zu werden , nicht aber reif genug , um sie gehörig «u 
erfassen und zu begreifen« Allerdings wirRt eine öftere Erregung der 
Gefahle .auch auf Belebung und Kräftigung derselben und dieselbe kann 
auch, vrenn sie fortwährend durch die Anschauung schöner Muster 
erweckt wird, im Allgemeinen eine richtige werden, aber die Bildung 
wird dennoch nur eine mechanische sein. Man lasse den Schüler eine 
▼on tiefer GefahUinnlgkeit durchzogene Ballade Uhiand's lesen , und er 
wird sofort von ihrer Schönheit ergriffen sein ; giebt man ihm aber auf, 
dieselbe mit Gefühl vorzulesen, so wird er yielleicht ein bedeutendet 
Pathos kund gebei^, doch die richtige Modulation der Stimme schwerlich 
treffen« Soll er sie nun aber etwa gar durch eine eigne Ballade nach* 
ahmen, so geväth er zuverlässig entweder in übertriebene^ Bombast oder 
in bohle und schiefe Sentimentalität. Giebt man auf die natürlichen 
Gefühlsäuäserungen eines noch nicht verbildeten Jünglings Acht, ao 
erkennt man,' dass sie als sinalich - emphatische und bildliche Ausprä-r 
gungen in der Sprache erscheinen. Das Analogen zu seiner Gefühls^ 
spräche aber findet sich in den Sprachen des Alterthums [vgl. Müller 
über die SophokleiBcbe Naturanachauung im Liegnitzer Gymnasialpror 
gramm von 1842] , und auf sie also sind wir hinge^^riesen, wenn die Ent* 
Wicklung und Veredlung des Gefühls einen naturgemässen Anfang nehmen 
soll« Wenn der. Schüler den Schiller^schen Abschied Hektor's von der 
Androttiache liest , so werden die zarten Liebesgefühle der beiden Gatten 
sein Gemüth gewaltig ergreifen, während ihn vielleicht die Homerische 
Beschreibung desselben Abschiedes, ohne besondere Hinweisung auf' ihre 
Sjchönheiten, kalt und gefühllos lasst. Sehr schwer aber wird er die 
Gefühlssprache Schillers für sich zum klaren Bewusstsein erheben, 
obscboji Hektor's Abschied ein Jugendgedicht desselben ist und über* 
dies in dessen Gefühlssprache überhaupt eine vielfache Hinneigung zum 
Antiken sich kundgiebt; aber warum bei Homer die Andromache ihren 
Gatten dem Vat^, der Mutter und den Brüdern gleichstellt, das erkennt 
er sofort als einen naturgemässen Gefühlsausdruck: denn auch für^ Ihn 
wird der geliebte Freund zi^m Bruder, der treue Beschützer zum Vater. 
Aus dieser Erscheinung folgt übrigens nicht, dass. der Schaler blos an 
der Gefühlssprache des Alterthums gebildet werden soll; vielmehr muss 
von dort her nur diyB erste intellectuelle Verstehenlernen der Gefühls- 
spräche beginnen und daran der Uebergang zur Erkenntniss der Gefühls» 
Sprache unsers Volkes sich anreihen, weil ja der Schüler durch die 
Schulbildung in. das nationale Leben und Streben seines Volkes einge* 
führt und zu dessen richtiger Erkenntniss und Würdigung befähigt wer* 
den soll. Aber das folgt allerdings daraus, dass der Beweis, unsre 
Sprache biete den besten ästhetischen Bildungsstoff, auf v andre Weise 
geführt werden muss, als es von dem Verf. geschehen ist. Und dazu 
bedarf es vornehmlich einer spedellen Nachweisung des Weges, wie man 
das Gefühl des Schülers nicht blos erregt, sondern zum klaren Bewusst* 
sein bringt. Die frühern Commentatoren der Schriftsteller pflegten bei ^ 
schonen Stollen auszurufen : „tute schon ist da^i ^\ und wirkten dadurch 



204 Schal' and Universitätsnachrichten, . 

wenigstens anf die Erregang des Gefaiils; die jetzigea Commentatoren 
streben weiter , verlieren sich aber gewöhnlich in so abstracte Gefühls - 
erorterong, dass der Schaler dieselbe nicht versteht and dass ihm darch 
das Grabein darüber aach ^noch ^e reine Gefühlerregang zerstört wird. 
Der Anfang zn einer klareren Gefühlserkenntniss and GefuhUbeschrtübang 
mOBs aber von daher begonnen werden , dass ansre Grammatiker and 
Stitlehrer'die sprachlichen Erscheinungen and Aaspragangen des Gefühls- 
lebens onter bestimmte Gesetze bringen and darch sie die GefShissprache 
objectiv machen. Im zweiten Theile der Abhandlung hat der Verf. den 
Lehrgang des deutschen Sprachunterrichts im Gymnasium bestimmt und 
denselben nach drei Lehrstufen, einer untersten für Sexta bis Quarta, einer 
mittlen für Tertia and einer obersten für Secanda und Prima, zerfallt und 
jeder derselben wieder einen dreifachen Unterricht, pämlich theoretischen 
Unterricht, schriftliche Uebungen und mündliche Uebungen, zngeth^ilt* 
Die schriftlichen Uebungen zerfallen in Aufsätze ^ die za Hause, und 
solche, die in der Classe gearbeitet werden sollen; die mündlichen Ue- 
bangen in freie Vortrage und in Lesen. Wie sehr der Verf. aber seinen 
ganien Lehrplan von den prdctischen Arbeiten am Stoffe, also von der 

> darch praktische Uebungen zu erzielenden Sprachfertigkeit, abhängig 
mache, das offenbart sich daraus, dass er nicht nur die praktischen 
Uebungen, zuerst die mündlichen und dann die schriftlichen, obenan stellt 
nnd die theoretischen Erörterungen^ zuletzt folgen lässt, sondern dass er 
auch über die Behandlung der beiden erstem Theile vielfache praktische 
JVinke mittheilt, aber bei den theoretischen Vortragen nur die Abstnfang 
der Lehrobjecte angiebt. Er fordert nämlich für die unterste 'Stufe 
Satzlehre, und zwar für Sexta die Lehre vom einfachen, für Quinta die 
vom zusammengesetzten Satze und für Quarta das Wesentliche der Perio- 
dik, für die mittle Stufe die Erweiterung der Satzlehre und ihre Ver- 
dinigung zn einem möglichst klaren und bündigen Zusammenhange , rhe^ 
torische Vorübungen, das Allgemeine der Prosodik und die Anfange dev^ 
Metrik , für die oberste Stufe Metrik und Rhetorik und für Prima etwa 
noch' philosophische Grammatik. Ausserdem hat er bemerkt, dass er 
sich hinsichUich der Literaturgeschichte und Poetik den Vorschlägen 
Hiecke*s in dessen Schrift „der deutsche Ünterticht auf deutschen Gym- 

' nasien^^ S« 245 f. anschliesse , und dass die altdeutsche Sprache und 
Literatur nicht in den Gymnasialunterricht gezogen werden soll. ' Ueber 
die üftethode ^er genannten' Lehrgegenstände ist nichts weiter erwähnt, 
als dass dieselbe auf dejr untersten Stufe eine sinnlich - concreto Behand- 
iungsweise sein , auf der mittlen alles dasjenige , was die Vernunft des 
Schülers in Anspruch nimmt, aasschliessen , und auch auf der obersten in 
möglichst concreter Form gehalten werden soll. Das« damit aber die 
Schwierigkeiten und Abirrungen, an welchen der deutsche Unterricht 
gegenwärtig in den Schulen leidet, durchaus nicht beseitigt sind, dies 
wird sich schon aus den oben gemachten Andeutungen ergeben. Das 
Aasschliessen der altdeutschen [und mitteldeutschen] Sprache und Lite- 
raitur wird wahrscheinlich kein Gymnasiallehrer anfechten; aber doch 
bleibt auch hierbei die Frage noch za losen übrig, ' ob es nicht wenig- 



Be'fordemngeii und B h Iren beiei gongen. 205 

Btrnis fnr die Schfiier der obergten Classen notliig sei, dte ans der alt- 
und mitteldeutschen .Sprache zn abfitrahirenden WortbildungsgeaetKey die 
' fortschreitende Abschwäcbung der volitonigeren Formen in kinnglosero 
und bequemere , n die Ausbildung und Fortbildung der Umlaute , • die Ver- 
änderungen der Bildungssilben, die Schwankungen zwischen den starken 
und schwachen Formen und dergl. in einer kurzen Uebersicht (ohne alle 
gelehrte Ausstattung) vorzufuhren, weil dadurch erst ein bewusstvoller 
Gebrauch der Wortformen ermöglicht und zugleich ein einfiussreiches 
Mittel gewonnen wird, die Erörterungen der Wortableitung, der Wort- 
bedeutungen und der Synonymik sehr wesentlich zu erleichtern. Ref. 
hält dies schon darum für sehr nutzlich, weil ausser der deutschen keine 
andre Sprache ' so bequemen Stoff bietet, um an dem In fast ununter-« 
farochener Reihenfolge erkennbaren Fortschreiten der äussern Wortbil- 
dung zugleich das Fortschreiten der Sprache von sinnlichen zu metapho- 
rischen und abstracten Begriffen zu zeigen. Vfie weit eine ähnliche 
Uebersicht auch der syntaktischen Umwandlungen dem Schuler geboten 
werden müsse, das lässt sich jetzt, da die Grimm'sche Grammatik erst 
die Anfange der Syntax darbietet, noch nicht äbersehen. Jedenfalla 
aber müsste eS einen schönen Stoff für intellectuelle Sprachbildung abge- 
ben , wenn man z. B. historisch darlegen könnte , wie bei Unsrer Mutter- 
sprache die causalen Casusverhältnisse , d. h. der Gebrauch des reinen 
Casus ohne Präposition , sich in die Casusverhältnisse des R^aums , d. h. 
in den Gebrauch der' Casus mit Präpositionen, allmäblig umgestaltet 
haben, während man bei der fortschreitenden Entwicklung des Geistes 
zum abstracten Denken vielmehr ein Uebergehen vom Raumverhältnisa 
zum Causalverhältnisse erwarten sollte. Vgl. NJbb. d6, 362. Kommt 
übrigens zu der Nachtveisung der hauptsächlichsten Wortbildungsgesetze 
noch eine gedrängte Uebersicht der wesentlichen und charakteristischen 
Unterscheidungsmerkmale der deutschen Dialekte, vornehmlich der her- 
vorstechendsten Unterscheidungsgesetze des hochdeutschen und platt- 
deutschen Dialekts hinzu; so verschwinden für den Schuler auch die 
meisten Schwierigkeiten der verschiedenartigen Orthographie, über 
welche der Verf. S. 16 f. klagt. Denn er erkennt dann , dass Schreib- 
weisen, wie gescheut (statt geseheidt), gebohren. Nähme ^ Parthei, WUl- 
huhr^ Siels für stäts etc., Erzeugnisse sprachlicher Unwissenheit sind, 
dass die Schwankungen zwischen Brot und Brody Emde und Emte^ 
Schwer d und Schwert, Schmid und Schmied, fest un^ vest, Fehme und 
Vehme etc. auf verschiedeneu dialektischen Eigenheiten beruhen, dass 
bei nämlich y nemlich und nehmUeh, Aeltem und, £2tem, Aemde und 
Emde, acAt und echt etc. Schwankungen der Ableitung und Schwan- 
kungen de^ Umlauts obwalten, dass die Schreibform studieren, memo- 
rieren, extemporieren etc. statt studiren etc. gegen das orthographische 
Gesetz der Sprache streitet, welches in den Abwandlungssilben kein 
Dehnungszeichen duldet, woher sich auch die Schreibart einmal, vielmei 
etc. erklärt , obschon das Hauptwort Mahl (signum) mit Recht das Deh- 
nungszeichen hat , und woraus femer die Rechtfertigung der meist enkli- 
tischen und proklitischen Adverbien bloa und wol im Gegensatz zu den 



206 Sebnl- und UniversitSiBnachrichteit) 

Adjectiven hlos9 und whi abnd«iteii iit *). Zar Rei^tfertifiiing de« 
Umstandes aber , daf s der Verf. die praküsehen Uebmrgen im deotsdien 
Unterrichte so entscliieden- aber die t^eoredflchea 8pradierortenuigeii 
fainaufstellt , kann derselbe sich Tielleicht auf die Erfahrung bernfeo, 
dass in den Gymnasien Jahrhunderte lang die lateinuche Sprache haupt- 
sächlich durdi fleissiges Lesen und Schreiben , mit Hinzuziehung eines 
überaus beschrankten grammatischen Unterrichts, gelehrt und dabei doch 
eine sehr tnchtige Bildnag erreicht worden ist. Allein jene Bildungs- 
weise brachte nur ein lateinisches Sfrachg^ukl und eine mechanische 
SckreSbvMmer ^ nicht aber ein Sfrackbeummisem hervor, und bei der 
Muttersprache wird es der Verf» gewiss selbst nidit wollen , dass unsre 
künftigen Gelehrten sie nur nach einem blossen Sprachgefühl zu gebrau- 
chen verstehen. Ausserdem aber wurde die auf soldiem Wege erlernte 
fremde Sprache immer noch geistig bildend, weil die Schule allen ihroK 
Unterricht im Lateinischen cpncenjrirte und weil der Schuler sich so 
«ehr in diese Sprache hineinlebte, dass der dadurch entstehende schroife 
Gegensatz zur Muttersprache, die sich ihm im Leben immer wieder ent- 
gegendrangte ,^ doch eine gewisse allgemeine Uebung Und Erhöhung der 



^ Hierbei erlaubt sich Ref. noch eine orthographische Eigenheit 
zu erwähnen, in welcher der Verf. einer in der Gegenwart allerdings 
herrschend gewordenen Sitte folgt. Er schreibt nämtich: Klane, Uot* 
«iscA, Korrespondenz, Korrektur, produktiv, dUtinkt, direkt, Lektüre^ 
Charakter, Akzent, Deklamazion, Ideenaasoziazion etc. Dass ihm dane- 
ben noch die Schreibweisen TTiucydidet, Sophocles, Tacitus, Charaeter, 
Lectüre etc. entfallen sind, scheint nur ein Vernachlässigen des Princips, 
die fremden Kunstansdrucke ebenso nach deutscher Orthographie zu 
schreiben, wie man auch die Schreibweisen Punkt, Kaiter^ Prinz, Popan» 
etc. erkoren hat. Und allerdings hat unsre Sprache für die deutschen 
Worter kein c (mit Ausnahme der kalligraphischen Zeichen ck nnd ch) 
und kein 1i für den Laut zi. Aber sie hat auch kein pA, kein y und 
kein v (in der Endung des Wortes), und darum hätte der Verf. imch 
obigem Grundsätze auch FUoiofle, Biograße, Fisik, Gimnasitk, pro- 
diiktif oder prodüktief etc. schreiben müssen. Nun ist es aber ortho- 
graphischer Gi^ündsatz unsers Volkes, dass es fremde Wörter, die nicht 
völlig eingebürgert, d. h. in die Volkssprache (nicht blös in die Gelehrten- 
sprache) übergegangen sind, nach der Orthographie derjenigen Sprache 
achreibt, durch welche sie zu uns gekommen sind, — ein VerfahreOy 
worin man den löblichen Grundsatz und das edle Bewusstsein erkennea 
mag, dass diese fremden Wörter durch die fremde Schreibart als Eln- 
dHnglinge erscheinen sollen, und unsre Sprache an sie kein Engenthums- 
recht haben will, weil sie in mch reich genng ist, diese Begriffe durch 
deutsche Wörter auszudrücken. Nach diesem Grundsätze aber mag man 
es dem Gelehrten wohl zugestehen, dass er Wörter griechischen Ur- 
sprungs, die durch die lateinische Sprache zu uns gekommen sind, nach 
griechischer Orthographie schreibe und daher für didaktisch, praktisch, 
Charakter^ Diakonen, Sopholdes, JJtukydides, Piaton etc. sich entscheide, 
obgleich er bei den Bastardformen grmmmaitikaikch , physikaÜseh, lessi- 
JsalisfJi etc. schon in eine Inconseqnenz geräth; allein die Schreibweise 
von Klasse, Lektüre^ Akzent, ÜeHamazion etc. für Classe, Lectüre, 
Accent, Declamation lässt sich nur auf den Grundsatz zurückbringen, 
dass diese lateinischen Fremdwörter mit aller Gewalt auch noch zu 
Bastardwortem gemacht werden sollen. 



Beförderungen und Bhrenbeseigamgen. 207 

geistigen Kräfte erzeugte. Uebngens darf man sich anch nicht ver- 
helfen, dasa bei dem vormaligen G^rmnaaialiuterrifilite sich gjiwohnUch 
mir die ausgezeichneten Kopie zur Freiheit und Selbatstandigkcit geiati- 
gw Bildong erhoben. Unser gegenwartiges Gynuiasialsiel aber geht 
dahin, anch die beschrankten Köpfe wenigstens bis in einem gewissen 
.Cirade geistig frei und selbstständig zn madien; fnr nnsre Schäler be~ 
scfarfinkt sich der Unterricht nicht mehr apf die lateinische Sprache pnd 
äke werden nicht mehr bis zu dem ehemaligen Grade lateinischer Sprech.- 
nnd Schreibfertigkeit hinaufgebracht *)y dagegen werden sie mit so 
vielem Lehrstoff übersättigt, dass das darans entstehende chaotische Vie-> 
leriei ihres Wissens das Denk-, Urtheils-» nnd Gefühls vermögen mehr 
nnterdrnckt und verwirrt, als erhebt und läutert: darum, müssen wir - 
aber auch jetzt von allem mechanischen und gebttodtenden Einüben uns 
möglichst fernhalten, bei dem Sprachunterricht aberail nach Klarheit der 
Brkenntniss und angemessener rationaler Behandlnngsweise streben und 
deshalb eben auf die grammatische und stilistische Brörternng ein beson- 
deres Gewicht legen, und dies in der deutschen Sprache vor Allem thnn^ 
weil*sie nicht nur das Hauptmittel rationaler Spracherkenntniss , sondern, 
wo möglich auch der Vereinigungspunkt sein soll, in welchem die sprach- 
liche Brkenntniss des Schülers überhaupt zum Ganzen sich . verbindet 
nnd ihre höchste praktische Anwendung &idet. Dass Hr. -M. unter den 
vorgeschlagenen praktischen Uebungen diejenigen praktischen Geschäfts- 
aafsätze, welche nur wegen ihrer äussern Convenienzform besonders 
erlernt werden müssen, wie Quittungen, Attestate, Bestellungs- nnd 
Bmpfangsschreiben, Berichte und sonstige Relationen, Briefe aller Arten 
etc., gar nicht erwähnt hat, dies mag daher kommen, dass er eben nur 
von dem geistig bildenden deutschen Unterrichte sprechen wollte» Bntr 
schlagen darf sich aber das Gymnasiom auch diei^er An&ätze nicht, weil 

V 

*} Damit soll nicht gesagt s»n , dass unsre Schüler weniger JLatein 
lernen, als sonst Gewiss lernen sie meHr, weil sie es rationaler und 
mit höherem Sprachbewusstsein lernen; nur die mechanische Fertigkeit 
bleibt geringer, und das wird nur derjenige für ein Unglück halten, der 
die Bildung des Gelehrten ans der Fertigkeit erkennt, mit welcher der- 
selbe etwa lateinisch zu sprechen oder in vermeintlicher Ciceroniscber . 
Weise Jateinisch zu schreiben versteht. Viele Deutsche , sprechen , und 
schreiben das Französische mit viel grösserer Fertigkeit, als sie der 
Gelehrte im Lateinischen erlangt, und doch haben sie daraus sehr wenig 
geistige Bildung geschöpft. Die lateinischen Schreib- und Sprechübun- 
gen sind ein überaus wesentliches Brforderniss der Gymnasien, nnd es 
mnss bei ihnen auch nach möglichst hoher technischer Fertigkeit gestrebt 
werden; aber das Ziel der Gym.nasialbildung sind sie nicht mehr, son- 
dern nur ein Mittel für den Schüler, um seine sprachliche Brkenntniss 
reprodnctiv zu offenbaren und dieselbe fester und lebendiger zn machen, 
für den Lehrer, dass er an den latemiseben A<ri>efften des Schülers ßpon- ^ 
tives sprachliches Wissen und den Grad der Befähigung, in fremder 
Sprache zn denken und seine Gedanken auszudrücken, erkenne und dar- 
aus ermesse, wo er noch nachzuhelfen oder von welchejr Grundlage auis 
er sprachlich fortzubilden hat. Ohne ein festes und sicheres positives ^ 
Wissen in der fremden Sprache nämlich kann dieselbe nicht als wirk-^ 
geistiges Bildnngsmittel gebraucht .weiden. Vgl. NJbb. 36, B76 f. 



208 Schal- nnd UniTeriitatsnachrichten^ 



•"f 



sie zwar wenig intellectnelie Bildang bringen , aber ihre Kenntniii für B 
Leben nothv^endig ist nnd weil offenbartes Ungeschick in diesen Dingen 
dem Gelehrten gewohnlich sehr hoch angerechnet wird. Sie sind aller- 
dings schon Lehrgegenstand der Elea^entarschalen gewesen , gehen aber 
in höherer Gestaltung auch durch das ganze Gymnasium hindarch, wo 
z. B. in Prima noch namentlich die Bitt- und Danksagungsschreiben als 
Gegenstande des nächstfolgenden Bedürfnisses an die Reihe kommen. 
Unter den wirklich Torgeschlagenen Uebungen legt der Verf. auf die 
sogenannten freien Vortrage einen ganz vorzüglichen Werth. Sie sollen 
schon auf der untersten Stufe damit beginnen, dass man den Knaben 
etwas Gehortes oder Geschautes frei wiedergeben lasst* Den Stoff dasn 
kann er zu Hause gelesen, darf ihn aber nicht auswendig gelernt haben* 
Zu freien Productionsversuchen steigern sich diese Nacherzählungen von 
Quinta an , indem man von Zeit zu Zeit eine Anzahl Wörter anfgiebt, 
aus denen der Knabe nach kurzem Bedenken eine Erzählung bilden muss* 
Bei weiterem Fortschreiten wird die Bedenkzeit allmablig abgekürzt nnd 
statt der Wörter von gleichartigen Gegenstanden werden ungleichartigere 
aufgegeben. Das freie Nacherzählen wird besonders durch das Lesen 
unterstützt, nnd wenn in der Ciasse ein prosaisches oder poetisches Stück 
vorgelesen wird, so soll den übrigen Schulern die Aufgabe gestellt 
werden, dasselbe mündlich oder schriftlich nachzuerzählen. Uebrigens 
soll bei dem Lesen und bei den freien Vortragen der Redende jedisrzeit 
vor seinen Mitschülern wo möglich auf einem erhöhten Platze stehen, 
damit er von Allen verstanden werde und sich selbst gewöhne , vor einer 
grössern Versammlung unbefangen zu sprechen , den Augen derselben aus- 
gesetzt zu sein und auf sie seine Augen zu richten, nicht aber dieselben 
auf den Boden zu heften oder aufwärts zu wenden. Der beste Stand für 
ihn sei auf dem Katheder, weil er dort der ängstlichen Sorge um den Ge- 
brauch seiner Hände und Beine überhoben sei und dadurch nicht im 
Denken und Reden gestört werde. Bei allen mündlichen Vorträgen abe^ 
soll der Lehrer direct und unablässig dahin wirken, dass der Schüler 
stets laut , langsam , distinct , fliessend , mit richtiger Betonung und Be- 
obachtung der Satzzeichnung und mit Ausdruck spreche. Das Letztere 
soll aber in den untersten Classen nur heissen, dass er zwischen geroüth- 
Hohem und erzählendem, heiterm und ernstem Grundton^ unterscheide, 
nicht aber, dass er schon mit Geist und Gefühl- vortrage. Für das 
iSrIaAgen eines richtigen Vortrags muss der Lehrer das wirksamste 
Beispiel sein, und daher öfters Lesestücke selbst erst vorlesen, die er 
dann von einem oder mehreren Schülern wieder lesen lässt. Der Verf. 
hofft durch diese Uebungen^ die sogenannten Declamationen aus dem Gym- 
nasium zu vertreiben und erklärt sie daselbst für unstatthaft und für 
unnöthig, — für unstatthaft nämlich, weil dazu eine von dem Gymnasium 
nieht gewährbare Gewandtheit des Körpers gehöre; für unnöthig, wbtl 
deijenlge Schüler , welcher frei vorzutragen gelernt habe , nothwendiger 
Weise auch gut declamire, während eine gute Declamation nicht den 
gleichen Erfolg für den freien Vortrag sichere. In der Tertia tritt Stei» 
gernng dieser freien Vorträge ein in der Korm^ welche geordneter. 



BiBfordemiigen ond fihjreabeieigiingoii. > ftO& 

fliessender nnd lebendiger werden mass, und im Stotfe, indem denielbe 
bei den Geübteren mehr als ein Ergebnisades Verstandes, als der An- 
schauung und £rinnerttng erscheinen soll. Za Themen eignen sich for 
die Ünföhigeren Biographieen und interessante Partieen ans der Ge- 
schichte und Geographie, für die Fähigeren Darsteilangen aus dem 
Kreise ihrer Privatiecture (nur nicht Anekdoten) und xa eignen Pro- 
dnctionen Erzählungen nach gegebenen Wörtern ohne gestattete Vor- 
bereitung , das Wiederholen bekannter Partieen aus der Weltgeschichte, 
das' Sprechen über leichtubersebbare Zqstande (z. B. über den Geburts- 
tag, über den Spaziergang) und das Beschreiben yon bekannten Ge-< 
genden. Beim Lesen muss der Vortrag gemessener und aosdrucksToHer, 
in vorkommenden Fällen sogar charakteristisch werden. Schwierigere 
Stucke soll der Schüler vorher zu Hause lesen, um sich hineinzudenken 
und die Veränderungen des Tones und Tempo^s zu ermitteln. Auch hier 
soll alles Vortragen vom Katheder aus geschehen , aber die freien Ver- 
trage bisweilen mit dem Vortrage memorirter Gedichte abwechseln. IHe 
vorgelesenen Stucke werden nur noch ausnahmsweise zum Nacherzählen 
' benutzt , häufiger zu möglichst kurzer Angabe des Inhalts und am häufig- 
sten zu grammatischen und ästhetischen Besprechungen , besonderf zur 
Zergliederung der verschiedenen Satzfbrmen. In Secnnda und Prima 
sollen die freien Vorträge allmäKg aufsteigen bis zur sichern und leichten 
Bewältigung eines schwierigeren und längeren Sto£Pes ^in fliessender 
wohlklingender und lebendiger Rede. Zu extemporirten Vorträgen wer- 
den historische Partieen , zu meditirten besonder» Stoffe aus der Privat- 
und Classenlecture gewählt. Das Lesen geschieht nach JEÜecke's Vor- 
schriften S. 189 fiT. und es werden dazu nicht Bruchstücke^ sondern ganze 
Stncke, namentlich auch Reden gebraucht. Der Lehrer soll das Stuck 
besprechen und bei schwierigeren Stellen vorlesend, erläuternd und anre- 
gend eintreten. Die mit den mündlichen Uebungen in enger Verbindung 
stehenden schriftlichen Arbeiten sollen auf der untersten Stufe im Repro- 
duciren oder Nacherzählen, namentlich im prosaischen Nacherzählen län- 
gerer Gedichte epischen Inhalts, und prodnctiv in Beschreibungen und 
Schilderungen angeschauter Gegenstände ^ in Erzählungen über gegebene 
Wörter, in Aufsätzen über Erfahrungen und Anschauungen nnd in leichten 
Vergleichungen bestehen. Doch sind auch hier noch besondere ortho- 
graphische Uebungen nothig. In Tertia werden sie Schilderungen nnd 
Beschreibungen (zum Theil in Briefform), schwierigere Vergleichungen, 
gedrängte Auszüge aus gelesenen Dramen , Romanen (?) und historischen 
" Stücken, Erzählungen über Sprüchworter und Sinnsprüche, Paraphrasen 
kürzerer didaktischer Gedichte oder Prosastücke, Erörterungen leichterer 
Sprüchworter, überhaupt leichte Abhandlungen (nur nicht moralischen 
Inhalts) und dann und wann auch rhetorische Versuche. Auf der ober- 
sten Stufe nehmen die schriftlichen Arbeiten immer mebr die Productions- 
föhigkeit in Anspruch nnd bestehen aus der Bearbeitung von Themen, 
' die für die Jugend nicht zu fern liegen, nicht zu schwer sind und nicht 
zu trockenen Reflexionen fuhren , sondern das jugendliehe Interesse erre- 
gen. Die Disposition bleibt besonders in Prima dem Schüler überlassen, 
W. Jahrb. f.Phik «. Päd. od. KrÜ. BibL Bd. XXX VIII. Mlft.% 14 



210 Schul- und Uni verBitatsnachcicht.en, 

' ' - 

doch seil der Lehrer anfangs durch Andeutungen darauf hinfuhren« Rhe- 
torische Versuche müssen hiec häufiger Torkommen, poetische Versuche 
dargeboten werden, wenn auch frei gelassen bleibt, wie weit sich der 
Schüler darin versuchen wUU Neben den häuslichen schriftlichen Arbei- 
ten sollen überall schriftliche Classenarbeiten vorkommen, die auf der 
untersten Stufe häufiger angesetzt werden, in Tertia für die Vorbereitung 
auf das Abiturientenexamen und künftige Geschäftsleben wenigstens mo- 
natlich einmal stattfinden, auf der obersten Stufe bei dem Heranrücken . 
der Abiturientenprüfung wieder häufiger eintreten sollen. Die Correctur 
der häuslichen Arbeiten in allen Classen ist nur ein Anstreichen der Fehler, 
welche der Schüler dann selbst auffinden und berechtigen muss. Auf der 
untersten Stufe wird besonders nach richtigem Zusammenhange, Klarheit 
der Gedanken und Einfachheit des Ausdrucks gestrebt, daher dem schwül- 
stigen und schleppenden Stile, der Häufung von Nebenbestimmungen und 
dem Gebrauche längerer Sätze entgegengearbeitet, und die Rechtschrei- 
bung und Satzzeichnung eingeübt. In Tertia ist Klarheit der Gedanken 
und Gewandtheit der Sprache zur Aufgabe gemacht , und der Lehrer hat 
also geg*bn die Anhäufung der Nebenbestimmungen- und Nebensätze und 
gegen die Einschachtelung und trichterförmige Abstufung der Sätze zu 
kämpfen. [Hier ist der Hauptkampf vergessen, welcher auf dieser Stufe 
gegen das 8<^genannte Predigen und Moralisiren in Aufsätzen reflectiren- 
den Inhalts begonnen werden muss, d. h. gegen das aus der Ungeschick- 
lichkeit einer zusammenhängenden und folgerichtigen Gedankenentwick- 
lung hervorgehende maasslose Ausschweifen in allgemeine Reflexionen 
und das Ausprägen derselben in ermahnendem und belehrendem, oder 
wohl gar in warnendem und strafendem Tone« Dieser Fehler , sobald 
man ihn einreissen lässt, steigt dann namentlich bei den minderbefähigten 
Schülern bis Prima hinauf und erschwert es dem Schüler ausserordentlich, 
aus der Zusammenreihung^ der Gedanken zur. Entwicklung derselben aus 
einander zu gelangen und von den wesentlichen die ausserwesentlichen 
und ungehörigen Gedanken ausscheiden zu lernen.] In Prima soll bei 
der Correctur der Arbeiten besonders auf grammatische Erörterungen 
und Disponirübungen gesehen werden« Man erkennt aus den Vorschlägen 
des Verf. gar leicht, dass er bei der Bestimmtgig der praktischen Uebun- 
gen überall ein vorsichtiges Aufsteigen vom Leichtem zum Schwereren 
und ein kluges Berechnen der geistigen Kräfte des Schülers beachtet 
hat und dass er damit dem grade im deutschen Unterrichte so leicht mög- 
lichen Ueberschätzen und Ueberspannen der Fassungs- und Productions- 
kraft der Jugend mit Erfolg entgegentritt. Die methodischen Winke für 
die Ausfuhrung der einzelnen Uebnngen sind ebenfalls sehr verständig 
und praktisch, aber freilich auch grösstentbeils so allgemein und einseitig 
gehalten, dass sie die wahren Schwierigkeiten der Methodik meist gar 
nicht berühren. Dies ergiebt sich schon daraus, dass über die prakti- 
schen Uebungen der mittlen und obersten Classen, obgleich sie die mei- 
sten Schwierigkeiten haben, überaus wenig bemerkt ist, und dass aus 
den gesammten methodiischen Angaben nicht einmal klar wird, ob man 
bei diesen praktischen Uebungen ein mechanisches Einüben oder eine 



Beförderungen und fihrenbeseigangen. 



211 



rationale Behaodlangsweise festhalten solL Dass der Verf. das Letitere 
will, bezweifelt Ref. keinen^ Augenblick; aber seine Vorschriften Ter- 
bieten wenigstens das Erstere nicht. Ob der Lehrplan des Verf. yoU- 
ständig und allseitig genug sei und alle Bildongsrichtongen des dentsclMa 
Unterrichts umfasse, das lasst sich nicht hinlänglich beurtheilen, weil 
mehrere sprachliche Uebungen und Bildungsrichtungen eben so gut dem 
griechischen und lateinischen, wie dem deutschen Unterrichte zugewiesen 
werden können, und der Verf. gar nicht berührt hat, wie weit sein deut- 
scher Lehrplan mit dem griechischen und lateinischen in harmonischer 
Verbindung und Wechselwirkung steht. Hält man aber fest, dass ^r 
den deutschen Unterricht als ein Hauptmittel der allgemeinen geistigen 
Ausbildung des Schülers angesehen wissen will, und dass demnach 
auch in dem dafür rorgezeichneten Lehrpiane die drei Hauptrichtnngen 
alles sprachlichen Unterrichts, nämlich das Kräftigen und Lebendig- 
machen des bereits erlangten sprachlichen Wissens durch Benutzung des- 
selben KU Productionen alter Art, das naturgemässe und rationale Erwei- 
tern nnd Vervollkommnen des sprachlichen Wissens, und ,das Benutzen 
desselben zur Entwicklung und Ausbildung <]es Erkenittniss-, Denk-, 
Urtheils- und Gefuhlsvermdgens, ganz besonders ausgeprägt sein müssen: 
so wird man freilich namentlich in den für die, mittle und oberste Stufe 
Yorgesciiriebenen Uebungen mancherlei Lucken finden. Allerdings hat 
sich Hr. M. für die Entschuldigung dieser Lücken eine recht bequeme ^ 
Hinterthüre in den rhetorischen Vorträgen offen gelassen, die er für die 
oberste Stufe vorschreibt, ohne specieller anzugeben, was er in den- 
selben erfallt wissen will und wie weit sie nur Rhetorik im alten Sinne 
des Wortes oder eine den Forderungen der Gegenwart .entsprechende 
Stilistik .sein i^ollen. Ebenso sind die für Tertia vorgeschlagenen rhetori- 
schen Vorübungen ein gleich schwankender Begriff, und können Vielerlei 
umfassen. Dennoch aber scheint es , als müsse man grade von hier ßXtB 
die Hauptausstellung begründen. Es ist schon im Allgemeinen die Auf- 
gabe des Sprachunterrichts in den obem Classen, die Schüler in die 
Kenntniss 4er verschiedenen Stilgattungen einzuführen und ihnen von den 
wesentlichen Unterschieden und Hauptmerkmalen derselben ein klares 
Bewusstsein zu verschaffen. Dem deutschen Sprachunterrichte gehört 
aber diese Aufgabe ganz besonders an, weil sie sich durch ihn wenn auch 
nicht grade theoretisch am besten erfüllen, doch wenigstens praktisch 
am bequemsten einüben lässt. Die Stufenfolge kann hierbei keine andre 
sein , als dass man in Secnnda den historischen und philosophischen Stil 
vornimmt, in Prima den philosophischen fortsetzt und den oratorischen 
anfügt« Nebenbei ist natürlich auch aus der Poesie das Nöthige des 
epischen, didaktischen, lyrischen und dramatischen Stils zu behandeln, 
nur dass hier ein Schwanken darüber obwalten kann, ob man diese 
Uebungen ganz nach Prima verlegt , oder den epischen und didaktischen 
Stil mit dem historischen und philosophischen parallel gehen lallst. Dar- 
über findet sich nun aber im Lehrplan des Verf. Nichts: denn die Rhe- 
torik ist ja doch eigentlich nur die Lehre vom oratorischen Stil. Und in 
den praktischen tTebungen vermisst man das Lesen und Vergleichen von 

14* 



212 Schal- ttnd UniTeriitätsnachrichten, 

Prosastucken huitorischen und philosophischen Inhalts, un daran den 
Unterschied der concreten und ahstracten Redeform, der Erzählung und 
Beschreibung und der Reflexion und Gedankenentwicklnng zu lehren. 
Es kann sein, dass für die Kenntniss der historischen Schreibart die 
historischen Bächer des Cäsar und Sailust, des Herodot und Xenophon 
benutzt werden sollen ; denn allerdings ist bei ihnen der historische Süt 
reiner ausgeprägt, als bei den deutschen Geschichtschreibern, welche 
insgesammt zu sehr von einem refiectirenden Standpunkte aus di^rstellen; 
aber der Lehrstoff für die philosophische Schreibart muss jedenfalls 
zumeist von deutschen Mastern entnommen werden, da von den griechi* 
sehen und lateinischen Classikern, die in Secunda gelesen werden können, 
^ ' nur etwa Xenophon's Memorabilia dafür zu brauchen sind. Sodann ist 
es nicht genug, dass der Schäler die sprachlichen Kennzeichen und 
Unterschiede des historischen und philosophischen Stils erlernt; sondern 
es müssen auch Uebungen vorkommen, durch welche man seinen Geist 
gewohnt, über abstracto Stoffe zu denken und Gedanken aus einander 
zu entwickeln. Die eine Uebung dafür hat der Verf. angegeben, nur 
vielleicht nicht genug hervorgehoben. Es sind dies nämlich die Inhalts-- 
auszüge und Auseinandersetzungen des Ideenganges gelesener Schriften 
ahstracten Inhalts, der aber für den Schüler fasslich oder ihm vorher 
gehörig erklart sein muss. Indem dieser nämlich bei diesen Uebungea 
genothigt ist, fremde Gedanken richtig aufzufassen und in gedräng^ter 
Uebersicht und richtigem Zusammenhange wiederzugeben , so gewinnt er 
dadurch auch Fertigkeit für die richtige und folgerechte Darstellung 
seiner eignen Gedanken. Aber da diese Uebungen eigentlich nur einen 
receptiven Nutzen gewähren , so gehören als prodactive Ergänzung dazu 
die schon von Tertia an möglichen Begriffserörternngen und Erklärungen 
synonymer und homonymer'Wörter. In Tertia erscheinen sie zuerst als 
Begriffsbeschreibongen [sogenannte Descriptionen , d. i. Unterordnung 
unter höhere Begriffe und Eintheilung in'specielle und individuelle 
Begriffe] und als allgemeine Erklärungen leichter Wortclassen eines 
Stammes, d« h. des Stammwortes und der davon abgeleiteten und damit 
zusammengesetzten Wörter. Eins der umfassendsten, aber freilich schon 
ziemlich schwierigen Wörter ist das Wort Math saromt seinen vielen 
Sippen. In Secunda werden dann Wortdefinitionen versucht, und eine 
zweite sehr nützliche Uebung ist,* Wörter eines und desselben Begriffs 
aus verschiedenen Sprachen vergleichen und die in jeder Sprache vor- 
handene' Grund Vorstellung, den Umfang des Gebrauchs und die Abhand- 
lungen der Bedeutung aufisuchen und bestimmen zu lassen. Dazu eignen 
sich z. B. die Wörter dgenj, virtua und Tugend; dinatoavvrj (ßt%i])j 
iusHtia (tu«) und GereehtigkeU (Recht) etc. Ferner müssen sich von 
S^cnnda an die Aufsätze %ber leichte Themen ahstracten Inhalts und 
über Erfahrungssätze vervielfältigen, damit der Schüler Gelegenheit 
finde , eigne Gedanken auszusprechen und nicht immer blos Erlerntes zu 
wiederholen. Hr. M. hat diese Aufisätze erwähnt, aber sie bis nach 
Prima hinauf zu sehr hinter die historischen' Aufsätze zurückgedrängt, — 
veranlasst vielleicht durch die preuaisische Ministerial Verfügung, weiche 



r 

Bcfordernngea and Ehrenbezeigun^gen. 213 

selbst noch bei der Abiturientenprofang für den deutschen Anfsatsi nur die 
Bearbeitung einelt historischen Stoffes verlangt. Allein jene Yerordnang 
hat ihren Grand' darin , dass Abhandlangen über abstracte Gegenstände 
bei dem Gymnasiatschuler fortwährend sehr einseitige and beschränkte 
Prodacte bleiben, und am meisten misslingen, wenn sie schnell ange- 
fertigt werden sollen. Der Kreis der Ehrfahrungen nnd geistigen Ideen 
des Schülers ist nämlich noch ein sehr beschränkter und lückenhafter, 
und es macht ihm schon viel Noth, dieselben zur Beantwortung einer 
Wahrheit in einei' gewissen Vollständigkeit zusammenzabringen , noch 
weit grossere aber, das Zusammengebrachte za sichten und in folge- 
richtiger Entwicklung und Anordnung darzulegen. Deshalb geräth er 
auch eben bei diesen Aufsätzen leicht in die Gefahr, dass er die Sichtung 
seiner Ideen gar nicht Toinimmt, und deshalb gar oft in den schon 
oben gerügten raisonnirenden und moralisirenden Erörterungston verfallt. 
Indess darf dieser Uebelstand nicht das Ausschliessen solcher Aufsätze, 
sondern nur diejenige Rücksicht gebieten , dass man dem Schüler für die- 
selbea eine längere Zeit der Vorbereitung und Ueberlegung zugestehe 
und einen solchen Erorterungsstoff wähle, an welchem derselbe ein 
lebendiges Interesse nimmt und über welchen er schon einen hohem Vor- 
rath von Kenntnissen besitzt. Die historischen Aufsätze nämlich geben 
genau genommen dem Schüler nur Gelegenheit, die im Gedächtniss 
erhaltenen historischen Kenntnisse wieder vorzufuhren , und da sich ihre 
Anordnung und Reihenfolge gewohnlich schon von selbst darbietet, so 
verlangen sie kein grosses Nachdenken, und üben darum nicht eben 
grossen Einfluss auf die intellectuelle Bildung. Fängt aber der Schüler 
etwa an , über historische Stoffe zu reflectiren , so misslingt dies in der 
Regel weit mehr als bei den philosophischen Stoffen : denn es fehlen ihm 
eben zu historischen Reflexionen fast alle Lebenserfahrungen und Kennt- 
nisse , welche dazu nothig sind. Das Erörtern und Beweisen philosophi*^ 
scher Wahrheiten aber erre^ und stärkt in nachdrücklicherer Weise das 
eigne Nachdenken, und fordert somit das Prodnctionsvermogen : denn 
wenn auch die zu Grunde gelegten Ideen ebenfalls nur erlernte nnd aus 
dem Gedächtniss reproducirte sind , sO liegen sie doch nicht in der durch 
äussere Verhältnisse bestimmten Ordnung und Reihenfolge in der Seele, 
wie der historische Stoff, und müssen überdies in neue Formen und 
Gestalten umgewandelt werden, um zu Beweisen dienen zu können. 
Natürlich aber erfordern jsie , besonders bei den Anfängern, eine grossere 
Beihülfe und Unterstützung des Lehrers« Derselbe mnss schon einige 
Zeit vor der Aufgäbe seine Schüler auf den zu erörternden Stoff auf- 
merksam machen nnd sie veranlassen , darüber nachzudenken und Ideen 
zu sammeln, selbst das und jenes darüber nachzulesen. Sodann nimmt 
er den Gegenstand za einer allgemeinen Besprechung vor , erforscht die 
Ideen und Ansichten der Schüler darüber, verlangt die mündliche Aus- 
einandersetzung nnd Erklärung der Hauptideen und berichtigt, erläutert 
nnd ergänzt das Irrige und Fehlende. Durch weitere Besprechung wird 
dann darauf hingeführt, wie sich die pinzelnen Idden und Ansichten zum 
Granzen vereinigen lassen, und in welcher Anordnung und Vertheilung 



214 Schal» und UaiYersitatsnacbrichteDi 

9 

sie als Beweis far diese oder jene Wahrheit dienen können, Qlan erst folgt 
die Angabe selbst, anfangs nicht na'r mit gegebener Disposition and defi- 
nirender Erklärung der leitenden Sätze, sondern aach mit .scharfer Be- 
stimmung der Form , in welcher die Erörterung stattfinden soll. Natur-' 
lieh haben die in solche Beschränkungen eingezwängten Entwicklungen, 
fnr welche die Chrie die höchste Kunstferm ist, anfangs em sehr steifes 
Gepräge, aber der jugendliche Geist gewöhnt sich eben dadurch an eine 
feste Form des Denkens , welche durch später hinzugenommene Erweite- 
rungen immer freier und seibstständiger wird. Hat man den Schüler 
dadurch so weit gebracht, dass er seine Ideen nicht blos an einander 
reiht, sondern aus einander entwickelt; dann gestattet man ihm in Bezug 
auf Disposition und Entwicklungsform immer grössere Freiheit, deren 
Förderung man noch dadarch beschleunigen kann, dass die oben erwähnten 
Dispositionsentwicklungen sich mehren und öfters der Entwicklungsgang 
gelesener Schriften besprochen wird. Von mehreren andern praktischen 
Uebungen, die fSr den deutschen Unterricht nutzlich oder nothwendig 
sind, erwähnen wir hier nur noch die von dem Verf. übergangenen 
Uebersetzungen aus ' fremden Schriftstellern, und zwar Uebersetzungen 
solcher Stellen, in denen entweder die Form der Rede und der kunst^ 
reichere Satzbau oder das richtige Wiedergeben abstracter Begriffe und 
tieferer Ideenentwicklung dem Uebersetzer besondere Schwierigkeit 
macht und so das Nachdenken fördert und Sprachgewandtheit bringt. 
In diesen Kreis gehören auch die metrischen Uebersetzungen, welche 
allmälig in freie Nachbildungen poetischer Stacke übergehen können, 
und als solche far den Schuler gewiss nutzlicher sind, als das vom Lehrer 
gebotene Anfertigen eigner Gedichte. Hierbei mass Ref. Sauch noch der 
sogenannten Paraphrasen oder prosaischen Umschreibungen deatscher 
and fremder Gedichte gedenken, aber deren Behandlung Hr..M. nicht 
zureichenden Aufschluss zu geben scheint. Sie nutzen natürlich wenige 
wenn sie nur ein allgemeines Nacherzählen des Inhalts oder eine dem 
Zufall und dem dunklen Gefahl uberlassene AbstreiVung der poetischen 
Form sind. Aber sie werden wichtig, wenn man sie an Gedichten vor* 
nehmen lasst, bei welchen man in fortschreitender Stufenfolge erst die 
Kennzeichen der poetischen, d. h. der bildlichen, versinnlichenden, male- 
rischen und tropischen Rede, dann die der Gefuhlssprache oder der meta- 
phorischen, erregten, emphatischen, prägnanten und figurirten Ausdrucks- 
weisen klar gemacht, auf ihre Ursachen und Entstehungsweise hingewiesen 
und die Mittel zu ihrer Bildung and Beseitigung erklärt und eingeübt hat. 
So werden sie nämlich zu erfolgreichen Uebungen für die Erkenntniss 
der Phantasie- und Gefühlssprache überhaupt und zu yprübungen, unm 
den Schüler in den nationalen Geschmack unsers Volkes einzuführen^ 
Werden sie mit naturgemässem und bedächtigem Aufsteigen vom Einzel- 
nen zum Allgemeinen und von der äussern Anschauung in Beispielen zum 
abstracten Gesetze vorgenommen; so kann man schon in Seconda bis 
dahin gelangt sein, dass der Schüler an den Balladen von Bürger die 
volksthümliche epische Erzählung und Beschreibung, an denen von Schiller 
das Herrschen und die Wirk^mkeit der Phantasiesprache, an.den Uh- 



Beförderungen und Ehrenbexeigungen. 



215 



landischen den poetischen Werih der Gefnhlssprache und an den Baliaden 
Gothe's das Uebergehen der epischen Handlang in ein dem Gemälde rer- 
gieichbares Bild ziemlich klar und deutlich erkennt and die Bedingungen 
dieser Erscheinnngen aus der Form der Sprache herausfindet, überhaupt 
die wesentlichsten und hauptsächlichsten Grundgesetze der poetischen 
Sprache ohne grosse Schwierigkeit erLemt hat. Je öfterer man zu diesen 
Erläuterungen nicht blos deutsche , sondern auch lateinische nnd griechi- 
sche Gedichte gebraucht, um so mehr ergeben sich für ihn Unterschei- 
dungen und Gegensätze, um so klarer erkennt er den Umfang und die 
Gesetzmässigkeit der einzelnen Erscheinnngen, und um so leichter kommt 
fSr ihn allmälig der Unterschied des antiken und modernen Gefühls- 
lebens zum Bewusstsein. Garn ähnliche Erörterungen, wie die Prosa- 
paraphrasen Ton Gedichten, verlangen auch die sogenannten rhetorischen 
Vorübungen, und auch hier gilt es, die eigenthümliche Sprache der 
Beredtsamkeit im Einzelnen erkennen und in ihren Ursachen, erfassen 
zu lehren:' nur aber müssen diese Erörterungen eben nur mündliche 
Besprechungen bleiben , weil das Paraphrasiren ron Reden oder das 
Auflösen derselben in blosse Abbandlungen für den Schüler zu uninter- 
essant ist und daher dessen geistige Thätigkeit mehr abstumpft als 
erregt. Für einzelne Fälle indcss. ist auch dafür ein Auskunftsmittel 
geboten in deijenigen Aufgabe,* dass man bei einigen leichtern Ciceroni- 
scheh Reden, w^nn sie in der Classe gelesen worden sind, eine Prüfung 
der Richtigkeit und Beweiskraft der vorgebrachten Argumente vornehr 
men nnd dabei den Schüler besonders auf solche Stellen achten lässt^ 
in welchen die Schwächlichkeit der Beweise hinter einem absichtlich 
gewählten Rede -Pathos sich versteckt. Doch muss dann schon bei der 
Erklärung der Rede auf diese Dinge besondere Rücksicht genommen 
worden sein , weil sonst die Aufgabe für Schüler zu schwer ist^ Bei 
allen praktischen Arbeiten übrigens muss der Lehrer es sich überall zur 
entschiedenen Aufgabe machen , bei jeder neubegonnenen Uebung zuerst 
nur Form und Stoff dafor erlernen zu lassen. Daher müssen die ver- 
suchten praktischen Arbeiten anfangs durchaus nur eineyreceptive Ten- 
denz und einen reproductiven Charakter haben, und dürfen erst dann auf 
das Productive gerichtet werden , wenn das formelle und materielle- 
Wissen* des Schülers dafür hinlänglich bereichert ist. Hr. M. hat diesen 
Grundsatz im Allgemeinen übesall sehr entschieden festgehalten, ihn aber, 
wie es scheint, bei den freien Vorträgen vergessen, und deshalb den- 
selben eine Ausdehnung nnd einen Bildungswerth beigelegt, den Ref. 
nach seinen Erfahrungen für weit überschätzt nnd übertrieben ansehen 
muss. Freie mündliche Vorträge haben allerdings den unbestrittenen 
Einflulis, dass si» dem. Schüler die Befangenheit und Aengstlichkeit 
benehmen, ihii zu einer gewissen Sprechfertigkeit und SprachgewCndt- 
heit fahren, und ihn gewöhnen, seine Gedleinken über irgend einen Gegen« 
stand schnell zu sammeln , zu ordnen und ihnen nach Stoff und Form eine 
angemessene' sprachliche Ausprägung zu g<gben. Allein sie sind auch das 
gcföhrliche Mittel, durch welches man den Schüler sehr leicht zur blossen 
Zungenfertigkeit und zum Schwätzen, zum Angewöhnen ein^ breiten, 



216 Schal- und Unlyergitätsnacfarrichten, 

pomphaften und inhaltsleeren Rede and fiberhaopt zar Gedankenleerheit 
and Gedankenarmath Terfnhrt. Der Beweis dafar liegt schon in der gar 
nicht seltenen Erscheinang Tor, dass oft unwissendere Schaler, sobald 
sie nur ein gewisses SelbstTertranen und einige Sprachgewandtheit 
besitzen, über einen aufgegebenen Stoff Tiel geläufiger und ausgedehnter 
reden, als die ordentlich und tüchtig durchgebildeten. Sie sind nämlich 
nm den Inhalt ihrer Rede ziemlich anbekümmert und nur auf's Worte- 
machen bedacht, während der geistig reifere Schüler, mit der Richtig- 
keit des Gedankens beschäftigt, fortwährend stockt und keine Worte 
finden kann. Aus demselben Grunde pflegt auch grade bei den bessern 
Schülern, die in -den untersten Classen ziemlich gewandt und lebendig 
über Etwas frei zu reden wussten, diese Fertigkeit weiter oben auf- 
fallend abzunehmen und gar nicht die Fortschritte kund zu geben, welche 
man nach den frühem Proben erwarten sollte. So lange diese Vorträge 
sich in dem K'reise des blossen Nacherziihlens geschichtlicher Stoffe 
halten , da geht allerdings bei dem Vorhandensein eines regen Gedächt- 
nisses die Gewandtheit der Darstellung fort, aber die Vorträge nutzen 
nicht viel, weil der Stoff wenig Nachdenken verlangt und ziemlich mecha- 
nisch nach irgend einer angeübten Reihenfolge hergesagt wird. Lässt 
man einen und denselben Schüler mehrere solcher Vorträge bald hititer- 
einander halten; so klingt gewohnlich einer wie der andre, and alle 
haben eine gleichförmige Entwicklangsweise. Sobald aber die exterapo- 
rirten Vortrage auf das Feld der Reflexion kommen; so sind sie bei 
Erwachsenen noch oft genug ein leeres Moralisiren und Raisonniren, 
oder ein Abschweifen auf allerlei Nebengedanken , und bei dem Schüler 
ist dieser Uebelstand beinahe gar nicht zu yermeiden. Ref. hat aller- 
dings auch diese Uebungen beim deutschen Unterrichte seit Jahren fleissjg 
angewendet and den oben angegebenen Nutzen fortwährend bestätigt 
gefunden; aber er hat sich auch bei kaum einem andern Unterrichts- 
gegenstande so yiele Beschränkungen und Rücksichten auflegen müssen, 
als bei diesem. Das Behandeln der erzählenden Vorträge hat Hr. M. im 
Ganzen sehr richtig bestimmt, nur müssen sie schon von Quarta an 
sparsamer werden , und bei dem Nacherzählen geschichtlicher Abschnitte 
sind die dem Schüler sich aufdrängenden Reflexionen ganz besonders 
scharf zu. beobachten. Doch sind diese geschichtlichen Vorträge in. selt- 
nerer Anwendung noch bis nach Secunda hinauf fortzusetzen , aber mit 
der doppelten Beschrankung, dass man reprodudrend weit ausgesponnene 
and detaillirte geschichtliche Erzählungen in's Kurze zusammenziehen lässt 
und den Schüler an das Ausscheiden und^Wiederrerbinden der Hauptdata 
gewohnt, Dder dass productiv die geschichtlichen Stoffe nach einer fest 
TOrgeschriebenen Form, z. B. nach den Vorschriften des bekannten Lehr- 
satzes: Qutt, gvid, uhi, quibus auoaUis, cur, quomodo, quandOy dargestellt 
werden müssen. In beiden Fällen muss man übrigens eine längere Zeit 
zum Meditiren geben und Ungeübteren wohl selbst ein vorheriges Nieder- 
schreiben des Vortrags gestatten. Damit er aber den niedergeschriebe- 
nen Aufisatz nicht aaswendig lerne, sondern ihn wenigstens sprachlich 
trti reproducire , so lässt man sich denselben vor dem'^Halten des Vor- 



' Beförderungen and Bhrenbeseigangen. 217 

trags aasantworten und irimint ihn zom Vergleichen ztir Hand. Um^dieae 
Uebangen allgemeiner zu machen, ^ird der ganzen Clasae aufgegeben, 
sich auf den Vortrag einzurichten , und diejenigen, wefthe ihn dann nicht 
halten dürfen, werden zur ^eurtheilung desselben in der Weise zugezo- 
gen, dass sie ihre Einwendungen und Ausstellungen angeben dürfen, 
welche der Lehrer dann in seiner eignen Censur recapitulirend und 
berichtigend mit erwähnt. Der Hauptstoff für die freien Vorträge der 
Tertia und Secuhda*aber sind Reproductionen gelesener Schriften oder 
Schriftstücke eines leichten philosophischen Inhalts, wozu in Secnnda 
auch Reproductionen von leichten Reden kommen können. Sind die dazu 
gelesenen Schriften yon grösserem Umfange, so lässt man nur den Haupt- 
inhalt ausheben und nach den leitenden Ideen zusammenordnen, erlaubt aber 
dem Schüler, über einzelne Partieen, welche sein Interesse besonders erregt 
haben, sich weiter auszubreiten und dabei wohl auch eigne Gedanken 
mit einzuweben. Die Darstellungsform darf durchaus nicht argnment-^ 
artig sein , sondern muss als freie Entwicklung der ausgehobenen Ideen 
erscheinen. Am liebsten lässt ihan diese Reproductionen aus Schriften 
fremder Sprachen machen, weil bei ihnen der Schüler die Darstellungs- 
form schärfer zu beachten genöthigt ist, weil die abstracten Erörterun- 
gen der Griechen und Römer gewöhnlich concreter und anschaulicher 
sind, als die der deutschen Schriftsteller, und weil die Umwandlung des 
gefundenen Gedankens in deutsche Rede eine neue Uebung ist. In Prima 
werden diese Reproductionen air noch schwierigeren Schriften fortgesetzt, 
aber es kommen eigne productive Erörterungen leichter Themen hinzu. 
Bei den letztem giebt man dem Schüler die Wahl des Thema's frei , lässt 
sich aber dasselbe acht oder vierzehn Tage vorher mittheilen , um ihn 
über den Vorrath seiner Ideen zu vernehmen und hervortretende Unklar- 
heiten zu berichtigen , und kündigt auch dieses Thema acht Tage vorher 
den übrigen Schülern an , ^ damit sie sich auf dessen Beurtheilnng ein- 
richten können, welche ebenso, wie in Tertia und Seconda, von dem' 
Lehrer benutzt wird. Bei allen diesen Uebungen ist , wie sich ergiebt, 
dem ■ Schüler ein vorhergehendes längeres Meditiren zugestanden , und 
auch das Niederschreiben^ seiner Meditationen wird ihm unter denselben 
Beschränkungen, wie in Tertia und Secunda, nicht nur gestattet, 
sondern sogar aufgegeben. Um aber auch an das schnelle Auffassen, 
Ordnen und Darstellen abstracter Gedanken zu gewöhnen , so lässt man 
die Oberprimaner bisweilen den Versuch machen, über leichte und 
beschränkte Themen nach kurzer Meditation in der Classe einen freien 
Vortrag zu halten ; die Unterprimaner aber werden angehalten , über die 
meditirten Vorträge während des mündlichen Vortrags ein Protokoll auf- , 
zunehmen, das nachher von mehreren vorgelesen und nach seinen Vor- 
zügen und Mängeln besprochen wird. Für die Ausbildung eines richtigen 
und schönen mündlichen Vortrags nützen diese freien Vorträge nur in 
beschränkter Weise , und darum kann« sie Ref. durchaus nicht als Ersatz- 
mittel für die Declamationsübungen ansehen. Dass der Schüler laut, 
deutlich und distinct spreche, dazu kann man ihn allerdings daran gewöh- 
nen; auch wird, weil er eben eigne Gedanken vorträgt, die Betonung 



218 ' Schäl- und Uniyerftitätsnachricbteii, 

der einzelnen Satze meUtentheils richtig sein. Aber da ihn die Repro* 
dactton der Gedanken und Worte dabei yorherrschend beschäftigt, so 
wird er das für den gesammten Zusammenhang' und Fortgang der Rede 
richtige logische Tonverhältniss schon oft y erfehlen', und an einen ästhe- 
tischen und gefuhlyoUen Vortrag ist darum nicht zu denken, weil 
dergleichen freie Vorträge nicht leicht in eine gefablyoUe Darstellung 
übergehen, sondern ihr höchstes Ziel in einer relativen Lebendigkeit 
der Rede haben. Und somit fallt also die ganze Gefahls- und Geschmacks« 
bildung weg, welche durch .die Declamation erreicht werden soll. Uebri- . 
gens hat Hr. M. yoUkommen Recht, die Declamationsubungen im Gym- 
nasium zu yerwerfen, sobald er ihr Ziel in der Erreichung eines theatra- 
lischen Vortrags findet, oder auch nur das gewöhnliche Verfahren bei 
diesen Uebnngen gelten lässt. Aber yielleicht überzeugt er sich mehr 
von ihre'm Nutzen, wenn er sich folgende Behandlungswelse denkt. Hat 
man. in den untersten Classen irgend ein Gedicht für den, Zweck des 
richtigen Lesens durchgegangen und es dahin |^bracht, dass man defi 
einzelnen .Schuler hervortreten und es ihm sitzend oder stehend Vorlesen 
lassen kann ; so liegt die Aufgabe nahe, dasselbe Gedieht von der ganzen 
Classe auswendig lernen und dann von mehreren nach einander yor der 
Classe recitiren zu lassen. Die ersten Versuche werden nur so gemacht, 
dass der Schüler dabei in anständiger Korperhaltung dasteht, und dass 

' der mündliche Ausdruck möglichst yoUkommen ist. Und da in diesen 
Classen yorherrschend nur erzählende Gedichte gelesen und erklärt wer- 
den, so zeigt man ihm dann die natürliche Bewegung der Hände bei dem 
Erzählen und macht ihm an einseinen Hauptmerkmalen begreiflich, wann 
er eine und wann er beide Hände gebrauchen soll. Ist diese Handbewe- 
gong geläufig gemacht, so zeigt man ihm den Gestus des Hiaaeigens 
und den der Beschreibung im Räume, beide -in ihren Hauptabstufungen 
in der Anwendung einer oder beider Hände. Diese Bewegungen müssen 

' allerdings ganz einfach smu, und alle schwierigeren Wendungen der 
Hand weglassen ; aber leicht lässt sich dabei begreiflich machen , wenn 
die Hand- und Armbewegung schön und wenn sie unschön ist, und bei 
welchen Bewegungen die flache innere Hand nach oben oder unten 
gedreht sein soll. Declamirt werden anfangs nur Gedichte , welche erst 
in der Lehrstunde gelesen und erklärt worden sind , später schreibt man 
eine Anzahl Gedichte yor, aus denen der Schüler wählen und wofür er 
den mündlichen und körperlichen Vortrag nach den erlernten Regeln sich 
selbst bestimmen datf. In Tertia wird in dem Grade, als sich der Lese- 
kreis der epischen und erzählenden Dichtungen erweitert, auch die Aus- 
wahl für die Declamation grösser, und sowie sich das Bewusstsein des 
gefühlvolleren Lesens eir^eitert, so werden auch dem Schüler noch 
allerlei Erweiterungen des erzählenden und hinzeigenden Gestus vorge- 
fehrt. Beginnt das Lesen didaktischer und lyrischer Gedichte, so wer- 
den die erklärten und yorgelesenen eben&lls von der ganzen Classe aus- 
wendig gelernt und dann von mehreren frei vorgetragen. Dazu zeigt 
man den Schülern die natürlichen Ifondbewegungen für erörternde und 
beiehrende Vorträge und den wechselnden Gebrauch einer und beider 



Bj^fordernngen and Ehrenbezeigungen. 219 

I 

Hände. Daran sfchUessen sich spater in gleicher Erklarungsweise die 
HandbewegQDgen des Verlangens und Znrfickstossens , des ^Flehens, 
Betens , Segnens und Verwünschens. Weil man dieselben allemal an 
einem Gedichte vorzeigt, das von der ganzen Classe gelernt wird; so 
geht die Einübung ziemlich schnell, und jeder heue Gestus wird anfangs 
nur mit einigen Hauptbewegungen angefangen , und die Erweiterung für 
spätere Zusätze aufgeschoben. Hat sich der Schüler nun mehrere Gesten 
angewöhnt; so werden einige schwierigere Gedichte durchgegangen und 
bei ihnen erst der Grundton des mündlichen Vortrags und der herrschende 
Hauptgestus festgestellt, und dann die für die einzelnen Stellen möglichen 
ödes nothwendigen Abänderungen des Tones und der Handbewegungen 
aufgesucht. Die Wahl der zu declamirenden Gedichte hält übrigens der 
Lehrer fortwährend unter strenger Controle und schreibt gradezu vor, 
welche Gedichte allein gelernt werden dürfen, um für die Fortbildung 
der Tonmodulation und der Gesten keine Lücken und Sprunge eintreten 
zu lassen. Zugleich bekämpft er streng und entschieden a)ies Pomp- 
hafte, Groteske und Excentrische im mündlichen Vortrage und in den 
Handbewegungen, lässt nur das Einfache und Natürliche für schon 
gelten , und weist von Zeit zu Zeit auf die Verschiedenheit des schönen 
Vortrags des Gelehrten von der Dedamation des Schauspielers hin, 
indem er dem Schüler erklärt, dass der Schauspieler in eine fremde 
Rolle sich versetzt und seine eigne Person auszieht, der Gelehrte aber 
immer die Würde und den Anstand seiner Person festhält und darnach 
seine Körperhaltung und die Nachahmung fremder Gefühle und Gemütes* 
bewegungen bestimmt und misst. Damit der Schüler denjenigen Ge- 
dichten, die er, wenn auch aus dem vorgeschriebenen -Kreise, doch nach 
freier Wahl zum Declamiren erlernt, vorher ein gehöriges Studium widme, 
so wird ihm aufgegeben, vor der Declamation einen schriftlichen Bericht 
über das gewählte Gedicht abzuliefern, in welchem er den Inhalt und 
Ideengaag desselben angegeben, nach Verhältniss Cfeiner Einsicht den 
herrschenden Ton desselben, die Stilgattung und die vorhandenen Haupt- 
ausprägungen der Phantasie- und Gefühlssprache besprochen und darnach 
die vorherrschende Vortragsweise sammt ihren Hanptveränderungen 
bestimmt bat. Finden sich in diesem Aufsatze ersichtliche Nachlässig- 
keiten oder ergiebt sich beim Declamiren selbst ein unzureichendes 
Mcmoriren : so wird ihm das Recht des Vortragens bis zur Verbesserung 
der bemerkten Fehler entzogen; und da die Declamation in Folge solcher 
Behandlung schon längst eih' Gegenstand der lebhaftesten Theilnahme 
und des Interesses der ganzen Classe ge'worden ist , so wird man selbst 
bei dem nachlässigen Schüler nicht leicht eine, grössere Strafe nöthig 
haben. In Secunda steigt die Declamation immer noch in vorgeschriebe^* 
ner Stufenfolge zu den gefühlvolleren Balladen und immer mehr zu lyri* 
sehen Gedichten auf; die abzuliefernden Berichte, dauern fort; jede nea 
eintretende Gedichtsgattuug oder höhere Stufe derselben wird erst aa 
einzelnen Beispielen mit der ganzen Glasse besprochen, und das Wesen 
der höheren Gefühlssprache , der zu steigernde Wohllaut der Stimme und 
die reichere und verschiedenartigere Gesticnlation etc. nach bestimmten 






$ 

1 



220 Schul- und Unirersitätsnachriehten, 

Gefletsen klar gemacht and ein^eabt; und die so behandelten Gedichte 
müssen allemal von der ganzen Classe gelernt and von mehreren willkür- 
lijsh ausgewählten Schülern yoi^getragen , sowie in spätem Lehrstunden 
bisweilen wiedei'holt werden. Desgleichen werden "hier Ton Zeit za 
Zeit erklärte epische und elegische Stucke aus griechischen und lateini- 
schen Dichtern zum> Declamiren aufgegeben , weil sie in ihrer Einfachheit 
und rhythmischen Volltonigkeit neue Modulationen der Stimme vor- 
fuhren und einen scharfen Gegensatz zu den deutschen Gedichten geben. 
In Prima folgen noch höhere lyrische Dichtungen , lateinische und deut- 
sche Oden, Monologe aus Drftmen u. dgl. , alle aber mit rerausgegange- 
ner besonderer Erörterung.' Die schriftlichen Berichte werden hier 
nachgelassen , aber die Wahl der Gedichte im Allgemeinen immer noch 
Torgeschrieben und nie weiter freigegeben, als dass der Schüler wenig-r 
stens' dem Lehrer das gewählte Gedicht vorher anzeigen und dessen 
Entscheidung darüber einholen muss. Man darf nicht erwarten, dass 

' man auf diese Weise eine .vollkommene Declamationsfertigkeit der Schüler 
erzielt, vielmehr wird sie bei vielen noch sehr mangelhaft bleiben; aber 
das, was erlernt ist, ist wenigstens mit Bewusstsein erlernt, ist ein 
Mittel vielseitiger geistiger Bildung und. Erregung und ein bedeutsames 
Glied des gesammten deutschen Unterrichts gewesen, und wird eine 
sichere Grundlage für die eigne Fortbildung über die Schuljahre hinaus. 
Ref. giebt dem Hrn. Verf. der oben erwähnten Abhandlung die hier mit- 
getheilten Einwendungen und Erweiterungen seiner Vorschläge zur freien 
und strengen Prüfung anheim, und hat durch dieselben nur ein Scherflein 
zur bessern Ausbildung «des deutschen Unterrichts in den Gymnasien bei- 
tragen wollen, dem Hrn. M. aber dieselben grade darum vorgelegt, weil 
er in ihm einen eifrigen und einsichtsvollen Lehrer der deutschen Sprache 
erkennt und durch seine Einwendungen gern weitere Mittheilnngcn über 
den Gegenstand von demselben hervorrufen möchte. — Das Osterpro- 
gramm des Naumburger Gymnasiums von 1843 enthält unter dem Titel: 
QuaesUonum Plautin arum pari, prima von dem Gymnasiallehrer Dr. IFüh. 
Holtze [36 (18) S. gr« 4.], einen sehr fleissigen und brauchbaren Beitrag 
zur Grammatik des Plautus, nämlich eine Untersuchung über den bei ihm 
überaus häufigen Gebrauch der Fragen, und zwar zunächst der ein- 
fachen, d. h. ohne Fragpartikel gesetzten Fragen. Der Verf. hat sich 
dabei die Aufgabe gestellt, eine vollständige Sammlung dieser Fragen zu 
geben , und hat nun die gesammelten Beispiele unter zwei Hauptrubriken 
aufgezählt, nämlich als Fragen, wo der Fragende noch nicht weiss, was 

* der Andre antworten wird , und als solche , wo er dessen Antwort schon 
webs oder doch zu wissen glaubt. Die erstere Classe ist wieder in 
Fragen affirmativer und negativer Form geschieden , und bei den negati- 
ven noch einmal die Doppelart getrennt, wo die Antwort entweder ja 
oder nein ist. Damit die Sammlung für den Grammatiker recht bequem 
und brauchbar sei, so ist auch der kritische Zustand jeder einzelnen ange- 
führten l^telle mit fast übertriebener Sorgfalt beachtet, und der Verf. 
hat jederzeit die Lesarten der Handschriften and die Aenderungen der 
Gelehrten aufgezählt und davon auch Gelegenheit genommen, in den 



Beförderungen und £hreilbe2eigangen. 221 

meisteti FSUen seine eigne Ansicht über die richtige Lesart aasiusprecben 
und nach Umständen auch weiter zu begründen. Bei den Fragen schwie^ 
rigerer Art ist auch die nöthige Erläuterung der Steile hinzugefugt, und 
da der ^erf. in allen diesen kritischen und sprachlichen Erörterungen 
grosse Genauigkeit und' tüchtige Einsicht in die Komödien des Plautus 
kundgiebt, so wird seine Abhandlung auch für die Kritik und Erklärung 
derselben sehr wichtig und beachtenswerth. Für den Grammatiker bleibt 
die Sammlung nur darum eine unbequeme , weil die grammatischen und 
rhetorischen ^Fragen nicht unterschieden sind , und weil man es den ein- 
Beinen Fragen , ohne die Stelle nachzuschlagen , selten ansehen kann , ob 
sie logische Versthndesfragen rein grammatischen Gepräges, oder empha- 
tische Geffihlsansprägungen der Verwunderung, des Unwillens etc. sind. 
Wäre dies strenger geschieden worden, so wurde wahrscheVilich auch 
die Deutung einiger Stellen sich noch etwas anders gestaltet haben« 
Jedenfalls aber' bleibt die Mittheilung insofern eine sehr dankenswerthe, 
als die Zusammenstellung des Materials und die gebotene kritische Fest- 
stellung der einzelnen Stellen die Bequemlichkeit darbietet, den Ge- 
branch der einfachen Fragen bei Plautus im Ganzen zu übersehen. — 
Das Gymnasium in Nordhaüsen hatte in dem zu Ostern 1S40 beschlosse- 
nen Schuljahr 1^1 Schüler in fünf Classen oder 6 QlassenabtheHungen, 
und 6 Abiturientea, im nächsten Schuljahr 156 Schüler und 6 Abitu- 
rienten, und 161 Schüler mit 8 Abiturienten im Schuljahr von Ostern 
1841 bis dahin 1842. Aus dem LehrercoUegium schied zu Ostern 1841 
der Pastor Wagner, welcher schon seit Ostern 1837 seine Lehrstelle am 
Gymnasium niedergelegt und nur 6 wöchentliche Lehrstunden beibehalten 
hatte, und ging als Oberprediger nach Aschersleben, und am 13. April 
1841 starb der seit 31 Jahren am Gymnasium Angestellte Schreib- und 
Zeichenlehrer fFüh, Chr, Alex, Eberwein im 53. Lebensjahre. Seitdem 
besteht dasselbe aus dem Director Dr. Karl Aug. ScMrlHz, dem Con- 
rector Dr. Förstemann [welchem seit Ende ]841 das Prädicat Professor 
beigelegt ist] , den Oberlehrern Dr. Rothmaler, Niemeyer, Dr. RSder und 
Dr. Theiaa [denen seit dem März 1841 das Prädicat Oberlehrer ertbeilt 
worden ist] ,■ den Collegen Albertus und Dr. Hineke , dem Musikdirector 
Sdrgel und dem Schulamtacandidaten Dr. Aug. Ephraim Kramer [der 
aeit 1840 sein Probejahr hier bestand und dann als Aushülfslehrer am 
Gymnasium blieb]. Das zu Ostern 1840 erschienene Programm enthält 
eine mit eben so yiel Begeisterung als Eiinsicht geschriebene Abhandlung : 
Beweis der Möglichkeit und Nothwendigkeit des StudiuiiM der Mathematik 
für die Schüler der Gymnasien Ton dem Mathematicus Dr. Hineke [40 
(24) S. 4.] , worin der Werth des mathematischen Unterrichts für Schu- 
len wenn auch bisweilen in etwas zu ausgedehnter Schätzung, doch in so 
klarer, verständiger und überzeugender Weise dargethan ist, dass die- 
selbe namentlich allen Verächtern dieses Lehrgegenstandes recht drin- 
.gend zur Beachtung empfohlen werden muss. Der Verf. bekräftigt 
zunächst den Werth der Mathematik durch mehrere Zeugnisse alter und 
neuer Gelehrter nnd fuhrt dann zur Abweisung der unverständigen und 
dennoch selbst von Mathematikern oft wiederholten Behauptung, dass 



'/ 



222 \,Schal - and Uniyersitätsnacbrichten, 

* 

diese Wiss^scbaft nur für einzelne Köpfe yerstandlich sei^ den Beweis, 
dass jeder Schäler die elementare Mathematik, d« h. die Mathematik etwa 
bis zu der Stufe hinauf, welche in den preussischen Gymnasien als Lehr- 
oiel gestellt ist, begreifen und erlernen kann, und dass auch jeder, der 
auf [allgemeine] höhere geistige Bildung Ansprüche machen will, noth- 
wendiger Weise Mathematik verstehen muss. Zu diesem Zwecke wird 
zunächst bewiesen , dass die Mathematik , obgleich sie abstracte Wissen* 
Schaft und ein Object des Verstandes, also etwas Inneres , Ideelles, von 
den äussern Erscheinungen Unabhängiges und nur auf dieses Aeussere, 
als Allgemeines auf -das Specielle , Anwendbares ist , dennoch auch für 
den unentwickelteren Verstand begreiflich wird , weil sie in ihren An- 
fängen von einigen wenigen Urbegriffen [nämlich denen der Vielheit und 
Einheit, der Gleichartigkeit und Ungleichartigkeit und der Ausgedehnt- 
heit] ausgeht, welche dem Verstände schon ursprünglich gegeben sind 
und die deshalb der Lehrer nur zu entwickeln und durch Erläuterungen 
zum deutlichen Bewusstsein zu «bringen braucht, und weil sie in ihrem 
Fortgange nur Schritt für Schritt mit Hülfe des Verstandes Tom Leich- 
teren zuin Schwereren , vom Einfacheren zum Zusammengesetzte;ren fort- 
schreitet, somit aber nur . Aufmerksamkeit auf die gethanenen Schritte 
verlangt, um die gefundenen Wahrheiten stets in Bereitschaft zur An- 
wendung zu haben und genaue Vergleichung der Voraussetzungen mit 
den zu findenden oder gefundenen Wahrheiten anzustellen. Die Bündig- 
keit dieses Beweises wurde man sofort für unzweifelhaft ansehen müssen, 
wenn der Weit dabei zugleich auf die Schwierigkeiten eingegangen wäre, 
welche sich für das strenge Fortschreiten der mathematischen Entwick- 
lung mit und in dem Verstände von Seiten des Schülers entgegenstellt. 
So leicht es nämlich auch sein mag , dem Knaben die allgemeine Bedeu- 
tung und Anwendung der Begriffe Vielheit, Ausgedehntheit und Gleich- 
artigkeit begreiflich zu machen; so schwer wird es doch, diese rein 
abstracteiT Begriffe in dessen noch ganz zur sinnlichen Anschauung hinge- 
wendeter Seele zii recht lebendigem Bewusstsein zu bringen, und noch 
schwerer, ihn aus denselben weitere abstracte Folgerungen und Wahr- 
heiten ableiten zu lassen, weil vnederum dessen Folgern und Schliessen 
noch zu sehr am Concreten und an der äussern Erfahrung festhält. Darum 
will.es dem Ref. scheinen, als dürfe die Mathematik trotz der einfachen 
Urbegriffe, von welchen sie ausgebt, doch bei dem kleinen Gymnasial- 
schuler nicht sofort auf wissenschaftliches Fortschreiten in abstracter 
Richtung und auf das Festhalten des jugendlichen Verstandes am Ab- 
etracten M> entschieden bauen; sondern als müsse sie, grade so wie die 
Grammatik, eine längere Zeit nur darauf ausgehen, eine Anzahl einfacher 
und in sich zusammenhängender Gesetze mehr von der äussern Erschei- 
nung aus und nach einfachen positiven Regeln einzuüben, und dann erst 
allmälig zur Abstraction überzugehen. In der Sprache sind die ersten 
Gesetze des Satzbaues ebenfalls recht ' einfach und heben von leicht 
erkennbaren Urbegriffen an ; allein wenn der Lehrer die Erlernung der 
Syntax gleich mit den abstracten Bestimmungen der Begriffe Subject, 
Prädicat , Verbum , Object etc. anfangen und in strenger Wissenschaft- 



Beforderaagen nnd Bbrenbeieignngen. 



223 



llchkeit Torwarts schreiten wollte, so durfte sich ihm wahrscheinlich recht 
oft auch die [an /sich freilich grundfalsche] Bemerkung aufdrangen, dass 
nur wenig KopCe^fur grammatische nnd sprachliche Studien befähigt seien* 
Der Verf. hat in der rorgezeichneten Methodik des mathem* Unterrichts 
die obwaltenden Schwierigkeiten möglichst zu mildern nnd geltend zu 
machen gesucht, dass, weil eben die Mathematik nur innerliche, ideelle 
Grossen zum Object hat und sie von allem Erscheinenden abidtrahirt, 
der wissenschaftliche .Vortrag ausschliessend den Verstand , und daneben 
das Gedächtniss noch, so weit beschäftige, als notiiig ist, um die Grund- 
begriffe und erkannten Wahrheiten festzuhalten und mit ihrer Hülfe neue 
Wahrheiten zu erkennen. Demnach verlangt er, dass der mathematische 
Unterricht mit der Entwicklung der Urbegriffe im Verstände nnd ndt 
dem Verstandnbse der Definitionen aller Grundbegriffe, d. i. mit der 
Formenlehre des Raums und der Zahl beginne. Beide lassen sich sinnlich, 
anschaulich machen; doch sei die geometrische Formenlehre leichter als 
die arithmetische,, weil in ihr der Knabe an dejr Figur, als dem Sinnlich- 
Darstellbaren, die Begriffe leichter begreife, und darum soll mit ihr der 
Unterricht angefanjgen werden. Doch müsse schon hier die Fignr, an 
welcher der Knabe lernt, von der Figur, welche er dadurch erlernt und 
von dem Gegenstande im Verstände trägt, getrennt werden, und die 
erstere sei nur das Mittel, die letztere der Zweck und die eigentliche 
Grundlage alles Fortschreitens. Ist also eine Raumform betrachtet und 
an der Figur erklärt; so sei es nöthig zu prüfen, ob der Schuler auch 
die Raumform dem Gedanken nach aufgefasst habe , und dfese Prüfung 
w^erde am erfolgreichsten angestellt , wenn man nach dieser ersten Be- 
trachtung die Gegenstände von den Schülern ohne Figur beschreiben und 
auch ohne Figuren einander näher stehende Raumformen mit einander 
vergleichen lasse. Erst wenn die geometrische Formenlehre begriffen 
sei , dürfe did arithmetische an die Reihe kommen , und sei nicht zu ver- 
wechseln mit dem Rechnen, das schon zuvor praktisch eingeübt sein 
müsse» Die arithmetische Formenlehre betrachte die Zahl als Urbegriff, 
mache sie dem Verstände klar und leite daraus die einfachste und beste 
Form der Zahl und die verschiedenen Operationen mit derselben in der 
Form von Definitionen ab. Da die hier zu. entwickelnden Begriffe , als 
nicht so sinnlich sichtbar wie die geometrischen, schon schwieriger zu 
verstehen sind ; so seien sie meist in dem Verstände darzustellen und zu 
construiren und nur die verschiedenen allgemeinen Symbole seien ein 
äusseriiches Hülfsmittei der^ leichtern Auffassung. Ist dem Schüler in 
der geometrischen und arithmetischen Formenlehre ein reichhaltiges Mi^ 
teriai isum Denken übergeben, so soll er zur>Vergleichung dieser Formen, 
der sogenannten Grundbegriffe, geführt werden, um eihzelne Wahrheiten 
von denselben zu finden. Auch hier soll mit dem Auffinden von Wahr- 
heiten an geometrischen, und zwar an den in einer Ebene liegenden 
planioietrischen Gegenständen begonnen Werden, weil hier das Abstracto 
leichter an der Figur anschaulich gemacht .werden könne. Nur dürfe die 
Figar nic|it als das Wesentliche , sondern nur als das Mittel , eine Wahr- 
heit ztt erkennen , gebraucht werden, und man soll den Schüler nicht an 



224 Schul- uiid Universitätsnachrichten, 

» # 

X 

eine bestimmt gestellte Figar gewohaen, sondern deren Stellong und 
Bnchstaben ' wechseln y und endlich, wenn der Satz .begriffen ist, den 
Beweis ohne Fignr fahren lassen. Zara Schiasse könne der Lehrer aach 
die beim Beweise angewandten Hälfssätze in der Reihenfolge ihrer An- 
wendung aufzählen lassen, um sich zu überzeugen , ^ dass jeder aufmerk- 
same Schüler den Beweis seiner wahren und allgemeinen Bedeutung nach 
begriffen habe. Ist der Verstand durch ein längeres Studium der 6eo> 
metrie für das Studium der abstracteren Arithmetik genügend vorbe- 
reitet ; so sollen die Anfange der letztern so erlernt werden ^ dass das 
Abstracto der allgemeinen Zahlengrössen und die Gesetze der Operatio- 
nen mit denselben nur an concreten Zahlenbeispielen klar gemacht, nie 
aber durch letztere Wahrheiten bewiesen werden ^ deren Gültigkeit auf 
erstere ausgedehnt werden soll, — weil man sonst dem Schüler gar 
leicht den falschen Schluss vom Einzelnen ^uf das Aligemeine anlehre. 
Als dritte Unterrichtsstufe ist die Betrachtung und Auffindung der stereo» 
metrischen Wahrheiten gefordert^ wo der Lehrer anfangs nicht Mos die 
Anschauung einer auf einer Ebene' projicirten Figur anwenden, sondern 
sich beim Unterrichte auch der räumlich dargestellten Formen bedienen 
müsse, und erst nach und nach von den wirklichen Korperformen, end- 
lich selbst von den auf eine Ebene projicirten Figuren abstrahiren dürfe. 
Daran soll sich aus der Arithmetik die Betrachtung der imaginären AuS^ 
drücke, die Auflösung der Gleichungen, welche in grösster Allgemein- 
heit zn lehren sei und specielle Beispiele am passendsten aus der Natur- 
lehre nehme, die Logarithmen, die Reiben, die Combinationen und der 
binomische Lehrsatz anschliessen. Die letzte Stufe des elementaren 
mathematischen Unterrichts soll die Trigonometrie und dann noch die 
Kegelschnitte bilden, beide mehr nach analytischer Behandlung, um den 
Schüler auch mit dieser Betrachtungsweise vertraut ^u machen und 
dadurch zu höheren Studien vorzubereiten, beide aber auch noch mit 
demjenigen Beibehalten der geometrischen Anschauung, dass jede auf 
analytischem Wege gefundene Wahrheit an der Figur veranschaulicht 
werde. Um durch die Mathematik den Verstand auszubilden und zum 
selbstständigen und richtigen Denken zu fuhren,^ dazu soll, sobald der 
Schüler nur einiges mathematische Material in der Formenlehre erhalten 
hat , . die höhere und niedere Heuristik gebraucht werden , von denen jene 
ans der Definition eines Gegenstandes alle Wahrheiten über denselben 
ableite, diese nur zeige, wie die eine oder andre Wahrheit gefunden 
werde. Der Vorzug^ dieser heuristischen Methode vor andern Lehrweisen 
ist genügend ^dargethan. Bei dem Beweise jed^ einzelnen Satzes soU 
der Lehrer analytisch verfahren , d. h. von der Behauptung ausgehen und 
sowohl deren Bedingungen als die Bedingungen der Voraussetzung, über- 
haupt den Zusammenhang aufsuchen, welcher zwischen den gesuchten 
und den gegebenen Grössen oder Wahrheiten über dieselbe stattfindet, 
woran dann als Schluss des Beweises der synthetische Beweis gefugt 
werden könne, damit man von der Voraussetzung durch die analytisch 
gefundenen Wahrheiten, welche zum Beweise der Richtigkeit fiberfuhren, 
bis zur Begründung der Behauptung fibergehe and überhaupt den Ver- 



Beforde rangen und Ehrenbezeigungen« 225 

stand in bestandig schaffender Selbstthatigkeit erhalte und lor das Auf- 
finden andrer Wahrheiten stärke« Za dieser heuristischen Weise soll 
auch ein yorherrschend erotemätischer Vortrag kommen nnd wenigstens 
in den niedem Ciassen entschieden gebrancht werden. Zuletzt geht der 
Verf. auch suoch die rerschiedenen Beweisarten der Mathematik [den 
directen nnd indirecten Beweis und den Beweis aus der Analogie] durch, 
um allseitig klar zu machen , dass nach seiner Methode der Verstand 
naturgemäss und seibstthatig sich ausbilde und der Schüler zur Erler- 
nung der el€mentaren. Mathematik durchaus befähigt sei. Um den Erfolg 
des mathematischen Unterrichts zu sichern, soll der Lehrer nicht durch 
äussern Zwang [z. B. Zurückhalten in der niedem Classe oder Drohung 
mit dem Abiturientenexameu] zum Studium nothigen wollen , sondern den . 
Eifer durch seine eigne Li^be und Begeisterung' fSr die Wissenschaft und 
die daraus hervorgehende geistige Frische und Regsamkeit im Unterrichte , 
beleben. Auch wird verlangt , dass die Behörden , Directoren und übri- 
gen Lehrer des Gymnasiums nicht in irgend einer Weise dem mathemati- 
. sehen Unterrichte hemmend in den Weg treten. Und weil die Mathe- 
matik eben vorherrschend den überlegenden Verstand in Ani^mch nimmt 
und dieser schon dne gewisse Jfteife erlangt haben mnss, so will der 
Verf. die mathematischen Lehrstunden in den beiden unterstell Classen 
von 4 auf 2 redudrt, in den beiden obersten aber auf 6 — ^8 erhöht und 
den> mathematischen Unterricht auf die ersten Stunden des Tages ver- 
legt wissen. Diese letztgenannte Forderung ist die missiichste, weil der 
Religions- und der sprachliche Unterricht, welche in den obern Classen 
ja anch fast ausschliesslich die Thatigkeit der hohem geistigen Kräfte in 
Anspruch nehmen, mit eben so viel Recht eine extensive und intensive 
filtei^ernng beansprachen. Die Nothwendigkeit des mathematischen Un- 
terrieb ts im Gymnasiom hat der Verf. von S. 19. an ebenfalls durch sehr 
entsprechende Gründe dargethan und ebenso auf den allgemeinen Bil- 
dnngswerth dieser Wissenschaft für den Geist, wie auf deren Anwen- 
dung im Leben nnd auf andre Wissenschaften treffend hingewiesen. Nur 
hat er sich vielleicht bei der Bestimmung des allgemeinen Bildungs- 
werthes von dem Fehler des Zuvielbeweisens nicht ganz frei gehalten* 
Allerdings verfallt er nicht in die gewohnliche Behauptung, dass die 
Mathematik die Wissenschaft -aller Wissenschaften sei; aber in Bezug auf 
die aligemeine geistige Bildung vergisst er einerseits ganz und gar, dass 
sie in der Schule mit mehreren andern Unterrichtsmitteln gemeinschaftlich 
gebraucht wird und darum durchaus in ihrem relativen Verhältniss zu 
denselben , nicht aber ab Wissenschaft für sich besprochen werden muss, 
und andrerseits verlangt er doch wohl von ihr zu viel, wenn er ohne 
Beachtung des Bildungseinflusses der übrigen Unterrichtsgegenstände das 
Hinfuhren zum klaren und abstracten Denken und die Stärkung der 
Urtheilskraft von ihr allein zu erwarten scheint , ja selbst die moralische 
Veredlang des Geistes daram durch sie erzielt werden lässt, weil sie nur 
nach Wahrheit suche, die Wahrheit um ihrer selbst willen und ohne 
Rücksicht auf ihre Anwendbarkeit lür's Leben erkennen lehre, *und ' 
demnaoh den Schüler von Eigennutz und Selbstsucht frei mache, das 
/¥. Jahrb. f. Pkü. «. Püd. od. ErÜ. Bibl, Bd. XXXYIII. Bft. X 15 



226 . ^ckal- und UniTerBititsAftchrieliten, 

^«ttfvoxti auf Mine gütige Kraft erhebe und ihm Charakterstärke gebe» 
llittn brancht hier gar nicht die Frage zu erörtern, ob die elementare 
Mathematik wirklich irgend einen Menachen bis vx einer so hohen Er-r 
kenntniss nnd reinen Liebe der Wahrheit hinfahre, dass diese Liebe der 
Leitstern seines sittlichen Lebens wird; sondern es genügt darauf htuza- 
weisen, dass die Schule, und wenn sie auch in allen ihren Unterrichts-r 
gegenständen die höchste und reinste Erkenntniss der Wahrheit erstrebt, 
dennoch < nicht ein so reines Bewusstsein von derselben und eine so hohe 
und uneigennützige Schätzung ihres Werthes in der Seele de^ Schulers her- 
▼orbringen kann, wornach man eine so entschiedene, feste und selbststandige 
Entwicklung des moralischen Willens nnd Charakters zu hoffen berechtigt 
wäre. Aber auch in Bezug auf die blosae Yerstandesbildung darf nicht 
V vergessen werden, dass die Mathematik als die Wissenschaft der Raum* 
und Zahlenyerhältaisse genau genommen nur zur geistigen Erkenntniss 
des #aossem und irdischen Lebens fahren kann und nicht BildungsiBtoff 
genug enthält, um alle geistigen Regungen und Richtungen des Menschen 
zu bethätigen, zu erwecken und zu kräftigen* Zunächst nämlich setzt 
sie die Fertigkeit abstracter Verstandestbatigkeit schon voraus, und 
wenn sie auch diese Fertigkeit durch stufenweis aufsteigende und in 
strenger und unwandelbarer Aufeinanderfolge fortgehende Uebung in vor- 
ZQglichem Grade kräftigt, befestigt und läutert; so vermag sie doch 
nicht die Operationen der Verstandestbatigkeit selbst, d. h* das eigent- 
liche^Schaffen und Wirken des Verstandes, in gleicher Weise anschaulich 
zu machen, wie dies an der Spraclie, als dem nächsten und eigentlichsten 
J^roducte des Denkens und des geistigen Schaffens überhaupt geschehen 
kann. Sodann bleibt die Mathematik als die Wissenschaft der von den 
Erscheinungen der Sinnen weit- abstrahirten Gesetze unraer nur in der 
Erkenntniss der Sinnenwelt stehen , und kann als elementare Mathematik 
imr den Verstand und die Urtheilskraft beschäftigen , überhaupt aber nur 
die Anwendung beider Vermögen auf die Erkenntniss und Benrtheilung 
der Sinnenwelt bethätigen« Als höhere Wissenschaft wird sie freilich 
den Geist zur Speoolation fortfahren, and auch wohl durch die Erkennt- 
niss der in der Materie geoffenbarten unendlichen göttlichen Weisheit die 
Gefühle mächtig erregen , aber in die eigentliche geistige Ideenwelt fahrt 
sie eben so wenig ein, als sie überhaupt das Entstehen und Bilden der 
Idee durch den Geist, und das Wesen und Thätigkeitsgesetz der Gefühle 
zürn Bewusstsein bringt. Uebecfaau|>t besitzt die Schule nur die Sprach- 
wissenschaft als Hauptmittel, um das Thätigsein und Schaffen des Gebtes . 
nach seinen^ einzelnen Vermögen und RÄchtiftigen offenbar zu machen^ 
und beuutat dann den Stoff der einzelnen Wissenschaften, nm th^la 
daran die geist^ Tbätigkeit des Sichülers innerhalb der Gesetze, welch« 
durch, die Sprachwissenschaft für das Thätigsein der geistigen Kräfte 
gefunden sind, zu 'üben, tbeils daraus überhaupt die Stufe und den Höhe- 
punkt der geistigen Entwicklung der Menschheit zu ermitteln nnd dacnach 
das bei dem Schüler zu erreichende Bildangsziel zu messen« Weil ab«r: 
die Schule die Anwendung und den Gebrauch der geistigen Kräfte unter. 
Anderem auch für das irdische Leben und. für die tiefere Erkennte!««» 



Befordörniigen und Bbtenbeselgnngen. z27 

der physischea Welt wo nSiftt rollstfindig sa geben , doiih wenigsteda 
Tonnbereiten hat; dsrnm braocht sie unter ihren LehiHfeitteln natfliüch 
noch die Mathematik als notbwendigen and wesentKdien Lehrstoff, aber 
er bleibt far sie immer nur eins von den mehreren Mitteln mm Zwecke. 
Demzofolge aber genügt es iiieht, etwa nur im AUgemeinen sn ermittela, 
wie weit die Mi^themaUk fir sich aliein bildend sein kann ; sondern Ibr 
die Schale darf sie nnr in ihrem Verhältnis^ Mm Ganzen betrachtet 
werden, and der Hr. Verf, wird 9ich ein hohes Verdienst Awerbea, 
wenn er in einer Fortsetzung seiner Abhandlung naohsiiifv^eiMii Tersncfat, 
welchen Thell der allgemeinen hbmanistischen Bildung die MatheroatSc 
nllein gewahrt, wieweit sie der . Unterstützung des Spraehnnterriehto 
bedarf, welche andre Wissenschaften neben ihr und neben der fi^rlMh» 
Wissenschaft zur allseitigen Ausbildang des jugendlichen* Gdstes noch 
nhentbehrlich sind, nnd Wie dann das Rangverhaltniss der einzelnen 
Wissenschaften za einander sein mass; Ohne eine solche Festiftellung 
nämlich ist weder ein rechter LehTplan der Mathematik fur's Gymnasinm, 
noch' überhaupt die Beseitigang des Uebeistandes möglich, dass die philo- 
logischen nhd mathematischen Lehrer der Gymnasien sich gegi^nseitig zu 
^ beeintrfichtigen suchen , weil jeder Thell meint , er mfisse in seiner 
Wissenschaft möglichst viel leistiBn, und weil beide darüber verltennett, 
dass far die.' Gymnasien alle Wissenschaften nur' in gewissien Anwendan- 
gen gebraucht* wefden und bald die, b^ld jene den übrigen sich'nntef- 
ordnen mnss., und dass nur die rechte Harmonie des gcsgenseitigen Ver- 
hältnisses der einzelnen zu' einander die Erzielung einer wahren humani- 
stischen Bildung sichert. Das zu Ostern 1841 erschienene Programm des 
Nordbanser Gymnasiums enthfi^: /enw und Nücö^kmuB, eme Firobe der 
Behandlung schwieriger Abäehnüte aus den Evartgdien in den obem 
Claasen der Gynmaeien'y ron dem Oberlehrer Niemeyer [45 (24) 8. gr. 4.], 
und der Aufsatz soll als Torläafiges Fragment einer künftig erscheinenden 
Abhandlung aber Religionsunterricht ainf Gymnasien gelten. Im Oster- 
programra 1Q42 aber steht: Aug, Botkenis AötAmaler , ph. Dr. et gym- 
nasii Collegae, IKssertatio de reUgioms doctrina th gtfmnaaie eartm^ 
euperiorum dassium diseipiOis iraäenda pCVIII 8. Abhandlung und 28 8. 
Schnlnachriehten. gr. 4.], welche der Verf. bei der Uebemahme des 
Religionsunterrichts in den obem Classen geschrieben hat, nnd worin er 
zuerst den Satz vertheidigt , dass ^eser Unterricht in den Gyronarien 
nicht von Geistlichen, sondern Ton Gymnasiallehr^te ertheilt werden 
müsse, und das Bild eines rechten Religionslehrers zeichnet, dann aber 
über Zweck, Umfang, Stoff und Behandlung des BTeligionsunterrichts in 
gedrängten Andeutungen yerhandelt. — Von der Landesscbule Pfortb 
wurde am 1. Nov. 1899 als' Programm ausgegeben: CaroH Rudülphi 
Fideert Prolegomena in novam Operum L. Ann. Seneeae pkHosopM edilMh- 
fiem, part; I. [Naumburg gedr. b. Klaffenbach. 54 S. und XIX S. Jahres- 
bericht, gr. 4.] , über deren Werth und Bedeatsamkeit in unsem NJbb. 
30, 349. berichtet worden ist; an^ 1. Not. 1840: Dt. CareU SieinJimiiy 
Pro^. Portensis, Meletemala Plalhnanti [Bbend. 60 S. anfd XX 8. Jahres- 
bericht, gr. 4j], eine ausgezeichnete und gediegene Fortsetzung zu der 

15* 



. I 



2^ 



Schot- und UniversitStanachrichton, 



1839 herausgejf^ebenen Abhandlung De dUdectica Hotini ratione, toU 
gründlicher Forschung, scharfsinniger Erörterung und reicher Ergebnisse, 
worin der Verf. zuerst den Plotin als interpres Piatonis (S. 6 — 24.) und 
als interpres und adversarins Aristotelis (S. 24 — 35.) charakterisirt und in 
beiden Beziehungen dessen Wirken und .Verfahren, Lehren und Ansichten 
genau geschildert, dann (8. 55 — 47.) dessen philosophisch -grammatische 
und sprachliche Lehren und Bestimmungen in allgemeiner Uebersicht und 
gelungener. Naclkweisung ihrer Haupteigenthumlichkeiten dargelegt und 
mit den scharfsinnigsten eignen Spracherörterungen durchzogen, endlich 
(S. 47 — 55.) mehrere Textesstellen der Enneaden nach Creuzer's Aus- 
glühe kritisch und exegetisch besprochen, zuletzt auch noch die Frage, 
•was das Studium des Plotin für unsre Zeit nutze, beantwortet und über 
zwei Fragmente des Parmenides und drei des Empedokles Verbesserungs- 
vorschlage mitgetheilt und deren Nothwendigkeit begründet hat; am 
l.'Nov. 1841': Car. Georg. Jacob , ph. Dr. Prod Port., Commentath 
de tun numeripluraUa apud poetas Laünoa [44 S. und XX S. Jahres- 
bericht, gr. 4.] , eine für die Erkenntniss der iatein. Dichterspracfae eben 
80 wichtige als ergebnissreiche Erörterung über den Gebrauch des Plu- 
rals abstracter Wörter, welche mit mehreren Zusätzen und Ergänzungen 
in nnsern NJbb. Suppl. Bd. 8, 16q ff. wieder abgedruckt erschienen ist ; 
am 1. Not. 1842: Cor. Aug. Koberstein QuaesHonea Suchenwirtianaej 
specimen IL [68 S. und XX S. Jahresbericht, gs. 4.], die Fortsetzung 
zu dem 1828 herausgegebenen specimen L, worin der Verf. die Sprache 
dieses österreichischen Dichters im Allgemeinen behandelt und die bei 
ihm obwaltenden Gesetze der Lautlehre bestimmt hatte, während er jetzt 
nach einigen vorausgeschickten Bemerkungen über die von Suchenwirt 
beobachteten metrischen Gesetze das in dessen Sprache erkennbare 
Declinations^ystem der Substantiva, Adjectiva, Numeralia und Prono- 
mina in seinen Haupt- und Nebengestaltungen vollständig, wohlgeordnet 
und übersichtlich dargestellt, gelehrt und einsichtsvoll erläutert und 
dadurch einßn sehr wertbvoUen Beitrag zur mittelhochdeutschen Gram- 
matik geliefert hat. Die Schule war in ihren 3 Classen .oder 5 Classen- 
abtheilungen zu Midiaelis 1838 von 165 , zu Ostern und Mich. 1839 von 
177 und 174, zu Ostern und Mich. 1840 von 176 und 190, zi» Ostern 
und Mich. 1841 vt>n 132 und 188, zp Ostern und Mich. 1842 von 195 und 
199 S<ihülern besucht und ekitliess in diesen 4 Schuljahren 15, 11, 24 und 
14 Abiturienten zur Universität. Zu Ostern 1843 waren 196 Schüler 
anwesend und 8 Abiturienten gingen zur Universität über. Die allge- 
meine Verfassung und Einrichtung der Schule hat der Rector Dr. theol. 
K, Kirchner beschrieben in der Kursien Nachricht von der kon* Landes- 
8chule Pforte, zunächst für Eltern und Vormünder y Welche ihre Söhne 
Und ^flegbefohlnen der Schuljrforte zu übergeben wün$chen. [Leipzig, 
Vogel. 1839. 40 S. 8* mit zwei angehängten Stunden - und Lehrt|bellen* 
6 Gr.] , und darin die nöthigen Nachweisungen über die Stiftung der 
Schule, die Alumnensteilen und 'Aufnahmezeit der Schüler, die Classen, 
den Lehrcorsus und das Lehrziel, die Localitäten und Schülerverhältnisae, 
die Au&icht und Tagesordnung, die Ferien und Spaziergänge, die Bxa- 



Befordernngen und .Ehrenbezeigangen« 229 

niina und Censar, die PriTatstodieii der Schaler and 4eii öffentlichen 
Lehrpjah and Unterricht,, die Kunstnbangen, die '8chulfe8te , die Halfs*- 
mittel des Unterrichts and das Lehrerpersonal ^ die Verwaltung, das 
Beamtenpersonal und die rorgesetzten Behörden in dor far den ange- 
führten Zweck erforderlichen Vollständigkeit ond Genauigkeit mitgetheiU. 
Aas dem Lehrerpersonale ging im Jan aar 1839 der erste geistl* Inspector 
' and Professor Hetnr. Ed. Schmieder' a\a Mitdirector de« Prediger -Semi- 
tiars nnd Diaconas der Hauptkirche nach Wittenberg und hatte den 
bisherigen Diaconas der Stadtkirche in Torgau Karl Ed. Niese zum 
Nachfolger; zu Johannis 1840 folgte der erste Adjunct ond Bibliothekar 
Ernst Grubitz dem Rufs als erster Oberlehrer an das Gymnasium in 
M^DEN und dafür wurde zu Ostern 1841 der Dr. phil. Jd, Friedr. Alb. 
Dietrich als Adjanct angestellt; im October 1841 erhielt der Adjonct und 
zweite Geistliche Dr. ph. Friedr. Ih^t eine Predigerstelle in Landsberg 
nnd sein Nachfolger wurde zu Ostern 1842 der bisherige HSlftlehrer am 
Kheiphofischen Gymnasium in Königsberg Dr. phll. Karl J^riedr. Heinr» 
Bitteher. Am 22. April 1841 feierte die Schale mit entsprechenden Pest- 
lichkeiten das 25jährige Amtsjubiläum des zweiten Professoi;» Dr. We^f^ 
und des Zeichenlehrers Prof. Oldendorp und am 10. Ootober desselben 
Jahres das 25jährige Amtsjubiläaro des Musikdirectors Kotsehau^ und 
allen drei Jubitaren wurden von dem ProvindalschnlcoUegium Gluckwun- 
schungsschreiben und Von den Schalern ITestgedichte und Ehrengeschenke 
aberreicht. Dem Adjnnot Dr. Fiokert wurde im Juli 1841 der Professor- 
titel verliehen und ihm neben der Ertb eilung einer jähriichen Gehalts* 
zolage von 100 Tfalm. die Erlaubniss zur Begröndung eines eignen Haus« 
Standes gewährt; desgleichen wurde z^ Ostern 184S dem Adjunct Dr. 
KeÜ unter ßeibehaltang seiner Adjunctur der Professortitel beigelegt. 
Veranlassung za einer ausserordentlichen Eestfeier wurde am 6. Nov. 
1859 der Jahrestag , an welchem vor 100 Jahren der deutsche Dichter 
Friedr. Gottl, Klopstoek' als Alumhos der Schale aafgenoramen worden 
war. Die dabei veranstalteten Festlichkeiten sind im Programm des 
Jahres 1840 S. IX ft beschrieben und der Hauptsache nach auch auf- 
gezahlt hl dem besonders dazu ausgegebenen Einladongsprogramm: 
Sollemnia saecularia Frid* Theoph. KlopstockH die FL Nov. 17S9. in 
seholam Portensem reeepti indieunt Rector et Coüegium eeholae regiae, 
Portensis. Inest Declamatio , qua poetas epopeiae auctores recensei Fr» 
Gottt, Klopsloekius , scholae valedieturus die XXI. Sept. 1745. -Accedit 
specimen autographi Klopstockiani. [Naumburg gedr. b. ICIaffenbach. 
IV und 19 S. gr. 8.] Dte'an diesem Tage von dem Professor Koberstein 
gehaltene Pestrede : lieber das Verdienst, welches sich Klopstock um die 
vaterländisohe Poesie dadurch erworben hat, dass er sie aus dem Zustande 
der Erniedrigung und Erschlaffung, worin er sie vorfand, »uerst wieder 
zu' Würde und Ansehen erhob, indem mit ihm und durch ihn ein würdiger 
Begr^ von der Bestimmung der Poesie, ein dieser Bestimmung entspre- 
chender Gehalt, eine grossere Unabhängigkeit von der Fremde, dne neu- 
beseelte dibhterisehe Sprache und ein deuiUcheres Bemusstsein von 'der 
geseUschifiHehen und bürgertichen.Stdlung des Dichter $ gewonnen wurde, 



. ScViii- und ynir^erftitäisaachrlcbieoi 

iflt «beafttU in Leipsig b« Vogel gedrnol^t ersohieoen. Derselbe Sacnlar- 
tag war auch in Leipsig Ton einer Anzahl ehemaliger Zöglinge der Pforte 
alff ein besonderes Pförtnerfest gefi^iert vtorA^iAy und die dabei vorgetra- 
genen Sprüche und Gedichte hat der Rector nnd Professor Dr. Nohhe in 
lieijpzig anter dem Titel : Mhpstoeka - Feier [Leipz. b. Vogel. 18S9.] her- 
aasgegeben. Ein noch vielwichtigeres und wahrhaft grossartiges Schal- 
fest beging die Anstalt am 21 — 23«. Mai 1813 da^ch die dreitägige Feier 
der^Erinnerong an die onter dem 21. JMlai 1543 Ton Korfurst Morüz von 
Sachsen decretirte Ueberweisang der Besitzongen des Cistercienserkio- 
«ters zn Pforta an die von ihm gestiftete and zur Sicherang der ^rei- 
nigten Lehre des Erangeliams mittelst dassischer BUdnng bestimmte 
dortige Landesschaie« Die hohe and herrorragende Stellang, welche di« 
Forstenschole Pforta seit den 300 Jahren ihres Bestehens unter den dent- 
sehen Gymnasien fortwahrend eingenommen , and der grossartige und 
ober ganz Deutschland sieb verbreitende Einflass^ welchen dieselbe aaf 
die Begrondung und Verbreitang der dassischen Stadien und der wahren 
Bnmanitatsbüdung unter den gelehrten Standen ausgeibt hat, waren 
Grund genug, das eingetretene Jubelfest in der Aosdehnung der grossten 
protestantischen Kirchenfeste zu begehen, und die ausserordentliche 
Theilnahme der LandesbehordeH, vieler bobem Bildungsanstalten und 
der frühem S'chfiler der Anstalt bezeugen hinlänglich , wie allgemein und 
wie tief man die Wurde des Festes und die Wichtigkeit der iSchule selbst 
erkannt hatte und o£Eentllch anerkannt wissen wollte. Von den. Behörden, 
Lehrern und Beamten waren allseitige Anstalten zur grossartigen Feier 
des Festes getroffen, die betheiligten Staatsbehörden des Landes und der 
Provinz, die drei sächsischen Universitäten (Halle -Wittenberg, Leipzig 
und Jena) und die beiden sächsischen Förstenschnlen in Meissen und 
Grimma besonders zur Theilnahme eingeladen, die frühem Schuler theils 
durch specielle Zuschriften, theils durch öffentlichen Aufruf zur Mitfeier 
aufgefordert, and den freiwillig sich anschliessenden Repräsentanten 
vieler Gymnasien gastliche Aufnahme bereitet, sowie, für das Unter- 
kommen und den freundlichsten Empfang aller Gäste auf entsprechende 
Weise gesorgt. Die ganze Schule war festlich ausgeschmückt und im 
Schulgarten eine schöne Festhalle für das Festmahl besonders erbaut 
worden. Von der Universität Leipzig hatte man das Bild des Kurfürsten 
Moritz, als des Stilßters der Schule^ erbeten nnd in der Kirche deir Kanzel 
gegenfiber aufgehängt. Se. Majestät der Konig Friedrich Wilhelm IV. 
hatte durch ein besonderes Handbillet seiqe Theilnahme kundgegeben, 
eine Fahne mit seinem königlichen nnd dem alten Ktosterwappen von 
Pforta übersendet nnd genehmigt , dass das jährliche Schalfest von jetzt 
lan immer am 21. Mai gefeiert werden soll» Persänlich erschienen bei 
dem Feste der kon. Staatsminister Eiohkom Ezoellenz sammt den Geh. 
Oberregierangsräthen /• ^cAtllse, Eoriüm und JStfsrs aus Berlin, der 
Oberpräsident der Provinz Sachsen von FleitweUj dter Regierungspräsi- 
dent von Kroeigk aus Merseburg, dar Obersohulratb Schaub und der 
Probst ZoffToimer ans Magdebnrg und mehrere andre hohe Staatsbeamte. 
Der Rectbr Dr. UTireftiier hatte als Sinladimgssohrift an alle ehemaligen 



Beforderangea und Ehrenboseigangen« 3S1 

Fförtner wid als sianigas Festgeschenk , weil, es an «ine Haupt- o^d 
iaeblingsbescfaaftignng der Pöntenseliuler nberhanpt und der Pförtner 
insbesondere erinnert, unter dem Titel Musae Porteiuea [Leipn. b. Yogel. 
160 S. 8.] eine l^mmlung lateinischer Gedickte von Schülern des letsten 
Jahrzehends , der Professor Dr. G, A, B. fFülff den ersten Theil eineir 
sehr sorgfaltigen und genauen Chronik des JKlaster» Pfarta nmehurkuhd^ 
ikfhen Naekrißkten [332 S. Text und 20 S. Anmerkk.] , der Professor 
Dr« K, Stemhart ein 'Eyurnpudv iTo^TY^^, d. u eine vortreffliche und antik- 
lyrische Ode Ton 300 Versen , die in Strophen, Antistropken und Epoden 
rertbeilt sind, der Adjunct Dr. BiMker einen Katalog- tiämmlUcker Sekmr 
ier tek der St^ng. herausgeigeben. Dazu kam das aus Beiträgen sammt- 
lieber Lehrer zusammengesetzte, umfangreiche Festprogramm: Q. D. B, 
V, SeMaa^ F&rtentia a MauriUo prtne. duce Saxatu a* d. XIL Cal, lun* 
a. 1543 felieüer canditae 8ollemnia saeeuiaria diebua 20. 21. 22* Ma» 
a^ 1843 pto festoque ritu eelebranda indicU et $eMae fautore» et avneoe 
omnes hk aaUemtabua wt benigne interesse velint eollegü magistrorum For- 
teneÜMn nomine invitat €,- Kirchner j ss. theoU et phii. Dr., Rector scholae 
prov. Portensis. Insnnt Coiiegarum omnmm CommentarH varü argt^ 
menti et C Kirehneri hiatoria scholae Pbrtensts eaec, KIX, cum actis 
^proosknoTum sex mensittm. [Naumburg gedr. b. KlaiTenbach. gr. 4.], wel« 
chem zugleich ein Uthographirter Grundriss der Schule saromt den An- 
aicbteo der Hauptgebäude derselben beigegeben ist. Ks enthält nach der 
ton dem (Lector Dr. Kirchner gelieferten Praefatio [Vi II S.J , worin aus 
der Stiftungsgeschichte der Schule der 21. Mai als der wahre Stiftungs*- 
tag derselben nachgewiesen ist , eine Aussicht auf Pforte von dem Jnspe- 
ctor und Professor C E, Niese [8 S.] oder eine sehr lebendige und 
gefühlvolle Beschreibung der schonen Lage Pforta's i 2) De Plauti AfUu- 
lärm aet. lU. scen» F*. seripsit G, A> jB. Wo^ [8 S*], eine gelehrte und 
ergebnissreiche kritisch- exegetische Erörterung als Fortsetzung der 
1836 erschienenen Prolegomena ad Planti Aululariam; 3) Probe einer 
leichten und einfachen Behandhkngsweise der Kegelschnitte vom Professor 
C. F. Am Jacobi [8 S.], mit einer Fignrentafel; 4) üeber die Betonung 
mehrsilbiger Worter in Suehenwirfs Fersen vom Professor A, Koberstein 
[8 S.] als gelehrte und nberaus genaue Fortsetzung des vorjährigen Pro- 
gramms; 5) Memoriam duorumy qui e schola Portensi prodierunty fhüo^ 
iogorum lo. GeorgH Graevü et lom Aug%ksti ErnestU commendat Cor. 
Georg, lacob , A A. LL. M. , Aul. Dr. , Prof. Port. [8 S.] , eine nacb 
Inhalt und Form gelungene Schilderung dieser beiden Gelehrten ; 6) Cor. 
Steinharii synUtolae erittcae [8 S.], bietet und rechtfertigt in Cap* li« zu 
Piaton. Parmen. drei Verbesserungsvorschläge, nämlich p. 162 B,'iiszi- 
%ovTa %6 ykkv ov ovaitts zov üvai ov, fti) ovala^ 9\ xov i^i slvai fi^ oy, 
s/ fiiXhoi Ysliwff slvcn^ x6 9\ ^i} ov fi^ ovaüig fihv tov firj slpai oy, 
ova^ecs dl xov slvai ft^ op etc., p. 161. A» el fiivtoi firidh to ^v iastwo 
liri iattti etc. und p. 16&. B, iv %s xip (Uam akXa fikscaitSQa tov fi^iaovj 
^lUüifOtSQct m ij dvvaa&fu Mg avtmv kudatov Xaftfidvsed'ut etc., und 
skhlt in Capf II, und III. eine lange Reihe von Textesverbesserungen na 
den 3 Bachern des Arlsioteiea de anaraa nnd eu Sophed. Aiac, Anjl;igon«> 



1 
» 



.292 Scliul- und UftiTer&italsaachriohten,^ 

Oedip. Colon, and Trachin. nar in kurzen ^ndeatongen auf; 7) dnal^ 
aeke Behandlunff eines Satzes (ms der Lehre des g'radUnigen Dreiecks Toa 
Prof. Jacobi IL [8 S.]; 8) Glossarü Latini fragmenta Portensia'descripsit 
Cor. Rudolph. Fickert [8 S.] , Mittheilungen aus Fragmenten eines latei- 
nischen Glossars des 10. Jahrhunderts aus der Schulbibüothek , das mit 
den Glossen^ des Kucherius und Placidus Mehreres gemein, Anderes eigen« 
thumlich hat und besonders eine Reihe Glossen zu Cicero und Virgilios 
bietet; 9) CaroU KeU SchoUon Arateum [8 8«], eine überaus gelehrte 
Erweiterung der in Analectt. epigraph. et onomat. p. 9. gegebenen Erör- 
terungen über den Sikyonischen Aratos, des Kteinias Sohn, nebst. Auf- 
zahlung und Besprechung einer Reihe Ton AraU^ .welche bis jetzt in dea 
^Wörterbüchern griechischer Eigennamen noch nicht erwähnt sind; 10} 
Commentationis de quibusdam eonsonae v in Ungua Latma affeeUombus 
pariiculaf .scripsit Alb, Dietrich j ph. Dr. [8 S.], eine nicht vollendete, 
aber sorgfältig begründete- und von reicher Sprachvergleichung durch- 
zogene Untersuchung über die Veränderungen des Buchstaben ti in de^ 
lateinischen Sprache; II) üeber den Werih des P. Abaelard: yJEikica 
seu sctto te ipsum^ vom Prediger Dr. BiUchjer [8 Sj] , . welche Abhandlung 
noch -weiter fortgesetzt werden soH; 12) Die^ Landesschule Pforta in 
ihrer geschichtlichen Entwicklung seit dem Anfange des 19. Jahrhundertg 
hia attf die Gegenwart yom Rector Dr. Kirchner [156 S. und VIII, S. 
Schulnachrichten über das nächstvergangene Halbjahr], eine überaus 
reichhaltige und allseitige Darf{tellung der Geschichte, Zustände, Ver- 
fassung und Einrichtung der Schule in gegenwärtigem Jahrhundert. Sie 
beginnt mit der Beschreibung der Localität un^ Wohnungsverhältnisse 
(S. 1 — 12.), giebt dann Grundzüge der gegenwärtigen Verfassung und 
Einrichtung, d. h. MittheSlungen über die Bestimmung der Anstalt, die 
Schülerstellen und Aufnahmebedingungen, über .Erziehung, Aufsicht, 
Disciplin, Tagesordnung, Privatstudleu der Schüler, Schulprüfungen, 
Censur und Abiturientenprüfungen , über die wissenschaftliche Bildung 
der Schüler und den bestehenden Lehrplan, über Schulfeste, Ferien, 
Reisen und Spaziergänge der Schüler, die milden Stiftungen, Stipendien, 
Schulwittwencasse und Armenpflege, über die Lehrerverhältnisse, den 
Schuletat, die Verwaltung und vorgesetzten Behörden (S. 13 — 50.), und 
giebt zuletzt eine geschichtliche Uebersicht des Zustandes der Schule 
von 1800 — 1843 (S. 50 — 152.), in welcher erst der Znstand um das 
Jahr 1800 beschrieben, dann die Veränderungen und Ereignisse unter 
sächsischer Verwaltung bis 1815 , und die unter preussischer Regierung 
bis 1820 erzählt sind, und endlich noch ausführlicher über die 1820 
geschafiTene neue Organisation und die dadurch herbeigeführten Verhält* 
nisse, Zustände, Veränderungen und Ereignisse berichtet worden ist. 
Angehängt sind die Schulgesetze und die schon oben erwähnten Schult 
nachrichten über das letzte Halbjahr *). Die Feier des Jubelfestes wurde 



*) Kach dem Zwecke der Festfeier und für den nächsten Bedarf der 
Theänehmer hat Hr. Dr. K. die Geschichte der Schule vornd^mlieh ans- 
«erlich gehalten and über die SchukKlnricbtiing und Schidverwaltuag, das 



Beferdernng'en ond Bhrenbezeignngeiu 233 

schon am 3(f. Mai beg^önnen, rro man. die aiigelangten Deputationen 
andrer Lehranstalten und die überbrachten Festgeschenke empfing, and 



Beamten- nnd Lehrerpersonal , die Lebensumstände- und Schriften der 
letztem, die äussere Schul- und Unterrichtsordnung die sorgfaltigsten 
und interessantesten Mittheiluncen gemacht, dagegen über das geistige 
Leben der Schule und den Bildungszustand nur sparsame Andeutungen 
gegeben, und dieselben auch mehr anf äussere Zeugnisse, als auf das 
eigne Urtheil begründet. Es lag in der Aufgabe und Stellung des Ver£, 
dass er nur diesen Weg einschlagen konnte, und es ist sein Verdienst, 
dass er dennoch durch geschickte Behandlung für den Aufmerksamen 
allerlei tiefere Blicke in das innere Wesen , der Schale eröffnet hat. 
'Jlagegen hat er natürlich nicht vermeiden können, dass z. B. der Stand- 
jfuakt der Schule unter Ilgen's Rectorat nicht so grossartig erscheint, 
als er yirirklich war, und dass man noch weniger erkennt, wie die Anstalt 
ihr eigenthümliches Lehrprincip als Furstenschule mit der 1820 geschaffe- 
nen neoen Lehrorganisation in Einklang gebracht hat. Die eigenthüm- 
licbe Bildungsw^lse der sächsischen Fürstenschulen nnd der grossartig« 
firfoilg, welchen sie herbeiführten, war darauf begründet, dass sie die 
iibrigen Gelehrtenschalen des Landes als Vorbereitungsanstalten gebrauch- 
ten , d. h. von ihnen die Schaler erst empfingen , wenn sie in dem niedem 
Sprachwissen schon bis zu einem ansehnlichen Grade vorbereitet waren, 
und dass sie zwar viel 'durch den öffentlichen Unterricht, noch weit 
mehr aber durch die Entwicklung der Schüler aus sieh selbst, durch die 
ausserordentliche Beförderung und, geschickte Leitung der Selbsttbätigkeit 
derselben uiid durch die dadurch erweckte und gestärkte geistige Kraft 
. nnd Energie erzielten, überhaupt die Schüler schon früh zu freier geisti- 
ger Selbstständigkeit hinführten. Dazu aber brauchten sie eben noth- 
-wendig den einfachen, auf wenig Lehrmittel concentrirten Unterrichts- 
plan, der in denselben eingeführt war. Die neue Lehrweise unsrer 
Gymnasien aber, welche die geistige Bildung des Schülers durch vielerlei 
Lehrmittel erzielt, fuhrt nothwendig auch dahin, dass alle geistige Ent- 
\yicklung im öffentlichen Unterrichte geschaffen werden muss und der 
Selbsttbätigkeit des Schülers nur Weniges überlassen bleiben darf. Für 
die Fürstenschalen ist die unbedingte Annahme dieser Richtung darum 
leicht eine gefährliche, weil sie durch ihre wenigen Cla'ssen und ihre 
kürzere Schulzeit gegen die übrigen Gymnasien im Nachtheil stehea, 
und zu sehr auf eine Bildung sich stützen müssen, welche schon vor dem 
Eintritt des Schülers in die Schule errungen ist. Demnach scheint es, 
als dürften sie das Grnndprinctp ihrer frohem Bildongsrichtung nicht 
aofgeben, sondenf müssteu es mit der neuen Richtung in Einklang 
bringen. Dass dies in Pforta seschehen sei , darauf weisen mehrere mit 
dem neuen Lehrplane in Verbindung gesetzte Einrichtungen hin; voll- 
kommen aber wird es bestätigt durch die Leistungen der Schüler nnd 
durch die daraus sich ergebende hohe Bildungsstufe derselben." Aber 
weil eben die Thatsache feststeht, so wird es für den Pädagogen wichtig 
zu erfahren, durch welche besondem Mittel die Anstalt dieses Resultat 
zu erringen gewnsst hat. Die Pädagogik der vergangenen Zeit hat häufig 
nur nach einem gewissen richtigen Gefühl geschaffen und gewirkt und 
ihre Sicherheit durch das Festhalten an der gemachten Erfahrung sich 
begründet; die Pädagogik d«r Gegenwart strebt überall nach klarem 
Bewusstsein, weil sie rasch vonrvärts will und muss. Daraus entsteht 
aber eben die Forderung, dass sie bei günstigen und eKolgreichen Er- 
scheinungen nicht blos die Thatsache, sondern auch das Wie und Warum 
derselben erfahren will. Mochte uns nUo der Hr. Dr. Kirchner über 
die erwähnte Thatsache gelagentiich weiteren Aufschluss geben! 



234 Schul- uad UaiversitStsaachrlcUten«, 

4 

die aus der Nahe nnd Ferne zahlreich gtekomipieneD vorma!Ügen Zogtiage 
feierlich einholte. Es wurden nämlich Votivtafeln überreicht yon dea 
beiden Fürstenschulen in Meissbn und Grimma, von den vier Gymnasien 
in Breslau, von den Gymnasien in Eisenach, Weimar, Magdeburg^ 
Zeitz und Wittenberg, tou der Klosterschule in Rossleben, der 
Nicolaischule in Leipzig etc. Ein lateinisches Gratulationsschreiben 
schickte das Pädagogium zu Ilefeld, besondere GratujationsschrifteA 
die Universität Breslau [verfesst von dem Prof. Sehneider] , die hittfin. 
Schule und das Pädagogium in Halle [eine von dem Rector 0r. Eckstein 
▼erfasste schone Danksagung fuf drei Rectoren der Frankeschen Stiftun« 
gen, Jacobs y Thüo und Schmidt ^ welche Zöglinge der Pforte gewesen 
waren] , das Doragymnasium in Naumburg [eine unter dem Titel : Die 
tüte Pforte^ Ton dem Conrector K^ Chr, Gtl. ScbmitU verfasste und treff- 
Hch gelungene Scbtlderung mehrerer alten Schuleinrichtungen, namentlich 
der Ausschlafetage und Repetirstunden , der Ober-, Mittel- und Unter- 
g/esellen, des Bergtages und des Eece] und 4as Domgymnasium in Gotha 
[eine von dem Prof. WuMtemann geschriebene , sehr elegante und aner- 
kennende Besprechung der Lehrer, welche Pforta von Gotha und Gotha 
von Pforta erhalten' hat, der Verdienste der sächsischen Fürsten um 
Pforta, und des Wirkens der preussischen Könige für- dieselbe Anstalt]. 
Desgleichen übersandte der Hofrath Friedr* Jacobs in Gotha eine wahr- 
haft gemntbliche Epistola ad Cetrolum Georg, lacobj phU> Doct,, qua 
tertia seholae Pöriensis solemnia saectdaria gratulatur [Gotha, 8 S. 8.], 
worin er zu der in der Gluckwunschungsschrift an die Philologenver- 
sammlung in Gotha enthakeneft Probe eines Lehrbuchs der dassischen 
Kritik [s« NJbb. 30, 212.] einige Nachträge giebi, über die inzwischen 
fortgefahrte Bearbeitung berichtet, aber die frGhere Verheissung der 
Vollendung des Ganzen seines Alters wegen zurücknimmt. Der Archi- 
diakonus M. Goiifr» Karl Freitag aus Meissen überbrachte: Carmma 
votivu Pörtae, almae matri, studiorum magistraej vHae duct, tribu» 
fetieiter conditis saeeulis solemnia ncdälitia . . • celebranti rite oblata 
[Leipzig b. Reclam. VIII und 44 S. gr. 8.], ein Ton ihm gedichtetes 
griechisches Epos Ton vier Gesängen in fiiessenden und sprachgewandten 
Versen, worin er das Frühlingsbergfest der PfSrtner mit eben sa viel 
heiterer Laune , wie in einfach Homerischer Weise besungen und auf die 
Localverhältnisse und Zustände der Zeit seines Aufenthalts in Pforta in 
höchst geschickter Weise Rücksicht genommen , unter Anderem auch das 
Pförtner Berglied in sein Epos verwebt hat. £Une gelungene deut- 
sehe Uebersetzung ist dem griechischen Gedichte beigefugt,' und voraus- 
geht eine poetisch noch vollendetere lateinische Dedicationselegie. Andre 
fibergaben besondere Festgedichte erst beim Festmahl, und mehrere 
bedeutende Gelehrte, welche früher Schüler der Pforta gewesen, hatten 
ihre neusten Schriften der Anstalt dedicirt, Andre seltne und kostbare 
Bücher and Kunstsaefaen als Fest^eschenke fibersandt. Die von Kosen 
in langen Reihen heranziehenden ehemaligen Pförtner, über 300 an 
Zahl, vojgi den verschiedensten Altersstufen und zum Theil auf 100 Meilen 
weit hellgekommen, wurden von dem Coetns der gegenwärtigen Schüler 



Beförderungen and Ehrenbeseign^gen. ft35 

eingeholt .nnd an dem mit prenss* und sichts. Fahnen geschmückten «Thor 
dArch eine Deputation der Lehrer empfangen. Nachdem das Fest durch 
alle Glocken eingeläutet war , traten diese Pfortner im Schulgarten zum 
Chor zusammen und sangen erst ein von dem Rector und Professor j^o6&e 
in Leipzig gedichtetes Porta »alve *) und dann das Kirchenlied: Nun 
lobe meine Seele j was in mir iit, des Höehsien Treu etc. Darauf folgte 
eine religiöse Vorfeier in der Kirche, wo eine von dem Sohne des 
Aectors, Hermann Kirekner^ gedichtete FesUantalte ssur Jubelfeier der 
dreihunderijährigen Stftung etc. [Naumburg b. Klaffenbach. 16 S. 4.] 
Tom Schnierohor gesungen wurde. Auch das Abendgebet der Schulet 
wurde in der Kirche unter Tbeilnahme der alten Pfortner gehalten und 
mit einer Erinnernngsfeier an die im Laufe des Schuljahrs rerstorbenen 
ehemaligen Pfortner verbunden. Den ersten Hauptfesttag (am 21. Mai) 
eröffnete früh eine feierliche Choralmusik und um halb neun Uhr begab 
sich die ganze Versammlung in festlichem Zuge zur Kirche, wo der 
geistl. Inspector Prof. Niese über 1 Mos. 28, 10 — 28. predigte und Pforta 
als einen Ort der Verheissnng, des Glaubens und der Erkenntniss, der 
Gelübde und des Dankes darstellte. Die darauf folgende Schulfeier 
tvurde mit dem Absingen des von ' dem Rector Dr. iTtrcAner nach dem 
Muster des Horazischen Saculargesanges gedichteten Carmen saecularey 
das' elienfalls gedruckt erschienen ist, in würdevoller und erhabener 
Weise eröffnet , und der Rector führte darauf in seiner schonen lateini- 
schen Säcularrede den Satz durch, dass die Pforta niemals altere, und 
stellte die alte Pforta mit der. neuen zusammen, indem er die beider- 
seitige Bluthe verglich und daraus die Hoffnungen für da» nene Jahrhun- 
dert ableitete. £s folgte das Mittagsessen der Alumnen, und dann das 



*) Wir theilen. dasselbe hier vollständig mit: 

Gaudeamus, adsumu^j Heic qui nunc sunt, floreant, 

Alma mater salve! Rector et Collejrae, 

Natis et praes^tibus Custodes viventinm 

Et cunctis absentibus Et daces discentium 

Porta nostra salve 1 Floreant Collegae! 

^sto' Divo gloria, Vivat spes Germaniae, 

Portam qui servavit Floreant aloinni 

Multis in periculis, Liberi negotio, 

Saivum temis saeculis Diligentes otio, 

Semper fortunavit! Portae vis, alnmni! 

Laus honosque Prindpi, Christus Portae Inceat! 

Portae conditori, Este Porta coeli! 

lUins nepotibus, Absit hino obscuritas, 

Cunctis successoribos, Portae dos sit daritas 
Regi Servatorit Veritasque coeli l 

Collaudentnr ordine«, Porta vivat omniwn 

Qui fnere Portae, Messiae cultorum, 

Rectomm regentium, Lncis appetentinmy 

Doctorum docentium) Virtnti stndentaum 

Hii ionanto diordae! Mator iiiioram! 



236 Schal* und Universltatsnaciirichte.n, 

Festmahl 9 ao welchem mit den Behörden, Lehrern und Beamten deir 
Schale zwischen 400 — 500 Personen mit allgemeiner ond ungezwangener 
Fröhlichkeit Theil nahmen. An die Festtoaste auf das Wohl des Königs, 
aaf die Pforta, aaf Kurfürst Moritz und das sächsische Fürstenhaus ^ auf 
den Oberpräsidenten Flottwell reihten sich Trinkspräche aller Art, nnd 
eine Menge Festgedichte wurden ausgetheilt , z. B. lateinische Ton dem 
Pastor Dr. Naumann y von dem Dr. iur. Theod, Kind und [ein Porta 
vale] von dem Prof. Nobbe an^ Leipzig, Tom Rector DölUng in Plauen, 
vom Rector Prof. Crain in Wismar, vom Pastot Heinze In Priessnitz 
u. ä. m., deutsche von dem Professor Wunder in Meisaetf, Tom emeri- 
tirten Gerichtsamtmann Stöckner zu Cölieda, vom Dr. Geier aus Priess- 
nitz etc. Unter ihnen gefiel ein lateinisches Gaudeamus mit Reminisoen- 
zen aus der Schulzeit von dem Justizrath Schmidt aus Berlin so sehr, 
dass es von der ganzen Gesellschaft im Chor gesungen wurde, und in 
«mster Weise erregte der von Gottfried Hermann aus Leipzig uber^ 
sandte und von seinem Schwiegersohne, dem Pastor Naumann ^ vor- 
getragene Grass an die Pforte [s. NJbb» 38, 80.] allgemeine Aufmerksam^ 
keit. Zum Schlüsse des Mahles, vor welchem der Minister Eichhorn 
bereits wieder abgereist war, sprach einer der ältesten Pförtner das 
Gebet und ein alter Präcentor stimmte das Gloria an. Am Abend wurden 
Schulgarten und Höfe erleuchtet und Alles hatte ein festliches Ansehen. 
Dem Oberpräsidenten Flottweü wurde von den alten Pförtnern ein Vivi\t 
gebracht. Der zweite Festtag (am 22. Mai) wurde durch einen Schul- 
und Rcdeact gefeiert, den der Professor JFolff mit einer lateinischen 
Rede De praestantia Portae , quae ex situ nascitur , eröffnete. Darauf 
hielten 20 Schüler der beiden obern Classen deutsche, lateinische und 
griechische Vorträge, abwechselnd in Prosa und Poesie-, von denen ein 
grosser Theil selbstgearbeitete Erzeugnisse ~ waren , und durch die Wahl 
der Themen ebenso , wie durch gelungene Ansführang allgemeinen Bei- 
fall fandeu. Zum Schluss vertheilte der Rector eine Anzahl Prämien 
und 24 auf das F«st von Loos geprägte Medaillen, die auf der einen 
.Seite das Bild des Kurfürsten Moritz, auf der andern eine lateinische 
Inschrift zeigen. Gebet und Gesang beschlossen die Feier, auf welche 
Nachmittags wieder ein Festmahl folgte, wobei man in vielen Reden 
nnd Toasten das Andenken der frühem und das Wirken der jetzigen 
Lehrer feierte. Um 6 Uhr ^Abends wurde das Fest ausgeläutet und 'mit 
dem ^Gesänge Nun danket 4tte Gott unter tiefer Rührung beschlossen. 
Am Abend sangen ungefähr 80 alte Pförtner von gleicher Gesinnung und 
Stimmung über den Gräbern ihrer Lehrer: FFie sie so sanft ruhn etc., 
und beschlossen, die Gräber von John, Ephraim Schmidt x^nd Fleische 
mann mit Denksteinen, deren diese noch entbehren, belegen zu lassen. 
Zu Rgen^s Andenken wurde die Stiftung eines Stipendiums beschlossen 
nnd für die Vermehrung der Lehrerwittwencasse eine Sammlung veran- 
staltet. Am dHtten Tage zogen die alten Pfortner nnd gegenwärtigen 
Zöglinge mit den Lehrern der Anstalt zum sogenannten Bergfeste auf die 
Höhe des Knabenberges, sangen vorher nach herkömmlicher Weise vor 
der Wohnung des Rectors das schöne Bergtied im vollen Chor, ergötzten 



Öefordernngen and Ehreivbezeignngen« 237 

sich auf dem Berge an den Ton RoUer veranstalteten Kunsttänzen und 
überhaupt an Gestrig und heitern Jugendspielen. Durch das Herbei- 
strömen von mehreren Tausend Menschen aus der Umgegend war das 
Fest zu einem wahren Volksfest geworden, "zu dessen Schluss der, Pro- 
fessor Doderlein aus Erlangen im Namen der alten 'Pförtnei> noch eine 
ermunternde Anrede an die Alumnen hielt. Ein ans dem Coetus heraus- 
tretender Primaner beantwortete dieselbe sofort unvorbereitet in sehr 
geschickter und überraschender Weise, und gab damit einen thatsach- 
»liehen Beweis für die Erfüllung von Hermann's Wunsche: Heraelidae 
sint, o antiqua Porta, qui tuis ex armamentarik scutati hastaiique pro- « 
deanti So scbloss das schöne Fest, welches lange im Andenken alier 
Theilnehmer fortleben wird, und welches die frische und lebendige 
Liebe aller Pförtner zu ihrer Bildungsanstalt auf die glänzendste Weise 
^offenbarte und für fernere Dauer stärkte. — Auch das Gymnasium |n 
Quedluübürg hat am 9. Juli 1840 das Säcularfest seines dOOjährigen 
Be&t^hens gefeiert, und weil dieses Fest mit der Säcularfeier der Ein- 
führung der protestantischen Lehre in Quedlinburg zusammenfiel, so 
hatte der Rector Professor Richter in seiner Jubelrede, welche unter 
dem Titel: Festrede zur dritten Säcularfeier des kon, Gymnasiuroß au 
Quedlinhurff [Quedlinburg b. Basse. 1840.] gedruckt erschienen ist, die 
Fortbildung der protestantischen Kirche «in Lehre und Giatiben zum Ge- 
genstande der Betrachtung genommen , und wegen der innigen Verbin- 
dung zwischen Kirche und Schule diese Aufgabe des Protestantismus 
besonders von Seiten des Gymnasiums betrachtet , und fSr dasselbe nicht 
nur ein. vernunftgemässes Christenthum und ein Fernbleiben von der 
regressiven Tendenz der Buchstabentheologie als unabweisbare Aufgabe 
des Unterrichts gefordert, sondern überhaupt die Reinigung der christ- ' 
.liehen Lehre von todten Satzungen so sehr als Erforderniss des Protei 
stantismus hervorgehoben , dass er demselben für das neuangehende Jahr- 
hnadert gradezu die Erhebung zur reinen und lautern Vernunfbreligiön 
empfahl. Aui^ehend von dem allgemeinen protestantischen Princip des 
vernünftigen Fortschreitens zum Bessern, hatte er dieses Princip nament- 
lich als die belebende Seele für das wissenschaftliche und religips - sitt- 
liche Wirken des Gymnasiums in Anspruch genommen, indem die Schule . 
nur dadurch eine Erziehung für die Kirche hervorbringen könne , dass 
sie bei einem möglichst tiefen Reichthum lebendigen Wissens zugleich 
eine möglichst innige Warme religiösen Gefühls erwecke und zum Be- 
wnsstsein bringe. Doch solle 'das Gymnasium eine solche Religiosität 
nicht etwa ' durch das blosse Einprägen der Satzungen und Dogmen 
todter Glaubenslehre,, sondern «ben nur durch einen verounftgemässen 
Religionsunterricht, durch das Entsagen von dem unmännlichen Ancto- 
ritat«glauben mit seiner armseligen Passivität, durch das Fortsclireiten , 
in vernünftiger Brkenntniss der christlichen Lehre und durch die Vereini- 
gung des sittlich -religiösen Wissens und Fühlens mit dem Cultnrzustande 
der Gegenwart zu. erreichen streben. Dabei hatte er beklagt , dass die 
Kirche in der Gegenwart einem solchen Wirken der Schule nicht überall 
den riöthigen Beistand leiste, weil viele Organe derselbjen die Welt zu 



238 Schul' und Üniversitatsnachrichten*, 

veralteten Dogsien ssiirooksuiftthren streben ood mit dem. religiösen imd 
wiuensehaftlicben Bewusstseid der Gegenwart in herbem Widerspruche 
stehen. * Und je entschiedener er diese Richtnng, als der Vernunft tind 
Natur des Menschen widerstreitend, verwerfen zu mfissen glaubte , um 
so mehr hatte er sich zur scharfen Hervorhebung des von ihm vorgeschla- 
genen bessern Strebens veranlasst gesehen und im^ Fortgange seiner Rede 
4ie Forderung gestellt : „Sowie es grade Deutschland und der ganze ger- 
manische Norden war, wo ^ns Christenthum zuerst einen geeigneten 
Boden für seine reingeistige Natur fand, wo es zu allererst anfing, sich 
von den Schlacken welschen Heidenthums zu läutern ; so scheint derselbe 
Strich der Brde berufen zu sein, durch die friedlichen Waffen der Ver- 
nunft und ^urch die stille Majestät des siegenden Lichts eine bedeutende 
neue I^äuterung der christlichen Lehre zu bewirken und eine Kirche zu 
stiften, die auf die lebendige Wfihrheitsfalle eines von Christus sribst 
beabsichtigten reinen Theismus und einer echt «^istlichen Sittenlehre 
begrünet, dem prundwesen und der Grundform nach mit aUen Coo-. 
£qssionen des Christenthums übereinstimmen und für jeden ihrer Anhänger 
erquickliche Geistesspeise bringen wird, so dass die Frömmigkeit fru» 
herer Zeitalter — aber in verklärter Gestalt ~-> in die Harzen der Me»- 
sehen wieder einziehen und unser Vaterland nach allen Seiten des innern 
und äussern, des häuslichen und öffentlichen Lebens beglücken muss. 
Eine solche Glaubensgemeinschaft wird eine allgemeine gennanische 
Kirche sein ! ^' Der Redner war in allen diesen Erörterungen und For^ 
derungen sich des Untersduedes zwischen dem kirchUchen Dogma und 
der reinen Lehre Christi entschieden bewnsst geblieben, Jintte nur von 
einer Fortbildung des erstem gesprochen , und dabei überall so streng 
am Priufjp ^^ wahren Protestantismus festgehalten und mit so aufrichti- 
ger Ebrerbietnug gegen das Heilige und mit so rücksichtsvoller Schonung 
gegen Andersdenkende den Gegenstand behandelt^ dass man ein Mis»> 
verstehen und Missdeuten seiner Ansichten kaum für möglich hätte bakeÄ 
sollen. Höchstens liess sich mit ihm darüber roditen, ob es gains 
angemessen war, die Frage von der Fortbildung der pjpotestantischen 
Lehre in einer Schulrede zu behandeln, weil in dieser die Sache nicht 
allseitig und gehörig limitirt und allen Zuböretn hinlänglich verständlicli 
gemacht werden konnte. Anders aber wurde die Sache von einem Can- 
didaten der Theologie, J» C, fFaUmanrif der in Quedlinburg als Hülft^ 
prediger lebt und angeblich auch Conventikelvorsteher ist , aufgefasst in 
einem von ihm herausgegebenen plumpen Libell : Kirche oder Schule^ ehus 
Frügß hei Geiegenheit der vßn dem Hm. Dhrectar Rickter gehaltenen 
Festrede etc« [Quedlinburg , Franke» ld40. 35 S. 8.] Darin verkennt 
und verdreht er nämlich die Idee und Tendenz der Richter^schen Rede 
so sehr, dass er deren Verf. Schuld giebt, es habe derselbe verlangt^ 
die Kirche solle ganz ihren alten Lehrgrund verlassen, und es sei Seitens 
der Kirche Recht, dies zu thun, und Seitens der Schule, dies zu fordenu 
^turlich fährte dies zu einer Verketzerung des Festredners, bei wels- 
cher Hr. W^ izogieich die Reformation selbst, zu einesr. Ungeheuern Ruck» 
schritte umstenpeite und' ihr den Gnmdsats des Stillstcrhens als Haupt- ' 



Befordervngen nnd Bhrenbezeigtingen. 2S9 

princip andicbtete, weil Lutber nur durch den Satz: »»Wir werden 
gerecht allein durch den Glauben an Jesum Christum^', zum Reformator 
geworden sei. Somit war also ein unseliger Parteikampf herTorgernfen, 
der nicht- blos in theologischen Zeitschriften [z. B, in der Hengstenberg'-^ 
sehen KirchenzMtung 1841 Nr. 18 ^, welche natürlich für Wallmann 
Partei nahm, nnd in Röhr's krtt. Predtgerbibliothek 1842, Bd. 23, 5. 
S. 782 — 800«, welche Richter^s Ansichten schützte] fortgeführt, sondern 
anch noch in besondem Streitschriften fortgesponnen wurde. Gegen 
Wallmann namlieh erschienen die Schriften : RüektehrHt •der Fortsehritt? 
Etwiederung auf Hfn* Cand, WaUfnanrCa Frage: Kirche oder Schute. 
[Leipzig, Schmidt. 1840. 8J and: Nacht oder Tag? Eine Frage, ver- 
tmlaaet durch die von dem Hm» Cand, WaUmann herausgegebene Schr^ 
etc. [Bbend. 1841. 8.], von denen "die erstere eine wissenschaftliche 
Erörterung des Streitpunktes yornimmt, die letztere in leichterer Form 
den Gegner selbst angreift und dnrch Spott und gelehrte Grunde be- 
kämpft. Dieser liess ab Antwort Luthers Glaubent^^ermtniss [Qued- 
linburg, Flanke. 1841.] erscheinen, und Richter schrieb zu seiner Ver- 
theidigung : ütber deutsehe Kirchenunion oder den eigentlichen Sinn der 
Idee> einer allgemeinen germanischen Kirche [Leipzig, Hartmann. 1841. 
63 S^ 8.] , und setzte seine Ansichten noch weiter in einer zweiten 
Schrift: üeber Pantheisasus und PantheismusfUreht [Ebend. 1841. 71 S. 
8.] auseinander. Die Sache gehört nicht weiter hierher, und war blos 
als ein Angriff auf die Gymnasien zu erwähnen, der aber seitdem durch 
andre heftigere und directere Angriffe langst in Vergessenheit gekommen 
ist. Das G^raanasium in Quedlinburg war im Schuljahr Ton Ostern 1839 
•-«1840 in seinen 6 Classen und der neben Tertia und Quarta bestehen- 
den' Realolasse for Nichtstttdirende Von 145 Schülern besucht, und die- 
selbe Schfileraahl wurde auch im nächsten Schuljahr wieder erfallt. Das 
zu Ostern 1840 erschienene Programm enthalt ditf Abhandlung : Platonis. 
|iAtfosajiAto.«ioriitt»fiMNno4o cum doctrinae chrisUaniae praeeeptis coneinat 
von dem Obertehror Dr« Schmidt [27 (17) S. gr. 4.], d. i. eine Ver« 
gleicbung der Platonischen Lehren mit Parallelstellen des Neuen Testa*< 
ments, und theilt ausserdem noch mehrere Gedichte auf die 300jährige 
Jubelfeier des Gymnasiums mit. Tra Progr. von 1841 hat der Director 
Professor Richter üeher Ursprung und erste Bedeutung der griechMSchcn 
und römischen Hauptgottkeken [36 (28) S. gr. 4.] geschrieben, aber nur 
die «ne Hälfiie der Einleitung zu dieser Abhandlung mitgetheilt. Darin 
ist erst aber den Ursprung gottlicher Verehrung überhaupt verhandelt, 
dann der Jehovadienst und das Christenthum kurz beleuchtet, hie^^auf ' 
der religiöse Grundcharahter der peraisobeB, indischen, chinesischen, " 
japanischen, arabischen, assyrischen und chaldäischen Religion in allge- 
meinen Andeutungen festgestellt, und hierzu als künftig erscheinender 
Schluss der Einleitung' noch eine comparative Behandlung der Religionen 
Kleinasiens und Aegyptens verheissen. Nachtraglich erwähnen wir hier 
auch noch das Programm des Jahres 1838 , wegen der darin befindlichen 
Abhandlung: Ist die Philologie eine Wissenschaft? von dem Prorector und 
Professor ttd^M. [26 (17) 8. gr. 4.] Um nämlich den wahren Begriff 



240 Schul - tt. Uoiversitatsnacbrr.y Beforderr. u, Ebr^nbezei^ngen. 

von der Philologie Csstzustellen , ^eist der Verf. in allgemeinen Hanpt- 
zugen die von Griechenland gekommene Kntstchang der Philologie, als 
der Kunst, die Schriftwerke Anderer nachzaerkennen und zu verstehen 
und daraus sein Wissen zu bereichern, und ihre Ausbildung in Alexandria 
and unter den Rdjpem , ihren Znstand im Mittelalter and ihre Wieder- 
belebung und Fortbildung vom 14 — 18. Jahrhunderte nach, und geht 
dann auf eine Beurtheilung der von F. A. Wolf aufgestellten nnd von 
Bernhardy beibehaltenen Bestimmung and Eintbeilung der Philologie and 
ihrer Umtaufung in eine^ Alterthumswissenschaft aber. Das Falsche nnd 
Unrichtige dieser Gestaltung der Philologie wird fiberzeugend dargethan, 
und mit Recht ist darauf hingewiesen, dass eben diejenigen Wissen- 
schaftszweige, weher man den Namen Alterthumswissenscbaft entnom- 
men hat, der Mehrzahl nach nur philologische Hülfskenntnisse sind, 
aber keineswegs die Philologie selbst. Die Philologie wird von dem 
Verf. nur als die Kunst anerkannt, das von Andern in schriftlichen Denk- 
mälern Mitgetheilte nachznerkennen nnd zu verstehen, und der Philoiog 
hat es also nach dessen Ansicht mit keiner Wissenschaft, die ein Wis- 
sensgebiet enthalte , sondern mit einer auf Fertigkeit beruhenden Kunst 
zu thon, die sich auf jeden wichtigen literarischen Gegenstand anwenden 
lasse. Dass dadurch der Umfang der Philologie wieder etwas zu sehr 
verengt sei, wird sich vielleicht aus den in ansem NJbb. 35, 226 ff* 
mitgetheilten Erörterungen ergeben. Allein die wahre Stellung 4^ 
Philologie hat er sehr richtig bestimmt, und seine Erörterung kann 
vornehmlich dazu nutzen, dass endlich einmal die Verwechslung der 
Philologie ioit der historischen Forschung [der sogenannten Alterthums- 
kunde] aufbore und der Irrthum ein Ende nehme, nach welciiem man 
das eigentliche Fundament und Wesen der erstem ganz übersieht, nnd 
sie von daher benennt, wo sie selbst nur in der Anwendung anfeine 
andre Kunst und Wissenschaft erscheint , folglich höchstens eine Hnlft- 
wissenschaft ist. — An der Klosterschale in Rossleben gab im Pro- 
gramm des Jahres 1840 der eraeritirte Rector Dr. theol. Benedict JFühdm 
die zweite Abtheilung der Geschichte der Klastereehufe [von 1598 bis 
1698], nnd im Programm des Jahres 1841 der Conrector Dr. Kessler ' 
19 selbstgemachte lateinische Gedichte mit Anmerkungen heraus. Die 
Gedichte beweisen grosse Gewandtheit der Versification und eine edle 
poetische Sprache , behandeln aber zum grossen Theii ziemlich nnpoeti* 
sehe Stoffe. Die Schülerzahl war in beiden Jahren 64 and 69 in 3 Clas- 
sen oder 4 Chissenabiheilungen, und im Lehrerpersonal ist keine Ver- 
ändernng vorgekommen. Vgl. NJbb. 30, 100. 

(Die FortietiaBg folgt im n&distMi Hefte.) 






RTene 

JAHBBÜOBEB 

I 

Philologie and Paedog^oglk, 

oder 

Müritische MUbUofheH 

für das 

Scbnl- und Vnterrlclitswesen. 



In Verbindung mit einem Vereine von Gelehrten 

herausgegeben 
von 

n. JTolkafm Christian Jfahn 

and 

P|rof • MeinholA MMotm» 




* 

Achtunddreissigster Band.' Drittes Heft. 



Druck und Verlag von B. G. Teubner. 

^ 1843. 



Kritische Beurth eil ungen. 



Geschichte des römischen (Driminalproeesses bis 
zum Tode'Justinians, Von Dr. Gustav Geib, oridentl. Prof. 
d* R. an der Universität in Zürich. Leipzig , Weidmännische Bach- 
handlang. 1842. XIV and 692 S. gr. 8. 3^ Thlr. 

M2is ist gewiss für den Alterthumsforscher am angenehmsten, auf 
einem Felde zu arbeiten, auf welchem bisher noch nichts oder 
doch nichts Bedeutendes geleistet worden, oder dies wenigstens 
in andrer Art, als er selbst beabsichtigt , geschehen ist. Er hat 
dann die Freude, ein neues Gebäude immer Toliständiger vor 
seinen Augen sich erheben zu sehen, für welches man Tielleicht 
Torher kaum das Material zum Grnndbaue Tor^anden glaubte. 
So ist es zum Theil bei vorliegendem Werke. Einen eigentlichen 
Vorgänger hat es nicht. Was Sigonius in dieser Hinsicht gelei- 
ntet, ist für seine Zeit äusserst verdienstlich, aber doch mehr ein 
allgemeiner Abriss, der erst durch nähere Ausführung Leben 
erhalten kann ; in den Handbüchern über römische Alterthümer 
aber ist aus ihm geschöpft und das in einer Art, dass Neues fast 
nirgends hinzugekommen, dagegen sein Abriss noch mehr ver- 
kürzt worden ist, überdem aber alle Irrthnmer,. die sich bei ihm 
finden, und alle falschen oder erdichteten Beweisstellen aas einem 
Buche in das andre mit übergetragen worden sind. Dagegen liegt 
Von einzelnem Material reichlicher Vorrath vor. Ueber manche 
Punkte des römischen Criminalprocesses ist mit einem Scharfsinn, 
einer Gelehrsamkeit und einer Liebe zum Gegenstände von Juri- 
sten und Philologen geschrieben worden, wie sie wenigen Thei- 
len der römischen Alterthumskuade zu Theii geworden ist. Allein 
diesen Einzeluntersnchungen fehlt das bindende Element und der 
sichere Boden , so lange nicht eine Gesammtschildernng vorhan* 
den ist, aus der für jeden einzelnen Theil der ihm zukommende 
Piatz und seine wechselseitige Beziehnng zu andern Theilen 
ersichtlich, und durch w^che verhindert wird, dass man bei 
jenen sich in Hypothesen und Annahmen verliert, die-sidibei 
eüiem Blicke auf das Ganze bald als unstatthaft ierweiBen» 

16* 



244 



Romische Alterthumskunde. 



Ref. muss daher gestehen, sich wahrhaft gefreut zu hahen^ 
als er vorliegendes Werk angekündigt fand, wiewohl er nicht 
leugnen will, dass andrerseits sich auch ein kleiner Verdruss bei- 
mischte. Ref. hat nämlich seit 3 bis 4 Jfihrcn Material fiir eine 
Darstellung des römischen Criminalprocesses während der Zeit 
der Republik gesammelt und hoffte in t bis. 2 Jahren , während 
welcher er zu diesem Zwecke noch mehrere, Schriftstellei*, als 
bisher geschehen, zu benützen gedachte, dem Publicum die Re- 
sultate seiner Forschungen Torfegen zu können. Dies ist durch 
das Werk des Hrn. Prof. Geib allerdings zum grossen Theil über- 
flüssig geworden ; und das ist der Grund , weshalb der Ref. mehr 
Bemerkungen in diese Anzeige niedergelegt hat, als er sonst 
gethan haben würde. Der Verf. aber wird sich, da Ref. auf 
gleichem gebiete mit ihm geforscht hat, um so mehr des Inter-' 
esses desselben an seinen Untersuchungen für versichert halten. 

Kommen wir nun zum Buche selbst, so hat es, ihm, unge- 
achtet sein Stoff, rein der Alterthumsforschnng angehört ' und für 
Juristen nur ein untergeordnetes Interesse haben kann, während 
er von Seiten der Philologen das regste und wärmste Interesse 
beansprucht; — es hat, meinen wir, dem Buche wesentlichen 
Nutzen gebracht, dass der Verf. Jurist ist und die einzelnen Ein- 
richtungen vom Standpunkte der Rechtsentwicklang aus betrach- 
tet, wiewohl andreirseits einige Punkte, die mehr ein specielles 
antiquarisches Interesse haben, aber deshalb um nichts weniger 
zu einer vollständigen Schilderung des Criminalprocesses gehören, 
darunter gelitten haben und entweder ganz übergangen oder doch 
kürzer abgethan worden sind. Wir werden dies, wenn auch nur 
ein paarmal, darznthun Gelegenheit haben. Uebrigens aber würde 
man , wie schon aus dem von uns Bemerkten hervorgeht , sehr 
irren, wenn man das Buch als für Juristen , nicht für Philologen 
geschrieben betrachten wollte. Um einem derartigen Irrthume zu 
begegnen, müssen wir darauf aufmeilcsam machen, dass es keine 
Geschichte des töm. CriminalrecA/«, wiewohl auch die Kenntniss 
dieser zu einer richtigen Gesammtanschauung des antiken römi- 
aphen Lebens erfordert wird, sondern eine Geschichte des römi- 
schen Crimimlprocesses enthäU, d. h. eine historische Darstel- 
lung der Gerichtsformen , unter denen Verbrecher zur Rechen- 
schaft gezogei), abgeurtheilt und nach Befinden, bestraft wurden. 
Dass eine solche Darstellung der jßecA/«verwaltung ein eben so 
nothwendiges Glied der Alterthumskunde bildet, als die Darstel- 
lung der StaatsYetvfBitunQ , ist ausser allem Zweifei ^ zumal wenn 
man bedenkt, dass die Rechtsverwaltung von denselben Organen 
wie die Staatsverwaltung ausging (von Volk, Senat und Magi- 
straten); wobei es merkwürdig erscheint, dass die letztere so 
vielfach beleuchtet und geschildert worden ist, ohne dass man 
dabei auf eine genauer^ Forschung hinsichtlich jener einging. 
Denn um nur Ein Beispiel aazuiühren: es ist gradehin unmöglich, 



Geib: Geschichte des rom. CriminalproceMes. 245 

ohne ^Keantnisg des römischen Criminalprocesses über den Wir- 
kungskreis der Magistrate, namentiich der Prätoren, anders als 
unvollständig zu handeln. Ausserdem ist hier noch ein andrer 
Punkt zu beachten. Wir gehören zwar keineswegs zu denen, 
weicht die sog. Antiquitäten ^Is Hulfsmittel zur Erklärung der 
alten Schriftsteller behandelt wissen wollen; meinen aber doch, 
dass, sowenig auch eine derartige Rucksicht den Bearbeiter 
irgend eines Theiies der Antiquitäten leiten dürfe, es gleichwohl 
dankbar anzunehmen sei, wenn die auf deva Gebiete der Alter- 
thumsforschung gewonnenen Resultate sich für die Erklärung der 
alten Autoren fruchtbar erweisen. Und dies möchte bei wenigen, 
wir können gradezu sagen , bei keinem Stoffe in dem Maasse der 
Fall sein , wie bei dem vorliegenden. Von Livius wollen wir hier 
nicht sprechen; aber bei dem Schriftsteller, der uns der wich- 
tigste sein muss , der auch auf den Schulen am meisten öffentlich 
und privatim gelesen wird, bei Cicero, dürften sich in den lüeU 
sten, Reden kaum ein paar Seiten finden, welche nicht Material 
zu einer Darstellung des röm. Criminalprocesses liefern und wie- 
derum von einer solchen Darstellung Aufklärung und. Licht erwar- 
ten und empfangen *). Es ist uns daher, offen gestanden , unbe- 
greiflich , wie es bisher für den , der nicht eigne Studien zu die- 
sem Zwecke gemacht hatte, möglich war, seinen Schulern Reden 
Cicero*s (einige wenige, etwa die pro Rose. Amor, und pro Arch., 
ausgenommen) vollständig und so zu erläutern, dass ein klares 
Vßrständniss aller einzelnen Stellen ermöglicht wurde. Uebcr 
diese Zeit aber, welcher die Reden Cicero's angehören, verbreitet 
sich unser Verf. auf ziemlich dritthalbhundert Seiten mit einer in 
den meisten Fällen auch das geringste Detail umfassenden Ge- 
nauigkeit. So viel über die Stellung des im vorliegenden Buche 
behandelten Stoffes zur exegetischen Seite der Philologie. 

Die neuere Literatur über einzelne Gegenstände hat der 
Verf. reichlich benutzt und angeführt. Man erhält in den An- 
merkungen« in welche sowohl Beweisstellen, als auch Citate aus 
neueren Schriftstellern verwiesen sind , nach und nach eine voll- 
ständige. Alles umfassende Literatur vorgeführt. Wir wollen nur ' 
wünschen, dass dadurch Andere, welche sich auf gleichem Ge- 
biete bewegen wollen , nicht verleitet werden mögen , mehr auf 
diese zu bauen, als selbst in den Quellen nach neuen Hülfsmitteln 
und übersehenen Stellen zu suchen. Das Letztere würde freilich' 



*) Ziemlich dasielbe gilt von den rhetorischen Schriften Cicero'«, 
wiewohl siqh in diesen anch viele Partien finden , welche ebenso, wie die 
Reden für Quintios, Roscins (Com.) nnd Cäcina, ihre Aufhellung vom 
Civürecht und dem Civilprocesse za fordern haben. Diese aber ist ihnen, 
imserm Urtheile zafolge, in reichlichem Maasse von gelehrten Juristen 
(wie Zimmern, Hugo, Rein, Haschke, Savigny u. A«) zu TheU geworden. 



246 Römifche Aitetthi^mskande. 

nach des Verf. Ansicht vergebliches Bemnhen sein, indem er 
(S. IX«) giaubt ,,Tersichern zu dürfen, dass wiricliche Haupt^ 
stellen ihm überall nicht ent^ngen sind.^^ Aliein wir werden 
doch 9 wenn auch nur bei wenigen Punl^ten, namentlich bei sol- 
chen , welchen mehr ein blos antiquarisches Interesse beiwohnt, 
Veranlassung finden, übergangene Hanptsteileii nachzuweisen; 
und vielleicht dürften bei genauem Studium der Alten sich deren 
noch mehrere finden , wenn auch nicht in der Art , dass sie mit 
deutlichen Worten die ganze Sache umfassen, so doch solche, 
die durch irgend eine beiläufige Notiz bedeutendes Licht auf 
einen Punkt werfen und daher doch auch „Hanptstellen^^ genannt 
zu werden verdienen. 

Die Uebersicht des Stoffs ist durch die zwedkmassige Capitel- 
eintheilung und innerhalb dieser durch weitern Druck der Stich- 
wörter erleichtert; aber überflüssig sind dadurch Indices, die man 
bei einem derartigen Werke (hauptsächlich wegen der Perioden- 
eintheilung und der dadurch bedingten Trennung des Gleichar- 
tigen) nur ungern vermisst, nicht gemacht. ' Es würde diesem 
Mangel noch besser abgeholfen sein, wenn in dem (S. XV. bis 
XIX.) vorausgeschickten Inhaltsverzeichnisse auch bei den in der 
Darstellung selbst (ausser durch den erwähnten weitern Druck 
der Stichwörter) nicht besonders bezeichneten Unterabschnitten 
der Capitel die Seitenzahl, auf der sie beginnen, angegeben 
worden wäre. 

Die Darstellung des Verf. (über die wir kein Wort sagen 
würden, wenn sie nicht bei dergleichen Stoffen ihre besonderen 
Schwierigkelten hätte, soll sie namentlich nicht einförmig und 

' langweilig sein) ist vortrefflich ; der Fortgang der Untersuchung 
ist nirgends durch Citate, die sämmtlich in die Anmerkungen ver- 
wiesen sind, unterbrochen, der Stil treffend und fliessend und 
nicht mit unnöthlgen terminis technicis und Latinismen, wie so 
häuflg bei Forschungen über antike Gegenstände, überladen. 
Ueberdem ist der Gang der Untersuchung übersichtlich, und man 
weiss jederzeit, wohin eine weitere Ausführung zielt, wozu sie 
nethig und was durch ihr Resultat gewonnen ist. Bei diesen 
Vorzügen erlauben wir uns auf eine oft wiederkehrende Aus-« 

4 drucksweise des Verf. aufmerksam zu machen , die sich viielleicht 
einigemal hätte vermeiden lassen. S. 2. so lange , aber auch nur 
so lange. S. 317. in diesem Falle , aber vielleicht auch nur in 
diesem Falle. S. 342. unter diesen , aber auch nur unter diesen 
beiden Voraussetzungen. S. 348 f. ja es pflegte wohl jetzt^ aber^ 
wie ich glaube, auch erst jetzt schon bisweilen zu geschehen etc. 
S. 391 f. grade auf diese Provocation, aber auch nur auf diese 
ist die Vorschrift von August zu beziehen. S. 510. diese, aber 
auch nur diese hatten jetzt noch freien Zutritt in die Gerichte, 
u. a. — Ausserdem möchten Stellen, wie folgende: y^ ff eil einem 
grossen wdtfaeherrschenden Volke entsprossen^ — verdient das 



Geibt.Gesdiiekte des rdm« Crinkialproteflses. 347 

römische Crimioalreclit — Anfmerlcsaiiikeit^^ (S. 2.)^ odbr: ^,bi 
dem römischen CrimiB^lrecht^ weil dfi« Aiisprä^niig der toni- 
schen Geschichte und dei römischen Lebeng enthaltende erscfael- 
Ben uns alle Perioden von derselben Bedeutung^^ und manche 
ähnliche, obwohl ein erlauchter Sdiriftsteller (aber addechter 
Prosaist) dergleichen Constroctionen sehr häa% heliebl, doch 
nicht zu loben sein. 

Was den Gang des Verf. im BiiiKelnen betrifft, «o erhal- 
ten wir zuvörderst (S. 1 — 6.) eine Einitfitung^ welche sich In 
der Knrae über die Wichtigkeit des rötniechen Oriminaiproeeaaes 
und über die PeriodeneintheUung verbreitet. Der Bemerkung, 
weiche der Verf. hier macht, dass das römische Griminalrechi, 
namentlich der römische Cr&ainalproceas , Im engsten Zusammen- 
hange mit Volks -Sitte und -Gebrauch gestanden, während das 
Civilrecht schon früh der Pflege der eigentlichen Juristen anheim- 
fiel, muss jedenfalls beigepflichtet werden. Damit steht aber in 
Widerspruch, wenn der Verf. meint, die politische Geschichte 
lasse sich leichter nach Perioden eintbeilen und betrachten, , als 
die Geschichtie des Griminalprocesses. ünsers Erachtens ist näm- 
lich jWe Geschichte (politische oder 'nicht) orguniBoher Natur;' 
und wenn der Criminalprocess im engsten Zusammenhange mit 
Volks -Sitte und -Gebrauch stand, welche bei den Römern mit 
der politischen Geschichte Hand In Hand gingen, so muss er auch 
auf ähnliche Art, wie diese, mh in P^erioden eintheilen lassen« 
Daher erhalten wir aach ebenso, wie Inder politischen Geschichte, 
mit dem Beginn ^er Monarchie durch Augustus den Anfang einer 
neuen Periode , aber ebensowenig emen scharf bezeichneten und 
plötzlich abschneidenden, als dies in jener der Fall ist. Desglei- 
chen sind das Aufhören der frühem Monarchie und der (Jeber- 
gang zum Freistaat , sowie die Herrschaft SuUa's auch für den 
Criminalprocess mit Veränderungen verknüpft, wenngleich nicht 
mit 80 bedeutenden, dass Perioden nach ihnen bestimmt werden 
könnten. Vielmehr ist für diese Bestimmung ein Jahr von Ge- 
wicht, welches für nichts Anderes von Bedeutung ist, das Jahr 
605 a. u. c. In diesem ward nämlich das erste ständige Gericht 
(qoaestio perpetua) für den Repetnndenprocess eingeführt; die- 
sem folgten dann nach nad nach mehrere für andre Verbrechen, 
so dass das frühere Verfahren auf einen immer kleinern Raum 
beschränkt wurde und eidlich ganz und gar verschwand. Sonach 
erhalten wir denn durch die Sache selbst 3 Perioden angewiesen, 
in die eine Geschichte des römiscbeil Crfmina^rocesses getbeilt 
werden muss, — die 1. von den Anfangen des Staats und den 
frühesten Spuren eines geregelten Grimiaalverfahrens an bis zu 
Anfang des 7. Jahrhunderts a. u. (605 ü.), — die 2. von da 
iis4ii(f die Umgestaltung aller Verhaltmsse dnrch die Gründung 
der Monarchie^ — die 3. endlich bis zum Tode Justimaris^ als 
bis wohin der Verf. semen Stoff vearfolgt« In jeder dieser Perioden 



248 Rosiisohe Aiterthamskunde. 

bdiaadelt der Verf. nadi vonosgesehickten Einleüungen^ wefidie 
die Art, wie die E^ioriefataii^eD der frühern Periode von denea 
der neuen alimälfg beachrsiokt oder verdrSngt werden, enthalten, 
saserst die Gerichtsverfassung^ d. h. er bezeichnet die in der 
Periode bestehenden Gerichte, schildert ihre Zusammensetzunj^ 
und das Verhaltntss des dem Gericht Vorsitzenden zu den übrigen 
Gliedern desselben , und bestimmt den Geschäftskreis eines jeden 

. Gerichts und dessen Abgrenzung gegen die andern. Dies bildet 
die 1. Abtheilung jeder Periode. In der 2. und 3. Periode jedoch 
zerfällt dieselbe wieder in je 2 Unterabtheilungen ^ so dass in 
jener die Gerichtsverfassung in Rom und die ausser Rom ge^ 
schieden, in dieser aber die 1« Unterabtheilung Gerichte^ die 2. 
Gerichtsstände betitelt ist. Was nämlich den Gerichtsstand an- 

. betrifft, so war es in den beiden ersten Periojlen die Regel, dass 
der Verbrecher, wenn er römischer Bürger war, in Rom (vor 
den Comitlen oder den quaestiones perpetuae), andre Verbrecher 

' aber da, wo sie das Verbrechen begangen hatten, gerichtet 
wurden. In der 3. Periode aber f«nd die Aburtheilung von Ver- 

. brechen immer an den! Orte statt, wo sie begangen worden. 
Während daher z. B. ein Provinclalstatihalter wegen Amtswidrig- 
keiten während der Provincialverwaltung in der 2. Periode nach 
Ablauf der Amtszeit bei der quaestio repet. in Rom angeklagt 
werden musste, hatte in der 3. Periode seine gerichtliche Ver- 
folgung in der Provinz zu geschehen ^ und zwar so, dass, falls 

. er in verschiedenen Provinzen Verbrechen begangen hatte, jedes 

. einzelne derselben in derjenigen Provinz abgeurtheilt werden 
musste, wo e» verübt worden war (S. 49L). Nur die Geistlichen, 
die Senatoren , dße obersten Staatsbeamten , die Hofbeamten, die 
Ofßcialen und die Soldaten hatten ihre besondern , nur für sie 
bestimmten Gerichte und Gerichtsstände (^^Privilegirte Gerichts- 
stände^^ S. 496-— 506.). — Was nun aber die Gerichte selbst 
betrifft, über weiche der Verf. 'zunächst in jeder Periode handelt, 
so sind sie in der ersten Periode: der König, die Magistrate 
(namentlich die an die Stelle des Königs getretenen Consuln), die 
VolksGomitlen, der Senat, die Quaestoren (des Parricidiums), die 
Pontifices und die Hausväter; in der %weiten Periode^ a) in Rom: 
die quaestiones perpetuae, die Comitlen, dcfr Senat, die quae- 
stiones (ßxtraordinartae, die Magistrate ausser den in den quaestt. 
perpp. präsidireuden Prätonen , die Pontlfices und die Hausväter; 
b) ausserhalb Rom: in Italien die Municipalbehörden (Duumvirn, 
Quatuorvirn, Senat), in den Provinzen der Statthalter od^r (in 
den civitates llberae, in den eigentlichen Colonien etc.) die Local- 
magistrate; In der dritten Periode endlich, a) für das ganze 
Reich: der Senat, der schon durch August eine erweiterte Ge- 
richtsbarkeit erhielt, die sich ausser auf Verbrechen von Sena- 
toren verübt, vorzugsweise auf das crimen maiestatis uiid repe- 
tundarum ^ jedoch nicht auf diese allein , sondern auch auf andre. 



Geib : Gescludite des rdm. Criminalprocesses. 249 

ntmentlich schwerere Verbrechen erstreckte, durch ehie Verord- 
nung GoDstantin des Grossen aber anch in ihren letzten Ueber- 
resten wieder aufgehoben wurde; ferner der Kaiser selbst, unein- 
geschränlct, wie die frühem Magistrate, als aus deren Jurisdiction 
die Gerichtsbarkeit der Kaiser überhaupt hervorgegangen ist, seit 
Hadrian aber regelmässig mit einem Consüium zur Seite; endlich 
die praefecti praetorio , über' deren Wirkungskreis und Stellung 
zu den Kaisern etc. S. 431^-^438. Treffliches bemerkt wird; b) 
für Rom und Constanthiopel insbesondere: für jenes der prae- 
fectus urbi, der vicarius urbis Romae (der zuerst in d^r Constan- 
tinlscben Zeit erwähnt wird), der praefectus annonae (hinsichtlich 
der Verbrechen, welche sich auf das Proviantwesen bezogen) 
und der praefectus vigilum (über sämmtliche Verbrechen, zu deren 
Verhinderung er bestellt war) ; für Constantinopel der auch hier ^ 
seit 359 eingesetzte praefectus urbi , sowie der praefectus vigi- 
lum, dem Justinian den neuen Namen praetor plebis. beilegte; 
c) für Italien: kaiserliche Statthalter auf der einen nnd MunicipaU 
behorden mit schwachen Nachklängen ihrer alten Gerichtsbarkeit 
auf der andern Seite; d) für die Provinzen ausser den für das 
ganze Rdch bestehenden Gerichten noch insbesondere die Statt*- 
halter (praefecti, vicarii, rectores zufolge der Constantinischen 
Eintheilung des Reichs in -4 praefecturae zu je 2 oder 3 Diöcesea 
mit Provinzen als weiterer Gliederung) und die Munlcipalbeamten 
mit beschränkter Gewalt. 

Bei dieser Behandlung haben wir nur das Eine auszusetzen, 
dass die Gerichtsbarkeit der Haosväter, auch in der 3. Periode 
(S. 452 — 462.), in den Kreis der Untersuchung gezogen ist. 
Denn so sehr mt dem Verf. für seine gründlichen Erörterungen 
über diesen Gegenstand Dank wissen und ihm um ihreiwillen 
jenen Verstoss gern verzeihen, so lässt sich derselbe doch logisch 
nicht rechtfertigen. Ueben etwa bei uns die Hausväter, wenig- 
stens über die Kinder ^ nicht auch eine Art Gerichtsbarl^eit aus? 
Wem aber würde es einfallen, in eine Darstelhing des heutigen 
Criminalprocesses irgend eines Landes ein Capitel über die Ge- 
richtfibarkeit der Hansväter aufzunehmen? Für's Erste lässt sich 
bei dieser von Process eigentlich gar qicht reden ; ferner hatte 
dieselbe, wenngleich sie gesetzlich anerkannt war, doch keine 
öffentliche Auctorität in der Art, dass ein Hausvater in's bürger- 
liche Leben eingreifende Strafen hätte dictiren , oder zur Voll- 
ziehung seiner IJrtheile die öffentliche Macht hätte in Anspruch 
nehmen können; endlich konnte die Gerichtsbarkeit der Haus- 
väter wirklich öffentliche Verbrechen nicht d^h Foris, vor welche 
sie gehörten, entziehen und aliein intra privates parietes zar 
Verantwortung ziehen , ausser wenn kein Einspruch geschah uild 
mithin stillschweigende Einwilligung vorhanden war *). , Mit 



*) Die Stellen , welche Walter y BeeMsgeach. S. 558. , Nr. 21. bei- 



.' 



•« 



250 «Römische Alterthomskande. 

Einem Worte, die Gerichte der HtiasTäter waren nicht , vom 
Staate eingesetzt, kein Ausfloss der Staatsgewalt, nicht mit 
öffentlicher Auctorität umgeben und nicht zum Schutze des Staates 
bestimmt. Sie sind daher den Geriditen des Senats, des Volkels, 
der Magistrate nicht auf gleicher Stufe coordinirt, und waren 
aus einer Geschichte des röniischen Criminalprocesses, streng 
genommen auszuscheiden. 

Die 2. Abtheüung jeder Periode behandelt das gerichtliche 
Verfahren und zerfs^llt in je 3 Capltel, von denen das erste 
allemal die allgemeinen Grundsätze , die sich in der Periode bei 
dem Criminalprocesse als geltend nacl|weisen lassen, umfasst. 
Diese allgemeinen Grundsätze sind fiir die beiden ersten Perioden 
Oeffentlichkeit und Mündlichkeit, neben welcher letztern sich 
jedoch bereits in der 2« Periode eine Beimischung von Schrift- 
lichkeit findet, und die beide in der 3. Periode sehr beschrankt 
wurden ; ferner der Anklageprocess , der in der 3. Perlode in 
enge Grenzen eingeschlossen und ziemlich in ein eigentliches 
Inquisitionsverfahren übergegangen war, nachdem schon seit der 
1. Pertode Anfänge (oder vielmehr Spuren) inquisitorischen Ver- 
fahrens demselben zur Seite gestanden hatten. Wie ausserdem 
noch die Bemerkungen über die Gerichtsorte, die Gerichtstage 
und die Tageszeit der gerichtlichen Verhandlungen in die Capitel 
über die allgemeinen Grundsätze kommen , will Ref. nicht recht 
einleuchten. Allerdings konnte sie der Verf. bei der von ihm 
angenommenen EIntheilung nirgends sonst unterbringen; allein 
da durfte er wenigstens nicht die Ueberschrift: allgemeine 
Grundsätze^ wählen, sondern etwa: allgemeine Bemerkungen^ 
oder: gemeinschaftliche Eigenschaften (Einrichtungen) aller 
Gerichte. 

Das je 2« Capitel der 2. Abtheilungen beschäftigt sich sodann 
mit dem eigentlichen gerichtliehen Verfahren , in der 1. und 2. 
Periode (S, 114 — 152. S. 265—386.) Verfahren vor den 
gewöhnlichen Gerichten .^ in der 3. Periode, (S. 542 — 675.) Ver- 
fahren in erster Instanz betitelt. Dass in den beiden ersten 
Perioden nur das Verfahren vor den gewöhnlichen Gerichten (in 
der 1. Per. vor den Gomitien, in der 2. vor den quaestt. perpp.) 
geschildert ist , über die andern Gerichte dagegen blos beiläufige 
und gelegentliche Bemerkungen gegeben werden, rechtfertigt 

bringt, dafür, dass „der Vater nicht blos häusliche, sondern auch 
öffentliche Vergehen voik der öfTentlichen Obrigkeit an sein Gericht 
ziehen'^ konnte, beweisen weiter nichts, als dass in einzelnen Fällen 
1) die Hausväter durch Anwendung der väterlichen pote^tas das öffent- 
liche Gericht nberflässig machten, oder 2) ihnen die Vollziehung des 
richterlichen Urtheils überlassen wurde, oder auch endlich 3) man ihnen 
suweilen auf die Versicherung hin, se animadversnros in fUios, Unter- 
suchung , Urtheil und Vollzug anvertraute. 



Geib : Geschichte des röm. Criminalprocesses. 



251 



sich tbeils durch das Zurücktreten derselben vor jenen im wirk- 
lichen Lehen , noch mehr aber durch die auf der Dürftigkeit; der 
Nachrichten über sie beruhende Unmägltchkeit anders zu ver- 
fahren. Für uns aber sind diese 'Abschnitte bei weitem die wich- 
tigsten; daher soll unten der die 2. Per. betreffende Abschnitt^ 
für den Cicero die reichhaltigste und in sehr vielen Fällen die 
alleinige Quelle ist, genauer durchgegangen und geprüft werden. 
In allen Perioden nun ist diese Schilderung des gerichtlichen Ver- 
fahrens in Vorverfahren (bis zur Vorladung vor das Gericht und 
der ersten wirklichen Verhandlung vor diesem) und in Hanptver- 
fafaren (von da bis zur Fällung des Urtheils und respectiven Voll- 
ziehung desselben) geschieden , wogegen sich nichts einwenden 
lässt, ausser dass in der 2. Periode, wie wir später sehen werden, 
der Verf^ Mehreres zum Hauptverfahren gezogen zu haben 
scheint, was zum Vorverfahren zu rechnen ist« . 

Die letzten {dritten) Capital jeder Periode endlich behan- 
dein das Provucationaverfahren^ in der 3. Per. (als Gegensatz 
zum Titel des 2. Capitels: Verfahren in erster Inatanz) kippet- 
latiansverfahren benannt , wobei zu bemerken , dass der Kaiser 
alleiniger Appellationsrichter für das ganze Reich war, jedoch 
auch andre Beamte (iudices sacri) delegiren konnte. 

Wir glauben hiermit den Lesern der NJbb. den Inhalt des 
vorlie^nden Werkes so deutlich als möglich vorgelegt zu halben. 
Für di^ 3. Periode beschränken wir uns auf die bei dieser Uieber- 
fiicht mitgetheilten Andeutungen, die 2. soll unten ausführlich 
besprochen werden, von der 1. aber erlauben wir uns gleich hie|r 
einen etwas genauem Abriss zu geben, bei den wir uns jedoch 
in manchen Punkten, wo wir gleichwohl abweichen zu müssen 
glaiihen , einer tiefer eingehenden Kritik enthalten werden, indem 
bei der Unsicherheit des Bodens in der frühesten röm. Geschichte 
und bei der Wechselbeziehung , in der jede Einrichtung mit der 
ganzen Verfassung, deren meiste Punkte eben auch wieder streitig 
sind, stand, eine solche den hier gestatteten Raum bald über- 
-schreiten wihrde« 

Die erste Periode nmfasst die Zeit „von der Gründung des 
Staats^^ (wir wurden lieber gesagt haben: von den ersten nach- 
weisbaren Spuren eines geregelten Criminaiverfabrens) bis zu den 
quaestiones perpetuae (605) ; sie schliesst also die Königszeit und 
3 — 4 Jahrhunderte des Freistaats in sich. Denn die Königszeic 
(s. die S. 7 — 13. befindliche Einleitung) ist als keine besondere 
Periode zu betrachten, indem die Verschiedenheit des Freistaats 
vom Königthume anfangs bei weitem mehr im Namen als in der 
Sache lag; Cic. de rep. IL 32. uti consules potestatem haberent, 
tempore dumtaxat annuam , genere ipso ac iure regiam. Auf 
die Consuln ging die Criminaljurisdiction der Könige in ihrem 
vollen Umfange über; die spätem Veränderungen aber fanden 
so ailnaäUg statt, dass sich eine eigentliche Grenzlinie gar nicht 



252 * Römische AiterthamskQnde. 

tiehcn lägst. Diese Veranderungea aber sind mit den Worten 
des Verf. folgende : ^ ^^Ursprünglich hatten die Könige ausschliess- 
lich über alle und jede Verbrechen au urtbeilen. Späterhin 
wurde die Gerichtsbarkeit der* ersten Consuln und zum Theil 
selbst der übrigen Magistrate in gleicher Ausdehnung anerkannt. 
Sehr bald jedoch traten die Volkscomitien an deren Stelle, und 
dieselben blieben jetzt, bis zum Ende der gegennrärtigen Periode, 
fast die einzige Behörde, welche über Criminaisachen zu ent- 
scheiden hatte. Bios dem Senate wurde in gewissen Fällen eine 
wenigstens theilweis selbstständige* Jurisdiction zugestanden. 
Dagegen waren sowohl die Volkscomitien als der Senat nicht ver- 
pflichtet, überall unmittelbar zu erkennen, sondern sie durften 
auch andre Behörden oder Personen , die sogenanuteu Quästoren, 
beauftragen, in ihrem Namen über einen gegebenen Fall das 
Urtlicil zu sprechen^^ (S. 10.). Ausserdem kommen noch die 
Gerichte der Pontifices und der Hausväter in Betracht. . 

Was zunäclist diese einzelnen. Gerichte betrifft (1. Ab- 
theitung, Gerichtsverfassung. S. 14 — 96.), so lässt sich über 
sie Folgendes im Allgemeinen bemerken, was sich beim Verf. 
wegen der Vertheilung der verschiedenen Gerichte auf eben so 
viele Capitel zerstreut und wiederholt findet. Für alle, nämlich 
gilt, dass der Stand der Person, ob jemand Patricier oder Ple- 
bejer war, keinerlei Unterschied vor Gericht begründete, dass 
)lso sowohl der König als die Magistrate auch über die Patricier 
urisdiction hatten. Der Verf. weist dies S. 19. hinsichtlich des 

' erstem und S. 27. hinsichtlich der Magistrate gegen Niebuhr 
nach, sowie S. 153., dass beide Stande das Recht der Provocation 
in gleijchem Maasse und seit derselben. Zeit besassen. Ferner 
gilt sowohl fiir den König, als die Consuln und den Pontifex 
maximus der Grundsatz, dass die ihnen beigegebenen Cousilien 

«(Senat, coiiegium pontificum) nur berathende, nicht beschlies- 
sende Stimme hatten *) (daher senatus consulta^s Gutachten des 



*) Für die Pontifices beruft sich der Ver^ 1) auf Cic. de har. resp« 
c. 7. S 13. religionis ezplanatio vel ab ono. pontifice (d. i. yom pont. max.^ 
perito recte fieri potesi; 2) darauf , dass der öffentliche Tadel wegen 
Frebprechong der Vestalinnen Marcia und Licinia hauptsächlich nur den 
pont. roax. L. Metellui traf; endlich 3) noch darauf, dass auch späterhin, 
als Wurde und Amt des pont. max. auf die Kaiser übergegangen war, 
die Urtheilsprechnng stets nur yon| Kaiser erfolgte, obwohl fortwährend 
das Coiiegium der Pontifices noch versammelt zu werden pflegte. I>em- 
gemiss erldärt der Verf. de har. resp. c. 6. die Worte „quod (res ponti- 
fices statnissent" dahin, dass nur davon die Rede sei, wie viel Mitglieder 
anwesend sein müssten, um eine regelmässige Berathüng vornehmen za 
können. — Uebrigens fand dasselbe Yerhältniss, wie zwischen dem 
König etc. und seinem Consilium , auch bei den Gerichten der Qauaväter 
statt, wo gleichfalls das beigezogene, ans den Verwandten (und xwar 



Geib: Geschichte des-rom. CriminalproceMes. 233 

Senats). Wenngleich daher, der König sowohl als die Cofisnln 
durch Klngheitsrücksichten genöthigt waren i, den Willen des 
Senats (S. 39 — 50«) zu beachten^ so stand es ihnen doch ver- 
fassungsmässig frei, ohne dessen Befragung und auch nach ge- 
schehener Befragung gegen dessen Willen zu handeln. Indess 
ist zu bemerken , dass in Bezug auf die von nichti^draischen Bur- 
gern in Italien oder den ProTinzen begangenen Verbrechen, na- 
mentlich Treubruch, Empörung etc. der Bundesgenossien , oder 
schwerere Privatverbrechen, wie Mord und Vergiftung (Polyb. 
VI* 13«), der Senat allerdings eine grössere Selbstständigkeit, 
eine vollkommene sogar rücksichtlich der Ungesetzlichkeiten 
und Amtsmissbräuche von Seiten römischer Beamten und Feld-, 
herren gegen die Provincialen hatte. Gleichwohl scheint aus Cic« 
pro dom. 13« eine freie Jurisdiction des Senats überhaupt sich zu 
ergeben; und ^wenn auch wir meinen, dass man aus ihr kein 
Argument gegen das eben Bemerkte entnehmen dürfe , so können 
wir doch auch nicht mit der Art und Weise einverstanden sein, 
wie ihr der Verf. (S. 49.) die Beweiskraft zu nehmen sucht. 

Sowie aber die Gerichtsbarkeit des Senats nicht völlig frei, 
sondern durch die der Magistrate beschrankt war, so wurd6 die 
letztere selbst (S. 22 — 30.) wiederum durch die Volksgerichte 
schon früh beschränkt, indem sehr bald, wenigstens bei Urtheilen, 
die auf Todesstrafe oder körperliche Züchtigung lauteten, das 
Provocationsverfahren aufkam , das , da natürlich immer provocirt 
wurde, die Magistratsjurisdiction so gut als aufhob; und so ent- 
stand allmälig der Grundsatz, der indess ausdrücklich erst durch * 
die XII Tafeln ausgesprochen wurde: de capite dvis nisi per ' 
maximum coitiitiatum ne ferunto. Was dagegen das Recht zu 
körperlicher Züchtigung betrifft, so wurde hier die unbedingteste 
Provocationsbefugniss gleich beim Beginne des Freistaats aufge- 
stellt und durch mehrere Gesetze immer wieder eingeschärft. 
So blieb von der Strafgewalt der Gonsuln nichts übrige als das 
Recht, auf Mulcten zu erkennen, und auch dieses wurde allmälig 
geschmälert, ^ind zuletzt selbst Provocation gegen Mulcten ge- 
, stattet« In gleichem Verhältnisse mit der Consulargerichtsbarkeit 
verlor allmälig auch die der übrigen Magistrate ihre^Bedeutung. 
Nur die D^cemvirn und DIctatoren, sowie die Gonsuln in Zeiten 
grosser Gefahr (videant coss. etc.) machte» eine Ausnahme» 
Sonach begreift es sich , wie schon sehr bald nach Vertreibang 
der Könige das Folk (S. 30 — 39.) eigentlich allein als zur Fäl- 
lung von Crlminalurtheiien competent betrachtet werden und 
dieser Satz endlich in den XII Tafeln ah allgemeiti gesetzliche 



bei Gerichten über Ehefranen ans den Cognaten sowohl des Mannes als 
der Angeklagten, bei denen über Haaskinder dagegen ans den Agnaten) 
besiehende Gonsilinm nicht znr Entscheidung, sondern nur zur Berathung' 
berechtigt <war. 



.1 



254 Romische Alterthnmskunäe. 

Re^el ausgesprochen werden konnte. Was nun aber die Frage 
betrifft, in welchen Comitien das Volle über Verbrechen geur- 
tfaeltt habe, so entscheidet sich der Verf. dahhi, dass die Crimi- 
nalcompetenz der Carlen ganz in Abrede gestellt werden müsse. 
Der Wirkungskreis der Tribus aber sei mehr politischer Natur, 
d. h. auf Verbrechen gegen die Plebs als poKtischen Stand 
gerichtet gewesen; woför besonders auf die lex Icilia vom J. 262. 
hingewiesen wird, wornach Jeder, der eine plebejische Versamm- 
lung stören würde, von den Tribas selbst zur Strafe gezogen 
werden sollte (Dion. VII. 17.). Der Wirkungskreis der Genturien 
dagegen erstreckte sich vielmehr vorzugsweise auf Bestrafung 
der sog. gemeinen Verbrechen. Dass man späterhin überhaupt 
die meisten Arten von Verbrechen vor das Forum der Tribus zog, 
war nach dem Verf. (und wir stimmen mit ihm darin überein) nur 
eine Folge der ungesetzlichen Erweiterung der tribunicischen 
Gewalt überhaupt. — Was den König insbesondere betrifft 
(S. 14 — 22.), so hatte derselbe über alle und namentlich über 
die schwereren Criminalverbrechen durchaus allein zu entschei- 
den , und der Verf. bemerkt sehr richtig, dass auch bei dem Pro- 
cesse des Horatins, der vielfach dagegen geltend gemacht worden 
ist, der König (Tullus) als der eigentliche Richter des Angeschul- 
digten betrachtet worden ist. Doch hätten hier nicht blos die 
Worte (Llv. I. 26.) „raptus in ins ad regem^^^ sondern mehr noch 
die folgenden „Rex, ne ipse tarn tristis ingratiqae in vulgus indicii 
^ aut secnndum iudicinm snppUcn auetor esset etc.*^ gegen Dion. 
III. 22. geltend gemacht werden sollen. Uns scheint, ebenso wie 
dem Verf.^ die Darstellung des Livius keinen Zweifel übrig zn 
lassen , und wir können daher nicht begreifen , wie sich die Mei- 
nung so lange behaupten konnte und immer wieder auftauchen 
kann, als habe dis Gesetz dem Könige Vorschriften gemacht, 
und zufolge einer Gresetzesvorschrift Tullos Duumvim eingesetzt 
(duumviros — secnndum legem facio , Liv:). — Schwieriger ist 
die Untersuchung über die Gerichtsbarkeit der Quästoren (S. 50 
— 73.). Der Verf. entscheidet sieh hier für Folgendes: 1) Die 
Qu§storen waren keine öffentlichen Ankläger , keine zur Aufspü- 
rung der Verbrecher angestellten Beamten; 2) sie waren stets 
nur ausserordentliche , für jeden vorkommenden Fall vom Könige 
selbst, nachmals von den Consuln, dann vom Senat oder VoUc 
oder beiden gemeinschaftlich, speciell zu ^ ernennende Beamte, 
und zwar wirkliche Miehier in Griminalsachen , für welche der 
Geschtftskreis, die Ausdehnung ihrer Befugnisse und die Art der 
Oerichtsabhaltnng in jedem einzelnen Falle dnreh eine eigne 
Instmetion bestimmt wurde; 3) die Identität der quaestores parri- 
cidii mit den sonst vorkommenden, zur Aburtbeilnng einzelner 
Fälle ernannten Qnistoren unterliegt keinem Zweifel. Der Name 
quaestores parricidii kam früh im gewöhnlichen Leben ausser 
Gebrauch; daher findet er sich nur noch bei theoretischen 



Geib: Geschichte des roni. Criminalprocesses. 255 

< 
Sriiriftstdlern (Festns t. Pirici und Quaestores. Lydln« de mag. 
L ^6. und L. 2. § 23. D. de 0. I.); 4) von den Quästoren des 
Aerariums hingegen aind die Quästoren des Piurriddiiims durchaas 
verscliiedeii, was schon danos folgt, dass letstere keine standigen 
Beamten waren, die Qaastoren des Aerariums hingegen dies aner- 
kannter Maas^en gewesen sind; 5) die dnumviri perduelHunis' 
waren eine eigenthömJiche Art Qnistoren, weiche nu^ bei no^o- 
Tischen Verbrechen anwendbar gewesen zu seki scheinen, und 
auch hier nur dann, wenn diese ein ungewöhnliches Aufaehen 
gcoMcht 'hatten, indem da ein schnelleres Verfahren (s. die 6e- 
selatformel LIt. I. 26.) für nothwendig geltea konnte. Allein frei* 
lieh wurde diese Processform keineswegs überall, wo sie hatte 
angewendet werden können, auch wirklich angewendet, und mit 
der immer mehr hervortretenden Anerkennung des Werthes eines 
römischen tfurgevs kam sie nach und nach fast nothwendig ausser 
Uebung; daher klagt Cicero (pro Rabir.) mit Recht, dass man 
eiO' sebos Bingst in Vergessenheit gekommenes Verfüiren wieder 
hervorgesucht habe. 

Was die Pontifices (S. 73 — 82.) anlangt, so hatten diese 
eine selbststandlge Jurisdiction nur über Verbrechen, die von 
Bienera der Rettgion begangen würden, und zwar auch nur über 
die geistlichen Verbrechen der Priester und' Priesterinnen; alle 
BJoht- geistliche Verbrechen derselben aber, sowie alle Religions- 
verhtedien^ dritter Personen gehörten vor die gewöhnlichen 6e- 
rlehte. Doch befragte man im letztern Falle häufig erst die 
Pontifiees darvdber, ob die betreffende Handlung an sich als Reli- 
gionsverbreche» betrachtet werden könne (so bei Ctodins, Cic. 
ad Att. I. 13.). HinsiehlUch der geistlichen Verbrechen der . 
PYienterscbaften dagegen erstreckte sich die Strafgewalt der 
Pontifiees. bis aur Todesstrai^ ' (so bei den vestal. Jungfrauen 
wegen Verletzung des Keuschheitsgelübdes). — Noch ist über 
diie Gerichtsbarkeit der Hausväter (S. 82 — 96.) zu sprecheii* 
Und wiewohl dieser Abschnitt, wie oben bemerkt wurde, nicht 
eigentlich zur Sache gehört, so erlauben wir uns doch , bei dem 
faitereese, das er darbietet^ Einigfes aus ihm mit^utheilen« Voran 
steht die Bemerkung, dass, obwohl die Strafgewalt der Familien- 
haufter bis in die ^iten des Kaiserthums fortbestanden hat, doch 
ihre eigentliche ^ichtigkdt in die Anfange des römischen Staats 
fallt. Durch ein Gesetz irgend eines Königs aber wurde sie/ 
naefa der jedeniUls richtigen Ansidit des Verf., auf keinen Fall 
eingeführt; vielmehr entstehen derartige Institute durch VoUcs^ 
aiftte luid Gebranch. Ueberhaupt möchten wir, um dies gele« 
fentUch' zu besaerken, an förmlichen Gesetzen In der früheste« 
KöttigBsdt s6hr zweifeln. Die (Bewalt der Famtlienhaupter nnsi 
erstredkte sieh 1) über die Sklaven , 2) über die Hauskinder , 3) 
über die Ehefranen. Die Strafgewalt über die erstem war (dodk 
wie es ncheitit^ mir in. Hiaskht a«£ Vergeben gegen den Herrn 



256 Romisch'« Alter thumskande.- 

« 

selbst) unbeschränkt^ und das einsi^e Schutzmittel gegen über- 
triebene Härte lag in der Scheu vor dem Tadel der öffentlichen 
Volksstimme, höchstens in der Furcht vor der censorischen No> 
tation. Die Jarisdiction über die Hauskinder umfasste sogar das 
Recht über Leben und Tod. Sie ward auch durch die XII Tafeln 
ausdrücklich, anerkannt und erlitt in der 1. Periode noch überall 
keine Beschränkung. Hinsichtlich der Strafgewalt über die Haus-" 
frauen endlich entscheidet sich der Verf. gleichfalls für die An- 
nahme ihrer ünbeschränktheit bis zum Rechte über Leben und 
Tod , namentlich mit Berufung auf Tac. Ann. XIII. 32. ( isque 
prisco instituto propinquis coram de capite famaque eoniugis 
oognovit). Natürlich ist aber dabei vorauszusetzen, dass die 
Frau m die manns des Mannes übergegangen war. Bei freieo 
Ehen blieb die Strafgewalt über die Frau in der Hand dessen^ 
bei dem sie schon vor der Abschliessung der Ehe ^ar — bei 
dem Vater, Grossvater etc. So erklärt sich, weshalb die Straf- 
gewalt der Ehemänner allmäiig erlosch, — weil nämlich die 
Ehen mit manus nach und nach ausser Anwendung kamen. 

Gehen wir zur 2. Abtheilung {Gerichtliches Verfahren) und 
zwar zunächst zum 1. Capitel (/allgemeine Grundsätze ^ S. 97 — 
114.) über, so sind die hier erläuterten Hauptpunkte kurz fol- 
gende. Das gerichtliche Verfahren war in dieser Periode unbe- 
dingt mündlich, ohne die geringste Spur yon Schrifilichkeit, 
schlechthin öffentlich *) und auf das Anklag^verfahren gegrun- 
dc^t **). Neben letzterem findet der Verf. aber auch deutliche 
Spuren inquisitorischen Verfahrens 1) in der Jurisdiction der Ma- 
gistrate, die aus eigner Machtvollkommenheit zu handeln und 
Verfolgung eines Verbrechers von Amtswegen anzuordnen gewiss 
keinen Anstoss nahmen ; 2) in den vom Senate oder Volke ange- 
ordneten Quästionen; 3) in dem Institut derlndices, mit deren 



*) Die in den Senatsyerhandlungen bei indiciis tadtia in Hinsicht 
der Oeffentiichkeit stattfindende Ausnahme wird , was wir bemerken zu 
müssen glauben, diirch die vom Verf. beigebrachten Stellen (Cic. ad 
Att. rv. ep. 16. S 4« and Capitolin. Vit. Gordian. c. 12.) nicht for die 
1. Periode erwiesen. 

'*''*') Doch w^en vom Rechte, anzuklagen, nach der wahrschein- 
lichen Vermuthung des Verf. auch jetzt scjlion die ausgeschlossen, welche 
in den Quellen des neuesten Rechts als unfähig zur Erhebung einer An* 
klage bezeichnet werden, — Sklaven, Frauen, Peregrinen, Minder- 
jährige etc. Bei den Comitien aber konnten, wie bekannt, nur die 
hohem Magistrate als Ankläger auftreten , und zwar jeder eigentlich nur 
bei den Comitien, mit denen er auch sonst zu verhandeln das Recht 
bäitQ, bei andern dagegen nur mit ausdrücklicher EriaubnisK des Berech- 
tigten. Indess mögen sich, wie der Verf. sehi^ wahr bemerkt, die Tri- 
bunen auch hierin bald Uebergriffe erlaubt, und auch an die Centnriat- 
statt an die TribusconutieD sich gewendet haben (Liv. VI. 20.). 



Geib: Geschichte des rdm* Criteuialprocesses. 257 

Wesen wir .Bekanntscliaft voranssetzen können (die Definition s. 
Pseudo <- Ascon. zu Cic. divin. c. 11. index est, qni facinoris, cnius 
ipse est socius, latebfas indicat impunitate proposita) , als welclie 
jedoch Senatoren nicht auftreten durften (Pseudo - Ascon. L I.)^ 
sowie in dem der Quadruplatores , deren Wirkungskreis Zweifel-, 
haft erscheint, über die jedoch das gewiss ist, dass sie für An« 
klage Ton Verbrechern, im Fall diese wiiiclich für schuldig befun- 
den wurden , eine Prämie aus dem Vermögen des Verurtheilten 
erhielten. Letzterer Punkt ist ans den vom Verf. beigebrachten 
Stellen klar ; doch möchte den Scholiasten aHein (natiirlich ausser 
dem echten Asconius) nicht viel Gewicht beizulegen sein. Dies 
beweist namentlich der auch allegirte Schol. GronoT. zu Cic« pro 
Rose. Amer. c. 19., pag« 431., indem in der Stelle CIcero's durch« 
aus keine Hindeutnng auf Belohnung des Anklägers enthalten, 
und huiusce nicht auf den rens, Sestus Roscius, sondern Tiel- 
mehr auf den subscriptor IHtvs Roscias zu bezichen ist, als Ton 
dem bestochen Cicero den.Erucius- darstellt; vgl. c. 20. §57. 
cibaria vobis praeberi Tidemus, und c. 21. § 58. cum hoc modo 
accusas, Eruci, nenne hoc palam dicis: ego, quid aecep^im^ 
scio; quid dicam, nescio? Pseudo- Asconius aber kann uns hir- 
gends als Auctoritat gelten , und der Verf. hätte sich weit seltner 
auf ihn berufen sollen« Dieser Schoiiast giebt fast nie etwas 
Anderes, als was sich in der Stelle, die er erläutern will, schon 
klar genug findet, oder was seiner (sehr häufig ganz falschen) 
Meinung nach in ihr liegt. — Mehr über die Quadruplatores 
6. bei dem Verf. Per. IL S. 257 f. — 4) fn dem Verfahren in den 
Gerichten der Quästoren (Liv. VIII. 18. XXXIX. 8 — 19.). Doch 
war dieses Verfahren, wie auch der Verf. anerkennt, nicht noth- 
wendig und rein inquisitorisch ; sondern namentlich' in Beziehung 
auf das Schlussverhör wurde der Anklageprocess immer mehr 
oder weniger zn Grunde gelegt. 5) In der Gerichtsbarkeit . der 
Pontifices. Indess waren doch alle diese Gerichte gegenüber den 
eigentlichen Volksgerichten immer nur die Ausnahme. Daher 
blieb, da grade in dev Volkscomiden der Anklageprocess die 
entschiedene Regel bildete, jedes entgegengesetzte Verfahren 
nur der erste Anfang einer spätem Gestaltung und Fortbildung. 
. Es folgt im 2. Capitel dieser Abthellung das Ferfdhren vor 
den gewöhnlichen Gerichten (S. 114 — 152.), d. h. vor den Volks- 
eomitien. Dieses war folgendes. Zuer^ bestimmte der Ankläger 
einen Tag, an dem er die betreffende Person gerichtlich verfol- 
gen wolle (diei dictio). War dieser Tag gekommen, so trat bei 
den Comitien nicht sofort die Entscheidung ein, sondern der 
Strafantrag (anquisitio) musste vom Ankläger 3 nundinae hinter 
einander wiederholt werden, und erst nach der dritten Veii^ündl- 
gnng konnte die eigentliche Anklage (qoarta accusa^io , Cic. pro 
dorn. c. 17.) mit Entwicklung alier B/eweise, jetzt aber auch sofort 
ohne weitere Vertagung, vorgetragen werden. Uebrigeos hatte 

iV. Jakrb, f, Phil, u. Päd, od. Krit Bihl. Bd. XXXVIU. Bft. 3. 17 



258 Romiscbe Alterthamskunde. 

in alhn Fällen der anklagende Magistrat das Rechet ^ den Ange- 
klagten bis zur endlichen Entscheidung Tcrhaften zu lassen , und 
CS hing blos von seinem Ermessen ab, ob er ihn gegen Bürgschaft 
einstweilen frei lassen wollte. Den letztern Punkt v.ertheidigt 
der Verf. gegen Niebuhr's Behauptung (iL 419 ff.), dass Ver- 
haftung überall habe stattfinden müasen^ wo die Schuld 'des An- 
geklagten^ entweder wegen '^eignen Geständnisses oder wegen 
offenkundiger Beweise , unzweifelhaft gewesen sei. Gegen das 
Ende der Republik wurde allerdings die Freilassung gegen Bürg- 
schaft vorherrschend, wofür der Verf. gewiss mit vollem Rechte 
den Grund in der immer höher gesteigerten Ansicht von der 
Wurde und Unverletzlichkeit eines römischen Bürgers sucht.. 
S. noch Liv. III. 13. hie (Caeso Quintius) primus (a. u. 293.) vadcs, 
publicfos dedit. 

Jeder Criminalprocess konnte unterbrochen oder ganz auf- 
gehoben werden durch die Intercession eines Volkstrib^inen ; 
durch den förmlichen Rücktritt des Anklägers auch ohne alle 
Angabe ,von Gründen, daher natürlich auch durch seinen Tod 
(s. Liv. II. 54. und seine Erzählung berichtigend Dion. IX. 38«) ; 
endlich dadurch, dass der Beklagte in's Exil ging, ein Vorrecht, 
welches er noch im letzten Augenbliche vor der Verurthcilung 
benutzen und auch, wenn er verhaftet war, geltend machen 
konnte, wo er dann sogleich auf freien Fuss gesetzt werden 
musste. UebTer das Wesen des Exils erklärt sich der Verf. 
S. 121., eine Auseinandersetzung, durch die manche irrige oder 
unklare Ansicht berichtigt werden wird. Ganz deutlich setzt das 
Wesen des Exils Cicero auseinander pro Caecin. c. 34. § 100. 
Mit dem dort Gesagten scheint indess zum Theil in Widerspruch 
zu stehen pro Cluent. c. 10. § 29. quem legea exiiio, natura morte 
multavit, wenn nicht hier an den nachträglichen Comitialbeschluss 
(lex) y das Exil für ein rechtmässiges zu betrachten , gedacht ist, 
was indess Wegen des Plural leges als zweifelhaft erscheint. Ref. 
denkt sich daher, um dies gleich hier zu bemerken , die Sache 
so, dass In der folgenden Periode das Exil eines reus bei einer 
Quaestio perpetua nicht erst in jedem einzelnen Falle durch einen 
Comitialbeschluss bestätigt wurde, sondern dass die für die ein- 
zelnen Quästionen und Verbrechen gegebenen (ja auch von den 
Comitien ausgegangenen) Gesetze im Voraus die Bestimmung ent- 
hielten ^ dass das Exil dessen, der sich durch dasselbe dem Ur- 
theile entziehe, ein rechtmassiges sein solle. Noch können wir 
hier einen andern Punkt nicht unerwähnt lassen. In der 1. Periode 
nämlich gab es gewisse Orte Italiens, die zum Aufenthalt für 
Exulanten bestimmt waren. Für die 2. Periode finden sich bei 
Cicero zwei Nachrichten, welche darauf hinweisen, dass schon 
Abwesenheit von Rom für Exil galt; ja die eine zeigt, dass es 
dem Exulanten sogar frei stand, bis an die Thore Roms zu kom- 
men; pro Cluent. c. 62. § 175. und pro Ligar. c. 4. § 11. Doch 



Gei|>: Geschichte des rom. Criminalprocesses. 259 

läist sich dies mit dem Tom Verf. Bemerkten "wohl rereiofgen. 
Für Milo 118116*016 lex Pompeia Exil ausserbalb Italiens bestimmt, 
Cic. pro M|L c. 38. § 104« Daher ging er nach Massilia. Wir 
haben dies^ wiewohl es in die folgende Periode gehört, gleich 
hier beqoerkt, weil der Verf. bei Behandlung der 2. Periode gar 
nicht weiter darüber spricht (s. S. 289.). 

War der Tag der Yerhandlyg gekommen , so rief bei den 
Centuriatcomitien ein Hornbläser Ton der arx herab und dann die 
Mauern^ umgehend das Volk zusammen , blies aber auch vor dem 
Hause des Angeklagten (Varro L. L. VI. 9, 90—92. p. 110. 111. 
ed. Muller.). Auf die Tributcomitien kann dies keine Anwendung 
erleiden , da diese nur durch die Viatoren der Tribunen zusam- 
menberufen wurden« Erschien hierauf der Angeklagte nicht, so 
hörten, wenn er freiwillig in^s Exil gegangen war, auf die An-> 
zeige hierron alle weiteren Verhandlungen auf, das Exil ward für 
ein rechtmässiges erklärt und zugleich in der Regel die Inter- 
dlction des Wassers und Feuers ausgesprochen ; war er aber über- 
haupt blos nicht erschienen , so wurde der Strafantrag des Accu- 
sators sofort zur Abstimmung gebracht, oder ausnahmsweise ^in 
neue!* Termin zur endlichen Entscheidung bestimmt; war er end- 
lich so ausgeblieben , dass er seine Abwesenheit zu entschuldigen 
und eine Vertagung des Urtheilsspruchs zu bewirken suchte , so 
musste Tor Allem (nicht vom Volke, sondern) vom anklagenden 
Magistrate über die Annahme oder Verwerfung der vorgebrachten 
£ntschuldigiingsgründe entschieden werden. Ais solche Entschul- 
digiingsgründe pflegten Torzukommen Krankheit, häusliche Un- 
glücksfölle u. dergl. Rechtmässige Entschuldigungsgründe aber 
waren Abwesenheit rei publicae caussa und Führung eines Amtes; 
denn Magistrate konnten , wenn sie nicht freiwillig auf ihr Recht 
verzichteten (Llv. XLIU. 16.), während der Amtsdauer nicht ange- 
IdfLgt werden. — War dagegen der Angeklagte erschienen, so 
wurde zu den eigentlichen Verhandlungen selbst übergegangen. 
Hier kam erst die Anklage, dann die Vertheidigung, diese letztere 
In der Regel vom Angeklagten in Person — auch wenn es eine 
Frau war — , höchstens von dessen nächsten Anverwandten ge- 
führt. Von wirklichen Rednern findet sich jetzt fast noch keine 
Spur (Fulvius* Vertheidigung des Galba — Liv. Ep. XLIX« — 
fäiit ganz an das Ende dieser Periode). 

Nach Anklage und Vertheidigung ging man zur Vorlage der 
Beweise über. So unvollständig nun auch in dieser Zeit bestimmte 
Beweisregeln gewesen sein mögen, und so ungenügend hierüber 
für die gegenwärtige Periode die Nachrichten sind , so lassen sich 
doch folgende Hauptbeweise aufstellen: 1) Geständnisa, zu dessen 
^Erlangung man gegen Freie keinerlei ZwangsAaassregeln an- 
wandte, gegen Sklaven aber von jeher die Folter gebraucht 
wurde (Liv. XXVI. 27. XXVII. 3. Auct. ad Herenn. II. 7. Cic. 
partit. orat, c. 34«) 2) Zeugenaussagen. Von Freien mussten 

17* 



« / 



2i80 Römische Alterthomskonde« 

diese besohworeli, ^eu^oisse von Sklaven hingegen stets auf der 
Folter abgeie^. werden (aber nie gegen ihren Herrn — in capot 
domini — , sondern immer nur für ihren Herrn), wobei der Verf. 
jedoch, was zu beachten ist, mit Recht darauf aufmerksam macht, 
dass die FoiteTr nicht erst die. Wahrheit erpressen, sondern viel-« 
mehr Gewissheit geben sollte, ob der Gefolterte trotz aller kör- 
perlichen Schmerzen bei seinerJlLussage verharren* werde. — Ais 
unfähig zum Zeugen galten oie schon von den XII Tafeln so 
genannten improbi et intestabilejs , ausserdem Frauen, mit allei* 
niger Ausnahme der Yestalischen Jungfrauen, jedenfalls aber auch 
schon die in den Quellen des spätorn Rechts hierher Gerechneten, 
namentlich Unmündige, Ehrlose (?), Freigelassene gegenüber 
ihren Patronen, und Descendenten gegenüber ihren Ascendenten. 
Gegen ihren Willen dagegen konnten nicht zum Zeugnisse genö< 
thigt werden Patrone im Verhältniss zu ihren dienten und umge- 
kehrt, jedenfalls aber auch schon jetzt nicht die nächsten Cogna- 
ten und Affinen des Angeklagten. Als eine fernere Art des Be- 
weises wurden 3) die Urkunden , die tabulae accepti et expensi 
sowohl (Liv. XXXVIII. 55. Val. Max. III. 7, 1.), als alle andern 
Priyaturkunden (Liv. II. 4.) , und 4) Indicien betrachtet. Für 
diese letztern als Beweismittel sprechen ausser der Analogie zur 
Zeit der Qaaestiones perpetuae (s. unten) ausdrückliche Beispiele 
bei Dionysius (VIII. 89.) und Livius (III. 24. XL. 37.). Nur ist 
zu beachten , dass ^ die Indicien ebensowenig , wie die andern 
Beweismittel, für die Richter zwingende Kraft zur Verurtheilung 
hatten , sondern ihnen nur als Beweggründe dienen konntenm 

Kam es endlich zur Abstimmung , so fand ganz dasselbe Ver- 
hältniss statt, wie bei andern Comitialverhandlungen. Das Volk 
konnte blos die vom Magistrat beantragte Strafe anerkennen 
oder verwerfen; eine diesfallsige Abänderung konnte nur vom 
Ankläger selbst ausgehen. Die Abstimmung geschah mündlich 
(die lex Gabinia, die erste lex tabellaria, fällt in's Jahr 615, also 
zehn Jahre nach Einführung der quaestiones perpetuae) ; Stim- 
mengleichheit galt für Freisprechung. Konnte die Criminalver^ 
bandlung an dem nämlichen Tage, an dem sie eröffnet worden 
war, nicht beendigt werden, so trat eine Vertagung ein und das 
ganze Verfahren muaste nochmals erneuert werden. Dies hiess 
ampliatio *). Nach der Abstimmung machte der die Versamm- . 
lung leitende Magistrat das Resultat förmlich bekannt. Die Exe- 
cution im Falle der Verurtheilung fand möglichst schnell und in 
der Regel öffentlich statt, und musste überall von dem B^I^^istrate 
besorgt werden, der in dem fraglichen Gerichte den Vorsitz 
geführt hatte, mithin bei den eigentlichen Comitialgerichten von 
den Tribunen. . Dass , wenn der Verortheilte auf dem Wege zum 

'^) Eine etwu andre Bedentnng hat ampliatio in der folgenden 
Periode bei den qaaestiones perpetuae (s. onteo}. 



Gelb: Geschichte des rom. Criminalprocesses. 261 

Richtplatze (zufällig) einer vestaliscl^en Jonf^rau beg;egnete, die 
Execiitioii aufgehoben und er in Freiheit gesetzt wurde, ist 
belcannt. Es konnte aber auch jedes Urtheil wieder anfgehobeii 
werden durch förmiiche Restitution des Verurtheilten ; diese 
konnte jedoch nur vom Volke, und zwar in Form eines eigent« 
liehen Gesetzes erfolgen. 

Das 3. und letzte Capitel dieses Abschnitts behandelt das 
Provocationsverfahreri (S. 152 — 168.)- Die Entstehnngszeit 
dieses Instituts in seiner eigentlichen Bedeutung ^etzt der Verf. 
In die Zeit der Republik , und erklärt die Worte Cicero's (de rep. 
il. 31.): provocationem etiam a regibus fuisse, dahin, dass zur 
Zeit der Könige eine Provoeation nur in Bezug auf die vom Kö- 
nige bestellten Gerichte (wie bei Horatius die DnumTirn waren) 
habe stattfinden können, indem er zugleich darauf hinweist, dasA 
ja Cicero das Ganze iinr als eine historische Merkwürdigkeit 
anführe. Ob sich so und durch die ,,nicht grade auf historische 
Genauigkeit berechnete Darstellung^^ in der Stelle Cicero's die 
Worte a regibus erklären lassen , wollen wir dahin gestellt sein 
lassen. Jedenfalls aber konnte der Verf. sich noch bestimmter 
ausdrücken und ein Provocationsr^c^^ zur Zeit der Könige auch 
in den bezeichneten Fällen gradezu leugnen. Denn in dem ein- 
zigen uns bekannten Falle, dem des Horatius, kann von keinem' 
Provocationsreci^^e , sondern nur von ehier von Tullus für diesen 
apeciellen Fall gegebenen Provocationser/ai^&^is« die RedQ sein* 
Somit wissen wir uns die Worte des Vei^. (S. 152. z. E. 153. z. A.) 
nicht zu erklären : ^,0b schon zur Zeit der Könige , und selbst 
gegen die eignen Entscheidungen derselben- eine Provocatioii 
gestattet gewesen sei, war unter den ällern Juristen bestritten ^ 
allein seit der Wiederauffindung von Cicero'^s Republik, wodurch 
hier die frühere Nachricht des Sencca (Epist. 108. aeque notat — 
6c. CicerQ — provocationem ad populum etiam a regibus fuisse) 
ausdrücklich bestätigt wird, muss wenigstens im Allgemeinen 
jed«r diesfallsige Zweifel verschwinden«^^ — Eine rechtliche 
Stütze erhielt die Provocationsbefugniss seit Einführung der Re- 
publik wiederholt durch Gesetze (lex Valeria de pro^ocatione^ 
XII tabb., 2. und 3. lex Valeria, iegea Porciae). Hierbei erkiä'rt 
sich der Verf. mit Recht gegen Miebuhr, der den Plebejern erst 
durch die genannten Gesetze, namentlich gleich die erste lex 
Valeria, ein Provocationsrecht'ertbeilt werden lasst, während er 
dasselbe für die Patricier schon in der Köuigszeit gelten lassen 
will. Ebenso weist der Verf. den von demselben geltend gem^ach* 
ten Unterschied zwischen Patriciern und Plebejern in Bezug auf 
die Provocation von den Urtheilen der für die Abfassung des^ 
Zwölftafelgesetzes erwählten Decemvirn ufid der Dictatoren, 
namentlich mit Berufung auf die ganz klare Stelle Zonar. VlI. 13., 
entschieden zurück« 

So sind wir zur 2. Periode (die Zeit der quaestiones per- 



t 



% > 



262 Römische Alterthumskande. 

petnae) gelaugt. Wir werden diese ausführlicher betrachten, 
und überall, wo sich Gelegenheit darbietet ,. auch unsre Bemer- 
kungen hinzuffigen« Zuerst wenden wir uns zur 

Eihleitung (S. 169—177.). Nach der Vorbemerkung, wie 
der Crirainalprocess sich' in dieser Periode vorzugsweise durch 
Legislation fortbildete, während in deryorigen seine Entwicklung 
durch Gewohnheit und Volkssitte erfolgte, geht der Verf. zu der 
Darstellung von dem allmäligen Entstehen der quaestiones per- 
petuae über. Dass der Verf. dieses Entstehen als ein allmäUges 
darstellt, hat uns gefreut, da die hergebrachte, sei es klar aus^. 
{tesprochene, sei es stillschweigend vorausgesetzte Meinung der 
Meisten ist , als seien alle auf einmal , oder wenigstens in einem 

_ Zeiträume von nur ein paar Jahren entstanden. Allein ebendarum 
hatte es für des Verf. Darstellung der Sache eines Nachweises 
der Richtigkeit bedurft. Ein vollständiger lässt sich freilich nicht 
geben. Indess ist doch zu bedenkeii, dass sich für die entgegen^ 
gesetzte Meinung gar nichts, auch nicht einmal eiAe innere Wahr- 
scheinlichkeit beibringen lässt. Für uns dagegen spricht, dasg 
Cic. Brut. 27. nur von der quaestio repetundarum die Rede ist, 
mit dieser zugleich also keine weiter entstand, dass drei quae- 
stiones (inter sicar. , de venef. mit de parric. , de fals.) erst durch 
Sulla eingerichtet wurden (L. 2. § 32. D. de 0. 1.), dass eine 
quaestio perpetua über ambitus sich überhaupt nur als vor 639 
bestehend nachweisen lässt (Sigon. de lud. IL 30. pag. 651.) und 
eine quaestio perpetua über peculatus nur als vor Sulla schon vor- 
banden (Ligbn. de iud. II. 28. pag. 624 f.), endlich dass die quae- 
stio maiestatis erst 651 durch die lex Apuleia zu einer perpetua 
werden konnte, indem dies die erste lex de maiestate nach dem 
J. 605 war. Wenn man dies Alles erwägt, so sollten wir^ meinen, 
es könnte kein Zweifel mehr über die allmälige Einführung der 
quaestiones perpetuae übrig; bleiben. — Was nun dßn Namea 
quaestio perpetua betrifft , so ist die Erklärung des Verf. (S. 170. 

/Note 2.), dass dies nach Analogie von edictum perpetuum nichts 
bedeute, als quaestio annua (gegenüber von quaestio temporaria, 
welchen Terminus wir uns aber nicht erinnern irgendwo gefunden 
zu haben), jedenfalls zum wenigsten sehr ungenau. Weder 
edictum perpetuum kann je so viel sein, als edictum anmuim, 
noch quaestio perpetua so viel als quaestio annua. Auctoritäten, 
und wären es die der bedeutendsten Gelehrten , wie sie der Verf. 
dafür anführt, können hier nicht wiegen. Und was soll denn 
nun wiederum eine quaestio annua sein? — Perpetuum heisst 
der Natur der Sache nach das , was perpe^uo geschieht. Edictum 
perpetuum ist daher, quod proponitur perpetuo (von jedem Prä- 
tor, so dass keine Unterbrechung entsteht durch etwaige Unter- 
lassung irgend eines Prätors) oder ex quo praetor ins dicit per- 
petuo (d. h. natürlich, da der Prätor nur 1 Jahrelang die Juris- 
diction hat^ das ganze Jahr hindurch; dass aber der Prätor 



Gelb: Geschichte des rom. Criminalprocesscs. 263 

jährlich wechselt, ist hierbei etwas ^nz Zufalliges und Aüsser- 
wesentliches). Ebenso ist die quaestio perpetiia eine qtiaestio, 
qnae perpetuo patet accusantibtia , im Gegensatz nicht einer tem- 
poraria, sondern einer cxtraordinaria, welche fiir jeden einzelnen. 
Fall erst constituirt werden muss. Daher übersetzt anch der 
Verf. ganz richtig (aber in Widersprach mit seiner Note) ^^stan- 
dige Quaestio^^ — Für diese Quästionen nun war das Verfahren 
in den über das jeder einzelnen zugehörige Verbrechen erlasse- ' 
nen Gesetzen vorgeschrieben ; ein allgemeines Processgesetzbuch 
existirte nicht. Allein wenn deshalb der Verf. meint , es würde 
eigentlich nothwendig sein , die ganze Darstellung in die Schilde- 
rung der einzelnen Processordnuhgen und der in ihnen enthalte- 
nen speciellen Verfahrungsarten aufzulösen , und nur wegen der 
Dürftigkeit unsrer Quellen müsse auf eine solche Behandhirigs^ 
weise verzichtet werden , so kann ihm Ref. hierin unmöglich bei- 
stimmen. Für*8 Erste sind unsre Quellen In Betreff des Verfah- 
rens bei den quaestiones perpetuae gar nicht etwa so dürftig, 
und es wäre nur zu wünschen, dass sie hinsichtlich mancher 
andern höchst wichtigen Einrichtungen gleich reichlich flössen; 
ferner giebt der Verf. bald darauf selbst zu , dass die leges iudi-* 

'^ ciariae gewisse allgemeine Bestimmungen für säromtllche Gerichte 
enthielten ; endlich sind die Verschiedenheiten in dem Verfahren 
der einzelnen Quästionen nicht zufällig und willktlrlich , sondern 
stets in der Natur der Sache begründet. Denn es ist natürlich, 
dass die Verschiedenheit des Verbrechens auch eine Verschie- 
denheit der Instnietionen und der Beweismittel bedingt, und dass 
daher namentlich bei der quaestio repetundarnm das Verfahren, 
insofern es durch die eigenthümliche Natur des crimen repet, 
bedingt wurde ^ ein eigenthümllches sein mnsste. Allein dieses 

. Verhältniss muss sich auch überall da finden, wo eine allgemeine 
Processordnung existirt, und wir vermögen deshalb nicht abzu- 
sehen, weshalb, streng genommen, eine Darstellung des römi- 
sclien Criminalprocesscs in verschiedene Processordnungen ge- 
schieden werden müsse. Der Verf. beruft sich zwar für die Ver- ^ 
schiedenheit des gerichtlichen Verfahrens namentlich auf die 
Quästionen über adnlterium'und üfier roaiestas. Dass aber über 
adulterium eine quaestio perpetua bestanden habe^ ist uns unbe- 
kannt, und das crimen malestatis gehört wenigstens mit seinen 
Besonderheiten und Eigenthümlichkeiten nicht in diese Periode* 
Die hiermit zusammenhängende Frage, wie gross die Zahl der 
quaestt. perpp. gewesen sei, übergeht der Verf. Bei den Schrift- 
stellern, auf die er hierüber (S. 174. Not 16.) verweist, nament- 
lich hei Ferratius Epist. I. 15. , findet sich vielfach Irriges. Es 
sei uns daher (wiewohl dies, streng genommen', in das Criminal-' 
recht, nicht in den Criminalprocess gehört) erlaubt, ^in kurzes 
Verzeichniss zu geben. Nach Sulla nämlich existirten 8 quaestt 
perpp.: 1) de repet., 2) de amb. (et de södal.) , 3) de malest, 



264 Römische Aiterthumsku ode.. . 

4t) de vi publica, 5) de pecal., de saeril., de resid., 6) de 8ie»rii9 
(gewölinlicher qu. inier sicarios genannt), 7) de venef., und je nach 
der Art des Mordes su 6 oder 7 gehörige, die parric, 8) de fals. *). 
Auf die Frage, ob jede dieser Quästionen ihren eignen Gerichts- 
hof (um uns so auszudrücken) hatte, werden wir sogleich ausfühiv 
lieber kommen. Dass aber durch sie der Wirkungskreis aller übri- 
gen Gerichte immer mehr beengt und endlich fast ganz aufgehoben 
'wurde, war natürlich. Doch hebt der Verf. mit Recht hervor, dasa 
die quaestt. perpp. eigentlich nur Commissionen waren^ um im Na- 
men und anstatt des Volkes Criminalurtheile zu fallen, jedoch frei- 
lich so , dass ihnen der Auftrag des Volkes ein für allemal ertheilt 
war» Auf die Einieitnng folgt die 

1. Abtheilung ^ Gerivhstverftiasuhg betitelt. 

1. Unter aUheüung. Gerichtsverfassung in Rem. — 1. Ca- 
pitel, Gerichtsbarkeit der Prätoren in den guaestianes perpe-- 
tuae (S. 178 — ^^15.). Nach Anregung der Frage ^ wie weit sich 
(im örtlichen Sinne) die Jurisdiction der quaestt» perpp. erstreckt 
habe, deren Beantwortung dahin ausfallt, dass sie nur innerhalb 
der städtischen Bannmeile (jedoch mit einigen Ausnahmen) gegol- 
ten habe, handelt die weitere Untersuchung von dem magistratus^ 
der das ganze Gericht leitete, vom iudex guaestionis, und von 
den Richtern. In Bezug auf den ersten kann kein Zweifel ob- 
walten, dass der die quaestio leitende Magistrat grundsätzlich ein 
PrStor war. Nun entsteht aber die Frage, ob jede quaestio einen 
Prätor für sich gehabt habe, und somit die Zahl der praetorea 
gleichmässig mit den Quästionen vermehrt worden sei. Wir er- 
lauben uns, diese Frage, da wir im Resultat nicht mit dem Verf. 
übereinstimmen können , selbst genauer zu prüfen. Jm j. 605, 
als die erste qu. perp. eingerichtet wurde , gab es 6 , also ausser 
dem praetor nrb. und pr. peregr. 4 Prätoren (s. Pompon. L. 2. § 
32. D. de O. !.). Diese Zahl blieb bis Sulla ; die einzige Neue- 
rang bestand darin, dass die Prätoren sich nicht, wie früher, gleich 
anfangs in ihre Provinzen begaben, sondern während des ersten 
'Jalires ihrer Amtsführung einer quaestio perpetua in Rom vor-, 
standen. Da nun, wenigstens unmittelbar vor Sulla's Zeit, 5 
quaestt. perpp.^ aber nur 4 Prätoren (ausser dem urb. und peregr.) 
da waren ; so fragt es sich , wie die eine übrigbleibende quaestio 
untergebracht wurde. Als das Natürlichste erscheint es, dass Ein 
Priitor 2 Qt\ä8tionen erhielt,' oder der praetor urb. oder peregr. 
neben der Civiljurisdiction eine übernehmen musste. Dass dies 
der Fall gewesen, leugnet der Verf., indem sich keine .positiven 
Beweise dafür beibringen liessen. Aber hier müssen wir dem 
Verf. bemerkficfa machen, dass für seine Annahme, der zufolge 

*) Mit Uarecbt hat man aus Dig. XLYIII. tii. 2. fr. 12. § 4. die 
Existeöa einer qa» perp^ de üijariis geschlossen. Dass SuUa nicht eine 
• derartige qa. eingerichtet hat, säeht nan aus 1. 2. S 32. D. de O.I. 



' / 



Geib: Geschichte des röm. Criminalprocesses« 205 • 

die iodices quaeslionis dem Mangel abgeholfen hatten, sich eben- 
sowenig positive Beweise geben lassen; und so gut man Einer 
quaestio bisweilen 2 Pratoren zutheiite, bitte es, sollte man mei- 
nen, auch der Fall sein können, dass Ein Prätor 2 Quästionen 
überkommen hätte. Doch sehqn wir weiter. Durch Sulla ward die 
Zahl der Quästionen auf 8 vermehrt, d. h. 3 neue hinzugefügt 
(denn die qu. de parric. gehorte, wie schon oben bemerkt wurde, 
theils zur qu. de sicar., theils zu der de venef."*"); vgl. Cic. de 
Inv. II. 19. und L. 1. D. de 1. Pomp, de parric). Was dife Präto- 
ren betrifft,* so sagt Pomponius (1. 1.), Sulla habe 4 hinzugefügt 
Somit würden nun für die 8 Quästionen 8 Pratoren vorhanden ge« 
wesen sein , die Summe aller Prätoren aber wäre 10 geworden. 
Uns erseheint die Angabe des Pomponius schon aus dem Grunde 
der nunmehrigen Uebereinstimmung zwischen der Zahl der für 
die Leitung der Quästionen bestimmten Prätoren und der Quästfo- 
nen selbst glaubhaft. Der Verf. macht jedoch gegen Pomponius 
eine Stelle des Dio Cassius geltend, der, wie er sagt, ,,ausdrück- 
lieh behauptet, erst Julius Cäsar habe in Folge einer neuen Ver- 
mehrung Ihre (der Prätoren) Zahl auf 10 gebracht.^^ Aliein das 
behauptet Dio Cassius nicht ausdrücklich. Er sagt nur (XLII. 5 h) : 
iva yuQ nk$lovg avtmv afisi^i/tai, ötgatijyovg rs dkxa ig td 
^Ttiov itog dnsösi^w x« r. A. Da steht kein Wort davon, dass 
erst Cäsar die Zahl auf 10 vermehrt habe **). Vielmehr erklärt 
sich Alles sehr wohl, wenn wir Sigonius folgen, welcher bemerkt: 
„L. Sulla IV praetores addidit. Quoniam autem numerus praeto- 
rum iam inde ab initio permissus erat arbitrio senatns, ob fd factum 
^st, ut raro ant fortasse nunquam nisi octo praetores quotannis sint 
creati.^^ So erledigt sich auch das aus Cicero entnommene Be- 
denken, für dessen Rückberufnng, wie ei* selbst sagt, 7 Prätoreu 
fitimmten, während ein einziger dagegen war'*''*"^). — 

* Die Untersuchung über den indes quaeationia können wir hier 
nicht in's Einzelne verfolgen. Der Verf. kommt nach einer gründ- 
lichen Erörterung zu dem Resultate, mit dem wir freilich im Ein- 
zelnen nicht in jeder Hinsicht übereinstimmen können^ dass der 
iudex qnaestionis nicht einen unerlässliclien Bestandtheil jeder 
quaestio gebildet, ferner, dass er kein wirklicher Magistrat, end- 
lich dass er kein Oehulfe des Pr£tors gewesen, sondern überall, 
■ , . ' * ■ 

^^ Deshalb war auch Roscins bei der qa. de sicar. angeklagt i^orden, je- 
doch speciell de parric. s. Cie. pro Rose. Amer. c. 10. § 28. vgl. mit c. 5. § 11. 
'*"*') Yielmehr ist dies eine Meinung, die sich aus einem Buche in das 
andre fortgeschleppt hat. Wir hätten geglaubt, der gründliche Hr. Verf. 
werde auch diese Stelle selbst nachschlagen. 

^°^) Aller sonst noch etwa übrige Zweifel muss schwinden .vor der 
klaren und deutlichen Stelle Vellej. II. 89. % 3. Imperium magistratunm ad 
pristinum redactum modum (sc. a Caesare). Tantnmmodo VIU praetoribns 
allecti n, jprkea üla et anUqua rcipubUcae forma revocata. 



266 B^ömische Alterthnmskande. 

wo er einmal Torkam, die Leitung der fraglichen qiiaesUo selbst su 
besorgen hatte. Der erste Punkt ist in gewissem iSt»»e' richtig 
bemerkt;, desgleichen der zweite, da es sich aus mehrern Stellea 
ergiebl, dass der judex quaestiouis ebenso wie die Richter, vor 
jedem einzelnen Judicium beeidigt wurde , und dass er ausgeklagt 
werden konnte, — was mit seiner Person als wirklichem Ma* 
gistrate unvereinbar gewesen sein würde. Nur ist hierbei erstens 
zu bemerken, dass seine Verrichtung dessenungeachtet als ein 
munus reipüblicae betrachtet wurde (Cic. pro Cluent. c. 33. § 
89.), und zweitens, dass die iudices quaest., wie auch der Verf» 
selbst endlich (S. 194. z. EJ.) zugesteht, jedenfalls immer schon 
AedUen gewesen sein mussten. Denn fcst in allen. Stellen, wo ei« 
nes lud« quaest. Erwähnung geschieht, findet sich auch gesagt, 
dass er bereits Aedil, gewesen , in den wenigen übrigbleibenden 
Stellen aber wird über frühere Verhältnisse gar keine Andeutung, 
gegeben. S. die vom Verf. in Note 36 citirten Inschriften , sowie 
Cic pro Cluent. c. 29. § 79. c. 33. In. Brut. c. 76. Suet. Caes. c. 
11. (diese Stelle scheint der Verf. übersehen zu haben) coli. c. 
IjO. ine. und c. 14. Inc. Was aber den letzten Punkt, für den sich 
der Verf. entscheidet, anlangt, dass der lud. quaest. stets selbst- 
ständig einer quaestio vorgestanden habe, sq beruht diese Ansicht 
hauptsächlich auf Zweierlei , nämlich 1) darauf, dass er überall 
nur als ein solcher Vorstand, nie als Gehülfe des Prätors erwähnt 
werde , und wie es scheint 2) auf der Ansicht,^ die der Verf. hegt, 
dass die Zahl der Prätoren und die der Quästionen stets bedeu- 
tend differirt H^abe (s. S. 182. z. A. und S. 193. Z. 8. 9.) und da- 
her noch andre Präsides der Quästionen erforderlich gewesen 
seien. Diese Ansicht ist jedoch, wie aqs dem oben über diesen 
Gegenstand Bemerkten folgt, dem wirklichen Sachverhältnisse 
nicht gahz entsprechend. Der erste Punkt aber wird Ref. nicht 
eher einleuchtend werden , als bis es ihm klar nachgewiesen wor- 
den ist, dass in dem Processi gegen Verres, In dem M' Giabrio 
als Prätor fungirte^ Qu. Curtius nicht lud. quaest. war. De^i 
Verf. kurze Gegenbemerkung, Qu. Curtius werde von Cicero 
(in Verr. I. c. 61 z. E.) gär nicht in Bezug auf das Verfahren ge- 
gen Verres, sondern nur gelegentlich als in einem andern nicht 
genauer angegebenen F^tlle vorgekommen genannt, genügt hier 
nicht Cicero sagt : eiusmodi sortitionem homo amentissimus (i. e. 
C. VerresY suorum quoque iudicium fore putavit per sodalem 
suum, Qu. Curtium, iudicem quaestionis. Wie glaubte es ferner 
der Verf. rechtfertigen za können, dass, während andern Quästio^ 
nen wirkliche Magistrate (die Prätoren) vorstanden^ einige unter 
Leitung blosser Privatpersonen (der iudd. quaest.) standen? Die 
Meinung des Ref. geht vielmehr dahin, dass die iudd. quaest. 
blos den Prätoren beigegeben waren, und dass ihnen gewisse be- 
stimmte Geschäfte (die subsortitio? u. s. w. )ob]agen. Somit würde 
jede quaestio einen Prätor und jede einen iud. quaest gehabt haben» 



% 
/ . 



Geib: Gescnichte des rom. Criminalprocesses. 267 

4 

Dies ging auch ganx wobL Denn da jährlich 2 aedSIes (cnrulea) 
waren und die Prätur erst 3 Jahre nach der Aedilität erlangt wer- 
den konnte, so mussten stets wenigstens 6 Personen vorhanden ^ 
^ein , welche kürzlich die Aedilität geführt hatten , d. h. eben so 
, viel als vor Sulla (ausser dem praet. urb. und peregr.) Prätoren 
waren. Und nehmen wir an, dass auf die Aedilität^das Geschäft 
eines iud. quaest. stets ebenso folgte und mit ihr gleichsam verbun- 
den war, wie die praetura provincjalis mit der Prätur in Rom ; so 
scheinen keine Schwierigkeiten weiter, die zu beseitigen wären, 
vorhanden zu sein. 

Die Richter waren anfangs nnr Senatoren, denen auch in der 
1« Periode ausschliesslich das Richteramt zukam,- so dass also 
hierin mit der Einfuhrung der quaestt. perpp. gar keine Vewinde- 
rung vorging. Nach einem vergeblichen Versuche des Tib. Grac- 
chus gelang es dem G. Gracchus , die Senatoren aus den Gerich- 
ten zu verdrängen und die Ritter an ihre Stelle zu bringen. Hier- 
bei beweist der Verf., dass durch Gracchus nicht eine Theilung 
der Richterstellen stattgefunden, sondern wirklich die Ritter allein 
'an die Stelle der Senatoren berufen worden seien (S. 196 — 189.). 
Den frühem Stand der Dinge suchte die lex Servilia Caepionis von 
€48 wieder herbeizuführen. Doch beweisen sämmtliche vom Verf. 
für sie beigebrachte Stellen nichts für sie als wirkliche lex, ausser 
allenfalls Tac. Ann. XIL 60. , wiewohl auch diese Stelle nicht 
zwingend ist , um ihretwegen allein das Durchgehen der rogatio 
des Servilios Caepio anzunehmen. Vielmtehr wird die Existenz der 
lex als solcher mehr als durch diese Stellen durch das Gesetz des 
Servilius Gianda vom folgenden J. constatirt , welches sonst uner- 
klärbar sein würde. Dieses nahm nämlich den Senatoren neiier- 
dings das Richteramt. Zu den hierher bezüglichen Stellen 
konnte Cic. pro Rabir. perd. c. 7. § 20. hinzugefügt werden , aus 
welcher man sieht, dass im J. 653, C. Mario, L. Valerie coss., die 
Ritter allein Richter waren. — Eine Theilung; des Richteramtes 
zwischen Senatoren und Rittern, so dass aus jedem von beiden 
Ständen 300 genommen wurden, bewirkte Livius Drusus als Volks« 
tribun ; doch wurde dieses Gesetz zugleich mit den übrigen des 
Livius Drusus noch in demselben Jahre wieder abgeschafft« Die 
Beweisführung von Ahrens (die 3 Volkstrib., Leipzig, 1836) da- 
für, dass diese lex Livia gar nicht mit Gesetzeskraft bekleidet 
worden sei, hat auch Ref. nicht überzeugt. — Die letzte lex iu- 
diciari^ Vor Sulla ist die lex Plotia v, J. 665 , der zufolge kein be- 
stimmter Stand. zum Richteramte berufen war, sondern ohne noth- 
wendige Rücksicht auf den Stand aus jeder Tribus jährlich 15 Rich- 
ter (also in Summa 525) vom Volke gewählt wurden. Sulla aber 
gah in Udiereinstimmung mit seinen übrigen Bestrebungen die * 
Gerichte wieder ausschliesslich in die Hände des Senats. Dieser 
machte sich indess durch seine Bestechlichkeit bald so verhasst 
und erregte den Unwillen des Volks in solchem Grade, dass es 



268 Romische Alterthamskunde. 

uamoglich ward , ihn in seinem Besitze allein zu belassen. Die 
lex Aurelia v. J. 684 bestimmte daher, dass die Richter aus den 
Senatoren, Rittern und Aerartribunen gewählt und (fugt der 
Verf. hinzu) aus einem jeden dieser Stände eine besondere JDecu^ 
/t>' gebildet werden sollte. Uns scheint allerdings auch mehreren 
hierher bezüglichen Stellen zufolge anzunehmen zu sein, dass jeder 
einzelne Stand eine besondere Decurie bildete. Allein es werden 
auch schon ror der lex Aurelia, also in der Zeit, wo nur Senato- 
ren Richter waren, decurlae iudicum erwähnt (Gic. pro Cluent. 
c. 37. § 103, weiche Stelle vom iudicinm lunianum, also rom J. 
679, spricht), und zwar in einem solchen Zusammenhange, dass 
es scheint, als sei der Senat in mehrere Decurien getheilt gewe- 
sen, welche wechselsweise das Richteramt zu übernehmen hatten. 
Vgl. Schol. Gronov. zu Cic. bei Orelli 8. 392. Z. 28 ff. Der 
Verf. kommt später auf diesen Punkt zurück, meint aber dort, der 
Senat sei nicht in 2 oder 3 Decurien , sondern in so viele getheilt 
gewesen , als es damals überhaupt Quästionen* gegeben habe. So 
würden auf jede quaestio auch bei Vollzähligkeit des Senats nur 
50 Richter kommen, schon an sich eine bei dem Institut der sor- 
titio, rejectio und subsortitio sehr geringe Zahl. Nehmen wir 
aber den Fall an , dass einmal bei allen oder auch nar bei den 
meist enQuastionen zu gleicher ZeitlJntersuchungen anhängig waren, 
so müsste nothwendig der Senat verhindert gewesen sein , Sitzun- 
gen zu halten, indem die Judicia den ganzen Tag hinwegnehmen 
konnten (und auch wirklich oft hinwegnahmen). Dies aber ist 
nicht denkbar, und wir sehen somit keinen Grund, weshalb nicht 
angenommen werden sollte, dass der Senat in (vielleicht) 3 Decu- 
rien getheilt war, der Art, dass jede ein Jahr lang zn richten 
hatte, ohne dass noch eine Vertheilung atif die einzelnen Quästfo- 
nen stattgefunden hätte, und dass die Richter für ein einzeln^ 
Judiciuin ans der .betreffenden Decurie genommen wurden« So 
scheint uns auch Cic. in Vcrr« II. c. 32 ex.' hie alteram decuriam 
senatoriam iudex obtinebit, zu verstehen und nicht mit dem Verf. 
auf die der lex Aurelia zufolge zu erwartende Ordnung zu beziehen 
zu sein. Denn im zweiten Falle müsste man alteram decuriam 
senatoriam erklären, alteram decur., sc. senatoriam. Deshalb 
will der Verf. interpungirt haben : hie alteram decuriam , senato- 
riam, obtinebit. Das ist gezwungen. Dazu kommt , dass die De- 
corie der Senatoren auf keinen Fall die zweite, sondern die erste 
zu nennen gewesen wäre. Die Bezeichnung decuria aenatoria ist 
aber auch nach unsierer Erklärung nicht überflüssig. Nur findet 
der Gegensatz naturlich nicht statt zwischen Senatoren und Rit- 
tern, sondern liegt darin, dass ein Mensch wie Verres Senator 
bleiben, und er, dessen ius so abscheulich war (ius Verrinum), 
richten solle. Dass er in die altera decuria geh^e, lag jeden- 
falls an seinem Platze* im Senat; denn man wird diesen wohl von 



Geib: Geschichte des rom. Crimioalproeesses. 260 

oben «n eiogetheiU Jiabea , so dass die suletit Eingetretenen 
nicht in die erste Decurie gehören konnten. 

Noch einige Verandeningen gingen später Tor. Die lex Pom- 
peia nämiich von 699 bestiipnite , dass ans jedem der 3 durch die 
lex Anrelia berufenen Stfinde nur die Reicheren gewählt werden 
sollten. Cäsar behielt darauf (708) nnr die Senatoren und Ritter 
bei, Antonius dehnte (711) die Wählbarkeit bis auf die Centurionea 
aus, August endlich fögte eine Werte Richterdecurie hinzu, was 
wohl auf eine Vermehrung des jährlichen Richterbestandes, nicht 
aber sicher auf Zulassung vorher nicht Befähigter, wie der Verf. 
annimmt , schliessen lässt. 

Was das Alter der Richter betrilFt, so galt (dies ist das Re- 
sultat einer trefflichen Untersuchung) fortwährend die Vorschrift, 
dass es nicht unter 30 Jahre sein durfte. Erst August setzte es 
auf 25 herab, indem nach dem Verf. bei Sueton Octav. c. 32. statt 
a XXX. aetatls anno nicht, wie man bisher angenommen , a XX. 
zu lesen Ist, sondern a XXV. Hierdurch erledigen sich alle Wider- 
. spräche der übrigen Nachrichten über diesen Gegenstand. — Die 
Richter nun wurden , um dem Verf. weiter zu folgen , jedesmal 
nur auf ein Jahr gewählt. Wie gross aber ihre jährliche Zahl ge- 
wesen , wird sehr verschieden angegeben , und sie musste ja auch 
nach den verschiedenen legibus iadiciariis sehr verschieden sein. 
Es ist nämlich natürlich, dass in den Zelten, In denen die Sena- 
toren allein Richter waren, namentlich nach Sulla ^ als bereits 8 
Quästionen bestanden, die Zahl derer, welche einer einzelnen 
qiiaestio angehörten^ sehr gering sein musste (s. Zachariä, Sulla 
If . S. 97.^), wenn nicht , wie der Verf. annimmt , damals gar nicht 
jede quaestio ihre besondem Richter hatte, sondern dieselben für' 
jedes einzelne Judicium aus der Gesammtzahl des Jahres genom« 
men wurden. In den Zeiten dagegen, wo die Ritter oder mehrere 
Stände zugleich richteten, finden sich sogar für einzelne Quästio- 
nen mehrere hundert Richter, — so der lex Servilia zufolge für 
die qu. repet. allein 450. Woher es aber dem Verf. gewiss scheint, 
dass die 525 Richter, die sich aus der lex Plotia ergeben, nicht 
die Gesammtzahl gewesen seien , sondern jede der 4 oder 5 da- 
mals bestehenden Quästlonen so viele erhalten habe, kann Ref« 
nicht einsehen. Die Stelle des Asconius, in der die lex Plotia er- 
wähnt wird, deutet darauf nicht hin ; und so gut nach der lex Cornelia 
für 8 Qnästionen nicht mehr als- 400 Richter sein konnten, in der 
That aher weniger waren (s. das oben über die decuriae Gesagte) ; 
eben so gut hat ein Gesetz nichts Auffallendes, nach dem für 4 bis 
5 QaSstioneu 525 Richter existiren. 

Zu der Bemerkung, d#ss die Namen der gewählten Richter „in 
alhum^^ eingetragen und öffentlich ausgehängt wurden, füfenwir 
hinzu, dassGleicbes auch hinsichtlich der zu einem einzelnen Judi* 
dum Edoosten stattfand ; s. Cic. in Ver^ I. c. 6L § 157. ib. Act. I. c. 



270' . Römische Alterthnmskuade. , 

6. § 17% iD.(Ygl Schol. Gronov. b«i Orelli & 392. extr. S, 393., 
Z. 6 ff. S. 398., Z. 17 «F. 

2. CapüeL Gerichtsbarkeit der übrigen Behörden in Rom, 
(S. 215—238.). Eingangs dieses Gapiteis erklärt sich der Verf. 
mit Recht wiederholt (?gl. S. 170.) dahin , dass es eine falsche 
Ansicht sei, wenn man meint, es seien seit 605 auf einma| alle 
andern Gerichte durch die quaestt. perpp. verdrängt worden ; dass 
dies vielmehr erst nach und nach geschehen konnte, indem die 
quaestt. perpp. nicht die auf einmal entstanden, sondern im An- 
fang dieser Periode ihre Zahl nach und nach sehr gering war. So 
waren die Comilialgerichte in der ersten Hälfte des .7. Jahrhun- 
derts noch sehr häufig. Natürlich aber wurden ihnen (wenn auch 
ihre förmliche Aufhebung erst unter August erfolgte) mit der Er- 
richtung jeder neuen Quästio die dieser zufallenden Verbrechen 
entzogen, d. h. mit der Zeit immer mehr und mehr. Dagegen dem 
Senat wurde der unabhängigste Theil seiner Jurisdiction gleich 
durch Einführung der ersten qu. perp. , durch die lex Calpurnia 
repetundartun genommen. 

Die quaestiqnes estraordinariae dauerten auch noch fort, 
allein nur da, wo für ein bestimmtes Verbrechen (noch) keine 
qu. perp. bestand. Daher verschwinden sie gegen das Ende der 
Periode fast ganz. Die Behauptung, dass sie auch „propter 
atrocitatem delicti^^ stattgefunden, weist der Verf. zurück, und 
sucht deshalb zu erweisen, dass die quaestio über Milo, auf die 
man sich berufen (denn andre Fälle einer qu. extraord. neben ei- 
ner perp. lassen sich durchaus nicht nachweisen), keine extraor- 
dinaria gewesen, sondern dass das Gesetz des Pompejus sich über- 
haupt auf crimen vis (sicV) bezogen habe, wofern nur ein ähnli- 
cher lliatbestand wie bei Milo- vorliege. Dass die quaestio über 
Milo keine extraordinaria im gewöhnlichen Sinne war , muss (un- 
geachtet alle neuern Schriftsteller das Gegentheil behaupten) zu- 
gegeben werden« — Daher konnte auch Cicero das dabei beobach- 
tete Verfahren mit Recht dem. vom Senate beabsichtigten entge- 
gensetzen, der gewollt hatte, nt t^e^ertdu« legibus tantummodo 
estra ordinem^ quaereretur. Was war also die lex Pompeia über 
denProcess des Milo? Wir können an diesem Orte unmöglich 
eine vollständige Untersuchung führen und begnügen uns daher 
mit wenigen Bemerkungen. Für^s Erste ist darauf aufmerksam zu 
machen, dass Asconius (§ 15.) ausdrücklich sagt: (Pompeius) 
duas (leges) ex Scto. promulgavit, alteram de vi, qua nominatim 

(mit Namensnennung) caedemin Appia viafactam -^ com- 

prehendit, alteram de ambitu, und bald darauf (§ 16.) : his legibus 
obsistere M. Gaelius, trib. pl., studiosissimus Milonis, conatus est, 
quod et Privilegium diceret in Milonem ferri et iudicia praecipitari. 
Privilegia aber sind Gesetze , welche „in privos homines^^ (gegen 
einzelne Personell) gegeben werden. Sonach bezog sich die lex 
, Pompeia de vi ausschliesslich auf die vis in Appia via facta. Vgl. 



Geib: Gefichicbte des rom. CrimiDalprooeABes. 271 

pro M9. €. 6. § 15 in. tulit enim de caede, quae in Appia m facta 
esset. Wenn ferner durcli Pompejus eine neue quaestio perp« de 
tI, in andrer Art als die schon bestehende, (denn so, nicht als 
nenea Verfahren ^ nimmt der Verf. nova quaestio bei €ic. c. -5.) 
eingeführt worden wäre , so hätte sie auch ihren Prätor erhatten 
müssen. Denn bei wem hätten sonst spätere Anklagen (die sich 
indess nirgends erwähnt finden) angebracht werden sollen? Der . 
quaesitor^ den das Volk gewählt hatte ^ war blos für Aliio's Pro- 
cess da^ war aber übrigens nicht deshalb nQthig^ weil das Judi- 
cium in eine Zeit fiel, wo es noch keine Prätoren für dieses 
Jahr gab ; denn gleich nachdem das Gesetz des Pompejus mit der 
Bestimmung über den quaesitor durchgegangen war , wurden die 
Wahlcomitien gehalten ^ und somit hätte die neue quaestio ebenso 
ihren Prätor erhalten können, wie die schon bestehenden, bei de- 
ren mehrern Milo auch angeklagt wurde (s. Ascon. §^23. 24.). 
-Des Ref. Ansicht ist daher die , dass die lex Pompeia blos das 
Verfahren für Milo's Process vorschrieb, dass es aber keine quae- , 
stio extraordinaria bestimmte, sondern den Satz enthielt, es solle 
deo dazu Qualificirten erlaubt sein , den Mllo , aber auch nur ihn 
(nicht 6los lege Phutia de tI , sondern) lege Pompeia de vi anzu- 
klagen. Die lex Pompeia war ein privüeginm. — So viel über 
die Competenz der quaestt. extraordd., zu denen die quaestio über 
Milo nicht gerechnet werden zu dürfen scheint. ImTJebrigen be- 
hielten die quaestt. extraordd« dieselbe Einrichtung , welche sie 
in der vorigen Periode hatten, nur dass der Urtheilspruch vom 
quaesitor au£ die iudices überging, und jener nur die Leitung 
des Gerichts zu besorgen hatte , wie der Prätor bei den quaestt 
perpp. . • 

Die Jurisdiction der Magistrate und der Pontifices bestand 
wie am Ende der vorigen Periode fort d. h. die erstere nur noch 
auf Geldstrafen bis zu einer gewissen Grösse anwendbar. Aus- 
drücklich für Ciriminaljustiz aber bestanden schon seit'465 die 
triumvifi capüales, deren auch in dieser Periode sehr häufig Er- 
wähnung geschieht, und deren Hauptgesehüft in Verhaftungen, 
Beaufsichtigung der Gefängnisse und Vollziehung der ausgespro- 
chenen Todesurtheiie bestand. Ihre eigentliche Jurisdiction je- 
dodi, weiche Niebuhr sehr weit ausgedehnt wissen wollte , be-. 
schränkt der Verf. sehr richtig auf geringfügige Gegenstände, na- 
«nentlich Diebstähle und Verbrechen der Sklaven. 

Etwas anders gestaltet sich das Verhältniss in Hinsicht der 
Hausväter, Da die Ehen mit manus immer seltner wurden,^ so 
musste auch die Gei:icht8barkeit der Hausväter über »die Ehefrauen 
an Ausdehnung verlieren. In Betreff der Hauskinder aber dauerte 
das iu8 vitae et necis des Hausvaters fort, und selbst in Gesetzen, 
wie in der lex Pompeia de parricidiis (in der Kindermord nicht mit 
als parricidium aufgezählt wird , s. 1. 1. D. de 1. Pomp.), wurde es 
(sttUachweigend) anerkannt Allein in beiden Hinsiditra hatte 



4 

\ 



272 Romische Aitertjiumskande/ 

ider Geist der Zeit und der veränderte Charakter des röm« Volks 
eingewirkt, und die Ausnbnng der dem Hausvater sustehendea 
Gewalt wurde, wo sie vorkam, mehr al^s Abnormitfit und als Fest- 
halten an alten, nicht mehr angemessenen Formen betrachtet- Die 
Gerichtsbarkeit über die Sklaven hingegen dauerte in der Praxis 
wie in der Theorie unbeschränkt fort, ja sie scheint mit d^ über- 
handnehmenden Sittcnverderbniss strenger und willkürlicher 
geworden zu sein und so die Veranlassung zu den beschränkenden 
Gesetzen der folgenden Periode gegeben zu haben. 

Noch bleiben die Centumviralgerickte zu erwähnen übrige, 
indem auch diesen von mehrerji Schriftstellern eine Criroinaljuris- 
diction beigelegt worden ist. Allein der Verf. weist gründlich 
und überzeugend nach, dass sie mit Criminalsachen durchaus 
nichts zu thun hSitten, so dass die Stelle des Phädrus (III. 10, 34 f.) 
vereinzelt stehen bleibt und nur als Irrthum oder „poetische Nach* 
lässlgkeit^^ (f) des Phädrus (eines Freigelassenen und Ausländers) 

^ angesehen werden kann. S|it Recht schliesst daher der Verf. 

* dieCentumviralgerichte von dem Kreise der hierher gehörigen Un- 
tersuchungen ans. Wir können die Beweisführung hier nicht voll- 
ständig wiedergeben und verweisen daher auf das Buch selbst 
(S.233 — 237.), bemerken jedoch, dass der Verf. in der Hau p^- 
stelle Quintil. Inst. Orat. IV. 1, 57^ mit den besten und ältesten 
Handschriften liest: quibusdam indiciis, maximeque capitallbus, 
aut apud centumviros etc. 

Zweite Vnterabtheüung. Geriehtsveffassung ausser Rom. — 
Den Inhalt des 1« Capitelsj Gerichtsbarkeit der Mumcipalbe- 
hör den in Italien {238 — 243.), übergehen wir und betrachten 
in der Kürze das 2. Capitel: Gerichtsbarkeit der Statthalter und 
der übrigen Behörden in den Provinzen (S. 243 — 251.). Was 
die Provinzen betrifft, so sollte in, gewissen Fällen der Senate in 
andern und zwar den meisten der Statthalter^ in einigen sdbst die 
einheimische Behörde zu entscheiden haben. 

Die Jurisdiction des Senats blieb aof die eigentlichen Staats- 
verbrechen beschränkt (Cic. in Verr. I. c 24 -r- 34., vorzägUch 
c. 33. § 84 e^. non te ad senatum etc.) — Ungemein ausgedehnt 
dagegen und selbst über Leben und Tod sich erstreckend war die 
der SiatihaUer. Doch urtheilen sie, wenigstens über alle wichti- 
gen Fälle, blos unter Beiziehung eines ConsOiums. Dieses Consi- 
lium nun konnte nur aus Römern bestehen. Die Gesammtheit 
der in einer Provinz sich aufhaltenden Römer bestand aber aus 
den conventus civium Romanorum und aus der cohors praetoria. 
Hinsichtlich der letztem hing es vom Gutdünken des Statthalters 
ab , welche Personen und wie viel er in jedem einzelnen Falle be- 
rufen wollte (auch eine fremde Gehörte konnte er zuziehen, Cicg 
in Verr. I. c 29. § 7S.); die Mitglieder der Bezirksconvente aber 
wechselten natürlich , je nachdem das Gericht da oder dort statt- 
fand 1 und für sie . war das TheBnehmen am Gericht ein Becbt, 



*, 



Geib: Geschichte des rom. Criniinarprooesfle«. 273 

T«n dem sie beliebig: Gebrauch machen oder darauf versiebten 
konnten. Was nun ferner den Einfluss dieses Consiliums betrifft, 
so scheint uns gewiss und klar zu sein , dass es mitstimmte , jind 
ein Urtheiisspruch des. Prätors ohne Zuziehung des Consiliums 
oder gegen dessen Abstimmung etwas ganz Ungewöhnliches, ja 
man möchte sagen Unerhörtes war. Wenn indess der Verf. die- 
ses* Verhältniss nicht als im Rechte und Zwange begründet ^ son- 
dern nur durch Sitte und Gewohnheit ausgebildet darstellt, so iasst 
sich daran nichts i^ussetzen. Er hatte sich dafür yielleichtvauch 
noch auf Cic.^ ad Qu. fr. I. ep. 2. § 2. 8. berufen können. — Der 
Wirkungskreis des Localmagistrate endlich war in den civkatei 
liberae oder foederatae, in den eigentlichen Colonien und in den 
Städten , die auf irgend eine Weise die Latinität erhalten hatten, 
ungefähr derselbe, wie derjenige ^r Magistrate in den italischen 
Städten, daher jener der Statthalter nur ein untergeordneter. In 
den übrigen TheÜen der Provinz aber war die Crimlnalgerichts* 
barkeit der Localbehöjrden unbedeutend und erstreckte sich Tielr 
leicht nur auf Sklaven und Leute aus der niedersten Volksclasse. 
Zweite AbtheUung. Gerichtliches Verfahren, — 1. Ca- 
pitel. Allgemeine Grundsätze (S. 232 — 265.). Auch in dieser 
Periode und namentlich in den quaestt. perpp. ist Mündlichkeit 
und Oeffentlichkeit das Princip bei allen gerichtlichen Verhand- 
lungen. Dass gleichwohl auch bei den quaestt. perpp. in der 
snbseriptio , in der Gestattung schriftlicher Zeugnisse und Lau- 
dationen und in der Aufzeichnung der Zeugenaussagen sich Spu- 
ren der Schriftlichkeit finden, thut dem Principe keinen Ein- 
trag; die Anklage und Vertheidigung, die Depositionen der anwe- 
seiiden Zeugen geschahen mündlich, und ebenso die Bekanntma- 
chung des Urtheilsspruchs. Die Oeffentlichkeit aber war noch 
durchgreifender und galt (ausser bei den Senatsverhandlungen) un<- 
bedingt und uneingeschränkt. Um von ihr namentlich in den 
quaestt. perpp. ein deutliches und vollständiges Bild zu haben, ist 
es nöthig, «ich die Oertliehkdten , innerhalb deren die Verband- - 
lungen stattfanden, zu vergegenwärtigen. Wir bemerken daher 
gleich hier hinsichtlich der quaestt. perpp. Einiges au^uhrlicher 
hierüber, wiewohl der Verf. erst S. 262. (jedoch sehr kurz) da- 
von spricht. Die Gerichte der quaestt. perpp. nämlich fanden alle 
auf dem Forum statt. Ref. kann sich nimmer mit der Annahme 
▼ereinlgen, dass sie auch anderwärts hätten abgehalten werden 
könne«. Es sprechen dagegen erstlich mehrere Stellen , die m 
AUgeoaenien die Jndieia als auf dem Fornvi vor sidh gebend und 
das Forum als voll von Judiciis bezeichnen. S. ausser den vom 
Verf. angeführten schlagenden Stellen Tacit. dial. de orat. c. 38. 
üit omnia mfaro gererentur) und c. 39. a. med. noch folgende: 
Cic. pro Flacc. c. ^4. § 57. plennm esl forum ludiciorum , plennm 
magistratuum. 'Ascon. bei Orell. S. 34. Z. 6 f. populus cremavlt 
corpus Clodii subseUiis et iribunalibus (diea gescliah «ker ^uf 

IV. Jahrb. f. PhU. u. Päd. od. KrÜ. Bibl. Bd. XXXVIII. Hft. 3. lg v 



274 Römische Alterthumsknn'de. 

»dem Forum). Cic. in Vatio. c. 14. § 34. (sciasne) jndices qnae- 
stiomim de proximis tribunaiibus esse depuisos? (Wo proximi' 
sind, müssen aber auch noch Andere sein.) In foro^ lace, inspe- 
ctante populo Romano. •• sceierum poenam esse' sublatam,^ pro 
Süll. c. 17. § 49. ut victi in campo (i. e. in petitione lionoris) in 
foro (i. e. in aecusatione et iiidiciis) Tinceretis. pro Mil. § 1. qui 
^oculi) — veterem consuetudinem fori et pristinum morem iudici- 
orum requirunt. Vgl. nocli die dunkle Eirzähiung; Cic. in Yatin. 
c. 9. § 21. Ausserdem sind hier die Steilen (Von denen wir je- 
doch nur einige anfuhren) zu bf^achten , an denen bestimmte Ju- 
dicia als auf dem Forum abgehalten erwähnt werden; sd iudicia 
de repet.^ Cic. in Verr. J. c. 59 ex. pro Flacc. c, 28. § 66. ; de 
" amh.^ pro Suil. c. 17. § 49. ad Qu. fr. II. ep. 3. § 7 in. ; de maiest,^ 
de or. II. 49.; de vi^ pro Mil. c. 1.; de sicar.^ pro Rose. Am. 
c. 5. § 12. etc. etc.*) Jede quaestio nun hatte ihrTibnnal, in wel- 
chem der Prätor auf der sella , die Richter (wahrscheinlich auch 
der quaestio nicht angehörende^ welche zuhören wollten) und die 
scribae auf subseiliis sassen. Der reus aber nebst seinen patronis, 
advocatis und den Angehörigen, sowie die accusatores, desgleichen 
die Zeugen , sassen (jede Partei von der andern getrennt) ausser- 
halb des Tribunal. Das Volk stand um das Tribunal und die 
ausserhalb befindlichen subsellia herum, mochte sich wohl auch 
zwischen letztere eindrängen (daher Ascbn. S. 41. M. Marcellus 
— tanto tumultu Clodianae multitudinis exterritus est , ut vim ui- 
timam timens in tribunal a Domitio reciperetur) , und wenn es 
einen interessanten und Theilnahme erregenden Process gab, 
waren, wie Cicero sagt, die scribae gratiosi in dando et cedendo 
loco (Brut. c.«84.). Die Oeffentlichlceit war somit eine unbe- 
dingte, vorhanden für Jedermann und (da es der Umfang des 
Forums erlaubte) benutzbar von Tausenden , auch unbekümmert 
um das, was um sie herum vorging; s. Cic. de or. II. 70. (Tide, 
Scaure etc.), die schon oben angeführte Stelle in Vatin. c. 14. 
§ 34. (aus der man sieht, dass bei mehrem Quästion^n zu glei- 
fjher Zeit verhandelt wufde) und ^ro Ciuent. c. 53. § 147. (wo 
nunc in den VTorten apud quem nunc de ambitu caussa dicüur 
auf Gleiches hinweist). 

Ausser Mündlichkeit und OefPentlichkeit finden wir anch 
Anklageverfahren. Cicero stellt den Grundsatz auf, und er ist 
vollkommen richtig: nocens nisi accusatns fuerit, condemnari dob 
.potest; wir müssen hinzufügen: auch nur grade wegen des Ver- 
brechens, dessen er angeklagt ist, kann er verurtheilt werden«'*'^) — 

^ Es ist daher bei Cicero pro Ciuent. c. 53.$ 147 in. die Lesart 
viDn 6 codd. ^alat. quid est , Q. Naso , cur tu in sexto hoc loco sede^^ 
statt in isto loco nicht schlechthin zu verachten. 

**) So erklärt es sich, wie es möglich war, dass die grossten Chrenel 
iin4 Verbredhen vor Gericht erwähnt werden (s* namentlich Cic. or« 



Geib : Geschichte d«s rom« Criminalprocesßes. 275. 

Za denen, die nicht zur Anklage berechtigt waren, kofnmen in 
dieser Periode noch hinzu die infames, sowie die wegen calumnia 
oder praevaricatio Verortheilten. Der^Verf. hätte noch eine, 
wenigstens in der Praxis Torkommende Ansicht erwähnen sollen, 
däsis nämlich Magistrate wegen der mit ihrem Amte verbundenen, 
dem reus leicht Terderblichen Macht nicht immer zur Anklage in 
den quaestt. perpp. zugelassen wurden (s. Cio. proCIuent. c. 34.), 
während bei den Gomitialgerichten grade sie allein zur Erhebung 
der Anklage berechtigt waren. Hinsichtlich der Peregrinen aber 
war ausser auf die lex SerTilia noch auf die Processe des Flaccus 
und Verres zu yerweisen , bei welchem letzteren (was besonders 
zu beachten) die Siculer zwar die postolatio angebracht hatten 
(Ascon. S. 97. Z. 6 f.), Cicero aber nicht blos accusator, sondern 
auch delator war (in Verr. I. c. 6. § 15.). — Neben diesem An- 
klageverfahren nun findet der Verf. auch für diese Periode Spuren 
des inquisitorischen Verfahrens iii den jetzt freilich seltnem 
-quaestt. extraord. und in dem Institut der Indices und Quadrupla- 
tores, sowie in den bei mehrern Quästionen für Ankläger im Falle 
der Verurtheilung des reus bestimmten Belohnungen; Es ist vor- 
sichtig vom Verf., dass er nur von Spuren spricht; denn ausser 
bei den quaestt extraord. können wir in den angeführten Instituten 
nichts Inquisitorisches finden , indem der Hauptpunkt, auf den es 
bei dem Inquisitionsverfahren ankommt, der zu sein scheint, dass 
der Magistrat einestheils schon bei yorliegenden Verbrechen, 
wenn auch der Thäter unbekannt ist, anderntheils auch auf blosse 
Indicien eines Verbrechens hin, sowie bei blossem Verdachte ge* 
gen eine Person Untersuchungen anstellt. Dies Alles. aber be- 
schränkte si^h in Rom darauf, dass bei vorliegendem Verbrechen 
ohne Gewissheit über den Thater , und auch nur falls noch keine 
qu.. perp. für das betreffende Verbrechen bestand (s. oben), eine 
qn* extraord. vom Senat <>der Volk angeordnet werden konnte« 
Den Grund dafür, dass in der folgenden Periode der Inquisitions- 
proc^ss sich mehr entwickelt, findet der Verf. nach unzweifelhaft 
richtiger Ansicht (unter Anderm auch) in der Veränderung, „deren 
Vl^ichtlgkeit sich aus diesem Grunde nicht hoch genug anschlagen 
läast^S dass es nämlich am Ende unsrer Periode nicht mehr als 
pflichtmassig und ehrenvoll galt, mit Anklagen gegen Verbrecher 
aufzutreten, sondern grade umgekehrt als gehässig iind unwürdig. 
Für diese Betrachtungsweise der Römer jener Zeit hätten sich 
noch solche Stellen anführen lassen, welche zeigen, dass nur junge 
Anfänger sich mit Anklagen zu befassen pflegten, wie Cic. divin. 
in Caecil. c. 7. § 24. videt enim, si a pueris nobüibus — , sta 
quadruplatoribus — accusandi volnntas ad vires foiiites spectatos- 

pro Cluent.}, ohne Anfforderang zur Strafe, aar am uberbaof»! den Le- 
benswandel des Beschuidigten zu verdächtigen und das Verbrechen, des- 
sen er grade angeklagt ist, glaubhafter zu machen. 

18* 



« 



276 * Romisclie A.lter>humskunde. 

que bomine» translata 8it, se in Hidiciis dominari non posse. ^. 21« 
§ 68 ex. putant fore , nti — per horoioes honestissimoä tirosque 
fortisstmos, non imperitoä adolescentulos ant illiusmodi quadrppia- 
tores lege» ludiciaque admiiiistrentur. 

Es ficheint ausser Mündlichkeit, O^ffentHchkeit und Anklage- 
verfahren noch ein dem römischen Criminalprocess zugehöriges 
Institut zu fehlen, das GeschwornengerichU Der Verf. spricht 
sich hierüber gelegentlich später (S. 316. N. 194.) folgender- 
maassen aus: ,,Wenn Manche, durch die Aehnlichkeit der Be- 
zeichnung verleitet, so weit gehen, die römischen Judices mit 
den heutigen englischen und französischen Geschwornen für 
gleichbedeutend zu halten , so lässt si6h eine solche Ansicht in 
der That nur aus einer völligen Unkenntniss entweder des römi- 
schen oder des heutigen englischen uAd französischen Processes 
erklären.^^ Ref. kann dem nicht beipflichten. Ihm scheint es 
nämlich bei einer Vergleichuhg nicht auf einzelne locale und tem> 
porelle Abweichungen anzukommen; vlemehr sucht er das Wesen 
der Geschwornen darin , dass sie erstlich ihren Namen rechtfer- 
tigen^ ferner ungelehrt und aus dem Volke (sei es aus bestimmtep 
Ständen oder aus jedem beliebigen) gewählt sind, endlich dass sie 
nicht über die Recljits-, sondern nur über die Thatfrage zu ent- 
scheiden (Schuldig, Nichtschnidtg; Absolvo, Condemno), dieser 
Entscheidung aber keine Gründe beizufügen haben, indem ja eben 
ihr Hauptzweck ist, den Buchstaben d«s Gesetzes mit den Forde- 
rungen der Menschlichkeit auszugleichen. I^ieses Alles aber findet 
sich s'bwohi bei deti römischen iudiees iarati, als bei den heutigen 
englischen und französischen Greschwornen. Dass die römischen 
iudices in einem einzelnen Judicium zahlreicher waren, als heutige 
Geschworne, dass bei ihrer Wahl auch die Parteien einen Ein- 
fluss hatten, dass immer nur eine gewisse Art von Verbrechen 
unter &h)*eCompetenz gehörte, dass sie stets öffentlich abstimmten 
und Einiges der Art mehr, kann doch unmöglich bei einer Verglei- 
chung entscheidend sein. 

lieber den Ort der Gerichtsverhandlungen 9 über den der 
Verf. jetzt: einige Bemerkungen folj^en lässt, habeh wir schon 
oben gesprochen. Ünroll^tilndig aber scheint uni, was dann über 
die Zeit gesagt ^ird. Was zuerst die vom Verf. aufgestellte Vef- 
rauthung betrifft, dass wenigstens angefangene Verhandlungen 
(es ist hier nur von denen -der quliestt. perpp. die Rede) auch an 
Festtagen, selbst wenn sie nicht parric. oder vis betrafen, hätten 
fortgesetzt werden können; sü «ntbdirt dieselbe der Innern Ee- 
rechtigung, scheint uns Audi u^nöthig zti sein und widerlegt isidt 
schon durch Gicerd's Worte, die auch der Verf. S. 264., N. 37. 
angeführt hat: quae sit tanta atrocitas huius criminis, ut omnibus 
negotiis forensibus intermissis, unum hoc iudicium exerceatur (pro 
Coel. c. 1.). Dass damals bei keiner einzigen quaestio eine Verhand- 
lung angefangen gewesen ^wire, wird «der Verf. nicht nadhweisen 



I 



Geib: Geschichte de9**jrQip^ Criminalprocesses. 277 

können. — Gehen wir weitei;, ,ao war dafür, dass die Verhand- 
lungen über einen und denselben Process oft eine gan'ze Reibe Ton 
Tagen einnahmen ., nicht blos die Aeu^serung (S. 264. N. 35.) zu 
geben: ,^Man denke sich nur, dass z. B. Cicero's Reden gegen 
Verres wirklich gehalten worden wären , nnd dass dann Horten-* 
sius^) mit gleicher Ausführlichkeit darauf geantwortet hätte^^, 
sondern es lassen sich darüber auch ausser Ascon. argum. Milon. 
ganz bestimmte Data nachweisen. Kommen wir aber zur Haupt- 
sache, so wurden die Judlcia nieht nur unterbrochen durch die 
dies fest! (zu denen auch die ludi gehörten) lind die dies comttia- 
les (für welche letztere aiH^ Cic. ad Qu. fr. II. ep. 1. § 2. ange- 
führt werden konnte), sondern aqch, was der Verf. ganz unbe- 
rührt gelassen hat, dureh die Ferien ; daher Cic. pro. Plane, c. 27/ 
^ 66. has orationes scripsi ludis et feriis , ne omnino unquam es- 
sem otiosus. (Vgl. de Legg. LI. c. 1^ ine. feriarum festorumque 
dierum ratio requietem habet litium et iurgioriun). Beides hier Er- 
wähnte, die (hauptsächlichsten) Spiele und die Ferien, üel in die 4 
letzten Monate des Jahre^, so dass vom finde des Sextilis i^i 
bis zum Januar fast gar keine Judicia abgehalten werden konnten« 
S. Cic. ad Att. 1. ep. 1. § 2. quüm Romae a iudiciis forum refrixe- 
rit, excurremus meuse Septembri, ut Januario revertamur. ib. 
II« ep. 2. § 4. Calendae lanuariae veniupt , iudices coguntur. Das 
Nähere ersieht man aus Cic. Act. I, in Verr. c. 10. § 31. Nonae 
sunt hodie Sextiles (d. i. 5. .Aug.), Decem dies sunt ante ludos 
votiTos (bis zum 14- ^iig.)? fiuos Cn. Pompeius facturus est^*). 
Peinde continuo Romani consequentur (nur 4 Tage lang? Cic. 11. 
Phil. c. 43. § 1J.0.). Ha prope quadraßinta diebus interpoaitisy 
tum denique se ad ea, quae a nobis dicia ertönt ^ responsuros 
esse arbilr antun deinde se ducturos et dicendo et excusando 
facile ad ludos Victoriae. Cum his plebeios esse cpuiunctos; se- 
cundum quos^ aut nulli aut pauci dies ad agendum futuri sinta 
(Scbol. Gronov. Postea eniqi feriae sunt.) Ita defessa ac refrige- 
rata accusatione , rem integram ad M. Metellum praetorem esse 
venturum. (Vgl. ib. r. 18. § 54. Lib. I. c. 11. § 30. Lib. II. c. 52. 
§ 130.). Die Ferien dauerten also bis zum Januar; denn daqn 
erst trat der neue Prätor ein. Diejse Umstände waren der Grund, 
weshalb Cicero bei dem Processe des Vqrres anders als gewöhnlich 
verfuhr. Er wollte es nämlich nicht erst im neuen Jahre zum 
Urtheilsspruche kommen lassen.^ wo sowohl der Prätor als die 
Mehrzahl der Richter dem reu^ bjefreundet und gewogen waren; 

^) Aasserdem ■ war bin^qzufugi^n L. l^isenna (in Verr. I(. c. 45. 
S 110. IV. c. 20. S 43.) und jedenfalls ftuch Andere. 

**) Dies sind ausserordentliche Spiele Me^s Jahres , nicht ste- 
hende. Allein auch in 4?d V« , Jf^hren werden dergleicheA oft genug 
vprgekommßn sein, und 49ni9 worden sie yermuthli^li %^ flerselhen Zeit 
abgehalten. 



278 



Eoiaiftche Alterthamskande. 



i • 



daher suchte ^r den Process.zu beschleunigen. Mit den sich aus 
der ausfiihrlichen so eben betrachteten Stelle ergebenden Bestim- 
mungen collidiren nun aber die Monatstage , als an welchen sich 
hier und da Judicia oder überhaupt gerichtliche Acte bei dea 
quaestt. perpp. abgehalten finden, in der That nicht. So werdea 
ausser der Zeit des Processes gegen Milo (bei Ascon.) erwähnt: 
als Tag ^er postuUtio a. d. IV. Id. Febr. (Cic. ad Qu. fr. II. ep. 3. 
§ 5.); als Tag der divinatio Id. Febr. (ib. ep. 13.); als Tag der 
reiectio iudicum a, d. V. Non. Quint. (ad Att. IV. ep. 16. §3.); 

, als Tage des Judicium a. d. IIL Id. Febr. (ad Qu. fr. II. ep, 3. § 7. 

Jnc), a. d. VII. Id. Quint. (ad. Att. IV. ep. 15. § 6 in^.) u. Sept. 

extr. — also die Zeit zwischen den lud! Romani und den ludi Vi" 

ctoriae — (ad Qu. fr. HI. ep. 1. ex.); als letzte Tage des Judicium a. 

X d. III. Non. Quint. (ad Att. IV. ep. 15. § 4. ine.) und a. d. IV. Nod. 
Sept. — also die Zeit vor den ludi Romani oder respective zwi- 
' sehen den ludi votiyi und ludi Romani — (Ascon. S. 18. Z. 3.). — 
Was nun endlich die Tageszeit der Gerichtssitzungen betrifft, so 
sagt der Verf. weiter nichts, als dass dieselben nicht vor Sonnen- 
aufgang begonnen und nicht nach Sonnenuntergang fortgesetzt wer- 
den sollten. Ein paar bestimmtere Angaben Hessen sich auch hier 
beibringen. Mehrmals nämlich findet sich als Anfang die b. Stunde 
erwähnt (d. i. nach unsrer Rechnung je* nach der Jahreszeit etwa 
zwischen 1 und ^^3 Uhr); s. Cic. ad Qu. fr. III. ep. 1. ad ex. ib. II. 
ep. 16. § 3. (post meridiem). Vgl. in Verr. II. c. 37. § 91. (in der 
Provinz). Die 9. Stunde findet sich bei dem Processe des Ver- 
res, s. Act. I. c. 10. § 31 in. Daher iudicium trium horärum (in- 
dem der Ta^ 12 Stunden hatte) in Verr. I. c. 60. § 156. Ob hier- 
nach die bekannte Stelle Martial. IV. 8. nur auf iudicia privata zu 
beziehen ist (für die auch in unserer Per. die 3. Stunde schon An- 
fang ^ein konnte, Varro L. L. V. 9.), oder ob anzunehmen, dass in 
der spätem Zeit auch in dieser Beziehung hinsichtlich der iudicja 
publica eine Veränderung eintrat, wollen wir dahingestellt sein 
lassen. 

2. Capitel. Verfahren vor den gewöhnlichen Gerichten 
(S. 265 — 386.). Die nun folgende Darstellung beschrankt sich 
auf die qaaestt. perpp., theils wegen der Dürftigkeit der Quellen 
in Hinsicht auf die andern Gerichte, theils wegen der Aehnllchkeit 
einiger Gerichte mit ihnen, theils endlich wegen des unveränder- 
ten Fortbestehens der übrigen, so dass über sie für diese Per. 
nichts Besonderes zu bemerken ist — Der Processgang aber in 
den quaestt. perpp. war dieser. 

Der Ankläger brachte zuerst bei dem betreffenden Prätor 
(oder iudex quaestionisl ■■ — es findet sich kein Beispiel dafür, 

' Bondern diese Annahme beruht lediglich auf der Ansicht des Vf.'s 
über das Wesen des lud. quaest.) die Bitte um Erlaubniss zur An- 
klage an (postulatio). Die zur Anklage Unberechtigten (s. oben) 
hatte hierbei der Prätor zurückzuweisen. Brachten Mehrere eine 



Geib: Geschichte des röm. Criiniiialprocesses. 



279 



postDiatio vor, so' wurde, da stete nur Ein eigenilicher Anklii- 
ger sein dürfte, zur divinatio geschritten, d. h. es wurde ein 
förmliches Gericht constituirt, vor dem die Rivalen in Reden ihre 
persönlichen Gründe zur Anklage und daför, weshalb sie sich für am 
besten zu ihr quaiiliGirt hielten, zu entwickeln hatten; worauf das 
Gonsilium Beschluss fasste , welcher von ' Beiden oder Mehreren 
zuzulassen sei. Bei dieser divinatio wurden, was wir hinzufügen, 
die Richter aus denselben, aus denen die färdas eigentliche Judi-* 
cium genommen wurden, vom Prätor durchs Loos gewählt; 
Pseudo-Ascon. S. 160. Z. 5 f. , So wenigstens bei Verrea' Pro- 
cesse ; daher in Verr. I. c. 6. § 15. quo in numero e vobis complu* 
res f uerunt {z, B. Marcellus , Divin. c. 4. § 13. vgl. mit in Verr. 
III. c: 91. § 212.). Die reiectio und subsortitio musste natürlich 
wegfallen , da weder accusator noch reus bereits vorhanden war. 
Dass übrigens in der divinatio die Richter iniurati waren\ können 
wir dem Pseudo - Aseon. S. 99. Z. 3. ohne Bedenken glauben. 
"Wir möchten hier noch die Frage aufwerfen, ob auch Andere als 
die, welche die Anklage für sich verlangten, in der divinatio spre- 
chen durften. Dass indess Hortensius, der patronus des Verres 
im Processe, gegen Cicero für Cäciliiis in der divinatio gespro- 
chen, scheint uns kaum denkbar; vielmehr dürfte die Stelle der 
Divin. G. 7. wohl nur auf Privatäusserungen und Bitten hindeuten. 
Auf die divinatio oder, falls keine stattgefunden, auf die 
postulatio folgte die (nomlnis) delatio. Dass vor dieser eine ge- 
wisse Zwischenzeit erforderlich gewesen sei, wie der Verf. an- 
giebt, ist Ref. durchaus unbekannt; der einzelne Fall bei Cic. 
ad Div. Vll{. ep. 6. kann nichts beweisen. Bei der nominis delatio 
nun durfte der Prätor nicht „nomcn reoipere^^ oder „accipere^% 
wenn der Angeklagte in magistratu, oder wenn er reipublicae causa 
abwesend war (die letztere Bestimmung der lex Memmia v. J 614 
zufolge). Andre Abwesende mussten per edictum citirt werden^ 
und erst weun sie dann nicht erschienen, konnte gegen sie als ge- 
gen böswillig Aussenbleibende verfahren werden. — Nach der 
Hominis delatio, bei welcher der Prätor zugleich den Tag für den 
Beginn des eigentlichen Judicium festsetzte, folgte (stets??) die 
interrogatio. Hier widerlegt der Verf. schlagend in einer genauen 
Untersuchung (S. 273 — 281.) die Behauptung, dass, falls bei ihr 
der Angeklagte geständig War, sofort der Prätor allein ohne wei^ 
tere Verhandlungen und ohne Zuziehung der iudices die gesetz- 
liche Strafe auszusprechen i^nd zu vollziehen befugt gewesen sei; 
und es ist in der That (müssen wir mit dem Verf. sagen) merk- 
würdig, wie diese Ansicht jemals hat aufgestellt werden mögen. 
Fragt man nun aber, was denh somit eigentlich der Zweck der 
interrogatio war, so muss Ref. entgegnen, dass er diese Frage 
für sehr unnöthig hält. Wir haben die Analogie im heutigen 
französischen Verfahren, wo der Angeklagte auch (bei Beginn der 
öffentlichen Verhandlungen) gefragt wird, ob er sich schuldig be- 



280 



Römische Alterthamskunde. 



keoDeo wolle oder nicht. Es hat aber allerdings die interrogatio 
den Nutzen, dass sowohl der accusator als der patronus bei dem 
Geständniss des reas einen andern Weg einschlagen l^önnen, in- 
dem dann jener nicht mehr die Verübung des fragliehen Verbre- 
chens darzuthun\ Sondern yielmehr die Thal selbst als strafbar 
nnd gegen das Gesetz verstossend nachzuweisen, dieser nicht Be- 
weise für die That zu entkräften, sondern die That zu entschul- 
digen oder nach Befinden auch als lobenswerth darzustellen hat.' 
bt dies aber der Vertheidiger des Thatbestandes wegen nicht ver- 
mögend , so giebt natürlich das Gestandniss für die Richter einen 
bessern Anhaltepunkt als alle Demonstrationen des Anklägers. 
Denn an der Wahrheit eines Geständnisses zu zweifeln, fiel in 
Rom Niemandem ein, indem weder verkehrter Weise auf die Er- 
langung desselben hingearbeitet wurde, noch mit dessen Verwei- 
gerung irgend ein Nachtheil (als: schlimmere Haft, u. dgl. Anhäng- 
sei des Inquisitionsverfahrens) verbunden war. 

Im Folgenden scheint uns , wie wir schon früher andeuteten, 
der Verf. die Aufeinanderfolge der einzelnen Acte nicht richtig 
gegeben zu haben. Jedenfalls ging das nomen recipere der in- 
terrogatio voraus und folgte gleich auf die delatio; aiich ist es 
ganz naturgemäss und folgt aus mehreren hierher bezüglichen 
Stellen, dass. der Anklager bei der delato eine selbstgefertigte 
Anklageschrift mitbrachte, und dass die, welche seine Anklage 
unterstützen wollten, diese mit ihm zugleich unterschrieben hatten 
(subscriptores). Dass der Prätor noch ausserdem ein Protokoll 
über die Anklage aufnahm und es öffentlich aushing, lässt sich 
nicht bestreiten. — Noch bemerken wir, dass sowohl die postu- 
latio als die delatio, ebenso wie das Judicium selbst, vor dem Tri- 
bunal des Präton^ vor sich zu gehen hatte. Auch fügen wir nach- 
träglich hinzu, dass in der divinatio zugleich mit darüber entschie- 
den wurde, ob der oder die, welchen die Anklage versagt worden 
war, als subscriptores zuzulassen s^ien ; Cic. DJvin. c. 16. ab in. 
Gell. IL 4. Gewöhnlich machten auch die als Ankläger Zurückge- 
wiesenen Anspruch darauf, wenigstens zur subscriptio zu gelangen ; 
allein , so lange es noch nicht entschieden war , wer die Anklage 
erhalten würde, vom Prätor auf jeden Fall (es möge die delatio 
zu Theil werden, wem sie wolle) die Erlaubniss zur subscriptio 
zu verlangen, galt als nicht ehrenvoll; Cic. Divin. c. 15. § 49. — 
Ausserdem soll dem Angeklagten das Recht zugestanden haben, 
dem accusator einen custos beizugeben , der ihn bei Herbeischaf- 
fung der Beweismittel etc. controliren könne. Mit Recht weist 
der Verf. diese Behauptung zurück. Denn dass Cic. Divin. c. 16. 
die Worte custodem Tuilio me apponite nichts bedeuten , als sub- 
scriptionem Tullii custodiendi caassa mihi date, ist aus dem Zusam- 
menhange der Stelle klar. Die Erzählung bei Plutarch Cat. Min. 
c. 21. aber, die somit ganz vereinzelt dasteht, beruht sieher nur 



4 



Gelb: GeA^hicltte des röm. Criminalprocesses. 281 

jiuf missverstandnen Stellen römischer Schriftoteiter, ähnlich der 
eben erwähnten. 

Ein eiDgeieiteter Process konnte wieder aufgehoben werden 
durch freiwilliges Exil des reus, hinsichtlich dessen dieselben 
Bestimmungen fortdauerten, über welche in der !• Per. ausführ- 
licher gehandelt wurde, und durch Zurücktreten des Anklägers 
von der Anklage '^)« Im let«term Falle nämlich wurde sofort der 
Name des Angeklagten^ aus der Liste der rei gestrichen und somit 
die Anklage selbst annullirt« Um aber sowohl Unschuldige gegen * 
nichtige Anklagen zu schützen, als auch das Wiederaufgeben der An- 
klage gegen einen Schuldigen zu hindern , beenden gesetzliche 
Bestimmungen hinsichtlich der Calumnie^ Praevarication und l^er^ 
giversation. Auf Calumnie (Anklage Jemandes , von dessen Un- 
schuld man als Ankläger selbst überzeugt ist) bezog sich die lex 
Remmia. Dass die in ihr festgesetzte Strafe darin bestand , dasa , 
dem calumniator ein Buchstabe (K) auf die Stirn gebrannt (oder 
geätzt?) wurde, ist gewiss. Der Verf. konnte dafür aus Cicero'a 
Rede pro Rose. Amer. noch anführen c. 31. § 87. solus tu inven^ 
tus es , qui cum accusatoribus sederes atqne os tuum non modo 
ostenderes, sed etiam offerres; und c. 34. § 95. cum tibi aiiqua ex 
parte cupio parcere, rursus immuto voluntatem meam; venit enim 
mihi in meutem oris tui. Vgl. ausserdem Plin. Panegyr. c. 35. 
neque, ut antea , exsanguem iiiam et ferream frontem-nequidquam 
convulnerandam praebeant punetis et notas suas rideant. Diese 
Stellen „im metaphorischen Sinne zu nehmen^S scheint Ref. auch 
^ nicht einmal möglich zu sein. Die Zeit sowohl der Entstehung als 
des Untergangs dieser lex Remmia ist ungewiss. Ueber jene dürfte 
jeder in*s Einzelne gehende Streit vergeblich sein; nur so viel ist^ 
klar, dass sie vor Cicero fallen muss. Dass sie übrigens nicht 
schon vor Beginn der quaestt. perpp. wieder untergegangen ist 
(wie Brencmann behauptet) , sondern noch zu Gtcero's best» nd, 
ergiebt sich aus den angeführten Stellen unmittelbar. In Betreff 
des Näheren erklärt sich der Verf. dahin ^ dass sie nie förmlich 
aufgehoben worden, sondern seitdem einige Kaiser, namentlich 
schon Tiberius , die Delatoren und Calumniatoren recht eigentlich 
zu begünstigen angefangen hätten , in Vergessenheit gerathen sei 
und Ihre praktische Bedeutung verloren habe. Dies ist nicht un- 
wahrscheinlich, aber freilich auch blosse Hypothese« ,3bgesehen 
jedoch von der Strafe der lex Remmia", fahrt der Ver^. fort, 
„suchte man auch auf andre Weise den Angeklagten sicher zu 
stellen , und zwar insbesondere durch das iuramentum calumniae, 
welches jeder Ankläger — dahin ausschwören musste, dass er In 
gutem Glauben und ohne irgend eine Nebenabsicht handie.^^ 

^) Intercessioa der Tribunen aber cur Befreiung der rei von ihren 
Anklagen ,wer bei den qaaestt, perpp., wenn aach nickt gesetzlich unter- 
»agt, doch etwas Unerhörtes. 



282 Römische Alterthamsk^nnde. 

Darzulegen, dass jeder Ankläger den Eid leisten mnsste, möchte 
dem Verf. schwer werden. Das Fragment der lex Servilia itann nichts 
beweisen, da sich dieses erstlich nur auf die quaest. repet. bezieht, 
dann aber auch erst tou der Interpuiiction und Restitution , die 
man ihm zu Theil werden iässt , seinen Sinn erhält. Der Verf. 

V «(teheint nämlich zu interpungiren "^ * * ad iudicem , in eum ännum 
qui eiuH. L. factus erit, in ins educito nomenque deferto, si de- 
iuraverit calumniae caussa non po(stulare). Wie aber, wenn man 
trennt: nomenque deferto. Si deiuraverit, calumniae caussa non 
poatulare, und nun erst noch einen Nachsatz zu Si etc. folgen 
Iässt? Dies aber empfiehlt sich durch die andre Steile Cic. ad Div. 
VIll. ep«8. §2. näm de divinatione Appius, quum caiumniatn iuras-, 
set (sc. Pilius), contendere ausus non est. Dieser Stelle zufolge. 
ist das caiumniam iurare offenbar nicht nothwendige Regel. Dass 
aber der Ankläger gar oft, um sich im Voraus zu rechtfertigen 
und seiner Anlilage mehr Gewicht zu geben , den Eid der calu- 
mnia ablegte, scheint uns natürlich. * Vielleicht konnte auch der 

' Prätor einem verdächtigen Ankläger denselben autragen. — Prä-- 
varication (Scheinanklage mit dem Zwecke der Freisprechung 
des — schuldig — Angeklagten) und Tergivei'sation (grundloses^ 
ans Gunst, vielleicht auf Gjrund von Bestechung, erfolgtes Aufge- 
beu der Anklage) waren mit Infamie belegt. Uebrigens musste 
über alle diese 3 Arten von Vergehen in jedem einzelnen Falle ^in 
besonderes Gericht gehalten und ein förmliches gerichtliches Ur- 
theil gefällt werden. 

Bei dem nun folgenden Punkte , den äussern Mitteln, durch 
die der reus Betrübniss über die Anklage zu zeigen und das Mitleid 
für sich in Anspruch zu nehmen suchte , hätte der Verf. wenige 
stens etwas ausführlicher sein können^ Es liegt ein reiches Material 
vor, aus dem sich, kurz angedeutet, hauptsächlich Fnlgendes erge- 
ben dürfte. Senatoren, Magistrate, überhaupt wer Insigiiien 
hatte, pflegte diese abzulegen; Dio Cass. XXXVUI. 14. XL. 40. 
Liv. IX. 7. Cic« pro Süll. c. 31. § 88. post red. in sen. c. 5. § 
12. pro Plane, c. 41. § 98. Suet. Aug. c. 100. Statt der toga 
Candida legte man eine pulia, sordid^ an. Dies heisst vestem 
mutare, Gell. III. 4. Liv. II. 61. Daher wird als gleichbedeutend ge- 
braucht vestem mutare und in ^qualore, in sordibus oder sordida- 
tum esse, Liv. IV. 42. VI. 20. Cic. p. red. in sen. c. 5. § 12. 
Einmal findet sich auch der Ausdruck atratum esse, Macrob. II. IL 
Plebejer hatten natürlich keine Insignien abzulegen; wenn daher 
in Bezog auf sie mutatio vestis erwähnt wird (Liv. VI. 16. ai:), so 

' kann dies nur von der vestis sordida statt der Candida zu verstehen 
sein. Gleiches, nniss auch bei den sociis der Fall sein , Cic. in 
Verr. V. § 128. Ebenso wie der reus kleideten sich auch seine 
Angehörigen und Freunde. Im Allgemeinen wird ein so Gekleide- 
ter als obsoletius vestitus bezeichnet bei Cic. in Verr. L c. 58« 
§ 152. Dass die Kinder der rei, wenn sie noch die praetexta 



Geib : Geschichte des rom. Criminalproeesses. 283 

trugen, diese nicht ablegten (Cic. in Verr. L c. 58« pro Sext. 
c. 69. § 144.), sondern vielleicht nur eine schlechtere anlegten, 
ist i^atnrllch. Denn sie n»ussten als praetextati, das heisst als 
Kinder , mehr Mitleid in Anspruch nehmen , als wenn sie — deo 
Jahren vorgreifend — in der Tracht der Minner erschienen waren» 
Vielleicht möchte Letzteres überhaupt kaum zulässig gewesen 
sein. Das weitere Detail hinsichtlich des hier hurz Dargestellten 
ergiebt sich leicht aus genauerer Betrachtung der angeführtco 
Stellen. Doch müssen wir bemerken , dass nicht alle diese Stei- 
len von reis handeln, sondern auch von Andern, welche durch 
Privat - oder öffentliche Ereignisse Veranlassung hatten , Trauer 
an den Tag zu legen. Die Art und Weise aber, dies zu thun, war 
bei allen Ursachen dieselbe. 

^ Nachdem der Verf. durch diese Art, auf das Gefühl der 
Richter einzuwirken, zu treffenden Hemerkungen darüber ver- 
anlasst worden , wie überhaupt im römischen Criminalprocess die 
Richter nicht blos als Anwender des Gesetzes nach seinem Buch- 
staben, sondern gleichsam auch als Beherrscher desselben und 
mehr als Beurtheiler der Person* denn als blosse Richter über die 
'fragliche That erschienen*), so dass es erklärlich ist, wie so viel 
darauf gegeben werden konnte, entweder ihr Mitleid oder ihren 
Hass zu erwecken : so folgt nunmehr die Schilderung des eigent- 
lichen Hauptverfahrens, der Verhandlungen vor den Judiceä* 
Denn alles Frühere war eigentlich nur Vorverfahren und Einlei- 
tung des förmlichen Processes. Hier müssen wir aber dem Verf. 
bemerklich machen, dass auch ein grosser Theii des von ihm zum 
Hauptverfahren Gerechneten nicht zu diesem , sondern zum Vor- 
verfahren gehört, — nämlich die sortitio, reiectio und subsortitio 
der Richter. Der Verf. freilich sagt (S. 316 f.) : ,,War auch diese 
Formalität (die Beeidigung der Richter , weiche der Verf. unmit- 
telbar auf die sortitio etc. folgen lässl) erfüllt, so konnte jetzt 
ohne weiteres zu den eigentlichen Verhandlungen selbst überge- 
gangen werden. Allein freilich scheint dieses nicht überall ge- 
schehen zu sein, sondern insbesondere dann, wenn durch häufig 
(?) ausgeübte Rejection und dadurch nothwendig gewordene Sub- 
sortition bereits der grösste Theil des Tages verstrichen war, eine 
Ausi^etzung des Verfahrens und Anberaumung eines neuen Ter- 
mins stattgefunden zu haben^*" und bemerkt in der Note dazu: 
„So geschah es wenigstens in dem Prpcesse gegen Verres, Cic. 
Act. 1. c. 6.^^ Allein für's Erste scheint uns schon die angeführte 
Stelle ihrem ganzen Anstriche nach nicht von etwas Ungewöhnli- 
chem, sondern von stets Stattfindendem zu sprechen. Wer dies 
aber auch nicht zugeben wollte, muss doch aus Cic. ad Att. IV. 

— r 'L "^ 

*) Hier konnte auch Cic. pro Ciaent. c. 33. 34. citirt werden, iia- 
inenilich die Worte : ille idcirco bis legibus condemnatus est, qaod con* 
tra aii^m legem comniiserat 



N 



284 Römische AlterthamskuAde. 

ep« 16. § 3. (Drusus reus est factus a Lucretio, iudicibus reücieti' 
dis a.'d. V. Non. Quint) ersehen^ dass für die reiectio etc. ein be- 
sonderer Termin festgesetzt wurde, sie^soipit nicht als Anfang des 
eigentlichen Judiciums betrachtet werden kann. Spnach iüt auch die 
citatiQ, welche der Verf. der sortitio etc. vorausgehen lässt, erst 
nach ihr und zwar erst beim Beginn des Judiciums zu erwähnen. 
Daher Cic. in Verr. I. c. 7. quo die primum iudices citati in hunc 

reura consedistis ; id sum assecutus , ut una hora , qua 

Goepi dicere etc., woraus man deutlich sieht, dass die citatio erst 
bei dem eigentlichen Judicium, vor Beginn der Anklagerede statt- 
fand. Zu was sollten auch die Richter bei der sortitio zugegen 
sein müssend Der Prätor hatte das Verzeichuiss der Richter; 
aus diesem looste er. Wir glauben, der Verf. werde mit den we- 
nigen von uns beigebrachten Stellen zufrieden sein. Wo eine 
Sache so sehr selbst für sich spricht, als es hier der Fall ist, sind 
lange Reihen von Beweisstellen entbehrlich. Doch verweisen wir 
auch noch auf Cic. pro Süll, c* 33, Nach diesen Bemerkungen 
wird nun Ref. die vom Verf. angenommenie Ordnung verlassea 
und die einzelnen Handlungen jn ihrer natürlichen Reihenfolge 
durchgehn. 

Die Richter konnten bestellt werden entweder durch aortiiio 
oder edüio. Bei jener looste der Richter aus den in eine Urne 
gelegten Namen^sämmtlicher Richter seiner quaestio die zum Judi- 
cium erforderliche Anzahl , weiche je nach der quaestio und dem 
zur Zeit für sie geltenden Gesetze sehr verschieden sein Jconnte. 
Waren die Parteien mit den Personen zufrieden, so war das Con- 
silinm der Richter constituirt; wo nicht, so konnte jede Partei 
ohne Beifügung von Gtünden eine gewisse, meist sehr bedeutende 
Anzahl verwerfen. Die Bestimmungen aller einzelnen Leges über 
die Zahl der zu Verwerfenden können wir Jiier nicht aufzählen; — 
die freieste Bestimmung war die der lex Vatinia de liltemis con- 
siliis reiiciendis., Cic. in Vatin. c. 11. § 27. vgl. pro Plane, c. 13. 
§ 30. (wegen des Ausdrucks vgl. in Vjerr. II. c» 13. § 32.), — die 
beschränkendste die delr lex Cornelia, der gemäss Nicht-Senatoren 
nur drei Richter sollten rejiciren dürfen. — An die Stelle der 
verworfenen Richter wurden andere geloost (subsortitio). Dass 
aber aus diesen wieder verworfen werden konnte und so fort , so 
lange noch die Gesammtzahl der Richter zureichte, scheint dem 
Verf. das Wahrscheinlichste, uns völlig unwahrscheinlich und un- 
denkbar. Auch findet sich nirgends auch nur die leiseste Andeu- 
tung davon. — Die im Folgenden (S. ^10 ff.) besprochenen Ver- 
änderungen , welche Pompejus bei dem Processe gegen Milo vor- 
nahm, übergeht Ref«, da sie sich nach seiner Ueberzeugung blos 
auf jenen Process bezogen, nicht aber auch auf die übrigen 
Quästionen erstreckten. Dio Cassius (XL. 52.) wiegt uns hier zu 
wenig. Sein Irrthum lässt sich leicht erklären, wenn man bedenkt, 
dasfli die in demselben Jahre gegebene lex Pompeia de ambitu ahn- 



Geib: Gesehichte de« rSm. CriiiiiaaIpro«ewe<> 



285 



liehe Bestimmungen wie die lex Pompeia de v\ enthielt, nnd dass 
nicht kn^e zuvor die lex Pompeia iudiciaria fäiit, diese aher aich 
auf alle Qiiästionen erstreckte. 

Die andre Art, die Richter zu bestellen, war die editio. 
Doch- findet sich diese nachweisbar nur in zwei Gesetzen vorge- 
sehrieben, in der lex Serrilia repetundarnm und der lex Liciniade 
sodalitiis. Zufolge jener, auf welche der Verf. Cic. pro Plane« 
e. 17. z. A. bezieht , edirte zuerst jede der beiden Parteien 100 
Richter, dann aber verwarf jede aus den 100 der Gegenpartei 50, 
so dass im Ganzen 100 übrig blieben. Dei der qu. de sodai. hin- 
gegen bestimmte der Anklager 4 Tribus, aus denen die Richter 
genommen werden sollten , und von diesen 4 verwarf der reua 
Eine. Aus den übrigbleibenden 3 Tribus edirte sodann der An- 
kläger selbst die einzelnen Richter. Ueber Näheresf, sowie über 
andre hier einschlagende Vorschriften zu sprechen, können wir 
unterlassen und verweisen auf Wunder in- seiner Ausgabe der 
Pianciana, zu dessen gründlichen Untersuchungen sich nicht 
leicht etwas möchte hinzufügen lassen. 

Die gesammten gleichviel ob erloosten oder edirten Richter 
trug der Prätor in ein Verzeichniss ein, das vielleicht öifentUch 
ausgestellt wurde. Jedenfalls aber wurden auch die Einzelnen 
noch besonders zum Judicium bestellt. Am Tage des Judicium 
selbst aber — uhd hiermit erst beginnt der eigentliche Process 
— zu der fiir den Anfang bestimmten Stunde wurden die einzelnen 
Richter, sowie der Angeklagte und der Anklager citirt d. h. es 
wurde ihr Name vom praeco (dreimal 1 ich glaube , man kann dies 
dahin gestellt sein lassen) mit lauter Stimme aufgerufen. War 
ein Richter ohne genügende Entschuldigung aussengeblieben, so 
konnte der Prätor ihn mit einer Geldbusse belegen oder auch so- 
gleich herbeiholen lassen. Hier war.anzuführenCic. pro Mur. c. 20. 
§ 42.*) Doch war es nicht nothweiidig, dass alle Richter erschie- 
nen; allein (was der Verf. nicht erwähnt) ein festgesetztes Minimum 
musste wenigstens zur Abhaltung des Judiciums vorhanden sein ; vgl. 
Cic. ad Qu. fr. fl. ep. 13. Wir legen hier zugleich gelegentlich dem 
Verf. dieFrage vor, ob sich vielleicht ans Cic. pro Cioent c. 27. § 74. 
schliessen lässt, dass bei der Stimmenabgabe am Schlüsse des Pro- 
cesses der AnkKger oder der Vei^theidiger mif Recht verlangen 
konnte , d«8s ein abwesender Richter herbeigeholt werde. — 
Antwortete d«r Ankläger auf die Citation nicht , so wurde der 
Name des AngdAag>len aus «der Uste 4er rei gefiftrichen (dadurdh 
aher freiHdh keine Sicheratdl^Bg «ror nodmah'ger Einkitoiig ei- 
nes Processes wegen desselben Verbrechens gegeben). Wir 
müssen noch hemeiicen, dass -es ganz gleich galt, ob der Ankläger 
zugegen war oder nicht. Die 'Iftiuptsache war, ^ass er nicht anl- 

*) Dass es aber nicht immer seiir genaa g«»oinmen warde, zeigt 
Cic; ad Att. IT. ep. 2. § 4. 



286 Römische Alterthumskund«. 

wortete. S. Clc. in Verr. IL c. 40. § 98. z. E. — War eadlidi 
der reu8 nicht erschienen und antwortete nicht auf die citatio, ao 
trat , falls er in's Exil gegangen , ohne Zweifel das schon für die 
1. Per. geschilderte Verfahren ein; war er^ aber aus irgend einem 
Grunde, jedoch ohne genügende Entschuldigung (als Krankheit, 
ein Todesfall {n der Familie, Abwesenheit in Angelegenheiten des 
Staats etc.) weggeblieben , so ward eine bestimmte Zeit lang ge- 
wartet und dann (nicht , wie der Verf. sagt , auf die gesetzliche 
Strafe des fraglichen Verbrechens erkannt , sondern) sei es nach 
vorhergegangenen Verhandlungen oder nicht^), vom consilium der 
Richter über den Fall abgestimmt. — Waren die Citationen be- 
endigt, so folgte zunächst die Beeidigung der sämmtlichen Richter 
und des iud. quaest *'*'). Dann kam die Anklagerede, nach dieser 
die Vertheidigungsrede, und den Beschluss machten die Zeugen- 
Terhandlungen. Wo in den Reden Cicero's (pro Fontelo , pro 
Flacc, pro Scaur.) Zeugen als schon vernommen erwähnt werden, 
handelt es sich um Fälle der comperendinatio (von der unten aus- 
führlicher gehandelt werden wird), und die Reden sind in der 
actio secunda gehalten, so dass also auf die in der aictio prima zum' 
Schluss abgehörten. Zeugen Bezug genommen werden konnte. — 
Was die Reden selbst betrifft, so pflegte in dieser Per. der rens 
seine Vertheidlgung nicht in eigner Person zu führen , sondern 
nahm anfänglich Einen, später bis 4, nach den Bürgerkriegen bis 
12 patrouos an, bis durch eine lex lulia die Zahl wieder be- 
schränkt wurde. Bezahlen durften sich aber die patroni vom reus 
nicht lassen ; ja sie durften nicht einmal Geschenke oder Darlehen 
während der Daner des Processes von ihm annehmen oder sich 
versprechen lassen. So schrieb die lex Cincia v. J. 550 vor. Da 
* diese aber als lex imperfecta häufig übertreten wurde, bestimmte 
Augustus für jeden Contraventionsfali die Strafe des vierfachen 
Ersatzes. — 

Der accusator war stets nur Einer; doch konnten ihm bis 3 
^ubscriptores beitreten. Ohne irgend einen subscriptar aufzutre- 
ten, war auffallend. Natürlich! da man dann schliessen konnte^ 
es habe sich Niemand gefunden, der die.AnkUge für begründet 
ansehe. 

Für die Reden sowohl der accusatores als der patroni {aus- 
«ehliesslich der etwa in sie fallenden Verlesungen schriftlicher Ur- 
kunden) war ein Maximum von Zeitdauer bestimmt, jedenfalls 
l>ei den verschiedenen Quästionen ein verschiedenes. Pompejus 
beschränkte es bei dem Processe gegen Milo für den Ankläger 

*) Eine (wenn auch kurze) Anklage masste sicher stattfinden; s. 
€ic. in Verr. II. c. 38. $ 92. z. E. § 93. z. A, 

*'^) Dass das hierauf S. 317. Bemerkte am unrechten Orte steht, 
wird nach dem von ans oben in Betreff der Aufeinanderfolge der einzelnen 
Acte Gesagten klar sein. 



I • 



Geib : Geschichte dös rom. Cninfnalprocesses. 287 

ttif 2 , für deD Yertheidiger auf 3 Stunden. Da« Ende der Re- 
den zeigte dn praeco duvch den Ausruf : dixere! an, und nun 
kam es zu der sog« altercatio oder eigentlichen actio, d. h. die 
Parteien gingen auf ihre beiderseitig vorgebrachten Argumente «etc. 
nicht in zusamroenhängender Rede^ sondern einander unterbre- 
chend, berichtigend, Einw&rfe vorbringend näher ein. Hierauf 
erst folgte die Zeugenabhörung. 

Der Verf. benutzt diese Gelegenheit, Tom Beweisverfahren 
überhaupt zu sprechen. Hierher gehört 1) das Geständniss. Das« 
durch dieses jeder andre Beweis überflüssig wurde und eine so- 
fortige Verurtheilung eintreten sollte, ist nicht wahr; daas aber 
der Ankläger auf das Geständniss des reus sich Torzugsweise be^ 
rief, um die Richter zu tiberzeugen , ist natürlich. Die Richter 
konnten, wie auch der Verf. bemerkt, trotz Geständniss, Zeugen-' 
aussagen etc. freisprechen. Freilich aber konnte der Vertheidiger 
bei Torliegendem Geständniss des reus nicht den Thatbestand 
widerlegen, sondern musste die That selbst zu entschuldigen 
suchen. Denn dn der Richtigkeit eines Geständnisses zu zweifeln 
fiel , wie schon früher bemerkt wurde , in dieser Zeit Niepiandem 
ein. Zur Erlangung dieses Geständnisses nun durfte gegen Freie 
nie ein Zwangsmittel angewendet werden. Gegen Skiaren aber 
wurde die Folter gebraucht. Im Uebrigen gilt hier dasselbe wie 
in der 1. Per. . ^ 

2) Der Beweis durch (stets mehrere) Zeugen, Freie zeugten, 
nachdem sie den Eid geleistet (vgl. noch Cic. pro Flacc. c 36. 
§90.), sowohl nichts I7i3traÄr&i auszusagen , als auch keinen 
Theil der Wahrheit zu verschweigen, aber stets nur mit dem Aus- 
druck arbitror, nicht mit der Bezeichnung des Wissens. Die 
Rucksichten, unter denen ein Zeuge als nicht glaubwürdig er- 
schien, übergehen wir hier, da, wie der Verf. selbst sehr richtig 
bemerkt , dieselben keine feststehenden Nortnen bildeten, welche 
in jedem einzelnen Falle hefolgt werden mussten, sondern nichts 
als Anhaltepunkte für das richterliche Ermessen waren. (Note 
269. war noch vorzüglich zu citiren Cic. ppo Rose. Amer. c. 36« 
§ 104. pro. Flacc. c. 10. u. c. 18. ine). Gänzlich ausgeschlossen 
aber als Zeugen waren dieselben, die schon für die 1. Per. genannt 
wurden (ausser den Frauen, welche es in dieser Periode nicht 
mehr waren). Die Vertheidiger des Angeklagten mochten wir in- 
dess nicht mit dem Verf. hierher ziehen ^ sondern unter die reeb- 
nen, weldie nicht zum Zeugnisse genöthigt werden konnten. Auch 
einen vom Gesetze nicht Ausgeschlossenen wider seinen Willen 
cum Zeugniss und zum Erscheinen vor dem Colleg;ium der Richter 
zu nöthigen (testimonium denuntiare) hatte blos der Ankläger, 
nicht aber der Angeklagte das Recht, der Ankläger aber auch im 
voOsten Umfange , in Rom, wie in Italien und in allen Provinzen. 
Verhört jedoch wurden die Zeugen von beiden , d. h. jeder ein- 
lelne Zeuge von deijenigen Partei, 4ie ihn producirt hatte. Doch 



288 Romische Alterthumskunde. 

konnte darauf auch die andre Partei in Betreff der schon getba- 
nen Aussagen nähere Befragung anstellen, um etwaige Ungenauig- 
keiten oder Widersprüche zum Vorschein zu bringen. Uebrigens 
war die Zahl der persönlich vor Gericht Zeugenden für die cin> 
zelnen Quästlonen durch Gesetze begrenzt (Val. Max. YIII. 1, 
10.). — Ausser diesen mündlichen Zeugnissen hemmen aber 
auch schriftliche vor, "eon Solchen , die persönlich zu erscheinen 
behindert waren oder dazu (wie die Zeugen jür den Ausgeklag- 
ten) nicht gezwungen werden konnten. Diese schriftlichen Zeug- 
nisse wurden dann ^n den auf sie Bezug nehmenden Stellen der 
Reden Torgelesei^'^). Unter sie gehören auch die von Corpo- 
rationcin ausgehenden schriftlichen Zeugnisse gegen den reus, 
welche Ton Gesandten, zu denen die sie schickende Corporation 
natürlich meist angesehene Männer wählte, iiberbracht wurden.' 
^,Es leidet keinen Zweifei^% sagt der Verf., „dass diesen Ge- 
sandten gleich allen andern Zeugen, selbst von der Gegenpartei, 
bestimmte Fragen vorgelegt werden durften^^ (S.345.), aber, mns» 
8en wir hinzufügen , nicht als Gesandten , so dass dann ihre Aus- 
sagen gleiche Kraft mit dem ihnen iibergebenen schriftlichen 
Zeugnisse gehabt hätten, sondern nur als Einzel- und Privatzeu- 
gen, und dies naturlich vermöge des Rechts des Anklagers zur 
testimonii denuntiatio. Gleiches gilt von den laudationes über^ 
bringenden Gesandten. Noch sind nämlich als schriftliche Be- 
welsdocumente die Laudationeo zu erwähnen , sowohl von ganzen 
Corporationen ausgehende , die schriftlich durch Gesandte über^ 
bracht wurden , als von Privatpersonen ausgehende , welche wie 
die eigentlichen Zeugnisse sowohl schriftlich als mündlieh abge- 
legt werden konnten. Ihrem Inhalte nach konnten sie sich nie auf 
ein einzelnes Factum beziehen, sondern waren auf die Eknpfeblung 
des reus im Allgemeinen und auf Schilderung seines Lebens uni 
Charakters , als mit Welchem das fragliche Verbrechen nicht za 
vereinigen sei"^^), gerichtet. (In dieser Hinsicht aber hätte der 
Verf. die schriftlichen von Corporationen ausgehenden Zeugnisse 
gegen den reus nicl^t so unbedingt mit den Laudationen verglei- 
chen sf^en.) Die gewöhnliehe Zahl Aer Laudatoren war zu Ct- 
bero's Zeit zehn. Ob sie auch wie die Zeugen ihre Aussagen zu 
beschwören hatten, wollen wir dahingestellt sein lassen. So viel 
ist aber gewiss , dass die Stelle Cic. in Verr. II. 5. nimmermehr, 
w!e*d«r Verf. getfaan, hierfür geltend gemacht werden kann. Denn 

^) In der Erkläzung der Stelle Cic. pro Cluent. c. 60. (s. Nota 311.) 
stimmen wir mit dem Ver£ in der Hauptsache uberein, können aber nicht 
begreifen, waram in ihr eine grosse Schwierigkeit liegen soll. Man 
mnss nur mdit jeden einzelnen Umstand ^ der einmal erwähnt wird, anf 
feste Normen und bestimmten Gebrauch reduoiren wollen. 

^) So hatte aSmlich der Vardieidiger aitf .Grand der laudatio an 
fchliessen. ^ 



Geib; Geachiekte des rom. CridiiiiBlproeesflefl. 289 

* , 

ea ist jt dort nrit deutlicben Woitien gcitgt, dats die Oesandlen, 
wekhe die laudatio der Mamertttter/r/r Verrea iberbracht hatten) 
privatim gegen ihn zeugten. Also aia Zeugen gegen Verrea, 
niebt ab Laudatoren batten <8ie den Eid f eleiatet. 

So Viel TOR den Zeugnissen der Freien. Hinskbtiicb der 
Depositionen der Sklaven galten die Grundaitie der vorigen Pe-» 
riode fort ^.nämlich l)d«a8 sie nur auf der Folter abgelegt ntFiir« 
den, und 2) das» ein Sklave nicht gegen seinen Herrn gefoltert 
werden durfte (non licet ^.qnaerere de servd in dominimi^'). Hin* 
sichtlich des letiten Punktes machte ntan nur bei dem Verbrechen 
des (religiösen) Inceatea Ausnahmen, sowie überhaupt bei quaeatt« 
extraord., wenn die eine qu. extraord« anordnende lex Solche^ be«- 
atimrate, mithin bei den qüaestt. perpp. nicht '^)« Ueber die Pr6^ 
cesse gegen die Catiiinarier s. Cic. pro Soll. e. 28. § 78. Vgl. 
auch Schol. Gronov. S. 443. Z. 22 f. Was das Wesen der Folte- 
rung betrifft, .so können wir die treffende Bemerkung des Verf. 
nicht unerwähnt lasaen, daas man jetzt von dem friher» Zwecke^ 
durch die Folterung nur eine Bekriftignng der Aussagen za erhal- 
'ten, abging und die Folter schon iir der Absicht zu gebrauchen 
anfing, die Angabe des wirklichen Sacfaterhältnisses zu erzwingen 
und überhaupt gegen den Willen der Gefolterten die Wahrheil 
selbst erst zu erpressen. 

3) Der fieweis durch Urkunden; namentfieh durch die Rech** 
nnngsbi&cher (codicea accepti et expensi), die In dieaer Zeit von 
Jedermann geMirt wurden- und sowohl iibeir unerlaubte Einnahmen 
(wie bei dem crimen- repetundarum), -als über unerlaubte Ausga- 
ben (wie bei ambitus) Auskunft geben mussten , znmal wenn man 
aie mit denen der Personen verglich , von welchen die bet i^effen* 
den Posten empfangen oder an die sie ausgezahlt worden sein 
sollten. Dem Ankläger stand nämlich dia Recht zu, dergleichen! 
Reehnangsbneber an sich zu nehmen.. Sie nrassten danv im Bei- 
sein von Zeugen versiegelt und bei dem Präsidenten der betreffen- 
den quaeatio niedergelegt werden, und zwar, wenn sie (wie häufig 
bei dem crimen repet.) ana der Provinz waren, binnen 3 Tagen 
von der Zuruckkunf t des Anklägers nach Rom an ^). Diese co^ 
dices wurden nun anfbewahrt und wtiirend dea Judicium bei de« 
betreffenden Stellen der Reden die Belege aus Ihnen vorgeleaen. 
Dann gingen sie unter den Richtern von Hand zu Hand herum, da-» 
mit diese Ihre Echtlielt und Unversehrtheit aeibat prfifien konnten^. 



*) Wir glauben nieht VmeiAt zu haben , wena wir dem Verf» diene 
Passvng statt der tob ihm gewählten vorsoklagen. Die Yergleichang dbr 
von i^m citirten Stellen spricht fär qiib, * 

^) 8» scheint ivenigstens das tridao bei Cic^ pro iFbce. c. 9. an er-> 
klaren au sein , nickt aber (wie der Verf. will) "Mn 3 Tagen aach ^b«» 
kmf derjenigen Zeit, weiche gleich' anfiinf^s- aur FutanHig* dcF Untenncfamtg: 
nbethaüpt bewilligt worden war,^ 

iV. Jahrb. f, Phil. y. Päd, od. KrU, Bibl. pd.XXXVllU BfU 3. 19 



MO' Romische Alterihiimskand e. 

Was. die S^echmin^sbiicher 4er publicani io den Provinaen betrifft, 
80 durften diese nicht im Ori^naie mit nach Rom genommen wer-^ 
den, sondern man nahm von ihnen nur begiaobigte Abschriften^ 
die dann im Ferneren wie die Priyaturkunden behandelt worden. • 
4) Der //tdtctVnbeweis erhält vom Verf. seine 'Existenz auch 
int diese Zeit gesichert , denn wenn seine Zaiä'ssigiceit im röm. 
Processe namentlich von Abegg geleugnet worden ist^ ao sprechen 
dagegen, wie der Verf. bemerkt, nicht nur die ausführlichen Vor« 
Schriften , welche skh in den Rhet. ad Herenn., in Cicero*« Rhe- 
toricis und bei Qointilian (namentlich V. 10. und VII. 2.) für die 
Bewdsfühmng nach Indioien finden, sondern auch die Procesae 
gegen die Söhne des T. Gloeiius (s. Cic. pro Rose« Amc^r. c. 23.), 
gegen Se3L.Rosciiis, gegen Cluentins, Gaelius u A., in denen „der 
Ankläger immer nur auf die Indicien baute , der Vertheidiger aber 
Mos ' die Schwäche , nicht aber die Argumentation anzugreifba 
suchte.'^ Die einaelnen Beweisregeln, welche beim Indicienbe weise 
vorkommen, polten wir hier nicht mit dem Verf. näher beaeichnen, 
da sie *gana dieselben sind, die auch jetzt gelten, und in den oben- 
angeführten rhetorischen Schriften sich vollständig und systema- 
tisch entwickelt finden. Im Uebrigen TCrsteht es sich von selbst, 
dass auch der Indicienbeweis, wie alle andern Beweismittel, nur 
einen Anhaltepunkt für das richterliche Ermessen bildete , nicht 
eine objective Nothigung enthielt. 

Mit der Zeugenabhörung nach den Parteivorträgen und der alter* 
eatio waren die Verhandlungen geschlossen, und es kam nun zorUr* 
theilsföUung durch Abstimmung. Hierbei ist zu bemerken 1) daas 
sich- das Urtheil. nur auf das der betrefi^enden qnaestio zugehörige 
Verbrechen erstrecken konnte,80 dass, wenn auch noch so viele andre 
erwiesen, dieses aber nicht erwiesen war, Freisprechung erfolgen 
»Bsste. 2) Bei erfolgter Verurtheilung nrnsste die Strafe , und 
zwar die volle Straffe, die in der g^gen das fragliche Verbrechen 
gegebenen lex bestimmt war , in Anwendung kommen; Eine Be* 
riiduichtigong von Erschwerungs -• oder Milderun^sgrnnden war 
mach dem Urtheil der Judices schlechthin unzulässig, wenn sie 
auch auf die Fällung des Urtheils selbst Ton Seiten der Richte« 
Binflnss haben konnte. — Was die Art der Absiimmong betrifft, 
so geschah dieselbe seit 617 (lexCassia) nicht mehr mundlich, son- 
dern per tabeilas, indem jeder Richter (in den quaestt. perpp.) eia 
mit Wnchs überzogenes Täfelehen (cerata^tahella) erhielt, auf das 
er, wie bekannt, entweder A oder C oder NL schrieb. Dieses 
Täfelchen warf er in das hierzu bestimmte Gefäss, sitella, cista 
odier nma genannt. Auch die letztere Benennung war vom Verf. 
hinzuzufügen. Denn dass Cic, ad. Qu. fr. II. ep. 6. § 4. die umk 
senatorum nicht von der cista zu vemtehen sei, in weiche die 
Stimmtäfeleheik der Richter geworfen wurden , sondern dass nrna 
senatorum so viel sei, als senatores sorte lecti (also urna das 6e- 

, aus dem die Namen der zum Judicium zu loosenden Richter 






Gelb i Ge89hichte des rom. CrimioalptocteMe«. 



m 



l^daogeii Word«» wia*€D) und ebenso Qnia.eqoituiii, wie Wonder 
Verl?* Lei2t. p. 164. will, scheint Ref. (nnd es möge ihm sein ver- 
^rter ehefln)a]ig^r Lehrer diese abweichende Meinung vergebea) 
doch nicht recht wabrssheiniich. Was den Ausdruck sitelia für 
die eista , in weiche die SitmmtäfelGhen gelegt wurden , betrifft, 
so mössen wir wegen Wunder, ib. p. 160. bemerken, dass er durch 
fragm. leg. Serv. cap. 13« (vom Verf. nota 396. angeführt) gerecht- 
fertigt wird (IN. EAM. SITELLAM. MANVM. DEMITTITO,).— 
Seit der lex Aurella , welche drei Staude in die Gerichte berief, 
wurden drei Urnen aufgestellt, für jeden Stand eine eigene. 
Trotzdem aber ward. das endliche Resultat forthin nach der. 6e- 
sammtzahl der stimmenden Richter berechnet, so jedojch, dass im 
Fall der Stimmengleichheit die deni Angeklagten günstigere Ent- 
scheidung (A oder NL) den Vorzug erhielt. Nach der Abstim- 
mung wurde deren Resultat vom Prator mit den Worten; fecisse 
videtnr, oder uon fecisse videtur, oder (wenn di^ Mehrzahl mit 
NL gestimmt hatte) mit ampiius bekannt gemacht. Darauf 
wurde das Gericht förmlich entlassen, indem der Praco: ilicet 
ausjrief. 

Hatte die Mehrzahl mit NL gestinvnt, so Mmrde dann das ganze 
Verfahren nochmals wiederholt, d» h« aowohl ^nkläger^ als Ver^ 
theidiger hielten nochmals Reden , und wenn auch vielleicht die 
Zeugen nicht mehrinaU abgehört, sondern nur die über Ihre 
früheren Aussagen aufgenommenen Protojcolle abgelesen wurden, 
so musste es doch natürlich erwünscht sein, heue Zeugen zu 
hören. Im Uebrigen konnte diese amplßatia so oft wiederholt 
'werden, als mit ML entschieden wurde, d. h. so lange 9. bis die 
Richter zusubjectivc^r Gewissheit gelangten und sich entweder 
mit A oder mit.C zu stimmen ente^chieden ; s. Vai. Max. VIII. 1, 
11. cujus (L. Cottae) caiisa — : septiiea ampllata et ad ultimum 
octavo'iudicio absoluta e^t. 

Bei der quaestio repetundaruin fand ein anderes Verfahre^ 
statt — die comperendinaiio. Sie . wurde durch die lei Serrilia 
eing^uhrt, und bestand seitdem pihne Unterbrec&ung fort. Denn 
die lex Acilia setzt der Verf. , wie aus Cic. in Vjerr. I, c. 9. Jeder, 
der afir den Willen zu sehen hat, klar sehen muas^ mit Recht vor 
die lex Servilia. Durich diese comp^endinatio wurde die aropliatio 
aasgeschlossen (Cic. 1. 1.). Ihr Wesen aber bestand, darin, dasir 
der Process in eine actio f. und II. eetheüt wurde (nach welche« 
beiden erst die Abstimmung folgte), so dass die actio L ganz dem 
Verfahren bei andern Quästionen glich, in der, actio II. aber«» 
weldbe der ersten so folgte, dass Ein Tag (excl. der etwa einfal- 
lenden Festtage). dazwischen lag, nur die Parteireden wiederholt 
wurden , die sich nun natürlich haupisächlich auf die Prüfung der 
Zeugenaussagen, als welche bei den Reden in der actio L noch 
nicht vorlagen, sondern erst auf sie folgten, bezogen. Es waren 
daher die. Reden der zweiten 9ctio mehr joristischer Natiir, die 10 

19* 



* ' 



2Sfe Raiiiischo* AlterthtriiiÄkHiitie. 

\ler ersten Terbrelteleii sieh ftteüt Aber das AUg^emelnc. Wie GL 
cer'o be! dem Proceifs^ des Yerr6s hiervon abwich« ist bekannt 
«lud beteit» früher befflhYt worden. Es stand Hmi nb«r dies frei, 
denn feste Normen wanen nicht YOrgfeschr